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Orientierungssuche postmoderner Pädagogik

Zwischen Bangen und Hoffen

Fachbuch 2013 337 Seiten

Pädagogik - Der Lehrer / Pädagoge

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Negative und positive Weltsicht
1.1 Grausamkeit oder Menschenrechte
1.2 Krieg oder Frieden
1.3 Unmensch oder Mitmensch

2. Negative und positive Bilanz
2.1 Entfremdung oder Kreativität
2.2 Armut oder Wohlstand
2.3 Ausbeutung oder Lebensqualität

3. Negative und positive Erziehung
3.1 Dressur oder Bildung
3.2 Phallokratie oder Gleichwertigkeit
3.3 Nekrophilie oder Biophilie

4. Negatives und positives Denken
4.1 Egoismus oder Altruismus
4.2 Beliebigkeit oder Selbstverwirklichung
4.3 Pessimismus oder Optimismus

5. Negative und positive Utopien
5.1 Dystopien oder Utopien
5.2 Kulturkritik oder Transhumanismus
5.3 Apokalypse oder Himmelreich auf Erden

Ausblick

Literaturverzeichnis

Über den Autor

Einleitung

Eltern und Erzieher, Lehrer und Sozialpädagogen, Schüler- und Studentenschaft schwanken zwischen Bangen und Hoffen über die Zukunft des Überlebens der Menschheit auf unserem Planeten Erde. Besorgnis erregende Hiobs-Botschaften, Schreckens-Szenarios und Weltuntergangs-Prophetien sind Wermutstropfen im Füllhorn des Konsumrausches der Wohlstandsgesellschaften der fortgeschrittenen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften. Die Welt treibe dem Abgrund zu, heißt es: Ökologische Katastrophen, Gift in der Nahrung, Gewalt, Terror und Krieg allüberall. Die Erde ein Armenhaus. Endzeitstimmung durch nukleare Verseuchung. Verdummung durch Massenmedien, Angst vor Überfremdung und Globalisierung als Geißel der ausgebeuteten Menschheit. Die Klagen kennen kein Ende. Verharmlosung der Gefahren der Bio-Technologie, ein Leben ohne wahre Liebe, die Wissenschaft als Büttel der Profit-Oekonomie. Der Mensch sei eben von Natur aus böse, Leben heiße Leiden und die Menschheit wurde aus dem Paradies vertrieben in dies irdische Jammertal. Was ist dran, an dieser pessimistischen Weltsicht?

Postmoderne Pädagogik könnte innehalten und abwägen. Gibt es nicht immer zwei Seiten einer Medaille? Ist das Glas halb leer oder noch halb voll? Warum positive Entwicklungen kleinreden? Gibt es außer Kulturkritik und Dystonie denn keine biophile Bilanz und Utopie? Immerhin:

Noch niemals in der Geschichte der Menschheit haben so viele Menschen auf unserer Erde gelebt wie heute. Schätzungsweise 7 Milliarden Menschen bevölkern mit zunehmender Tendenz unseren blauen Planeten. Noch niemals in der Geschichte der Menschheit waren menschliche und andere Ressourcen in solchem Überfluss vorhanden, wie in der Gegenwart. Diese Ressourcen an Kenntnissen, Fertigkeiten und Bildung sind das Rohmaterial, aus dem eine bessere Zukunft für die Menschheit geschaffen werden kann ( Vgl. GIARINI/LIEDTKE 1998, S. 25 ff. ). Ein Maßstab für die Verbesserung der weltweiten Lebensbedingungen könnte die Steigerung der Lebenserwartung sein. Als Folge der Modernisierung der Gesundheitsdienste, der Hygiene und sanitärer Einrichtungen und damit verbunden eines Rückgangs der Sterberate von Neugeborenen und Müttern, sowie als Folge eines höheren Lebensstandards mit verbesserter Ernährung steigt die Lebenserwartung der Menschen in allen Ländern. Die durchschnittliche Lebenserwartung hat sich nach GIARINI/ LIEDTKE (1998, S. 100 ff.) seit 1960 um siebzehn Jahre verlängert. Im Jahre 1998 lag sie bei 65,7 Jahren von der Geburt an. Das heißt, ein neugeborenes Kind wird gegenwärtig mehr als siebzig Jahre lang leben. In den vergangenen Jahrzehnten wies die Lebenserwartung eine kontinuierliche Wachstumstendenz auf. Die Sechzigjährigen in den Industrieländern dürfen sich auf zwanzig weitere Lebensjahre einstellen. Im Vergleich zu der männlichen Bevölkerung dürfen sich Frauen in den Industrieländern auf fünf zusätzliche Lebensjahre freuen.

Die größte Herausforderung für Erziehung, Pädagogik und Bildung ist die Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten, die vorhandenen und erst neuerdings nutzbaren Ressourcen in vorteilhafter Weise einzusetzen. Unsere Möglichkeiten, unsere Umgebung, die Natur und das Wirtschafts- und Sozialleben zu gestalten, sind größer als jemals zuvor in der Menschheitsentwicklung. Sie erfordern jedoch ein unablässig wachsendes Gefühl von Verantwortung für die Veränderungen, die wir bewirken, und für jene, die wir ablehnen. Postmoderne Erziehung, Pädagogik und Bildung können spezifische Beiträge zur Hebung des moralischen Niveaus der jungen Generation und der Förderung von Intelligenz, Initiative und Kultiviertheit beisteuern. Der Mensch hat das Potential, seine Umwelt, seine Lebensqualität und seine Kultur durch schöpferische Tätigkeit in einem Maße zu beeinflussen, wie es keiner anderen Spezies auf unserem Planeten möglich ist.

1.

Negative

und

positive Weltsicht

Der Frieden

Wer hub es an? Wer brachte den Fluch? Von heut

Ists nicht und nicht von gestern, und die zuerst

Das Maß verloren, unsre Väter

Wußten es nicht, und es trieb ihr Geist sie.

Zu lang, zu lang schon treten die Sterblichen

Sich gern aufs Haupt, und zanken um

Herrschaft sich,

Den Nachbar fürchtend, und es hat auf

Eigenem Boden der Mann nicht Segen.

Und unstät wehn und irren, dem Chaos gleich,

Dem gärenden Geschlechte die Wünsche noch

Umher und wild ist und verzagt und Kalt von

Sorgen das Leben der Armen immer.

Komm du nun, der heiligen Musen all,

Und der Gestirne Liebling, verjüngender

Ersehnter Friede, komm und gib ein

Bleiben im Leben, ein Herz uns wieder.

Friedrich HÖLDERLIN

1.1 Grausamkeit oder Menschenrechte

Römisches Reich

Als Italien-Tourist begegnet einem die grausame gewalthaltige Geschichte durch die aus Stein errichteten und gut erhaltenen Monumental-Arenen, wie z.B. in Rom, Verona, Neapel und vielen anderen italienischen und mediterranen Orten. Wie bei einem heutigen Fußballspiel säumten Hunderte bis Tausende von sensationshungrigen Zuscheuern die Tribünen der Antiken Arenen, um sich an den Kämpfen der Gladiatoren gegen wilde Tiere, gegen einander und um sich an dem Gemetzel Verfolgter, wie zum Beispiel der Urchristen, zu ergötzen.

Finsteres Mittelalter

HAECKEL (Vgl. 2007) nimmt eine religionskritisch ausgerichtete Perspektive der historischen Epochen ein. In seinem Werk “Die Welträtsel”, das um die Jahrhundertwende 1900 erschien, beschreibt er das Mittelalter keineswegs als Goldenes Zeitalter, sondern als finstere Epoche. Das Mittelalter lehre uns, dass das selbständige Denken und die wissenschaftliche Forschung unter der Gewaltherrschaft des katholischen Papismus durch zwölf finstere Jahrhunderte begraben blieben.

Die Humanität, der Altruismus, die Toleranz und die Menschenliebe im höchsten Sinne des Wortes seien die wahren Lichtseiten des Christentums. Das Papsttum, der Papismus, aber habe es verstanden, alle christlichen Tugenden in ihr direktes Gegenteil zu verkehren. An die Stelle der christlichen Nächstenliebe trat der fanatische Hass gegen alle Andersgläubigen. Mit Feuer und Schwert wurden nicht nur die sogenannten Heiden ausgerottet, sondern auch die verschiedensten christlichen Sekten, welche Einwendungen gegen die auferzwungenen Dogmen des katholischen Aberglaubens zu erheben wagten. Überall im christlichen Europa blühten die Ketzergerichte und forderten unzählige Opfer. Deren Folterqualen bereiteten ihren von “christlicher Bruderliebe” erfüllten Peinigern besonders sadistisches Vergnügen. Das Papsttum wütete durch Jahrhunderte erbarmungslos gegen alles, was seinem Absolutheitsanspruch im Wege stand (Vgl. DESCHNER 1986 ff.). Allein in Spanien wurden unter dem berüchtigten Großinquisitor TORQUEMADA (1481 bis 1498) achttausend angebliche Ketzer, zur Mehrzahl Frauen, lebendig öffentlich verbrannt und neunzigtausend mit Einziehung ihres Vermögens und empfindlichsten Kirchenbußen bestraft. In den Niederlanden fielen unter der spanischen Herrschaft Karls des Fünften mindestens fünfzigtausend Menschen der klerikalen Mordlust zum Opfer.

Während das Geheul gefolterter Menschen die Luft Europas erfüllte, strömten beim Papst in Rom die Reichtümer der ganzen tributpflichtigen christlichen Welt zusammen. Die angeblichen Stellvertreter Gottes auf Erden und deren Helfershelfer wälzten sich hingegen in Lüsten und Lastern jeder Art. Nicht selten huldigten sie dem Atheismus oder Satanismus. “Welch Vorteile...”, sagte der frivole und syphiliskranke Papst LEO der Zehnte ironisch, “...hat uns doch diese Fabel von Jesus Christus gebracht!”

Der Zustand der europäischen Gesellschaft im Mittelalter war trotz Kirchenzucht und Gottesfurcht desolat. Feudalismus, Gottesgnadentum und Mönchtum beherrschten das Land. Unwissenheit, Armut, Angst und Aberglaube verbreiteten sich. Hinzu kam die entsittlichende Wirkung des im 11. Jahrhundert gegen den Willen des niederen Klerus eingeführten Zölibats, des Ehelosigkeitsgebots, für katholische Priester.

Man hat berechnet, dass während der Herrschaft des katholischen Papsttums im Mittelalter mehr als zehn Millionen Menschen dem fanatischen Glaubenshass der “christlichen Nächstenliebe” zum Opfer fielen. Für immer im Dunklen bleiben die Millionen geheimen Menschenopfer, welche das Zölibat, die Ohrenbeichte und der Gewissenszwang forderten, HAECKEL zufolge die gemeinschädlichsten und fluchwürdigsten Institutionen des päpstlichen Absolutismus. Zwölf Jahrhunderte lang durften die “römischen Statthalter Christi” ungestraft die gräulichsten Verbrechen “im Namen Gottes” ausüben. Nicht eingerechnet sind bei diesen von HAECKEL berichteten Schätzungen die Millionen Opfer der Hexenverfolgung, der Kreuzzüge und der Völkermorde der christlichen Kolonisierung und Missionierung in der Neuen Welt seit 1500 in Südamerika und Nordamerika, am Ende des Mittelalters und am Beginn der Neuzeit.

Die Geschichte der abendländischen Kulturvölker lässt die Neuzeit mit der Reformation der christlichen Kirche beginnen. Mit der Reformation beginnt die Wiedergeburt der gefesselten Vernunft, das Wiedererwachen der Wissenschaft, welche die eiserne Faust des katholischen Papismus während 1200 Jahren gewaltsam niedergehalten hatte. Während die Hexenprozesse im Spätmittelalter blühten, begann bereits die Verbreitung von Bildung durch die Buchdruckerkunst schon um die Mitte des Fünfzehnten Jahrhunderts. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts traten mehrere große Ereignisse ein, welche zusammen mit der Renaissance in der Kunst auch eine Renaissance der Wissenschaft vorbereiteten, vor allem die Entdeckung Amerikas durch Columbus im Jahre 1492.

In der ersten Hälfte des Sechzehnten Jahrhunderts wurden mehrere höchst wichtige Fortschritte in der Erkenntnis der Natur gemacht, die die bestehende christliche Weltanschauung in ihren Grundfesten erschütterte. Die erste Umschiffung der Erde durch MAGELLAN im Jahre 1522 lieferte den empirischen Beweis für deren Kugelgestalt. 1543 erfolgte die Gründung des heliozentrischen Weltsystems durch KOPERNIKUS. Aber der 31. Oktober 1517, an welchem Martin LUTHER seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg nagelte, war ein weltgeschichtlich bedeutender Tag, denn damit wurde die eiserne Tür des Kerkers gesprengt, in dem der päpstliche Absolutismus 1200 Jahre lang die gefesselte Vernunft eingeschlossen hatte. Trotz alledem bleibt dem Sechzehnten und Siebzehnten Jahrhundert in Europa der Ruhm, dem denkenden Menschengeiste wieder freie Bahn geschaffen und die Vernunft von dem Terror der Herrschaft des katholischen Papsttums befreit zu haben.

“Erst dadurch wurde die mächtige Entfaltung verschiedener Richtungen der kritischen Philosophie und neuer Bahnen der Naturforschung möglich, welche dann dem folgenden achtzehnten Jahrhundert den Ehrentitel des `Jahrhunderts der Aufklärung` erwarb (HAECKEL 2007, S. 74). Im Jahre 1859 setzte dann Charles DARWIN den Einblicken in das innere Wesen der Natur die Krone auf durch seine neue, auf die sicherste Erfahrung gestützte Evolutionstheorie, die wir als das größte naturphilosophische Ereignis des Neunzehnten Jahrhunderts feiern müssen (Vgl. HAECKEL 2007).

Grausame Bestrafungen

Noch vor 300 Jahren waren öffentliche Hinrichtungen in Europa Gang und Gebe. In England gab es am sogenannten “Hanging Day” sogar arbeitsfrei (Vgl. TAYLOR 2009, S. 479 ). Die Todesstrafe erhielt man bereits für geringfügige Vergehen, die heute eher mit einem Bußgeld geahndet werden. Taschendiebstahl, Ladendiebstahl, Diebstahl von der Wäscheleine, Diebstahl aus Fischteichen, illegales Baumfällen, das waren schon Gründe für die Verhängung der Todesstrafe.

Neben dem öffentlichen Vollzug der Todesstrafe durch Hängen gab es den Pranger oder auch Schandpfahl genannt. Es handelte sich um einen Holzpfosten, an dem ein zusammenschiebbares Holzbrett mit Löchern für den Kopf und die Hände des Opfers angebracht wurde. An den Pranger wurde man gestellt für Delikte wie Blasphemie, Falschspiel, Wahrsagerei, Sodomie sowie Homosexualität. Eine literarisch berühmte Beschreibung einer jungen Frau, die ein uneheliches Kind zur Welt bringt, den Namen des Vaters, dem Pastor des Ortes, verschweigt und deshalb wegen Unzucht an den Pranger gestellt wird, die findet sich in dem Roman von Nathaniel HAWTHORNE “Der scharlachrote Buchstabe” (1913). Manchmal wurde der Delinquent zu seiner Schande nur öffentlich gedemütigt, manchmal aber auch noch zusätzlich mit Schlägen bestraft. Die aufgehetzten Zuschauer konnten das Opfer nun verspotten, bespucken, mit Knüppeln schlagen oder mit Steinen bewerfen, so dass viele an den Schandpfahl gebundene Delinquenten an Kopfverletzungen starben. Für leichtere Vergehen war es üblich, die Menschen zu brandmarken. Mit einem glühenden Eisen wurden die Missetäter auf die Wange, auf die Hand oder die Stirn gebrandmarkt, so wie man es auch mit Herdentieren machte. Vagabunden erhielten ein V, Bettler ein S und Randalierer ein F. Die durch Landflucht, Industrialisierung und den Frühkapitalismus entwurzelten Arbeitslosen und Nichtsesshaften wurden derart kriminalisiert. Oft wurde diesen Menschen, zum Beispiel auch Sinti und Romas, die Ohren abgeschnitten.

