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Risikosport in der realen und virtuellen Welt?

Eine qualitative Studie zur Umsetzung sportlicher Risikosituationen in Bildschirmspielen am Beispiel Snowboarden.

Masterarbeit 2012 160 Seiten

Sport - Medien und Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Risikosport – Risiken in der realen Welt
2.1. Risiko im sportwissenschaftlichen Kontext - Risikosport
2.2. Begriffliche Abgrenzung
2.3. Motive und Soziologische Hintergründe des Risikosports
2.3.1. Anthropologische Überlegungen zum Risikosportmotiv
2.3.2. Psychologische Überlegungen zum Risikosportmotiv
2.3.2.1. Risikosport als Erregungssuche
2.3.2.2. Risikosport als Angsterlebnis bzw. Angstüberwindung
2.3.2.3. Risikosport als Existenzvergewisserung
2.3.2.4. Risikosport als Erlebnis- bzw. Grenzsuche
2.3.3. Soziologische Überlegungen zum Risikosport
2.3.3.1. Risikosport und (Risiko)Gesellschaft
2.3.3.2. Soziologische Perspektive auf das System Risikosport
2.4. Die sportliche Risikosituation
2.5. Idealtypischer Verlauf einer risikosportlichen Handlungssituation

3. Snowboarden
3.1. Snowboarden – ein Risikosport?
3.2. Trend- und natursportliche Aspekte des Snowboardens

4. Virtuelle Welt der Bildschirmspiele
4.1. Kategorisierung von Bildschirmspielen
4.2. Sportspiele
4.3. Bedeutung von Bildschirmspielen
4.4. Motive

5. Zwischenfazit

6. Qualitative Studie: Wie werden sportliche Risikosituationen in Bildschirmspielen umgesetzt?
6.1. Forschungsstand
6.2. Forschungsvorgehen
6.3. Forschungsdesign
6.3.1. Erhebungsmethode: Wissenschaftliches Spielen
6.3.2. Auswertungsmethoden
6.3.2.1. Videospielanalyse
6.3.2.2. Die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring
6.3.3. Zwischenfazit zum Forschungsdesign
6.4. Durchführung der Studie
6.4.1. Auswahl der Hilfsmittel: die Nintendo Wii und ihre Fahrsteuerungsoptionen
6.4.2. Erhebung der Daten
6.4.3. Beschreibung der Datenbasis: Die Grundstruktur des Spiels ‘Shaun White Snowboarding, Road Trip’
6.4.4. Inhaltsanalyse spielinterner Faktoren
6.4.4.1. Entwicklung eines Kategoriensystems
6.4.4.2. Auswertung der Protokolle
6.5. Zusammenfassung der Ergebnisse
6.6. Evaluation der Studie

7. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis
Aufsätze, Bücher und Zeitungsartikel
WWW-Seiten
Spiele

Eidesstattliche Versicherung

Anhang

„Nowhere else I can feel as alive

as I do

when I reach my limits

on the mountains I love“

Florian Örley,

Österreichischer Snowboard Freeride-Profi

Charlotte Marie von Rantzau

Masterarbeit zum Thema:

Risikosport in der Realen und Virtuellen Welt -

Eine qualitative Studie zur Umsetzung sportlicher Risikosituationen in Bildschirmspielen am Beispiel des Snowboardens

1. Einleitung

In der modernen, medialen Welt, in der die meisten Kinder und Jugendlichen sich regelmäßig mit Spielen am heimischen Computer und/oder der Spielkonsole die Zeit vertreiben, gibt es bald kein reales Gesellschaftsphänomen mehr, das nicht in einer oft realitätsnah gestalteten, virtuellen Parallelwelt nachgespielt werden kann. Die Welt des Fußballs wird im Wohnzimmer simuliert (z.B. Fifa12 (EA Sports, 2011)), Kriege im Kinderzimmer gewonnen, ganze Leben werden am Schreibtisch gelebt (die Sims) und sogar im Hochsommer bei 30 Grad im Schatten kann man sich ein virtuelles Snowboard unter die Füße schnallen. Diese Beispiele führen zur grundlegenden Fragestellung dieser Arbeit, wie viel Realität steckt in den digitalen Parallelwelten? Konkret soll es um die Frage gehen, ob und wenn ja wie Merkmale des realen Risikosports in eben diese Parallelwelt der risikoimitierenden Sportspiele übertragen werden können. In Verbindung damit soll die im Titel der Arbeit aufgeworfene Frage, ob die hier als ‚Virtueller Risikosport’ bezeichnete spielerische, digitale Auseinandersetzung mit einer entsprechenden Sportart überhaupt als Risikosport bezeichnet werden kann, beantwortet werden. Dazu gliedert sich diese Arbeit in zwei große Komplexe. Zunächst werden die theoretischen Hintergründe ausführlich dargestellt. Dazu gehört einerseits eine umfassende Betrachtung des Phänomens Risikosport und seine beispielhafte Anwendung auf das Snowboarden.

Ausgehend von einer Definition des allgemeinen Risikobegriffs werden risikosporttypische Merkmale zugeordnet, anhand derer dieser sich von verwandten Begriffen wie Wagnis-, Abenteuer-, Erlebnis-, Extrem und Trendsport abgrenzen lässt (Kapitel 2.2). Weitere Unterpunkte befassen sich mit Motiven (Kapitel 2.3) und gesellschaftlich-soziologischen Hintergründen (Kapitel 2.3.4) des Risikosports. Beide Aspekte helfen Risikosport auch für Außenstehende nachvollziehbar zu machen. Aus dem bis dahin gewonnene Wissen über Risikosport lassen sich schließlich Ablauf und Merkmale von Risikosituationen idealtypisch darstellen (Kapitel 2.4 & 2.5).

Bezogen auf das konkrete Beispiel Snowboarden wird im darauf folgenden Kapitel geprüft, ob man beim realen, also nicht virtuellen Snowboarden von einer Risikosportart sprechen kann und wenn ja, welche Risiken die Akteure bei der Ausübung eingehen. Welche Parallelen lassen sich zwischen dem idealtypischen Risikosituationsverlauf und snowboardspezifischen Situationsmerkmalen ziehen? Welche Unterschiede gibt es? Was zeichnet den Snowboardsport über sein Risikopotential hinaus besonders aus? Diese und andere Fragen werden am Ende von Kapitel 3 beantwortet sein.

Eine weitere theoretische Grundlage für die empirische Auseinandersetzung mit dem Thema ist eine wissenschaftliche Definition dessen, was unter Bildschirmspielen verstanden werden kann. Dieses Thema wird im dritten Kapitel dieser Arbeit ausführlich bearbeitet. Neben einer ausführlichen Definition geht es vor allem darum, ihre unübersichtlich wirkende Vielfalt logisch zu ordnen. Außerdem werden an dieser Stelle auch die gesellschaftliche Bedeutung und die Spielmotive einer eingehenden Betrachtung unterzogen.

Mit Abschluss dieses vierten Kapitels sind alle notwenigen Grundlagen für die empirische Auseinandersetzung mit der Forschungsfrage gelegt, deren Zusammenhang im Anschluss zusammenfassend dargelegt wird (Kapitel 4).

Zur Überprüfung der Frage, ob eine Übertragung risikosportlicher Elemente von der Realität in die virtuelle Parallelwelt der Bildschirmspiele stattfindet, wird im zweiten großen Komplex der Arbeit (Kapitel 6) am Spiel ‘Shaun White Snowboarding, Road Trip’ (Ubisoft, 2008) untersucht. Hiervon wird eine Antwort auf die Fragen erwartet, ob der im Titel der Arbeit verwendete Begriff ‚virtueller Risikosport’ hier tatsächlich verwendet werden kann.

Die verschiedenen Aspekte des Forschungsablaufs werden im Laufe des sechsten Kapitels ausführlich diskutiert und schließlich beispielhaft auf das Spiel ‚Shaun White Snowboarding, Road Trip’ (Ubisoft, 2008) angewendet. Die Ergebnisse der Forschungsarbeit können in Kapitel 6.5 nachgelesen werden.

