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Französisch in Westafrika. Das Nouchi der Elfenbeinküste

Seminararbeit 2012 44 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Mehrsprachigkeit in der Elfenbeinküste
1.2. Die Ausbreitung von Französisch – das FPI
1.2.1. Linguistische Merkmale des FPI
1.3. Das Französisch der Elfenbeinküste
1.3.1. Linguistische Merkmale des Französisch der Elfenbeinküste
1.4. Mischsprachen
1.4.1. Bedingungen für das Entstehen einer Mischsprache
1.4.1.1. Allgemeine Mehrsprachigkeit
1.4.1.2. Keine afrikanische Verkehrssprache mit nationaler Ausbreitung
1.4.1.3. Zweisprachigkeit: Französisch
1.4.1.4. Unsicherheit der Sprecher
frikanische Verkehrssprache mit regionaler Ausbreitung
1.4.1.5. Wunsch nach nationaler Identität
1.4.1.6. Wunsch nach eigener Identität einer Generation
1.4.1.7. Wunsch nach sozialer Positionierung

2. Kurze Geschichte des Nouchi, einem Fall von Sprachmischung in der Elfenbeinküste
2.1. Entstehung des Nouchi
2.2. Ausbreitung des Nouchi
2.3. Die Unterscheidung von FPI und Nouchi und dessen Platz im Kontinuum.

3. Das Lexikon des Nouchi
3.1. Zusammensetzung des Vokabulars
3.2. Die Herkunft der „unbekannten Wörter“ des Nouchi
3.2.1. Morphologische Motivation
3.2.1.1. Deformierung
3.2.1.2. Suffigierung
3.2.2. Semantische Motivation
3.2.2.1. Metaphorisierung
3.2.2.2. Metonymie
3.2.2.3. Bedeutungserweiterung
3.2.2.4. Bedeutungsveränderung durch Veränderung der Konnotation
3.2.3. Neologismus

4. Die Wortarten des Nouchi
4.1. Nomen
4.2. Verb

5. Syntax des Nouchi
5.1. Wortstellung
5.2. Lexematische Besonderheiten
5.3. Tempus
5.4. Akzentuierung im Satz
5.4.1. Vokaldehnung
5.4.2. Wortfinale Aspiration
5.5. Assimilation

6. Orthographievorschläge
6.1. Das Online-Wörterbuch des Nouchi
6.2. Wichtige Prinzipien bei der Orthographieerstellung
6.2.1. Laute
6.2.1.1. Vokale
Konsonanten
6.2.2. Orthographie von französischen Morphemen
6.2.3. Orthographie von Wörtern aus europäischen Sprachen
6.2.4. Orthographie der zusammengesetzten Wörter
6.2.5. Syntax
6.2.5.1. Elision
6.2.5.2. Bindung
6.2.5.3. Akzentuierung einzelner Silben
6.2.5.4. Aspiration

7. Das Nouchi als Nationalsprache?

8. Konklusion

9. Bibliographie

Liste der Illustrationen

Illustration 1: Kontinuum 1 nach Kouadio (2005, 186)

Illustration 2: Kontinuum 2 nach Kouadio (2005, 188)

Illustration 2: Herkunft der Wörter des Nouchi gemäß Ahua (2008a, 136)

Liste der Tabellen

Tabelle 1: Häufigkeit der Wörter verschiedenen Ursprungs, adaptiert nach Queffélec (2007, 54)

Tabelle 2: Unterschiede zwischen Ideophon und Onomatopoetikum gemäß Wikimedia Foundations Inc. (2011a)

Tabelle 3: Aspekto-temporelle Phrasen des Nouchi

Tabelle 4: Die verschiedenen Schreibweisen im Nouchi gemäß Ahua (2007, 184)

Tabelle 5: Orthographie der Vokale des Nouchi nach Ahua (2007, 186 f.)

Tabelle 6: Orthographie der Konsonanten des Nouchi nach Ahua (2007, 187 f.)

Tabelle 7: Vergleich der Schreibweisen von Lauten und Morphemen im Nouchi und Französisch nach Ahua (2007 189 f.)

