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Dantes Kosmos

Transformation der Antike in Dante Alighieris Divina Commedia

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 23 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Der Kosmos der Commedia

II. Transformation der Antike in der Commedia
1) Antike als stilistische Adaption
2) Mehrstufige komplexe Transformationsprozesse …
3) Transformationstypen

III. Quellenvergleich
Dante und Vergil

IV. Ergebnis

V. Anhang

Quellen und Literaturverzeichnis

Einleitung

Dann sprach sie: „Ordnung zwischen allen Dingen

Besteht und ist die Form, so die Natur

Gott ähnlich macht und läßt zusammenklingen.

Die hohen Wesen sehn in ihr die Spur

Der ew’gen Kraft, die Zweck ist, dessentwegen

Gesetzt ist die besagte Norm und Schnur.“

(Par. I, 103-108)[1]

Die Antike als Antike ist uns ein kontingentes Konstrukt der Zeiten. Ihre Transformation im europäisch -lateinischen Mittelalter ist neben aller Vielfältigkeit des Prozesses auf eine grundlegend wirkende Allelopoiesis zurückzuführen, die sich einerseits in der Modifikation des Aufnahmeelementes und andererseits in der Konstruktion des Referenzelementes äußert.[2] Hinzu kommt, dass die Antike im Mittelalter nicht ihrer selbst willen fokussiert wurde. Vielmehr ist sie in der Regel funktionalisiert worden und in einem teleologisch-christlichen Kontinuum gedacht. Dieses Kontinuum fand seinen literalen Ausdruck in der mittelalterlichen Summa. Auch der Dichter des Trecento, Dante Alighieri, strebt nach der Summa.[3] Sein „ poema sacro“ (Par. XXV, 1) aber ist kurz gesagt ein Mehr. Doch was ist sie?

Die Commedia sei selbst eine Summa. Die Commedia sei eine Imitatio von Vergils Aeneis. Die Commedia sei ein Itinerarium mentis in Deum.[4] Die Liste könnte weiter und weiter gehen, doch jede Definition ist eine Begrenzung. Weder ist sie nur das eine, noch nur das andere. Dante poetisiert ohne Frage die Wirklichkeit seiner Zeit und die in ihr gesehene theologisch-philosophische Wahrheit. Aber ihr Wesen ist mehr. Dante dichtet aus seiner eigenen inneren wie äußeren Wirklichkeit heraus, und damit verdichtet er mehrere Wirklichkeiten zu einem großen mannigfaltigen Gebilde, das in seiner Lebendigkeit unmöglich ist zu definieren. Aber wir können Momente seines Wesens bestimmen. Eines davon ist die Rezeption und Transformation der Antike innerhalb der Commedia.

Wenn nun mit Hilfe des obigen Transformationskonzeptes antike Elemente untersucht werden sollen, muss im Voraus auf einige Probleme hingewiesen werden.

Das Aufnahmeobjekt ist in unserem Fall ein literarisches Werk und daher - es handelt sich um Sprache – in Form und Inhalt hochkomplex und vielsinnig, abstrakt und konkret zugleich. Dantes Divina Commedia als der Gegenstand unserer Untersuchung bietet unzählige Einzelbeobachtungen, die wiederum aus unterschiedlichen Perspektiven jeweils unter-schiedlichen Transformationstypen zugeordnet werden können. Eine jede Person beispielsweise, ob sie nun historisch real oder mythisch ist, müsste zunächst als ein Ganzes gesehen werden.[5] Dann widmet Dante einer jeden eine bestimmte Versanzahl, die damit lediglich ausgewählte Merkmale fokussieren, und schließlich dürften die Einzel-beobachtungen nicht isoliert betrachtet werden, sondern sie gelangen zu ihrer vollen Wirk lichkeit erst im großen Kontext der Commedia, ja wohlmöglich erst durch die intertextuelle Referentialität im gesamten dantischen Werk. Eine weitere Schwierigkeit bieten Zeit und Raum innerhalb des Werkes: In den Jenseitsbereichen treten vergangene und zeitgenössische Figuren gleichzeitig auf, visionäre Elemente erweitern das zeitliche Spektrum, der Raum ist irdisch und überirdisch, am Schluss sogar rein metaphysisch transzendent und eben nicht mehr Raum. Ebenso problematisch zeigen sich die sachlichen Rezeptionen aus den einzelnen Wissensbereichen.

