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Liebeskonzepte im deutschsprachigen Porno- und Gangsta-Rap

Bachelorarbeit 2013 94 Seiten

Medien / Kommunikation - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Mediale Darstellung von Liebe
2.1 Liebe innerhalb unterschiedlicher Handlungsräume
2.2 Die unbegrenzten Möglichkeiten der Liebe

3 „Lutsch mein' Schwanz!“ Deutscher Porno-Rap
3.1 Neosexismus:neues Verlangen
3.2 Zuhälter und bitches - Geschlechterdarstellung im Porno-Rap
3.3 Rezeption durch Zuhörer.

4 Die Freundschaftsliebe
4.1 Die drei Arten der Freundschaft nach Aristoteles
4.2 Battle-Rap als Rivalität unter Freunden
4.3 Kool Savas vs. Eko Fresh - Das Ende einer Freundschaft

5 Heimatliebe und Identitäten im Gangsta-Rap
5.1 Heimatliebe, Herkunft und Familie
5.2 Hybride Identitäten und Migranten-Rap

6 Zusammenfassung und Ausblick

7 Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Liebe hält ewig! Zumindest hält sie ewig in den Medien. Was wäre unsere Welt auch ohne Liebesfilme, Schmusesongs und Kitschromane? Vielleicht weniger romantisch, sicher aber auch unproblematischer. Denn die ewige, bedingungslose Liebe gibt es nicht mehr. Die romantische Liebe ist längst ausgestorben und nur noch eine Idee. Unsere Vorbilder aus Fernsehsendungen, Zeitschriften und der Werbung sind entworfene Schablonen, die uns Vorleben, wie Liebe sich abzuspielen hat. Dabei werden bewusst Geschlechterstereotypen eingesetzt, die ein Handlungsmuster zwischen Mann und Frau aufzeigen, nach dem sich die Rezipienten orientieren.

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Frage, welche Liebeskonzepte in der heutigen Zeit dominieren und wie sich diese im speziellen Fall der Rapmusik äußern. Das erste Kapitel bildet die Ausgangsposition dieser Arbeit, da es Werner Faulstichs Differenzierung unterschiedlicher Liebeskonstrukte aufgreift, die im weiteren Verlauf der Arbeit angewendet werden. Darüber hinaus schafft das Kapitel einen kurzen Überblick über die Präsenz von Liebe in aktuellen Medien in unterschiedlichen Teilkulturen und begründet, wieso gerade Rapmusik als Untersuchungsgegenstand herangezogen wurde.

Im zweiten Teil der Arbeit werden einzelne Konzepte von Liebe in Zusammenhang zu deutschsprachigen Raptexten gestellt. Dabei stehen der Gangster-Rap und der Porno­Rap im Vordergrund. Bezugnehmend auf die Darstellung von Sexualität wird anhand von Porno-Rap eine Form der Inszenierung von Männlichkeit und Weiblichkeit verdeutlicht.

Ausgehend von Theorien der Freundschaft wird im Anschluss der deutsche Battle-Rap beleuchtet, in dem sich das Konzept der Freundschaftsliebe widerspiegelt.

Das letzte Kapitel beantwortet die Frage, inwiefern Heimat und Identität einen Zusammenhang aufweisen und wie sich Heimatliebe sowohl in Texten von deutschen Künstlern als auch in Texten von Rappern mit nicht-deutschen Wurzeln ausdrückt. Im Zuge dessen wird die Bedeutung von Migranten-Rap thematisiert. Wie definieren die einzelnen Interpreten den Begriff von Heimat und wodurch wird Zugehörigkeit und Identität präsentiert?

Alle untersuchten deutschsprachigen Rap-Texte finden sich in voller Länge im Anhang.

2. Mediale Darstellung von Liebe

2.1 Liebe innerhalb unterschiedlicher Handlungsräume

„Liebe ist weniger „Gefühl“ oder „Sex“ als vielmehr „Bindung“.“1 Die Schwierigkeit, Liebe wissenschaftlich zu untersuchen, liegt insbesondere darin, dass sie auf so vielen unterschiedlichen Forschungsfeldern präsent ist. Sozialwissenschaftler, Psychologen, Naturwissenschaftler bis hin zu Theologen haben jeweils ihre eigenen Theorien zum Thema Liebe entwickelt.

Daher erscheint Werner Faulstichs Ansatz sinnvoll, Liebe nicht als feste Dimension zu betrachten, sondern sie anhand unterschiedlicher Fragestellungen einzuteilen.2 Einerseits lassen sich verschiedene Liebeskonstrukte in Bezug auf das Objekt der Liebe erstellen, andererseits bilden sich daraus Kategorien, die Beziehungsverhältnisse (Eltern, Partner, Kinder) beschreiben. Zusammenfassend geht Faulstich von mindestens fünf Dimensionen von Liebe aus:

- Liebe als Eigenliebe
- Liebe als Partnerliebe (einschließlich der sexuellen und der romantischen Liebe)
- Liebe als Elternliebe
- Liebe als Freundesliebe
- Liebe als Gottesliebe

Die Plausibilität solcher Einteilungen hängt jedoch jeweils vom Untersuchungsgegenstand ab. Daher bilden diese Kategorien nur einen vagen Orientierungspunkt. Fest steht, dass Liebe nicht nur mit Gefühl und Sex in Zusammenhang steht, sondern vielmehr Bindung bedeutet. Daher widmet sich diese Arbeit noch einer weiteren Unterkategorie: der Heimatliebe.

Inwiefern Liebe zum Ausdruck gebracht wird, hängt stark von den jeweiligen kulturellen Handlungsräumen ab, in denen sich ein Mensch befindet. In Kulturen, in denen Religion keine Rolle spielt oder Polygamie ausgelebt wird, greifen die Konstrukte der Gottesliebe und der Paarliebe selbstverständlich nicht.

Handlunsgsräume bestehen aus Teilkulturen, die sich durch spezifische „Wertecluster, bestimmte Interaktionsmuster und nachweisbare Medienpräferenzen“3 auszeichnen. Lebenszyklisch betrachtet, kann man von drei unterschiedlichen Teilkulturen ausgehen: Kinderkultur, Jugendkultur und Erwachsenenkultur.4

Die Erwachsenenkultur setzt sich im allgemeinen aus der Schemakultur, der Populärkultur und der Hochkultur zusammen. In allen genannten Handlungsräumen finden sich Liebeskonstrukte, wobei Faulstich davon ausgeht, dass in der Jugendkultur das Konzept der Sexualliebe dominanter ist, während in der Erwachsenenkultur das der Paarliebe eine größere Rolle spielt.

Von diesem Ansatz ausgehend, ist erkennbar, dass Rapmusik in fast jeder der Teilkulturen präsent ist.

