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Markt und Moral. Handelbare Verschmutzungsrechte und Klimakompensationsschemas

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 17 Seiten

VWL - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

1. Einleitung

2. Definitionen und Mechanismen

3. Moralische Einwände
3.1. Kommerzialisierung und Eigentumsrechte
3.2. Preisschild für das Unbezahlbare
3.3. Outsourcing von Tugendhaftigkeit
3.4. Crowding-out von Tugendhaftigkeit
3.5. Wandel von Straf- zu Gebührenzahlungen
3.6. Notwendiger Paternalismus

4. Bewertung und Schlussfolgerungen

Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

Die Anwendung von handelbaren Verschmutzungsrechten und Klimakompensationssche- mas ist für zahlreiche Ökonomen und Regulierungsbehörden eine geeignete Methode, um den anthropogenbedingten Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasemissionen effizient und effektiv zu begrenzen. Umweltschützer und Moralphilosophen lehnen den Einsatz von Marktmechanismen zur Reduktion der Emissionen unter anderem aus moralischen Gründen ab. Die vorliegende Arbeit stellt die beiden Instrumente kurz vor und analysiert anschließend sechs zentrale moralische Einwände gegenüber diesen Marktmechanismen. Zunächst wird das Argument der Kommerzialisierung und der monetären Bewertung der „unbezahlbaren“ Erdatmosphäre untersucht. Darauf folgt eine Einschätzung über mögliches Outsourcing und Crowding-out von tugendhaften Verhaltensweisen gegenüber der Natur. Schließlich folgt eine Betrachtung des Wandels von Straf- zu Gebührenzahlungen und der möglichen Not- wendigkeit von Paternalismus. Die abschließenden Schlussfolgerungen zeigen, dass die Einwände größtenteils plausibel widerlegt oder zumindest entkräftet werden können.

1. Einleitung

Umweltverschmutzung und deren Folgen sind in der Volkswirtschaftslehre ein anschauliches Beispiel zur Erklärung von negativen externen Effekten und Marktversagen: Die Firma, die ihre Abwässer der Produktion in den Fluss leitet, reduziert mittelbar den Nutzen des Anglers, der weiter unterhalb des Flusses fischt, ohne dass dieser für den dezimierten Fischbestand eine Entschädigung erhält. Da die Firma nur die privaten - nicht aber die sozialen - Kosten der Produktion berücksichtigt, ist die produzierte Menge zu hoch gewählt. Diese Problematik entsteht typischerweise bei öffentlichen Umweltgütern mit undefinierten Eigentumsrechten, wie z.B. bei Fischbeständen oder der Erdatmosphäre (Goodin 1994, S. 573). Die starke Zu- nahme von Treibhausgasemissionen seit der industriellen Revolution wird als wesentliche Ursache für den anthropogenbedingten Klimawandel betrachtet (Gardiner 2004, S. 568). Durch Politikmaßnahmen wird deshalb versucht die sozialen Kosten in das Kalkül der Treib- hausgasemittenten zu internalisieren und so das Gesamtvolumen der Emissionen zu be- grenzen. Dazu stehen Regierungen verschiedene Politikinstrumente, wie Verbrauchssteu- ern, Subventionen oder Regulierungsanforderungen, zur Verfügung (Caney und Hepburn 2011, S. 202). Im Folgenden liegt der Fokus der Analyse auf den beiden marktbasierenden Instrumenten der handelbaren Verschmutzungsrechte und (freiwilligen) Klimakompensati- onsschemas. Während zahlreiche Ökonomen und Regulierungsbehörden die Anwendung dieser Instrumente befürworten, lehnen viele Umweltschützer und Philosophen ihren Einsatz unter anderem aus unterschiedlichen moralischen Gründen ab. Ist der Markt für Verschmut- zungsrechte unmoralisch?

