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Die Ent-täuschung der Religion. Eine Untersuchung des Religionskonzepts in Sigmund Freuds Schrift „Die Zukunft einer Illusion“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 24 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Der Szientismus als Weltanschauung
1. Im Erbe der Philosophen
2. Metapsychologie: das individuelle und kulturelle Über-Ich

II. Das Kulturphänomen Religion
1. Genese und Wirkung
2. Zukunft ohne Illusion?

III. Konzeptimmanente Widersprüche

IV. Schlusswort

V. Literaturverzeichnis

Einleitung

„Wenn die Vernunft ein Geschenk des Himmels ist und wenn man vom Glauben das gleiche sagen kann, so hat uns der Himmel zwei unvereinbare, einander widersprechende Geschenke gemacht.[1]

Denis Diderot

Das Heilige ist einer jener bedeutungsschweren Begriffe, die eine gesamte Weltanschauung zu Grunde legen. Sei es nun eine spezifisch religiös-dogmatische, eine eher allgemein spirituelle oder eine profan anmutende – so paradox das auch klingen mag – Zuschreibung von Heiligkeit, in allen diesen Fällen impliziert der semantische Gebrauch des Heiligen eine Vorstellung von Absolutem, von Unantastbarem, von Vollendetem. Es ist hier nicht notwendig, sämtliche Facetten des Begriffes zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Räumen zu betrachten. Dennoch ist die etymologische Herleitung des Heiligen in diesem Fall sinnvoll und empfehlenswert, da hier kein anachronistisches Bedeutungskonzept an eine uralte Vorstellung herangetragen wird, wie es zum Beispiel beim Begriff der „Religion“ allzu schnell geschieht.[2] Vielmehr zeigen sich uns in den semantischen Ursprüngen des Heiligen wichtige anthropologische resp. soziale Aspekte, die für die Beurteilung des Heiligen innerhalb des Religionskonzeptes von Sigmund Freud unerlässlich sind.

Das deutsche Wort „heilig“ geht auf die altnordische Wurzel „helga“ zurück, deren ursprüngliche Bedeutung „eigen“ oder „Eigentum“ war.[3] Wenn einer Gottheit etwas geweiht wurde, was ihr zum Eigentum war, so war dieses Etwas damit „heilig“. Die lateinische Wiedergabe als sanctus (sancire = begrenzen, umschließen) spiegelt jenen Eigentumscharakter und erweitert es zu einer aus religiösen Gründen vollzogenen Absonderung. Mit s anctus und dem griechischen Äquivalent ἅγιος wurde versucht, das hebräische קדוש (kadosch) zu übertragen. Neben Zeiten, Orten und Dingen, die קדושים (keduschim) sein können, also getrennt und erhoben über das alltäglich Weltliche, ist es wohl am stärksten im Namenssynonym zu erkennen: G’tt ist nicht einfach prädikativ heilig, sondern schlicht der Heilige (הקדוש, ha-kadosch). Hier sehen wir nicht nur einen graduellen Unterschied zwischen mehr oder weniger besonderen Dingen oder Ideen, sondern vielmehr einen prinzipiellen Unterschied zwischen zwei Seinszuständen[4], die nur in ihrer Dualität und gegenseitigen Bezugnahme zu verstehen sind. Heiliges ist das totaliter aliter, das sich zwar in irdischen Erscheinungen manifestieren kann, aber stets einem transzendenten Bereich verhaftet bleibt.[5]