2. Risikosport – Risiken in der realen Welt

Um wirklich zu verstehen was Risikosport ist, muss man sich einmal ins Wildwasser, in den Tiefschnee oder den Fels gewagt (um nur einige Beispiele zu nennen), seine Grenzen gespürt, die Angst gefühlt und den Stolz genossen haben um schließlich das Risiko in eine Chance verwandelt zu haben. Dieses komplexe Erlebnis wird individuell sehr unterschiedlich verarbeitet. Daher gestaltet es sich schwierig, dieses Erlebnis allgemeingültig zu beschreiben. In diesem Kapitel wird dennoch versucht, das Phänomen Risikosport wissenschaftlich aufzuarbeiten, zu analysieren und zu verstehen. Fundament der Auseinandersetzung ist das Verständnis des Begriffes Risiko. Der Begriff Risiko leitet sich aus dem lateinischen Begriff ‚rescum’ für Felsklippe ab und entwickelte sich im Laufe des 16. Jahrhunderts zum italienischen Wort Risiko (heute rischio), von dem der deutsche Begriff abstammt. (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, 2011) Risiko bezeichnet in seiner heutigen Verwendung die freiwillige Entscheidung für eine Situation, die sich positiv, im Sinne einer Chance, oder negativ, d.h. mit Nachteilen, Verlust und Schaden für den Betroffenen auswirken kann. (Duden, 2012; Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, 2011) Im Gegensatz zum Risiko werden Gefahr en unbewusst und damit unfreiwillig eingegangen. Während sich die Schadenswahrscheinlichkeit bei einem Risiko beeinflussen lässt, ist man einer Gefahr ohne Einflussmöglichkeiten ausgesetzt. (Luhmann, 1990). Zur Veranschaulichung dieser Abgrenzung ein Zitat von Luhmann:

„Wenn es Regenschirme gibt, kann man nicht mehr risikofrei leben: Die Gefahr, dass man durch Regen nass wird, wird zum Risiko, das man eingeht, wenn man den Regenschirm nicht mitnimmt. Aber wenn man ihn mitnimmt, läuft man das Risiko, ihn irgendwo liegenzulassen.“ (Luhmann, 1993, 328)

Mit dem Begriff Risiko setzen sich viele, wenn nicht fast alle wissenschaftlichen Disziplinen auseinander. Es gibt wirtschaftliche, juristische, soziale, politische, gesundheitliche und etliche andere, aber eben auch sportliche Risiken. (Göring, 2006) Diese sehr greifbaren realen Risiken im Feld der Sports, die unter dem Begriff Risikosport zusammengefasst werden, stehen im Mittelpunkt dieses Kapitels.

Zunächst ist eine klare Definition des Begriffs Risikosport unverzichtbar (Kapitel 2.1), denn er wird in der Literatur nicht immer einheitlich verwendet. Deshalb bedarf es innerhalb der Begriffsbestimmung einer Abgrenzung zu den inhaltlich und strukturell verwandten Konzepten des Abenteuer-, Erlebnis-, Wagnis-, Fun-, Trend-, Outdoor-, Lifestyle- und Extremsports (Abschnitt 2.2.).

Zunächst wird es also Ziel der Erläuterungen sein die im Risikosport elementar enthaltenen Risikosituationen mit all ihren Facetten zu beschreiben und zu analysieren. Am Ende dieser Analyse stellt sich die Frage nach dem Warum. Was genau bringt uns Menschen dazu ohne ersichtliche Gewinne solche Situationen auf uns zu nehmen? Ein Frage, die unter Rückgriff auf unterschiedlichste Theorien aus Anthropologie, Psychologie, Soziologie und Sportwissenschaft beantwortet werden kann. (Kapitel 2.3)

Alle bis hierhin erarbeiteten Erkenntnisse fließen schließlich exemplarisch in die idealtypische Darstellung einer sportlichen Risikosituation zusammen, deren Abläufe und Einflussfaktoren in Kapitel 2.5 dargestellt werden.

Da im zweiten großen Teil dieser Arbeit in erster Linie auf Risikosituationen innerhalb des Snowboardsports eingegangen werden wird, soll als letzter Punkt in diesem Kapitel, vorbereitend für die empirische Auseinandersetzung, eine Einordnung des Snowboardens in den risikosportlichen Zusammenhang erfolgen.

2.1. Risiko im sportwissenschaftlichen Kontext - Risikosport

Risikosport ist laut Göring „nichts anderes als eine sportliche Handlungssituation, die die handelnden Akteure als Risikosituation wahrnehmen und sportliche Fähigkeiten zur Bewältigung einsetzen“ (ebd., 2006, 44).

Mit anderen Worten verlässt ein Risikosportler die gewohnte, alltägliche, sichere Umgebung um sich in eine für ihn unbekannte Situation zu begeben. Der Ausgang dieser Situation ist, zumindest in der Wahrnehmung des Sportlers, unsicher, das heißt, dass ein Misslingen negative Folgen unterschiedlicher, auch gesundheitlicher Ausprägung für ihn haben kann. (Göring, 2006; Schleske, 1977; Luckner & Nadler, 1997) Zur Auflösung einer sportlichen Risikosituation müssen, konditionelle und/oder koordinative Fähigkeiten zum Einsatz kommen. (Göring, 2006)

Nun sind Risiken im Sport an sich nichts außergewöhnliches, fast jede Form der sportlichen Betätigung birgt das Risiko sich zu verletzten, sich zu blamieren, zu verlieren oder zu scheitern. (Rheinberg, 1996) In Abgrenzung zu traditionellen, normierten Sportarten sind diese Risiken im Risikosport aber nicht unerwünschtes Nebenprodukt, sondern eine gewollte, bewusste Herausforderung. (Neumann, 2008) Von der eingangs zitierten und diskutierten Definition des Risikosports leitet sich hier jedoch ein ein weiterer, elementarer Unterschied der Risikosports zu anderen Sportarten, wie z.B. den Spielsportarten ab. Risikosportarten zeichnen sich durch ihren Ernstfallcharakter aus. (Rheinberg, 1996) Denn während sich ein Risikosportler darüber im Klaren ist „,daß im ungünstigsten Fall ein Fehler sein Überleben in Frage stellt“ (Rheinberg, 1996, 110). führen Fehler im traditionellen Sport meist nur zu symbolischen Niederlagen. (ebd.)

Folgerichtig muss an dieser Stelle auf die Frage nach Sportarten, die konkret unter den Risikosportbegriff fallen, eingegangen werden. Eine vollständige Auflistung aller sportlichen Betätigungen, die unter diesem Begriff gefasst werden können, ist nicht möglich, insbesondere deshalb, weil die individuelle, situative Wahrnehmung des Akteurs darüber entscheidet, ob eine sportliche Herausforderung als riskant eingestuft wird oder nicht (Göring, 2006). Sportarten wie Klettern, Schneesport - im Sinne von Ski- oder Snowboardfahren - oder Unternehmungen wie Wildwasserkanufahren etc werden von den meisten Menschen als eine solche sportlich riskante Herausforderung erlebt, weshalb sie häufig als typische Risikosportarten genannt werden. (Neumann, 2008, Göring, 2006, Stern, 2003) Aktivitäten wie Bungee- oder Fallschirmspringen scheiden mangels motorischer Anforderungen als risikosportliche Inhalte bei dieser Definition aus. (Neumann, 2011; Stern, 2003, Göring, 2006)

Die mit der hier verwendeten Definition des Risikosports verbundenen, den Risikosport kennzeichnenden Merkmale werden in der folgenden Tabelle von Göring ausführlich erläutert und ergänzt:

Tab. 1: Konstitutive Elemente und kennzeichnende Merkmale des Risikosports (Göring, 2006, 51)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Neben dem Risikosport existieren verwandte Konzepte wie der Wagnissport oder aber der Abenteuer- und Erlebnissport, in wieweit diese sich vom Risikosport unterscheiden, soll im Folgenden dargelegt werden.

2.2. Begriffliche Abgrenzung

Die Begriffe Wagnis- und Risikosport werden sowohl synonym verwendet als auch deutlich voneinander abgegrenzt (Neumann, 1997, 1999a, 1999b, 2008, 2011; Warwitz, 2001, Göring, 2006). Nach eingehender Auseinandersetzung wird in dieser Arbeit die Differenzierungsproblematik wie folgt gehandhabt:

Beim Wagnissport stehen pädagogischen Zielsetzungen im Vordergrund, die z. B. in der Schule genutzt werden können und in diesem Zusammenhang häufig mit dem Begriff Wagniserziehung bezeichnet werden. Vergleicht man die oben nach Göring zitierte Definition von Risikosport mit der folgenden von Neumann gewählten Definition von Wagnissport, wird deutlich, warum beide Begrifflichkeiten häufig synonym verwendet werden.