Als wesentlicher Bestandteil der Populärkultur halten Rapsongs regelmäßig Einzug in die deutschen Musikcharts. Darüber hinaus erreicht Rapmusik ein breit gefächertes Publikum, dessen Altersgrenze im Schnitt zwischen 12 und 30 liegt. AufMusikkanälen, die hauptsächlich von jungen Menschen genutzt werden, laufen Rapvideos, und Jugendzeitschriften wie die Bravo beinhalten Fanmaterial der Rapper. In Bezug auf die Erwachsenenkultur tritt auch hier Rapmusik regelmäßig in Erscheinung. Sowohl die Populärkultur als auch die Hochkultur beinhalten Medien, die sich mit Rapmusik beschäftigen. Tageszeitungen berichten über Indizierungen diverser Rapsongs, Biographien von Rapkünstlern landen auf der Bestsellerliste und auch Gastauftritte von Rappern in Talkrunden im Fernsehen sind nicht selten.

Rapmusik ist somit in beiden Teilkulturen stark vertreten, wenn auch nicht so stark wie das Thema Liebe und Sexualität. Auch aufgrund der immer wiederkehrenden Debatten um die Auswirkung von Rapmusik auf das Verhalten Jugendlicher werden beide Thematiken vereint.

2.2 Die unbegrenzten Möglichkeiten der Liebe

Das Magazin NEON beschäftigte sich Ende letzten Jahres mit der Frage, ob es sich in Zeiten der Krise noch lohnt, für die Liebe zu kämpfen oder ob ein Schlussstrich die bessere Lösung darstelle.5 Knapp ein halbes Jahr später lautete die Message eines weiteren Artikels „Das klassische Date ist tot.“6 Darin wird die Schwierigkeit thematisiert, sich bei einer endlosen Auswahl an potentiellen Partnern zu entscheiden. Wozu ein verbindliches Date, wenn man sich noch gar nicht festlegen will? Sven Hillenkamp beschreibt dieses Phänomen der unbegrenzten Möglichkeiten in seinem Buch Das Ende der Liebe7 und erforscht, was mit Menschen passiert, die ihnen ausgesetzt sind. Dabei geht es nicht nur um die Möglichkeit der freien Entfaltung im Hinblick auf die Berufswahl oder den Wohnort, sondern vielmehr um die Chancen der sexuellen Erfüllung. Die neue Freiheit der Menschen führt dazu, dass sie die Endlosigkeit der Möglichkeiten als Zwang erleben, diese in die Tat umsetzen zu müssen. Ständig sitzt das Gefühl im Nacken, etwas zu verpassen. Hillenkamp bezweifelt, dass dieser Zustand auf Dauer glücklich macht, sondern sieht darin vielmehr eine Endlosschleife ohne Happy End.8 Durch all die Eventualitäten, die einem begegnen, ist es immer weniger zwingend notwendig, sich langfristig an einen Partner zu binden.

„Aus dem Streben nach Glück wird heute das Glück nach etwas zu streben“9, so beschreibt Richard David Precht die fortwährende Suche nach Erfüllung, die seiner Ansicht nach einen Teil des modernen Kapitalismus bildet. Auf diesen Punkt wird im Hinblick auf die Befriedigung von sexuellen Wünschen im nächsten Kapitel noch näher eingegangen. Dieses Nacheifern äußert sich auch im Konsum und in der Nachahmung von Identitäten. Menschen eifern Bildern dessen nach, wie sie selbst gerne sein wollen und konsumieren Güter, die in der Werbung mit solchen Identitäten in Verbindung gebracht werden.10 Nicht anders verhält es sich in der Rapszene: Jugendliche idolisieren Rapkünstler und kopieren deren Verhaltensmuster, angefangen bei der Kleidung bis hin zum Sprachmuster. Die Liebe bildet in der Hinsicht keine Ausnahme, denn kaum eine Werbung setzt heutzutage nicht auf sexuelle Reize, Verführung oder Romantik, um Produkte besser zu vermarkten.11

Daher erscheinen die Liebesvorstellungen der Rezipienten heutzutage oft geradezu surreal. TV-Soaps, Werbespots oder Hollywood-Filme verstärken Trends und bilden Muster, die Zuschauer unbewusst imitieren: „Was wir beim Sex für normal halten, gehorcht nicht unbedingt einer eigenen Stimme, sondern dem Vergleich mit anderen.“12

Die zunehmende Allgegenwärtigkeit des Sexuellen prägt vor allem weibliche Rezipienten. Medien lassen Frauen bei jeder Gelegenheit in lustvolle Rollen schlüpfen und erschaffen Schönheitsideale, die stark von der Realität abweichen. Aus dem Wunsch nach Attraktivität ist ein Zwang geworden, der den Gedanken bestärkt, nie genug zu haben.

Die heutige Gesellschaft ist eine Suchmaschine. So empfindet es zumindest Sven Hillenkamp und skizziert Szenarien der Partnersuche. In Zeiten des Internets, in denen nahezu alles jederzeit käuflich zu erwerben ist, sei auch die große Liebe nur einen Mausklick entfernt, und wenn schon nicht die große Liebe, dann zumindest die Befriedigung der sexuellen Triebe.13 Während Hoffnungsvolle und Verzweifelte über das World Wide Web ihre Sehnsüchte stillen wollen, schlagen mittlerweile fast 3000 Anbieter von Singlebörsen Profit aus dem Geschäft mit der Einsamkeit. Den neuesten Trend bilden Sexportale, die explizit auf verheiratete Menschen zugeschnitten sind, die den sexuellen Kick suchen.

3. „Lutsch mein’ Schwanz!“ Deutscher Porno-Rap

Um die Jahrtausendwende platzierten sich deutsche Rap-Songs vermehrt in den Mainstream-Charts und wurden zum Teil der Populärkultur. Dieser Sprung ist vor allem auf die Gründung des Berliner Labels Aggro Berlin14 im Jahre 2001 zurückzuführen, deren Künstler durch provokative Texte über Sex, Drogen und Kriminalität ein neues Genre schufen: Den deutschsprachigen Gangsta-Rap. Eine Nebenform davon bildet der sogenannte Porno-Rap, der sich durch pornographische und sexuell freizügige Texte auszeichnet. Mit Namen wie King Orgasmus One, Porno Mafia oder Frauenarzt stürmten neue Rap-Künstler die Charts und sorgten für Schlagzeilen. Medien und Politiker kritisierten Inhalte wie die des berühmt-berüchtigten Arschficksong des Berliner Rappers Sido, der durch Zeilen wie „Katrin war schockiert, sie hat nich gewusst, dass derNegerdildo auch vibriert. Ihr Arsch hat geblutet und ich bin gekommen.

Seit diesem Tag sing ich den Arschficksong“15 aufgrund des „exzessiven Gebrauch von Fäkalsprache und die Schilderung sexueller Szenarien“16 als jugendgefährdend eingestuft wurde. Weitere Songs des Labels landeten auf dem Index. In der Sendung „Menschen bei Maischberger“ bezog Rapper King Orgasmus One im Jahr 2007 Stellung zu dem Vorwurf, seine Songs verbreiteten frauenverachtende Inhalte. Er erklärte, dass er diese Art von Provokation als eine Form der Kunst verstehe.17 Dieses Kapitel untersucht die Darstellungsformen der sexuellen Liebe innerhalb dieses Rap-Genres. Bezugnehmend auf Faulstichs fünf Dimensionen der Liebe stellt sich dabei die Frage, ob man das Konzept der sexuellen Liebe isoliert betrachten sollte, oder ob es unter dem Gesichtspunkt der Partnerschaftsliebe einzuordnen ist. Darüber hinaus wird die Rezeption von Porno-Rap durch Medien und Jugendliche beleuchtet.