Sklaverei

Fast 6000 Jahre lang hatte die Menschheit die Sklaverei als Selbstverständlichkeit angesehen. Sklaverei galt als gottgewollte Institution. Selbst frühe Päpste hatten auf ihren Landgütern Arbeitssklaven. Im 18. Jahrhundert gab es Sklavenhändler, die gleichzeitig angesehene Bürgermeister und Parlamentsabgeordnete in England waren. Auch KOLUMBUS, der Entdecker der Neuen Welt, war ein Sklavenhändler (Vgl. W. CHURCHILL 1993 ). Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts wuchs der Abscheu vor der Sklaverei. Im Jahre 1765 wurde in England die “Gesellschaft zur Abschaffung der Sklaverei” gegründet. Bereits sieben Jahre später ächtete der Lordoberrichter William MURRAY, EARL of MANSFIELD, die Sklavenhaltung in Großbritannien und befreite damit 15.000 afrikanische Sklaven (Vgl. TAYLOR 2009, S. 486 ). Daraufhin wurden nun auch Gesellschaften zur Abschaffung der Sklaverei in allen britischen Kolonien gegründet. Im Jahre 1807 erließ das englische Parlament ein Verbot der Sklavenhaltung für jeden britischen Staatsbürger in allen Kolonien, in der ganzen Welt. Innerhalb von zehn Jahren wurde die Sklaverei nun auch in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, in Frankreich, Dänemark und in den Niederlanden verboten. Es dauerte noch einige Jahrzehnte, bis auch die Leibeigenschaft der Bauern aufgehoben wurde.

Hexenwahn

Etwa 40.000 bis 60.000 Hexen wurden in ganz Europa gefoltert und ermordet, davon ca. 25.000 in deutschen Landen. Zusätzlich gab es eine hohe Zahl an Inhaftierten. Etwa 3 Millionen Menschen wurde der Prozess gemacht. Es gibt keine genauen Zahlenangaben zu den Toten und Verfolgten, da sich Hexenjäger oft brüsteten, wie viele Hexen sie erwischt haben. Daher gibt es auch höhere Schätzungen, bis zu 4 Millionen Todesopfer. Die Anzahl der Hexenopfer sollte auch in Relation zur Bevölkerungsdichte gesehen werden, da Deutschland und Europa im Mittelalter weitaus geringer als gegenwärtig besiedelt waren. Insofern hatte der flächendeckende männliche religiöse Terror eine Angst und Abschreckung, Unwissenheit und Schicksalsergebenheit, Unfreiheit und Unterwürfigkeit erzeugende Wirkung auf die gesamte weibliche Bevölkerung. Die Geschichte patriarchalischer Gesellschaften weiß zwar von vielen Formen der Unterdrückung der Frau zu berichten, von der genitalen Verstümmelung in Afrika über die Witwenverbrennung in Indien, der sogenannten Sati (Vgl. SHASTRI 1953, HARLAN 1992, HAWLEY 1994, FISCH 1998, LEHMANN/ LUITHLE 2003), zur Verkrüppelung der Füße in China, dem sogenannten Lotusfuß, aber die Terrorisierung, Folterung und Tötung abertausender Frauen als Hexen war eine ungeheure Barbarei gegen die weibliche Hälfte der Menschheit, eine Missachtung der Menschenwürde und ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Menschenrechte

Erste überlieferte Ansätze zu den Ideen, die wir heute die unveräußerlichen Menschenrechte nennen, finden sich bereits im Buddhismus. BUDDHA lehnte die Sklaverei allgemein und das Kastensystem in Indien ab. BUDDHA’s Lehre war von großer Empathie für alle Lebewesen geleitet. Auch der Guru MAHAVIRA in seiner Lehre des Jainismus nahm Stellung gegen das Kastensystem.

Auch im Antiken Griechenland finden sich erste Ansätze von Menschenrechts-Ideen in der Lehre der Stoa. Als einzige philosophische Schule im alten Hellas lehnten die Stoiker, unter anderem DIOGENES, die Sklaverei ab. Nach Ansicht der Stoiker verstößt es gegen die Würde des Menschen, wenn Kriegsgefangene zu Sklaven, bar aller Rechte, erniedrigt werden. “Nach Meinung der Stoiker war kein Mensch höhergestellt als irgendein anderer; Griechen und Barbaren, Männer und Frauen, Bürger und Sklaven – alle waren gleich” (TAYLOR 2009, S. 465).

Wie bei BUDDHA, so bildete bei JESUS eine große Empathie den Kern seiner Lehre des späteren Christentums. JESUS verabscheute jede Gewalt. In seiner berühmten Bergpredigt forderte er, Schwerter zu Pflugscharen umzuschmelzen. Er hegte Mitgefühl für Arme, Kranke und Ausgestoßene. JESUS predigte sogar den gewaltlosen Widerstand. Wenn jemand einen Backenstreich erhielte, solle er auch noch die andere Wange zu einem weiteren Streich hinhalten, vielleicht, um den Gewalttäter zu beschämen. JESUS nahm eine Frau in Schutz, die wegen Ehebruchs zu Tode gesteinigt werden sollte, mit den berühmt gewordenen Worten: “Wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!” JESUS behandelte Frauen und Sklaven gleichberechtigt, ja er pflege sogar Umgang mit unehrenhaften Zöllnern und Prostituierten.

ROUSSEAU

In der Epoche der Aufklärung verbreiteten sich Ideen, dass alle Menschen von Geburt an frei und gleich seien und Ansprüche auf gleiche Rechte und eine menschliche Würde hätten. Die erste bahnbrechende Formulierung dieser Ideen erfolgte in Jean-Jacques ROUSSEAU’s bedeutenden Buch “Der Gesellschaftsvertrag. Prinzipien des Staatsrechts” aus dem Jahre 1762. Dort findet sich das berühmte Zitat: “Der Mensch wird frei geboren, und liegt doch überall in Ketten!” ROUSSEAU war zu seinen Schriften inspiriert worden durch Berichte europäischer Seefahrer über die Sitten und Gebräuche matristisch verfasster, demokratischer Naturvölker in Nord- und Südamerika und in Ozeanien. ROUSSEAU’s Gedanken beeinflussten auch die Gründungsväter der Vereinigten Staaten von Nordmerika. Im Jahre1776, noch vor der Französischen Revolution, entstand in den USA die erste moderne Demokratie der Welt. Nur wenige Jahre später führte die Verbreitung demokratischer Ideen, massenhafter Armut und Volkszorn gegen den Absolutismus zur Französischen Revolution von 1789 und der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte. Im selben Jahr wurde die Verfassung der USA verabschiedet. Die großartigen Ideale von Freiheit und Gleichheit erstreckten sich damals allerdings nur auf weiße männliche Landbesitzer und schlossen Frauen, Afroamerikaner und Indianer aus.

Frauen-Emanzipation

Die Frauen waren 6.000 Jahre lang in unserem Kulturkreis unterdrückt worden. Nunmehr forderten die Frauen rechtliche Gleichstellung. CONDORCET, ein Abgeordneter der Girondisten und Verfasser von Schriften zur Schulreform, erhob im Französischen Revolutions-Parlament zum ersten Mal seit 6.000 Jahren die Forderung des Wahlrechts für Frauen, allerdings ohne Erfolg. Im Jahre 1792 erschien in England das feministische Buch “ Vindication of the Rights of Women” von Mary WOLLSTONECRAFT. Aber es sollte noch mehr als 100 Jahre dauern, bis das Wahlrecht für Frauen realisiert wurde. Die egalitären und freiheitlichen Forderungen der Französische Revolution hatten keinen andauernden Bestand. Kriegerische Gewalttätigkeit, Machtkämpfe der Revolutionäre untereinander, Wüten des Fallbeils, staatliche Repression, neuer Absolutismus und BONAPARTE und extreme Ausbeutung der Fabrikarbeiter im Zuge der industriellen Revolution machten den Leitideen der Französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit als Sternstunde der Geschichte der Menschheit bald den Garaus.

Weltkriege

Während im 18. und 19. Jahrhundert großartige Ideen der Menschenrechte entworfen wurden, waren auf dem Gebiet des Kriegswesens keinerlei Fortschritte hin zu Gewaltarmut und Friedfertigkeit zu finden. Insgesamt gesehen nahmen die militärischen Konflikte in Europa im 19. Jahrhundert rein quantitativ geringfügig ab, doch hatte die Modernisierung der Waffen zur Folge, dass die Kriegsopferzahlen anstiegen. Der Erste Weltkrieg hatte mit einer gigantischen Katastrophe mit Millionen von Toten, unter anderem Giftgasopfern, Erblindeten und Verstümmelten, geendet. Um derartigem Blutvergießen durch neue Krieg vorzubeugen, wurde der Völkerbund gegründet. Sicherheit und Frieden sollte durch internationale Zusammenarbeit weltweit gefördert werden. Nach dem Ersten Weltkrieg wehte ein neuer Geist des Friedens und der Völkerverständigung zwischen den Nationen, der zu einer nie da gewesenen Friedensspanne von 21 Jahren führte. Leider war dieser Frieden nicht ein ewiger Frieden. Nach 21 Jahren brach der Zweite Weltkrieg aus, der ein Inferno mit Millionen toter Soldaten, Millionen toter Zivilbevölkerung, Millionen Opfern des Holocaust, Millionen Toter in Ostasien, Hunderttausender Opfer von Kriegsverbrechen, z.B. in der chinesischen Stadt Nanking, bis hin zu den Atombombenopfern von Hiroshima und Nagasaki in Japan.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges toben weltweit weitere zahlreiche Kriege und Bürgerkriege. Europa hat seit Ende des Zweiten Weltkrieges den längsten Frieden seiner Geschichte seit Menschengedenken erlebt. Die Nationen Europas wie Deutschland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Italien, Russland und Spanien, die Jahrhunderte lang verfeindet waren und ständig Krieg gegeneinander geführt hatten, erfreuen sich nunmehr eines fast Siebzig Jahre andauernden Friedens.

UNITED NATION ORGANISATION

Global und menschheitsgeschichtlich gesehen bedeutet die Institution der VEREINTEN NATIONEN, der UNO, einen enormen Schritt nach vorne. In der Organisation der Vereinten Nationen sind 193 Mitgliedsstaaten versammelt, die durch demokratisch zustande kommende gemeinsame Beschlüsse den Versuch unternehmen, Konflikte auf dem Verhandlungswege friedlich zu lösen. Die Aufgabe der United Nation Organisation ist es, “Frieden und Sicherheit im internationalen Rahmen zu gewährleisten”, “die Aktivitäten der einzelnen Nationen in Einklang zu bringen” und “den Respekt vor den Menschenrechten zu fördern”.

Menschenrechtserziehung

Die Menschenrechtserziehung oder -pädagogik wird im Englischen als Human Rights Education bezeichnet. Was sind eigentlich die Menschenrechte? Die Menschenrechte werden als angeborene und unveräußerliche Rechte aller Menschen auf der ganzen Welt apriori angesehen. Ihre wichtigste Aufgabe ist der Schutz des Einzelnen, von Gruppen oder Völkern vor Übergriffen des Staates.

Historisch gesehen liegen die Wurzeln bei bedeutenden Religionsgründern wie ZARATHUSTRA, MOSES, JESUS CHRISTUS, BUDDHA, KONFUZIUS, LAO-TSE und MOHAMMED. In diesen Klassischen Weltreligionen finden sich oftmals noch Relikte aus archaischen Zeiten, die neueren Auffassungen über die Menschenrechte noch nicht entsprechen, wie z.B. die Todesstrafe durch Steinigung für Ehebrecherinnen, die weibliche Genitalverstümmelung oder die Todesstrafe für homosexuell liebende Menschen.

Die Geschichte der Menschenrechte in den vergangenen Jahrhunderten in Europa und den Vereinigten Staaten von Nordamerika kann vielleicht mit der Magna Charta Libertatum im England des Jahres 1215 beginnen. Es folgen die Petitions of Rights 1628 und die Habeas-Corpus-Akte in England. Die Unabhängigkeitserklärung der USA vom kolonialen Mutterland England enthält Elemente der modernen Menschenrechte.

Die Französische Revolution von 1789 gipfelt aus ethisch-moralischer Sicht in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789.

Nach den Schrecken und Verbrechen während des Zweiten Weltkrieges und dem Holocaust an den Menschen jüdischen Glaubens durch das nationalsozialistisch geführte Deutschland erfolgte im Jahre 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen. Eleanor ROOSEVELD leitete die Kommission, die den Entwurf der 30 Artikel erarbeitete.

Die Menschenrechte werden weiterhin diskutiert und weiter entwickelt. Zum Beispiel verabschiedete der Europarat im Jahre 1950 die Europäische Menschenrechtskonvention. Es folgten internationale Pakte über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, der sogenannte Zivilpakt 1966, und über bürgerliche und politische Rechte, der sogenannte Sozialpakt 1976. Im Jahre 1992 wurde eine Deklaration zu Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro, Brasilien, verabschiedet. Die Rechte der Frauen und Kinder, von Minoritäten und das Recht auf Bildung wurden inzwischen gestärkt. Sexualwissenschaftler beklagen allerdings, dass die Völker sich vor einer Deklaration der sexuellen Menschenrechte drücken und darüber sehr uneinig sind (Vgl. KERSCHER 2005).

Die Menschenrechte werden mit der Würde eines jeden Menschen begründet: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren..." (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1948, Art. 1).

Die Menschenrechte umfassen verschiedene Bereiche:

-Persönlichkeitsrechte,
zum Beispiel das Recht auf Leben (AEdM, Art. 3),
-Politische und zivile Rechte, Bürgerrechte,
zum Beispiel Meinungs- und Pressefreiheit (AEdM, Art. 19),
-Soziale und ökonomische Rechte,
zum Beispiel das Recht auf Bildung (AEdM, Art. 26) und
-Rechte der dritten Generation,
zum Beispiel Entwicklungsrechte und Umweltrechte.

Die Kernrechte der Menschenrechte bestehen aus folgenden Rechten:

- Recht auf Leben.
- Freiheit von Folter.
- Freiheit von Sklaverei.

Die UNESCO-Projektschulen versuchen die Ziele der UNESCO im Unterricht und durch außerschulischen Aktivitäten publik zu machen und bei der Erfüllung der Zielemitzuarbeiten( Vgl. WIKIPEDIA, Die freie Enzyklopädie, Stichwort: „Unesco-Schule“).Die Ziele von UNESCO-Projektschulen waren von Anfang an

- die Menschenrechte für alle verwirklichen;
- Nachhaltigkeit lernen, die Umwelt schützen und bewahren;
- Anderssein der anderen akzeptieren, sich gegenseitig tolerieren und voneinander lernen;
- Armut und Elend bekämpfen;
- die globale Entwicklung voranbringen.

