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Päderastie in der griechischen Antike

Die Knabenliebe als Phänomen in der griechischen Antike

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 22 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Terminologie

3. Die Entstehung der Päderastie
3.1 Die dorische Knabenliebe
3.2 Die klassische Knabenliebe

4. Wesentliche Merkmale der Knabenliebe

5. Der Ablauf des päderastischen Verhältnisses

6. Die Bedeutung von Sexualität in der Knabenliebe

7. Weitere Bereiche des antiken Sexuallebens
7.1 Ehe
7.2 Hetärentum
7.3 Männliche Prostitution

8. Die pädagogische Funktion der Knabenliebe

9. Schlussbetrachtung

10. Literaturverzeichnis und Internetquellen

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Knabenliebe in der griechischen Antike, der sogenannten Päderastie. Diese geistige und sexuelle Beziehung zwischen einem Knaben und einem erwachsenen Mann wurde aufgrund seines pädagogisch-orientierten Charakters nicht nur akzeptiert, sondern in der Antike als einzig wahre Liebe angesehen. Sie wurde daher nicht selten der Frauenliebe vorgezogen. Diese, bis heute rätselhaft gebliebene, Erscheinung der griechischen Antike, muss sich nicht selten dem Vergleich zur Homo- sexualität unterziehen. Ob diese Gegenüberstellung gerechtfertigt ist, wird kontrovers disku- tiert und im späteren Verlauf der Arbeit näher erläutert. Um eine zeitliche Eingrenzung des Themas vorzunehmen, konzentriert sich die Arbeit schwerpunktmäßig auf die Zeit vom 6. bis ins 4. Jahrhundert vor Christus. Dieser Zeitraum wurde bewusst gewählt, da diese als die „Blütezeit“ der Päderastie gesehen werden kann und hier die verlässlichsten Quellen vorzufinden sind. „Aus früheren Zeiten fehlen eindeutige Zeugnisse, ohne daß deswegen die Behauptung zulässig wäre, die Knabenliebe sei damals nicht praktiziert worden“ (FISCHER 1997, S. 183). Des Weiteren erfuhr die Päderastie ab dem 4. Jahrhundert einen Wandel in ihrer Bedeutung. Auf diesen Aspekt soll aber ebenfalls später näher eingegangen werden. Die Arbeit gibt zunächst einen Überblick über die Begriffsbestimmungen der Päderastie und grenzt sie in einem weiteren Schritt von der Homosexualität ab. Anschließend wird die Entstehungsgeschichte der Päderastie erläutert und die beiden Entwicklungstypen dorische und klassische Knabenliebe dargelegt. Nachdem die Merkmale der Knabenliebe ausführlich erläutert wurden, wird in einem weiteren Punkt geschildert, wie ein päderastisches Verhältnis zustande kam und welche Bedeutung die Sexualität in der Knabenliebe ausfüllte. Zum besseren Verständnis für den damaligen Stellenwert der Päderastie werden weitere Be- reiche des Sexuallebens in der griechischen Antike aufgeführt und in deren Bedeutung der Knabenliebe gegenübergestellt. Daran anschließend wird erörtert, welche pädagogische Funktion sie erfüllte und wodurch sie an Bedeutung verlor. In einer abschließenden Schlussbetrachtung wird noch einmal die Frage aufgeworfen, ob die Päderastie der Homo- sexualität gleichgesetzt werden kann.

2. Terminologie

Der Begriff Päderastie stammt aus dem Griechischen und bedeutet „ Kind “, „ verlangen, lieben “. Der Terminus setzt sich zusammen aus den beiden Komponenten Pais (Kind) und Erastos (Liebhaber). „Päderastie (griechisch paiderastia) bedeutet dem Wort- sinn nach auf deutsch „Knabenliebe“ (von pais „Knabe“ und erastes „Lieb- haber“). Die Bedeutung des Wortes und die Bewertung der Päderastie war in der Geschichte Wandlungen unterworfen:

1. Ursprünglich, in der Antike, ist dies die Bezeichnung für die „griechische“ Sitte sexueller Beziehungen erwachsener Männer zu Jungen.

2. Später, in der Neuzeit, hat man in Analogie dazu auch mehr oder weniger ähnliche Phänomene in anderen Kulturen als Päderastie bezeichnet.

3. Damit sich überschneidend bezeichnet man so auch denjenigen Typus der (vorwiegend männlichen) Homosexualität, bei dem die Partnerrollen durch das Alter geschieden sind.