„Unter einem sportlichen Wagnis im Schulsport wird die im Vorfeld bedachte und bewusst getroffene Entscheidung der SuS[1] verstanden (Prozess des Abwägens), sich herausfordernden Bewegungsaufgaben in einer spezifischen Handlungssituation zu stellen (Prozess des Wagens) und den unsicheren Ausgang der Aufgabe trotz einer subjektiven Bedrohungswahrnehmung im Rückgriff auf das eigene Können sicher zu bewältigen (Prozess des Bewährens).“ (Neumann, 2011, 9)

Dennoch gibt es Unterschiede. Der wohl größte Unterschied ist, dass der Wagnissport unter pädagogischen Gesichtspunkten angewandt wird und wagnissportliche Aktivitäten in einem pädagogischen Bedeutungszusammenhang interpretiert werden. (Göring, 2006; Neumann, 2011) Im Wagnissport liegt die Betonung auf der individuellen Auseinandersetzung des Einzelnen mit ggf. unsicheren Situationen. Während der Wagnissport sich am Subjekt orientiert, definiert sich der Risikosport über das „Produkt aus Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenshöhe“ (Neumann, 1997, 156) Wagnissport ist dagegen mit pädagogischem Sinn verknüpft und hat ideellen Charakter. (Göring, 2006; Warwitz, 2001; Neumann, 1997; Neumann, 2008) Mit der pädagogischen Orientierung geht ebenso ein bewussterer Umgang mit Sicherheitsaspekten einher. Im Gegensatz zum Wagnissport nimmt der Risikosport Gefahren für Leib und Leben, die in Folge einer misslungenen Handlung auftreten können, in Kauf. Im pädagogisch orientierten Wagnissport hingegen sind Gefahren dieser Größenordnung mit allen Mitteln zu verhindern. (Neumann, 1999a; Neumann, 1999b; Neumann, 2008).

Mit dem Begriff Wagnissport sind im Vergleich zum Risikosport also bei gleichen Inhalten unterschiedliche Schwerpunkte verbunden.

Ist im Folgenden von Risikosport die Rede, beinhaltet dieser Begriff als eine Art Unterkategorie auch das Konzept des Wagnissports, mit Wagnissport ist hingegen immer und ausschließlich die pädagogische Ausrichtung riskanter Sportarten gemeint.

Anders verhält es sich bei der Abgrenzung des Risikosports zum Abenteuer- bzw. Erlebnissport. Die Besonderheit einer abenteuersportlichen Unternehmung ist, dass sie sich im Gegensatz zu erlebnis- bzw. risikosportlichen Aktivitäten über einen längeren Zeitraum erstreckt. Innerhalb dieses Zeitraumes sind unsichere Situationen zu bewältigen, die als Wagnisse oder Risiken bezeichnet werden können, die Unternehmung als Ganze fällt jedoch unter den Begriff Abenteuer. (Elflein, 2003; Neumann, 1997; Neumann, 1999a)

Die Erlebnispädagogik zeichnet sich, im Gegensatz zu Abenteuersport und Wagniserziehung, vor allem durch ihre explizite Ausrichtung auf die Beseitigung gesellschaftlicher und/oder sozialer Defizite von Kindern und Jugendlichen aus und findet im Rahmen sogenannter Outward- [2] , bzw. Citiyboundeinrichtungen [3] , als Erziehung auf See [4] , o.ä. in der Tradition Kurt Hahns statt. (Elflein, 2003; Neumann, 1999a)

Damit ist der Risikosport ausreichend zu inhaltlich ähnlich orientierten Sportkonzepten abgegrenzt. Doch wie lässt er sich mit Hilfe von Begrifflichkeiten wie Trend-, Lifestyle-, Outdoor-, Natur-, Fun- oder Extremsport in die Welt des Sports einordnen?

Unter Extremsport sind nach Göring Sportarten zu fassen, die sich durch das überdurchschnittlich lange Aushalten einer Ausdauerbelastung auszeichnen. Beispielhaft werden von ihm „Ultra Triathlons oder Mehrfach Marathons“ (ebd., 45) als typische Extremsportarten genannt. Solche Sportarten implizieren zwar Schmerzen, stellen jedoch nicht die bewusste Konfrontation mit Risiken in den Mittelpunkt, sie fallen somit nicht unter den Begriff Risikosport. (Göring, 2006)

Der Begriff Funsport scheint nach Göring (2006, 45) eher „eine kreative Schöpfung der kommerziellen Freizeitindustrie zu sein, zu sein, als eine sportwissenschaftliche Kategorie“ In seinem Mittelpunkt steht nicht der Sport an sich, sondern der in der Sportwissenschaft kritisch beurteilete Spaßbegriff. Da Parallelen zum Risikosport daraus nicht gezogen werden können, wird der Begriff im risikosportlichen Kontext komplett verworfen. (Göring, 2006)

Trendsport bezeichnet

„neuartige bzw. lifestylegerecht aufbereitete[...] Bewegungspraktiken [...], denen kurz oder mittelfristig ein erhebliches Verbreitungspotential vorhergesagt werden kann“ (Schwier, 1998, 7).

Trendsportarten grenzen sich zum traditionellen Sport dabei in erster Line durch Bewegungsformen und den Gebrauch von Sportgeräten ab, die es zuvor noch nicht gegeben hat. (ebd.) Charakterisieren lässt sich der Trendsport anhand einer in vielen Fällen gleich oder sehr ähnlich verlaufenden Entwicklungsgeschichte und anhand folgender sechs Merkmale nach Schwier.

Tab. 2: Merkmale von Trendsportarten nach Schwier (1998, 10ff)5

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nicht jedes dieser Merkmale muss von einer Trendsportart erfüllt werden.

Darüber hinaus finden sich Parallelen in der Entwicklungsgeschichte von Trendsportarten, die von Lamprecht und Stamm (1998) in folgende fünf Phasen eingeteilt werden:

Tab. 3: Idealtypische Entwicklungsgeschichte einer Trendsportart nach Lamprecht und Stamm

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Lifestylesport, wie er von Wheaton (2004) definiert wird, weist deutliche Parallelen zu all diesen sowohl von Schwier als auch von Lamprecht und Stamm genannten Merkmalen des Trendsports auf. Demzufolge kann der Begriff Lifestylesport als ein anglisiertes Synonym des Trendsportbegriffs gesehen werden. Ergänzt werden die genannten Merkmale in den Ausführungen Wheatons lediglich um die Eigenschaften „non-agressive“ , „individualistic“, „outdoor“ und „non-urban“ (ebd., 2004, 11f). Zudem wird der Sport ihrer Meinung nach von einer „participatory ideology that promotes fun, hedoism, involvement, self actualisation, ‚flow’ (Csikzentminalyi 1990) living for the moment, ‚adrenalin rushes’ and other intrinsic rewards“ (Wheaton, 2004, 11f) bestimmt. (ebd.)

An diesen Definitionskriterien des Trendsports werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum Risikosport deutlich. Tabelle 3 zeigt eindeutig, mal größere, mal kleinere Überschneidungen in jedem der sechs Punkte. Tabelle 4 verdeutlicht hingegen vor allem einen entscheidenden Unterschied: während die Bezeichnung Trendsport nur zeitlich begrenzt auf eine Sportart angewendet werden kann, ist und bleibt eine Risikosportart immer Risikosport. Schlussfolgernd kann aus dieser Gegenüberstellung die Erkenntnis gezogen werden, dass sich die beiden Begrifflichkeiten überschneiden. Somit kann ein Trendsport ein Risikosport oder ein Risikosport ein Trendsport sein kann, muss es aber nicht.