Tabelle 8: Berücksichtigung der Wortherkunft in der Orthographie des Nouchi nach Ahua (2007, 191)

Tabelle 9: Orthographie von Verschmelzungen verschiedener Lexemen nach Ahua (2009, 193)

Tabelle 10: Orthographie von Verschmelzungen zweier Nomen nach Ahua (2009, 194)

Tabelle 11: Orthographie der Elision nach Ahua (2009, 194)

Tabelle 12: Orthographie der Liaison nach Ahua (2009, 194 )

Tabelle 13: Orthographie des Akzente nach Ahua (2009, 195)

1. Einleitung

1.1. Mehrsprachigkeit in der Elfenbeinküste

Die Elfenbeinküste weist eine starke Mehrsprachigkeit auf. Wenngleich die Anzahl der Sprachen nicht mit denen von Nigeria (500 Sprachen) und Kamerun (300 Sprachen) mithalten kann, gibt es immerhin 60 Sprachen[1], welche alle zu der Sprachfamilie Niger-Kongo gehören und sich weiter in Kwa (42%), Mande (24%), Kru (16%), und Gur (15%) einteilen lassen (Kube 2004, 89 f.). Für 80% der Kinder der Elfenbeinküste ist eine afrikanische Sprache die Erstsprache, wobei jedoch in nur 14% der Familien ausschließlich eine afrikanische Sprache gesprochen wird. Weiters kommunizieren nur 15% ausschließlich in ihrer Erstsprache mit den Geschwistern, ein Drittel mit den Eltern, aber kaum jemand mit Freunden, was daran liegt dass die Kinder in den Schulen verschiedene Muttersprachen haben.

Es wird geschätzt, dass ungefähr eine Million der 18,5 Millionen Ivorer Dioula als Erstprache haben und weitere drei bis vier Millionen Sprecher diese Sprache als Handelssprache verwenden (Kube 2004, 91). Aber auch das Französische wird vermehrt in Domänen verwendet, die früher nur dem Dioula vorbehalten waren. Französisch ist die offizielle Landessprache, wenngleich es keine einheimische Sprache ist. Grund dafür war, dass man nach der Unabhängigkeit 1960 dachte, keine ivorische Sprache könne die Verwaltungs- und Kommunikationsbedürfnisse des jungen Staates erfüllen (Kube 2004, 92). In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Situation jedoch grundlegend verändert- 30 Sprachen sind mittlerweile von der ILA (Institut de linguistique appliquée) und der SIL (Société international des langues) linguistisch beschrieben worden. Trotzdem bleibt Französisch dominant. Es ist dabei unmöglich, die genaue Anzahl der Sprecher zu nennen, denn die Situation des Französischen in der Elfenbeinküste ist sehr komplex „ weil das, was mit ‚Französisch in der Côte d’Ivoire‘ scheinbar eindeutig bezeichnet ist, in der tatsächlichen Sprachverwendung gerade im afrikanischen Kontext kein homogenes Gebilde beschreibt“ (Kube 2004, 95). Es besteht keine Definition des Frankophonen, vielmehr kann man die Sprecher nach ihrer Kompetenz einteilen, wobei es sechs Niveaus gibt, die sich an der Dauer des Schulbesuchs orientieren (vgl. Kube 2004, 95 f.). Es gibt um die 30 000 französische Muttersprachler im Land, die Zahl der Zweitspracherwerber ist jedoch unbekannt. Es wird geschätzt, dass ungefähr zwei Drittel der Menschen ab sechs Jahren sich in irgendeiner Form auf Französisch verständigen können ().

Fakt ist jedoch, dass es kaum mehr Ivorer gibt, die über keinerlei Französischkenntnisse verfügen. Der Großteil gehört in die Gruppe derer, die teilweises, reduziertes und / oder passives Wissen haben, wobei große Kompetenzunterschiede bestehen. Sie werden zusammengefasst „francophonoïde“ (Chaudenson 1989 zitiert nach Kube 2004, 97) genannt.

Simard teilte die ivorische Gesellschaft der 90er Jahre in zwei große Gruppen ein- die gebildete und die ungebildete Schicht. Hand in Hand mit dieser Einteilung gehen seiner Meinung nach zwei Varianten des Französischen, die gebildete Schicht spricht das „ivoirien cultivé“ (Simard 1994, 20), das am nähesten am Französisch Frankreichs, also dem Standardfranzösisch ist und den Akrolekt darstellt, die wenig gebildete oder ganz ungebildete Schicht spricht das „francais populaire ivoirien“, kurz FPI (Simard 1994, 20), welches auch „francais de Moussa“ (Lafage 1991, 96) oder „pétit nègre“ (Wikimedia 2011b) genannt wurde und den Basilekt darstellt. Weitere Varianten des Französischen in der Elfenbeinküste findet man in Form von zahlreichen Mesolekten zwischen dem Ivoirien cultivé und dem FPI, sowie dem Nouchi, einer Mischsprache, wobei die Sprecher des Akrolekts für gewöhnlich auch über meso- und basilektale Kenntnise verfügen (Kube 2004, 101).