Sigmund Freud nun ist weniger interessiert an Konzepten von Heiligkeit, sondern an ihrem ursprünglichen Kontext: der Religion. Sie ist immer wieder zentrales Thema seiner kulturtheoretischen Schriften. Entscheidend ist hierbei, dass Freud Religion nicht nur als ein individuelles und kulturelles Phänomen aus religionspsychologischer Perspektive untersucht, sondern sie weit darüber hinaus als zu überwindende Weltanschauung zeichnet und sie ersetzt sehen will durch die der Religion widerstreitende Weltanschauung der Naturwissenschaft, der Vernunft.[6] Aufgabe und Ziel dieser Untersuchung ist es nicht, eine von außen herangetragene Kritik seines Religions- und Wissenschaftsverständnisses zu leisten. Vielmehr soll die Kritik im Innern seiner Denkkonzepte erfolgen. Dafür muss zunächst geklärt werden, (I.) was überhaupt Freuds Weltanschauung ist, (II.) wie Religion innerhalb seines Systems konstituiert bzw. konstruiert wird, und schließlich (III.), ob das Religionsbild, wie Freud es zeichnet, in sich argumentativ stimmig ist. Die religionskritische Hauptschrift „Die Zukunft einer Illusion“ (1927) wird hierfür grundlegend sein, und darüber hinaus auch die Frage stellen: die Zukunft welcher Illusion(en)?

I. Der Szientismus als Weltanschauung

1. Im Erbe der Philosophen

Ein Konzept zu besitzen, dass die Welt und den eigenen individuellen Platz in ihr erkennen hilft, gehört zu den „Idealwünschen der Menschen“[7]. Es zu besitzen heißt, es zu glauben; es zu glauben heißt, sich sicher zu fühlen. Über diesen psychisch-regulativen Aspekt hinaus definiert Freud ein solches Konzept betont rational:

„Ich meine also, eine Weltanschauung ist eine intellektuelle Konstruktion, die alle Probleme unseres Daseins aus einer übergeordneten Annahme einheitlich löst, in der demnach keine Frage offen bleibt und alles, was unser Interesse hat, seinen bestimmten Platz findet.“[8]

Freuds Weltanschauung ist nun die der Wissenschaft, genauer noch des Szientismus, das bedeutet die prinzipielle Möglichkeit, sämtliche Fragen und Probleme sukzessiv mit empirisch-naturwissenschaftlichen Methoden zu lösen. Das Ziel des wissenschaftlichen Denkens sei es, die subjektive Innenwelt mit der objektiven Außenwelt, mit der Realität in Einklang zu bringen.

„Diese Übereinstimmung mit der realen Außenwelt heißen wir Wahrheit.“[9]

Allein die vom Subjekt unabhängige äußere Realität hat Erkenntniswert. Der Grund hierfür liegt in der psychischen Konstitution des Menschen, die zu einem erheblichen Teil unbewusst und irrational ist. Doch dazu später mehr. An dieser Stelle ist es entscheidend,

„daß es keine andere Quelle der Weltkenntnis gibt als die intellektuelle Bearbeitung sorgfältig überprüfter Beobachtungen, also was man Forschung heißt, daneben keine Kenntnis aus Offenbarung, Intuition oder Divination.“[10]

Den Vorwurf seiner Kritiker, dass ein rein szientistisches Vorgehen gerade das Seelische außer Acht lasse, wendet Freud entschieden ab, denn

„Geist und Seele sind in genau der nämlichen Weise Objekte der wissenschaftlichen Forschung wie irgendwelche menschenfremden Dinge.“[11]

Die Problematik dieser Aussage ist offensichtlich. Einerseits betont Freud eine Trennung des seelisch-subjektiven Innenlebens von der äußeren Realität, womit gerade Ersteres als Erkenntnismöglichkeit negiert werden soll. Andererseits spricht er Geist und Seele Objektcharakter zu: Materielles, das objektivierbar und somit wissenschaftlich der Forschung zugänglich ist.[12] Ein weiterer Widerspruch zeigt sich in Freuds Verhältnis zur Intuition. Sie ist innerhalb der psychoanalytischen Praxis ein unverzichtbares und unleugbares Mittel der Erkenntnisgewinnung.[13] Mit Bezug auf die Religion als Weltanschauung spricht Freud ihr jedoch jede erkenntnistheoretische Berechtigung ab.

