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Das Motiv des unfertig Geborenseins in den Filmen von David Lynch

Am Beispiel "DUNE - Der Wüstenplanet"

Hausarbeit 2013 15 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Konzept der unfertigen Geburt nach Seeßlen
2.1 Verhältnis zur Sprache
2.2 Verhältnis zur Sexualität
2.3 Ungewöhnliche Geburtsumstände

3. Übertragung des Konzeptes auf DUNE / Paul Atreides
3.1 Zusammenfassung/Überblick DUNE
3.2 Paul Artreides als unfertiger Mann nach Seeßlen
3.3 Szenenanalyse

4. Schluss/Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Arbeit beschäftige ich mich mit dem Motiv des unfertig geborenen Menschen in den Filmen des Regisseurs David Lynch und der Frage, inwieweit es Anwendung im Film DUNE (1984) in Bezug auf dessen Protagonisten Paul Artreides (Kyle McLachlan) findet.

Am konkretesten benennt dieses Motiv Georg Seeßlen in seinem Buch „David Lynch und seine Filme“. Zwar fällt auch anderen die Entwicklung auf, die männliche Helden in Lynchs Filmen durchlaufen. So schreibt etwa Andreas Fuchs: „Anfangs handelt es sich um junge Männer, die noch nicht gefestigt sind. Henry, selbst noch kindlich, wird plötzlich Vater, John Merrick muß überhaupt erst Fuß fassen, Paul in „Dune“ sowie Jeffrey in „Blue Velvet“ werden gerade erst erwachsen [...]“ (Fuchs, S.65), und auch Anne Jerslev erwähnt das Motiv in „Mentale Landschaften“ in Bezug auf Henry Spencer (Jerslev 1996, S.69), bezieht sich dabei aber explizit auf Seeßlen. Seeßlen aber benennt das Konzept am konkretesten und nennt detailliert Eigenschaften, die kennzeichnend für eine unfertige Geburt sind.

Diese allgemeinen, theoretischen Aspekte der unfertigen Geburt arbeite ich unter

2. heraus, um sie dann unter 3. im Speziellen auf den Protagonisten aus DUNE, Paul Artreides, anzuwenden. Besonders hebe ich dort die Initiierungs-Szene hervor, in der Paul mithilfe einer Box mentale Schmerzen zugefügt werden. Paul als Protagonist ist deshalb interessant, da er in erster Linie nicht von David Lynch, sondern von Romanautor Frank Herbert erschaffen, von Lynch nur filmisch umgesetzt wurde, trotzdem aber für Lynch-Helden typische Züge trägt. Auch ist er viel mehr „Held“ als andere Lynch-Figuren, schlägt sich aber trotzdem mit deren Problemen herum.

Zunächst werde ich unter 2. die Kernpunkte des Konzeptes (Junge Männer, Sprache, Sexualität, Geburtsumstände) nach Seeßlen herausarbeiten. Dann widme ich mich unter 3. der Übertragung auf DUNE/Paul Artreides, gebe einen Überblick über den Film, bevor ich Paul als unfertigen Mann analysiere und die ausgewählte „Gom Jabbar“-Szene (Torres Meza, S. 21) detailliert untersuche.

2. Das Konzept der unfertigen Geburt nach Seeßlen

Das Konzept der unfertigen Geburt in Lynchs Filmen geht auf den Autor Georg Seeßlen zurück, der es in seinem Buch „David Lynch und seine Filme“ vorstellt. Er beschreibt damit junge, männliche Charaktere, die in Lynchs Filmen oft die Protagonistenrolle spielen. Neben dem Paradebeispiel Henry Spencer aus ERASERHEAD (1977) treffen die Merkmale, die Seeßlen vorstellt, etwa auch auf Jeffrey Beaumont aus BLUE VELVET (1986) und, wie ich später herausarbeiten werde, auf Paul Atreidis aus DUNE zu. „In Lynchs Endzeit-Barock bemühen sich unfertige, das heißt noch nicht vollständig korrumpierte und nicht zu Ende geborene Menschen, sich durch 'Wissen' und Einsicht einer Umwelt zu nähern, in der es keine Autorität, keine Leitbilder gibt [...]“ (Seeßlen 2007, S.22) Dieses Zitat zeigt uns bereits eine Gemeinsamkeit der unfertigen Männer: Sie versuchen, ihre Umwelt zu verstehen, sind in dieser noch nicht vollständig angekommen. Sie unternehmen eine Reise, um ihre Welt zu verstehen: „Sie leben in Masken, Höhlen und Verstecken und müssen doch hinaus, um die Abgründigkeit, die Geheimnisse der Welt zu erfahren.“ (ebd., S.22). Sie verbindet außerdem ein besonderes Verhältnis zur Sprache, Unsicherheit im Umgang mit ihrer Sexualität und ungewöhnliche Umstände bei ihrer Geburt und damit verbunden der Wunsch, diese rückgängig zu machen bzw. sich zu weigern, den Mutterleib zu verlassen. (ebd., S. 36)