Aktueller ist jedoch die Einteilung von Kouadio (1998), laut welcher nur das FPI als Varietät, die außerhalb der Schule erlernt wird, sowie das „francais local“ bzw. „francais de Côte d’Ivoire“ existiert, wobei letzteres sowohl die Mesolekte als auch den Akrolekt miteinschließt. Grund für diese Einteilung liegt in der „Ivorisierung“ des Lehrkörpers und der immer geringeren Einfluss des Standardfranzösischen. Kaum ein Lehrender hat heute in Frankreich studiert. Einfluss besteht nur noch in Form von Fernsehsendungen, zu denen aber nur wenige Zugang haben, und so konnte sich eine stärker ivorisierte Norm- das „Franzöisch der Elfenbeinküste“ - als Sprache des Bildungswesens durchsetzen (Kube 2004, 102 ff.).

Wir wollen nun chronologisch die einzelnen Varietäten beschreiben und wie sie entstanden sind, bevor wir zum eigentlich Hauptthema dieser Arbeit, dem Nouchi, kommen.

1.2. Die Ausbreitung von Französisch – das FPI

Das FPI ist die älteste, ursprünglichste Variante des Französischen in der Elfenbeinküste (Kouadio 2005, 177), war beziehungsweise ist eine aus Unsicherheit heraus entstandene pidginisierte Form des Französischen (Lafage 1991, 96 ff.) und wird deswegen auch als „Basilekt“ bezeichnet (Kouadio 2005, 178). Die Entstehung des FPI ist auf zahlreiche Gründe zurückzuführen, allen voran das Schulsystem der 70er und das wirtschaftlichen Wachstum sowie die Entwicklung der Infrastruktur während der 80er Jahre. Mit letzterem öffnete sich die Tür für Immigranten aus Ost- und Zentralafrika, welche auf der Suche nach einer Arbeit kamen. Der Großteil von ihnen war ungebildet und ließ sich in Abidjan oder Bouaké nieder. Dazu kam eine große Zahl von Europäern, Amerikanern und auch Afrikanern, die als Experten oder Lehrer mit Hilfsorganisationen, internationalen Organisationen, mit Firmen oder durch Handel ins Land kamen. Das Land öffnete sich somit für die Welt, und Französisch spielte dabei eine wichtige Rolle für die Kommunikation. Weiters begann die Bevölkerung, die Schule quasi als obligatorisch zu betrachten, sowie als Mittel des sozialen Aufstieges. Dazu galt es, Französisch zu erlernen: « Comme cela s’est passé en France à partir de la fin du XIXe siècle, l’école constitue le principal facteur d’unification linguistique (Simard 1994, 22). » Die Schule wurde zum primären Ort, an dem sich eine Zweisprachigkeit entwickelte. Die Entwicklung nahm ihren Lauf mit der Einrichtung weiterer Bildungseinrichtungen wie Universitäten in den großen Städten, aber auch in Städten von bis dahin geringerer Bedeutung. Schüler und Studenten aus dem ganzen Land und von den verschiedenen Regionen wurden angezogen, sodass es zu einer Vermischung der ivorischen Bevölkerung und der ethnischen Gruppen kam. Die Studenten müssen, um einen Doktortitel zu erhalten, nun auch nicht mehr das Land verlassen. Universitätsprofessoren werden im Land ausgebildet und stehen nicht mehr direkt unter dem Einfluss des Standardfranzösischen.

