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Die französische Faszination am preußischen Universitätssystem

Der gescheiterte Versuch eines Kulturtransfers

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 31 Seiten

Romanistik - Vergleichende Romanistik

Leseprobe

Gliederung

1 Einführung

2 Die Universitäten in Deutschland und Frankreich bis zum Beginn des 19.Jahrhunderts
2.1 Historie der Universitäten in Deutschland und Frankreich
2.2 Die Krise der Universitäten im 18. Jahrhundert
2.3 Deutsche und französische Antworten auf die Universitätskrise
2.3.1 Napoleons Université impériale
2.3.2 Das Berliner Modell

3 „Der Sieg des preußischen Schulmeisters“ und seine Konsequenzen für den französischen Bildungsdiskurs von 1871 bis 1896
3.1 Vorbemerkung: Bildung im französischen Republikanismus
3.2 Akteure und Institutionen im französischen Bildungsdiskurs von 1871 bis 1896
3.3 Die französische Auseinandersetzung mit dem Berliner Modell – Der Versuch eines Kulturtransfers
3.4 Die französischen Universitäten nach ihrer Neugründung

4 Der gescheiterte Versuch eines Transfers des preußischen Universitätsmodells – Versuch einer Begründung

5 Fazit und Schlussbetrachtung

Bibliografie

1 Einführung

Frankreich, 1871: Die Schmach der Niederlage im Krieg gegen Preußen saß tief, die politischen und gesellschaftlichen Folgen erschütterten die französische Nation in ihren Grundfesten.

Der Zeitgeist der Grande Nation, die einst mit Louis XIV oder Napoleon Bonaparte die europäische Geschichte nachhaltig geprägt hatte, war nach 1871 gezeichnet durch die Eindrücke der Revolutionen von 1789, 1830 und 1848 und die daraus resultierenden Regimewechsel zwischen den Deux France, den beiden konkurrierenden politischen Lagern Frankreichs [1]. Unter diesen instabilen Voraussetzungen versuchten die Gründer der noch jungen Dritten Republik nun, sich strukturell zu positionieren und die neue Regierungsform endgültig zu legitimieren, während nicht nur die öffentliche Meinung immer lauter nach den Gründen für das Kriegsdebakel von Sedan [2] fragte.

Im politischen und intellektuellen Diskurs nach 1871 wurden gar Stimmen laut vom „ instituteur prussien qui a gagné la guerre[3], denn das preußische Bildungssystem unterschied sich grundlegend vom französischen Konzept. Es verbreitete sich der Eindruck einer deutschen Überlegenheit, die der Fortschrittlichkeit der Wissenschaften – insbesondere der Universitäten – geschuldet sein musste. Eine generelle Reform des französischen Bildungswesens schien daher unumgänglich, für die der östliche Nachbar womöglich Modell stehen konnte. Der neue französische Staat sah sich aufgrund dieser Überlegungen veranlasst, seine führenden Wissenschaftler ostwärts über den Rhein zu senden, um mehr über die deutsche Wissenschaftlichkeit zu erfahren und diese möglicherweise für das französische System zu adaptieren.

Zeitgenössische Stimmen im französischen Bildungsdiskurs sprachen bald davon, die deutsche Wissenschaft habe die „Ideale der uneigennützigen Forschung verraten“ und es sei nunmehr an Frankreich, „die Idee der ursprünglich ‚deutschen Wissenschaft‘ hochzuhalten und zu bewahren, nachdem die Deutschen selbst sich ihrer unwürdig erwiesen hätten“.[4] Der Historiker Digeon beschreibt dieses Denken gar als „crise allemande de la pensée française“.[5] Die deutsche Universität sei in diesem Zusammenhang Modell und Schreckbild zugleich gewesen, dessen Vorzüge man nachahmen und deren Pervertierung von Wissenschaft man überwinden wollte.[6] In diesem Tenor fand die Diskussion um die Reformierung des eigenen, französischen Bildungs- und Universitätssystems statt, die gewissermaßen einen Kulturtransfer der deutschen Vorteile intendierte. Die Neugründung der französischen Universitäten wurde 1896 schließlich unter diesen (bildungs-)politischen Vorzeichen durchgeführt.

