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Sprachlose Sprachhandlung: Der Erzähler des Nibelungenliedes im Kontext einer Strategie des Schweigens

Hausarbeit 2013 20 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Rhapsode, Dichter, Erzähler – Überlegungen zur Erzählweise im Kontext einer Strategi

2 Vorzeit, Moderne, Horizontverschmelzung – Über die Literatur des Mittelalters und den Leser der Gegenwar

3 Lücke, Störung, Leerstelle – Über das Schweigen als Inszenierung

4 Ausblick : »kundestu noch geswîgen, daz wære dir guot« – Der Königinnenstreit im Zeichen des Schweigen

5 Synthese

6 Literaturverzeichnis

7 Selbstständigkeitserklärung

0 Einleitung

„Geschwiegen wurde in der Literatur schon immer. Immer anders.“[1]

(Christiaan Hart Nibbrig)

Das Schweigen in der Literatur ist kein unbekanntes Phänomen. Bereits Cicero bemerkte „Indem sie schweigen, rufen sie“ und verwies darauf, dass Schweigen nicht nur eine mindestens gleichwertige (wenn nicht sogar stärke) Wirkung als die Rede aufweist, sondern diesem generell ein zeichenhafter Charakter immanent ist. Es kann an dieser Stelle bereits vorweg genommen werden, dass das Schweigen zwar zahlreiche Forschungsbeiträge apostrophiert, ohne jedoch wirklich in der Mediävistik oder gar im Nibelungenlied Einzug zu erhalten. Zum ‚Nationalepos’ oder zur „Bildungsstufe der Nation“[2] geadelt, verwirren und ‚stören’ im Nibelungenlied aus dem heutigen bevorzugten Blickwinkel einer inneren Geschlossenheit allerdings bestimmte ‚Holperstellen’ im Text oder eine „miserable Überleitung“[3] zwischen Bestandteilen als Folge einer vermeintlichen strukturellen Desorganisation.

Grundsätzlich zielt die vorliegende Arbeit auf ein Konvergieren beider aufgezeigter Linien ab: Es soll überlegt werden, ob die ‚Lücken’ des Nibelungenliedes tatsächlich im Sinne eines intendierten Schweigens der Erzählerinstanz als „sprachlose Sprachhandlung“[4] fungieren. Diese Betrachtung impliziert aber, dass überhaupt ein Erzähler existiert, der, daran anknüpfend, eine Strategie verfolgt und dass die aufbauende Analyse anachronistisch – und daher nicht unproblematisch – mit Termini der Neuzeit auf ein Werk um 1200 rekurriert. Für den Aufbau der nachstehenden Kapitel bedeutet das zwangsläufig, dass sich über den Makrokosmos einer theoretischen Annäherung und notwendigen Stellungnahme zum Erzähler, zur Historiztät und zum eigentlichen Schweigen allgemein sowie im Nibelungenlied dann der Mikrokosmos einer exemplarischen Untersuchung zum Schweigen in der 14. Aventiure widerspiegeln soll.

Im Folgenden gelten alle Bezeichnungen gleichberechtigt für männliche und weibliche Personen.

1 Rhapsode, Dichter, Erzähler –Überlegungen zur Erzählweise im Kontext einer Strategie

Die Überschrift konturiert bereits: Ob Rhapsode, Dichter und Erzähler oder zudem Sänger, Epiker und Verfasser oder gar Architekt, Rollen-Ich und Autor-Erzähler, die Anzahl der Signifikanten für den einen Sprecher im Nibelungenlied rekurriert, positiv formuliert, auf vielschichtige Funktionen dieses Erzählens, gleichzeitig jedoch, kritisch bemerkt, ebenso auf ein grundverschiedenes Verständnis im Rahmen eines gewählten Literaturkonzepts. Wenngleich umgekehrt unter der einen Bezeichnung ›Erzähler‹ ein Aufgabenspektrum unterschiedlichster Couleur subsummiert wird, kann aus Erstgenanntem nur eine Begriffskollision und aus Zweitgenanntem eine Begriffskonfusion diagnostiziert werden. Dabei oszilliert jede der Zuordnungen – theorieneutral – grundsätzlich um ein und dasselbe Phänomen: Es geht um eine ermittelte „Eigenart des Erzählens“[5], die im Hinblick auf eine Literatursprache sogar mit der individuellen Titulierung „Nibelungisch“[6] versehen wird und zu einem „unverkennbaren Teil der Textbedeutung“[7] beitragen soll.