Schulen, Universitäten, private Firmen, staatliche Gesellschaften werden also nunmehr im Land gebaut, und Ratgeber, Ingenieure, Techniker, simple Arbeiter kommen von überall in der Elfenbeinküste oder aus dem Ausland. Interethnische Ehen wurden auf Grund dieser Situation keine Seltenheit, vor allem in Abidjan. Somit wurde auch die Familie ein Ort der Zweisprachigkeit und begünstigte den Vormarsch des Französischen, denn in einer Mischehe wird oft keine der vorhandenen Muttersprachen dominant und zur Familiensprache, vielmehr findet man als Kommunikationsmittel, welches an die Kinder weitergegeben wird, Französisch, wobei auch der Gedanken mitspielt, dass so den Kindern die Schulbildung zugänglicher gemacht wird. Weiters gibt es Ehen zwischen Ivorianern und Europäern bzw. Amerikanern, wobei natürlich auch Französisch als Kommunikationsmittel innerhalb der Familie dient. Es versteht sich von selbst, dass damit auch ein sozialer Nachteil entsteht, denn die Kinder können zum Beispiel nicht mit ihren eigenen Großeltern kommunizieren und sind somit nicht mehr in ihrer Herkunft verankert. Das hat soweit geführt, dass Studenten auf der Suche nach ihrem Ursprung Sprachkurse belegen, um die ivorische Muttersprache ihrer Eltern oder eines Elternteiles zu erlernen, welches es verabsäumt haben, ihnen diese in der Kindheit zu vermitteln. Die Muttersprache diese Kinder bleibt jedoch Französisch, beziehungsweise eine Varietät davon (Simard 1994, 23).

Auch die Medien, sprich Radio, Fernsehen und Presse haben sich in den 80ern sehr schnell entwickelt, sowie parallel dazu der Verkauf von Produkten aus dem In- und Ausland, die in einer Sprache beworben werden müssen, die für die breite Masse zugänglich ist. Die Medien bedienten sich dazu des FPI, das somit noch mehr Verbreitung fand und mehr und mehr akzeptiert wurde (Simard 1994, 25).

In den 90er Jahren kam es zu kritischen, soziopolitischen Situationen im frankophonen Westafrika, wie zum Beispiel der Revolution in Burkina Faso und den Bürgerkriegen in Ruanda, Togo Zaire Kongo etc. Kein frankophones Land konnte den Problemen wirklich entgehen, wobei jedes Land unterschiedlich betroffen war. In dieser Zeit breitete sich das Französisch zwar weiter aus, seine normative Qualität sank jedoch, bedingt durch Streiks seitens der Schüler und Lehrer und einer Verschlechterung des Gesamtzustands der Wirtschaft, was zu weniger Schuleintritten führte. Es entstanden Mehrparteiensysteme, wodurch es wiederum zu einer Ausbreitung der lokalen Presse kam mit neuen Journalisten, die ein lockeres Französisch benutzten, beeinflusst von endogenen Formen, und auch politische Debatten, im Radio übertragen, begünstigten den alltäglichen Gebrauch französischer Mesolekte. Zuletzt kam es zur Landflucht auf Grund von bewaffneten Konflikten, sodass die Großstädte noch mehr wuchsen. Auf Grund der Urbanisierung wurde die Bevölkerung der Städte zusehends gemischter und das einzige Kommunikationsmittel- Französisch- war oft nur elementar erworben worden. All diese Gründe trugen dazu bei, dass das Französische primär auf der Straße erworben wurde und in seinem Gebrauch an die Kultur und die Lebenssituation der Menschen angepasst werden musste (Lafage 1991, 137). Das FPI wurde somit Großteils außerhalb einer Bildungseinrichtung erworben, der Erwerb erfolgte empirisch, durch Hören und Imitieren von Sprechern, die diese Sprache selbst nicht als Muttersprache beherrschten (Simard 1994, 25). Die Weiterentwicklung des Nouchi und dessen Verwendung außerhalb der Randgebiete Abidjans wurden durch diese Situation begünstigt.

Im Folgenden soll kurz auf einige linguistischen Merkmale des FPI eingegangen werden, bevor wir uns ganz der Entwicklung und Struktur des Nouchi widmen.