Anders als in der heute gängigen Praxis üblich ist Seeßlen kein Vertreter des „Tod des Autors“. Er bezieht Lynchs Kindheit und Leben mit in seine Überlegungen ein, beschreibt seine Lebensgeschichte und führt etwa das Problem, das viele seiner filmischen Charaktere mit der Sprache haben, auf seine Biografie zurück. (ebd., S. 17, S.23) Das ändert aber nichts daran, dass sich seine Beobachtungen auch am reinen Filmmaterial, das uns Lynch liefert, festmachen lassen.

Die Grundidee einer gestörten Geburt findet man bereits bei Sigmund Freud. Das Geburtstrauma ist bei Freud Quell einer Urangst, die Annette Meyhöfer beschreibt als „das biologische Moment, das die ersten Gefährdungen darstelle und das Bedürfnis schaffe, 'geliebt zu werden, das den Menschen nicht mehr verlassen wird.'“ (Meyhöfer 2006) Ergänzt durch die Annahme, „die Angstbereitschaft sei angeboren, aber nicht unmittelbar nach der Geburt am größten, sondern trete erst im Laufe der seelischen Entwicklung hervor“ (vgl. ebd), liefert Freud hier eine sehr konkrete Vorlage für Lynchs nicht-zu-Ende-geborene Protagonisten.

2.1 Verhältnis zur Sprache

Immer wieder kommt es in Lynchs Filmen zur Auseinandersetzung mit der Sprache, die immer wieder auf verschiedene Art verfälscht wird: „[...] als Selbstgespräch in die Dunkelheit in ERASERHEAD, als inneres Sprechen in DUNE, als ein medial aufgehobenes Zwiegespräch mit einer fernen 'Diane' in TWIN PEAKS.“ (Seeßlen 2007, S.18) Bereits in seinem frühen Kurzfilm THE ALPHABET (1968) beschäftigt Lynch sich mit der Sprachproblematik: Hier wird die Sprache vom männlichen Protagonisten als eine geregelte Ordnung empfunden, eine Frau empfindet sie als „peinvolle Arbeit“. (ebd., S.18) Eine Frau erleidet dort beim Erlernen des Alphabets offenbar Qualen, wälzt sich auf einem Bett und blutet am Ende. (Fischer 2008, S.77)

Diese Zwiespältigkeit der Sprache, die Seeßlen mit den Begriffen Sprache des Alphabets und Sprache der Natur beschreibt, glaubt er in Lynchs Biografie begründet zu finden. Sein Vater vertrete als Agrarwissenschaftler die Sprache der Natur, die Mutter, die zeitweise als Sprachwissenschaftlerin arbeitete, die Sprache des Alphabets. Welchen Einfluss das Elternhaus in dieser Beziehung tatsächlich auf ihn genommen hat, ist jedoch spekulativ. In Lynchüber Lynch (Chris Rodley) sagt Lynch etwa, er könne sich gar nicht mehr erinnern, was seine Mutter studiert oder gearbeitet habe. (Rodley 2006, S.19)

Lynchs unfertige Charaktere zeichnen sich durch ein gebrochenes Verhältnis zur Sprache aus. Sie müssen laut Seeßlen einen „Weg von der Sprache der Menschen zu der Sprache der Natur“ (Seeßlen 2007, S.18) zurücklegen, da ihnen der väterliche Aspekt der Sprache fehle. Unabhängig davon, ob uns Seeßlens Konzept völlig überzeugt, sind die Probleme mit der Sprache offensichtlich: Wenn etwa Henry aus ERASERHEAD die „X Family“ trifft, kann er nicht wie wir es erwarten würden mit ihnen kommunizieren. Beide Seiten reagieren stets ungewohnt und für den Zuschauer nicht nachvollziehbar, nicht wie man es von erwachsenen Menschen erwarten würde. Henry ist unsicher und weiß nicht, wie er sich zu verhalten hat, was man am deutlichsten sieht, wenn er beim Essen das Geflügel anschneiden soll. Diese Unsicherheit und Unfähigkeit, mit der Situation angemessen umzugehen, lässt auf seine „Unfertigkeit“ schließen.