Die eingangs aufgeführte Desorganisation fällt in einer ersten Annäherung mit der Differenz von Mündlichkeit, in deren Tradition beispielsweise die Formulierungen Rhapsode und Sänger stehen, und Schriftlichkeit zusammen.[8] Es ist eine Tatsache, dass die mediale Situation im elften und zwölften Jahrhundert, die damit auch die Entstehungszeit des Nibelungenliedes streift, eine entscheidende Veränderung erfährt. Von dem allgemeinen Konsens ausgehend, dass das Nibelungenlied trotz deutlicher konzeptionell-mündlicher Züge als schriftliterarisches Werk gilt, spiegelt es folglich keineswegs die Niederschrift einer verbalen Fassung noch die neubearbeitete Vorbereitung einer oralen Darbietung wider. Mündliches Erzählen wird hier im ‚neuen’ Medium der Schrift konstruiert.[9] Für ein disparates Echo sorgt hingegen der (ungelöste) Aspekt, ob bereits zu diesem Stadium der Literatur von einer distanzierten Erzählkunst gesprochen werden kann, die eine fiktionale Mittlerfigur hervorbringt.[10] So identifiziert vor allem die ältere Forschung den Erzähler mit dem Dichter – es existiert demnach keine Trennung zwischen dem Produzenten, worauf auch die einleitenden Termini wie Epiker und Verfasser im Wesentlichen beruhen, und einer artifiziellen Erzählinstanz, die gemeinhin unabhängig von dem eigentlichen Schöpfer innerhalb des Rahmens ihrer eigenen Darstellung agiert.[11]

Mit dem Zugeständnis eines ‚gedachten Dritten’ zwischen Autor und Text als selbständige Ebene[12] folgt für das Nibelungenlied in erster Linie, dass die Schriftlichkeit gegenüber dem mündlichen Epos bzw. der Sagenüberlieferung ein neues Begründungsverhältnis behauptet. So wird der im Werk Erzählende zu einem zweidimensionalen Mittler. Er über -mittelt nicht nur die Erzählung einem (imaginierten) Publikum und reiht sich damit als Subjekt in die Tradition der narrativen Weitergabe, der „alten mæren“ (NL C1)[13], sondern ver -mittelt vom Mündlichen und Gesagten bzw. Gehörten, der „wunders vil geseit“, zum Schriftlichen und Gelesenen.[14] In einem nächsten Schritt impliziert jene „mittelalterliche Schwellensituation“[15], dass sich an dieser Stelle „eine neue Art von Wahrheit“[16] etablieren kann. Es besteht mit der nun einsetzenden Fiktionalität die Möglichkeit der freien Wiedergabe sowie der denkbaren inszenierten Veränderung der Stoffgrundlage im Hinblick auf eine neue, abweichende und insbesondere offene Sinnkonstitution gegenüber der Vorlage.[17]