1.2.1. Linguistische Merkmale des FPI

Das FPI ist im Grunde eine Pidginsprache auf dem Weg zur Kreolsprache, sowohl soziolinguistisch, da es nicht nur als hilfsmäßiges Kommunikationsmittel dient, sondern bereits als Ausdrucksmittel von ivorischer Kultur und Gedankengut gilt, sowie grammatikalisch, da man pidginisierte Formen findet. Dazu gehört das Weglassen grammatikalischer Morpheme, so dass nur das lexikalische Element beibehalten wird. Im FPI wird so zum Beispiel das Nomen nicht determiniert und das Verb nicht flektiert (Simard 1994, 28):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aber man findet auch kreolisierte Formen, das heißt solche, welche neue Regeln aufweisen die von der französischen Grammatik abweichen. Meistens wird hierbei von pidginisierten Formen ausgegangen, deren Struktur komplexer gemacht werden muss um eine Mehrdeutigkeit wie im obigen Beispiel, zu verhindern. Dazu gehören zum Beispiel das Einführen eines Tonems zur Markierung des Superlativs oder neue Morpheme, zum Beispiel [sõ]…[le] statt [sɛ]. Der Sprecher des FPI produziert also in der Tat das französische Possessivpronomen als Affix und den männlichen Artikel als Suffix anstelle des Französischen ce, ‚dieser‘ (Simard 1994, 28):

[sɔ̃sœrle avɛk sɔ̃frɛrle] Cette sœur avec ce frère Diese Schwester mit diesem Bruder

Es muss dazu gesagt werden, dass, bis auf Determinierung und Verbflexion, kreolisierte Formen mit Hilfe von Elementen afrikanischer Sprachen gebildet werden (Simard 1994, 26 ff.).

1.3. Das Französisch der Elfenbeinküste

Neben dem FPI gibt es auch das „ivoirien cultivé“ oder „francais de Cote d’Ivoire“ (Simard 1994, 31), welches parallel zu dem von der Elite gesprochenen Standardfranzösisch und der pidginisierten Form des Französischen, dem FPI, noch eine weitere Variante des Französischen in der Elfenbeinküste ist, auf welche in dieser Arbeit als „Französisch der Elfenbeinküste“ referiert wird. Wie auch das in Kanada gesprochene Französisch, hat Französisch in afrikanischen Kolonien eine Transformation durchgemacht, was bedingt ist durch die Lösung von der Norm und dem starken Einfluss einheimischer Sprachen (Simard 1994¸ 31).

1.3.1. Linguistische Merkmale des Französisch der Elfenbeinküste

Eine der größten Unterschiede zwischen dem Standardfranzösischen und dem Französisch der Elfenbeinküste findet man in der Phonologie- Die Satzmelodie und der Sprachrhythmus weichen erheblich vom Standardfranzösischen ab, was an dem Einfluss der afrikanischen Tonsprachen liegt. Auch eine Delabialisierung der Vokale ist vorhanden, so sagt man zum Beispiel [ɛ̃pe] statt [œ̃pø], fr. un peu, ‚ein bisschen‘. Weiters findet man durch Einfluss des FPI ein tonales Morphem, etwa um den Superlativ oder verschiedene Affekte auszudrücken, sowie idiomatische Ausdrücke.

Zu den weiteren linguistischen Merkmalen des Französisch der Elfenbeinküste gehört zum Beispiel das Fehlen eines Artikels, wobei jedoch ein nachgestelltes là oft die Funktion eines Artikels übernimmt, sowie der Wegfall von Präpositionen, zum Beispiel: on a pas fini [d‘]apprendre, ‚Wir haben noch nicht aufgehört, zu lernen‘. Man beobachtet auch den Wegfall von que, ‚dass‘ zur Einleitung eines Relativsatzes und die Verwendung der Präposition dedans, ‚drinnen‘, statt des im Standardfranzösischen verwendeten y. Auch werden andere Konstruktionen verwendet um den Vergleich auszudrücken, so findet man zum Beispiel bien, ‚gut‘ oder plus mieux, wörtlich ‚mehr besser‘ für den Komparativ (Kube 2004, 229 ff.)

1.4. Mischsprachen

Die beschriebene soziolinguistische Situation in der Elfenbeinküste was ausschlaggebend für die Entstehung des Nouchi, einer Mischsprache. Gemäß Queffélec muss man Mischsprachen, bei denen es zu einem „code mixing“ (Queffélec 2007, 46), das heißt einem Wechsel von Sprache oder Varietäten während des Sprechens, kommt, von anderen Formen der Mischung unterscheiden, welche da sind Entlehnung, Pidgin und Code-Switching. Der Unterschied von Mischsprachen und Code-Switching besteht darin, dass sich bei ersterer die Codes regelrecht gegenseitig durchdringen, so dass eine wahre Mischform entsteht, während bei letzterem beide Codes mit all ihren Regeln erhalten bleiben und sich in ihrem Gebrauch abwechseln (Queffélec 2007, 46).