Menschenrechtsbildung und Demokratieerziehung

- Die Menschenrechte und die Prinzipien der Demokratie kennen, sie im Alltag respektieren und für ihre Umsetzung einstehen;
- Kenntnisse über Verfahren der individuellen und gesellschaftlichen Konfliktbewältigung haben;
- Ursachen nationaler und internationaler Konflikte untersuchen und Initiativen für Konfliktbeilegung kennen;
- Das Spektrum der internationalen Vereinbarungen verstehen; die Menschenrechtssituation kritisch bewerten, eine kritische Einstellung gegenüber unterschiedlichen Rechtssystemen entwickeln.

Interkulturelles Lernen(Vgl. KÖHLER/SALZ 2007 )

- Interesse für fremde Kulturen entwickeln, andere Kulturen und Lebensweisen kennenlernen und achten;
- Lernen, andere Perspektiven in Zusammenhängen zu erkennen, einzunehmen und Empathie zu entwickeln;
- Den erweiterten Kulturbegriff der UNESCO verstehen: Kulturpluralismus, Kultur als Tradition, Kommunikation und Zukunftsperspektiven;
- Respekt, Toleranz und Wertschätzung als Grundeinstellung entwickeln und danach handeln.

Umwelterziehung

- Die Umweltprobleme - Luft, Klima, Wasser, Boden, Artenvielfalt, Energie, Müll, Ressourcen – verstehen und in Verbindung zu unseren Lebensstilen bringen;
- Ideen zu umweltbewusstem Handeln entwickeln und zu ihrer Umsetzung beitragen;
- Ökologisches Verständnis entwickeln;
- Sich nachhaltig umweltbewusst verhalten.

Globales Lernen

- Es gibt nur eine Welt, in der wir uns als Individuen in globalen Zusammenhängen sehen und verstehen;
- Globalisierung in allen Aspekten - positiven wie negativen – sehen und verstehen;
- Notwendigkeit internationaler Begegnung erkennen und Fähigkeiten zur interkulturellen Kooperation erwerben;
- Persönliche Mitverantwortung für Mensch und Umwelt erkennen, annehmen und auf gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Ebene unter Berücksichtigung sozialer und ethischer Aspekte umsetzen.

UNESCO-Welterbeerziehung
- Deutsche, europäische und weltweite Welterbe-Stätten kennen und achten und als gemeinsames Erbe der Menschheit verstehen;
- Das Welterbe in seiner Vielfalt schätzen: Naturerbe, Kulturerbe, Erinnerungsstätten, Immaterielles Erbe;
- Aktiv am Erhalt und der Pflege bestehender Natur- und Kultur-Stätten mitarbeiten;
- Das UNESCO-Welterbe in Unterricht und Schulalltag verankern und nutzen, die Welterbestätten als außerschulische Lernorte erleben.

Seit 1996 findet alle zwei Jahre ein internationaler Projekttag statt, zu jeweils einem auf einer Fachtagung der UNESCO-Projektschulen umfassend vorbereiteten Thema. Die Themen behandeln meist gesellschaftlich aktuelle Ereignisse und Probleme. Die Arbeit zu diesem Thema kann Monate andauern und wird oft mit einem Projekttag in der Schule verbunden. An diesem Projekttag nehmen die meisten UNESCO-Projektschulen teil. Außerdem werden immer auch andere Schulen eingeladen zu diesem Projekt. Höhepunkt des Tages oder der lang andauernden Arbeit sind zu Einem die bundesweit zentralen Veranstaltungen, die möglichst medienwirksam aufgebaut werden, um so an die Öffentlichkeit zu gelangen. Für gewöhnlich finden auch regional weitere Veranstaltungen statt, da die Anreise für viele Leute schwierig ist. Dadurch gestalten natürlich auch noch viel mehr Personen den Projekttag.

Themen der Projekttage der UNESCO-Schulen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.2 Krieg oder Frieden

Es existieren zahlreiche Theorien über die Entstehung von Kriegen. Jede diese Theorie erklärt einen Teilaspekt der menschlichen Kriegsbereitschaft. Im Folgenden werden in Anlehnung an den aspektreichen Überblick zu diversen Theorien über die Wurzeln des Krieges bei Steve TAYLOR (Vgl. Der Fall, 2009, S. 275 ff.) einige weit verbreitete Theorien skizziert und mit einer eigenen Theorie des Verfassers des vorliegenden Buches ergänzt.

Krieg durch Gene

Zunächst wäre hier die Theorien von den eigennützigen Genen zu erwähnen. Dieser Theorie zufolge interessiert Menschen nur das Überleben der eigenen Gene, die auch die Blutsverwandten in sich tragen (Vgl. BOYER 2002 ). Für eine Ethnie stellen Menschen anderer Gruppen potentielle Konkurrenten ums Überleben dar. Folglich sind Ethnien genetisch feindselig auf andere, fremde Ethnien programmiert (Vgl. SHIELDS/SHIELDS 1983, vgl. THORNHILL/THORNHILL 1983). Die menschliche Bereitschaft, einander zu bekriegen, lässt sich demnach auf die eigennützigen Gene zurückführen. Vom Ethnozentrismus zum Rassismus und zum Krieg sind es nur kleine Schritte. Krieg entsteht immer dann, wenn die Überlebensinteressen verschiedenen Familien, Clans, Stämme, Volksgruppen, Religionsgruppen oder Nationen kollidieren. Aus evolutionsbiologischer Sicht stellen andere Menschengruppen für die eigene Ethnie Selektionskräfte dar, die permanent zur Konkurrenz ums Überleben führen und deshalb seit Jahrtausenden in Konflikt und Krieg geraten.

Krieg durch Testosteron-Hormon

Eine weit verbreitete andere Theorie führt den Krieg auf den hohen Testosteronspiegel im Blut des Mannes zurück. Und in der Tat können wir auch bei den höher entwickelten Tierarten eine heftigere intraspezifische Aggression der Männchen bei Rangkämpfen und Konkurrenzkämpfen um das Weibchen beobachten. Der Mann erzeugt im Durchschnitt 5.100 Mikrogramm Testosteron täglich. Bei der Frau sind es 100 Mikrogramm. In Kindergarten, Schule und Gesellschaft ist die höhere Aggressionsbereitschaft des männlichen Menschen evident. Diese Theorie der Biochemie erklärt damit auch die Entstehung von Kriegen, von Hierarchien und des Patriarchats. Schwierig wird es, wenn diese biochemische Theorien des höheren männlichen Testosteronspiegels im Blut herangezogen wird, um das Verlangen zu erklären, andere Stämme oder Völker zu erobern, zu versklaven und die Macht des eigenen Herrschers zu vergrößern. Die organisierten Voraussetzungen der Kriegführung wie die Herstellung von Waffen, die Entwicklung von Strategien der Kriegsführung und der Mobilmachung von großen Männerhorden zu Armeen einzig mit hoher Testosteron-Hormonauschüttung zu begründen, scheint nicht ausreichend.

Krieg durch Mangel an Serotonin-Hormon

Eine weitere Theorie erklärt die Aggressions- und Kriegslüsternheit des Mannes mit einer zu geringen Ausschüttung von Serotonin im männlichen Gehirn. Serotonin ist ein wichtiger Neurotransmitter. Bei Kindern mit impulsiv-aggressiven Verhalten wurde in empirischen Studien ein niedriger Serotoninspiegel im Blut festgestellt. Auch bei Suizidanten und erwachsenen Gewltverbrechern wurde dies Defizit an Serotonin festgestellt. PRESCOTT ( vgl. 1995, 1996, 1997 ff. )führt den Mangel an Serotonin auf Defizite in der Primärsozialisation wie Mangel an Bruststillen, Mangel an Getragenwerden und Mangle an zärtlicher Zuwendung in den ersten drei Lebensjahren zurück. Vergleichende kulturanthropologische Studien ergeben deutliche Unterschiede in der Pflege und Erziehung von Kindern in früher Kindheit und bis ins Erwachsenenalter in matristisch orientierten und in patriarchalisch verfassten Kulturen (Vgl. PRESCOTT 1975, vgl. DEMEO 1998, vgl. TAYLOR 2009).

Krieg durch Populationsdruck

Eine sehr einleuchtende Theorie sieht Krieg als die Konsequenz aus der Bevölkerungszunahme. Als es noch weitläufige Gebiete der Erde für die Menschen in geringer Anzahl gab, führte die dünne Besiedlung zur Friedlichkeit. Die urgeschichtlichen Stämme hatten noch viel Platz auf der Erde, so dass es keine Notwendigkeit gab, Kriege um Nahrungsressourcen zu führen. In dem Maße, in dem die Menschen sich vermehrten und die Bevölkerungsdichte zunahm, begannen die Menschen sich gegenseitig Territorien und Nahrungsquellen streitig zu machen. In dicht bevölkerten Hochkulturen wird der Krieg oder Bürgerkrieg unbewusst oder bewusst zur Bevölkerungs-Reduzierung eingesetzt. In BOUTOUL’s Buch “Kindermord aus Staatsräson” (1973) wird diese These von der Gesundschrumpfung der Bevölkerung durch Bürgerkrieg oder Krieg in Bevölkerungs-reichen Staaten eingänglich beschrieben. In weniger bevölkerten Epochen der Menschheitsentwicklung konnte Krieg dadurch verhindert werden, dass die Ethnie der Jäger und Sammler in andere Jagdgründe weiterzog. Wie in der unendlich weit scheinenden Prärie des nordamerikanischen Kontinents ausreichend Raum für verschiedene Indianerstämme vorhanden war, änderte sich dies durch Besiedlungsdichte und privater Aneignung des Bodens. Für diese Theorie vom Populationsdruck als Ursache für das Kriegswesen sprechen auch die Berichte über friedliche kleine Indiostämme mit geringen Mitgliedern. Hingegen entwickelten sich die patristisch verfassten Hochkulturen der Olmeken, Mayas, Inkas und Azteken zu grausamen und kriegerischen Gesellschaften.

Krieg als Resultat der Zivilisation

Diese Theorie stellt fest, dass die Mehrzahl aller Kriege durch die Zivilisation (Vgl. HAAS 1999, S. 14) entstanden. Mit Zivilisation ist das Leben in Ansiedlungen und Städten gemeint. TAYLOR (Vgl. TAYLOR 2009, S. 280) wendet ein, dass es in frühgeschichtlicher Zeit Völker gab, wie beispielsweise die Kreto-Minoer auf der griechischen Insel Kreta oder Bewohner von Catalhöyük in der heutigen Türkei, die eindeutig zivilisiert waren, in Städten wohnten und ein großes funktionierendes Gemeinwesen hatten, aber dennoch sehr friedlich waren. Andererseits stimmt es schon, dass die meisten urgeschichtlichen Menschengruppen gering an der Zahl und friedlicher waren als die meisten patristisch orientierten Hochzivilisationen mit großen Städten, ausgeklügelten Bewässerungssystemen und professionellem Heer. ROUSSEAU war der Auffassung, dass der Mensch sich von der Natur entfremde, wenn er in großen Metropolen lebt. Der Mensch sei schließlich keine Ameise.

Krieg durch menschliches Gehirn

Van der DENNEN ( 1995) vertritt die Auffassung, dass im Gegensatz zum Tierreich das groß entwickelte Gehirn des Menschen dafür verantwortlich ist, dass es eine permanente Option zu kriegerischen Auseinandersetzungen gibt. Van der DENNEN fragt sich, ob es nicht einleuchtend sei, die starke Gewaltanwendung nicht mit dem Tierischen, sondern mit dem menschlichen Gehirn in Verbindung zu bringen, das heißt, mit dem groß ausgebildeten Neokortex, der sich über das Reptiliengehirn und das limbische System später entwickelt hat (Vgl. Van der DENNEN, 2001, S.2 ).

Krieg als Ersatz für Jagd

LENSKI ( 1977 ) stellt die These auf, der Krieg sei erst dann im Massenmaßstab entstanden, als die Männer vom Jäger- und Sammler-Leben zum Ackerbau und Gartenanbau über gegangen sind. Nun hatten die Männer selten Gelegenheit zur Jagd. Der Krieg bot ihnen nun eine Möglichkeit, ihren Mut und ihr Jagdfieber auszuleben.

Krieg durch Planungsfähigkeit

Ken WILBER ( 1996 ) weist darauf hin, dass es die menschliche Fähigkeit des Planens ist, durch die spontane Aggression in lang vorbereitete Kriegshandlung mündet. WILBER ist der Auffassung, dass genetisch an sich eigentlich eine Friedfertigkeit des Menschen vorhanden ist. Erst durch das Planen von Waffenschmieden, Kriegsstrategien und militärischer und politischer Taktik entsteht das spezifische, krankhafte, unmäßige Aggressionspotential, wie man es nur vom Menschen kennt.

Krieg aus Habgier und Machtgelüsten

TAYLOR (Vgl. 2009, S. 283 ff.) führt die Kriegslust der Menschheit unter anderem auf zwei Hauptgründe zurück:

Erstens wurden und werden Kriege geführt, um anderen Völkern ihr Land sowie Hab und Gut zu rauben, durch Eroberung, Plünderung und Besatzung.

Zweitens wurden und werden Kriege geführt, um die Feinde zu besiegen, zu bezwingen und sie zu beherrschen, durch Gefangenschaft und Versklavung. Oftmals eroberten Herrscher Nachbarvölker aus reiner Machtgier, selbst wenn sie bereits wohlhabend genug waren. Bestimmte Kolonialmächte zum Beispiel begannen aus Prestigegründen die Erde zu entdecken, um fremde Kontinente und Inseln zu erobern, weil es gerade Mode war und weil die Entwicklung der Seefahrt, der Bau von seetüchtigen Schiffen technisch möglich geworden war. ROSTOW ( 1967 ) zeigt auf, wie die Weltpolitik von 1500 bis 1900 von einem nationalistischen Wettstreit geprägt war und die Eroberung von Kolonien als Symbol für Status und Macht auf der politischen Bühne angesehen wurde.

Krieg aus Mangel an Empathie

Empathie ist die Fähigkeit, sich in die Lage anderer Menschen oder Lebewesen einzufühlen. Wenn wir das Streben nach Macht, Besitz und Prestige mit einem Mangel an Empathie zusammendenken, dann wird uns die skrupellose Kriegslüsternheit der Menschheit vielleicht etwas einsichtiger. TAYLOR denkt sich eine Ego-Explosion vor rund 6000 Jahren durch Desertifikation in den von DeMEO als SAHARASIA ( Vgl. DeMEO 1998 ) bezeichneten Regionen der Erde. Die Ego-Explosion bedeutet einen Verlust an Altruismus, Sozialität und Empathie und eine Zunahme an Egoismus, Individualismus und Machtgier. Diese Ego-Explosion war verantwortlich für die Zunahme von Kriegshandlungen. Es entstand die Unfähigkeit, sich in das Leid anderer hinein zu versetzen. Deshalb gab es keine Hemmungen mehr, Frauen und Kinder zu töten, Dörfer zu verwüsten und Städte dem Erdboden gleich zu machen. Die Gier nach Macht und Reichtum, nach Herrschertum und Unterwerfung befähigte die Sieger die Besiegten zu vergewaltigen, zu foltern und zu versklaven. André GLUCKSMANN (1978 ) hat darauf aufmerksam gemacht, dass der Begriff “Territorium” die Region meint, in der ein Herrscher seinen “Terror” ausüben kann, also Angst und Schrecken verbreitet.