3,1 Neosexismus: neues Verlangen

In den letzten zwei bis drei Jahrzehnten hat sich eine neue Entwicklung in der Sexualität herauskristallisiert.18 Volkmar Sigusch bezeichnet den neuen Trend als „Neosexismus“, dessen Entstehung er mit sozialen Bewegungen begründet und den Grund im Kapitalismus sieht. Je weniger finanzielle Sicherheit und je mehr steigende soziale Ungerechtigkeit vorherrschen, desto größer werden die sexuellen Freiräume. Die unerschöpflichen Möglichkeiten zur Auslebung der Sexualität definiert Sigusch als Ausdruck der Verschiedenartigkeit der Liebe und betont, dass die Liebe über allem stehe und eine Kostbarkeit sei, „weil sie nicht produziert und nicht gekauft werden kann.“19 Auch Gunter Schmidt unterstützt diese Behauptung, indem er das Triebleben der Menschen in Zusammenhang mit den strengen Sexualverboten des früheren Kapitalismus setzt und in der Sexualität eine Kraft sieht, die „impulshaft jederzeit

Macht über uns gewinnen kann.“20 Die heutige Überflussgesellschaft hat jedoch dazu geführt, dass Sexualität nicht mehr als Trieb gesehen wird, sondern als Spiel mit der Lust. Sex ist zu einer Ressource geworden, die jederzeit abrufbar ist, so dass nicht die Befriedigung zur Mangelware wird, sondern die eigene Lust. Die Verschiebung der Bedürfnisse geht einher mit stetig neu „designten“ Phantasien und Träumen, die einem konstanten Doping unterliegen. Daraus ergeben sich zwei unterschiedliche Sexwelten: einerseits die alltägliche Welt des realen Sex und andererseits die der Wunschvorstellung. Phantasie und Realität überschneiden sich dabei im Normalfall nicht und keine der beiden Sexwelten hat Priorität: 21 „Sexualität und Erotik werden also stark in die Phantasie ausgelagert und führen dort ein eigenes [...] Leben, jenseits von Partnerschaft.“22

In Bezug auf den deutschen Porno-Rap ist diese Aussage m.E. sehr treffend, was, wie ich hoffe, im weiterem Verlauf deutlich wird.

3.2 Zuhälter und bitches - Geschlechterdarstellung im Porno-Rap

Um die Darstellung der sexuellen Liebe im Porno-Rap zu verstehen, bedarf es zunächst der Unterscheidung zweier entgegengesetzter Stereotypen. Ausgehend von der Differenzierung eines sozialen und eines kulturellen Geschlechts beleuchtet Gunter Schmidt zwei Tendenzen. Während soziale Differenzen zwischen den Geschlechtern zunehmend verschwinden, verhärten sich die kulturellen Geschlechterunterschiede.23 Die daraus entstehenden Geschlechterbeziehungen werden als antagonistisch bezeichnet, in denen die Dominanz und Differenz der Männer gegenüber Frauen behauptet werden muss. Darstellung von Männlichkeit gelingt in diesem Zusammenhang insbesondere durch die Zelebrierung von Heterosexualität (um damit mögliche Homosexualität auszuschließen) und sexueller Potenz. Auch in den Medien wurden kulturelle Geschlechterunterschiede zunehmend sexualisiert und immer wieder neu inszeniert. Bis heute bildet die Medienlandschaft Stereotypen, sogenannte Oberflächen, wie Schmidt sie nennt, auf denen immer wieder neue Reize und Signale projiziert werden können.24

Rap ist eine männlich dominierte Kultur und als eine homosoziale Männergemeinschaft aufzufassen, in der sich gegenseitig Männlichkeit bewiesen und bestätigt wird.25 Im Porno-Rap spiegeln sich vor allem Formen der hegemonialen Männlichkeit wider, die sich in der Unterdrückung von Frauen äußern. Die Erzeugung von Differenz und Dominanz gegenüber Weiblichkeit steht im Kontrast zur homosozialen Männlichkeit, die den Wettbewerb zwischen Männern verkörpert. 26

Beide Aspekte werden in Kollegahs Lovesong reloaded deutlich, in dem sich der Rapper selbst als Zuhälter-Rapper tituliert, was für ihn eine positive Konnotation enthält:

„Das ist der Lovesong für meine bitch, auch wenn sie sagt, dass sie keine ist [ ].

Und wenn du dann am Morgen nach der langen Nacht wieder nach Hause kommst, du Nutte, dann legst du mir das Geld auf meinen Tisch. [_]

Ey yo, der Liebesgott mit Riesencock,

ich kläre die Girls, du Tucke dagegen stehstja eher auf die Geis/Guys wie ein Ziegenbock.

Ich bin kein Movie-Darsteller so wie Ewan McGregor.

Ich bin Deutschlands einziger Zuhälter-Rapper,

chill' mit Nachtclubbesitzern und Kampfhundezüchtern,

ey yo, wegen mir tanzt deine bitch halbnackt 'rum im Stripclub. [_]

Du trägst Latex, ich lad' Tecs, zwinge Julia Roberts zum Oralsex.“27

Die Zeilen der ersten Strophe beschreiben das Verhältnis zwischen dem männlichen Rapper und der Frau, der er eine äußerst seltsame Liebeserklärung widmet. Die Frau wird als Prostituierte dargestellt, obwohl sie sich selbst nicht als solche sieht, was dem Rapperjedoch egal ist. Dadurch wird ihr das Recht einer eigenen Meinung aberkannt. Darüber hinaus äußert sich die Unterdrückung der Frau darin, dass sie dazu verpflichtet ist, ihm das durch Sex verdiente Geld auszuhändigen. Die folgenden Textzeilen deuten die überragenden sexuellen Leistungen des Rappers an, in denen dieser sich selbst als Liebesgott feiert und mit seinem monumentalem Penis prahlt. Im Gegenzug wird seinem fiktiven Gegner jegliche Männlichkeit abgesprochen und ihm Homosexualität unterstellt. Das Wortspiel „auf die Geis (weiblicher Ziegenbock)/ auf die guys (englisch für „Jungs“) stehen“ dient dabei als Metapher.

Seine eigene Männlichkeit präzisiert Kollegah im Refrain, indem er abstreitet, ein Schauspieler wie Ewan McGregor zu sein, der für seine Auftritte in romantischen Liebesfilmen bekannt ist. Damit bringt er zum Ausdruck, dass er kein sanfter, zärtlicher Mann ist, sondern sich durch Härte auszeichnet. Beweiskräftig sind dabei die Berufe seiner Freunde, die er aufzählt: Nachtclubbesitzer und Kampfhundezüchter. Das Umfeld kann man als homosoziale Männergemeinschaft auffassen, da in solchen Branchen kaum Frauen präsent sind. Gleichzeitig wird dadurch Gewaltbereitschaft signalisiert, da erwähnte Metiers meist Teil eines kriminellen Milieus bilden. Die Ankündigung von Gewalt wird durch die geladene Tec (eine bekannte Feuerschusswaffe) verdeutlicht. Der männliche Gegnerjedoch trägt Latex, was als Anspielung auf seine Sexualpraktiken zu verstehen ist, die von der Norm abweichen. Darüber hinaus ist er schwach und nicht in der Lage, auf seine eigene bitch aufzupassen. Die Dominanz des Rappers über Frauen erlangt dadurch ein breiteres Feld und wird schlussendlich in Form einer oralen Vergewaltigung konkretisiert.

