Lade Inhalt...

Zu Richard Sennetts "Handwerk". Der Handwerksbegriff bei Sennett und im Kontext der Studienfächer Germanistik und Geschichte

Seminararbeit 2010 18 Seiten

Pädagogik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Richard Sennetts Handwerk
2.2 Der Begriff des handwerklichen Arbeitens und des Handwerkers
2.3 Handwerkliches Arbeiten in der Germanistik und der Geschichtswissenschaft

3. Kritische Anmerkungen

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Richard Sennett veröffentlichte 2008 in Deutschland das Werk Handwerk, worin er dafür plädiert, die Menschen und ihre Arbeit wieder miteinander zu versöhnen[1] und dem Handwerk in diesem Zusammenhang seine Würde zurückzugeben.

Die vorliegende Hausarbeit thematisiert Sennetts Begriff von Handwerk und handwerklichem Arbeiten. Schwerpunkt der Hausarbeit ist daher Kapitel 1 Probleme handwerklichen Könnens des ersten Teiles Handwerker aus Sennetts Werk.

Im Folgenden wird nun zuerst allgemein auf Sennett und das Werk Handwerk eingegangen werden. Anschließend soll der inhaltliche Fokus auf den Begriff des handwerklichen Könnens, den Richard Sennett in dem bereits erwähnten ersten Teil seines Werkes Handwerk entwickelt, gelegt werden. In diesem Zusammenhang werden zunächst die von Sennett entwickelten Thesen und Gedankengänge vorgestellt werden. In einem weiteren Schritt werden die handwerklichen Grundlagen in der Germanistik und der Geschichtswissenschaft von Interesse sein und es soll definiert werden, was es heißt, im Studium handwerklich zu arbeiten beziehungsweise eine handwerkliche Orientierung zu haben. Im Rahmen jener Überlegungen zu dem Handwerk in den Geisteswissenschaften sollen Sennetts Ausführungen das theoretische Grundgerüst bilden. Abschließend soll eine kurze eigene Stellungnahme zu Sennetts Ausführungen erstellt werden. In diesem Zusammenhang werden die Stimmen der Rezensenten aus wichtigen deutschsprachigen Tageszeitungen[2] als Literaturgrundlage dienen.

2. Hauptteil

2.1 Richard Sennett: Handwerk

Der US-amerikanische Soziologe Richard Sennett, geboren 1943 in Chicago,[3] begreift sich in seinen Schriften als ein philosophisch ausgerichteter Autor, der in Handwerk diverse Fragen nach der Herstellung von unterschiedlichen Produkten sowie der Bearbeitung und Verarbeitung von verschiedenen Werkstoffen stellt.[4] Dabei geht es ihm jedoch primär um das Handwerkliche per se, das heißt, um die Haltung, die die Menschen, die handwerklich tätig sind, gegenüber ihrem Tun im Idealfall einnehmen oder einnehmen sollten.[5] Anhand von verschiedenen Beispielen aus unterschiedlichen Epochen und Tätigkeiten versucht Sennett jenes Handwerkliche und die dazugehörige innere Haltung und Orientierung konkret greifbar zu machen. Hinsichtlich seines Schreibstiles und seiner Themen rechnet Sennett sich der Tradition des amerikanischen Pragmatismus zu, was bedeutet, dass er sich in erster Linie mit philosophischen Fragen, die in das alltägliche Leben eingebettet sind, beschäftigt.[6] Dieses Konzept seines Tuns spiegelt sich auch in der Thematik von Handwerk wider. Handwerk ist das erste Buch einer Trilogie über materielle Kultur und die Technik. Sennett thematisiert darin die handwerklichen Fertigkeiten und die Fähigkeit der Menschen, Dinge so herzustellen, dass sie wirklich gut sind.[7] Das Werk Handwerk ist in drei Teile gegliedert: Im ersten Teil geht Sennett auf den Handwerker sowie die historische Entstehung des Handwerkers ein und erläutert in diesem Kontext sein theoretisches Verständnis von handwerklichem Arbeiten. Im zweiten Teil betrachtet er das Handwerk als solches sowie die Entwicklung von Fertigkeiten. Im dritten Teil liegt der Fokus schließlich auf Motivation und Talent hinsichtlich des handwerklichen Arbeitens und Könnens.[8]