Krieg aus Langeweile

Eine zunächst unglaubwürdig klingende Theorie führt den Krieg auf die Langeweile der Männer zurück. Durch die Entwicklung eines gesteigerten Egoismus und durch das Patriarchat entfremdeten sich die Menschen immer mehr von der Natur und der glücklichen Weltverbundenheit der Urvölker. Es entstand eine innere Leere und Langeweile und eine Abtrennung von der Wirklichkeit. Vielleicht war das Kriegswesen der Versuch, die Langeweile und das Gefühl der Entfremdung vom wirklichen Sein zu überspielen. Das Kriegshandwerk und die kriegerische Auseinandersetzung diente der Überwindung von Langeweile und Sinnleere der männlichen Lebensentwürfe. Heldentum verhalf den Männern dazu, sich wichtig zu fühlen. PASCAL schrieb schon vor 350 Jahren: “ Die Männer haben nur ein einziges Bestreben: sich vom Nachdenken über das, was sie sind, abzulenken...Aus diesem Grunde finden sie solche Gefallen an der Jagd, weiblicher Gesellschaft , an Krieg und hohen Ämtern” (PASCAL 1966, S.67).

Krieg durch Gemeinschaftserlebnis

PARTRIDGE ( 1919 ) weist darauf hin, dass der Krieg oft ein rauschhaftes Gefühl der Gemeinsamkeit, ein Gefühl, Teil einer großen Gruppe zu sein und mit diesem größeren Ganzen zu verschmelzen. Die Isolierung und Vereinzelung des Individuums wird in einer massenpsychologischen Hysterie anonym für kurze Zeit vergessen. “Du bist nichts, Dein Volk ist alles!” Dieses rauschhafte Gefühl, in der Horde anderer Mitmenschen eine kollektive Identität zu gewinnen, mächtig zu sein, entsteht auch bei Demonstrationen, bei Fußball-Zuschauern und militärischen Massenaufmärschen (Vgl. Ortega y GASSET 1956). Es entstehen in der Kriegsbegeisterung auch Emotionen der Verschmelzung wie auf Kirchentagen, in der Liebe zwischen zwei Menschen und beim Kunstgenuss, zum Beispiel im Theater oder in der Musik-Konzert-Halle.

Krieg durch Sexualunterdrückung

Wilhelm REICH (Vgl. “Die Funktion des Orgasmus”, 1927; “Charakteranalyse”, 1933; “Massenpsychologie des Faschismus”, 1933 ) zufolge speisen sich Lustmord und Kriegslust aus unterdrückter Liebes- und Sexualenergie. Wenn ein gesundes Geschlechtsleben mit regelmäßiger Spannungsabfuhr im Orgasmus, besonders beim Manne, durch negative Sexualmoral nicht gewährleistet sei, bauen sich im Inneren des unterdrückten Menschen bio-energetische Spannungen wie Frustrationen und rebellische Impulse und Hass auf die Gesellschaft auf. Durch lebenslange Unterdrückung der Sexualität des Menschen von klein auf in patristischen Gesellschaften werden sekundäre Partialtriebe wie sadistische und destruktive Tendenzen maßlos verstärkt und suchen nach einem Ventil. Der Krieg bietet mannigfaltige Gelegenheiten zum Foltern, Vergewaltigen, Plündern und Töten. PRESCOTT ( Vgl. 1974, 1975 ) arbeitete kulturanthropologisches Datenmaterial über 400 Naturvölker auf und erkannte dabei auf Zusammenhänge zwischen sexueller Freizügigkeit und Gewaltpotential. PRESCOTT entdeckte, dass Kulturen, in denen Säuglinge lange gestillt, Kinder liebevoll behandelt und Jugendlichen freizügige voreheliche Sexualität gewährt wurde, außerordentlich friedfertig waren. Falls diese Gesellschaften selten einmal Krieg führten, dann verjagten oder töteten sie ihre Gegner im Kampf. Quälereien und Folterungen von gefangenen Feinden waren unbekannt. Im Gegensatz zu den patristisch verfassten Kulturen, in denen Kinder einen Mangel an körperlicher Lust ertragen mussten und innerpsychisch ein hohes Destruktionspotential entwickeln mussten, bereitete es den friedvollen Kulturen keinen Genuss, hilflosen Gefangenen Qualen und Schmerzen zuzufügen.

Krieg durch Viehzucht und Karnismus

Im Folgenden wird eine weitere, eigene Hypothese des Verfassers des vorliegenden Textes vorgestellt. Es scheint, dass ein wesentlicher Schub zur Entwicklung einer Kriegs(un)kultur durch die Entstehung von Viehzüchter-Gesellschaften zu vermuten ist. Hatten die Menschen zuvor noch kein lineares Zeitempfinden und nur einen rudimentären Kalender, so veränderte der Kalender und das lineare Zeitbewusstsein in Verbindung mit der Viehzucht die Einstellung zur Frau. Zuvor war die Frau hoch verehrt als Schöpferin neuen Lebens. Der Zusammenhang zwischen Begattung und Geburt nach neun Monaten war nicht bekannt. Durch Kalender und Viehzucht änderte sich dies. Die Viehzüchter machten die Beobachtung, dass erst das Decken der weiblichen Herdentiere nach einer gewissen Zeitspanne zur Geburt von Nachwuchs führte. Diese Erkenntnis übertrugen sie durch Analogiebildung auf die menschlichen Fortpflanzungsumstände. Die Viehzüchter erkannten: Ohne Begattung der Frau und ohne männlichen Samen, neun Monate später keine Geburt!

Dieser biologische Erkenntnisfortschritt der Viehzüchter-Gesellschaften führt zur Entwertung der Frau und Mutter und zur omnipotenten Aufwertung des männlichen Teils der Gesellschaft. Diese Entwicklung sollte zusammengedacht werden mit der Entstehung von Herzlosigkeit, Rohheit und Skrupellosigkeit beim häufigen Schlachten der Herdentiere und der Haupternährung durch Fleisch. Noch heute gibt es “Beefsteak a la Tartar” in der Speisekarte vieler Restaurants. Berittene Reitervölker aus den Steppen Asiens, der Mongolei und Ungarns platzierten ein Stück Fleisch unter ihre Sättel, um es mürbe zu reiten. Vielleicht macht es auch einen Unterschied, ob Völker sich überwiegend durch Garten- und Landbau-Produkte ernähren oder ob sie täglich rohes oder halb durchgegartes Fleisch verspeisen, bei gleichzeitigem Mangel an vitaminreicher Gemüse- und Früchte-Kost. Zweifellos steckt im Fleisch geballte Protein-Energie. Ein neu kreierter Begriff des Karnismus untersucht die kultur-relative Einstellung zum Fleischverzehr( Vgl. JOY 2012).

Es scheint zunächst ungewohnt, Essgewohnheiten mit Charakterzügen ganzer Völker in Verbindung zu bringen. Interessante Einblicke in die Wirkung verschiedener Konsumgüter am Beispiel der Pflanzen bietet STORL ( Vgl. STORL 2010 ). So hängt das gesellschaftliche und wissenschaftlich-technische Erwachen Europas seit 1500 bis hin zur Epoche der Aufklärung vielleicht mit dem Import und Konsum von Tabak und Kaffee zusammen, Wer weiß, vielleicht hatte die Friedensbewegung der Hippies in den 1968ern ja auch eine Beziehung zur Hanfpflanze, deren Genuss zur Friedlichkeit und Lebensliebe beitragen soll.

Es ist eine weitere, bereits weiter oben beschriebene Hypothese, dass die Entstehung verstärkt kriegerischen Verhaltens unter anderen Faktoren etwas mit den Viehzucht-Kulturen, den Hirtenvölkern zu tun hat. Während es sehr früh noch keine Vorstellung von einem linearen Zeitablauf gab und deshalb die Mütter verehrt wurden, machten die Viehzüchter die Beobachtung, dass nach dem Decken der brünftigen Herdentiere nach berechenbarer Zeit der Nachwuchs geboren wurde. Ohne Decken durch die männlichen Herdentiere kein Nachwuchs. In Analogie zur menschlichen Fortpflanzung wurde nun die Rolle des Mannes bei der Befruchtung der Frau entdeckt und gefeiert. Außerdem wurden die Herdentiere häufig als Nahrungsmittel und als Opfergaben geschlachtet. Schlachten der Tiere, Bluten und Töten wurden alltäglich. Die Frauen bereiteten aus dem Fleisch der Tiere Gerichte. Die Männer töteten häufig. Sie wurden dem Töten von Herdentieren und Menschen gegenüber verroht, abgebrüht, barbarisch. Der Hauptbestandteil der Nahrung wurde Fleisch im Überfluss, zum Teil noch blutig roh. Beefsteak a la Tartar bedeutet, dass ein rohes Fleischstück unter dem Sattel oder unter dem Gesäß mürbe geritten wird. Zudem wurden die Viehzüchter mobil, um immer neue Weidegründe zu finden. Dabei wurden die Männer hervorragende Reiter und Kämpfer, die oft Tausende von Kilometern durchquerten. Durch die geballte Fleischkost waren diese Viehzucht-Völker sehr aggressiv, vital und fruchtbar. Zur Zeit der Völkerwanderung zwischen 300 und 600 n. Chr. in Europa kamen Hunderte, immer neue, andere, unterschiedliche Reiterheere aus der Mongolei, aus Ungarn, aus Asien und überrannten letztendlich sogar das West-Römische Imperium. TAYLOR ( TAYLOR 2009, S. 113) nennt viele dieser Hirtenvölker beim Namen, die Vandalen, Goten, Franken, Hunnen und Awaren usw.. DSCHINGIS KHAN ist ja so ein berühmter Anführer, über den es sogar Pop-Songs bis in die Neuzeit gibt. - Auch China hat seine Große Mauer gegen einfallende Reiterhorden aus der Mongolei errichtet.

Gegenwart zwischen Krieg und Frieden

Die Apokalypse eines drohenden Atomkrieges haben die Menschen Europas vor wenigen Jahrzehnten zu Hunderttausenden zu Protesten gegen die Aufstellung neuer Mittelstreckenraketen in Deutschland mobilisiert und zu massenhaften Demonstrationen für Frieden und Abrüstung geführt. Sicherlich spielt dabei als Auslöser die Angst vor dem atomaren Inferno eine Rolle, aber vielleicht haben die Bemühungen um Friedenserziehung in Elternhaus, Kindergarten und Schule ihren positiven Beitrag zur Entstehung der Friedensbewegung geleistet.

Aus negativer Weltsicht haben die kriegerischen patristischen Kulturen in 6000 Jahren beinahe den gesamten den Erdball erobert. Die um 4.000 vor Chr. infolge von Wüstenbildung und Hungersnöten aus ihrer Heimat in Zentralasien und dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus der Sahara geflohenen Völker haben ihr auf Hierarchie und Gewalt basierendes patristisches Wertesystem allüberall den einstmals friedliebenden und altruistischen Naturvölkern aufoktroyiert. Der Herrschaftseinfluss der Indo-Europäer ist daran abzulesen, dass rund die Hälfte der Weltbevölkerung sich indo-europäischer Sprachen bedient. Hinzu kommen semitisch-arabische Völker, Chinesen, Japaner und Koreaner sowie die Turk-Völker und die finnisch-ugurisch sprechenden Völker. Zusammen machen diese ursprünglich aus der SAHARASIA-Region stammenden Völker bereits den größten Teil der Weltbevölkerung aus. In krassem Widerspruch dazu sind die Naturvölker dieser Erde ausgerottet und zurückgedrängt, kulturell überformt worden und bilden nur noch eine permanent schrumpfende Minderheit.

Globaler Rückgang von Gewalt und Krieg

Eine andersgeartete, positive Interpretation der Evolution findet sich hingegen bei PINKER (2011). Für Steven PINKER sind Krieg und Gewalt in Politik und Gesellschaft insgesamt gesehen auf dem Rückzug. Noch nie in der bisherigen Geschichte der Menschheit haben Gewalt, Mord und Krieg eine so geringe Rolle gespielt wie in unserer Gegenwart. Trotz Erstem und Zweiten Weltkrieg mit seinem unvorstellbarem Leid, den Millionen von Kriegsopfern, dem Holocaust, den Atombombenopfern von Hiroshima und Nagasaki, trotz Bürgerkrieg in Jugoslawien, Krieg im Irak, in Afghanistan, Bürgerkrieg in Syrien glaubt PINKER an einen globalen Rückgang von Gewalt und Krieg.

Der Evolutionspsychologe Steven PINKER hat die These aufgestellt, dass Krieg und Gewalt weltweit abnehmen. PINKER von der amerikanischen Harvard University widerspricht in seinem Werk "Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit" (Vgl. PINKER 2011) der weit verbreiteten Meinung, dass die alten Zeiten gute Zeiten gewesen seien, und dass Grausamkeit, Krieg und Völkermord Erfindungen der Neuzeit seien. Welch ein Irrtum, schreibt PINKER: Gewalt, Grausamkeit und Kriegslust seien über lange Zeiträume immer weiter zurückgegangen. Tatsächlich dürften wir in der friedlichsten Epoche leben, die die menschliche Spezies jemals erlebt hat.

Die Aussage ist zunächst überraschend, da sie von einem evolutionär ausgerichteten Forscher kommt, der annimmt, dass die Fähigkeit des Menschen zur Gewalt eigentlich auf einer stammesgeschichtlichen Anpassung beruht. Ausführlich beschreibt PINKER die Neurobiologie des menschlichen Wutsystems, das sich seit Savannen-Zeiten nicht geändert habe und im Laufe seiner etwa 200.000-jährigen Geschichte viele hundert Millionen Todesopfer gezeitigt habe. PINKER zufolge entwickelte die Menschheit, das heißt insbesondere der männliche Teil der Menschheit, im Laufe ihrer Entwicklung außerordentlich viel Phantasie, um immer wieder neue Folterinstrumente und Waffen zu erfinden.

Dämonen und Engel der Evolution

Fünf "innere Dämonen" skizziert PINKER, die Männer zu Aggression, Destruktion und Sadismus verleiten. Erster Dämon ist die Gewalt als Mittel zum Zweck. Zweites dämonisches Motiv ist das Streben nach Dominanz und Herrschaft über andere. Als weiterer psychischer Dämon muss die Rachsucht und die Blutrache in Betracht gezogen werden. Ein besonders grausamer Dämon reizt Männer zu sadistischen Freuden an den Qualen des Opfers. Schließlich waltet ein dämonischer Wahnsinn, der sich durch religiöse und politische Weltanschauungen zu legitimieren versucht.

Angesichts derart vieler Gründe für den Einsatz von Schwertern, Spießen und Feuerwaffen bis hin zu Atomraketen erscheint es PINKER nur allzu deutlich, dass die Geschichte der Menschheit von Homozid und Genozid begleitet wurde. Forensische Archäologen hätten genügend Pfeilspitzen in Knochen und gespaltene Schädel ausgegraben, um die Ansicht zu widerlegen, dass prähistorische Gesellschaften friedlich gewesen seien. PINKER widerspricht damit anderen Autoren wie MALINOWSKI ( 2011 ), DeMEO (1999 ) und TAYLOR ( 2009 ), die eine friedliche, matristische Urgeschichte der Naturvölker annehmen.

PINKER hat errechnet, dass die Angehörigen nichtstaatlicher Naturvölker mehrere Tausend Jahre vor Christus mit einer Wahrscheinlichkeit von 15 Prozent damit rechnen mussten, einer Gewalttat zu erliegen. Noch die heute existierenden Jäger-und-Sammler-Gesellschaften in Amazonien oder Neuguinea erreichen angeblich ähnliche Raten. Im weltweiten Durchschnitt des 20. Jahrhunderts hingegen sei diese Wahrscheinlichkeit auf einen Wert unter ein Prozent gesunken. Dies sei eine Erfolgsgeschichte der Menschheit hin zu Gewaltlosigkeit, Friedlichkeit und Menschenrechten.

