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Linguistische Kritik einer Sprachkritik an unangemessener Sprache

Im Kontext von Monika Gerstendörfers „Der verlorene Kampf um die Wörter - Opferfeindliche Sprache bei sexualisierter Gewalt“

Seminararbeit 2013 16 Seiten

Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Grundlagen und Methodik einer linguistischen Sprachkritik

2 Monika Gerstendörfers Plädoyer für eine angemessenere Sprachführung
2.1 Zentrale Aussagen und sprachtheoretische Prämissen
2.2 Linguistische Untersuchung der Thesen Gerstendörfers

3 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Grundlagen und Methodik einer linguistischen Sprachkritik

Bevor eine Analyse der Aussagen Gerstendörfers durchgeführt werden kann, soll zunächst veranschaulicht werden, was insgesamt beachtet werden muss, wenn man sprachkritisch tätig wird, im Besonderen wenn man linguistisch begründet Sprache kritisieren will. Zu diesem Zweck sollen folgend deshalb die linguistischen Grundlagen, welche für eine Analyse beachtet werden müssen und eine Darstellung der Methodik der linguistischen Sprachkritik durchgeführt werden.

Bei sprachlichen Äußerungen sind immer bestimmte Faktoren beteiligt, welche im Falle einer Behandlung von Sprache und damit auch einer Kritik berücksichtigt werden müssen, da diese das sprachliche Phänomen bedingen. Die pragmatische Herangehensweise gibt eine Perspektive auf Sprache vor, die ohne die konkrete Sprechsituation mit den daran beteiligten Faktoren des Sprechers und Adressaten mit jeweils unterschiedlichem Hintergrundwissen und dem Kontext, in welchen das sprachliche Phänomen eingebettet ist, eine angemessene Untersuchung des Gegenstands Sprache nicht möglich macht1 Als Untersuchungsgrundlage der heutigen Linguistik kann weiter der Werkzeugcharakter der Sprache als maßgebende Voraussetzung und Basis betrachtet werden. So wird in der Sprachwissenschaft überwiegend davon ausgegangen, dass sich sprachliche Phänomene als Sprachspiele auffassen lassen, die eingebettet in die eben erwähnten pragmatischen Faktoren, unter gewissen Regeln stattfinden und funktionieren2 Sprache ist daher als Kommunikationsmittel immer funktional, dient einem Zweck. Unter Berücksichtigung und aufbauend auf dem Organon-Modell von Karl Bühler, welches Sprache drei Grundfunktionen zuspricht und der späteren Erweiterung dieser um drei weitere Funktionen durch Roman Jakobson, kann also eine mögliche linguistische Sprachkritik nur vor diesem Hintergrund gelingen.3 Um überhaupt kritisieren zu können -als Bedingung der Möglichkeit von Sprachkritik- ist deshalb die von Jakobson zusätzlich eingeführte metasprachliche Funktion in unserem Zusammenhang entscheidend, mit Hilfe derer wir uns erst auf Sprache beziehen können.4 Die Sprachkritik nutzt daher die metasprachliche Funktion in so weit, dass sie mit Hilfe von Sprache Sollensaussagen über Sprache (genauer: den Sprachgebrauch) formuliert.5 Hier zeigt sich das in der Geschichte der Linguistik immer wiederkehrende Problem der Rechtfertigung einer linguistisch begründeten Sprachkritik, welche sich in Teilen bis heute als eine, die Langue beschreibende, deskriptive Wissenschaft versteht und im Gegensatz zur Sprachkritik, welche vorgeben möchte wie Sprache aussehen soll, nur Seinsaussagen über den Ist- Zustand macht.6 Nichts desto trotz existiert linguistisch begründete Sprachkritik heute faktisch auf vielfältige Weise und sie hat es sich zur Hauptaufgabe gemacht Kommunikationsschwierigkeiten im Sprachgebrauch aufzudecken, die sich in Form von Sprachnormenkonflikten zeigen7 In diesem Zusammenhang spielt das Verhältnis des vom Sprecher verwendeten Wortes und der von ihm damit bezeichneten Sache oder besser der Vorstellung die er von dieser hat, eine entscheidende Rolle. Dieses Problem des genauen Verhältnisses zwischen Ding, Vorstellung und Wort kann bis auf die Ausführungen Platons in seinem Kratylos Dialog zurückverfolgt werden.8 Bei unserer Untersuchung handelt es sich um eine von Monika Gerstendörfer vorgenommene Wortkritik. Diese Form der Kritik nimmt, betrachtet man die Geschichte der Sprachkritik, bis heute den größten Raum ein.9 Es geht daher nicht zuletzt um die Frage, ob die Begriffe die wir benutzen um Dinge zu bezeichnen, auch dem Wesen der Dinge zukommen oder ob es sich lediglich um Etiketten handelt, welche sich nach Belieben an jedes außersprachliche Bezugsobjekt heften lassen.10 Da es sich bei Wörtern um sprachliche Zeichen handelt, welche auf konventionelle Weise ihre Bedeutung erhalten, wird Letzteres als die plausibelste Annahme vorausgesetzt.