„Das Stereotyp der bitch ist eines der gängigsten, wenn nicht das gängigste Frauenbild im HipHop.“28 Aus dem Englischen übersetzt, bedeutet das Wort „bitch“ soviel wie „Hündin“, was mit einer triebhaft ausgelebten Sexualität in Zusammenhang gebracht wird. Darüber hinaus bezeichnet das Wort in der HipHop-Kultur launische, boshafte Frauen.29 Promiskuität und verbale Aggressionen bilden demnach Teile eines Frauenbilds, das in Rapsongs immer wieder aufgegriffen wird. Darüber hinaus zeichnen eine bitch noch weitere Merkmale aus, die Matteria in Die Bitch aufzählt:

„Die Bitch hat dir für Geld einen geblasen [...].

Die Bitch geht auf den Campus und kauft sich Crack, raucht den Dreck, is' drauf wie' n verbrauchtes Pack. [...]

Die Bitch wird gefistet und vermisst es zu lieben, alle sind aufgestanden, doch sie is sitzen geblieben. [...]

Die Bitch is' n falsches Stück [...],

sie kennt es, auf dem Rücksitz in 'nem Wagen zu liegen.“30

Laut diesem Song ist eine bitch eine Frau, die sich prostituiert und dem Drogenkonsum erliegt. Die Frau wird mit Sexualpraktiken in Verbindung gebracht, die keine Zuneigung ausdrücken, sondern brutal und erniedrigend sind. Der vulgäre Sprachgebrauch verstärkt diesen Eindruck. In weiteren Zeilen des Songs werden ihr zudem Verwahrlosung, Kriminalität und Unehrlichkeit vorgeworfen.

Das Bild der bitch ist in diesem Zusammenhang eindeutig negativ konnotiert. Die Bereitschaft mit jedem Mann sexuell zu verkehren und die Unterwerfung stehen dabei klar im Vordergrund.

Die Diskreditierung von Frauen scheint fester Bestandteil eines erfolgreichen Porno­Rap-Songs zu sein. Das Konzept der Herabstufung folgt durchgehend demselben Schema: Sex als Machtinstrument. Durch die Reduzierung auf Sexobjekte treten Frauen als unpersönliche Figuren ohne Namen und ohne Gesicht auf, die jederzeit austauschbar sind, wie im Refrain des Songs LMS von Kool Savas. Die Abkürzung steht für den Befehl „Lutsch meinen Schwanz!“:

„Alle Nutten mit viel Geld - Lutsch mein' Schwanz!

Alle Fotzen ohne Hirn - Lutsch mein' Schwanz!

Alle Mädels, die mich mögen - Lutsch mein' Schwanz!

Alle Frauen dieser Welt - Lutsch mein' Schwanz! ‘4l

Anhand von Zeilen wie diesen kann man einen Zusammenhang mit Gunter Schmidts Formulierung einer Überflussgesellschaft herstellen und zeigen, wie sich die unendlichen Ressourcen von Sex, und in diesem Fall Frauen, auswirken. Dabei wird im Refrain von LMS eine Mengenzunahme von Frauen erzeugt: Die kleinste Mengeneinheit bilden die reichen Prostituierten, gefolgt von Frauen mangelhafter Intelligenz, seinen Verehrerinnen, bis hin zur Absolutheit aller Frauen. Immerhin beanspruchen seine weiblichen Fans den zweiten Platz in der Rangliste, wodurch seine erfolgreiche Karriere hervorgehoben wird. Trotzdem wird selbst seine weibliche Fangemeinde als Sexualobjekt degradiert.31

Die Wunschvorstellungen des Rappers in diesem Song zeichnen sich durch Polygamie aus und bilden somit keinen Bestandteil der Vorstellung einer klassischen Partnerschaft. Die im folgenden Zitat beschriebenen Sexualpraktiken stehen in keinster Weise im Zusammenhang zum Konzept der romantischen Liebe:

„Ich fick dich so tief in dein Loch,

dass mein Schwanz mit deinen Rippen flirtet.

Ficksau, ich bums dich in die Klinik, l

Bitch, fresse, bevor ich dir den Sack in den Mund presse.“1

Es überwiegt die Gleichgültigkeit des Rappers, mit welcher Frau er schläft, solange sie dazu dient, seine sexuellen Wünsche zu bedienen und als Beweismittel für seine Männlichkeit herhält. In folgender Selbstdarstellung werden seine Ausdauer, Erfahrung und Potenz betont:

„Ich will 15 Stunden ficken, also Nutte, sei nicht kleinlich! [...] ich geb' Workshops im Poppen [.]

Meine Bälle wiegen gemeinsam 4 Zentner [.]

Savas kommt und Fotzen fangen an zu würgen, geht' s ums Ficken, werd ich ungerecht wie Türken.

Ich [.] bürge für meine Eichel,

egal ob Nutten sportlich sind, ich ficke sie zu Leichen.“

Der oben geäußerten Auffassung, sexuelle Liebe und romantische Liebe unter dem Konzept der Partnerschaftsliebe zusammenfassen zu können, muss hier widersprochen werden, da sich in diesem Zusammenhang die sexuelle Liebe deutlich von einer Partnerschaft abgrenzt. Sexualität fungiert in diesem Kontext lediglich als Machtinstrument und dient innerhalb der Rapszene als Stilmittel zur Positionierung durch verbale Provokation. Da die bisher behandelten Texte von Männern gerappt wurden, bleibt zu betonen, dass sich auch weibliche Rapperinnen, wie beispielsweise Lady Bitch Ray, sexualisierter Inhalte bedienen. Der Umgangston ist ebenso rau wie bei ihren männlichen Kollegen:

„Ihr macht auf Gangster, auf ganz harte Jungs, doch zeig ich Möse, bleibt ihr stumm.

Du und deine lächerliche Gang, in Baggy Pants,

ich mach deinen Schwanz heiß, bis deine Baggy brennt.