Natursport ist

„jede selbst bestimmte Bewegungshandlung in der freien Landschaft, die weder an Motorantrieb, noch an Sportanlagen zwingend gebunden ist und die die Auseinandersetzung mit sich selbst in der Natur und mit der Natur ermöglicht“ (Deutsche Sporthochschule Köln, zitiert nach Kurz, 2005, 2)

Diese recht offene Definition erlaubt es, den Waldlauf ebenso wie viele Wasser- und Schneesportarten, das Klettern im Fels etc. unter den Begriff Natursport zu fassen, denn laut Kurz „kann die direkte Kontaktstelle des Sportlers mit der Natur völlig naturbelassen sein, wie das beim Wassersport gegeben ist. Sie kann mehr – wie beispielsweise bei einer Skipiste – oder weniger – wie beispielsweise der mit Bohrhaken versehene Fels – speziell „präpariert“ sein.“ (Kurz, 2005)

Zweifelhaft bleibt die Anwendung des Begriffs Natursport auf organisierte Wettkämpfe in natursportlichen Disziplinen. (Kurz, 2005) Der Outdoorsport ist in seinem begrifflichen Verhältnis zum Natursport, ähnlich wie Trend- und Lifestylesport, als anglisiert zu bezeichnen und synonym verwendbar. Ebenfalls ähnlich wie beim Trend- bzw. Lifestylesport kann eine Natursportart demnach ein Risikosport sein, muss aber nicht und umgekehrt.

Das Verhältnis von Risiko- , Trend- und Natursport lässt sich in folgender graphischer Darstellung in Abb. 1 zusammenfassen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Das Verhältnis von Natur- Trend- und Risikosport. (eigene Abbildung)

Aufgrund der sehr unterschiedlichen Handhabung der aufgeführten Begriffe wird es im Laufe der Arbeit das ein oder andere Mal notwendig sein Begrifflichkeiten anderer Autoren mit diesen Definitionen abzustimmen.

2.3. Motive und Soziologische Hintergründe des Risikosports

„Bergsteigen ist die Eroberung des Nutzlosen, dazu bekenne ich mich.“ soll Reinhold Messner einmal gesagt haben. Die genaue Quelle dieser Worte lässt sich leider nicht finden, dennoch beschreibt dieses vermeintliche Zitat genau das, was den Risikosport für Außenstehende oft so schwer begreifbar macht: Das Fehlen eines materiellen oder zumindest nachvollziehbaren Gewinns bei der freiwilligen Konfrontation mit dem Risiko. Rheinberg veranschaulicht dies mit dem Beispiel Bergsteigen, dessen Ziel zwar der Gipfel ist, doch ginge es nur darum, diesen zu erreichen, würde man in eine Gondel steigen und hinauffahren um die Aussicht zu genießen. (Rheinberg, 1996)

Die Ansätze der Motivationsforschung im Bereich Risikosport sind vielfältig. Wichtig ist vorwegzunehmen, dass sich hinter einer riskanten Sportart bzw. den riskanten Aktionen eines jeden Sportlers individuell andere Motive verbergen, die sich keinesfalls nur auf einen der im Folgenden erläuterten Ansätze beschränken müssen – Göring spricht in diesem Zusammenhang von einem „individuellen ‚Motivationscocktail’, der aus den verschiedenen Motiven in unterschiedlicher Gewichtung und Ausprägung [...] zusammengesetzt ist.“ (Göring, 2006, 152) Übergeordnet lassen sich die einzelnen Motivansätze sowohl der Anthropologie[6] als auch der Psychologie zuordnen. (Göring, 2006)

2.3.1. Anthropologische Überlegungen zum Risikosportmotiv

Die folgenden Ausführungen anthropologischer Motive für den Risikosport orientieren sich an Göring, 2006, 119f.

Für die Beschreibung des menschlichen Wesens stehen sich in der Anthropologie zwei zunächst sehr gegensätzliche Ansätze gegenüber. Auf der einen Seite ist der Mensch im Vergleich zum Tier mit weniger verhaltensbestimmenden Instinkten ausgestattet (Zelinka, 1997) was Gehlen (1950) dazu veranlasst ihn dem Tier gegenüber als mangelhaft zu beschreiben. Dem gegenüber stehen die Ausführungen von Lorenz, die den Menschen als „Volltreffer der Evolution“ (Lorenz, zitiert nach Göring, 2006, 120) darstellen. Am Ende kommen beide Ansätze jedoch zum gleichen Ergebnis: Der Mensch ist von Natur aus Risiken und Gefahren ausgesetzt, sein Sicherheitsstreben gewährleistet ihm das Überleben. (Göring, 2006; Neumann, 1999a)

Instinkte geben im Tierreich klare Ziel vor, nach deren Erreichen das Agieren der Tiere ausgerichtet ist. Da die Menschen nicht über solche Instinkte verfügen, fehlen ihnen klar definierte Ziele, die ihr Handeln bestimmen. Diese Offenheit bringt auf der einen Seite Freiheit und eine Fülle an Möglichkeiten mit sich, zwingt die Menschen andererseits zu Handlungsentscheidungen, die ergebnisoffen und unsicher sind und damit immer ein Risiko bedeuten können. (Tenbruck, 1978) Risiken sind unter bestimmten Umständen durchaus positiv zu bewerten, denn Unsicherheiten sind ein menschliches Bedürfnis. Ohne sie wären die Menschen antriebslos und gelangweilt. Sie würden sich nur in bekannten Kreisen bewegen und keine Fortschritte machen (Tenbruck, 1978) – und sie könnten ihre angeborene Neugier nicht befriedigen.

Neugier ist der dritte und letzte Aspekt der Anthropologie, der hier erläutert werden soll. Neugier ist aus zwei Perspektiven für die Risikosportthematik interessant:

Erstens ist Neugier eine wichtige Voraussetzung dafür, dass eine subjektiv als unsicher eingeschätzte Situation in eine sichere umgewandelt werden kann, in dem Sinne, dass die betroffene Person neugierig ist, sich also trotz des Risikos für die Situation interessiert und sie nicht von vornherein meidet. (Schneider, 1996) Durch diese Neugier wird eine Voraussetzung für Fortschritt auf individueller, als auch auf gesellschaftlicher Ebene geschaffen. (Schneider & Rheinberg, 1996) Warum? Ein Kind, das nicht riskiert bei seinen ersten Gehversuchen hinzufallen, wird nie das Laufen lernen. Jemand der sich nicht überwinden kann eine Kletterwand zu bezwingen, wird nie das gute Gefühl kennenlernen sich überwunden zu haben und nie wissen was und wie viel er sich beim Klettern zutrauen kann. Wäre Columbus nicht bereit gewesen Risiken einzugehen, wäre Amerika unter Umständen bis heute nicht entdeckt. Es ließen sich zahllose solcher Beispiele finden. Daran wird deutlich, wie wichtig die Neugier und damit der Mut zum Risiko ist für die individuelle und gesellschaftliche Weiterentwicklung ist (Schneider & Rheinberg, 1996). So können risikosportliche Aktivitäten als das Bestreben interpretiert werden sich weiterzuentwickeln, indem etwas Neues, Unbekanntes und damit Unsicheres erschlossen und in etwas Bekanntes, Sicheres, Beherrschbares verwandelt wird. (Cube, 1995)

2.3.2. Psychologische Überlegungen zum Risikosportmotiv

Nach einer motivationspsychologischen Erklärung, die explizit die Motive des Phänomens Risikosport erläutert, sucht man vergeblich. Die im Folgenden kurz vorgestellten Ansätze entstammen zu großen Teilen der allgemeinen psychologischen Risikoverhaltensforschung.

In Anlehnung an Göring werden vier Ansätze verfolgt: 1. Risikosport als Erregungssuche; 2. Risikosport als Angsterlebnis bzw. Angstüberwindung; 3. Risikosport als Existenzvergewisserung; 4. Risikosport als Grenz- bzw. Erlebnissuche (Göring, 2006, 125ff). Alle vier Ansätze können hier aus Platzgründen nur angerissen werden. Zur detaillierten Auseinandersetzung empfiehlt sich die angegebene Literatur.