Begonnen habe diese Geschichte mit der Entstehung der ersten Staaten, etwa im Antiken Ägypten oder im präkolumbianischen Amerika. Zwar waren die Azteken in Mexiko auch sehr grausam gewesen. So opferten die Priester dieses Volkes um 1500 n. Chr. immer noch 40 Menschen am Tag, denen sie das zuckende Herz aus der Brust schnitten. Aber allein dadurch, dass nun der aztekische Staat das Gewaltmonopol beanspruchte, gab es weniger Überfälle und Morde. Die Opferquote unter der aztekischen Bevölkerung sank auf fünf Prozent. Im Übrigen gibt es interessante Hypothesen des Schweizer Erfolgsautors van DENEKEN, der den Kult des aztekischen Herzopfers als Cargo-Kult interpretiert: Hochentwickelte Außerirdische hätten in grauer Vorzeit die Erde besucht und Herzoperationen praktiziert, die von den rückständigen Indios auf unverstandene, grausame Weise nachgeahmt wurden.

Dennoch hatte wohl keiner dieser frühen Staaten eine Idee von Menschenrechten, schon gar nicht die vom religiösen Wahnsinn befallenen Königreiche des europäischen Mittelalters. PINKER gibt eine Übersicht, wie bis in die frühe Neuzeit hinein Menschen gefoltert, ausgeweidet, gevierteilt, gepfählt oder verbrannt wurden.

Grausamkeit, Folter und Sadismus

Im Mittelalter wurde das Foltern nicht versteckt, geleugnet oder schöngeredet. Sondern die Folter war eine Form der öffentlichen Bestrafung, die kultiviert und gefeiert wurde ( Vgl. HERRMANN 2004; vgl. FOUCAULT, Überwachen und Strafen, 1977; vgl. TAYLOR 2009).

Menschen wurden zum Beispiel an den Füßen aufgehängt und in zwei Hälften gesägt oder im Inneren eines eisernen Käfig, dem sogenannten eisernen Stier, geröstet. Die Schreie des Sterbenden aus dem Maul des Tieres klangen wie das Brüllen einer Bestie. Interessant ist die Stiergestalt des Folterkäfigs, erinnert er doch an den Stierkampf in Spanien und daran, dass das Rind und der Stier in Ägypten als ein heiliges Tier angesehen wurde und bis heute in Indien als heilig gilt. Mehrere Staaten tragen die Mondsichel in ihrer Nationalflagge. Das Symbol der Sichel wird heute oft nur als Erntewerkzeug des Getreidebauern angesehen. In der Frühzeit wurde nach dem Prinzip der Ähnlichkeit der Erscheinungen die Sichel des abnehmenden und zunehmenden Mondes als Hörner des Stieres oder des Rindes interpretiert. In südlichen Breitengraden ist die Mondsichel horizontal liegend zu sehen, anders als in nördlichen Regionen der Erde. Zudem dürfte die Verbrennung von Opfern in Käfigen bei lebendigem Leibe ein von den Karthagern nach Europa exportiertes grausames Ritual sein, der scheußliche Kult des Menschenopfers des kathargischen Saturn, der zum keltischen Teutates wird ( Vgl. HUGO 1982, S. 44 ).

Bei den Frauen lebten die Folterknechte und die im Zölibat lebenden Mönche und Priester als Zeugen der Verhöre und der Folterungen ihren sexuellen Sadismus aus (Vgl. BEHRINGER 2002; vgl. HAUSCHILD u.a. 1979; vgl. KUNZE 1982; vgl. ROPER 2007; vgl. RUMMEL u.a. 2008; vgl. HEINSOHN u.a. 1979, 1985 ) . Nach Vergehen wie Ehebruch, Gotteslästerung oder Sex mit dem Satan als angebliche Hexe schob man ihnen häufig eine sogenannte Birne in die Vagina, den After oder den Mund. Dieses Folterinstrument ist ein dreigeteilter hölzerner oder metallener Kolben mit Spitzen am Ende. Dieser wurde über einen Schraubmechanismus gespreizt und zerriss das Opfer innerlich ( Vgl. HALUPZOK 2012; vgl. HABERLE 1985; vgl. MORUS 1956; vgl. KENTLER 1984; vgl. LEVACK 1998; vgl. PIAT 1984; vgl. KRAMER 1978; vgl. HEXENWAHN 2002; vgl. USSEL 1970, vgl. WIKIPEDIA, Stichwort: Hexen 2013).

Prozess der Zivilisation

Es sei ein Wunder der Geschichte, dass die Menschheit es in weiten Teilen der Welt geschafft hat, sich von derart systematischer Grausamkeit zu befreien, schreibt PINKER. Es sei das Werk von fünf "besseren Engeln", die diesen Weg begleitet hätten. Einer der Engel wirke in der Machtkonzentration, dem Gewalt- und Terror-Monopol der Staatenbildung, das zur inneren Befriedung des Territoriums führe. Der zweite Engel lenke das Geschick der Menschheit durch Wirtschaft, Wohlstand und den friedlichen Handel. Ein dritter Engel bediene sich des zunehmenden sozialen und altruistischen Einflusses der Frauen. Ein vierter Engel fördere die wachsenden Fähigkeit zur Empathie selbst mit fremden und entfernten Menschen. Der fünfte Engel schließlich befördert durch Alphabetisierung und Buchdruck die Kräfte der Aufklärung, der Vernunft und der Idee der unveräußerlichen Menschenrechte. Es sei der "Prozess der Zivilisation" wie er von Norbert ELIAS (Vgl. ELIAS 1939, 1976) beschrieben worden ist.

Ausführlich beschreibt PINKER, wie dieser Prozess das Leben der Menschen befriedet hat, wie Folter und Todesstrafe lautlos verschwanden, die Zahl der Morde und im langfristigen Trend auch die der Kriegstoten sank. Wie es plötzlich verboten war, selbst die eigenen Ehefrauen zu vergewaltigen und Kinder blau zu prügeln; wie Homosexuelle Rechte bekamen und sogar das Leid der Tiere ernster genommen wurde.

Dabei ging es nicht nur um eine bewusste moralische Haltung, sondern auch um eine spontane Veränderung der Gefühle: Es sei heute einfach nicht mehr vorstellbar, dass sich geistig gesunde Menschen daran ergötzen, dass auf einer Bühne Katzen bei lebendigem Leibe langsam in einem Feuer verbrannt werden, was im 16. Jahrhundert eine beliebte Volksbelustigung war.

So erfrischend optimistisch und plausibel die Argumentation PINKERs in weiten Teilen auch klingt, so hat sie auch Schwächen. Einige Sozialwissenschaftler kritisieren PINKERs manchmal wenig ausgeprägte Bereitschaft zur Quellenkritik: Da werden Gewaltschilderungen der Ilias von HOMER und des Alten Testaments, ja sogar Szenen aus dem Mafia-Opus "Der Pate" wie Augenzeugenberichte übernommen.

Überraschend ist es, mit welcher dünnen Quelle PINKER eine seiner größten Provokationen belegt, dass nämlich der Zweite Weltkrieg mit geschätzten 55 Millionen Opfern lediglich im Mittelfeld der großen Gewaltkatastrophen der Geschichte liege. Betrachte man nicht die absolute Zahl der Opfer, sondern die relative, gemessen an der jeweiligen Weltbevölkerung, stünde der An-Lushan-Aufstand während der Tang-Dynastie im China des 8. Jahrhunderts mit 40 Millionen Todesopfern an der Spitze. Es werden Zweifel an PINKERs statistischem Ansatz angemeldet: Sind Angaben über die Größe der Weltbevölkerung im 8. Jahrhundert brauchbar? Lässt sich aus uralten Chroniken tatsächlich der Blutzoll der Mongolenstürme des 13. Jahrhunderts ablesen?

Wie schwierig die Erhebung statistischer Daten in Zeiten des Krieges sogar in der Gegenwart ist, zeigt sich am Beispiel des Iraks. So streiten Forscher, ob in diesem Krieg während der Jahre 2003 bis 2006 eher 48.000 oder 650.000 Menschen umkamen, wie es in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet vertreten wird. Britische Forscher widersprechen der These PINKERs zumindest für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts und folgern, dass es derzeit keine Evidenz gibt, dass in letzter Zeit die Zahl der Kriegstoten zurückgegangen sei. Die Zahl der Kriegsopfer sei immer eine hochpolitische Frage. PINKERs Thesen sind als Herausforderung für den Kulturpessimismus vieler Gewalttheoretiker zu begrüßen. Zwar nehme die Zahl der Kriege und Bürgerkriege derzeit ab, wenn man sie klassisch definiert als militärische Konflikte zwischen und in Staaten mit mehr als 1000 Toten pro Jahr. Doch wie verhält es sich mit den neuen unübersichtlichen Konflikten in Afrika und im Mittleren Osten, die manche Forscher die "Neuen Kriege" nennen und wo kaum brauchbare Daten existieren?

Epoche des Neuen Friedens

PINKER ruft dennoch die Epoche des Neuen Friedens aus. Bürgerkriege, Völkermord, Unterdrückung durch selbstherrliche Regierungen und terroristische Anschläge seien auf der ganzen Welt seit dem "Langen Frieden" von 1945 bis 1989 zurückgegangen. Sämtliche statistischen Tendenzen zeigen nach unten, und immer noch würden in den USA mehr Menschen durch häusliche Brände durch unvorsichtiges Zigarettenrauchen sterben als durch Terrorismus.

Die Behauptung, dass die Neuen Kriegen 80 bis 90 Prozent zivile Opfer forderten, sei unzutreffend , schreibt PINKER, zudem sei die Zahl der Opfer insgesamt geringer als beim Kampf staatlicher Armeen, schon wegen der schlechten Bewaffnung. So einfach sei es nicht, widersprechen Experten. So ließen sich Kombattanten und Zivilisten im Kongo oder in Somalia oft nicht auseinanderhalten, weil sie ihre Rollen ständig wechselten. Und auch mit primitiven Waffen seien entsetzliche Massaker möglich. Das haben die afrikanischen Hutu mit ihren Macheten in Ruanda gezeigt.

Dennoch trifft es wahrscheinlich zu, dass die Welt friedlicher geworden ist als sie es in der Vergangenheit war, zumindest in Europa. Europa sei die Phalanx der Friedensliebe. Wenn sich PINKERs Thesen bestätigen sollten, wächst die Hoffnung, dass die Menschen und besonders die Männer trotz ihrer immer zur Gewalt fähigen Natur angenehmere Lebewesen werden können. Insgesamt leistet PINKERs Buch einen optimistischen Beitrag zur Friedenskultur, Friedensbewegung und Friedenspädagogik.

1.3 Unmensch oder Mitmensch

Gotteskomplex und Kriegsgefahr

Horst-Eberhard RICHTER hat in seinem 1982 erschienenen Werk „Zur Psychologie des Friedens“ zahlreiche Voraussetzungen der Friedenserziehung erörtert. Schwerpunktmäßig geht es ihm zunächst um die Herausarbeitung der psychologischen Bedingungen der Unfriedlichkeit. Unter anderem analysiert RICHTER den Gottes-Komplex, die Vergötterung der Vernichtungswaffen und den Kult der Maskulinität.

In seinem kulturpsychologisch-psychoanalytischen Hauptwerk "Der Gotteskomplex" stellte RICHTER 1979 die Hypothese auf, dass der Mensch in der westlichen Kultur als Ersatz für die entschwindende Glaubenssicherheit den naturwissenschaftlich-technischen Fortschritt zu einer Heilsidee erhoben habe, in der religiöse Sehnsucht und eigene Allmachtshoffnungen verschmelzen. Horst Eberhard RICHTER beginnt sein Buch „der Gotteskomplex“ mit dem Beispiel eines intellektuell wachen Kindes, welches ab einem gewissen Zeitpunkt den Eltern nicht mehr traut. Dieses Misstrauen verursacht im Kinde Angst. Um diese Angst zu meistern, muss das Kind alles unter seiner Kontrolle bekommen. Gleichzeitig entwickelt es um seine Person Allmachts-Phantasien. Sein Verhalten steht in keinem Verhältnis zu seinem effektiven Können und seinen Möglichkeiten.

Ähnliches ist beim europäischen Menschen geschehen. Im Mittelalter befand sich der Mensch angeblich in der Geborgenheit Gottes. Doch das Misstrauen gegenüber Gott wuchs, nicht nur aus Angst, von Gott nicht genügend gehalten zu werden, sondern auch aus Sorge vor dem bösen, strafenden Gott. Diese Sorge wurde genährt durch die Prädestinationslehre AUGUSTINs, nach der niemand gewiss sein kann, ob er erlöst werde oder für die Erbsünde büßen müsse. Der Konflikt zwingt den Menschen, sich mit Gott zu identifizieren, um dem Problem auszuweichen. Ein schönes Beispiel dafür sei DESCARTES mit seinem berühmten Satz „Cogito, ergo sum - Ich denke, also bin ich!“ Horst E. RICHTER sieht darin eine intuitive Entscheidung, in der das Ich seine Selbstgewissheit obenan setzt und somit Gott entmachtet. Aber die Angst vor der Rache Gottes für diese Entmachtung ist bei DESCARTES noch so groß, dass er alle Mühe darauf verwenden musste, die ungeheure Anmaßung des individuellen Ich nicht nur als Gott gewollt, sondern geradezu als von Gott her bestimmt zu interpretieren. Er führt die Idee, von der individuellen Selbstgewissheit alle weiteren Erkenntnisse ableiten zu können, ursächlich auf Gott zurück: Die höchste Klarheit und Deutlichkeit, mit der das individuelle Ich seiner selbst bewusst ist, könne nur von Gott dem Menschen eingegeben worden sein. Und da Gott gut sei, müsse auch alles wahr sein, was an ähnlich klaren und deutlichen Vorstellungen im Ich vorhanden ist. Denn der gute Gott könne uns ja nicht täuschen wollen. Horst E. RICHTER folgert daraus: „In Wirklichkeit vertraut dieser Beweis nicht auf Gott, sondern auf die Unfehlbarkeit des eigenen Intellekts“.

