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Das Verhältnis von Wissenschaft und Theologie bei Wilhelm von Ockham

Hausarbeit 2009 20 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Kontext

Allmacht Gottes

Erkenntnislehre

Abstraktive und intuitive Erkenntnis

Wie erkennt der Mensch?

Wie kann der Mensch Glaubenswahrheiten erkennen?

Wissenschaft bei Ockham

Wissensbegriff

Wissenschaft neu definiert

Theologie und Wissenschaft

Fazit

Literaturangaben

Einleitung

Wilhelm von Ockham kam um 1285 in der englischen Grafschaft Surrey zur Welt. Er ist uns heute noch als ein großer philosophischer Denker bekannt, der maßgeblich das Verständnis von Wissenschaft in seiner Zeit mitgestaltete. Er war später in seinem Leben auch politisch aktiv. Wenn man sich auf die Suche nach Wilhelm von Ockham begibt, trifft man meist zuerst auf den Philosophen Ockham, der in philosophischen Lexika oder anderen philosophischen Werken auftaucht. Auch wurden seine lateinischen Werke zur Philosophie einige Zeit vor seinen theologischen Texten ins Deutsche übersetzt, es wurde also der Philosoph Ockham früher zugänglicher gemacht als der Theologe. Natürlich war Ockham auch Philosoph, aber man darf eines nie vergessen, wenn man über Ockham spricht, liest oder schreibt: Er war sein Leben lang ein gläubiger Franziskanermönch und Theologe. Er war ein gelehrter Mensch, der auch selbst lehrte, und viele Texte zu philosophischen, politischen, aber natürlich vor allem theologischen Themen verfasste. Man muss beachten, dass zur Zeit Ockhams die Philosophie und Theologie noch viel enger ineinandergriffen und man daher den philosophischen vom theologischen Ockham eigentlich gar nicht trennen kann, selbst wenn man es wollte. Viele Philosophen und Theologen der neueren Zeit haben sich schon mit Ockham beschäftigt und jeder hat ihn aus einer anderen Perspektive betrachtet.

Da ist zum Einen Kurt Flasch zu nennen, in dessen Werk „Das philosophische Denken im Mittelalter“ Ockham ein Kapitel gewidmet ist. Flasch betrachtet in diesem Buch den Weg und die Wandlung der Philosophie und verschiedene Persönlichkeiten, die diese Wandlung miterlebten und mittrugen, unter anderem auch Thomas von Aquin, Duns Scotus und natürlich auch Wilhelm von Ockham. Für Kurt Flasch ist der philosophische Ockham stärker gewichtet, was nur natürlich ist, da er selbst ein Philosoph ist. Er klammert den theologischen Ockham zwar nicht aus, da dies schlecht möglich ist, tangiert ihn aber wirklich nur, wenn es für die philosophischen Erklärungen wichtig wird. Will man den Theologen Ockham kennenlernen, so kann man „Das Risiko modern zu denken“, das unter anderem von Otl Aicher herausgegeben wurde, lesen. Es geht sehr viel mehr auf den Aspekt Gottes in Ockhams Welt- und Philosophieverständnis ein. Allerdings erfährt man in diesem, wie auch in obigem Buch, zwar einiges über Ockhams Erkenntnislehre und Gottesverständnis, aber nicht viel über die Persönlichkeit Ockhams. Wenn man sich umfassend mit der Person Ockham beschäftigen möchte, so bietet „Wilhelm v. Ockham – Gelehrter, Streiter, Bettelmönch“ von Volker Leppin einen guten Überblick. Er behandelt auch das Leben und historische und sonstige Hintergründe, soweit das aufgrund der schwierigen Quellenlage möglich ist, und analysiert dann, darauf aufbauend, die Erkenntnislehre, die Gotteslehre und das Wissenschafts- und Theologieverständnis Ockhams.