2.3.2.1. Risikosport als Erregungssuche

Anknüpfend an die anthropologische Annahme, dass Menschen nach einem, für jeden individuell unterschiedlichen, optimalen Zustand zwischen Reiz und Monotonie streben, wird Risikoverhalten in der Aktivationstheorie bzw. der Persönlichkeitspsychologie als Persönlichkeitsmerkmal definiert. (Schneider & Rheinberg, 1996) Dieses Persönlichkeitsmerkmal wird in Anlehnung an Zuckerman auch Sensation Seeking genannt. (Zuckerman, 1994) Um ein optimales Erregungsniveau zu halten bzw. wiederherzustellen braucht der Mensch Mechanismen, mit denen er zu viel oder zu wenig Reizstimulation entgegenwirken kann. Eine von vier von Zuckerman genannten Möglichkeiten ist

Thrill and Adventure Seeking (TAS): Tendenz zu risikoreichen Aktivitäten in Sport und Freizeit mit hohem Erlebniswert (Bergsteigen, Fallschirmspringen usw.)“ (Rheinberg 2002, 170)

Das Optimum zwischen Reizüberflutung und Reizarmut ist von Mensch zu Mensch verschieden. Es gibt Menschen, für die Risikosport überhaupt keinen Reiz hat. Studien von Zuckerman beweisen, dass die Persönlichkeiten von Risikosportlern, wie z.B. Bergsteigern, Kletterern, Snowboarden etc. im Vergleich zu Nichtsportlern bzw. Sportlern in traditionellen Sportarten über eine deutlich erhöhte Ausprägung des Sensation-Seeking-Merkmals verfügen. (Zuckerman, 1994)

2.3.2.2. Risikosport als Angsterlebnis bzw. Angstüberwindung

Angst als Anreiz für den Risikosport zu nennen erscheint auf den ersten Blick seltsam, denn per Definition ist Angst ein „meist quälender, stets beunruhigender und bedrückender Gefühlszustand als Reaktion auf eine vermeintliche oder tatsächliche Bedrohung“ (Brockhaus, 2006, 68) und führt in vielen Fällen zu Fluchtreflexen. (ebd.) Müsste Angst demnach nicht genau das Gegenteil eines Motivs für den Risikosport sein? Unterschiedliche wissenschaftliche Ansätze von verschiedenen Autoren liefern Erklärungen dazu, warum Angst durchaus ein Anreiz dafür sein kann sich in sportlich riskante Situationen zu begeben.

Aus biologischer Sicht spricht dafür, dass die durch Angstempfinden ausgeschütteten Hormone zur Auslösung des Fluchtreflexes den Körper in einen Ausnahmezustand versetzen, der es ermöglicht Höchstleistungen zu kann und gleichzeitig „schmerzfreie, sogar lustvolle Zustände“ (Warwitz, 2001, 189) zu erleben. (ebd.) Gefühle können also gleichzeitig als positiv und negativ erfahren werden. Für ein solches Zusammenspiel zwischen Angst und Lust steht der Begriff der Angstlust, definiert als das „Auftreten von Angst und Lust im gleichen Affekt“ (Peters, 2007, 36).

Einen völlig anderen Ansatz zur Erläuterung des Zusammenhangs zwischen Risikosport und Angst wählt Semler (1994). Er sieht die sportliche Auseinandersetzung mit Angst als eine Art Training zum allgemeinen Umgang mit Angst auch in anderen Lebenssituationen (ebd.) Anhand risikosportlicher Situationen kann beispielsweise gelernt werden, dass Angst auslösende Aktivitäten nicht zwangsläufig etwas sein müssen, was zu vermeiden ist,. (ebd.) Mit anderen Worten: Angst kann beherrschbar gemacht und überwunden werden.

Darüber hinaus gibt es Theorien, die besagen, dass die risikosportliche Konfrontation und vor allem die Bewältigung von Ängsten im risikosportlichen Zusammenhang der Selbsterfahrung dienen. (Göring, 2006; Warwitz, 2001) Eng mit dieser Annahme verbunden ist der kognitiv-handlungsorientierte Ansatz, der dem Risikosport bzw. der Bewältigung von riskanten sportlichen Situationen und den damit verbundenen Ängsten selbstbewusstseinsfördernde Wirkungen zuspricht. (Göring, 2006, Warwitz, 2001, Semler, 1994)

2.3.2.3. Risikosport als Existenzvergewisserung

Nach Auffassung des Franzosen David LeBreton begründen sich risikosportliche Aktivitäten unter anderem daraus, dass sich der Akteur durch „eine existenzielle Konfrontation mit dem Tod“ (Göring, 2006, 139) seine Lebendigkeit vor Augen führt und so dem Leben eine neue Bedeutung gibt. (LeBreton, 1995)

„Das alte, mit Sinnzweifeln behaftete Leben ist der Preis. Sein Verlust muß gewagt werden, um die Chance eines neuen Lebens höherer, weil bestätigter Sinngebung zu erhalten“. (Warwitz, 2001,135)

Die Gültigkeit dieses von Le Breton als Ordaltheorie (vgl. Tab. 2) bezeichneten Erklärungsansatzes für allgemein riskante Verhaltensweisen, ist jedoch nach Meinung Görings und Warwitz’ sehr beschränkt und bezieht sich in erster Linie auf sehr extreme Ausprägungen des Risikosports. (Göring, 2006; Warwitz, 2001) An dieser Stelle sei noch einmal an das Eingangszitat dieser Arbeit von Florian Örley erinnert[7]

2.3.2.4. Risikosport als Erlebnis- bzw. Grenzsuche

Dass individuelle, emotionale, motorische, aber auch räumliche Grenzen und damit Grenzerfahrungen elementarer Bestandteil des Risikosports sind, kann an dieser Stelle als gegeben vorausgesetzt werden, weil dies im folgenden Kapitel 2.4 dieser Arbeit am Modell von Luckner und Nadler explizit herausgearbeitet wird. Die Suche nach solchen Grenzen kann, so Göring (2006) und Allmer (1998), als Motiv für den Risikosport gelten. Die Grenzen können dabei ganz unterschiedlich geartet sein. Eine Art der Herausforderung des Risikosports kann die Auseinandersetzung mit der natürlich gegebenen Begrenzung des menschlichen Lebensraums sein. Risikosportler dringen in Räume vor, die unter normalen Umständen nicht für menschliches (Über-)Leben vorgesehen sind. Kletterer erschließen sich beispielsweise vertikale Felswände, Bergsteiger begeben sich in unwirtliche Höhen, alpine Ski- oder Snowboardfahrer trotzen Höhe, Kälte und Steilheit um sich abseits der Pisten einen Weg zu bahnen etc.

Eine andere Art von Grenze, die sich ebenfalls im Risikosport finden lässt, sind persönliche Grenzen, die sich aus psychische Befindlichkeiten wie Ängsten und andere Gefühle ergeben. Durch den mit dem Risikosport verbundenen Zwang zum Handeln kommt es hier besonders oft auch zur Überschreitung psychischer Grenzen, da nur so eine Risikosituation zu Ende gebracht werden kann. (Göring, 2006)

Eine weitere, wenn auch nur auf Extremfälle anwendbare Grenze im Risikosport ist die des menschlich Machbaren. Sie wird dann überwunden, wenn ein Gipfel zum ersten Mal erklommen, eine Felswand zum ersten Mal bewältigt oder eine Variante zum ersten Mal befahren wurde. (Göring, 2006)

Im Risikosport lassen sich besonders gut Aufgaben stellen, die dem Akteur das Überschreiten von Grenzen abverlangen, denn es werden Ernstfallbedingungen geschaffen, in denen weder geschummelt, noch einfach aufgegeben werden kann (vgl. Situationsdruck Tab. 1). Und das kann soweit gehen, dass bei Fehlern ernsthafte gesundheitliche Konsequenzen für den Sportler nicht ausgeschlossen werden können. (Göring, 2006)

Die Suche nach dem risikosportlichen Erlebnis hat wiederum unterschiedliche Motive. Erlebnisse im Rahmen des Risikosports sind in Anlehnung an Allmer (1998) entweder sensorischer und emotionaler Natur. Mit sensorischen Erlebnissen im Risikosport sind zum einen außergewöhnliche Bewegungsformen, wie „Sturz oder Schweben im Raum, rapide Rotation, Gleiten, Geschwindigkeit, die Beschleunigung in einer gradlinigen Bewegung oder ihre Kombination mit einer Kreisförmigen“ (Caillois, 1958, 33 zitiert nach Rheinberg, 1996, 113) gemeint. Der Wert solcher Zustände liegt darin, dass positive Erregungsgefühle ausgelöst und durch das Erleben neuer, ungewöhnlicher Positionen im Raum Bewegungserfahrungsschatz und das Wissen über unsere Umwelt erweitert werden können. (Rheinberg, 1996) Die zweite Komponente sensorischen Erlebens im Risikosport betrifft die Wahrnehmung der natürlichen Umgebung, die „Handlungsraum“ und „Herausforderung“[...] zugleich ist. (Göring, 2006) (vgl. Tab. 1 Spalte: Ungewohnte Körperlagen)

Der Charakter emotionaler Erlebnisse lässt sich am Beispiel des Flow-Erlebens nach Czikszentmihalyi (2007) verdeutlichen. Als Flow wird ein Zustand bezeichnet, in dem eine Person, im Sport oder auf einem anderen Gebiet, eins wird mit dem, was sie tut. Dies hat die hundertprozentige Konzentration auf das Selbst und die ausgeführte Handlung zur Folge. (Czikszentmihalyi, 2007; Göring, 2006; Warwitz, 2001) Damit kann das Gefühl „tiefster Zufriedenheit und höchster Glückseligkeit“ (Warwitz, 2001, 207) einhergehen. (ebd.)

