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Oral History in Theorie und Praxis. Ein Vergleich

Studienarbeit 2013 25 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung „Oral History“ / Zielsetzung der Arbeit

2. Ursprung und Entwicklung der „Oral History“

3. Möglichkeiten und Grenzen der „Oral History“

4. Mögliche theoretische Beispiele der „Oral History“

5. Das ‚kollektive’ und das ‚individuelle’ Gedächtnis

6. Besonderheiten eines Erinnerungsinterviews gegenüber herkömmlichen Quellen

7. Oral History in der angewandten Praxis am Beispiel von Hans Empl

Anhang A: Lebenslauf von Hans Empl (1894 – 1993)

1. Einleitung „Oral History“ / Zielsetzung der Arbeit

Geschichtsschreibung und Geschichtswissenschaft stützen sich bei ihrer Rekonstruktion historischer Fakten und Begebenheiten auf Quellen, ohne die sie undenkbar wären. Historische Quellen stellen die wichtigsten geschichtswissenschaftlichen Artefakte dar. Nach Paul Kirn werden als Quellen „alle Texte, Gegenstände oder Tatsachen“ bezeichnet, „aus denen Kenntnis der Vergangenheit gewonnen werden kann“.[1] Von den historischen Quellen ist die Sekundärliteratur als wissenschaftliche Fachliteratur abzugrenzen.

Neben schriftlich verfassten bzw. hinterlassenen Dokumenten zählen zu den historischen Quellen auch mündliche Quellen in Form von Zeitzeugenaussagen, deren Existenz an sich sowie allgemein ihre Beschaffung, Nutzung und Archivierung bzw. Verwaltung als „Oral History“ bezeichnet werden. „Oral History“ ist eine international etablierte und zahlreich angewandte Methode der Geschichts- und Sozialwissenschaften, die aus der heutigen Geschichtsschreibung nicht mehr wegzudenken ist.[2] Ihre hohe Bedeutung gewinnt die „Oral History“ vor allem aus der Möglichkeit heraus, durch mündliche Quellen auch Personenkreise historisch zu erfassen, die üblicherweise keine schriftlichen Quellen hinterlassen, wie z. B. Angehörige der Unterschicht, und somit der Gefahr einer Verzerrung der Darstellung geschichtlicher Ereignisse vorzubeugen. Dennoch ist die „Oral History“ unter Historikern umstritten und gilt in der Schweiz und in Deutschland bis heute nicht als gesonderte Methode der Geschichtsschreibung, [3] da sie einerseits keine verlässlichen empirischen Daten liefert, sondern lediglich objektive, historische Ereignissen um eine subjektive Dimension erweitert; andererseits aufgrund ihrer Abhängigkeit von Zeitzeugen auch nur zeitgeschichtliche Ereignisse in einer Spanne von maximal etwa neunzig Jahren beleuchten kann.[4] Darüber hinaus ist die „Oral History“ nicht nur Methode sondern gleichzeitig auch selbst ein Forschungsobjekt.

Die vorliegende Arbeit soll der Frage nachgehen, inwiefern sich die mündliche Überlieferung der damaligen Zeitzeugen mit den in Geschichtsbüchern zu findenden Aussagen deckt und ggf. auftretende Diskrepanzen oder Ungereimtheiten eruieren. Dazu werde ich exemplarisch die „erzählte Geschichte“ meines Grossvaters Hans Empl mit den überlieferten Fakten vergleichen. Die Referenzunterlagen hat mein Vater, Haymo sen., umfassend zusammengestellt und dokumentiert.

Zuerst möchte ich aber der Frage nachgehen, was eigentlich „Oral History“ ist.

2. Ursprung und Entwicklung der „Oral History“

Das mündliche Erzählen von Geschichte und die Überlieferung solcher Erzählungen gibt es schon seit der Antike. Als Beispiel dienen die Erzählungen der griechischen Historiker Herodot und Thukidides.[5] Insbesondere Herodot (480-424 v. Chr.), der sich unter anderem mit den Perserkriegen in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. sowie mit orientalischen Hochkulturen, vor allem der ägyptischen, beschäftigte, stellt für viele Ereignisse in dieser Zeit die einzige heute verfügbare Quelle dar. Dabei bleibt der Ursprung seiner Quellen selbst häufig umstritten, und die Sorgfalt der Arbeit Herodots gibt daher Anlass für Diskussionen.[6]

Als Methode der Geschichtsschreibung wurde die „Oral History“ erstmals in den 1940er Jahren in den USA angewandt, wo sie zum Aufzeichnen, Festhalten und Archivieren „authentischer“ Geschichtserfahrungen diente.[7] Das erste „Oral History Office“ wurde 1954 an der Universität von Berkeley gegründet.

Eine mögliche Definition von „Oral History“ legt die Historikerin Valerie R. Yow vor:

Oral history is the recording of personal testimony delivered in oral form.[8]

Diese klare Definition bringt es meiner Meinung nach auf den Punkt.

