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Sprachtod. Untersuchungen zu Sprachselbstmord und Sprachmord.

Versuch einer Gleichsetzung mit anderen Phänomenen des Sprachkontakts

Seminararbeit 2011 29 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sprachselbstmord
2.1. Einführung
2.2. Guyanese Creole
2.2.1. Fakten
2.2.2. Das Kontinuum
2.3. Tok Pisin
2.4. Schlussfolgerung
2.5. Zwei Tatsachen

3. Sprachmord
3.1. Ungarisch in Österreich (Oberwart, Burgenland), Gal 1979
3.1.1. Historische Fakten
3.1.2. Soziolinguistisches
3.2. East-Sutherland-Gälisch, Nancy Dorian 1981
3.2.1. Fakten zur Untersuchung
3.2.1. Historische Fakten
3.2.3. Soziolinguistisches
3.2.4. Das Halbsprecher-Phänomen
3.2.5. Linguistische Entwicklungen
3.2.6. Ergebnisse.
3.3. Irisches Gälisch, Hindley 1990
3.3.1. Historische Fakten
3.3.2. Soziolinguistisches
3.3.3. Deontas in den Gaeltacht
3.4. Dyirbal (Jambun, Australien), Schmidt 1985.
3.4.1. Fakten
3.4.2. Soziolinguistisches
3.4.3. Linguistische Entwicklungen
3.5. Schlussfolgerung

4. Sprachselbstmord und Sprachmord
4.1. Problematik der Begrifflichkeit
4.2. Problematik der Differenzierung

5. Sprachtod und Pidginisierung
5.1. Argumente für eine Gleichsetzung von Sprachtod und Pidginisierung
5.2. Argumente gegen eine Gleichsetzung
5.3. Fazit

6. Sprachtod als „creolization in reverse“

7. Sprachtod als Pidginisierung oder „creolization in reverse“:

Schlussfolgerung

Bibliographie.

1. Einleitung

Robert Aitchison stellt in seinem Buch „Language change: progress or decay“ die interessante Frage: „Human beings never stop talking. How then can a language die out?“ (Aitchison 1991, 197) Diese Frage nach der Ursache des Verschwindens einer Sprache steht im Zentrum der überraschenderweise erst relativ jungen Sprachtod-Untersuchung. Der Volksmund spricht dagegen schon lange von angeblich „toten Sprachen“ wie etwa Latein. Doch Latein entwickelte sich durch normalen Sprachwandel zu den romanischen Sprache wie Italienisch, Französisch, Sardinisch etc. Auch Altgriechisch wurde durch Sprachwandel zu Neugriechisch und ist somit alles andere als tot. Wahrer Sprachtod hingegen involviert Sprachkontakt und normalen linguistischen Wandel, bedingt durch eine neu auftretende, aus politischen und sozialen Gründen dominierende Sprache. Dabei lernt die junge Generation die „alte“ Sprache von den Eltern, wird aber von Beginn an und später vor allem in der Schule mit einer neuen Sprache vertraut gemacht, welche als nützlicher und „moderner“ erscheint. In solch einer Situation kann es zu zwei Phänomenen kommen- zu Sprachselbstmord und Sprachmord, auf welche in dieser Arbeit genauer eingegangen werden soll. Drei Arten des Sprachtods, nämlich solche durch Verlust, sollen zwar nicht vergessen, aber in dieser Arbeit auch nicht weiter behandelt werden, da rein linguistisch gesehen nicht viel zu ihnen zu sagen ist (McMahon 1994, 286):

- Plötzlicher Tod, weil alle Sprecher sterben.
- Politisch begründeter Tod, zum Beispiel durch ein Massaker. Die Übriggebliebenen meiden ihre Sprache zum Selbstschutz, weil sie Angst davor haben, durch ihre Sprache erkannt zu werden und demselben Schicksal zu erliegen.
- Bottom-to-top-Tod: Die Sprache verschwindet komplett aus dem Alltag aber bleibt in rituellen Praktiken erhalten.

Nach der Untersuchung von Sprachselbstmord und –mord, welche inhaltlich gesehen den ersten Teil der vorliegenden Arbeit darstellt, soll im zweiten Teil ein Vergleich mit Pidginisierung und Kreolisierung angestellt werden.

2. Sprachselbstmord

2.1. Einführung

Sprachselbstmord kommt bei Sprachen vor, die sich ähnlich sind, denn dann ist es für die weniger prestigeträchtigere Sprache besonders leicht, lexikalische Ausdrücke, Konstruktionen und Laute von der dominierenden Sprache zu übernehmen. Es kommt solange zu einer Entlehnung bis die zwei Sprachen fast nicht mehr zu unterscheiden sind. Die Sprache stirbt also, weil sie so viel aus der anderen Sprache übernimmt. Die Entlehnung ist solcher Art, wie sie auch aus allen anderen Entlehnungsprozessen bekannt ist: Zuerst wird dort übernommen, wo sich Nehmer- und Gebersprache bereits ähnlich sind, sowie in allen Bereichen, in denen das notwendige Vokabular fehlt. Sehr häufig kommt es zwischen Kreolsprache und deren Superstrat zum Selbstmord der ersteren. Dies soll anhand des Guyanese Creole genauer untersucht werden.