In meiner Arbeit möchte ich nun gerade dieses Spannungsverhältnis zwischen Theologie und Wissenschaft bei Ockham, der einerseits ein gelehrter Philosoph war, der die Regeln der Philosophie bis ins Kleinste studiert hat und sie so genau wie möglich auch versuchte anzuwenden, der andererseits aber auch ein gläubiger Theologe war, näher beleuchten. Zuerst werde ich Ockham in seinen geschichtlichen Hintergrund einordnen, um im Hinblick auf seine Stellung im Geschichtsverlauf sein Denken und Wirken besser verstehen zu können. Um nun seinem Wissenschaftsverständnis und der Wissenschaftlichkeit der Theologie bei Ockham auf die Spur zu kommen, muss man zunächst kurz das Gottesverständnis bei Ockham betrachten, um danach seine Erkenntnislehre, die stark von diesem Gottesverständnis geprägt ist, verstehen zu können. Nun weiß man wie der Mensch überhaupt etwas erkennen kann und sieht wie Wissenschaft und wissenschaftlicher Erkenntnis durch diese Art des Erkennens völlig neu von Ockham definiert werden. Man kommt hier unweigerlich zu einem strengen Wissens- und Wissenschaftsbegriff. Am Schluss kommt man jetzt zur entscheidenden Frage: Kann die Theologie einen so streng formulierten Wissenschaftsbegriff erfüllen?

Kontext

1277 verurteilte der Bischof von Paris, Etienne Tempier, einige Thesen als ketzerisch, die seiner Meinung nach von den Philosophielehrern an der Universität gelehrt wurden und nach ihm nicht mit dem Christentum und der Heiligen Schrift übereinstimmten. Hier trat nun zum ersten Mal offen ein Bruch zwischen Philosophie und Theologie zutage. Diese Thesen, die Kleriker 1277 hier in der Öffentlichkeit darlegten, wurden nun natürlich heftig diskutiert. Obwohl diese Lehrverurteilung diese Thesen eher verdrängen und die Philosophie der Theologie unterordnen wollte, regte sie zu einer intensiven Beschäftigung mit diesem Thema an und inspirierte Denker wie Duns Scotus und Wilhelm von Ockham zu einem kritischen Umgang mit dem Verhältnis von Theologie und Philosophie.[1]

Das Modell des Thomas von Aquin (†1274)[2] war ab dem Zeitpunkt der Lehrverurteilung nicht mehr aufrechtzuerhalten. Er hatte versucht die Philosophie zu vereinnahmen, indem er die Welt durch die Philosophie erklärte, ihr aber auch eine Grenze (präambula fidei) aufzeigte, die nur mit Hilfe der Theologie zu überschreiten ist. Die Theologie war für ihn eine Wissenschaft, welche die Philosophie beinhaltet. Aquin argumentiert philosophisch, also wissenschaftlich, um christliche Glaubensinhalte zu verteidigen und zu beweisen. Neben diesem Modell ist ein wichtiger Punkt bei Aquin seine Erkenntnislehre. Er war ein Realist, das heißt, er glaubte das wahre Sein der Dinge liege nicht in den unmittelbar erfassbaren Einzeldingen, sondern im Ideal dieser Dinge, den Universalien.[3]

Im Gegensatz zu den Realisten gab es die Nominalisten. Für sie existierten die Universalien nicht real, sondern nur abstrakt, im Denken der Menschen. Das wahre Sein lag in den Einzeldingen, die man sinnlich wahrnehmen konnte. Die Universalien waren für sie nur Namen, mit denen man die Einzeldinge zu Gruppen und Gattungen zusammenfassen konnte.[4]