„Intuition und Divination wären solche [sc. Quellen des Wissens], wenn sie existierten, aber man darf sie beruhigt zu den Illusionen rechnen, den Erfüllungen von Wunschregungen.“[14]

Diese Position ist nicht auf Freud zurückzuführen, sondern vielmehr auf die Religionskritik der Aufklärungsphilosophie des 18. Jahrhunderts, die sich ebenfalls naturwissenschaftlicher Methoden bedienten und in der Religion „nichts als eine bewußte, absichtliche Täuschung“[15] sahen. Die Säkularisierungs- und Emanzipationswelle, die bereits Ende des 17. Jahrhunderts begann, führte hin zu einer intellektuellen und einer individuellen Bewusstheit. Die Aufklärung bildete eine Art Rahmen, in dem sowohl die Prinzipien der Freiheit zur Religion proklamiert werden konnten, als auch die Freiheit von der Religion. Einen besonders starken Einfluss auf Freud werden zudem die Werke der Junghegelianer ausgeübt haben, die mit ihrer anthropologischen Wende den Blick nicht mehr von oben (G’tt) nach unten (Mensch) zeichneten, sondern den Ausgangspunkt vom Menschen nahmen.

Beispielsweise ist Religion für Karl Marx „die illusorische Sonne, die sich um den Menschen bewegt, solange er sich nicht um sich selbst bewegt.“[16] Ihre Gefahr bestehe darin, dass der Mensch sich in der Religion nicht bloß vergegenständlicht, sondern mehr noch entfremde sich der Mensch von seinem Selbst.[17]

Mit die stärksten Parallelen zu Freuds Religionskritik finden sich in Ludwig Feuerbachs „Wesen des Christentums“ (1841) und in der „Theogonie“ (1857). Feuerbach löst die Theologie in Anthropologie auf. Das Geheimnis aller Religion liege im Menschen: Er vergegenständlicht sein eigenes Wesen und projiziere es aus sich heraus. G’tt sei somit die Projektion des eigenen Wesens bzw. des Wesens der Menschheit. Wer sich dessen bewusst werde, befreie sich gleichsam aus diesem Trug. Über den analogen anthropologischen Ansatz der Religionserklärung bei Feuerbach hinaus finden sich sogar begriffliche Übernahmen, die an dieser Stelle vorwegnehmend Freuds Religionskonzept bestimmen.

„Es handelt sich also im Verhältnis der selbstbewußten Vernunft zur Religion nur um die Vernichtung einer Illusion – einer Illusion aber, die keineswegs gleichgültig ist, sondern vielmehr grundverderblich auf die Menschheit wirkt, den Menschen [] um den Wahrheits- und Tugendsinn bringt.“[18]

Die Religion entpuppt sich für Feuerbach als Illusion mit gefährlichem Potenzial, das Freud in dieser Schärfe erst in seiner Spätschrift „Das Unbehagen in der Kultur“ (1930) formuliert. Auch der Ursprung der religiösen Illusion ist bei Feuerbach psychogenetisch benannt.

„Der Wunsch ist der Ursprung, ist das Wesen selbst der Religion – das Wesen der Götter nichts anderes als das Wesen des Wunsches.“[19]

Ende des 19. Jahrhunderts wird dieser anthropologische Blick vertieft und verdichtet in einer so zu nennenden Philosophie des Unbewussten, deren Mitträger Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche als direkte Vorläufer Freuds gesehen werden können.[20]

[...]


[1] Diderot, Denis, Philosophische Schriften, Bd. I, hrsg. und aus dem Französischen übersetzt von Theodor Lücke, Berlin 1961, S. 35.

[2] Vgl. hierzu Ahn, Gregor, Religion, in: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 28, Berlin/ New York 1997, S. 513.

[3] Die hier erwähnten Wurzeln sind notwendigerweise gekürzt und unvollständig. Dennoch möge es deutlich werden, in welchem Bedeutungsbereich der Begriff des Heiligen gebraucht wurde. Vgl. hierzu weiter Lanczkowski, Günter, Heiligkeit. Religionsgeschichtlich, in: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 14, Berlin/ New York 1985, S. 695f.