1.4.1. Bedingungen für das Entstehen einer Mischsprache

Es gibt mehrere Bedingungen für das Entstehen einer Mischsprache. Wir wollen sie im Einzelnen untersuchen und dabei stets darauf hinweisen, dass alle diese Kriterien in der Elfenbeinküste erfüllt waren.

1.4.1.1. Allgemeine Mehrsprachigkeit

Eine der wichtigsten Bedingungen für das Entstehen einer Mischsprache ist eine staatlich bedingte Mehrsprachigkeit.

1.4.1.2. Keine afrikanische Verkehrssprache mit nationaler Ausbreitung

Eine weitere Bedingung ist, dass es keine afrikanische Verkehrssprache gibt, welche im ganzen Land Verwendung findet. Sobald dies der Fall ist- etwa im Senegal (Wolof), in Mali (Bambara), Zentralafrika (Sango), Ruanda (Kinyaruanda) bzw. Burundi (Kirundi), deckt die Verkehrssprache die informelle, mündliche Kommunikation ab, und für das Französische, die offizielle Sprache, bleibt der formelle Sektor als geschrieben Sprache.

In der Elfenbeinküste gibt es mehrere Sprachen mit regionaler Ausbreitung, jedoch übernimmt keine von ihnen die Rolle einer nationalen Verkehrssprache. Das Dioula ist zum Beispiel die meistgesprochenste Sprache im Norden des Landes und wird von ungefähr 60% der Bevölkerung verstanden (Simard 1994, 21). Jedoch lehnen die im Süden lebenden Ivorer, die Großteils Christen oder Animisten sind, diese Sprache der im Norden lebenden Muslime und Immigranten von Burkina Faso oder Mali, ab (Queffélec 2007, 47 f.). Dioula ist trotzdem die wichtigste Sprache des Handels und die zweite Verkehrssprache in Abidjan neben dem FPI. Auch wenn es sich nicht landesweit ausbreiten wird, ist es jene Sprache, aus welcher für die Bildung des Nouchi am meisten entlehnt wurde. Zu Beginn waren wohl um die 50% des Vokabulars des Nouchi aus dem Dioula. Weiters wird von manchen behauptet, dass der Begriff „Nouchi“ selbst ein zusammengesetztes Wort aus den zwei Wörtern des Dioula, nou, ‚Nase‘ und chi, ‚Haar/Idee‘ ist.

1.4.1.3. Zweisprachigkeit: Französisch / afrikanische Verkehrssprache mit regionaler Ausbreitung

In Gabon oder Kongo-Brazzaville ist bisher keine Mischsprache entstanden. In Gabon ist Französisch die einzige Verkehrssprache geworden, die um die 50 Landessprachen sind auf das Familienleben beschränkt. In Kongo-Brazzaville gibt es zwei regionale Landessprachen, welche von der Konstitution anerkannt sind: Das Lingala, vor allem im Norden gesprochen und das Kituba, vor allem im Süden gesprochen. Dem Französischen stehen somit zwei Verkehrssprachen gegenüber, die ebenfalls anerkannt sind, und somit schlussfolgert Queffélec (2007, 48 f.), dass es zum Entstehen einer Mischsprache notwendig ist, dass eine Koexistenz von genau zwei konkurrierenden Verkehrssprachen vorliegt, wie es das FPI und das Dioula in der Elfenbeinküste sind.

1.4.1.4. Unsicherheit der Sprecher

Obwohl das Französische in frankophonen Ländern prestigeträchtig ist und als Mittel der Anstellung, für Verantwortung und für das Ermöglichen von Kommunikation dient, wurde es lange nur von den Gebildeten gesprochen. In den 80ern wurde in der Elfenbeinküste die Schulbildung für eine breite Masse zugänglich, was jedoch auch mit einem unvollständigen Erwerb des Französischen einherging, denn nicht nur die Schüler, sondern auch die neuen Lehrer sprachen nicht unbedingt, was man als Standardfranzösisch bezeichnen konnte. Bald gab es eine Unterscheidung zwischen dem, was die Jungen etwas abschätzig als „gros francais“ (Queffélec 2007, 49) bezeichneten - das akademische Französisch, und einem lokalen Französisch, welches auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf dem Markt etc. Einsatz fand. Grund dafür war, dass die Jungen nie vollständig Standardfranzösisch erlernt hatten und sich beim Sprechen unsicher fühlten. Diese Unsicherheit betrifft jedoch nicht nur das Französische, denn auch die afrikansichen Sprachen wurden oft nicht so vermittelt, dass die Kinder sich in ihr „zuhause“ fühlten. Es entstand eine „insécurité bilinguistique“ (Bretegnier, 1996 zitiert nach Queffélec 2007, 50), welche eine Voraussetzung für das Entstehen von Mischrpachen ist.