Wenn sich das europäische Ich mit dem göttlichen Vater identifiziert, hat er auch die gleiche Struktur wie dieser. Und das heißt dann auch die gleichen Problemen. Und wie die Probleme aussehen, die Gott hat, können wir im Alten Testament nachlesen: Er ist der Schöpfer seiner Welt, eine andere Welt duldet er nicht. Und in seiner Welt ist er Herrscher und setzt seine Normen brennend und mordend durch. Wie Michael KUNZE (Vgl. "Straße ins Feuer", Basel 2001 )in seiner Interpretation zu Ezechiel 16 zeigt, bekämpft er das archetypisch Weibliche, dessen fascinosum-tremendum Gott nicht gewachsen ist. Und genau dieses Problem hat auch der Abendländer. Nehmen wir zum Beispiel seine Frauenfeindlichkeit, die von Beginn der Neuzeit bis weit ins 20. Jahrhunderts dauerte. Doch auch sein Verhältnis zur Natur und zur Welt, beides in seiner Seele Symbole der Großen Mutter, sind Ausdruck dieser fascinosum-tremendum: Er will die Natur erforschen und durch seine Technik beherrschen, er schafft sich seine Welt und zerstört dabei gleichzeitig die ihn tragende Natur.Diese Grundidee hat RICHTER in der philosophisch-zeitkritischen Studie "Als Einstein nicht mehr weiterwusste" 1997 weiterentwickelt. 2002 folgte der Band "Das Ende der Egomanie", in dem RICHTER in Weiterführung der Kerngedanken aus dem "Gotteskomplex" die Gefahr darlegt, dass der nach Selbstvergöttlichung strebende Egozentrismus als Antrieb der westlichen Kultur das gegenseitige Auf-einander-Angewiesensein aus den Augen verliere. Das Streben nach vollständiger Unabhängigkeit durch Eroberung einzigartiger militärischer, wirtschaftlicher, wissenschaftlich-technischer Überlegenheit erweise sich, wie der 11. September 01 und die jahrelange Kette von Gewalt und Gegengewalt in Israel/Palästina belegten, als illusionär und verhängnisvoll. Denn die Verzahnung wechselseitiger Abhängigkeit bestehe auch zwischen den Mächtigsten und den Ohnmächtigsten fort. Gegen die Verletzbarkeit durch Selbstmordattentäter schütze keine Waffen-Übermacht. RICHTER sieht als einzige Chance zu längerfristiger Befriedung die Arbeit an einer gerechteren Weltordnung in gegenseitiger Achtung, um Armut und Erniedrigung als Quellen von Hass und Terror abzubauen.

Krise der Männlichkeit

Mit seinem Buch »Die Krise der Männlichkeit in der unerwachsenen Gesellschaft« hat Horst-Eberhard RICHTER eine neue streitbare Analyse vorgelegt. Der Mitbegründer der Deutschen Sektion Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs konstatiert am Beginn des 21. Jahrhunderts ein Schwinden der Menschlichkeit in der wissenschaftlich-technischen Revolution auf der einen Seite – und gleichzeitig den Verlust der männlichen Dominanz in der Gesellschaft auf der anderen. Daraus ergeben sich für ihn Fragen, wie unter diesen Umständen ein friedliches Zusammenleben künftiger Generationen möglich sein könnte und wie sich das männliche Selbstbild verändern muss, um im gesellschaftlichen Wandel zu bestehen. Das Buch gliedert sich in drei Teile: Im ersten geht es vor allem um die Charakterisierung des Status quo, die – laut RICHTER – zunehmende Militarisierung der Politik, den Verlust moralischer Skrupel angesichts einer Anonymisierung des Todes und eine fortschreitende Herzlosigkeit der Wissenschaft. Prominente Zeugen dafür werden in Michail GGORBATSCHOW, Robert McNAMARA oder auch Andrej SACHAROW gefunden.

Im zweiten Teil sucht RICHTER nach den historischen Ursachen des Gotteskomplexes von der Umwandlung des antiken Frauenbildes durch die Kirche bis hin zu Hexenverfolgung. Die Verdrängung femininer Werte in der Gesellschaft, so RICHTER, führe direkt hinein in die kulturelle Krise der männlich dominierten Gesellschaft. Mit realen Symptomen wie verdrängten Sexualängsten (bis hin zur Impotenz) auf der einen oder kritiklosen Allmachtsphantasien auf der anderen Seite. Die Folgen für die Gesellschaft sind verheerend: »Im Zeitalter des egozentrischen Machtwillens ist der Drang des männlichen Ichs gewachsen, seine Energie für die Konkurrenz um Herrschaft für sich zu reservieren. Die Frau symbolisiert den Energieabzug für Liebe, Familie, Gemeinschaft, für Hingabe, Aufopferung, Mitgefühl.«

Im dritten Teil kritisiert RICHTER verschiedene Strömungen der Neuzeit. Beispielsweise den Wettlauf um die gigantischste Hochhausarchitektur, aber auch die ungezähmte Sucht nach Extremsportarten als Flucht aus der Realität. Schlussfolgerung: »Das sichtbare Leiden der Frauen ist die unsichtbare Krankheit der Männer.«Dass das Buch dennoch mit hoffnungsvollem Ausblick endet, zeugt von RICHTERs unerschütterlichem Glauben an den Sieg der menschlichen Vernunft.

Das Misslingen einer gerechten Globalisierung, das Festhalten an der atomaren Bedrohung und die Verdrängung der Infizierbarkeit durch das Virus destruktiver Massenbewegungen sind unbewältigte Erbschaften aus dem 20. Jahrhundert. Spitzenforscher warnen vor der Ausbeutung der eigenen Errungenschaften im Dienst von Geld und Macht. RICHTER zeigt am Beispiel von Schlüsselfiguren, wie das Ringen um innere Einheit oder Spaltung, um Versöhnung oder Gewalt, um Ergebenheit oder Bemächtigung und um das Verständnis von Männlichkeit und Weiblichkeit von der Antike bis in die Gegenwart hinein verlaufen ist. Wie ist es zu dem Umschlagen von Gott-Haben zu Gott-Sein-Wollen gekommen? Wie zu der Illusion, dass männliches, auf die Wissenschaft gestütztes Allmachtsstreben durch Entsorgung von Empfindsamkeit und Mitgefühl bei der Frau ausbalanciert werden könne? Diese Illusion ist geplatzt. Die Frau wurde zur ebenbürtigen Rivalin. Aber noch lässt sich die Männerwelt von Anführern leiten, die mit Kriegen nach Drachentöter-Manier uralte Entmännlichungsängste zu besiegen versprechen.

Die Amerikaner taufen ihre gewaltigen Raketen, die mit den massenmörderischen Atomsprengköpfen bestückt werden, auf die Namen antiker z.B. germanischer, griechischer und römischen Gottheiten. RICHTER hält es für einen gotteslästerlichen Größenwahn, dass die Männergesellschaften der Industrie-Zivilisationen nun selbst z.B. ATLAS, PLUTO, THOR, TITAN, NIKE, HERKULES und POSEIDON in den Himmel schicken und mit ungeheuren Todesenergien beladen können. Man berauscht sich an der Vorstellung, dass allein die Poseidons eines einzigen U-Bootes genügen würden, alle Großstädte und mittleren Städte der gegnerischen Macht zu zerstören. Verdrängt wird dabei, dass die scheinbare Macht des Sieges in Wirklichkeit die Macht zur Ausrottung allen menschlichen und natürlichen Lebens auf unserem Erdball ist. Die Vergötterung der modernen Vernichtungswaffen kann aus tiefenpsychologischer Sicht als Relikt der phallischen Phase der frühkindlichen Entwicklung gedeutet werden. In einem Dokumentar-Fernsehfilm aus den Siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts werden westdeutsche Soldaten gezeigt, die in den USA den Abschuss von Raketen trainieren. Eine Rakete wird gestartet und man sieht, wie die Bedienungsmannschaft wie ein Fußballteam nach geglücktem Torschuss in hellen Jubel ausbricht. Begeistert reißen die Soldaten die Arme hoch, während sie der gestarteten Rakete nachblicken, die wie ein Feuer speiendes Ungetüm mit kometenhaftem weißem Rauchschweif in den Himmel fliegt.

Tierschutz und Tierrechte

Aus historischer Sicht finden sich frühe Tierschutz- und Tierrechts-Gedanken bei dem indischen Weisheitslehrer Vardhanmana MAHAVIRA ( 599-527 v. Chr.) in seinem Jainismus. MAHAVIRA predigte Mitgefühl für alle Lebewesen einschließlich der Tiere und sogar der Insekten. Gewaltlosigkeit und Nichtverletzen aller Lebewesen wurde so extrem gelebt, dass die Mönche dieser Lehre des Jainismus Wasser vor dem Trinken filtern und einen Mundschutz tragen, um nicht versehentlich ein Insekt zu verschlucken. Auch fegen sie mit einem Besen den Weg vor sich frei, um nicht versehentlich ein kleines Kriechtier zu zertreten.

Zu erinnern ist auch an den Heiligen FRANZISKUS von Assisi, ein Vorläufer der heutigen Tierrechts-Aktivisten. Diese Lehren bildeten aber nur Ausnahmen, denn in patristischen Gesellschaften war es an der Tagesordnung, Tiere zu quälen.

Noch bis ins 18. Jahrhundert gab es in Europa die Unsitte, Katzen aus großer Höhe hinunterzuwerfen oder zusammen mit Hexen lebendig zu verbrennen. Hahnenkämpfe waren und sind heute noch auf den Philippinen weit verbreitet. Rattenjagden, bei denen Wetten abgeschlossen wurden, wie viele Ratten ein Terrier in wenigen Minuten töten könnte, waren sehr beliebte Vergnügungen. Der Stierkampf in Spanien war noch bis vor wenigen Jahren ein Volkssport. Außerdem gab es Bärenhatzen, bei denen der Bär zum Kampf ums Überleben in eine Arena mit mehreren Kampfhunden gesperrt wurde. Auch gibt es persönliche Mitteilungen einer Lehrer-Studentin, die in Palästina gearbeitet hat, dass es ein üblicher Spaß der Knaben und Jünglinge war, Katzen an Bäume und Bretterwände zu nageln.

In der Bibel findet sich eine eher anthropozentrische Einstellung zum Tier:

Im Ersten Buch Mose Kapitel 1, Vers 26, wird der Mensch als Herrscher über das Tierreich eingesetzt, nicht als Freund oder Mitgeschöpf:

„Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.“

Im modernen Europa und Amerika ist ein gewisses Maß an Mitgefühl, an Empathie für Tiere entstanden und immer mehr Menschen engagieren sich für Tierschutz- und Tierrechtsbewegungen und werden sogar Vegetarier oder Veganer. Die vegetarische Ernährungsweise findet immer mehr Anklang, weil in vielen Menschen die Einstellung wächst, dass auch Tiere ein Recht auf ein artgerechtes friedliches Leben haben sollten.

Die Tierrechtsbewegung begann bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in England. Der Abscheu gegen Hahnenkämpfe und Pitbull-Hundekämpfe wuchs. In Zeitungen und Magazinen wurden zahlreiche Artikel zum Tierschutz publiziert und einige Priester hielten Predigten über die artgerechte Tierbehandlung. Im Jahre 1776 publizierte der Geistliche Humpfrey PRIMATT “Eine Abhandlung über die Pflicht zur Barmherzigkeit und über die Sünde der Grausamkeit gegenüber Tieren” (Vgl. TAYLOR 2009, S. 489 ). In der Folgezeit erschienen weitere Schriften wie zum Beispiel von John LAWRENCE “ Über die moralische Verpflichtung des Menschen gegenüber der tierischen Schöpfung”( 1798 ). Es entstanden Reformgesellschaften zur Bekämpfung der Tierquälerei wie im Jahre 1824 die britische Tierschutzgesellschaft “Royal Society for the Prevention of Cruelty towards Animals”. Bereits im Jahre 1834 wurde das erste Tierschutzgesetz in Großbritannien erlassen, das Wettkämpfe auf Leben und Tod zwischen Kampfhunden und anderen Haustieren verbot.

Inzwischen regt sich immer mehr Kritik an der nicht artgerechten Massentierhaltung und an den Tierversuchen der pharmazeutischen und medizinischen Industrie. Es gibt inzwischen Medikamente und Kosmetika, die ohne Tierversuche produziert werden. In Österreich ist ein Verbot der grausamen Pelztierzucht erlassen worden. Zahlreiche Tierschutzvereine und Tierrechtsvereine setzen sich für die Rechte der Tiere ein. Europa hat auch auf diesem Sektor weltweit eine Vorreiter-Rolle übernommen.

ROUSSEAUs Naturphilosophie

Jean-Jacques ROUSSEAU wurde am 28. Juni 1712 in Genf geboren. Er übte in seinem bewegten Leben verschiedenste Berufe aus. Unter anderem war er Ladendiener, Lakai, Musiklehrer, Notenkopist, Opernkomponist, Hauslehrer, Botschaftssekretär, Schriftsteller und Philosoph. 1743 promovierte er mit einer Dissertation über moderne Musik.

ROUSSEAU gewann einen Wettbewerb der Akademie von Dijon.

Die Preisfrage lautete: „ Hat der Fortschritt der Wissenschaft und Künste zur Reinigung der Sitten beigetragen?“

ROUSSEAUs Antwort: „Die sozialen Verhältnisse haben sich verschlechtert, die Menschen wurden unglücklicher, die Sittenlosigkeit nahm zu.“

Weitere Preisfrage der Akademie:

„Was ist der Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen, und wird sie vom Naturrecht erlaubt?“ ROUSSEAU schreibt daraufhin die „Abhandlung über Ursprünge und Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen.“

1749-1756 ROUSSEAU veröffentlicht die „Rede über den Ursprung und die Grundlagen für die Ungleichheit unter den Menschen“.

1759-1761 schreibt und publiziert ROUSSEAU seine Werke „Contrat Social“ und „Émile“.

Beide Werke werden von der königlichen Zensur verboten. ROUSSEAU entgeht seiner Verhaftung durch Flucht in die Schweiz.

ROUSSEAU glaubt, dass der Mensch von Natur aus gut sei.: „Die Menschen sind böse; eine traurige und fortdauernde Erfahrung erübrigt den Beweis; jedoch, der Mensch ist von Natur aus gut, ich glaube, es nachgewiesen zu haben;...Man bewundere die menschliche Gesellschaft soviel man will, es wird außerhalb nicht weniger wahr sein, dass die Menschen notwenidiger Weise dazu bringt, sich in dem Maß zu hassen, in dem ihre Interessen sich kreuzen, außerdem sich wechselseitig scheinbare Dienste zu erweisen und in Wirklichkeit sich alle vorstellbare Übel zuzufügen“( Zweiter Diskurs, Anmerkung IX).

ROUSSEAU äußert vehement seinen Abscheu vor der etablierten Kultur und Gesellschaft seiner Zeit. ROUSSEAUs Theorien und sein Menschenbild werden stark abgelehnt, sowohl von der katholischen Kirche als auch von Vertretern der Aufklärung. Die Kirche erklärt, ROUSSEAUs Theorien seien abwegig, denn jeder Mensch werde mit der Erbsünde geboren und sei deshalb von Natur aus schlecht. Die Vertrter der Aufklärung betonen, dass der Mensch vernunftbegabt, lernfähig und gesellschaftsfähig sei. ROUSSEAU entwirft einen Idealzustand, den „Naturzustand“. Der Naturmensch kennt Selbstliebe und Mitleid. Er ist gut im Sinne von „der Natur gehorchend“. In seinem Werk „ Du Contrat Social ou Principes du Droit Politique.“ entwickelt ROUSSEAU eine Staatstheorie. Erste gesellschaftliche Strukturen seien durch das Auftauchen des Eigentums entstanden. Aus der ursprünglich natürlichen Unabhängigkeit und bürgerlichen Freiheit schlossen die Menschen einen Sozial-Vertrag. Durch die Entwicklung zum Staate werden die ursprüngliche Ruhe und Zufriedenheit der Menschen im Naturzustand zunehmend ersetzt durch Habgier, Prestigedenken, Neid und Unzufriedenheit.