Handys runter, keine Fotos,

ihr wollt euch doch nur einen schütteln, auf dem Lokus. Ihr geilen Böcke, dürft von mir träumen und in die Hand ficken, bis es schäumt.“32

3.3 Rezeption durch Zuhörer

In den letzten Jahren wurde die Wirkung des Pomo-Rap auf Jugendliche immer wieder zum heiß diskutiertem Thema in den Medien.33 Im Gespräch mit Alice Schwarzer 2007 während der ARD-Talkshow „Menschen bei Maischberger“ stufte Porno-Rapper King Orgasmus One den Frauenanteil seiner Fans mit 30 Prozent ein, der restliche Teil der Zuhörer sei männlich. Auf die Frage, wie man zu derart menschenverachtenden Texten komme und ob der Rapper selbst solche Sexfantasien hätte, die er gern ausleben würde, antwortete er, dass er seine Songs als musikalische Ebene eines Pornofilms sehe.34 Seine Texte sollen hart klingen, um das Publikum zu provozieren. 35 Fraglich istjedoch, ob sich Jugendliche heutzutage noch durch solche Inhalte provozieren lassen, denn „Geschlechterposen, die früher Macht und Unterwerfung, Kampf ausdrückten, sind spielerischer und parodistischer geworden.“36 Eine Fallstudie zur sexuellen Sozialisation gibt Aufschluss darüber, wie die harten Porno-Rapsongs unter Jugendlichen rezipiert werden.37 Heranwachsende begreifen Porno-Rap mehrheitlich als Produkt der Musikindustrie und durchschauen die Sexualmuster im Song. Sie sind in der Lage zwischen der Fiktion und der sexuellen Realität zu unterscheiden. Eine Orientierung am dargestellten Sexualverhalten in den Texten findet seitens der Zuhörer nur in seltenen Fällen statt. Die Mehrheit sieht aufgrund der Originalität und des Wortwitzes einen Unterhaltungsfaktor in den Songs statt einer Anleitung zum sexuellen Handeln. Reime werden auf humoristischer Ebene wahrgenommen, ein Großteil der Zuhörer distanziert sichjedoch von den auftauchenden Vorstellungen von Sexualität.38

4. Die Freundschaftsliebe

4.1 Die drei Arten der Freundschaft nach Aristoteles „Über die Freundschaft wird nicht wenig gestritten.“

Laut Aristoteles wird Freundschaft danach bemessen, wie zwei Menschen zueinander stehen und was ihre Handlungsmotive darstellen. Als Voraussetzung für eine gelingende Freundschaft sieht er drei Gründen für das Lieben39: Gegenliebe und gegenseitiges Wohlwollen, welches besagt, dass man seinem Freund etwas Gutes wünscht. Die dritte Grundlage besteht darin, dass das Gegenüber im Wissen darüber ist, dass diese Freundschaft existiert. 40

Darüber hinaus unterstreicht Aristoteles weitere Eigenschaften einer Freundschaft, die zwar nur am Rande erwähnt werden, die für dieses Kapiteljedoch von Bedeutung sind: der Zusammenhalt („Weiter hält man in Armut und anderen Unglücksfällen die Freunde für die einzige Zuflucht“41 ), die gegenseitige Hilfe („Außerdem hilft die Freundschaft [...] Fehler zu vermeiden [...] und Unterstützung bei Tätigkeiten zu bekommen“42 ) und der Großzügigkeit.43

Ausgehend von seinen drei Formen zu lieben, ergeben sich daraus bei Aristoteles drei Arten der Freundschaft: die des Nutzens, die der Lust und die vollkommene Freundschaft. Die ersten beiden Arten der Freundschaft bezeichnet er als „akzidentiell“ und begründet dies damit, dass nicht die Person geliebt wird, sondern nur ein Zustand „insofern er ein Gut bzw. Lust verschafft. Solche Freundschaften werden daher leicht aufgelöst, wenn die Menschen nicht die gleichen bleiben.“44 Da der Nutzen nicht von Dauer ist, sei auch die Freundschaft nicht von Dauer und löse sich spätestens mit dem Verschwinden des Nutzens auf. Freundschaft funktioniere nur, wenn beide dasselbe voneinander bekommen und sich an denselben Dingen erfreuen.

Die vollkommene Freundschaft besteht nach der Vorstellung von Aristoteles in einer Form der absoluten Gutmütigkeit, bei der sich zwei Menschen völlig selbstlos aufgrund ihrer Tugenden wertschätzen. „Das Gute“ ist für Aristoteles der ausschlaggebende Punkt und bildet die Basis für jegliche Freundschaften, dennoch wird auch die Kehrseite belichtet. In diesem Sinne werden weiterhin Eigenschaften angeführt, die die Unmöglichkeit oder den Verlust einer Freundschaft zur Folge haben: Überlegenheit oder Machtstrukturen schließen eine selbstlose Freundschaft aus, ebenso Feigheit und Trägheit.45

Die Untersuchung der Freundschaft durch Aristoteles leitet sich von Überlieferungen aus der Antike ab, als die Bedeutung des Wortes „Freundschaft“ nicht nur die enge freundschaftliche Verbindung zwischen zwei Menschen umfasste, sondern sich gleichermaßen auf eine erotische Verbindung und Geschäftsbeziehungen bezog. Aus diesem Grund ist es auch zu erklären, wieso die Arten der Freundschaft bei Aristoteles den Aspekt der Lust mit einbeziehen. Der Nutzen einer Freundschaft beschreibt in diesem Kontext möglicherweise den materiellen Gewinn, der aus einer Geschäftsbeziehung resultiert.

Jost Hermand bezeichnet in diesem Sinne auch die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller als „strategisch kalkulierte Interessengemeinschaft“1, da sie laut seiner Theorie nicht unbedingt auf Gemeinsamkeiten in literarischer Form beruhte, sondern vielmehr ein Bündnis darstellte, mit dem es jedem Einzelnen gelang, seine eigenen Ansichten durch die Unterstützung und Mithilfe des Anderen zu proklamieren. Vergleichbar wäre dies heutzutage mit der Fusion zweier Unternehmen.46

Hermands Untersuchungen beschreiben zwei unterschiedliche Trends innerhalb des Konzeptes von Freundschaft seit Aristoteles, 47 die nun nicht mehr nur dem antiken Kriterium von „gut“ und „schlecht“ folgte, sondern seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, mit dem Anbruch der Aufklärung, einem Wandel unterlag. Bedingt durch die Französische Revolution entstand der Gedanke der Brüderlichkeit, eine Solidaritätsvorstellung, die sich auch auf politischer Ebene widerspiegelt, heutzutage jedoch im privaten Bereich nur selten auftritt. Im Zuge der Selbstrealisierung sei man, so Hermand, von einer sozialethischen Freundschaftsauffassung abgewichen und sehe nun im Freundschaftskonzept keinen gesamtgesellschaftlichen Bezug mehr, sondern nur noch den individuellen Nutzen.48

In der heutigen Gesellschaft definieren Soziologen Freundschaft immer noch auf unterschiedlichste Weise, doch scheinen die meisten darunter eine „freiwillige, persönliche Beziehung, die auf Sympathie, Vertrauen und Unterstützung beruht“49 zu verstehen. Unterscheidend zu Aristoteles ist dabei, dass es sich nicht um eine sexuelle oder familiäre Bindung handelt, auch wenn auch betont wird, dass das Verhältnis ähnlich innig sein kann.