2.2 Verhältnis zur Sexualität

Ebenso wie die Nicht-zu-Ende-Geborenen offensichtlich Probleme mit der Spache haben, haben sie auch ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Sexualität verzweifeln sogar an ihr. (Seeßlen 2007, S.17)

In BLUE VELVET ist Jeffrey Beaumont hin und hergerissen zwischen Dorothy und Sandy. Erstere zeigt ihm eine ihm unbekannte, dunklere Art der Sexualität, die für die unfertigen Männer typische Unsicherheit zeigt sich in ihm: Er weiß nicht, wie er damit umgehen soll, dass sie etwa von ihm verlangt „hit me!“. Als sie ihn im Schrank erwischt und ihn anschließend mit dem Messer bedroht, ihn aber oral befriedigt, weiß er nicht, ob Furcht oder Erregung überwiegt, die Erregung vielleicht sogar aus der Furcht entspringt. Die Kastrationsangst ist hier überdeutlich zu erkennen. (Creed 1988, S.7). Ganz ähnlich verhält es sich mit Frank, der einerseits Dorothy schlägt und dominieren will, sich andererseits zurück in die Rolle eines Kindes wünscht („Baby wants to fuck!“).

Auch Henry kann sich nicht für eine Frau entscheiden. Seine Ehe mit Mary bringt viele Entbehrungen mit sich, er fühlt sich von ihr nicht geliebt, er sucht Nähe bei der Frau hinter der Heizung, flüchtet sich in eine Traumwelt, weil er mit den Problemen der reellen nicht mehr umgehen kann. Auch das ist kein typisch erwachsenes Verhalten, er zieht sich immer mehr zurück, statt sich Konflikten zu stellen.

Typisch für die unfertig Geborenen ist also, dass sie sich häufig nicht für eine Frau oder eine Art der Sexualität entscheiden und mit diesen Problemen nicht richtig umgehen können.

2.3 Ungewöhnliche Geburtsumstände

Die Geburt der unfertigen Männer ist für sie ein traumatisches Ereignis. Es ist ein Akt, der „zugleich schön und gewalttätig, schmerzhaft und 'verboten' ist.“ (Seeßlen 2007, S.17) Die grafische Anfagssequenz von THE GRANDMOTHER (1970) zeigt die Geburt des Jungen in der Hauptrolle, eine Geburt ohne Nähe zur Mutter. „So wie dieser Junge auf die Welt gekommen ist, erklärt er die bizarre Einsamkeit aller jugendlichen männlichen Protagonisten in David Lynchs Filmen. Diese Schöpfungsgeschichte atmet einen furchtbaren Zorn, nicht wirklich von einer Mutter geboren zu sein, keine symbiotische Einheit mit ihr gefühlt zu haben...“ (ebd., S.19) Das Geburtstrauma ist der Grund, warum Lynchs Helden sind, wie sie sind: Unfertig, einsam, warum sie an Sprache und Sexualität verzweifeln.

Seeßlen sieht in den Geschichten, die die Männer erleben, eine Reise zum Zustand vor ihre eigene Geburt. (ebd., S. 21) Sie sehnen sich nach der Wiedervereinigung mit der Mutter, da sie den Mutterleib nie vollständig verlassen haben. Ausgehend von diesem Begehren spricht Seeßlen oft vom Inzest (ebd., S. 35), nachdem sich die unfertig geborenen Helden latent sehnen.

3. Übertragung des Konzeptes auf DUNE/Paul Artreides

Nach Seeßlen zeichnen sich die unfertig Geborenen also durch gestörte Verhältnisse zur Sprache, zur Sexualität, und durch eine Geburt unter ungewöhnlichen Umständen aus.

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656550112
ISBN (Buch)
9783656548010
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265233
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
2,0
Schlagworte
motiv geborenseins filmen david lynch beispiel dune wüstenplanet

Autor

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Titel: Das Motiv des unfertig Geborenseins in den Filmen von David Lynch