„Das komplexe sprachliche Zeichen, als Wort oder als Satz genommen, das jene drei Komponenten im Kommunikationsakt miteinander verbindet, ist Symbol kraft seiner Zuordnung zu Gegenständen und Sachverhalten, Symptom (Anzeichen, Indicium) kraft seiner Abhängigkeit vom Sender, dessen Innerlichkeit es ausdrückt, und Signal kraft seines Appells an den Hörer, dessen äußeres und inneres Verhalten es steuert wie andere Verkehrszeichen´.“11

Weiter vorausgesetzt wird, dass es gewisse Sprechergemeinschaften gibt, in denen bestimmte Sprachnormen bestehen, wo die Wörter und Verknüpfungen der Wörter nur nach bestimmten Regeln funktionieren und deshalb immer auf eine bestimmte Art und Weise der Verwendung ihre Bedeutung erhalten. Diese Regelhaftigkeit des Gebrauchs manifestiert sich dann in einer Sprachnorm.

„Mit Norm ist jener Bereich gemeint, der zwischen der langue und der parole, zwischen Sprachbesitz und Verwendung, liegt, eine Gebrauchsnorm des Sprachsystems, die einerseits überindividuell ist, andererseits aber immer individuell realisiert wird. […] Die jeweilige Norm, der usage, muß sinnvollerweise der systematische Ort von Sprachkritik sein, denn nur die Norm kann man, wie die Geschichte der Sprachkritik lehren wird, begründet kritisieren.“12

Die Verwendung der Zeichen (sei es schriftlich oder mündlich) geschieht notwendigerweise immer in einer bestimmten Situation, welche von oben genannten Faktoren bedingt wird. Möchte man also nun linguistisch fundiert sprachliche Phänomene behandeln, ist es wichtig eine Analyse von dieser „Startposition“ aus zu beginnen. Im nächsten Abschnitt soll nun die Methodik einer linguistischen Sprachkritik vorgestellt werden, bevor in Kapitel 2 auf die Thesen von Monika Gerstendörfer eingegangen wird. Folgend soll nun aufbauend auf den bis hier vorgestellten sprachtheoretischen Voraussetzungen der aktuellen Linguistik, die Methodik einer linguistischen Sprachkritik beschrieben werden, um erkennen zu können, wie heute eine wissenschaftliche Sprachkritik aussehen kann und hinsichtlich der Grundlagen einer Sprachwissenschaft auch aussehen muss. Für eine gerechte Beantwortung unserer Fragestellung, ob die Kritik von Gerstendörfer an vermeintlich opferfeindlicher Sprache aus linguistischer Sicht gerechtfertigt ist, ist dies insofern von Bedeutung, da wir die linguistisch fundierten Voraussetzungen und die dazugehörige Methodik dann in Kapitel 2 mit der von Monika Gerstendörfer vergleichen können.