2.2. Guyanese Creole

2.2.1. Fakten

In Bushlot, einem Dorf in Guyana, Südamerika, lebten um die 1500 Einwohner aus Ostindien (Bickerton 1971). Sie sind die Nachkommen von Arbeiten, die im 19. Jahrhundert zum Arbeiten nach Guyana gebracht worden waren. Diese lernten Pidgin English von den bereits anwesenden afrikanischen Arbeitern, welches sich zu einer vollwertigen Sprache, die man als Guyanese Creole kennt, entwickelt hat. Allerdings wird eine Sprachselbstmord, in diesem Fall Dekreolisierung, beobachtet, denn das Guyanese Creole entwickelt sich stufenartig zu einem klaren Dialekt des Englischen, seiner Ursprungssprache und auch Superstrat.

2.2.2. Das Kontinuum

Es entsteht, wie es für Sprachselbstmord typisch ist, ein Kontinuum von Varietäten, mit Englisch, dem Superstrat und auch „Acrolect“ genannt, an einem Ende, und Guyanese Creol, dem „Basilect , am anderen Ende. Dazwischen gibt es viele Abstufungen, die „Mesolects“ (McMahon 1994, 288). Der diachrone Wandel bleibt deutlich in der Struktur erhalten. Das folgende Beispiel zeigt, wie mi gii am „Ich gab ihm“ nach und nach zum Englischen I gave him wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei einem Kontinuum kann man deswegen eine konsequente Abstufung sehen, weil manche Eigenschaften sich eher ändern als andere:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese rein beispielhafte Tabelle zeigt A-F als Eigenschaften des Acrolects, sowie sieben Sprecher, wobei Sprecher 7 durchwegs den Basilect spricht, da er keine einzige Eigenschaft des Acrolects verwendet, Sprecher 1 hingegen spricht durchwegs den Acrolect- er wendet alle Eigenschaften an. Die Sprecher 2-6 sprechen Mesolects. Man sieht nun, dass Eigenschaft A ausnahmslos von allen Sprechern, egal auf welcher Stufe sie stehen, verwendet wird, es folgt Eigenschaft B, C und so weiter. Das heißt, die Eigenschaften werden in einer speziellen Reihenfolge erworben. Wenn ein Sprecher eine neue Eigenschaft übernimmt, so hat er zuvor schon jene angenommen, die auch alle anderen Sprecher bereits anwenden.

Anhand der Entwicklungen im Tok Pisin soll die Entstehung eines solchen Kontinuums noch genauer erläutert werden:

2.3. Tok Pisin

Tok Pisin (aus dem Englischen: „Talk Pidgin“) wird auf Papua Neu Guinea gesprochen, während Englisch die Sprache der Bildung, des Handels und von Einrichtungen wie etwa Banken ist. In dieser Umgebung wird viel aus dem Englischen ins Tok Pisin übertragen.

Man stellt vor allem eine lexikalische Entlehnung und Adaption fest, vor allem in Bereichen, die zuvor nicht existierten, wie etwa der Politik: oposisen „Opposition“, palamen „parliament“, konstitusin „constitution“ etc. Da ja viele der bestehenden Wörter des Tok Pisin auf englischen Wörtern beruhen, ist dieser Vorgang bereits bekannt und leicht durchzuführen. Auch alle Wochentage, sowie das Wochen- und Monatssystem wurden aus dem Englischen übernommen, wobei man sich der englischen Ausdrücke bediente.

Auch beobachtet man eine semantische Entlehnung: de bihain long tumoro „the day after tomorrow“ statt dem einfacheren, ursprünglichen haptumora, oder foa klok „four o’clock“ statt Bezugsherstellung zur Sonne durch die Umschreibung taim bilong san i godaun „time before sun goes down“ für „6.pm.“

Ursprünglich wurde im Tok Pisin die Form des Wortes bei der Pluralbildung nicht verändert. Man verwendete zum Beispiel eine Numerale wie in tripela pik, planti pik „three pigs“, „many pigs“ oder man markierte mit ol: ol pik „ pigs“. Doch es kam zur Verwendung von Entlehnungen, bei denen trotz Numerale die Form mit dem Pluralaffix –s aus dem Englischen übernommen wurde: tri wiks moa „two more weeks“, tri des „three days“, wan an haf auas „one and a half hours“. Das Plural-s breitete sich daraufhin schnell auf natives Material aus, und so kam es zu Änderungen in der Morphologie des Tok Pisin.

Auch in der Phonologie kann man einiges beobachten. Mit afternoon und after kommt zum Beispiel die bis dahin wortintern unerlaubte Konsonantenfolge [ft] in die Sprache, wie es das ursprüngliche apinun „afternoon“ zeigt.