Dieser Versuch eines kulturellen Transfers[7] des deutschen Universitätssystems nach Frankreich soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden. Die zentrale These der zu unternehmenden Untersuchung lautet dabei:

Der Versuch eines institutionalisierten Kulturtransfers bestimmter Aspekte der deutschen Hochschulkultur, der 1896 in der Neugründung der französischen Universitäten mündete, kann als gescheitert betrachtet werden.

Ausgehend von dieser These soll anhand verschiedener Fragestellungen untersucht werden, wie die deutsche Hochschullandschaft aus französischer Sicht wahrgenommen wurde und welche Aspekte besonders beispielhaft für die französischen Reformer schienen: Welche Charakteristika wollten die Mittler aus dem deutschen in das französische Hochschulsystem „exportieren“? Die französische Auseinandersetzung mit der deutschen Hochschullandschaft bis 1896 wird dabei ebenso aufgezeigt werden, wie auch die Akteure und Institutionen – also die Mittler – des beabsichtigten Kulturaustauschs. Dazu wird es in einem ersten Schritt notwendig sein, die um 1871 bestehenden Universitätssysteme in Frankreich und Deutschland vorzustellen, um daran die französische Faszination für den instituteur prussien herauszuarbeiten. Worin unterschieden sich die deutsche und französische Hochschullandschaft im 18. bzw. 19. Jahrhundert? Anschließend folgt eine kurze Bestandsaufnahme der tatsächlichen Veränderungen der französischen Universitäten nach ihrer Neugründung 1896 als Überprüfung der vorangegangen, von Preußen inspirierten Reformbestrebungen. Was übernahmen die Reformer bei der Rekonstituierung der Hochschullandschaft Frankreichs letztendlich auf welche Weise vom Modell Preußen? In einem weiteren Schritt folgt der eigentliche Kern der vorliegenden Arbeit: basierend auf der angeführten Bestandsaufnahme wird nach den möglichen Gründen gesucht, warum der Transfer des deutschen Bildungsverständnisses in die Hochschullandschaft Frankreichs als gescheitert betrachtet werden kann. Die Beantwortung dieser zentralen Fragestellung wird in Form eines Kulturvergleichs, der die kulturspezifischen Eckpunkte der beiden nationalen Bildungssysteme kontrastiert, schließlich dargelegt werden, bevor die Schlussbetrachtung die erarbeiteten Ergebnisse zusammenfassen und evaluieren wird.

2 Die Universitäten in Deutschland und Frankreich bis zum Beginn des 19.Jahrhunderts

2.1 Historie der Universitäten in Frankreich und Deutschland

Die Geschichte der europäischen Universitäten, so auch die der deutschen und französischen, verlief bis ins 19. Jahrhundert hinein weitgehend parallel. Bis ins 13. Jahrhundert reichten die gemeinsamen Wurzeln der großen Universitäten Europas zurück, die sich aus dem christlichen Bildungswesen und -gedanken des westeuropäischen Mittelalters entwickelt hatten. Ursprünglich dienten die Bildungszentren im Sinne der etymologischen Wortbedeutung universitas magistrorum atque scholarium[8] - Gemeinschaft der Lehrerenden und Lernenden – folgenden Funktionen:[9]

1. Wissensvermittlung auf hohem Niveau
2. Produktion von neuem Wissen
3. Bilden von Eliten

Dieses grundlegend gemeinsame Konzept der Wissenschaft, wie auch die gängige Gelehrtensprache Latein, erlaubten die europaweite Anerkennung von Abschlüssen der Gelehrten, was einen lebendigen Wissenstransfer durch die Reisen der Wissenschaftler von einer Universität zur nächsten ermöglichte. Auf dem gesamten Kontinent herrschte seinerzeit somit eine rege gesamteuropäische Gelehrtenkultur dieser „in Struktur und Lehrinhalt […] übereinstimmende[n] europäische[n] Institution“[10] über die Grenzen der jeweiligen Herrschaftsgebiete hinweg.