ROUSSEAUs Theorien werden als Versuch interpretiert, der feudalistischen und monarchistischen Herrschaft seiner Zeit die Legitimationsgrundlage zu entziehen. Insofern gilt ROUSSEAU als Wegbereiter der Französischen Revolution von 1789 und zählt zu den berühmtesten Genien des französischen Volkes. ROSSEAU ist ein Vorläufer der Erklärung der Menschenrechte und der Rechte des Kindes. ROUSSEAUs Impulse haben zahlreiche pädagogische Reformpädagogen inspiriert und die Pädagogik vom Kinde aus angeregt. ROUSSEAUs Bildungsideal ist der ursprüngliche, einfache, von Natur aus gute und unverdorbene Mensch. „Alles ist gut, wie es aus den Händen des Schöpfers der Dinge hervorgeht; alles entartet unter den Händen der Menschen“. Mit „Natur“ meint ROUSSEAU eine idealisierte einfache Lebensweise, ohne Verweichlichung oder Verkünstelung. Der Natur setzt ROUSSEAU die „Kultur“ seiner Zeit entgegen. Er kritisiert die Zivilisation und die nachteiligen Begleiterscheinungen der damaligen Kulturentwicklung. Somit gilt ROUSSEAU als Kulturkritiker. Die Synthese bestünde in der „Wahren Kultur“, die durch das Streben nach Wahrheit und Tugendhaftigkeit, durch Selbstaufopferung und freiwillige Unterordnung unter den allgemeinen Willen gekennzeichnet sei.

ROUSSEAUs pädagogisches Hauptwerk ist betitelt: „Émile oder Über die Erziehung“. Es handelt von der fiktiven Erziehung des Knaben Émile, der durch einen Hauslehrer erzogen wird und beschreibt dessen Erziehung von der Geburt bis zu seiner Hochzeit im Alter von 25 Jahren. Émile wird von allen als schädlich angesehenen kulturellen Einflüssen des damaligen Großstadtlebens abgeschottet. Großstädte wie Paris werden als Orte der Entfremdung eingestuft. ROUSSEAU bevorzugt für seinen fiktiven Zögling ein ländliches, naturbezogenes Leben. Insofern gab ROUSSEAU ein Vorbild für die Landerziehungsheimbewegung einhundert Jahre später in Deutschland. ROUSSEAU lehnt das verdorbene Großstadtleben ab. “Die Menschen sind nicht dazu geschaffen, wie in einem Ameisenhaufen zu leben, sondern als Einzelwesen auf dem Boden zu leben, den sie zu bearbeiten haben. Je mehr sie sich zusammenrotten, um so mehr entarteter werden sieDie Stadt ist der Schlund, der das Menschengeschlecht verschlingt.“ Die Ziele der von ROUSSEAU im Émile formulierten Erziehung ist ein Leben im Naturzustand, in Ruhe, Zufriedenheit und Freiheit. Die urwüchsige, ursprünglich gute Natur des Kindes soll zur Entfaltung gebracht werden. Émile soll nur von der Natur abhängig sein und ihr gehorchen. Die Freiheit des Menschen liegt in der freiwilligen Beschränkung. „Jeder tut, was er will, ist glücklich, wenn er sich selbst genügt. So ist es bei dem Menschen, der im Naturzustand lebt. Jeder tut, was er will, ist unglücklich, wenn seine Bedürfnisse seine Kräfte überschreiten.“

ROUSSEAU lehnt Belehrungen aus Büchern der damaligen Zeit ab. Émile darf nur ein Buch lesen: „Robinson Crusoe“ von Daniel DEFOE. ROUSSEAU anerkennt die Kindheit als eigene, bedeutsame Lebensphase. ROUSSEAU verteidigt das Spiel als bedeutsame und ernsthafte Beschäftigung des Kindes. „Die Natur will, dass Kinder Kinder sind, bevor sie zum Erwachsenen werden. Wollen wir diese Ordnung umkehren, erzeugen wir frühreife Früchte, die weder Saft noch Kraft haben und bald verfault sein werden...Die Kindheit hat ihre eigene Weise zu sehen, zu denken und zu empfinden.“ Bei ROUSSEAU finden wir eine entschiedene Ablehnung von Gewalt, Zwang und Prügel. Auch moralische Belehrungen verwirft ROUSSEAU. Er entwickelt die Idee einer sogenannten „negativen Erziehung“, das heißt einer indirekten Erziehung durch Erlebnisse, Erfahrung, Versuch und Irrtum, durch Handlung, Praxis und eigene Einsicht. ROUSSEAU gilt demnach zu Recht als Vordenker der Erlebnispädagogik, des handlungsorientierten Lernens und der gewaltfreien Erziehung.

Wilhelm REICH

Wilhelm Reich wurde 1897 in einem kleinen Dorf in Galizien, das damals zur Österreichisch-Ungarischen Donaumonarchie gehörte, geboren. Seine Eltern entstammten jüdischen Familien, hatten sich aber aus der orthodoxen Tradition des Judentums gelöst und erzogen Wilhelm Reich und dessen Bruder freigeistig. Die unbeschwerte Kindheit Reichs nahm im Alter von 12 Jahren eine jähe und dramatische Wendung. Seine Mutter beging Selbstmord, nachdem der Vater von ihrem geheimen Liebesverhältnis mit einem Hauslehrer erfahren hatte. Sehr wahrscheinlich war es der 12jährige Wilhelm selber, der den Ehebruch seiner Mutter unwissend über die schrecklichen Folgen dem Vater hinterbrachte. Der Vater war Gutsbesitzer und nahm Wilhelm oft zu ausgedehnten Ausritten mit. Reiten blieb auch später noch eine Lieblingstätigkeit Reichs. Wilhelm lernte auch mit dem Gewehr umgehen und war ein guter Scharfschütze. Er lehnte jedoch die Jagd und den Fischfang aus Freude am Töten der Tiere strikt ab. Als der Vater starb, musste Reich im Alter von 17 Jahren die Leitung des Gutes übernehmen. Er bestand das Abitur und wurde im Ersten Weltkrieg zum Kriegsdienst eingezogen. Er überstand den Krieg als Leutnant an der italienischen Front. Nach Ende des für Österreich verlorenen Krieges konnte Reich nicht auf das Familiengut zurückkehren, da es jetzt auf sowjetischem Territorium lag.

REICH entwickelte eine kritische Distanz zum Krieg. 1922 schildert er die Atmosphäre unter den Soldaten: „Jeder, der den Krieg mitgemacht hat, weiß, welche Rolle die beiden Attribute verbildeter Genitalität, die anale Zote und das anale Schimpfwort, im Kasino, in der Kaserne, auf dem Exerzierplatz und in der Offiziersmesse spielen, Gespräche über Huren und Koitus bilden fast ausschließlich das Thema der Unterhaltungen Reich fiel auf, dass diejenigen, welche starke heterosexuelle Bindungen oder vollwertige Sublimierungen aufwiesen, den Krieg ablehnten; dagegen waren diejenigen die brutalsten Draufgänger, die das Weib als Klosett betrachteten...Auch der sadistische Psychopath und der dissoziale Charakter bewährten sich gut im Sinne der Kriegsideologie...Die Brutalität des Weltkrieges(und vielleicht er selbst) wäre unmöglich gewesen, hätte nicht das Machtbedürfnis einiger weniger Führer den Anschluss an die latente Grausamkeit des Einzelnen gefunden“. ( REICH: Zwei narzisstische Typen. 1922, zit. Nach LASKA 1981, S. 13f.)

Als Reich aus der Armee entlassen wurde, war er völlig heimatlos und verarmt.

Anfangs konnte er sich nicht einmal Zivilkleidung kaufen. 1918 begann er unter ärmsten Verhältnissen das Studium in Wien. Zunächst studierte er Jura, erkannte aber bald, „ dass die antisozialen Handlungen der Menschen nicht als Verbrechen, sondern als Krankheiten anzusehen, dass sie also nicht zu bestrafen, sondern zu heilen und vorzubeugen sind “ (REICH, Zit. Nach LASKA 1981, S. 15). Er wechselte zum Medizinstudium.

Während des Studiums las er NIETZSCHEs Buch „ Also sprach Zarathustra“, aber auch die Werke von LANGE „Geschichte des Materialismus“, von BERGSON, IBSEN, STIRNER und anderen beeinflussten ihn sehr.

Der bei weitem stärkste Einfluss auf Wilhelm Reich, der für sein ganzes weiteres Leben bestimmend sein sollte, ging von Sigmund FREUD aus. Schon als Medizinstudent also stieß er zu Sigmund FREUD und wurde in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen. Mit Vitalität, voller Energie und großem Enthusiasmus stürzte sich REICH in die psychoanalytische Arbeit. Er war erst klinischer Assistent, und bald darauf stellvertretender Direktor der Psychoanalytischen Poliklinik geworden. Er regte ein technisches Seminar über methodische Probleme der Neurosentherapie an und übernahm schließlich dessen Leitung. Der psychoanalytischen Theoriebildung gab er durch eine Reihe wertvoller klinischer Arbeiten wie „Der triebhafte Charakter, Die Funktion des Orgasmus, Die therapeutische Bedeutung der Genitallibido, Über die Quellen der neurotischen Angst“, entscheidende und oftmals kritische Impulse.

Im Jahre 1922 bestand REICH die Prüfung zum Dr. med. und schloss damit sein Studium ab. Er beginnt seine Arbeit als Psychoanalytiker am „ Wiener Psychoanalytischen Ambulatorium für Mittellose“ und am „Wiener Seminar für Psychoanalytische Therapie“. 1924 wird REICH Direktor dieses Seminars.

Anfangs hielt FREUD große Stücke von REICH, der sich so schnell in das schwierige Gedankengebäude der Psychoanalyse hineingearbeitet hatte (als Student im dritten Semester hatte er seinen ersten Patienten), und bald in vorderster Reihe der engagierten Forscher stand. Mit der Zeit distanzierte er sich jedoch immer mehr von ihm, bzw. seinen Ansichten. REICH beobachtete, dass keiner seiner Patienten, die nach erfolgreicher Psychotherapie rückfällig wurden, zu einem befriedigendem Geschlechtsleben gefunden hatte. Auch er sah – wie FREUD – in der Sexualstauung die Energiequelle der Neurosen. Jene Patienten nährten ihre Neurosen also immer wieder aufs neue, so dass das Ziel der analytischen Therapie das Erlangen der Fähigkeit zur sexuellen Befriedigung sein musste. Diese Fähigkeit nannte REICH die ORGASTISCHE POTENZ, womit er nicht die phallisch-narzisstische, leistungsbezogene Potenz meinte, sondern die Fähigkeit „ zur letzten vegetativ unwillkürlichen Hingabe“.

FREUD hatte in seinen frühen Schriften mit seiner These, dass bei einem befriedigten Sexualleben keine Neurose möglich sei, bereits für Aufsehen gesorgt. Er verwendete den Begriff der Libido und definierte sie nicht als genitales Empfinden, sondern als spezifische, über den ganzen Körper verteilte Energieform als Lustprinzip. REICH vertrat die Auffassung, dass die seelische Gesundheit von der Fähigkeit, diese Libido im Orgasmus vollständig zu entladen, abhängt. Es handelt sich beider Orgastischen Potenz um die Fähigkeit, sich dem Strömen der biologischen Energie, die sich vornehmlich in unwillkürlichen Muskelkontraktionen, ohne Hemmungen und Blockierungen hingeben zu können. Ohne, dass diese Thesen je ernsthaft widerlegt worden wären, erntete REICH Ignoranz und den Spott seiner Kollegen.

Wilhelm REICH war bereits als junger Psychoanalytiker daran interessiert, die Erkenntnisse über Neurosenprophylaxe in praktische sozialpolitische und sexualreformerische Arbeit umzusetzen. Mit Kollegen gründete er in Wien sexualhygienische Beratungsstellen, in denen Hunderte Jugendlicher und junger Erwachsener beraten wurden. Er erkannte die riesengroße Dimension der Neurosen, die überwiegend auf autoritären, sexualunterdrückenden Familienstrukturen beruhten. Im Kleinkind werden die neurotischen Muster angelegt. Im Jugendalter wurde die Sexualunterdrückung fortgesetzt durch die Forderung sexueller Askese bis zum Erwachsenenalter, bzw. bis zur Heirat. Die sexuelle Unterdrückung soll den Menschen in jeder Hinsicht gefügig machen – um den Preis seiner Lebendigkeit, der Fähigkeit lustvoll zu empfinden und glücklich zu sein. Die Pubertät erschien REICH daher als die Zeit des „sexuellen Kampfes der Jugend“, bei der jede Generation versucht, die Glücksfähigkeit als Konsequenz der aufblühenden Sexualreifung von der Elterngeneration einzufordern.

Unter dem Eindruck der Niederschlagung eines Arbeiteraufstandes in Wien und des erstarkenden Faschismus wendet sich REICH dem Marxismus zu. In seinen Schriften verbindet er nun Marxismus, Psychoanalyse und Sexualreform. Er wird Mitglied der Kommunistischen Partei und gründet in Berlin die Sexpol-Bewegung. Der von ihm 1931 gegründete „Deutsche Reichsverband für Proletarische Sexualpolitik“, der mehrere hunderttausend Mitglieder umfasst, führt Aufklärungskampagnen durch und richtet Sexualberatungsstellen ein. Trotz großem Erfolg unter der Jugend verbietet die Kommunistische Partei Deutschlands diesen Verband und schließt REICH aus ihrer Organisation aus.

Wilhelm REICH hielt an der Auffassung des jungen Sigmund FREUD fest, dass die Libido, die Energie des Sexualtriebes, der zentrale Motor der Psyche sei. Unterdrückung und Einengung der frühkindlichen, kindlichen, jugendlichen und erwachsenen Liebes- und Triebbedürfnisse durch eine patriarchalische, sexualunterdrückende Moral sind nach REICH die Ursachen für die Entstehung von Neurosen, Perversionen, Kriminalität, Vereinsamung, Selbstmord, Kriegen. Die Unterdrückung der Sexualität zähmt diese nicht und leitet sie nicht zu höheren Kulturleistungen um, sondern führt zu sozialschädlichem Verhalten.

Um diese Hypothese zu erhärten, stützt sich REICH auf völkerkundliche Forschungsresultate der Kulturanthropologie. Zahlreiche Entdeckungsreisende und später Künstler wie GAUGUIN berichteten über anmutige Menschen mit freiem Liebesleben in der fernen Südsee. MALINOWSKI lebte während des Ersten Weltkrieges jahrelang auf Inseln in der Südsee bei Neuguinea und erforschte mit wissenschaftlicher Akribie das Stammesleben und die Kultur der Trobriander. 1929 erschien von MALINOWSKI das Werk „Das Geschlechtsleben der Wilden“ in deutschsprachiger Übersetzung. Es finden sich deutliche Hinweise auf die positiven Auswirkungen einer sexualbejahenden Moral für das soziale Zusammenleben der Menschen dort.