Der Flow-Zustand tritt zwischen Monotonie und Überforderung bzw. Angst ein. Mit anderen Worten beschreibt er den optimalen Zustand zwischen zwei Polen, dem Grad der Herausforderung einerseits und dem der individuellen Fähigkeitsausprägungen andererseits.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Warum die Komplexität des Bewusstseins durch die Flow-Erfahrung zunimmt. (Csikszentmihalyi, 2007, 107)

Abbildung 3 soll nun erklärt werden in dem sie beispielhaft auf das Snowboarden angewandt wird: Der in der Abbildung verwendete Buchstabe A symbolisiert eine Person. Die Herausforderung (abgebildet auf der x-Achse) besteht in der Bewältigung einer Piste mit einem bestimmten Schwierigkeitsgrad. Das Beherrschen der Techniken des Snowboardens, sowie die notwendige Kondition, und Erfahrung bilden zusammen die Fähigkeiten (abgebildet auf der y-Achse):

Der Snowboarder A1 befindet sich auf einer vergleichsweise leichten, z.B. blauen Piste. Er ist mäßig herausgefordert und seine Fähigkeiten beschränken sich noch auf die Grundlagen. Gemessen an seinen Fähigkeiten ist der Grad der Herausforderung jedoch optimal – er erlebt also einen Flow. A2, ein besserer Snowboarder, ist von der gleichen Route unterfordert, die Schnittstelle von Herausforderung und Fähigkeiten liegt hier deshalb nicht im Flow-Kanal (in der Abbildung weiß). A3 hat sich, trotz mangelnder Fähigkeiten an eine schwere Piste herangetraut und ist überfordert, was Angst und damit kein Eintreten des Flows zur Folge hat. Bei A4 stimmt der erhöhte Anforderungsgrad der Piste wiederum mit den Fähigkeiten überein – auch er genießt also einen Flow. (Csikszentmihalyi, 2007)

Der Sport im Allgemeinen, insbesondere aber der Risikosport beschreibt dabei nur einen von vielen Bereichen, in denen die aufgezeigten Flow-Zustände erlebt werden können (vgl. Kapitel 2.3.2.4). Generell ist das Flow-Erleben individuell unterschiedlich und abhängig von Fähigkeiten und Interessen einer Person. (Csikszentmihalyi, 2007)

Das folgende Zitat von Rheinberg bringt die psychologischen Motive für den Risikosport abschließend auf den Punkt „Genauer betrachtet, erscheint die Vorliebe für riskante, kompetenzabhängige Tätigkeiten durchaus „vernünftig“: Man begibt sich in ungewöhnliche, aber genußfähige und flow-förderliche Bewegungszustände, sorgt für eine erlebnis-intensivierende Erregungssteigerung, erlebt ganz basal und bedeutsam die eigene Kompetenz und tut alles dafür, daß die potentielle Bedrohung nicht zum fatalen Ereignis wird.“ (Rheinberg, 1996, 114)

Soviel zu den möglichen Motivationsstrukturen, aus denen sich individuelle Motive für das Betreiben riskanter Sportarten zusammensetzen können.)

Das nun folgende Kapitel erläutert die gesellschaftlichen Hintergründe, weshalb Risikosport nicht ausschließlich individuell, sondern auch in einem soziologischen Kontext betrachtet werden muss.

2.3.3. Soziologische Überlegungen zum Risikosport

Jetzt, da die individuellen Motive des Risikosports verdeutlicht worden sind, bleibt die Frage nach den soziologischen Rahmenbedingungen, die den Risikosport beeinflussen. Peter Rummelt (2003) bezeichnet die gesellschaftlichen Hintergründe des Risikosports im Zusammenhang mit den individuellen Motiven als die Auseinandersetzung mit „den Ursachen der Ursachen“ (Rummelt, 2003, 203). Bette (2004) betont außerdem die Wichtigkeit einer soziologischen Auseinandersetzung für ein grundlegendes Verständnis des Risikosports.

Zunächst sollen dazu die gesellschaftlichen Zusammenhänge der Entstehung und Etablierung des Risikosports dargestellt werden.

Das zweite Unterkapitel nimmt dann die soziale Struktur des Risikosports an sich genauer unter die Lupe. Hier stehen folgende Fragen im Mittelpunkt: Wer betreibt Risikosport und warum? Wie unterscheiden sich Risikosportler von Menschen die normierte, traditionelle Sportarten betreiben? Welche gesellschaftlichen Eigenarten und kulturellen Phänomene lassen sich mit Risikosport in Verbindung bringen?

2.3.3.1. Risikosport und (Risiko)Gesellschaft

Nach Ulrich Beck lässt sich die heutige postmoderne Gesellschaft als Risikogesellschaft bezeichnen. Diese begriffliche Parallele zum Risikosport ist, wie die folgenden Ausführungen zeigen werden, kein Zufall.

„In Risikogesellschaften werden mit der Geschwindigkeit und der Radikalität von Modernisierungsprozessen die Folgen der Erfolge von Modernisierung zum Thema“ (Beck, 2007, 24).

Mit anderen Worten ist die Risikogesellschaft eine Folge der voranschreitenden Modernisierung unserer Gesellschaft und wird nach der Industrialisierung daher auch als ‚zweite Moderne’ bezeichnet. (Beck, 2007) Der von Ulrich Beck 1986 eingeführte Begriff steht für eine Ausprägung der industriellen Gesellschaft, die sich im Zuge der voranschreitenden Technologisierung mit immer mehr Chancen, aber gleichzeitig auch mit vorher nicht dagewesenen Risiken konfrontiert sieht. (Beck, 1986) Die Risiken sind in vielen Fällen nicht gewollte Nebenprodukte des gesellschaftlichen Modernisierungsstrebens. Dies drückt sich in ganz unterschiedlichen Phänomenen unserer Zeit aus. Die Nutzung von Atomkraft zur Stromgewinnung mit bekannten, aber lange ignorierten, ungelösten und unkontrollierbaren Risiken (Beck, 2007), die uns durch Tschernobyl und Fukushima in Ansätzen bewusst gemacht wurden, ist eines davon. Weitere Risiken sind z. B. der unsere Erde u.a durch steigenden CO2-Ausstoß in Folge von stetig wachsender Industrieproduktion, zunehmendem weltweitem Mobilitätsstreben und dem damit verbundenen CO2 - Ausstoß bedrohende Klimawandel, sowie die Gentechnik, medizinische und andere technische Entwicklungen mit unbekannten Folgen. Auch der spätestens seit dem 11. September 2001 allgegenwärtige, globale Terrorismus, sowie aus ihm begründete Kriege und Konflikte, können zu den Risiken der Risikogesellschaft gezählt werden. Diese Liste der Beispiele lässt sich fortführen. (Beck, 2007, Hillmann, 2007) So geartete Risiken zeichnen sich dadurch aus, dass sie „1) örtlich, zeitlich und sozial nicht mehr eingrenzbar, 2) nicht zurechenbar nach geltenden Regeln von Kausalität, Schuld und Haftung [und] 3) weder kompensierbar noch versicherungsfähig“ (Hillmann, 2007, 754) sind. Im Gegensatz zu vorhergegangenen Gesellschaftsformen verteilen sich die Risiken der Risikogesellschaft also, unabhängig von sozialem Status und Lebensraum, gleichmäßig auf all ihre Mitglieder. (Hillmann, 2007; Rummelt, 2003; Beck, 1986) Die dadurch entstehenden Risiken entspringen nicht mehr unbeeinflussbaren Größen wie Religion, Natur oder Aberglaube, sondern sind auf menschliche Entscheidungen in Wissenschaft, Industrie und Politik zurückzuführen. (Beck, 2007) In der Summe dieser Faktoren entstehen Ängste und Unsicherheiten, die dazu führen, dass Sicherheit zum Grundbedürfnis der Menschen avanciert. (ebd., 2003) „Der Umgang mit Angst und Unsicherheit wird in der Risiko-Gesellschaft zu einer zivilisatorischen Schlüsselqualifikation“ (Rummelt, 2003, 204)

Typische Modernisierungsprozesse, die Einfluss auf die Entstehung der Risikogesellschaft hatten und haben sind „Individualisierung, Pluralisierung, Differenzierung und Globalisierung“ (Rummelt, 2003, 206). (ebd.) Im Risikosport finden sich vor allem Aspekte der Individualisierung und der Pluralisierung wieder, die aus diesem Grund hier herausgegriffen und genauer erläutert werden sollen.