[4] Bei all der Schwere dieses Begriffs will ich an dieser Stelle nur zum Ausdruck bringen, dass dem Begriff des Heiligen die Annahme zugrunde liegt, das das menschliche Leben ein endliches, unvollkommenes prozessuales Sein ist, während gleichzeitig ein Ideal von Sein gedacht wird als ein vollendetes, absolutes und heiles.

[5] Lanczkowski, Heiligkeit, S. 695.

[6] Tatsächlich verwendet Freud die Begriffe des naturwissenschaftlichen Geistes, der Intelligenz und Vernunft synonym. Vgl. hierzu Freud, Sigmund, Über eine Weltanschauung (aus: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse[1933]), Studienausgabe, Bd. I, Frankfurt am Main 1969, S. 598.

[7] Freud, 1933, S. 586.

[8] Ebd.

[9] Ebd. S. 597. Die Behauptung der Möglichkeit, ein Objekt so zu erkennen, wie es unabhängig vom wahrnehmenden Subjekt existiert, ist kaum haltbar. Auf die Schwierigkeit dieser Diskussion und ihre Bandbreite kann hier nicht annähernd eingegangen werden. Zum Wissenschaftsbegriff Freuds vgl. auch Schmid-Leupi, Richard, Die Entwicklung des Religionsbegriffes bei Sigmund Freud, Zürich 1994, S. 61-68.

[10] Ebd. S. 586f. Vgl. auch „Es gibt keine Instanz über der Vernunft.“, Ders., Die Zukunft einer Illusion (1927), (aus: Fragen der Gesellschaft. Ursprünge der Religion), Studienausgabe, Bd. IX, Frankfurt am Main 1974, S. 162.

[11] Freud, 1933, S. 587.

[12] Der „seelische Apparat“ als Bestandteil der Welt sei derart strukturiert, dass er a priori die Möglichkeit habe, die äußere Realität so zu erkennen, wie sie ist. Hierin spiegelt sich die sogenannte biologische Zweckmäßigkeit jenes Apparates. Vgl. hierzu Freud, 1927, S. 188f. Weiterführend vgl. Schmid-Leupi, Religionsbegriff, S. 22f.

[13] „Der Kraftaufwand des Arztes war offenbar das Maß für einen Widerstand der Kranken. Man brauchte jetzt nur in Worte zu übersetzen, was man selbst verspürt hatte, und man war im Besitz der Theorie der ‚Verdrängung‘.“, Freud, Sigmund, „Selbstdarstellung“. Schriften zur Geschichte der Psychoanalyse, Frankfurt am Main 1971, S. 59.

[14] Freud, 1933, S. 587.

[15] Hierzu sind Lamettrie, Diderot, Helvétius u.a. zu rechnen. Vgl. dazu Keesen, Günter, Freuds Über-Ich-Konzept als Grundpfeiler subversiver Religionskritik, Berlin 1997, S. 23f.

[16] Marx, Karl, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie (1844), Leipzig 1986, S. 14.

[17] Ebd. S. 16f. Vgl. auch Keesen, Freuds Über-Ich-Konzept, S. 36-42.

[18] Feuerbach, Ludwig, Das Wesen des Christentums (1841), in: Werner Schuffenhauer (Hg.), Gesammelte Werke, Bd. 5, 2. durchgesehen Aufl., Berlin 1984, S. 450.

[19] Ders., Theogonie nach den Quellen des klassischen, hebräischen und christlichen Altertums (1857), a.a.O., Bd. 7, Berlin 1969, S. 262. Vgl. auch Freud, 1933, S. 595: „Religion ist ein Versuch, die Sinneswelt, in die wir gestellt sind, mittels der Wunschwelt zu bewältigen“.

[20] Vgl. Schmid-Leupi, Religionsbegriff, S. 34ff.

Details

Seiten
24
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656551423
ISBN (Buch)
9783656551430
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265401
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Philosophie
Note
1,3
Schlagworte
Sigmund Freud Religion Illusion Heilig

Autor

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