Räumliche Nähe ist laut der Sozialpsychologin Beverly Fehr ein entscheidender Faktor für eine funktionierende Freundschaft, denn die Kontakthäufigkeit trage zur Entstehung von Sympathie und Vertrautheit bei.50

4.2 Battle-Rap als Rivalität unter Freunden

„Im HipHop geht es um Competition, darum, sich zu messen“51 und sich innerhalb einer Szene zu positionieren, indem man seine eigene Machtposition darlegt. Was man unter „Szene“ versteht, beschreiben Sascha Verlan und Hannes Loh, indem sie einen Überblick über die Entstehung von crews und der Gangkultur des Berliner Rapmilieus seit Mitte der Achtziger geben. Den Ursprung der heutigen Form des Battle-Raps begründen die Autoren in der eskalierenden Ganggewalt, die den friedlichen Gedanken der HipHop-Kultur verdrängt hat.52

Das Konzept der Freundschaftsliebe bildet in diesem Kapitel den Grundstein, um den Hintergrund des Battle-Raps zu verstehen. Freundschaftsliebe äußert sich im deutschen Rap durch die Darstellung von crews53 „Eine Crew im HipHop-Sinn findet sich zusammen, weil man Gemeinsamkeiten hat und ähnliche Ziele verfolgt.“54 Eine Urform des Sprechgesangs bildet der Battle-Rap, der sich vom englischen Wort battle (= Kampf) ableitet. Diese Technik bezeichnet einen Zweikampf, dessen Ziel es ist, seine Machtposition nicht im körperlichem Kampf auszutragen, sondern einen realen oder imaginären Gegner auf verbaler Ebene zu dissen.55 Der Gedanke des Battle- Raps bildete ursprünglich einen friedlichen Vorsatz und sollte durch den verbalen Ausdruck von Aggressionen reale Gewalt verhindern.56 Die Intention lag nicht nur darin, einen Gegner oder eine andere Gang durch Schlagfertigkeit und kreativen Wortwitz zu verhöhnen, sondern implizierte zudem die Positionierung innerhalb der eigenen hierarchisch strukturierten Gemeinschaft. Durch die Entwicklung eines eigenen Stils wollte man Anerkennung aus den eigenen Reihen erlangen. Das Präsentieren war anfangs nur eine Form des Wettstreits und der freundschaftlichen Rivalität. Durch die zunehmende Ganggewalt ist jedoch dieser Gedanke verdrängt worden. zeichnet sich seit 2001 durch einen sexistischen, homophoben und teilweise rassistischen Wortschatz aus.57 Genauso wie im Gangsta-Rap wird dem Gegenüber mangelnde Rap-Fähigkeit, Impotenz und Misserfolg unterstellt, während im Gegenzug das eigene Ich durch Erfolg, Reichtum und sexuelle Potenz aufgewertet wird, was das folgende Beispiel verdeutlicht:

„Mein shit klingt auch in zehn Jahren noch neu, dein shit klingt auch noch gut abgemischt nach toy!

Yeah boy, du bist geistig stark blöde,

ich bin zwar auch nich' gerade schlau, doch es reicht für die Mösen!

Ich sammel' Infos aus Lexikas und mach auf Mann von Welt, ich schreibe Raps in zehn Minuten und mache stark Geld.“ 58

Die Zeilen stammen aus dem Song Warum rappst Du? von Kool Savas, in denen er einem fiktiven Rap-Gegner mangelnde Intelligenz unterstellt und ihm die Fähigkeit zu rappen aberkennt. Im Gegensatz dazu hebt Savas sein eigenes Schreibtalent hervor. Das Wort toy bedeutet auf deutsch „Spielzeug“ und signalisiert, dass die Raptexte des Anderen kindisch klingen und auch durch Mischtechniken nicht aufwertbar sind. Die Erwähnung von „Mösen“ stellt ihn selbst als Mann dar, der bei einer Vielzahl von Frauen sexuell gut ankommt. Der Song beginnt mit den Worten: „Ich hab mehr Fotzen am Sack als John Travolta, mein Sperma ist so hart, wenn ich spritze, dann polter!“, und untermauert dadurch die sexuelle Potenz des Rappers.

In Krone präsentiert sich Kool Savas, der selbsternannte King of Rap59, als „König“ und unterstreicht sein Raptalent durch die nachstehenden Verse:

„Ich treff härter als Vitali, schieß schneller als G Ali, kling fetter als B.I.G., gib mir das Mic und ich geb euch den härtesten, herrlichsten, unbeschwertesten, ehrlichsten, gefährlichsten, bewährtesten, für dieses Land unentbehrlichsten Flow.

Michelangelo und da Vinci gepaart in einer Person S, der Sohn Gottes, los, weichet von meinem Thron!“60

Die Vergleiche mit dem Boxer Vitali Klitschko und der amerikanischen Rap-Legende Notorious B.I.G. positionieren den Rapper auf einen gleichermaßen hohen Rang. Darüber hinaus misst er sein Raptalent mit den brillanten Leistungen der künstlerischen Genies Michelangelo und Leonardo da Vinci und geht soweit, sich letztendlich als Sohn Gottes zu bezeichnen. Der Aufruf an seine Gegner, von seinem Thron zu weichen, soll seine Spitzenposition innerhalb der Rapszene festigen. Im Refrain des Songs wird verdeutlicht, dass diese Position mit allen Mitteln verteidigt wird und Kool Savas sich als König sieht:

„Sie werfen Steine auf meinen Thron, bis ein Zacken aus der Krone bricht.

Sie hoffen und sie beten, dass ich fall, doch ich bleibe auf meinem Thron.

Und sie kriegen diese Krone nicht [...] sie kriegen diesen Thron hier nicht, no!“61

Die ersten Diss-Tracks entstanden 1993, zu dem Zeitpunkt noch unter dem Aspekt des Street-Battles, da es um Rivalität zwischen Bezirken ging. Hannes Loh und Sascha Verlan geben einen Überblick über die weitere Entwicklung in Deutschland und nennen einige Künstler, wie Samy Deluxe, Azad oder MC René, die sich zu dieser Zeit gegenseitig verbal bekämpften. 62 Bis zu diesem Zeitpunkt war das Motiv der Gefechte jedoch meistens nur die Frage danach, wer die besseren Rapfähigkeiten besitzt. So rappt Samy Deluxe in Anspielung auf seinen Rap-Kollegen Azad:

„Außerdem geht es beim battlen, Fakten klar zu trennen, es geht nicht darum Namen zu nennen, sondern den Rahmen zu sprengen, besser als der Andere zu sein und das bist du nicht, also warum disst du mich, du Fischgesicht?“63

Auch hier wird der Grundgedanke eines friedlichen Kampfes deutlich, indem Samy Daluxe darauf besteht, keine Namen in den Schmutz zu ziehen. Der Song entstand 2001. Einige Jahre später war jedoch vom Frieden innerhalb des Battle- Raps nicht mehr viel übrig geblieben.