Die traditionell institutionalisierte Einheit der Produktion und Vermittlung von Wissen veränderte sich jedoch im Laufe des Mittelalters unter dem starken Einfluss der katholischen Kirche und wandelte sich mehr und mehr in eine reine Vermittlung von unabänderlichen Dogmen. Mit der protestantischen Reformation wurde der gesellschaftsdominierende Einfluss der katholischen Kirche im frühen 16. Jahrhundert dann grundlegend infrage gestellt, dies hatte weitreichende Folgen für die künftige Konzeption deutscher Universitäten: fortan beeinflusste die Konfession die Grundlagen der Bildung im bedeutenden Maße. Durch die Gründung der sogenannten Reform-Universitäten, wie etwa Halle und Göttingen, hielt das neuartige protestantische Modell des mündigen Individuums nicht nur in das Religionsverständnis, sondern auch in den Bildungskosmos Einzug. Das ursprüngliche Ideal der Einheit von Forschung und Lehre wurde in der Konzeption der reformierten Universitätsgründungen durch den Einfluss der humanistischen Bewegung erneuert. Die gleichgerichtete Entwicklung deutscher und französischer Universitäten erfuhr damit eine erste Ruptur, allerdings bestanden die Universitäten nach dem vorreformatorischen Modell in den nicht-protestantischen Regionen des deutschen Kulturkreises fort. Mit der im 18. Jahrhundert aufkommenden Aufklärung änderten sich wiederum die Ansprüche an die Universitäten Europas: Die Prinzipien der Moderne - wie das Fortschrittsdenken und der Anspruch auf Nützlichkeit des Wissens - verlangten nach einer Modernisierung der alten Universitäten, die den Aufklärern inzwischen zu theoretisch und undurchlässig für neues Wissen erschienen. Der Staat selbst beanspruchte vor dem Hintergrund der entstehenden Nationen fortan das Bildungsmonopol; die Schließung der zuvor einflussreichen Jesuitenkollegs 1762 untermauert in Frankreich diese neuartige Inanspruchnahme.[11]

Die Bildungsinstitutionen in Frankreich und Deutschland sahen sich nunmehr mit denselben Erneuerungsprozessen konfrontiert, die ähnliche Konsequenzen für den Umbau der mittelalterlichen Universitäten erforderten. Die fortschreitenden Säkularisierungsprozesse der deutschen und französischen Gesellschaft hatten das herkömmliche Universitätssystem gegen Ende des 18. Jahrhunderts in eine fundamentale Krise geführt.

2.2 Die Krise der Universitäten im 18. Jahrhundert

Der einsetzende Gesellschaftswandel im Zuge der Aufklärung, als auch die daraus resultierenden Umbrüche im Europa nach der folgenschweren Französischen Revolution 1789, ließen die damalige Hochschullandschaften links und rechts des Rheins nicht unberührt. Rüegg spricht gar von einem „Trümmerfeld“, dem die europäische Universitätslandschaft nach 1789 und den Eroberungen Napoleons glich.[12] Die Zahl der höheren Bildungseinrichtungen schwand zusehends in den Wirren der revolutionären Ereignisse: Vor der französischen Revolution gab es noch 143 Universitäten in Europa, 1815 waren es nur noch 83. Zwischen 1792 und 1818 wurde fast die Hälfte der deutschen Universitäten geschlossen; in Frankreich wurde 1793 der Betrieb der 22 Universitäten als Einrichtungen des Ancien Régime per Dekret der Convention eingestellt.[13] Einzig die selbständigen facultés und die Spezialhochschulen blieben rudimentär bestehen, um die fortlaufende Ausbildung bestimmter Berufsgruppen zu garantieren. Diese écoles spéciales und die écoles supérieures professionelles waren vor dem Ende des Ancien Régime gegründet worden, um die neuen Ansprüche der Praxisorientierung und Nützlichkeit gerecht zu werden.[14] Im beginnenden 19. Jahrhundert habe sich die europäische Universitätslandschaft durch fortschreitende Prozesse der Säkularisierung, Bürokratisierung und Spezialisierung gewandelt, stellt Rüegg fest.[15] In dieser Entwicklung, die zeitgleich auch in Deutschland stattgefunden hatte, sieht er eine „Ablösung der Universitäten durch Spezialhochschulen“, die „dem Trend der Aufklärung, die Hochschulen auf die Vermittlung praktischer Kenntnisse und eine dem Gemeinwohl nützliche Berufsausbildung auszurichten“, entsprach.[16] Renaut hält ferner fest, dass die französischen, d.h. katholischen, Universitäten sich zuvor selbst gelähmt hätten, indem sie sich mit ihrem Dogmatismus gegen neues Wissen und wissenschaftliche Erkenntnisse – die sich nicht selten gegen die dogmatische Lehre richteten - verschlossen hätten.[17]

[...]