Oral History spielt gemäss Alexander von Plato in der Ethnologie oder in der Volkskunde schon länger eine bedeutende Rolle. Er weist zudem darauf hin, dass es sinnvoll wäre, von Erfahrungsgeschichte oder Erfahrungswissenschaft zu sprechen.[9]

Wie schon eingangs bemerkt, sollten vor allem jene Bevölkerungsschichten ihre Ereignisse schildern, die normalerweise keine schriftlichen Quellen verfassen. Zentrum des wissenschaftlichen Forschungsinteresses in den USA waren die subjektiven Erfahrungsgeschichten der Arbeiterklasse, der Frauengeschichte und der „Black History“, also der Beiträge von Afroamerikanern zu ihrer eigenen Geschichte. Neben der sachlichen Darstellung der Situation dieser noch gänzlich oder zum Teil unterdrückten Bevölkerungsgruppen sollte mit Hilfe der „Oral History“ auch das politische Bewusstsein gegenüber diesen Menschen verändert und liberalisiert werden.[10]

In den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden in den USA erstmals eigene Geschichten verschiedener Ethnien sowie neue Perspektiven in der Genderforschung veröffentlicht, während man in Deutschland vor allem die Geschichte der Arbeiterklasse erforschte, sich aber auch zunehmend mit der Alltagsforschung im Dritten Reich beschäftigte und die geschilderten Erlebnisse traumatisierter Holocaust-Überlebender untersuchte. Diese Jahre gelten daher allgemein als erste Blütezeit der neueren „Oral History“.[11]

Mit steigender Anerkennung dieser neuen historiografischen Methode artikulierten sich jedoch auch kritische Stimmen immer deutlicher, welche vor allem der Objektivität der „Oral History Quellen“ skeptisch gegenüberstanden und in dieser Subjektivität die Gefahr einer wechselseitigen „Mythologisierung“ der Geschichte sowie einer vermehrt selektiven Geschichtsschreibung sahen.[12] Als Reaktion auf diese Kritik wurden von den „oral historians“ erstmalig Richtlinien zur Sicherung der Qualität des „Oral History“- Interviews entwickelt. Die an der „Oral History“ kritisierte Subjektivität und Gegenwartsabhängigkeit wurde nunmehr als Möglichkeit dargestellt, neben dem eigentlichen historischen Ereignis verstärkt das Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart bzw. den Einfluss von vergangenen Ereignissen auf die Gegenwart sowie auf den Umgang von Menschen und Gesellschaften mit ihrer Geschichte zu untersuchen.[13]

Durch die wachsende Theoretisierung der „Oral History“ und die Verfeinerung methodologischer Konzepte wie etwa der Entwicklung o. g. Interviewrichtlinien formierte sich wiederum Kritik, diesmal aus den Reihen der „oral historians“ selbst. Bemängelt wurde die Schwächung der „radikalen Kraft der mündlichen Quelle“ zu Gunsten eines oberflächlichen Verständnisses der individuellen und sozialen Konstruktionsweisen von Erinnerungen. Die durch die „Oral History“ anfangs propagierte „Geschichte von unten“ werde durch professionelle Historiker und die „historische Objektivität“ relativiert, zudem mache man sich abhängig von der politischen Dimension öffentlicher Erinnerungen.[14] Diesen Entwicklungen wird seit den 1980er Jahren durch eine veränderte Sichtweise auf das Verhältnis von Interviewer und Interviewten Rechnung getragen. Der Interviewte bleibt nicht nur „Quelle“, also Gegenstand des historischen Forschungsprozesses, sondern wird selbst zum „Experten der eigenen Lebensgeschichte“ und damit ein wichtiger Kommunikationspartner im Prozess der Interviewgenerierung und der Interviewtranskription.[15]

Zu guter Letzt gab es, bedingt durch den technischen Fortschritt, auch erhebliche Veränderungen der technischen Gegebenheiten der „Oral History“. Während lange Zeit der Tonband- bzw. Kassettenrecorder als Aufnahmegerät im Mittelpunkt stand, erfolgten mit der rasanten Entwicklung digitaler Aufnahmemöglichkeiten und Übertragungswege wie dem Internet erhebliche Veränderungen. Bislang ungeahnte technische Möglichkeiten, wie etwa hochauflösende Videokonferenzen über den gesamten Erdball, das Zusammenfassen, Katalogisieren und Archivieren digitaler Medien sowie deren weltweite Verfügbarkeit lassen den blossen aufbereiteten Text zu Gunsten von bisher unbeachteten Merkmalen wie Stimme, Gestik, Mimik oder Körperhaltung des Interviewten in den Hintergrund treten.

[...]


[1] Kirn, 1968, S.

[2] Vgl. Brüggemeier, 2009, S.

[3] Vgl. Faehndrich, 2004, S.

[4] Vgl. Jureit, 1999, S.

[5] Vgl. Brüggemeier, 2009, S.

[6] Vgl. Bichler, Bollinger, 2000, S. 130 ff.

[7] Vgl. Brüggemeier, 2009, S.

[8] Vgl. Yow, 2005, S.

[9] Vgl Plato, 1991, in BIOS 4, S.

[10] Vgl. Brüggemeier, 2009, S.

[11] Vgl. Sharpless, 2006, S.

[12] Vgl. Brüggemeier, 2009, S.

[13] Vgl. ebd., S.

[14] Vgl. ebd., S.

[15] Vgl. ebd., S.

Details

Seiten
25
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656554257
ISBN (Buch)
9783656554394
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265684
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Kultur- und Sozialwissenschaften
Note
2.4
Schlagworte
oral history theorie praxis vergleich

Autor

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