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Was es heißt, (selbst-)bewusst zu leben. Theorien personaler Identität

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 14 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Bedeutung der Schlüsselbegriffe
2.1) Die Frage nach der Person

3) Personale Identität

4) Bewusstsein, Selbstbewusstsein, 'Für-mich-Sein'

5) Zusammenfassung und persönliches Fazit

6) Literaturverzeichnis

1) Einleitung

Dieter Henrich spricht in seiner philosophischen Laufbahn viel von und über Selbstbewusstsein und dennoch sagt er selbst, dass er nicht weiß, was genau Selbstbewusstsein ist und was es aus macht. Wer über Selbstbewusstsein spricht, der muss auch über die Begrifflichkeiten Leben, Lebensführung, Objekt, Subjekt als Prozess, Subjektivität und Selbstverständnis sowie Identität und Selbstidentifikation sprechen, denn dies alles beinhaltet Selbstbewusstsein. Im alltäglichen Leben ist Selbstbewusstsein anders definiert als in der Philosophie. Wenn wir über Selbstbewusstsein im Alltag reden, dann meinen wir ein sicheres und couragiertes Auftreten einer Person anderen gegenüber. In der Philosophie meint Selbstbewusstsein, das konkrete Wissen über sich selbst. Wer „Ich“ sagt, ist sich seiner selbst bewusst. Eine Person ist selbstbewusst, wenn sie ihre eigenen mentalen Zustände kennt und sich derer bewusst ist. Somit kommen wir aber automatisch in einen logischen Zirkel. Sich seiner selbst bewusst zu sein, setzt bereits ein Wissen von sich voraus. Wie meiner Meinung nach so oft in der Philosophie, stoßen wir auch hier an unsere sprachlichen Grenzen. Selbstbewusstsein ist ein Begriff, welchen scheinbar jeder kennt und versteht, aber wer sich seiner selbst wirklich bewusst ist und sich intensiv mit seinem eigenen Ich auseinandersetzt, wird schnell merken, dass er an einigen Punkten nicht weiter kommt. Zum einen, weil es körperliche Zustände gibt, wo das Bewusstsein nicht greifbar ist (Schlaf, der Moment des Aufwachens), zum anderen fehlen sprachliche Ausdrücke für bestimmte Gefühls- und Körperzustände. Der Titel der Arbeit „Was es heißt Selbstbewusst zu leben“ meint also absolut nicht die alltägliche Vorstellung von Selbstbewusstsein, sondern was es bedeutet mit seinem Geist und Körper im Einklang zu sein und sich selbst als Individuum wahrzunehmen. Ich möchte in dieser Arbeit verdeutlichen, was eine Person ausmacht, was es bedeutet zu wissen wer man ist und auch weiß, dass man dieses Wissen besitzt. Zudem möchte ich Dieter Henrichs Begriff des „für-mich- sein“ aufgreifen und selbst einen Versuch vagen, die Bedeutung des Selbstbewusstseins zu erklären. Dabei werde ich einleitend die bereits genannten Schlüsselbegriffe zu Selbstbewusstsein erläutern und anschließend auf den Begriff der 'Person' eingehen und die Problematik, die damit verbunden ist, aufzeigen. Überleitend von der kriterienlosen Zuschreibung einer Person widme ich mich dann im letzten Teil der Arbeit dem Selbstbewusstsein und dem 'für-mich-sein'.

2) Bedeutung der Schlüsselbegriffe

Um Selbstbewusst verstehen zu können, ist die Erläuterung folgender Begriffe von Wichtigkeit. Selbstbewusst ist eine Philosophie des Verstehens, denn wenn das Denken in einem Kontext geschieht, kommt die Hermeneutik ins Spiel. Die begrifflichen Erklärungen werden sich nur auf das Wesentliche und für die Arbeit Relevante beziehen.

Wenn wir zunächst im Historischen Wörterbuch der Philosophie nachschlagen, finden wir unter anderem das griechische Wort bíog für Leben. Es bedeutet soviel wie Lebensdauer, Lebensart und meint die Biografie (Vita) des Philosophen. Dieser Begriff dient dazu, das „alltägliche“ und „gewöhnliche“ Leben zu bezeichnen. Auch wird das „Leben“ als innere Bewegungskraft identifiziert (Platon) und dass das Leben bedingt durch die Seele erst zum Leben wird. Wenn von Leben gesprochen wird, spricht man immer von etwas, das sich bewegt - bewegt sein - nicht nur Lebewesen, sondern auch Leben der Natur, Gott oder Leben vom Geist. Erst mit dem Tod hört jegliche Bewegung auf. Leben kann demnach allen zugesprochen werden, was eine wohlbestimmte Einheit ist und was als solche aus sich selbst heraus in eine Bewegung gezogen oder gesetzt wird. Damit kommt Leben in eine Nähe zu Spontanität und Innerlichkeit. Der Begriff der Lebensführung ist an das Subjekt Sein gebunden und wird im weiteren Verlauf erläutert. Subjekt als Prozess meint das Verhältnis zu sich selbst in einem dynamischen Prozess.