Als Methodik einer wissenschaftlichen Disziplin ist im Allgemeinen die Herangehensweise an den zu untersuchenden Gegenstand gemeint. Diese Art und Weise der Behandlung fußt auf den sprachtheoretischen Grundannahmen, welche die jeweilige Disziplin zu einem bestimmten Zeitpunkt aufweist (siehe Kapitel 1.2). Wie bereits erwähnt gibt es einen Anlass oder einen Grund, warum es linguistisch begründete Sprachkritik gibt. Da Kommunikation nicht immer reibungslos funktioniert, da Normenkonflikte, welche zu Kommunikationskonflikten werden können, einen Bedarf an Hilfestellung darstellen, scheint es daher plausibel zu sein, diese Hilfe in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Sprache zu suchen.13 Die sprachlichen Regeln, die durch die Existenz unserer Sprache bestehen und sich in Form einer bestimmten Norm, also Regelverwendung in einer speziellen Sprechergemeinschaft etablieren, werden von den meisten jener Sprachteilnehmern nur unreflektiert befolgt. Wenn es jedoch Probleme mit der Verständigung gibt, werden Regelwerke zu Rate gezogen, welche die richtige Verwendung vorgeben.14 Beherzigt man diese Prämisse und sieht man ein, dass die Regeln und Normen von Sprechergemeinschaft zu Sprechergemeinschaft variieren, kann es deshalb auch nicht einen richtigen Sprachgebrauch geben. Auf Basis dieser Voraussetzungen geht es daher bei einer linguistischen Sprachkritik um das Aufzeigen von Normenkonflikten. Linguistische Sprachkritik versteht sich daher auch als Sprachnormenkritik15 Ein solcher Sprachnormenkonflikt kann sich nun unter anderem darin zeigen, dass sich die Gebrauchsweisen einzelner Wörter oder Wortverbindungen durch verschiedene Lebensformen16 der einzelnen Sprachverwender unterscheiden und eine Lebensform versucht eine Gebrauchsweise gegenüber anderen Sprechern durchzusetzten, was dann unter anderem auch in der öffentlichen Kommunikation durch Medien verwirklicht werden kann, welche die am Konflikt nicht beteiligten erreicht soll, um eine gewisse Weise des Wortgebrauchs als Norm etablieren zu können.17 Die linguistisch begründete Sprachkritik will dann aktiv werden, wenn Sprachnormenkonflikte auch zu Kommunikationskonflikten geworden sind.18 Für eine gerechte Behandlung dieser Kommunikationskonflikte ist es daher für eine linguistische Sprachkritik zunächst von Bedeutung die Sprachnormen der jeweils konkurrierenden Sprachnutzer kenntlich zu machen, auf der Basis der entsprechenden Verwendungsweisen der einzelnen Wörter oder Redeweisen aufzuzeigen, weshalb das Verstehen nicht gelingt, um dann letztlich eine etwaige Relevanz für zukünftiges Handeln deutlich zu machen. Diese Relevanz zeigt sich vor allem bei Kommunikationskonflikten im Kommunikationsbereich der öffentlich-politischen Rede und wird deshalb besonders von einer linguistischen Sprachkritik im Forschungsbereich der Politolinguistik in den Fokus der Untersuchung gezogen19 Da sprachliche Äußerungen aus pragmatischer Sicht immer Handlungen darstellen, geht es deshalb letztlich bei aller Sprachkritik auch immer um sprachliche Moral.20 So auch im Falle einer Kritik von Monika Gerstendörfer, die den Gebrauch von bestimmten Wörtern im Kontext von sexualisierter Gewalt kritisiert. Es geht also in diesem Beispiel nicht um ein konkretes Kommunikationsproblem durch konkurrierende Sprachnormen, sondern um das aus ihrer Sicht falsche Benennen von Tatsachen. Sie kritisiert eine bestehende Wortgebrauchsnorm. Im nächsten Kapitel werden nun zentrale Aussagen von Gerstendörfer genauer vorgestellt und anschließend in Kapitel 2.2 auf ihre linguistische Berechtigung hin untersucht.

2 Monika Gerstendörfers Plädoyer für eine angemessenere Sprachführung

In Kapitel 2.1 werden zuerst die wichtigsten Behauptungen ihres Werkes mit dem Haupttitel „Der verlorene Kampf um die Wörter“ genannt und diese anschließend in Kapitel 2.2 mit Ergebnissen einer linguistischen Sprachkritik verglichen. Mit den bereits in Kapitel 1 herausgearbeiteten Grundsätzen und der darauf aufbauenden Methodik einer linguistischen Sprachkritik soll demnach vergleichend gezeigt werden, ob es sich bei Gerstendörfers Kritik um eine linguistisch begründete Sprachkritik handelt.