1.4.1.5. Wunsch nach nationaler Identität

In einem multiethnischen Land ist die offizielle Sprache, wie zum Beispiel Französisch, nicht identitätsbildend, denn sie wird von den Sprechern nicht als Landessprache angesehen. Nicht einer der von Kubé befragten Schüler antwortete auf die Frage, ob Französisch als ivorische Sprache betrachtet wird, mit „Ja“ (Kubé 2005, 149). Mischsprachen hingegen erfüllen diesen Zweck, und so sagte einer der Befragten treffend: « Le nouchi est né pour nous unir, c’est-à-dire pour qu’on ait une langue comme code et non le français qu’on nous a imposé » (Kubé 2005, 149).

Der Wunsch nach einer gemeinsamen Identität wird vor allem in der Schule groß. Oft sitzen Kinder, die ihren Ursprung in den verschiedensten Regionen des Landes haben, in einer Klasse zusammen. Dies ist besonders in den großen Städten der Fall. Diese Kinder befreunden sich, sie teilen die gleiche Lebensweise, die gleichen Gedanken, das gleiche Weltbild, die gleiche Landesherkunft. Und sie wollen auch eine gemeinsame Sprache teilen. Der Vorteil von Französisch ist, dass es von keiner ethnischen Gruppe des Landes ausgeht, sondern von außen kommt und somit in gewisser Weise „neutral“ ist. Ethnische Rivalitäten in und außerhalb der Schule wären der Fall, wenn eine lokale Sprache dominant werden würde, nicht jedoch wenn es eine von außenkommende Sprache ist, die niemand als einheimisch bezeichnen würde (Simard 1994, 23). Trotzdem ist Französisch nicht identitätsbildend, da es eben eine exogene Sprache ist. Es ist in gewisser Weise nur ein Lückenfüller, bis es zum Entstehen der endogenen Mischsprache Nouchi kam.

1.4.1.6. Wunsch nach eigener Identität einer Generation

Mischsprachen tragen auch zu einer Generationsidentität bei, denn es sind normalerweise junge Sprecher, welche die Neigung zur Abgrenzung haben und zu diesem Zweck mit Hilfe von neueingeführten Wörtern und Phrasen eine Art Jugendsprache entwickeln. Ein von Kubé befragter Sprecher des Nouchi meint dazu: « Le nouchi est la langue des jeunes Ivoiriens […], il est pour les jeunes de langage le plus parlé […], c’est une langue des jeunes et elle doit rester avec les jeunes, parce que les jeunes se comprennent mieux avec le nouchi, ils peuvent mieux s’exprimer » (Kubé 2005, 136).

1.4.1.7. Wunsch nach sozialer Positionierung

Ein weiterer Grund für die Entstehung einer Mischsprache ist der Wunsch nach einer sozialen Abgrenzung. Die Kommunikation soll so konzipiert sein, dass nur „Gruppenmitglieder“ die Botschaft verstehen, nicht jedoch Außenstehende anderer sozialer Gruppierungen. Meistens besteht auch deswegen ein Wunsch zur Verschlüsselung des Gesagten, weil die Botschaften tatsächlich geheim sind, denn Mischsprachen wie zum Beispiel das Hindoubill[2], das Camfranglais[3] oder das Nouchi entstehen oft unter Kleinkriminellen (Queffélec 2007, 52).

[...]


[1] Laut Ethnologue sind es 79 Sprachen , davon 77 lebende (Lewis 2009).

[2] Eine Mischsprache der demokratischen Republik Kongo, späte 50er Jahre (Wikimedia 2011d).

[3] Eine Mischsprache Kameruns, 70er Jahre (Wikimedia 2011e).

Details

Seiten
44
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656549130
ISBN (Buch)
9783656548874
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265429
Institution / Hochschule
Universität Wien – Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
französisch westafrika nouchi elfenbeinküste Mischsprache

Autor

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