Die zunehmende Individualisierung hat für die (Risiko)Gesellschaft offensichtliche Folgen:

1. Ein Aufbrechen der traditionellen sozialen Strukturen, d.h. soziale Zugehörigkeiten zu Ständen, Klassen oder Schichten verlieren an Bedeutung, genauso wie die Familie in der Risikogesellschaft zum „widerspruchsvolle[n] Zweckbündnis, zum geregelten Emotionalitätsaustausch auf Widerruf“ (Beck, 1986, 209) wird. (Rummelt, 2003)
2. In Folge der Individualisierung entstehen neue gestalterische Freiräume. Der gesellschaftliche Wandel hat Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen. Die zunehmende zeitliche und räumliche Flexibilität von Arbeitsabläufen beeinflusst die Freizeitgestaltung und das soziale Umfeld des Individuums. Gleichzeitig sind die Menschen durch den Rückgang gesellschaftlich vorgegebenen Lebenssinns selbst für die Herausbildung einer Identität und für die individuelle Sinngebung zuständig. (Beck, 1986, Göring, 2006)

Mit den daraus entstehenden Möglichkeiten sind auch die Anforderungen an das Individuum gestiegen sich in der individualisierten Welt selbst zu finden, selbst zu definieren und so eine Persönlichkeit zu entwickeln. (Bette, 2004) Beck fasst den Begriff der Individualisierung daher wie folgt zusammen

„Individualisierung meint erstens die Auflösung und zweitens die Ablösung industriegesellschaftlicher Lebensformen durch andere, in denen die einzelnen ihre Biographie selbst herstellen, inszenieren, zusammenschustern müssen [...]“ (Beck, 1993, 179)

An den Bedeutungsverlust traditioneller sozialer Zuordnungen zu einer Gruppe schließt sich damit der Aspekt der Pluralisierung an. Gemeint ist, dass sich für das Individuum in der Folge der Auflösung eben dieser traditionellen Zugehörigkeiten, in die man hineingeboren wurde, neue, vielfältigere soziale und kulturelle Zuordnungsmöglichkeiten ergeben, in die man sich selbst einordnen muss. Diese Entwicklung spiegelt sich in der Zunahme kultureller Angebote und wachsender Mitgliedszahlen in Sportvereinen oder auch in der Zunahme informell organisierter Sportarten wider. (Bette, 2004; Göring, 2006).

Diese Entwicklungen der Individualisierung und er Pluralisierung drücken sich in dem Begriff der „Bastelbiographie“ (Hitzel, zitiert nach Beck, 1993, 179, Hervorhebung durch die Verfasserin) aus.

Der Druck, sich seine Biographie selbst erarbeiten zu müssen und seine Individualität vor dem Rest der Gesellschaft zu beweisen, führt zu immer neuen Selbstverwirklichungsmöglichkeiten (z.B. Risikosport) innerhalb der Gesellschaft. (Bette, 1999)

So kann der Risikosport „im Rahmen der individuellen Orientierungslosigkeit mit seinen vielfältigen Erlebnismöglichkeiten [...] zu einer individuellen Sinnquelle erhoben werden.“ (Göring, 2006, 171f) und dem Rückgang gesellschaftlich vorgegebener Sinngebungen entgegenwirken.

Gleichzeitig ordnet sich das Individuum durch sein Interesse für den Risikosport einer neuen, nicht traditionellen Gruppe, bzw. „Szene“ zu und sorgt so für ein Beispiel für Pluralisierung.

Aus dem Begriff Risikogesellschaft könnte man den Schluss ziehen, dass ihre Mitglieder zunehmend Risiken ausgesetzt sind. Was einerseits stimmt, doch sind diese Risiken im Vergleich zu sportlichen Risiken nicht greifbar und damit weder von einem Individuum alleine weder beherrschbar, noch beeinflussbar – Bonß bezeichnet sie daher als „Gefahren zweiter Ordnung“ (Bonß,1995, 80). (ebd.) Das Bedürfnis nach Spannung, wie es beispielsweise von Zuckerman im Rahmen seines Sensation Seeking Konzeptes (vgl. Kapitel 2.3.2.1) beschrieben wird, kann mit diesen eher vage erscheinenden Risiken nicht befriedigt werden. Das Leben wird in Folge dessen als langweilig, spannungsarm und übersichert wahrgenommen (Neumann, 1999) Aus diesem Grund suchen die Menschen nach alternativen, greifbaren, individuell beeinflussbaren Risikoquellen und finden diese im Risikosport. (Bette, 2004)

Neben der Erfüllung sozialer Bedürfnisse der in der Risikogesellschaft lebenden Menschen, wird im Risikosport für das (Über)Leben in der Risikogesellschaft trainiert. Denn „durch identische Strukturanforderungen zwischen der Risiko-Gesellschaft und dem Risiko-Sport, aber – bedingt durch positive Risikosportverständnisse – unterschiedlicher Risikowahrnehmungen sind wesentlich individuelle und systemspezifische Transfereffekte vom Risiko-Sport zum Leben in der Risikogesellschaft möglich.“ (Rummelt, 2003, 218)

2.3.3.2. Soziologische Perspektive auf das System Risikosport

Pluralisierung wird dadurch deutlich, dass sich die Mitglieder der „Risikosport-Szene“ über ihr sportliches Interesse hinaus durch bestimmte Merkmale vom Rest der Gesellschaft abgrenzen. Was genau zeichnet also einen Risikosportler aus?

Diese Frage wird von Rummelt wie folgt beantwortet. Risikosportler gehören „soziokulturell zur mittleren bis oberen Mittelschicht [...]. Sie sind trendige Vertreter der „X und @-Generation“, die nichts anderes als Wohlstand kennen gelernt haben. Es sind überwiegend Studenten, Singles, Selbstständige und Manager, deren sportive, nonkonformistische, erlebnis- und risiko-orientierte Lebensstilindikatoren Fitness, Coolness und Cleverness heißen. [...] Sie sind leistungsbereit, flexibel, zuverlässig, mobil und lieben Action, Party und das Internet.“ (Rummelt, 2003, 208)

Dieser etwas ironisch anmutenden Definition des typischen Risikosportlers ist erstens hinzuzufügen, dass es sich bei der Mehrheit der hier beschriebenen Risikosportler um Männer handelt. (Göring, 2006, Kolip, 2002, Raithel, 2004) Zweitens darf an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass (sportliches) Risikoverhalten vermehrt bei Jugendlichen zu beobachten ist (Raithel, 2004, Schumacher & Hammelstein, 2004). Beide Zusätze werden von Zuckerman mit Forschungsergebnissen zum Persönlichkeitsmerkmal Sensation Seeking (vgl. Kaptiel 2.3.2.1. bestätigt und gleichzeitig begründet.

