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Johann Sebastian Bach, Erschallet, ihr Lieder

BWV 172

Hausarbeit 2010 19 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Satz 1 „Erschallet, ihr Lieder“ (Chor)

Satz 2 (Rezitativ, Bass)

Satz 3 „Heiligste Dreieinigkeit“ (Arie, Bass)

Satz 4 „O Seelenparadies“ (Arie, Tenor)

Satz 5 (Duett, Sopran/Alt)

Satz 6 Choral

Wiederaufführungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Kantate „Erschallet, ihr Lieder“ wurde von Bach im Jahr 1714 als Weimarer Konzertmeister komponiert, und am 20. Mai, einem Pfingstsonntag, zum ersten Mal aufgeführt. Der Kantatentext stammt höchstwahrscheinlich von Salomon Franck, was zwar dokumentarisch nicht belegt ist, da er sich in keiner seiner gedruckten Gedichtsammlungen findet, sich allerdings anhand einiger stilistischen und formalen Eigenheiten Francks mit hinreichender Sicherheit erkennen lässt.[1]

Dem Kantatentext liegt Johannes 14,23-31, das Evangeliums des Pfingstsonntags, zu Grunde. Die Musik in den Kantaten Johann Sebastian Bachs sind generell darauf ausgelegt dem vertonten Text eine weitere Ebene der Interpretation zu geben. Als gottesdienstliche Musik fügt sie sich deshalb in die Liturgie des entsprechenden Sonntages ein, indem sie den entsprechenden Evangelientext verarbeitet und musikalisch ausdeutet. Die Kantate stellt so eine Art musikalische Predigt dar, die, wie die Predigt mit Worten, den Evangelientext mit Hilfe der Musik auslegt. Der oben genannte Abschnitt des Johannesevangeliums ist ein Teil der Abschiedsreden Jesu. Man kann sich nun erst einmal fragen, warum an Pfingsten, dem Fest der Aussendung des Heiligen Geistes, ein Text gelesen wird, der zeitlich eigentlich vor Ostern anzusetzen ist. Wenn man an Pfingsten denkt, fällt einem wahrscheinlich zuerst Apg. 2,1-13 ein, die hier im Gottesdienst als Epistel vorgesehen ist. Wie passen also die Abschiedsreden in das Bild des ersten Pfingstages?

In den Abschiedsreden bereitet Jesus seine Jünger auf den Weg vor, den sie ohne seine leibliche Gegenwart gehen müssen, er kündigt ihnen aber an, dass eine andere Gegenwart kommen und sie begleiten wird, nämlich die des Heiligen Geistes.

„Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen. […] Aber der Tröster, der Heilige Geist, welchen mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch erinnern alles des, das ich euch gesagt habe.“ [2]

So weisen die Abschiedsworte Jesu bereits auf das Pfingstereignis, die Ausgießung des Heiligen Geistes, von der das zweite Kapitel der Apostelgeschichte erzählt, voraus.

Die Kantate thematisiert, ausgehend vom Evangeliumstext, auf äußerst vielfältige Weise die Herabkunft des Heiligen Geistes und den Einzug des dreifaltigen Gottes in unsere Herzen. Ein besonders zentrales Thema ist das Wohungmachen Gottes beziehungsweise die Vereinigung der Seele mit Gott, die den Höhepunkt der Kantate im fünften Satz bildet. Insgesamt lässt sich in der franck’schen Dichtung also ein mystischer Grundton erkennen, der im Duettsatz von Sopran und Alt im Gedanken derunio mysticagipfelt.

Satz 1 „Erschallet, ihr Lieder“ (Chor)

Erschallet, ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten! O seligste Zeiten! Gott will sich die Seelen zu Tempeln bereiten.

Die Kantate wird von einem eindrucksvollen, prächtigen Chorsatz eingeleitet. Hier erklingen gleich zu Anfang die dreistimmig besetzten Trompeten, die Pauke und die volle Streicherbesetzung.