Man sieht schnell, welch riesiges Unterfangen es wäre, eine hinreichende Analyse der Antikenrezeption bei Dante vorzunehmen. Die nachfolgende Untersuchung beschränkt sich daher auf einige ausgewählte Beispiele, die verschiedene Nuancen der Transformation widerspiegeln. Mein Ziel ist es zu zeigen, dass für Dante die Antike, oder besser, seine Antike kein kontingentes Konstrukt und ein bloßer Quell der literarischen und stilistischen Formenreichtümer ist. Nein, meines Erachtens ist Dantes Antike ein Notwendiges in der Commedia. Denn die Commedia ist Ordnung und Schmuck, sie ist Kosmos.

I. Der Kosmos der Commedia

Das Mittelalter ist eine Verschmelzung in vielerlei Hinsicht. So ist auch die Commedia eine geordnete Verschmelzung. Zur besseren Bestimmung antiker Elemente innerhalb des Werkes ist es unumgänglich, einige äußere Einflüsse sowie textinterne Fakten zu skizzieren.

Dante lebt in einer Zeit, in welcher das Mittelalter gipfelt, aber auch bereits die Anzeichen des heraufkommenden Neuen deutlich werden. Die mittelalterliche Ordnung, die sich im öffentlichen Leben in Form des Reiches (Imperium) und der Kirche (Sacerdotium) repräsentiert, ist im Beginn sich aufzulösen.[6] Doch gerade die Ordnung ist das Ideal. Sie ist nicht nur Selbstzweck, sondern weit darüber hinaus offenbart sie Gott im endlichen Sein und verleiht ihm Würde und Schönheit.[7]

Die Vorstellung der Welt ist spekulativ-konstruktiver Natur. Nicht Beobachtung und Theorie bestimmen sie, vielmehr wird sie gestaltet durch symbolische Motive, die größtenteils wie das ptolemäische Weltsystem aus dem Altertum übernommen und christlich gefärbt wurden. Dante selbst durchwirkt diese bereits transformierten astronomischen Elemente mit seinem eigenen metaphysischen, visionären Erfahren. So existiert jenseits aller kreisenden Sphären das ewigruhende Empyreum. Es ist keine astronomisch- kosmische Sphäre mehr im Raum, sondern eine metaphysische Gegebenheit, der Ort Gottes, absolute Transzendenz, es ist Anfang und Ziel der Schöpfung.

Während sich mittelalterliche Kompilatoren auf die Zusammenstellung tradierten Wissens beschränkten, konnte Dante für sich beanspruchen, als erster Dichtung im Volgare - die grammatica konnte als universelles Konzept auch hierauf angewandt werden - mit anspruchsvollen Inhalten verbunden zu haben. Seine poetisch vermittelte Theorie des Kosmos ist zwar eine Synthese der geistigen Welt, aber in einer lebendigeren Form als der scholastischen. Dante nimmt für seine Poesie die Erkenntnisfunktion in Anspruch, welche die Scholastik der Dichtung bestritt. In der Widmung an Can Grande della Scala erklärt Dante zur Form des Traktierens, i.e. philosophisch abhandeln, folgendes:

Forma sive modus tractandi est poeticus, fictivus, descriptivus, digressivus, transumptivus, et cum hoc diffinitivus, divisivus, probativus, improbativus, et exemplorum positivus.”[8]

Die literarisch- stilistischen Elemente der Poesie, Fiktion, Beschreibung, Abschweifung und Metaphorik sind nicht reiner Schmuck oder Imitation autoritärer Vorgänger, sondern sie dienen zugleich (et cum) auch der Definition, Einteilung, Beweis, Widerlegung und Anführung von Beispielen.[9]