4. Schließlich diente Päderastie auch lange, bis in die Gegenwart, als Ersatz für den wegen seiner religiösen Untertöne kompromittierten Begriff Sodomie zur Bezeichnung von Homosexualität bzw. Analverkehr an sich“ (Wikipedia: Päderastie. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/ Päderastie. Download vom 21.04.2009)

Die Päderastie stellt die Beziehung eines erwachsenen Mannes zu einem Jugendlichen bzw. Knaben dar. Prinzipiell versteht man unter Pais sowohl das männliche als auch das weibliche Kind, wobei sich in diesem Zusammenhang der Begriff ausschließlich auf Knaben bezieht. Weckte der Knabe während seiner Pubertät (12. - 18. Lebensjahr), seiner soge- nannten Pais -Jahre, das Interesse der erwachsenen Männer, so wurde er auch als Eromenos 1 bezeichnet. Dieser stellte den jugendlichen Partner in der gleichgeschlechtlichen Beziehung dar, der von der geistigen Reife des Erastes, dem erwachsenen Partner, profitiert e. Im Gegenzuge verschaffte er diesem körperliche Befriedigung. Das Alter spielte hierbei eine entscheidende Rolle, es bezog sich allein auf ältere Jugendliche, die sich in der Abschlussphase ihrer Pubertät befanden. „Mit Pais wurde nicht nur eine Altersstufe bezeichnet, sondern auch jemand, der sich wie ein Kind in sozialer Abhängigkeit befand“ (REINSBERG 1989, S. 164). Voraussetzung für eine gesellschaftlich akzeptierte Verbindung war zum einen die altersbedingte Ungleichheit, die physisch-geistige Unterlegenheit des Jünglings sowie das einseitige Liebesbegehren durch den erwachsenen Mann. „ Eromenos eines angesehenen Mannes zu sein, war nicht nur geduldet - vielmehr bewirkte es einen erheblichen Prestigegewinn sowie bessere soziale Aufstiegsmöglichkeiten“. (Wikipedia: Eromenos. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Eromenos. Download vom 20.04.2009). Der Pais brachte dem Erastes 2 lediglich Bewunderung, Dankbarkeit und freundschaftliche Zuneigung entgegen. Er durfte keinerlei Eigeninitiative in Bezug auf sexuelle Aktivitäten zeigen, sondern durfte sich lediglich seinem Liebhaber hingeben. Der Erastes war oft wesentlich älter als sein jugendlicher Freund und in der Regel gesellschaftlich angesehen. „So waren sie meist 20 bis 30 Jahre alt und unverheiratet. Die päderastische Praxis spielte sich also in einem Zeitraum ab, die dem verheirateten Leben mit einer bürgerlichen Frau vorherging“ (Wikipedia: Päderastie. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/ Päderastie. Download vom 20.04.2009). Zu erwähnen wäre zudem, dass der Eromenos selbst zusätzliche Beziehungen zu jüngeren Knaben führen konnte und somit selbst zum Erastes wurde. „Während seines Daseins als Eromenos konnte ein junger Mann bereits selbst einen Eromenos haben, also in der einen Beziehung ein Eromenos, in der anderen ein Erastes sein (REINSBERG 1989a, S. 169). Noch bevor der Jüngling das Erwachsenenalter erreicht hatte, musste das Verhältnis beendet werden, da eine gleichgeschlechtliche Verbindung von diesem Zeitpunkt an als anstößig angesehen und mit Prostitution gleichgesetzt wurde. „Ein Erastes, der eine päderastische Beziehung über diesen Punkt hinaus aufrechthielt, erntete Spott und Verachtung“ (REINSBERG 1989b, S. 168). Dennoch kamen Überschreitungen der Jugendgrenze zustande.

Eine Beziehung zu einem unter 12-jährigen Knaben war ebenfalls nicht erwünscht, da dieser noch nicht in der Lage war, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und das Verhältnis eher als Ausnutzung zwecks Triebbefriedigung seitens des erwachsenen Mannes angesehen wurde.