4.3 Savas vs. Eko - Das Ende einer Freundschaft

Im Herbst 2004 nahm die Battle-Kultur eine weitaus aggressivere Gestalt an, als Die Abrechnung von Eko Fresh erschien, die sich gegen seinen ehemaligen Mentor Kool Savas richtete. Der Hintergrund dieses Battles lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen:

Ende des Jahres 2000 begegnete der damals 17-jährige Eko Fresh seinem Idol Kool Savas und demonstrierte ihm einige seiner Raptexte. Daraus begründete sich seine weitere Karriere, da Savas ihn wenig später als Back-Up MC in seine „Optik Crew“ (zu dem Zeitpunkt bestehend aus Valezka, Melbeatz und DJ Nicon) aufnahm. Als Savas ein Jahr später gemeinsam mit seiner damaligen Lebensgefährtin und Beatproduzentin Melbeatz das BMG-Sublabel „Optik Rekords“ gründete, erhielt Eko dort seinen Plattenvertrag und Gastauftritte auf Kool Savas' Album Der beste Tag meines Lebens, welches 2002 erschien. Ein Jahr später wurde Ekos Maxi-Single König von Deutschland veröffentlicht. Geblendet von seinem anfänglichen Erfolg wollte er nicht nur als Star der Rapszene gefeiert werden, sondern sich auch im Pop und Mainstream einen Namen machen, was durch sein Umfeld kritisiert wurde. Aufgrund musikalischer und persönlicher Differenzen verließ Eko das Label im Jahr 2003. Zu dem Zeitpunkt lieferte sich Eko Fresh Battles mit weiteren Rappern wie Bushido und Fler.1 Die aus dem Streit resultierende Folge erschien 2004 in Form von Ekos Diss-Track Die Abrechnung. Der Song ist deshalb so bedeutend, weil er eine Lawine an weiteren Diss- Attacken ins Rollen brachte, da Eko in seinem Text nicht nur einen Gegner nannte, sondern mehrere Rapper auf persönlicher Ebene beleidigte und die Angriffe dadurch einen realen Bezug bekamen.

Martin Wiegel erklärt, dass es sich im Refrain des Songs um den Kampf um die „Rap­Krone“ und somit um einen Kampf um die Macht handle. 64 Er bezeichnet das Thema des „Königs“ als typisches Thema des Battle-Raps und kommt zu dem Ergebnis, dass Eko Fresh seinen Titel (bezugnehmend auf seine EP König von Deutschland) vom selbsternannten King Kool Savas zurückfordert. Da in Die Abrechnung jedoch nicht nur die Feinde des Rappers angegriffen werden, sondern auch sein ehemaliger Freund und Mentor Kool Savas, wird sich die Analyse der folgenden Songs in dieser Arbeit lediglich auf Aspekte stützen, die das ehemalige Freundschaftsverhältnis der beiden

Rapper thematisieren.

Die folgenden Verse stammen aus dem Song Die Abrechnung65.

„S, keiner war so loyal wie Ek,

denn wir waren doch das Dream Team, nur du und ich.

Wegen Groupies, sonst nichts, hast du unsere Zukunft gefickt.

Ich war dein Bruder, doch du warst neidisch auf meinen Hype.“

Indem Eko Fresh sich und Kool Savas als Brüder bezeichnet, offenbart er das innige und vertraute Verhältnis zwischen den beiden. Mit „S“ ist Savas gemeint, den er hier direkt anspricht und dem er vorwirft, stets loyal gewesen zu sein (mit Ek ist die Abkürzung von Eko gemeint), während Savas ihn aufgrund von weiblichen Fans verraten habe. Inwiefern sich dieser Verrat geäußert hat, wird nicht deutlich, jedoch wird ihm zudem Neid aufEkos Erfolg unterstellt:

„Du wolltest deine Fans gegen mich nur mobilisieren, komm doch zu mir oder bist du etwa hohl im Gehirn?

Nur du bist auf dem Rap-Scheiß hängengeblieben, hat einer mehr Erfolg, fühlst du dich in die Enge getrieben.“

Aus diesen Zeilen könnte man einen Bezug herstellen zum Konzept von Freundschaft bei Aristoteles, das sich auf einen Nutzen beruft. Für einen der beiden Rapkollegen hat die Freundschaft geendet, als er vom anderen nicht mehr das bekam, was er ursprünglich wollte. Darüber hinaus bestand wohl zwischen beiden eine ähnliche Art der Freundschaft, wie sie Jost Hermand zwischen Goethe und Schiller beschrieben hat, die durch Kalkül geprägt war.

Umso mehr enttäuscht es einen der beiden, zu erfahren, dass er mehr Emotionen und Anstrengung in die Freundschaft investiert hat als der andere. Aus Ekos Sicht habe er mehr Erfolg gehabt als Savas und dieser konnte dies nicht vertragen und hätte ihn deswegen gehasst und verarscht:

„Danach kommt von dir meistens nur Gehate.“

Der Begriff „Gehate“ leitet sich vom englischen Verb „hate“ ab und bezeichnet die Tatsache, dass man jemanden hasst und dies auch verbal zum Ausdruck bringt. In diesem Zusammenhang ist Hass ein ziemlich starkes Wort und bedingt eine emotionale Bindung. Mit den Worten „Früher hattest du mal Ekojetzt ist es Caput [...], willst Du mich verarschen?“ bringt Eko zum Ausdruck, dass er sich durch den neuen Rapper Caput an Savas' Seite ersetzt fühlt, und enttäuscht ist, dass dieser die Lücke so schnell durch einen anderen Rapper gefüllt hat.

Kool Savas' Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Noch im selben Jahr reagierte er auf die Vorwürfe und schlug mit geballter Aggression zurück. In dem fast fünfeinhalb­minütigen Song Das Urteil66 rappt er ohne Unterbrechung und ohne Refrain seine Antwort. Der Song wurde als kostenloser Free-Track auf der Homepage mzee.com zum Download bereitgestellt, so dass innerhalb kürzester Zeit mehr als einhunderttausend Fans ihn herunterluden. Einen so aggressiven und bedrohlichen Raptext hatte es bis dahin noch nicht gegeben, zumal sich der Text vor allem durch die autobiographischen Szenen von anderen Diss-Tracks abhebt und zeigt, wie persönlich der Streit wurde. 67 Die emotionale Beziehung, die beide zueinander hatten, zeichnet sich schon in den Anfangszeilen des Songs aus, in denen Kool Savas rappt:

„Shit, das ist zu emotional, ich bin ganz ruhig, rational.“

Der Verrat seines ehemaligen Schülers scheint ihn emotional getroffen haben, was nicht der Fall gewesen wäre, wenn sich beide vorher nicht so nah gestanden hätten. Im Folgenden wird der Song auf einzelne Hinweise untersucht, die die ehemalige Freundschaftsliebe zwischen beiden Rappern belegen.

Die ersten Zeilen stellen einen Rückblick auf die Entstehung der Freundschaft dar, in denen Savas Ekos Einladung nach Mönchengladbach in Erinnerung ruft:

„Erinner dich Ekrem, du ludst mich ein zu 'ner Jam, mein größtmöglichster Fan, mein persönlicher Stan.“

„Stan“ ist der Name eines Stalkers im gleichnamigen Song von Eminem. In der darauffolgenden Zeile wird Eko als obsessiver Fan dargestellt, der sein Idol krankhaft vergöttert. Savas erzählt von der Entwicklung der Freundschaft und betont dabei seine Hilfsbereitschaft. Der Zuhörer erlebt Savas als Mentor, der seinen Schüler in die Szene eingeführt und ihn großzügig, auch in finanzieller Hinsicht, unterstützt hat.