2.4. Schlussfolgerung

Man sieht, dass in gewissen Situationen und Bereichen aus der Superstratsprache entlehnt wird. Die zuerst isolierten Ausdrücke haben einen viel größeren Einfluss als zunächst gedacht, und bald greift die Superstratsprache in alle Richtungen um sich, was zum Tod der Sprache führt. Aitchison formuliert diese Wirkung auf etwas amüsant anmutende Art und Weise folgendermaßen: „ The base language spreads in all directions, like an octopus entwining ist tentacles round all parts of an animal before it eventually kills it.“ (Aitchison 1991, 204)

2.5. Zwei Tatsachen

1. Nicht alle Änderungen in einer Kreolsprache gehen in Richtung Superstrat. Der Basilect selbst kann auch als Grundlage für Änderungen dienen. So verwenden Jugendliche afro-karibischer Herkunft in London wieder bewusst Kreol-Formen, um ihre Identität zu verstärken. Sie verwenden dabei nicht ganz einfach die Sprache ihrer Eltern auf eine übertriebene Art, sondern sind entschlossen, die Formen des Basilects maximal zu verwenden. So enstand London Jamaican, das weder Standard-Englisch ist, noch Jamaican Creole.
2. Nicht nur Kreolsprachen, auch Dialekte sind vom Selbstmord bedroht. Das betrifft zum Beispiel die Dialekte im Welsh, welche Selbstmord zu Gunsten des Standard-Welsh begehen. Vielleicht kann sich Welsh dadurch eher gegen den drohenden Sprachmord durch Englisch behaupten. Die Sprache kann somit eher überleben, jedoch auf Kosten ihrer dialektalen Diversität.

3. Sprachmord

Bei Mord gibt es weder engen Sprachkontakt, noch Entlehnung, noch ein Kontinuum zur Verbindung der beiden Sprachen. Eine prestigeträchtigere Sprache, die der nativen Sprache nicht ähnelt, wird in mehr und mehr Kontexten angewandt, die Muttersprachler haben somit immer weniger Möglichkeiten, ihre Sprache einzusetzen. Die nächste Generation verlernt deren Formen und Strukturen, ist nicht mehr fließend, und bald sprechen nur noch die „Alten“ die Sprache. So nimmt der Sprachtod seinen Lauf. Bei Sprachmord handelt es sich also um die Verdrängung einer Sprache; es kommt zum soziolinguistischen Sprachwechsel über Generationen zu Gunsten der prestigeträchtigeren Sprache.

3.1. Ungarisch in Österreich (Oberwart, Burgenland), Gal 1979

3.1.1. Historische Fakten

Oberwart, ein Dorf im heutigen Burgenland, ist vor rund tausend Jahren entstanden. Jahrhundertelang lassen sich Deutschsprecher in derselben Gegend nieder, bis das Dorf um 1600 völlig von der deutschen Sprache umgeben ist. Seit nunmehr 400 Jahren sind die Kinder zweisprachig und seit 1921 gehört das Dorf zu Österreich. Waren in diesem Jahr noch 75% der Bewohner ungarisch-sprachig, so sank die Zahl in dem folgenden halben Jahrhundert auf 25% bis zum Jahr 1971. Ausschließlich Bauern bedienen sich nun noch des Ungarischen.

3.1.2. Soziolinguistisches

Nach dem einschneidenden Jahr 1921 flieht die Elite nach Ungarn, zu welchem ab dem 2. Weltkrieg schließlich kaum noch Verbindung herrscht. Die Zurückbleibenden lernen Deutsch, welches die neue Sprache der Elite darstellt. Den Kindern wird nur noch unter einer einzigen Bedingung Ungarisch von ihren Eltern gelehrt, nämlich wenn beide Elternteile Ungarisch sprechen. Die Anwendungsbereiche des möglichen Ungarisch-Sprachgebrauchs sind sehr beschränkt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Allgemeinen hängt der Sprachgebrauch vom Alter und Bauernstatus ab, doch muss man das ganze soziale Netzwerk der Sprecher betrachten. Gal befragte 14 Männer und 18 Frauen, ob sie Kontakte zu Bauern haben, und wenn ja, welchen Bauernstatus diese Personen einnehmen. Um den jeweiligen Bauernstatus beurteilen zu können, führte sie elf Kriterien ein, welche sich auf die Tierhaltung, Kleidung etc. bezogen. Es zeigte sich, dass zum Beispiel zwei Arbeiter gleichen Alters mit gleichem Bauernstatus aber mit verschiedenen sozialen Netzwerken eine ganz unterschiedliche Häufigkeit im Ungarisch-Gebrauch aufweisen. Der eine spricht durchwegs Deutsch, nur mit den Großeltern spricht er Ungarisch, der andere hingegen zählt fast nur Bauern zu seinem Freundschaftskreis und spricht deswegen durchwegs Ungarisch, mit Ausnahme seiner Kinder.

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Details

Seiten
29
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656555995
ISBN (Buch)
9783656556121
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265426
Institution / Hochschule
Universität Wien – Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
sprachtod untersuchungen sprachselbstmord sprachmord versuch gleichsetzung phänomenen sprachkontakts

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Titel: Sprachtod. Untersuchungen zu Sprachselbstmord und Sprachmord.