Um die Forschungsfrage zu beantworten, werden die Publikationen von Kritikern und Befür- wortern gegenübergestellt. Übersichtliche Erklärungen der Funktionsweise von handelbaren Verschmutzungsrechten geben Florian Mersmann und Marcel Braun („Der Emissionshan- del“). Matthew J. Kotchen („Offsetting Green Guilt“) erklärt die Hintergründe der freiwilligen Klimakompensationsschemas. Einen anschaulichen und allgemeingehaltenen Einstieg zur umstrittenen Ausbreitung von Marktprinzipien in der Gesellschaft bietet der Philosoph Mi- cheal J. Sandel in seinem Werk „Was man für Geld nicht kaufen kann - die moralischen Grenzen des Marktes“. Außerdem wird im Wesentlichen auf Argumente der Emissions- marktkritiker Robert E. Goodin („Selling Environmental Indulgences“), Jonathan Aldred („The Ethics of Emissions Trading“) und J. M. Skopek („Uncommon Goods: On Environmental Vir- tues and Voluntary Carbon Offsets“) eingegangen. Dem gegenüber stehen die Forschungs- ergebnisse der Befürworter von Emissionsmärkten: Simon Caney und Cameron Hepburn („Markets, Morality and Climate Change: What, if Anything, is Wrong with Emissions Tra- ding?“ und „Carbon Trading: Unethical, Unjust and Ineffective?“). Während in Kapitel 2 die Instrumente und Mechanismen knapp definiert und erklärt werden, umfasst Kapitel 3 mit sei- nen sechs Unterkapiteln die wichtigsten moralischen Gegenargumente und deren mögliche Widerlegung. Kapitel 4 fasst die Diskussion abschließend zusammen.

2. Definitionen und Mechanismen

Handelbare Verschmutzungsrechte bzw. Emissionshandelssysteme sind ein marktwirtschaft- liches Instrument, um den Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen bei möglichst ge- ringen volkswirtschaftlichen Kosten schrittweise zu reduzieren. Dazu bestimmt eine Regulie- rungsbehörde (beispielweise ein Staat oder eine Staatengemeinschaft) eine Obergrenze von Treibhausgasen, die innerhalb einer bestimmten Periode und innerhalb eines bestimmten Territoriums emittiert werden darf (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktor- sicherheit 2013). Die Emissionsberechtigungen werden anschließend entweder an die be- troffenen Wirtschaftssubjekte (beispielweise Staaten, Unternehmen oder Individuen) zuge- teilt oder versteigert (Page 2011, S. 262). Emittenten, die mehr Treibhausgase ausstoßen wollen, als ihnen durch die zugewiesenen Berechtigungen gestattet ist, haben die Möglich- keit fehlende Rechte von anderen Markteilnehmern zu erwerben (Mersmann und Braun 2013). Im Gegensatz zu alternativ verfügbaren Instrumenten wie Verbrauchssteuern, Sub- ventionen oder technischen Regulierungen, garantiert die verbindliche Obergrenze eine tat- sächliche Reduktion der Gesamtemissionsmenge (Caney und Hepburn 2011, S. 202). Au- ßerdem haben die Handelssysteme den entscheidenden Vorteil, dass die Reduktionsleistung dort erbracht wird, wo die Vermeidung der Emissionen am kostengünstigsten erreicht wird (Mersmann und Braun 2013). Zusätzlich gewähren Handelssysteme unternehmerische Frei- heit, da es den Emittenten selbst überlassen bleibt, in Minderungsmaßnahmen zu investie- ren oder zusätzliche Zertifikate zu erwerben (Spash 2010, S. 173). Das erste Emissionshan- delssystem für Schwefeldioxid wurde bereits in den 1990ern in den USA eingerichtet. In der Europäischen Union besteht seit 2005 das weltweit größte und bekannteste Handelssystem für Kohlenstoffemissionen von Industrieunternehmen (Hepburn 2007, S. 376-377, 381).