Gerade der Aspekt des Altersunterschieds zwischen dem Pais und dem Erastes verdeutlicht, dass die Päderastie zwar als Sonderform des homosexuellen Verhaltens bezeichnet werden konnte, diese mit der Bedeutung von Homosexualität im heutigen Sinne aber nicht gleichzusetzen ist. Kenneth Dover definiert Homosexualität als „[…] Neigung, Sinnengenuß hauptsächlich durch körperlichen Kontakt mit Personen des eigenen Geschlechts […]“ (DOVER 1983, S. 11). Nach Patzer lässt sich diese sehr allgemein gehaltene Definition nicht auf das Phänomen der Knabenliebe anwenden, da das Verhältnis vom aktiven Partner, also dem Erastes, zum passiven Partner, dem Eromenos, nicht deutlich wird und es sich bei dem päderastischen Verhältnis um eine gesellschaftliche Institution handelt, die sich in Bezug auf den jugendlichen Partner auf ein festgelegtes Lebensstadium (12-18 Jahre) bezieht. Patzer betont zudem, dass dem gleichgeschlechtlichen Sexualakt damals die Bedeutung zukam, den Jungen auch „biologisch zum Mann zu machen oder genauer: diesen Übergang zu fördern“ (Vgl. PATZER 1982, S. 126). Diese kurze Abgrenzung der Homosexualtät von der Knabenliebe soll noch einmal die spezifischen Aspekte der Knabenliebe deutlich machen und einer Verwechslung der beiden Begrifflichkeiten vorbeugen.

3. Die Entstehung der Päderastie

3.1 Die dorische Knabenliebe

Die dorische Knabenliebe (Ende des 5. und 4. Jh. V. Chr.) stellt den älteren Entwicklungs- typus der Knabenliebe dar, von dort aus wurde sie von einem Großteil der Griechen über- nommen. Sie hat einen engen Bezug zu den früheren Naturvölkern, die den Übergang vom Jungen zum Mann bzw. vom Mädchen zur Frau in ritenähnlichen Brauchtümern durch- führten. Zwar mussten die Jugendlichen in der griechischen Antike nicht mit Gleichaltrigen und Gleichgeschlechtlichen von ihren Familien entfernt in der freien Natur leben, um sich von älteren „Stammesmitgliedern“ in die Lehren des Erwachsenseins einführen zu lassen. Ihre Vorbereitung auf das Erwachsenenalter erfolgte aber ebenso innerhalb eines bestimmten Altersbereiches (12-18 Jahre) und die Erziehung wurde ausschließlich von einem er´- wachsenen Mentor gleichen Geschlechts übernommen (Vgl. PATZER 1982a, S. 68 f.).

Laut Patzer kann die Knabenliebe als griechische Form der Jünglings-Initiation bezeichnet werden, da ihr Hauptaugenmerk auf der Ausbildung und Entwicklung des Knaben lag und nicht, wie man aufgrund des vorliegenden sexuellen Begehrens annehmen könnte, auf den Interessen des Erwachsenen (Vgl. PATZER 1982b, S. 68). Die Knabenliebe stellte eine wichtige gesellschaftliche Institution in der Erziehung und Bildung der Knaben dar und übernahm teilweise die Aufgaben des heutigen Schulwesens. „Man muß sich das nun nicht so vorstellen, als wäre dem Jüngling irgendeine Art planmäßiger Unterricht in Lehrermanier erteilt worden, […]. Man sprach miteinander, wenn es sich ergab […]. Oder der Junge begleitete seinen Liebhaber zu Gastmählern oder auf Besuchen, hörte den Reden zu und wurde in den Disput der Männer einbezogen“ (FISCHER 1997, S. 189). Die Knabenliebe unterlag strengen Bedingungen und Regeln. Wurden diese eingehalten, so war sie gesellschaftlich anerkannt und wurde geschätzt.