[1] Genauer: das monarchistisch-katholische vs. das republikanisch-laizistische Lager.

[2] Am 2.September 1870 kapitulierte die französische Armee bei Sedan in den Ardennen, was die entscheidende Niederlage Frankreichs und Festnahme des Kaisers Napoleon III. bedeutete.

[3] Vgl. Röseberg 2005, S. 121

[4] Vgl. Werner 2008, S.708

[5] Siehe: Digeon , Claude (1959): La crise allemande de la pensée française (1870-1914). Paris: Presses Universitaires de France

[6] Vgl. Werner 2008, S.708

[7]Zur Forschungsrichtung des Kulturtransfers siehe: Dion, Robert (2012): Interkulturelle Kommunikation in der frankophonen Welt : Literatur, Medien, Kulturtransfer ; Festschrift zum 60. Geburtstag von Hans-Jürgen Lüsebrink. St. Ingbert: Röhrig Universitätsverlag; Espagne, Michel (1999): Les transferts culturels franco-allemands. Paris: Presses Universitaires de France; Ders. (1996): Frankreichfreunde : Mittler des französisch-deutschen Kulturtransfers (1750 - 1850). Leipzig : Leipziger Universitätsverlag; Ders. (1993): Von der Elbe bis an die Seine : Kulturtransfer zwischen Sachsen und Frankreich im 18. und 19. Jahrhundert. Leipzig : Leipziger Universitätsverlag; Espagne, Michel / Werner, Michael (1988): Transferts: les rélations interculturelles dans l'espace franco-allemand : (XVIIIe et XIXe siècle). Paris:Éd. Recherche sur les Civilisations; Francois, Etienne / Hoock-Demarle, Marie-Claire / Meyer-Kalkus, Reinhart u.A. (1998): Marianne – Germania: deutsch-französischer Kulturtransfer im europäischen Kontext 1789-1914. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag;Lüsebrink, Hans-Jürgen (2012): Interkulturelle Kommunikation : Interaktion, Fremdwahrnehmung, Kulturtransfer. Stuttgart [u.a.] : Metzler;Lüsebrink, Hans-Jürgen / Reichardt, Rolf (1997): Kulturtransfer im Epochenumbruch. Frankreich – Deutschland 1770-1815. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag.

[8] Durand / Neubert / Röseberg / Viallon 2006, S.19

[9] Vgl. Durand / Neubert / Röseberg / Viallon 2006, S.19, bzw. Renaut 2002, S.38ff.

[10] Rüegg 2004, S.18

[11] Vgl. Röseberg 2012, S.61

[12] Vgl. Rüegg 2004, S.17

[13] Bei der Anzahl der Universitäten ist die Literatur uneinig: Rüegg nennt 24 französische, wogegen bei Durand / Neubert / Röseberg / Viallon von 22 Einrichtungen die Rede ist. Abweichend von Durand / Neubert / Röseberg / Viallon berichtet Rüegg von 18 Schließungen unter den 34 deutschen Universitäten.

[14] Vgl. Renaut 2002, S.45

[15] Vgl. Rüegg 2004, S.20ff

[16] Ebd., S.17

[17] Vgl. Renaut 2002, S.40

Details

Seiten
31
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656554912
ISBN (Buch)
9783656555094
Dateigröße
961 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265834
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Romanistik
Note
Schlagworte
Frankreich Preußen Wilhelm von Humboldt Université Impériale Berliner Modell Humboldts Bildungsideal Bildung 19. Jahrhundert Universitätssystem Kulturtransfer Republikanismus Grandes Ecoles Universitätsgeschichte Universitäten Positivismus Education nationale

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