Mit Hilfe von Klimakompensationsschemas können Emittenten von Treibhausgasen eine finanzielle Ausgleichszahlung leisten, um klimafreundliche Projekte oder die Sequestrie- rung von Treibhausgasen an anderer Stelle zu finanzieren. So soll die Gesamtmenge der Emissionen in der Atmosphäre sinken (Kotchen 2009, S. 28). Klimakompensationsschemas verstehen sich als „kleine[r] Emissionshandel des privaten Bürgers“ (Steinberger 2010), aber werden darüber hinaus auch von Staaten, Unternehmen und Organisationen wahrgenom- men. Vor allem emissionsstrake Branchen, wie Fluggesellschaften, Energiekonzerne oder Automobilhersteller, bieten den Konsumenten ihre Produkte gegen einen Aufpreis „kohlen- stoffneutral“ an (Monbiot 2006). In Großbritannien gibt es sogar private Anbieter für kohlen stoffneutrale Hochzeiten, Beerdigungen und Windelentsorgung (Kotchen 2009, S. 26). Die Erträge fließen beispielsweise in Projekte zur Wiederbewaldung von Landmasse, zur Steige- rung von Energieeffizienz oder zur Förderung von erneuerbaren Energien (Hepburn 2007, S. 381). Klimakompensationsschemas können als eine Art Preisdiskriminierung zwischen hete- rogenen Verbraucherinteressen aufgefasst werden: Die Schemas schöpfen die Rente der Verbraucher ab, die ihr Verhalten nicht ändern, aber dennoch einen Beitrag zum Klimaschutz leisten möchten. Denn diese Verbraucher stehen zwischen den überzeugten Umweltschüt- zern (die beispielweise nicht mehr fliegen) und den Kunden, die keine Kompensation leisten möchten (Spash 2010, S. 186). Aufgrund der asymmetrischen Verteilung von Informationen entsteht zwischen Anbietern und Nachfragern ein Principal-Agent-Problem: die Handlung der Anbieter kann nicht direkt beobachtet werden und bedarf einer Zertifizierung (Spash 2010, S. 187). Damit können Klimakompensationsschemas anfällig für Betrug bei der Umsetzung und Intransparenz bei der Berechnung von verursachten Emissionen sein (Caney und Hepburn 2011, S. 204). Ebenfalls problematisch ist die zeitliche Verzögerung mit der die Projekte erst umgesetzt werden können, sowie der Nachweis, dass die Projekte nicht auch ohne die Un- terstützung durch Klimakompensationsschemas umgesetzt worden wären (Monbiot 2006). Entscheidend ist ebenso die Beständigkeit von Maßnahmen: Wenn ein Projekt beispielweise eine Wiederbewaldung vorsieht, so müssen die Bäume auch solange erhalten bleiben, bis sie das zuvor freigesetzte CO2 absorbiert haben (Kotchen 2009, S. 31).

In der folgenden Analyse werden die beiden Instrumente zur Vereinfachung weitestgehend unter den Überbegriffen „Markt für Verschmutzungsrechte“ oder „Emissionsmarkt“ zusammengefasst. Gegebenenfalls wird bei einigen Argumenten aber explizit zwischen Emissionshandelssystemen und Klimakompensationsschemas unterschieden.

3. Moralische Einwände

Aus ökonomischer Sicht eignet sich ein Markt für Verschmutzungsrechte dazu das Volumen der global emittierten Treibhausgase effizient und effektiv zu reduzieren. Kritiker bezeichnen die Marktlösungen jedoch als moderne Form des mittelalterlichen Ablasshandels, der aus moralischen Gründen nicht zu rechtfertigen ist (Goodin 1994, S. 575; Monbiot 2006; Stein- berger 2010). Im Folgenden werden sechs zentrale Kritikpunkte analysiert. Die ersten beiden Punkte befassen sich mit den Charakteristika von Märkten, die beiden darauf folgenden Punkte behandeln das Verhalten von Marktteilnehmern und die beiden verbleibenden Punkte betrachten die gesellschaftlichen Implikationen von einer Marktlösung für Verschmutzungs- rechte. Argumente der Verteilungsgerechtigkeit von Emissionsmärkten (z.B. Anfangsausstat- tung an Ressourcen, Emissionshistorie und -zukunft der Emittenten, Verwendung von Aukti- onserlösen, Zuweisung von Zertifikaten usw.) bleiben im Folgenden unberücksichtigt, da sie durch die konkrete Ausgestaltung der Marktmechanismen bestimmt werden, aber unabhängig von der Forschungsfrage sind, ob ein Markt für Verschmutzungsrechte per se unmoralisch ist (Caney und Hepburn 2011, S. 217).