[...]


1 Werner Faulstich: Liebe 2000: Konzepte von Liebe in der populären Kultur heute. Bardowick 2002, S. 9.

2 Vgl. Faulstich 2002, S. 8 ff.

3 Ebd., S. 9.

4 Vgl. ebd., S. 10 ff.

5 Vgl. Sascha Chaimowicz: „Seid ihr noch zu retten?“ In: NEON 12/2012, S. 52 ff.

6 Vgl. Nora Reinhardt: Balzheimer. In: NEON 06/2013, S. 53 ff.

7 Vgl. Sven Hillenkamp: Das Ende der Liebe. Gefühle im Zeitalter der unendlichen Freiheit. Stuttgart 2010.

8 Vgl. Hillenkamp 2009, S 52 ff.

9 Richard David Precht: Liebe. Ein unordentliches Gefühl. München2 2010, S. 319.

10 Vgl. Precht 2010, ebd.

11 Vgl.ebd., S. 320.

12 Ebd., S. 323.

13 Vgl. Hillenkamp 2009, S. 21 ff.

14 Vgl. http://www.aggroberlin.de (letzter Zugriff am 01.08.2013).

15 Sido: Arschficksong auf dem Sampler „Aggro Ansage Nr. 1“, Aggro Berlin, 2002.

16 http://www.spiegel.de/kultur/musik/hauptstadt-rap-bundespruefstelle-setzt-songs-auf-den-index-a-

362751.html (Zugriffam 01.08.2013).

17 Vgl. die ARD-Talkshow „Menschen bei Maischberger“, Sendung vom 10.04.2007.

18 Vgl. Volkmar Sigusch: Auf der Suche nach der sexuellen Freiheit. Über Sexualforschung und Politik. Frankfurt am Main, 2011, S. 99 f.

19 Sigusch 2011, S.101.

20 Gunter Schmidt: Das neue Der Die Das. Über die Modernisierung des Sexuellen. Gießen, 2004, S. 55.

21 Vgl. Schmidt 2004, S. 55 ff.

22 Ebd., S. 61.

23 Vgl.ebd., S. 47.

24 Vgl.ebd., S. 47 ff.

25 Vgl. Malte Goßmann: „Witz schlägt Gewalt“? Männlichkeit in Rap-Texten von Bushido und K.I.Z. In: Dietrich, Marc; Seeliger, Martin (Hrsg.): Deutscher Gangsta-Rap. Sozial- und kulturwissenschaftliche Beiträge zu einem Pop-Phänomen. Bielefeld 2012, S. 85-107; hier S. 85.

26 Vgl. Goßmann 2012, S. 88 f.

27 Kollegah: Lovesong reloaded auf dem Album „Zuhältertape Volume 3“, SeHmade Records, 2009.

28 Kool Savas: LMS auf der EP „LMS“, Put Da Needle To Da Records, 1999.

29 Kimiko Leibnitz: Die bitch als ambivalentes Weiblichkeitskonzept im HipHop. In: Bock, Karin; Meier, Stefan; Süß, Gunter (Hrsg.): HipHop meets Academia. Globale Spuren eines lokalen Kulturphänomens. Bielefeld 2007, S. 157-169; hier S. 157.

30 Vgl. Leibnitz 2007, S. 158 f.

31 Marteria: Die Bitch auf dem Album „Base Ventura“, Magnum12, 2007.

32 Kool Savas: LMS auf der EP „LMS“, Put Da Needle To Da Records, 1999.

33 Lady Bitch Ray: Vorhang auf! auf der EP „Vorhang auf!“, Vagina Style Records, 2007.

34 Vgl. Thomas Winkler: „Jungsfantasien“. In: http://www.taz.de/t2188/ (letzter Zugriff am 17.07.2013).

35 ARD-Talkshow „Menschen bei Maischberger“, Sendung vom 10.04.2007.

36 Schmidt2004, S. 53.

37 Vgl. Nadine Jünger: Porno-Rap: Identifikation mit Inhalten oder Musik? Eine Fallanalyse zur sexuellen Sozialisation. In: tv diskurs. Verantwortung in audiovisuellen Medien, 15. Jg., 3/2011 (Ausgabe 57), S. 20-25; hier S. 21 ff.

38 Aristoteles zitiert nach Ottfried Höffe: Aristoteles: Die Hauptwerke. Ein Lesebuch. Tübingen, 2009, S. 375.

39 Vgl. Höffe 2009, S. 376 f.

40 Vgl. ebd. S. 377.

41 Ebd. S. 374.

42 Ebd. S. 374 f.

43 Vgl. ebd. S. 383.

44 Ebd. S. 377.

45 Vgl. ebd. S. 383 ff.

46 Vgl. Jost Hermand: Freundschaft. Zur Geschichte einer sozialen Bindung. Köln 2006, S. 28 ff.

47 Vgl. Hermand 2006, S. 1 ff.

48 Vgl.ebd., S. 6 ff.

49 Sarah Zimmermann: „Die Gesetze der Freundschaft“ . In: Gehirn und Geist, 5/2013, S. 30.

50 Vgl. Verlan, Loh 2006, S.21.

51 Kool Savas: Warum rappst Du? auf dem Album (Doppel-CD) „Die besten Tage sind gezählt“, CD2, Subword, 2005.

52 Vgl. http://www.koolsavas.de/about.html (letzter Zugriff am 12.08.2013).

53 Kool Savas feat. Franky Kubrick, Moe Mitchell & Amaris: Krone auf dem Album „Die John Bello Story Vol. 2“, Optik Records, 2008.

54 Ebd.

55 Verlan, Loh 2006, S. 30.

56 Samy Deluxe: Rache ist Süss auf der EP (Vinyl 12") „Rache ist Süss“, Eimsbush, 2001.

57 Vgl. http://www.laut.de/Eko-Fresh (letzter Zugriff am 01.08.2013)

58 Vgl. Wiegel2010,S. 81 ff.

59 Eko Fresh: Die Abrechnung auf dem Album „German Dream Allstars“, Subword, 2005.

60 Kool Savas: Das Urteil auf dem Mixtape „Die John Bello Story“, Optik Records, 2005.

61 Vgl. Wiegel2010,S. 85.

62 Vgl. ebd.

63 Sascha Verlan; Hannes Loh: 25 Jahre HipHop in Deutschland. Höfen 2006, S. 46.

64 Vgl. Verlan, Loh 2006, S. 37.

65 Crew bedeutet Gruppe.

66 Verlan, Loh 2006, S. 57.

67 Dissen bedeutet „jemanden fertig machen“.

Details

Seiten
94
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656544869
ISBN (Buch)
9783656580119
Dateigröße
936 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265052
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
1,8
Schlagworte
lutsch schwanz liebeskonzepte gangsta-rap porno-rap

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Titel: Liebeskonzepte im deutschsprachigen Porno- und Gangsta-Rap