Der Text, der vom Chor gesungen wird, ist eine freie Dichtung und nicht das Bibelwort, das der Kantate Thema und Richtung gibt. Später in der Leipziger Zeit stellt Bach gerne ein Zitat aus dem Evangeliumstext, meistens in wunderschönen Chorsätzen auskomponiert, an den Anfang der Kantate. Bach wählt 1714 die eindringliche und direkte Form des Rezitativs für den Vortrag des Bibelworts.[3]

Nach dem Eingangsritornell setzt homophon der Chor mit den Worten „Erschallet, ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten!“ ein. Zuerst ist der Chorsatz von Pausen durchbrochen, die von einem instrumentalen Echo gefüllt werden, dann aber musizieren die einzelnen Chorstimmen polyphon weiter. Besonders die Worte „erschallet“ und „erklinget“ sind durch Koloraturen verziert, um die Aufforderung nach einem Jubelklang zur Ehre Gottes zu verstärken.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aber was ist hier der Anlass zum Gotteslob? Dies wird deutlich, wenn man den zu Grunde liegenden Text weiterliest: „Gott will sich Seelen zu Tempeln bereiten“. Diese Zeile nimmt die Grundaussage des Evangeliums für den Pfingstsonntag schon einmal vorweg. Die Seelentempel greifen die „Wohnung“ des auf den ersten Satz folgenden Bibelzitats auf. Der Mittelteil des Satzes, dem diese Textzeile unterlegt ist, wird auch musikalisch anders gestaltet. Er ist in einem motettischen Stil gehalten, die Blechbläser schweigen hier und die Streicher und Holzbläser halten sich nah an den Singstimmen. Außerdem kann man eine Auffälligkeit entdecken, die diese Zeile zusätzlich ausdeutet: Der Teil beginnt mit einer aufsteigenden Linie von Choreinsätzen: B T A S. In Takt 103ff ist die Linie der Einsätze genau umgekehrt, also abfallend: S A T B. Durch diese Einsatzfolge entsteht das Bild eines Hausgiebels, eines Torbogens oder eben das eines Tempels. Hier werden also musikalisch schon die Seelentempel bereitet.[4]

Satz 2 (Rezitativ, Bass)

Wer mich liebet, der wird mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben,und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.

Auf den Chorsatz folgt nun das oben schon erwähnte Bass-Rezitativ, das den 23.Vers des 14. Kapitels des Johannesevangeliums zitiert. Damit wird nun das Thema der Kantate vorgetragen, das in den folgenden Arien weiter verarbeitet wird. Die thematische Grundstimmung klingt zwar schon im ersten Satz durch, wird aber jetzt durch das direkte Bibelzitat sozusagen auf den Punkt gebracht.

Das Rezitativ ist aber nicht nur inhaltlich von Bedeutung, sondern hat auch musikalisch einiges zu bieten. Es wird als Jesuswort natürlich vom Bass, der Vox Christi, vorgetragen. Rein formal wird, durch den Übergang von einem Secco-Rezitativ zu einem Accompagnato-Rezitativ, die zweite Textzeile hervorgehoben, die durch Wiederholung nochmals eingeprägt wird. Die hier betonte Thematik des Wohnungmachens klang schon im vorausgehenden Satz an und wird in den folgenden Arien wieder aufgegriffen und weiter verarbeitet.

In Takt 4 fällt ein Dreiklangsmotiv auf, bei dem besonders das Wort „wir“ betont wird, da es auf den ersten Schlag des Taktes fällt und den höchsten Ton in dem Dreiklanggebilde zugewiesen bekommt. Dieses Motiv nimmt den Themenkopf der folgenden Arie voraus. Dort begleitet es die Worte „heiligste Dreieinigkeit“. Dieses Motiv verknüpft somit das Rezitativ musikalisch mit der folgenden Arie, hat aber auch eine inhaltliche Bedeutung, da der aufmerksame Hörer so die Antwort findet, wer mit dem „wir“ gemeint ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Durch die Worte „Wer mich liebet“, die das Rezitativ einleiten, wird klar, dass das Wohnungmachen eng mit der Liebe zu Jesus verbunden ist. Nur durch diese Liebe zu Jesus, der sich selbst erniedrigt hat und Mensch geworden ist, wird es möglich, dass Gott, der Unbegreifliche, Wohnung in uns kleinen, sterblichen Menschen nimmt. Das Bild des Herabkommens, wird auch in der Musik durch die abfallenden Melodielinien der Sing-stimme (Takt 5f) und des Continuos (Takt 5-7) sichtbar.

[...]


[1] vgl. Dürr: Die Kantaten von Johann Sebastian Bach. Kassel, S. 296.

[2] Joh 14,23 und 26

[3] vgl. Dürr: Die Kantaten von Johann Sebastian Bach. Kassel, S. 297.

[4] vgl. Steiger (Hrsg.): Die Quellen Johann Sebastian Bachs – Bachs Musik im Gottesdienst, S. 49.

Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656545842
ISBN (Buch)
9783656545866
Dateigröße
2.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v265028
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Praktisch-Theologisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
johann sebastian bach erschallet lieder

Autor

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Titel: Johann Sebastian Bach, Erschallet, ihr Lieder