2.1 Zentrale Aussagen und sprachtheoretische Prämissen

Bei Monika Gerstendörfers Sprachkritik handelt es sich wie bereits erwähnt um eine Wortkritik. Sie ist der Meinung, dass bestimmte Wörter im Kontext von sexualisierter Gewalt an der Wirklichkeit vorbeigehen und diese Sachverhalte beschönigend darstellen. Zusätzlich würden die Opfer im nach hinein durch diese Verwendung gedemütigt und verletzt. Solche Wörter wie Sexualmord, sexuelle Selbstbestimmung, Kinderpornografie, oder Bezeichnungen der Täter wie Kinderschänder, Sextourist, Sexgangster oder Triebtäter müssen ihrer Meinung nach daher im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt, sogar generell aus unserem Sprachgebrauch verbannt werden, da es diese schlicht einfach nicht gäbe21. So schreibt sie etwa:

„Gehen wir nach der verwendeten Sprache, dann tun die Täter Folgendes: Sie schänden Kinder. Ja, sie gehören sogar der Kategorie der ´Touristen´ an, die ihrem Sextrieb oder ihrer Biografie irgendwie ausgeliefert sind […]. Was die Kinder betrifft, so sind sie dieser Sprache zufolge Opfer eines (kranken) Triebtäters und nach der Tat in jedem Fall `Geschändete´. […]

[...]


1 Vgl. Meibauer, Jörg: Pragmatik. Eine Einführung. Zweite, verbesserte Auflage. Stauffenburg Verlag. Tübingen 2008. S.8.

2 Vgl. hierzu den Begriff des wittgensteinschen Sprachspiels in seinen Philosophischen Untersuchungen.

3 Vgl. Schiewe, Jürgen: Die Macht der Sprache. Eine Geschichte der Sprachkritik von der Antike bis zur Gegenwart. München 1998. C.H. Beck.S.13.

4 Schiewe, Jürgen: a.a.O., S.13.

5 Vgl. Schiewe, Jürgen: a.a.O., S.14ff.

6 Ebd.

7 Vgl. Sanders, Willy: Stilsalat und Wortgemenge. Eine Kritik der Sprachkritik. WBG. Darmstadt 2011. S.167.

8 Vgl. Schiewe, Jürgen: a.a.O.,S,28ff.

9 Vgl. Kilian, Jörg/ Niehr, Thomas/ Schiewe, Jürgen: Sprachkritik. Ansätze und Methoden der kritischen Sprachbetrachtung. De Gruyter. Berlin/New York. 2010.S.14. 10 Vgl. Schiewe, Jürgen: a.a.O., S.28.

11 Schiewe, Jürgen: a.a.O., S.13. Hervorhebung im Original. 4

12 Schiewe, Jürgen: a.a.O., S.13. Hervorhebung im Original

13 Vgl. Schwinn, Horst: Linguistische Sprachkritik. Ihre Grenzen und Chancen. Julius Groos Verlag. Heidelberg 1997. S.34f.

14 Vgl. Schwinn, Horst: a.a.O., S.36.

15 Ebd., S.40.

16 Lebensform wird hier im wittgensteinschen Sinn gebraucht. Horst Schwinn macht darauf aufmerksam, dass dieser Begriff auch von Wittgenstein nicht umfassend beschrieben wird und so auf einer abstrakten Ebene bleibt. Vollkommen identische Lebensformen gäbe es nicht. Für unsere Untersuchung ist es zentral, dass unterschiedliche Lebensformen mit unterschiedlichen Sprachnormen einhergehen.

17 Vgl. Schwinn, Horst: a.a.O., S.40.

18 Ebd., S.41.

19 Vgl. Schwinn, Horst: a.a.O., S.41f.

20 Sanders, Willy: a.a.O., S.168.

21 Vgl. Gerstendörfer, Monika: Der verlorene Kampf um die Wörter. Opferfeindliche Sprache bei sexualisierter Gewalt. Ein Plädoyer für eine angemessenere Sprachführung. Junfermann Verlag. Paderborn 2007. S.14ff.

Details

Seiten
16
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656550563
ISBN (Buch)
9783656547709
Dateigröße
859 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265098
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Sprach-und Kommunikationswissenschaften
Note
2,3
Schlagworte
Linguistische Sprachkritik unangemessene Sprache Monika Gerstendörfer opferfeindliche Sprache

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