„Zunächst ist eine wichtige Thatsache festzulegen: die Knabenliebe ist von den „Dorern“, von den zuletzt in Griechenland eingewanderten rohen Gebirgsstämmen eingeführt, die sich von Nordwesten her über das Mutterland und die südlichen Inseln bis nach Kleinasien aus- breiteten und dann als Eroberer herrisch über den geknechteten Resten der älteren Bewohner sassen“ (BETHE 1907 in SIEMS 1988, S. 20). Die dorische Knabenliebe verfolgte andere Zielsetzungen als die klassische. So stand hier die Ausbildung des Knaben zu einem tüchtigen und mutigen Krieger im Vordergrund. Der Jüngling wurde nicht nach Gesichts- punkten der Schönheit ausgewählt, sondern danach, ob er Tapferkeit und Mut bewies und somit bereits über die wichtigsten Grundlagen für die Ausbildung zu einem Krieger verfügte. „So wird es verständlich, dass es in Kreta für eine Schande galt, wenn ein Knabe aus gutem Hause - selbstverständlich handelt es sich bei der Knabenliebe und Ritterehre immer nur um ‘gute Familien‘, der Plebejer hat ja keine Ehre - wenn ein adliger Knabe keinen Liebhaber fand: es schien ein Beweis für seinen schlechten Charakter. Umgekehrt war es eine Ehre für den Knaben, wenn sich viele Männer um ihn bemühten (BETHE 1907a aus SIEMS 1988, S. 33f.). Wie bereits erwähnt erfolgte die Kampfausbildung in sogenannten Ritualen. Als Beispiel hierfür wären der sogenannte Knabenraub und die Jagd zu nennen, der in der Erziehung des Jünglings entscheidende Rollen zuteil wurden. Nachdem der Erastes den Scheinraub bei den Angehörigen des Jünglings angekündigt hatte und dieser ihnen ehrenhaft erschien, folgten sie ihm zum Schein bis er mit seinem „Opfer“ sein Männerhaus erreicht hatte. Die Angehörigen wurden vom „Räuber“ beschenkt, dieser wiederum begab sich mit seinem Lehrling auf die Jagd. Zwei Monate lang musste sich der Eromenos nun mit seinem Mentor in die Natur begeben, fern ab von seiner Familie. Dort lernte er den Umgang mit Waffen kennen sowie den zweckmäßigen Einsatz seiner Körperkraft. War die Ausbildung erfolgreich, so erhielt er am Ende der zwei Monate Geschenke in Form einer Waffenrüstung, eines Rindes sowie eines Trinkgefäßes. Der Knabe richtete ein großes Fest für seinen Mentor und seine Angehörigen aus, auf dem das Rind dem Göttervater Zeus geopfert wurde. Die Rüstung war ein Zeichen dafür, dass die Leistungen des Jünglings anerkannt wurden und er von nun an als Gefährte seines Mentors in den Kampf ziehen durfte. „Wenn der Knabe auch mit einem Trinkgefäß beschenkt wurde, dürfte das bedeuten, daß er nun Mitglied einer der männlichen Mahlgemeinschaften (der syss tia) geworden war, die für die dorische Kriegerschaft kennzeichnend waren“ (PATZER 1982c, S. 73). Obwohl über den sexuellen Anteil in der dorischen Knabenliebe nur wenige eindeutige Anhaltspunkte in der Literatur vorzufinden sind, stellt Bethe die These auf, dass es diese sehr wohl gegeben haben muss. Er bezeichnete die Knabenliebe als „[eine der auffallendsten Eigenthümlichkeiten der älteren griechischen Cultur“ (Vgl. BETHE 1907b in SIEMS 1988, S. 17). So setzt er mitunter den Scheinraub des Knaben mit Flitterwochen eines frisch- vermählten Paares gleich, da der Knabe und sein Mentor ebenfalls für einen gewissen Zeitraum in eheähnlichen Verhältnissen zusammenlebten. Patzer erklärt zudem, dass der sexuelle Akt dazu diente, dem Knaben über das Sperma Eigenschaften wie „[…] Wehrkraft, Widerstandsfähigkeit, Gesundheit und auch Zeugungskraft […]“ zu übertragen (Vgl. PATZER 1982d, S. 76). Hatte der Jüngling diesen Teil der Initiation nicht durchlaufen, so konnte er nicht als vollwertiges Mitglied von den männlichen Mahlgemeinschaften anerkannt werden. Nach den zwei Monaten Jagd endete die Lehrzeit jedoch nicht, sondern wurde fortgeführt. Der gefeierte Knabe zog in das Haus seines Mentors und war für das Vollbringen von Dienstleistungen zuständig. Die Ehefrau des Älteren hatte kein Problem damit, dass fortan der Geliebte ihres Gatten in ihrem Hause lebte, da deren Beziehung sich von diesem Zeitpunkt an änderte. Sie konnte nunmehr eher als ein Vater-Sohn-Verhältnis angesehen werden, bei dem der Ältere eine fürsorgende Rolle für den Knaben übernahm. „In Sparta waren die Liebhaber für ihre Geliebten, die vom zwölften Jahr an mit ihnen verkehrten, so sehr verantwortlich, dass für eine unehrenhafte Handlung ihres Geliebten sie, nicht dieser, bestraft wurden“ (BETHE 1907c in SIEMS 1988, S. 24). Der Knabe brachte ihm im Gegen- zuge höchste Dankbarkeit und Respekt entgegen. Es entstand eine lebenslange Freund- schaft, die sogenannte philia. „In der Knabenliebe (also der Initiation) der griechischen Kriegergesellschaften ist also nicht sexuelle Zuneigung dass seelische Band, das die Partner verknüpft, wohl aber eine bestimmte Art von sehr inniger Freundschaft, die bis über das erreichte Mannesalter hinweg Dauer hat“ (PATZER 1982e, S. 89).