Ganz mittelalterlich und ganz antik ist die Personalität der Commedia.[10] Alle Personen sind dichte Erscheinungen: die betreffende Person, der seelische Vorgang, der gemeinte Sinn . Die Norm des wirklichen Menschen gilt für jede historische Person des Werkes, auch für Dante selbst. Doch wer war Dante? Er ist kein Sagenheld oder ein alter Aeneas. Er absolviert das traditionelle Trivium und Quadrivium, bildet sein Latein und knüpft an die französische und provenzalische Dichtung der Trobadors und ihrer italienischen Nachfolger (beispielsweise Guittone d’Arezzo, Guido Guinizelli) im dolce stil nuovo an.[11] Unruhen prägen Dantes späteres Umfeld: der Gegensatz und Kampf zwischen der Kaiserpartei, den Ghibellinen, und der Papstpartei, den Guelfen. Mit 37 Jahren wird Dante zeitlebens aus Florenz verbannt.[12] Nicht zu vergessen ist die Begegnung mit Beatrice im zarten Alter von neun Jahren, die Zeit seines Lebens ihn mit beinah übernatürlicher Macht durchdringt:

„Ecce deus fortior me, qui veniens dominabitur mihi“[13]

All diese externen Geschehen durchdringen die Commedia und formen aus dem antiken und zeitgenössischen Weltstoff eine neue Welt, indem Dante sie in Begegnung setzt. Die Welt ist nicht Natur sondern Geschichte: Geschichte als Werk beginnt mit der Schöpfung des personalen Gottes, sie wirkt fort in Ordnung und Bewegung, göttlichem Willen und seine Umsetzung in den Sphären, auf Erden und bis hinein ins Inferno. Wir als heutige Leser sehen das als symbolisch, als mythisch, als vielleicht sogar primitiv, aber Dante sah es als wirklich, denn es wirkte.[14] Dantes Kosmos ist der der Entsprechung und Verschmelzung: das Große und das Kleine, das Seelische und die Natur, die Gedanken und die Gefühle. Dabei geht es jedoch nicht um Subjektivität und individuale Innerlichkeit, sondern im Gegenteil geht es um die Wirklichkeit der Dinge und ihr Wirken in jener geschichtlichen Ordnung, im ontischen Kosmos.

II. Transformation der Antike in der Commedia

Wer die Commedia als Kosmos, als Ordnung und Schmuck betrachtet und darin die antiken Elemente untersucht, neigt wohlmöglich schnell zum Begriff der Verschmelzung, wie es bereits in den vorausgehenden Kapiteln geschehen ist. Der Begriff liegt nahe, denn keines der unzähligen Elemente steht isoliert, meist ist zwar die eindeutige Ausweisung als antikes Element gegeben (z.B. durch Namensnennung), doch sind sie allesamt Teile der Commedia und in ihr ist der Gedanke der komplexen Einheit - der göttlichen wie irdischen, der stilistischen wie inhaltlichen - das Maß der Dinge. Die Verschmelzung zu jener Einheit bildet den Hintergrund, aus dem nun die einzelnen figurae hervorscheinen.

1) Antike als stilistische Adaption

Dante ist in zahlreichen Punkten der antiken Tradition verpflichtet, die er teils als Inspiration für seine bildgewaltige Jenseitsschöpfung nimmt, teils auch als Maßstab seiner Dichtung. Beispielsweis greift er auf den aus dem Somnium Scipionis stammenden Blick von oben nach unten zurück, bei dem die Erde als winzige Kugel erscheint.

[...]


[1] Grundlage für die deutschen Übersetzungen ist Dantes Göttliche Komödie. Übersetzt von Otto Gildemeister, Stuttgart/ Berlin 1921.

[2] Zum Konzept der Transformation, ihre Motive und Typen vgl. Bergemann, Lutz; Dönike, Martin, Schrirrmeister, Albert; Toepfer, Georg; Walter, Marco, Weitbrecht, Julia, Transformation. Ein Konzept zur Erforschung kulturellen Wandels, in: Hartmut Böhme [u.a.] (Hg.), Transformation. Ein Konzept zur Erforschung kulturellen Wandels, München 2011, S. 39-56.