Sennetts Grundgedanke für Handwerk ist die Idee, dass die Menschen, durch die von ihnen hergestellten Dinge etwas über sich selbst lernen können, dass also materielle Kultur durchaus ihre Bedeutung hat. [] Wir können tatsächlich erreichen, dass die Büchse der Pandora[9] und deren Inhalt nicht ganz so furchterregend sind. Wir können das materielle Leben humaner gestalten, wenn wir das Herstellen von Dingen besser verstehen lernen.[10]

Philosophisch gesprochen, impliziert dieser Gedanke die Annahme, dass Animal laborans[11] Homo faber[12] unter Umständen als Führer dienen kann.[13] Im Gegensatz zu Hannah Arendt ist Sennett jedoch nicht der Auffassung, dass der praktisch tätige Mensch erst nach dem Beenden einer Arbeit in der Lage ist über diese zu reflektieren:

Falls die Öffentlichkeit sich erst nach getaner Arbeit eines Problems annimmt, sieht sie sich in der Regel vor vollendete Tatsache gestellt. Der Einsatz muss früher beginnen und erfordert ein tieferes Verständnis des Herstellens von Dingen, ein materialistischeres Engagement als man es bei Denkern vom Schlage Hannah Arendts findet.[14]

2.2 Der Begriff des handwerklichen Arbeitens und des Handwerkers

Zentral für das Verständnis von Sennetts Werk ist die Tatsache, dass er Handwerk so definiert, dass die Arbeit, von der in diesem Zusammenhang die Rede ist, nicht auf handwerkliche Tätigkeiten und Fertigkeiten von manueller Art, wie sie beispielsweise ein Schreiner braucht, eingeengt wird, sondern sich über sämtliche gesellschaftlichen Bereiche und beruflichen Zweige wie zum Beispiel Informatik, Kunst, Medizin, Pädagogik, Labortätigkeiten, das Individuum als Staatsbürger et cetera erstreckt.[15] Charakteristisch für den Handwerker ist demnach die Hingabe, die jener für sein Tun aufbringt:

Sie alle sind „Handwerker“, weil sie ihrer Arbeit mit Hingabe nachgehen und sie um ihrer selbst willen gut machen wollen. Sie üben eine praktische Tätigkeit aus, doch ihre Arbeit ist nicht nur Mittel zum Zweck. [] Es ist sicher möglich, ohne Hingabe durchs Leben zu kommen. Der Handwerker steht für die besondere menschliche Möglichkeit ‚engagierten‘ Tuns.[16]

Sennett zeigt im ersten Kapitel die Entstehung der Begriffe Handwerker und handwerkliche Fertigkeiten in der Antike auf: Homer besingt in der Hymne auf Hephaistos die Handwerker als jene Menschen [], die Kopf und Hand miteinander verbanden[17] und preist den Handwerker, denn als Schöpfer der Zivilisation war der Handwerker nicht nur Techniker, vielmehr setzte er diese Werkzeuge zum Nutzen der Gemeinschaft ein, denn er beendete auf diese Weise das Nomadendasein der Menschen als Jäger und Sammler oder als entwurzelte Krieger.[18]