Die vorangegangenen Überlegungen zum Erzähler sind notwendig, denn die Frage nach einer vorstellbaren Erzählstrategie[18] prädisponiert bereits im Vorfeld die Analyseebene: Hier wird eine grundsätzliche Entscheidung zugunsten einer bewusst eingesetzten Instanz gegenüber einem lückenhaften und unstimmigen Konglomerat von Fragmenten unterschiedlichster Art und Herkunft getroffen; die kompositorische Einheit des Nibelungenliedes trifft auf „eine Vorstellung von seinem Verfasser [...], nach der man ihm nur eine [...] im Grunde erbärmliche dichterische Fähigkeit zutraut.“[19] Diese Ausrichtung der Forschungsfrage stellt keineswegs ein Novum dar, avanciert sie mitunter zur „Gretchenfrage der Nibelungenforschung“[20], doch ist sie als Basis dafür erforderlich, ob es im Nibelungenlied überhaupt einen Sprecher geben kann, der ‚aus dem Erzählfluss herausspringt’[21].

Insgesamt kann jetzt von folgendem Standpunkt ausgegangen werden: Unter der Voraussetzung eines Erzählers kann es auch eine Strategie im Medium der Schriftlichkeit geben, die nicht unter dem Zwang detailgetreuer Stoffwiedergabe steht und mit der ‚Entfremdung’ eine ästhetische Qualität auch außerhalb eines historischen Verständnisses gewinnt.[22] Wohlwissend dass parallel die Besetzung durch andere diskussionswürdige Konzepte vorliegt, wird Mangels terminologischer Alternativen im weiteren Verlauf weiterhin die Bezeichnung ›Erzähler‹ verwendet. Das Signifikat, die Bedeutungsseite, ist (als Konsequenz der angeführten Einsichten) aber vor dem Hintergrund des Nibelungenliedes vielmehr als Hilfskonstrukt bzw. „mögliche, [...] notwendige und sinnvolle Fata Morgana“[23] zu verstehen. Da in der Abs-traktion der Schriftlichkeit der „Anspruch auf eindeutige Sinngebung“[24] nicht gegeben sein muss, kann somit darüber hinaus das Polyvalenzkriterium angesetzt werden kann: Eingesetzte erzählerische Mittel, wie beispielsweise Lücken in der Darstellung, werden nicht als ‚Zufall’ oder gar als ‚Fehler’ deklariert, sondern bieten Chancen der unterschiedlichen Deutung, möglicherweise sogar im Sinne einer überspannenden Intention – selbstverständlich unter prinzipieller Vorsicht gegenüber einer zeitgenössischen Denkweise auf eine Vorzeit.

[...]


[1] Nibbrig 1981: 49 (zit. nach Krammer 2003: 51).

[2] Goethes Reaktion auf die übersetzte Nibelungenlied-Fassung Karl Simrocks von 1827.

[3] Ehrismann 2002: 143.

[4] Ruberg 1978: 11.

[5] Göhler1989: 37.

[6] Müller 1998: 136.

[7] Jönsson 2001: 35f.

[8] Schäfer (2004: 84) meint humorvoll: „Meiner Kenntnis nach hat uns keiner der mittelalterlichen Dichter den Gefallen getan, einen expliziten Kommentar über den Unterschied zwischen dem Erzählen in der Mündlichkeit und in der Schriftlichkeit zu hinterlassen.“

[9] Vgl. Mertens 1996: 360.

[10] In Anlehnung an Curschmann (2004: 26), der eine „fruchtlose Debatte [darin sieht], seit wann Literatur überhaupt Literatur ist“, wird folglich der angedeutete Diskussionspunkt zwar an dieser Stelle kurz erwähnt, jedoch aufgrund eines kaum zu leistenden Beitrags im Rahmen der Arbeit nicht weiterverfolgt.

[11] Körner (1921: 100) spricht sich deutlich für einen Dichter aus, „der mit seinem Ich offen und bewußt häufig genug hervor[tritt]“. Linkes (1976) bedeutsame Auflistung zu den Kommentaren eines Sprechers verweist dagegen auf einen Erzähler im Sinne einer losgelösten Rolle (Vgl. Jönsson 2001: 35); eine ähnliche von Göhler (1989) geführte Zusammenstellung lässt zwar einen Erzähler erkennen, der aber noch an den Dichter gebunden ist.