Es gibt noch weitere Beispiele für Völker und Kulturen, die – auf sehr unterschiedliche Weise – die Sexualität der Kinder und Jugendlichen zulassen. In den Gesellschaften mancher amerikanischer Indianerstämme und der Polynesier wurden Kindern sexuelle Spiele erlaubt, manchmal wurden sie ausdrücklich befürwortet. Bei den Muria, einem Volksstamm in Zentralindien, ( Vgl. ELWIN 1947 , ELWIN 1968, vgl. HAEBERLE 1985, S. 486; TISCHNER : Fischer-Lexikon „Völkerkunde“, Ffm 1959, S. 311, KENTLER 1972, S. 97ff. ) wurde eigens zu diesem Zweck ein besonderes Haus gebaut, das sogenannte Ghotul, in dem Kinder beiderlei Geschlechts die Nächte zusammen verbrachten. Ähnliche Bräuche sind von den bereits erwähnten Einwohnern der Trobriand-Inseln und den Massai in Afrika bekannt. Die Kinder der indischen Muria übernachteten in der Regel vom sechsten oder siebten Lebensjahr an im Ghotul, zu dem die Eltern keinen Zustritt hatten. Innerhalb des Kinder- und Jugend-Hauses, des Ghotul, waren die Kinder auf sich selbst gestellt. Die älteren Kinder ermunterten die jüngeren zu sexuellen Spielen und unterwiesen sie in vielen sexuellen Praktiken. Regelmäßiger und häufiger Geschlechtsverkehr bildete so einen wesentlichen Bestandteil der Kindheit. Sexualität gehörte im Ghotul als zentraler Bestandteil des kindlich-jugendlichen Lebens dazu. Die Kinder der Muria waren keineswegs brutal, verwahrlost oder sexuell verdorben. Im Gegenteil: Die Kinder der Murias waren freundlich, herzlich, wohlerzogen, selbstbewusst und kooperativ. Als Erwachsene führten sie monogame, stabile und glückliche Ehen. Erst in neuerer Zeit, mit der Einführung der Schulpflicht in Schulen der Zentralregierung, wurde dieser alte Brauch verlassen. Die „neuen“ Kinder der modernen Muria scheinen nun allerdings genauso ängstlich und gehemmt zu sein wie ihresgleichen in der modernen Welt. So haben die „Verwestlichung“, die „Kolonialisierung“ und die „Globalisierung“ der Welt neben deutlichen Verbesserungen auch viel sexuelles Elend über bis dahin zufriedene Völker gebracht. Heute sind viele Länder der Dritten Welt puritanischer als ihre christlichen Kolonialherren geworden. Die Beispiele der Trobriand-Insulaner und der indischen Muria sind nur die bekanntesten, daneben gibt es eine ganze Reihe weiterer sexualbejahender Kulturen.

Erich FROMM (1974) hat in seinem Werk über die „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ eine Vergleichsstudie über dreißig Kulturen durchgeführt. Die dreißig Kulturen entstammen den ethnologischen Feldforschungen namhafter Kulturanthropologen wie z.B. Margaret MEAD. Bei der Analyse der dreißig Kulturen ergaben sich nach FROMM drei deutlich unterscheidbare Gesellschaftssysteme. Neben lebensbejahenden, friedfertigen Kulturen gibt es aggressive und destruktive Völker. FROMM beschreibt das lebensbejahende Gesellschaftssystem folgendermaßen:

In diesem System sind Ideale, Sitten und Institutionen vor allem darauf ausgerichtet, daß sie der Erhaltung und dem Wachstum des Lebens in allen seinen Formen dienen. Feindseligkeiten, Gewalttätigkeiten und Grausamkeiten sind in derBevölkerung nur in minimalem Ausmaß zu finden, es gibt keine harten Strafen, kaum Verbrechen, und der Krieg als Institution fehlt ganz oder spielt nur eine äußerst geringe Rolle. Die Kinder werden freundlich behandelt, schwere körperliche Züchtigungen gibt es nicht. Die Frauen sind den Männern in der Regel gleichgestellt...Die Einstellung zur Sexualität ist ganz allgemein tolerant und bejahend. Man findet wenig Neid, Geiz, Habgier und Ausbeutung. Es gibt auch kaum Rivalität oder Individualismus, dafür viel Kooperation. Persönliches Eigentum gibt es nur in bezug auf Gebrauchsgegenstände. In der allgemeinen Haltung kommt Vertrauen und gläubige Zuversicht zum Ausdruck, und dies nicht nur den anderen gegenüber, sondern besonders auch gegenüber der Natur; ganz allgemein herrscht gute Laune, und depressive Stimmungen sind relativ selten.“ (FROMM 1974, S. 150) FROMM rechnet zu diesen lebensbejahenden, sexualfreundlichen Gesellschaften die Zuni-Pueblo-Indianer, die Berg-Arapeshen, die Batonga, die Aranda, die Semang, die Toda, die Polar-Eskimos und die Mbutu.

Nach REICH ist die Funktion der Sexualunterdrückung die Grundlegung der autoritär-patriarchalischen Kultur, der Herrschaft von Menschen über Menschen und des Mannes über die Frau, der wirtschaftlichen Sklaverei und Ausbeutung. „Die Urzeit der Menschen folgte im Geschlechtsleben natürlichen Gesetzen, die eine natürliche Sozialität begründeten. Die Zwischenzeit des autoritären Patriarchats von etwa 4- bis 6.000 Jahren hat mit der Energie der Unterdrückten natürlichen Sexualität die sekundäre, perverse, kranke Sexualität des heutigen Menschen geschaffen“ (REICH 1972, S. 175).

REICH unterscheidet in der Psychostruktur des heutigen Menschen drei psychische Schichten:

1. die oberflächliche Pseudo-Sozialität des äußerlich an die Gesellschaft angepassten Menschen,
2. das Unbewusste, in dem die latente Anti-Sozialität, Destruktivität und verbrecherische Impulse nur mühsam in Schach gehalten werden, und
3. die tief verborgen in allen Menschen existierende natürliche Sozialität und Sexualität.

REICH skizziert seine Anschauung folgendermaßen: „Die patriarchalisch-autoritäre Ära der Menschheitsgeschichte hat versucht, die sekundären asozialen Triebe durch zwangsmoralische Verbote in Schach zu halten. So kam der fragwürdige Kulturmensch dazu, ein dreifach geschichtetes Lebewesen zu werden. An der Oberfläche trägt er die künstliche Maske der Selbstbeherrschung, der zwanghaft unechten Höflichkeit und der gemachten Sozialität. Damit verdeckt er die zweite Schicht darunter, das FREUDsche Unbewusste , in dem Sadismus, Habgier, Lüsternheit, Neid, Perversionen aller Art in Schach gehalten sind, ohne jedoch das Geringste an Macht einzubüssen. Diese zweite Schicht ist das Kunstprodukt der sexualverneinenden Kultur und wird bewusst meist nur als gähnende innere Leere und Ödeempfunden. Hinter ihr, der Tiefe, leben und wirken die natürliche Sozialität und Sexualität, die spontane Arbeitsfreude, die Liebesfähigkeit. Diese letzte und dritte Schicht, die den biologischen Kern der menschlichen Struktur darstellt, ist unbewusst und gefürchtet. Sie widerspricht jedem Zug autoritärer Erziehung und Herrschaft. Sie ist gleichzeitig die einzige reale Hoffnung, die der Mensch hat, das gesellschaftliche Elend einmal zu bewältigen.

Alle Diskussionen über die Frage, ob der Mensch gut oder böse, ein soziales oder ein unsoziales Wesen sei, sind philosophische Spielereien. Ob der Mensch ein soziales Wesen oder ein merkwürdig vernunftlos reagierender Protoplasmahaufen ist, hängt davon ab, ob seine biologischen Grundbedürfnisse in Einklang oder in Widerspruch stehen mit den Einrichtungen, die er sich geschaffen hat.“ (REICH 1972, S.175 f.)

Alexander S. NEILLs Pädagogik

Alexander Sutherland NEILL wurde am 17. Oktober 1883 in Forfar geboren. Sein Vater George NEILL arbeitete in Kingsmuir als Schulleiter und stammte aus einer Bergarbeiterfamilie. Seine Mutter Mary SUTHERLAND wurde zur Lehrerin ausgebildet und arbeitete an einer Schule in Leith. Schon in jungen Jahren war NEILL der sonntägliche Kirchgang eine Qual. NEILL schreibt über seinen Vater "Er war oft grausam zu mir, und ich entwickelte eine ausgesprochene Angst vor ihm, eine Angst, die ich auch als Mann nie ganz überwand.“ NEILL ging im Dorf auf die Schule seines Vaters. Der Unterricht war durch Zwang, Disziplin und Körperstrafe geprägt. Sex, Stehlen, Lügen, Fluchen waren tabuisierte Themen in seiner Kindheit. Mit 14 Jahren endete seine Schulzeit. NEILL begann auf Anweisung seines Vaters als Buchhaltungsgehilfe zu arbeiten, er kehrte aber nach sieben Monaten nach Hause zurück. Er sollte Tuchhändler werden und fing eine Lehre an. Diese Stellung musste er jedoch bald aufgrund gesundheitlicher Schwierigkeiten wieder aufgeben.

NEILL wurde für vier Jahre als Lehrerpraktikant ("pupil teacher") bei seinem Vater angestellt. Er entwickelte Interesse an Unterrichtsfächern und an der Pädagogik. NEILL wurde nicht zur akademischen Prüfung am Ende seiner Ausbildungszeit zugelassen, da er keine besonderen Leistungen in speziellen Fächer vorweisen konnte. Er beendet seine Ausbildung als 'Ex Pupil Teacher' („Hilfslehrer“) , wollte aber als Lehrer arbeiten und nahm eine Stelle in Bonnyrigg in der Nähe von Edinburgh an. Diese Stelle verließ er nach drei Jahren, da er dort Schüler mit Schlägen züchtigen musste.

Bis 1908 nahm er verschiedene Anstellungen an. Er bestand sowohl die zweite Hälfte des Lehrerexamens als auch die Aufnahmeprüfung der Universität Ihm war inzwischen bewusst geworden, dass das schottische Schulsystem zu viele Grenzen setzt. NEILL fing an der Universität Edinburgh auf Wunsch seines Vaters das Studium der Agrarwissenschaften an, ohne sich dafür zu interessieren, er brach das Studium frühzeitig ab.

Er begann, Englische Literatur zu studieren. In seinem letzten Studienjahr wurde er Herausgeber der studentischen Zeitung "The Student". Er schrieb Kurzgeschichten, um seinen Lebensunterhalt finanzieren zu können. NEILL wollte nunmehr die journalistischen Laufbahn einschlagen und wurde Redakteur bei einem Verlag.

1913 brach der erste Weltkrieg aus und NEILL trat erneut den Schuldienst an. Er wurde 1914 Schulleiter der Gretna Public School in Schottland, wo er gegen den Lernzwang und das strafende System anging und stattdessen mehr Wert auf Spiel und Freude legte. Er schrieb sein erstes Buch "A Dominie`s Log", durch dessen Veröffentlichung er Kontakt zu ähnlich denkenden Pädagogen bekam. 1917 besuchte NEILL Homer LANEs "Little Commonwealth" - eine Besserungsanstalt für jugendliche Straftäter - und erlangte wieder Interesse an der Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Homer LANE lebte von 1875 bis 1925. 1907 gründete LANE die "Ford Republik", ein Rehabilitationszentrum mit selbstverwalteter Gemeinschaft für Jugendliche. 1913 ging LANE nach England, um beim Aufbau des neu gegründeten Heimes "Little Commonwealth", ein Heim für 40 bis 50 verwahrloste Jugendliche, mitzuhelfen, dessen Leitung er bis zu dessen Schließung im Jahre 1918 übernahm. LANE ließ sich in London als Psychotherapeut nieder und führte die Jugendkriminalität auf eine harte, lieblose Erziehung zurück. Sein Grundsatz war: Man muss auf der Seite des Kindes sein. Er führte die Selbstverwaltung ein. LANEs Menschenbild war optimistisch. Er verneint die angeborene Sünde und bejaht die Güte des Menschen. Die triebhaften Wünsche des Menschen sind Natur gegeben und von Gott geschaffen - deshalb müssen sie gut sein. Durch LANE lernte NEILL nicht nur Erkenntnisse über die pädagogische Psychologie, sondern auch über die Psychoanalyse.

1918 bemühte NEILL sich um eine Anstellung an John Russells King Alfred School, da das Little Commonwealth aufgrund eines Skandals geschlossen wurde. Durch LANE lernte NEILL Sigmund FREUDs Psychoanalyse kennen und entfernte sich von seinen bisher eher intuitiven Handlungen. NEILL wurde LANEs Schüler, Freund und Patient und übernahm viele seiner späteren Grundsätze von LANE. NEILL über FREUD: „Freud sagt, das Unbewusste sei unendlich viel wichtiger als das Bewusste. Ich sagte mir deshalb: In meiner Schule wird es keine Missbilligung, keine Strafen, keine Moralpredigten geben".

Die King Alfred School galt als fortschrittlich und modern, da es dort keine Körperstrafen und keine Zensuren, dafür aber eine freiere Disziplin und bereits früh die Koedukation gab. NEILL führte dort die Selbstverwaltung ein, durch die die Kinder über die Schulgesetze abstimmen konnten. Die Selbstverwaltung wurde nur von ihm unterstützt und scheiterte durch die mangelnde Konsequenz in der Durchführung. Als es zu Protesten innerhalb des Lehrerkollegiums kam, legte ihm John RUSSEL nahe, die Arbeit an dieser Schule niederzulegen. NEILL begann seine Grundsätze zu veröffentlichen und bekam 1920 das Angebot zum Mitherausgeber der reformpädagogischen Zeitschrift "New Era". Er unternahm zahlreiche Vortragsreisen durch England und Schottland, besuchte fortschrittliche Schulen und suchte nach einem Standort für seine eigene Schule, für die er in der "New Era" bereits für Spenden warb. Durch die Mitarbeit bei der „New Era“ konnte NEILL sich mit einer breiten Themenwahl beschäftigen und übte heftig Kritik an dem bestehenden Schulsystem. Durch NEILLs radikale Haltung verstärkten sich im Laufe der Zeit die Differenzen zu den anderen Pädagogen, so dass er seine Tätigkeit bei der "New Era" zwei Jahre später beendete und seine eigene Schule gründen wollte.

NEILL traf 1921 Lilian NEUSTÄTTER in Dresden, die eine Möglichkeit zur Gründung von NEILLs eigener Schule sah. In Hellerau bei Dresden bekam NEILL das Angebot, als Erweiterung der Rhythmik-Abteilung und der "Neuen deutschen Schule" eine internationale Schule zu gründen. Dieses Angebot bezeichnete NEILL im Nachhinein als Datum seiner Schulgründung, auch wenn die Schule erst 1922 tatsächlich gegründet wurde. NEILL konnte hier seine persönlichen Vorstellungen einer Schule umsetzen: Er führte die Selbstverwaltung ein, hob das Klassensystem auf, ließ die Schüler entscheiden, ob sie am Unterricht teilnehmen wollten, wendete paradoxe Sanktionen an und gab "private lessons". Die Organisation leitete Lillian NEUSTÄTTER, und ihr Mann Dr. Otto NEUSTÄTTER übernahm die Geschäftsführung der Schule. NEILL schrieb ein Buch seiner Dominie-Serie mit dem Titel "A Dominie Abroad", welches von seinen Erlebnissen in Deutschland berichtet. Als 1923 ein kommunistischer Aufstand einen Bürgerkrieg in Sachsen ausbrechen ließ und immer mehr Eltern ihre Schüler und Schülerinnen von dieser Schule abmeldeten, musste die Schule ihren Betrieb einstellen.

Ein ehemaliges Kloster auf dem Sonntagberg in Österreich erschien NEILL damals geeignet für die Fortsetzung des Schulbetriebs. Die Schule stieß auf heftigen Widerstand seitens der Bevölkerung und seitens der Schulbehörde, denn es fand weder Religionsunterricht noch Leibesübungen oder hauswirtschaftlicher Unterricht statt. Die Dorfbewohner störte es besonders, dass Mädchen sich im Badeanzug in der Sonne badeten und auch einzelne Schüler nackt auf dem Schulgelände umherliefen. 1924 wurde Neills Schule von der österreichischen Schulverwaltung geschlossen.

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Titel: Orientierungssuche postmoderner Pädagogik