Die archaischen Handwerker hatten in der damaligen Gesellschaft eine Stellung, welche mit jener der heutigen Mittelschicht vergleichbar ist.[19] Handwerkliche Fertigkeiten zu erwerben, bedeutete zu jener Zeit, dass man die tradierten handwerklichen Arbeitsschritte und Tätigkeiten der vorherigen Generation übernahm.[20] Jedoch war es trotz der Bindung an die tradierten Arbeitstechniken durchaus möglich, dass sich Arbeitsprozesse nach und nach veränderten und optimierten. Die besagten Veränderungen ergaben sich, weil es die gemeinsame Intention der handwerklichen Gemeinschaft war, dass man qualitativ hochwertige Produkte herstellte und sich folglich kollektiv darum bemühte, möglichst gut und sorgfältig zu arbeiten. Demnach war das, was Sennett mit dem Terminus der handwerklichen Orientierung beschreibt, zu jener Zeit de facto gegeben. Obwohl praktische Tätigkeiten auch im klassischen Griechenland die Grundlage des täglichen Lebens bildeten, wurden diese Fähigkeiten nicht mehr so sehr geachtet wie im archaischen Griechenland: Aristoteles setzte den Begriff Handwerker mit Handarbeiter gleich und sprach dem Handwerker die Verbindung von Kopf- und Handarbeit ab: Der Handwerker ist demnach im Gegensatz zu dem Künstler nicht in der Lage im Zuge seines Schaffensprozesses seine Arbeit zu reflektieren und Probleme bezüglich dieser in Eigeninitiative zu lösen. Er ist ausschließlich ein „Handarbeiter“.[21]

[...]


[1] Vgl. Mathias Greffrath: Hirn und Hand, in: Die Zeit, 21.07.2008.

[2] Mit wichtigen deutschsprachigen Tageszeitungen sind in diesem Zusammenhang folgende Zeitungen gemeint: Die Zeit, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Neue Zürcher Zeitung und Süddeutsche Zeitung.

[3] Vgl. http://www.richardsennett.com/site/SENN/Templates/General.aspx?pageid=8<10.11.2010 , 11.11>

[4] Vgl. Richard Sennett: Handwerk, Berlin 2008, S. 19.

[5] Vgl. Greffrath, (wie Anm. 1).

[6] Vgl. Sennett, (wie Anm. 4), S. 26.

[7] Vgl. ebd. S. 18.

[8] Vgl. ebd. S. 20-22.

[9] Sennett, (wie Anm. 4) erläutert auf S. 9f den Mythos um Pandora, die Göttin der Erfindungsgabe, die von Zeus mit einer Büchse, die mit allerlei Wunderdingen gefüllt war, auf die Erde geschickt wurde, damit sie Prometheus für dessen Vergehen bestrafte. Die Griechen erkannten mit der Weiterentwicklung ihrer Kultur zunehmend ein Element ihres eigenen Wesens: Die von Menschen gemachten Dinge, in denen die Kultur gründet, bargen die ständige Gefahr der Selbstschädigung.

[10] Zitiert nach: ebd. S. 18.

[11] Vgl. ebd. S. 15. Hannah Arendt, Richard Sennets Lehrerin, definiert den Menschen Animal laborans als ein Lasttier, das zu Routinetätigkeiten verdammt ist und die Arbeit als Selbstzweck begreift.

[12] Vgl. ebd. S. 15. In Abgrenzung zu Animal laborans wird Homo faber als der Richter über die materielle Arbeit und Praxis definiert. Homo faber steht nicht gleichberechtigt neben Animal laborans, sondern er steht über ihm, weil er hinsichtlich der Arbeit nicht auf das Wie, sondern auf das Warum fokussiert ist.

[13] Vgl. ebd. S. 18.

[14] Zitiert nach: Sennett, (wie Anm. 4), S. 16f.

[15] Vgl. ebd. S. 32.

[16] Zitiert nach: ebd.

[17] Zitiert nach: ebd. S. 35.

[18] Zitiert nach: ebd. S. 34.

[19] Vgl. ebd. S. 35.

[20] Vgl. Sennett, (wie Anm. 4), S. 35.

[21] Vgl. ebd. S. 36.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656554936
ISBN (Buch)
9783656554974
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265823
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Ethisch-pädagogisches Begelitstudium
Note
2, 0
Schlagworte
richard sennett handwerk

Autor

Zurück

Titel: Zu Richard Sennetts "Handwerk". Der Handwerksbegriff bei Sennett und im Kontext der Studienfächer Germanistik und Geschichte