3.2 Die klassische Knabenliebe

Die klassische Knabenliebe (7. bis ins 4. Jahrhundert v. Chr.) als zweiter Entwicklungstypus unterscheidet sich hauptsächlich dadurch von der dorischen, dass hier der Schönheit des Knaben eine wesentlich wichtigere Bedeutung beigemessen wurde und im Vordergrund nicht dessen kriegerische Erziehung stand, sondern vielmehr die Ausbildung anderer männlicher Eigenschaften, die notwendig waren, um in einer Polisgemeinschaft bestehen zu können. Dazu zählten unter anderem „Selbstbeherrschung“, „Gerechtigkeit“ und „die praktische Lebensklugheit“ (sophia). Der Wehrhaftigkeit, die in der dorischen Knabenliebe an erster Stelle stand, wurde während der jüngeren Form der Knabenliebe kaum noch Bedeutung beigemessen (Vgl. PATZER 1982f, S. 106). Die Grundzüge der dorischen Knabenliebe blieben zwar erhalten, wurden aber in deutlich geminderter Ausprägung ausgeführt. Ebenso waren ihre Verbindlichkeit und ihre staatliche Überwachung geringer. Die klassische Knabenliebe lief insgesamt privater ab und wurde eher als eine Art Unsitte angesehen. Sie galt aber weiterhin als regelmäßig genutzte Institution der griechischen Gesellschaft. Aufgrund ihres sexuellen Charakters wurde sie von den griechischen Bürgern zwar toleriert, wegen ihrer Gleichgeschlechtlichkeit aber eher abgelehnt.

Einen weiteren entscheidenden Unterschied zur dorischen Knabenliebe stellt die Tatsache dar, dass nicht mehr jedem Mann die Möglichkeit eines päderastischen Verhältnisses eingeräumt werden sollte, sondern dieses Privileg nun ausschließlich den Adligen vorbe- halten war. „In einer demokratisch regierten Polis wie Athen kann freilich der Adel nur faktisch Träger dieser Institution sein, gesetzlich steht sie jedem Bürger offen, wie dies aus einem alten Gesetz hervorgeht, das den Sklaven sportliche Übungen in den Palästren und Knabenliebe verbietet […]“ (PATZER 1982g, S. 105). Mit dem Begriff Adel wurde körperliche und seelische Schönheit sowie Vortrefflichkeit verbunden, Begrifflichkeiten, die während der archaischen Epoche gänzlich fehlten. Die Liebe zum Schönen wurde als Eros bezeichnet und rechtfertigte sozusagen die Päderastie während der klassisch-griechischen Epoche. „Diese so umschriebene Schönheitstrunkenheit oder -besessenheit will wiedergeben, was das Wort Eros besagt, das den unaufgebbaren Wesensgrund der („rechtmäßigen“) Knabenliebe des jüngeren, klassischen Typus bildet […]“ (PATZER 1982h, S. 107). Die Schönheit bezog sich aber nicht nur auf das äußere Erscheinungsbild des Jünglings, sondern gleichermaßen auf seine innere Vollkommenheit.

Wie in der dorischen Knabenliebe, so entschied sich ein Knabe für seinen Mentor, wenn dieser dem Ideal eines adligen rechtschaffenen Mannes entsprach und er somit eine Vorbildfunktion für ihn übernahm.

Von den Ritualen der dorischen Knabenliebe ist in der klassischen kaum noch etwas übrig geblieben, so wurde der Knabenraub abgeschafft, um nur ein Beispiel zu nennen. Dem Knaben wurde ein Pädagoge, eine Art Knabenaufseher zur Seite gestellt, der die Werber seines Schützlings genauestens beobachtete und überprüfte.

[...]


1 Eromenos = Geliebter in einem päderastischen Verhältnis

2 Erastes = Liebhaber im pädersastischen Verhältnis

Details

Seiten
22
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656550082
ISBN (Buch)
9783656548102
Dateigröße
868 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265240
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
1,3
Schlagworte
päderastie antike knabenliebe phänomen

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Titel: Päderastie in der griechischen Antike