Bei Duns Scotus (1265/66-1308)[5] wurden die Auswirkungen der Lehrverurteilung deutlich. Er konnte nicht mehr an dem harmonischen Modell des Tomas von Aquin festhalten, sondern suchte nach einer neuen Lösung. Auch er war Realist, hatte allerdings nominalistische Tendenzen. In seiner Lehre der Erkenntnis fand er einen Mittelweg zwischen Nominalismus und Realismus, und zwar mit Hilfe der distinctio formalis. Das Allgemeine, also die Universalie, existierte für ihn nicht wie im strengen Realismus für sich, sondern in der Gestalt vieler Einzeldinge, die man unmittelbar wahrnehmen konnte. Die abstraktive Erkenntnis funktionierte also wie bei Aquin, vom Erfassen des Einzeldings über die Abstraktion zum wahren Sein, der Universalie, aber hinzu kam die intuitive Erkenntnis, bei der man das Einzelding direkt und ohne Abstraktion erfasste. Bei Duns Scotus trat so die Individualität des Erkenntnisweges mehr in den Vordergrund, weg vom Allgemeinen und mehr hin zum individuellen Erfassen des einzelnen Gegenstandes. Bei Scotus ist nun noch seine Gotteslehre nennenswert, in der die Unterscheidung der absoluten und der ordnungsgemäßen Macht Gottes, der potentia absoluta und der potentia ordinata, auftaucht. Ockham hat sich mit Duns Scotus stark beschäftigt und man sieht deutlich in seiner Gottes- und Erkenntnislehre, dass er von ihm und seinem Denken geprägt war.[6]

Man weiß wenig über die Persönlichkeit und den genauen Lebenslauf Wilhelm von Ockhams (1285-1347), aber es sind viele gelehrte Schriften und Werke überliefert, die uns heute noch ein Bild von seinem Schaffen und Denken übermitteln. Er war ein Franziskanermönch, lernte erst in London und studierte dann auch in Oxford, wo er später auch lehrte und seine Sentenzenvorlesungen, basierend auf der Sentenzensammlung des Petrus Lombardus, hielt, von denen uns heute noch seine Sentenzenkommentare überliefert sind. Während seiner Lehrzeit in Oxford konnte er sich mit den Lehren des Aristoteles beschäftigen und verfasste viele Kommentare zu dessen Werken, unter anderem auch seinen Physikkommentar.[7] Später, so vermutet man, ging Ockham zurück nach London, wo eines seiner größten Werke, die „Summa logicae“, entstand, in der er seine sehr strenge Auffassung der Logik niederschrieb. Hier erklärte er das syllogische Schlussverfahren, das für Ockham das einzige Mittel war, um zu wissenschaftlichem, notwendigem Wissen zu gelangen.[8] Ungefähr 1324 wurde Ockham nach Avignon beordert. Es lag eine Anklage gegen ihn vor und er musste vor einer Untersuchungskommission Rechenschaft über seine Lehren ablegen. Es kam allerdings aus bis heute unbekannten Gründen nie zu einer Verurteilung. In seiner Zeit in Avignon schrieb er seine „Quodlibeta“. Etwa vier Jahre später floh Ockham aus Avignon und begab sich in den Schutz Ludwigs des Bayern. Die Zeit bis zu seinem Tod verbrachte er in München, wo er viele politische Texte schrieb und sich für einen freien Staat außerhalb des Machtbereichs der Kirche aussprach.[9]

Allmacht Gottes

Ockham unterscheidet, wie schon vor ihm Duns Scotus, in der Macht Gottes die potentia absoluta und die potentia ordinata, also die anordnungsgemäße und die absolute Macht Gottes.[10]

[...]


[1] Vgl. Leppin/Müller (Hrsg.): Texte zu Theologie und Ethik, S.16-17.

[2] Vgl. Wulf: Thomas von Aquin, S.9.

[3] Vgl. Flasch: Das philosophische Denken im Mittelalter, S.377-393.

[4] Vgl. Kreuzer: Art. Nominalismus. In: RGG4, Sp. 356-359.

[5] Vgl. Dreyer/Ingham: Johannes Duns Scotus, S.7.

[6] Vgl. Leppin: Ockham. Gelehrter, Streiter, Bettelmönch, S.31-33.

[7] Vgl. Ebd., S.5-41.

[8] Vgl. Ebd., S. 54-63.

[9] Vgl. Imbach (Hrsg.): Texte zur Theorie der Erkenntnis und der Wissenschaft, S.234.

[10] Vgl. Quodl. VI q. 1: OT IX 584f.

Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656543855
ISBN (Buch)
9783656545217
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265034
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Wissenschaftlich-Theologisches Seminar
Note
1,7
Schlagworte
verhältnis wissenschaft theologie wilhelm ockham

Autor

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