3.1. Kommerzialisierung und Eigentumsrechte

Ein Markt für Verschmutzungsrechte setzt voraus, dass das gemeinsame öffentliche „Gut“ Erdatmosphäre kommerzialisiert wird. Die Markteilnehmer üben dadurch private Eigentums- rechte gegenüber der Erdatmosphäre aus. Aus moralischen Gründen - so der Einwand der Kritiker - sollte jedoch die Natur und ihre Bestandteile, wie die Erdatmosphäre, nicht als Pri- vatbesitz behandelt werden, da sie der gesamten Menschheit zusteht (Goodin 1994, S. 578). Genauso wie es beim kirchlichen Ablasshandel anmaßend ist die Gunst und Gnade Gottes zu gewähren, so ist es beim Verschmutzungsrechtemarkt anmaßend über die Unversehrtheit von „Mutter Natur“ zu entscheiden (Goodin 1994, S. 578). Anstatt Eigentümer der Natur zu sein, sehen Umweltschützer den Menschen vielmehr als Treuhänder („stewards“), dessen Aufgabe es ist die Natur für zukünftige Generationen zu bewahren und auf keinen Fall zu zerstören (Goodin 1994, S. 579). Der bekannte Slogan „Wir haben die Umwelt von unseren Kindern nur geborgt“ entspricht dieser Treuhänderbeziehung („stewardship“) gegenüber der Natur. Eine Kommerzialisierung der Atmosphäre in Verbindung mit Privateigentumsrechten ist mit diesem Ideal unvereinbar (Aldred 2012, S. 342).

Als Gegenposition wird angeführt, dass es sich beim Markt für Verschmutzungsrechte keinesfalls um Privateigentumsrechte, sondern vielmehr um Gebrauchsrechte handelt und die Kritik der Kommerzialisierung den Unterschied zwischen diesen beiden Rechten verkennt (Caney 2010, S. 204; Page 2011, S. 269). Denn ein wesentliches Merkmal von privaten Ei- gentumsrechten ist die Berechtigung, das Besitzobjekt zu zerstören (Page 2011, S. 270). Aber die Besitzer von Emissionsrechten haben lediglich das Recht die Absorptionsfähigkeit der Atmosphäre bis zu einem gewissen (unschädlichen) Niveau zu benutzen, ohne sie dabei zu zerstören (Caney 2010, S. 205). Eine Analogie verdeutlicht dieses Argument: So wie ein Camper eine Gebühr zahlt, um einen bestimmten Zeltplatz für eine festgelegte Periode zu nutzen, zahlt ein Emittent eine Gebühr, um eine definierte Menge von Treibhausgasen in- nerhalb eines bestimmten Zeitraums auszustoßen. Nach Ende der Nutzungsphase ver- schwinden die Spuren von Camper und Emittent (Caney und Hepburn 2011, S. 211). Der Preis der Emissionen ist demzufolge nicht die Pacht aus einem Privateigentumsverhältnis, sondern die Gebühr für die temporäre Nutzung der gemeinsamen Erdatmosphäre: „Money gives right to access, but not to ownership.“ (Ott und Sachs 2000, S. 14).

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Details

Seiten
17
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656550907
ISBN (Buch)
9783656550938
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265452
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,3
Schlagworte
Markt und Moral Klimakompensation CO2 Verschmutzungsrechte CO2-Handel

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