2.1) Die Frage nach der Person

Um über Bewusstsein und Selbstbewusstsein zu schreiben, ist es notwendig, den Begriff der Person zu entschlüsseln und zu verdeutlichen. Allerdings werde ich versuchen mich in dieser Arbeit auf das Nötigste zu beschränken und hauptsächlich die personale Identität, die synchrone und die diachrone Identität beschreiben. Schon seit geraumer Zeit ist der Begriff der Person Gegenstand intensiver philosophischer Reflexionen und es gibt zahlreiche Monographien über den Personenbegriff.1 „Durch die Fragen nach der personalen Identität und nach der Autonomie des handelnden Subjekts erlangt der Begriff der Person eine besondere Stellung in der Philosophie der Neuzeit“2.

Für Locke wird die personale Identität durch das Selbstbewusstsein konstituiert. Den theoretischen Strang bildet dabei die Reflexion des Subjekts auf sich selbst, die Verantwortlichkeit für die eigene Vergangenheit sowie die Sorge und das Glück in der Zukunft bilden den praktischen Strang der Identität einer Person. Einige Vertreter seiner Zeit kritisierten jedoch diesen Gedanken, so zum Beispiel Hume und Berkeley. Hume stimmt nicht damit überein, dass es neben der gewöhnlichen Wahrnehmung noch eine Selbstwahrnehmung gebe, die den Begriff der Person oder der personalen Identität rechtfertigen würde.3 Der Personenbegriff ist Gegenstand verschiedenster theoretischer und praktischer Disziplinen der gegenwärtigen Philosophie, daher liegen ihm die unterschiedlichsten Bedeutungen und Implikationen zugrunde. Der Begriff der Person weist weder in seiner Entstehungsgeschichte, noch in der gegenwärtigen philosophischen Diskussion, noch im alltäglichen Sprachgebrauch eine eindeutige Bedeutung auf. Vielmehr stellt er ein stark kulturell geprägtes Konzept dar, welches deutlich konstruktive Züge trägt.4 Nach Brian Garrett ist eine Person:

„ ein vernunftbegabtes und Selbstbewusstes Wesen, mit einem (mehr oder weniger) einheitlichen geistigen Leben. “

3) Personale Identität

Seit jeher versucht die Philosophie die Antwort auf die Frage: „Was ist personale Identität?“ zu finden. Diese Frage lässt sich in zwei teilen, zum einen, was sind die wesentlichen Eigenschaften die Menschen - oder allgemeiner, Lebewesen - zu Personen machen und zum anderen, wie wird die Identität dieser Personen auch über die Zeit hinweg sicher gestellt beziehungsweise konstituiert? Beide Fragen sind in sich unterschiedlich, hängen aber dennoch eng zusammen. In Anghern (1985) lesen wir:

„ [...] in Anwendung auf Person und geschichtliche Prozesse führt sie zu der Frage, nicht wer jemand durch seine Geschichte wird oder wer er - unter anderem - ist, sondern ob er in seinen verschiedenen Qualifikationen, Rollen etc. oder im Laufe seiner Geschichte derselbe ist. Inhaltlich wird diese Bestimmung von Belang, wenn von der Identität des Bewusstseins zu verschiedenen Zeiten oder wenn von Identitätsspaltung, Identitätsverlust oder auch von der Konsistenz oder Kontinuität eines zeitlichen Zusammenhangs die Rede ist. “

Anghern diskutiert hier die temporale Kategorie der Selbigkeit. Zudem greift er in seinen Texten die Differenz zwischen synchroner und diachroner Identität immer wieder auf, jedoch kaum als systematisch eigene Dimension. Für Dieter Henrich spielt bei der Beantwortung der Frage nach der Person die kriterienlose Selbstzuschreibung eine wichtige Rolle. In „ Identität “ - Begriffe, Probleme, Grenzen (1979) greift er die Problematik des Identitätsbegriffs auf und gibt eine Übersicht über die verschiedenen Theorien, die eine Lösung darstellen sollen. Er selbst stimmt aber nicht mit den klassischen Theorien über Selbstverhältnisse überein und formuliert daher die These, dass es kriterienlose Selbstzuschreibung gibt.