[3] Vgl. Guardini, Romano, Dantes Göttliche Komödie. Ihre philosophischen und religiösen Grundgedanken (Vorlesungen). Aus dem Nachlaß herausgegeben von Hans Mercker, Mainz 1998, S. 8.

[4] Einen guten bibliographischen und themenorientierten Überblick zu Dantes Commedia bietet Batines, Paul Colomb de, Bibliografia Dantesca: ossia Catalogo delle edizioni, traduzioni, codici manoscritti e comenti della Divina Commedia e delle opere minori di Dante, seguito dalla serie de'biografi di lui; con una postfazione e indici a cura di Stefano Zamponi, Tomo I-III, (Biblioteca storica dantesca 3) Roma 2008. Vgl. auch Lieberknecht, Ottfried, Allegorese und Philologie. Überlegungen zum Problem des mehrfachen Schriftsinns in Dantes „Commedia“, Stuttgart 1999, S. 34f.

[5] Die Commedia enthält über 250 historische Persönlichkeiten, hauptsächlich aus Dantes Zeit und Umwelt, dazu etwa 250 Charaktere aus der historischen, mythologischen und literalen Antike und schließlich etwa 80 biblische Gestalten. Zu den Zählungen vgl. Curtius, Ernst Robert, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, 11. Aufl., Tübingen, Basel 1993, S. 370f.

[6] Man bedenke nur die noch jahrhundertelang anhaltenden Folgen des Investiturstreites. Speziell im Fall Dante äußert sich der Kampf um das Primat direkt in Florenz. Vgl. hierzu Curtius, Europäische Literatur, S. 370.

[7] Vgl. Guardini, Dante, S. 27f. Vgl. auch Gilson, Etienne, Dante und die Philosophie, Freiburg 1953, S. 263.

[8] Dante, Ep. XIII, §27. Der Brief ist eine Selbstauslegung und teilweise Einführung in die Commedia. Dass es sich auch bei ihr um eine Form des Traktierens handelt, geht aus Inf. I, 8 hervor: „ ma per trattar del ben ch'i' vi trovai,”. Vgl. weiterführend zum Selbstverständnis Dantes Curtius, Lateinisches Mittelalter, S. 231f.

[9] Vgl. zum Thema des Traktats und der Rolle der Poesie im Mittelalter Curtius, Europäische Literatur, S. 155-175.

[10] Vgl. Guardini, Dante, S. 76.

[11] Im Purg. XXVI, 97-99 preist Dante Guinizelli als Vater des dolce stil nouvo. Vgl. ausführlicher zu den jungen Jahren Dantes Guardini, Dante, S. 7ff.

[12] Wie tief ihn die politischen Unruhen ergriffen und welchen Einfluss besonders das Exil auf Dante und seine Tätigkeit ausübte, zeigt Mazzotta, Giuseppe, Life of Dante, in: Rachel Jacoff (Hg.), The Cambridge Companion to Dante, Cambridge University Press 1993, S. 1ff.

[13] Dante, Vita Nuova II, 4. Die Frage, ob Beatrice tatsächlich die junge Florentinerin war, in die sich Dante verliebte und schließlich idealisierte zur paradiesischen Figur und Personifikation des Glaubens, oder ob sie lediglich ein Topos der italienischen Lyrik sei, wie ihn Guinizelli etablierte, kann nicht weiter erörtert werden. Im Kontext der vorliegenden Untersuchung sei nur so viel gesagt, dass ich sie für eine reale, eine wirkliche und stark wirkende Person in Dantes Leben halte. Im Gegensatz dazu siehe Curtius, Europäische Literatur, S. 376ff.

[14] Guardini, Dante, S.77f.

Details

Seiten
23
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656552420
ISBN (Buch)
9783656552628
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265400
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Geschichtswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Dante Transformation Göttliche Kommödie Geryon

Autor

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