[12] Dass dieses Verständnis vor allem in der Diskussion um das Nibelungenlied keineswegs selbstverständlich ist, sei noch einmal kontrastierend abgebildet: „Die Frage ist allerdings, ob [...] eine eigene Erzählerschicht, eine selbständige Erzählerebene entsteht. [Es] gibt m.E. Anlaß, diese Frage zu verneinen“ (Göhler 1989: 70) versus „Es gibt [...] eine Ebene des Erzählers,[...] in der Abstand genommen werden kann“ (Wachinger 1960: 5) oder „Die Allgegenwart des Erzählers ist im NL leichter nachvollziehbar als in jüngerer Literatur“ (Jönsson 2001: 29).

[13] Nach der St. Galler Handschrift B, Cod. Sang. 857: herausgegeben von Ursula Schulz, abgedruckt in der nhd. Parallelübersetzung und Kommentierung von Siegfried Grosse auf Grundlage von Karl Bartsch und Helmut de Boor; Zitatnachweise im Folgenden im Fließtext zitiert als NL mit Versangabe.

[14] Im Grunde hat der Erzähler noch eine weitere (dritte) Funktion: Er adaptiert den Stoff in ein höfisches Umfeld (Vgl. Linke 1960: 118).

[15] Curschmann 2004: 31. Bereits die programmatischen Titel Der Erzähler auf dem Weg zur Literatur (Curschmann 2004) und Die Funktion des Erzählers zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit (Schäfer 2004) verweisen auf die Übergangsphase des Mediums. Die Fassung ›Autor-Erzähler‹ (auch bei Schäfer 2004: 91) stützt sich auf eben dieses ‚Dazwischen’ des Sprechers.

[16] Mertens 1996: 361.

[17] Haug (2003: 170f.) unternimmt den umgekehrten Weg: Nicht mit dem Prozess der Verschriftlichung wird Fiktionalität ermöglicht bzw. notwendig, sondern die Entdeckung des Fiktionalen ist überhaupt erst die Voraussetzung für die Entstehung des neuen Typus des höfischen Romans (wozu manchmal das Nibelungenlied gerechnet wird; zur Gattungsfrage vergleiche ferner: Ehrismann 2002: 178 f.) und dementsprechend durch das Medium Schrift für die mittelalterlicher Literatur. Unabhängig von der Herangehensweise soll vordergründig die Grundkonstante interessieren, dass durch Fiktionalität „Wahrheitsverpflichtungen“ (Haug 2003: 173) aufgehoben und Spielräume mit dem literarischen Material offeriert werden. Konsequent zu Ende gedacht kann dies auch bedeuten, dass die Mündlichkeit fingiert ist (diese Ansicht vertreten beispielsweise ebenfalls Müller 1998 und Mertens 1996: 360).

[18] ›Erzählstrategie‹ ist kein explizit von der Mediävistik (und auch nicht der Literaturwissenschaft) besetzter Terminus. Daher soll dieser auch als einfaches Kompositum aufgefasst werden: Es geht um die Erzählweise einer Rolle, die unter eine planvolle und gelenkte Organisation fällt. (Vgl. Bernreuther 1994: 4-8).

[19] Linke 1960: 111.

[20] Kropik 2005: 141.

[21] In Anlehnung an Wachinger 1960: 6.

[22] In der vorliegenden Arbeit soll also auf das schriftliterarische Produkt verwiesen werden, wenngleich die orale Tradition sicherlich nicht zu unterschätzen ist.

[23] Ehrismann 2002: 11.

[24] Curschmann 2004: 31.

Details

Seiten
20
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656549949
ISBN (Buch)
9783656548201
Dateigröße
763 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265274
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,0
Schlagworte
Nibelungenlied Mediävistik Ältere deutsche Literatur Germanistk Schweigen Erzähler

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