In der Psychologie von William James wird zwischen dem Selbst und dem sozialen Selbst unterschieden. Es wird als die Summe von Anerkennung erklärt, die ein Individuum von anderen Individuen erfährt. Das traditionelle Problem der Philosophie, wie das Verhältnis des Menschen zu sich selbst zu verstehen sei und die Gewissheit davon, in vielen Vorstellungszuständen und Lebenslagen derselbe zu bleiben, löste James mit dem 'dauernden und innertsen Teil des Selbst'. Mead hat im Anschluss daran das innerste Selbst mit dem sozialen Selbst verständlich machen wollen und kam so zur Theorie des 'geistigen Selbst',5 eine Person „die sich zu ihrem eigenen Zuständen und Akten verhalten kann. […] Diese Konzeption enthält die Voraussetzung dafür, dass unter 'Identität' dasjenige konstante Muster von Verhalten und Selbstinterpretation dieses Verhaltens verstanden werden kann, welches das definitive Resultat der Entwicklung sprachfähiger Wesen in der Sprachgemeinschaft ist“6. Allerdings stimmt die Bedeutung des Terminus 'Identität' im philosophischen Sinne nicht ganz mit dem psychologischen überein, „in der philosophischen Theorie ist Identität ein Prädikat, das eine besondere Funktion hat; mittels seiner wird ein einzelnes Ding oder Objekt als solches von anderen gleicher Art unterschieden.“7

Wenn etwas 'einzig' ist, ist ihm Identität zuzusprechen. Identität kann weder erworben noch verloren werden. Der sozialpsychologische Identitätsbegriff hat aber eine komplexe Eigenschaft. Sie kann von Personen in einem gewissen Lebensalter erworben werden. Erworben aber nur in dem Sinne, dass sie ihrem Leben Form und und Kontinuität geben können und Kraft ihrer Selbst - autonome Einzelne - sind.8 Aus der Geschichte der Philosophie haben auch heute noch einige Kontroversen über Identität theoriebildende Wirkung. „Nachdem Platon das 'ist' im Sinne von 'ist identisch' als erster von der Copula des Urteils unterschieden hatte, konnte Aristoteles die Unterscheidung von nummerischer und generischer Identität einführen und das philosophische Identitätsproblem auf die Frage nach dem orientieren, was ein Einzelding zu einem solchen macht.“9 Die gegenwärtige Logik bezieht sich immer noch auf das mathematische Gesetz von Leibnitz:

„ Zwei sind dann voneinander ununterscheidbar und nur ein Einziges, wenn alles, was von dem einen wahrheitsgem äß gesagt wird, auch von dem anderen gesagt werden darf. “ 10

oder anders ausgedrückt:

„ [...] zwei sind dann miteinander identisch, wenn in jedem Zusammenhang, in dem von dem einen die Rede ist, an seine Stelle das andere gesetzt werden darf, ohne dass dadurch die Wahrheit oder die Falschheit dieser Rede verändert wird. “ 11

Auch Hobbes äußerte sich zum Identitätsproblem und tat damit den ersten Schritt zur modernen Theorie. Dieser zufolge haben alle generellen Termini eine Bedeutung, aber jeweils nur im Zusammenhang mit spezifischen 'Kriterien der Identität', unter diese muss sich das Einzelne stellen, sofern sie in ihm instantiiert sein sollen.12

[...]


1 Spaemann, 1996

2 UTB-Handwörterbuch der Philosophie

3 Vgl. UTB-Handwörterbuch der Philosophie

4 Vgl. Sturma 1979, S. 54

5 Vgl. Henrich: Begriffe,Probleme, Grenzen S. 134

6 Henrich: Begriffe, Probleme, Grenzen S. 134

7 Henrich: Begriffe, Probleme, Grenzen S. 135

8 Vgl. Ebd, S. 135f

9 Ebd, S. 138

10 Ebd., S. 138

11 Ebd., S. 138

12 Vgl. Ebd., S 138

Details

Seiten
14
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656554929
ISBN (Buch)
9783656555056
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265832
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Philosophisches Institut
Note
2,3
Schlagworte
theorien identität

Autor

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