„sensation seeking is higher in men than in women, rises between ages 9 and 14, peaks in late adolescence or early 20s and declines steadily with age thereafter“ (Ruch & Zuckerman, 2001, 101)

Diese Aussage bezieht sich zunächst ganz allgemein auf Risikoverhalten, zu dem aber auch der Risikosport zählt. (Raithel, 2004)

Ein Grund, warum Risikosport vermehrt von Männern betrieben wird, führt zurück zur Individualisierungsthese und damit zur Herausbildung einer individuellen Persönlichkeit in Abgrenzung zu anderen. Elementarer Teil dieses Prozesses ist es sich gegenüber dem anderen Geschlecht abzugrenzen. (Raithel, 2004, Göring, 2006) Dieser Abgrenzungsprozess ist bei Männern deshalb ausgeprägter als bei Frauen, weil sie sich aktiv von ihren meist weiblichen Bezugspersonen der Kindheit (Mütter, Erzieherinnen etc.) abgrenzen müssen. (Göring, 2006) Zur Darstellung von Männlichkeit bieten sich laut Raithel delinquente Risikoverhaltensweisen wie Gewalt oder Drogenkonsum an (Raithel, 2004). Der Risikosport stellt dazu eine legale, ebenso wirksame Alternative dar. (Göring, 2006)

Die „Jugendphase gilt als eine Lebensspanne vermehrten Risikoverhaltens“ (Raithel, 2004, 9) Doch warum? Jugendliche befinden sich in einer Lebenswelt zwischen Kindes- und Erwachsenenalter, die durch zeitweilige Orientierungslosigkeit, neue Verhaltensanforderungen, den damit verbundenen Ungewissheiten sowie dem Austesten des gesellschaftlich Möglichen gekennzeichnet ist. Zur souveränen Bewältigung dieser Probleme verfügen die meisten Jugendlichen aber noch nicht über ausreichende Kompetenzen. (Raithel, 2004) Zur vermeintlichen Problemlösung wird durch riskante Verhaltensweisen versucht sich mit scheinbar erwachsenen Verhaltensweisen seiner neuen gesellschaftlichen Rolle zu nähern (Raithel, 2004). Auch hier können riskante Verhaltensweisen im Allgemeinen und Risikosport im Speziellen als Individualisierungs- und Abgrenzungsinstrument zu anderen Gesellschaftsgruppen gesehen werden. Damit sind Risikoverhaltensweisen ein Teil der Sozialisation und tragen auf dem Weg vom Kindes- ins Erwachsenenalter zur Erfüllung sogenannter Entwicklungsaufgaben[8] bei. (Raithel, 2004)

Die Aussage „Extremsport ist mehr eine Lebensform als eine Sportart.“[9] (Opaschowski, 2000, 93) deutet auf ein weiteres soziologisches Merkmal der Risikosports hin, die Stilisierung (vgl. Tab. 3), die mit der Überschneidung von Risiko- und Trendsport einher geht und individualisierende Funktionen erfüllt.

Mit dieser Betrachtung der Risikosports aus soziologischer Sicht ist die Suche nach Motiven und Begründungen für den Risikosport abgeschlossen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass anthropologische, psychologische und soziologische Faktoren dem Risikosport Sinn geben und ihn begreifbarer machen. Wenngleich selbstverständlich nicht alle der hier aufgeführten Begründungen für jeden Menschen gleichermaßen gelten.

2.4. Die sportliche Risikosituation

Wie bereits erläutert, lebt der Risikosport von situativen Veränderungen der Art, dass eine sichere Umgebung zugunsten einer unsicheren aufgegeben wird. (Schleske, 1977; Göring, 2006) Die Unsicherheit besteht im risikosportlichen Kontext darin, dass für den Sportler nicht absehbar ist, wie sich eine Situation entwickeln wird. Sein Ziel ist immer die erfolgreiche Bewältigung, doch auch ein Scheitern ist möglich. (Schleske, 1977; Göring, 2006)

Genau dort, wo das individuell als sicher Empfundene verlassen wird und das Unsichere beginnt, befindet sich die Grenze, deren Überschreitung das Risiko ausmacht. (Luckner, Nadler, 1997) Der vom Sportler eingeschätzte Grad des Risikos ist, wie bereits erwähnt immer individuell verschieden. Entscheidend für die Beurteilung einer Risikosituation sind körperliche und psychische Voraussetzungen auf Seiten des Sportlers. (Göring, 2006)

Luckner und Nadler stellen die Grenzsituation mit Hilfe eines Kreises graphisch dar. Die folgende Abbildung, die sich in ihrem ursprünglichen Zusammenhang nicht explizit auf sportliche Grenzsituationen bezieht, wird von Scholz (2005) auf solche übertragen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Grenzüberschreitung (Luckner und Nadler, 1997, 29 zitiert nach und leicht abgewandelt durch Scholz, 2005, 17)

Dargestellt ist die Sichere Zone, die „Comfort Zone“, im Inneren des Kreises, die unter anderem mit den Adjektiven bekannt, vertraut, sicher, ungefährlich, sorgenfrei und berechenbar beschrieben wird. Das „New Terretory“, also das Unbekannte, Unvorhersehbare, Unerwartete, Riskante befindet sich außerhalb des Kreises. Getrennt sind beide Bereiche durch die Grenze, deren Durchbrechen mit einem geraden Pfeil gekennzeichnet ist, an dessen Ende der Erfolg steht,. Der Pfeil, der das Scheitern symbolisiert, prallt hingegen an der Grenze ab und verbleibt so in der „Comfort Zone“. (Luckner & Nadler, 1997; Scholz, 2005)

Damit ist die risikosportliche Grenzsituation an sich zwar ausreichend erläutert, über den genauen Ablauf und die Prozesse einer solchen Situation ist jedoch noch nichts gesagt. Das soll mit der anschließenden Erläuterung der Modelle Neumanns und Görings erfolgen.

2.5. Idealtypischer Verlauf einer risikosportlichen Handlungssituation

Neumann gliedert den „idealtypischen Handlungsprozess des Wagens“ (Neumann, 2011, 19) im Zuge der Betrachtung des Wagnissports in drei Schritte: „das Aufsuchen, das Aushalten und das Auflösen“ (ebd.). Durch die Bedeutungsnähe der Begriffe Risiko- und Wagnissport spricht nichts dagegen diesen Verlauf auf den Risikosport zu übertragen.

Im ersten Schritt, dem Aufsuchen, muss eine Situation hergestellt werden, die ein Risiko oder Wagnis enthält. Dies kann laut Neumann auf drei verschiedene Weisen geschehen:

1. können bestehende, in ihrer normalen Funktion nicht risikobehaftete Gegebenheiten zu solchen umfunktioniert werden, wie es beispielsweise in der Sportart Parcour praktiziert wird. (Neumann, 2011)
2. schaffen eigens für Wagnisse und Risiken errichtete Anlagen, wie z.B. eine künstliche Kletterwand, gute räumliche Voraussetzungen für die Herstellung einer Risikosituation. (ebd.)
3. gilt es Risiken und Wagnisse auch in „sportlich nicht vordefinierten Handlungssituationen“ zu erkennen. Mit anderen Worten soll man sich auch dann eines Wagnisses oder Risikos bewusst werden, wenn die Situation nicht künstlich herbeigeführt wurde. (ebd.)

Wird eine Risikosituation von einem Sportler erkannt und als Herausforderung zur motorischen Bewältigung angenommen, ist die erste Phase, das Aufsuchen, bewältigt. (ebd.)

Im zweiten Schritt, dem Aushalten , gilt es nun die in der spezifischen Handlungssituation gestellten Aufgaben motorisch und psychisch zu bewältigen bzw. durch- und auszuhalten. Risiko- bzw. wagnissportliche Situationen zeichnen sich in den meisten Fälle dadurch aus, dass sie, hat man sich einmal entschieden, nicht abgebrochen werden können (vgl. Situationsdruck Tab.1). (ebd.) Ist beispielsweise beim Ski- oder Snowboardfahren die Entscheidung für das Fahren einer schwarzen Piste gefallen, ist ein Umkehren so gut wie nicht mehr möglich. „Das Aushalten bezieht sich [...] auf vorhandene oder auszubildende motorische, emotionale, kognitive und soziale Fähigkeiten.“ (Neumann, 2011, 20)

Als letzter Schritt erfolgt das Auflösen , d. h. die Risiko- bzw. Wagnissituation muss zu Ende gebracht werden. Das bezieht sich zum einen auf die motorische Komponente – die Bewegungsaufgabe muss z.B. durch das Erreichen der Liftstation am Ende der schwarzen Piste abgeschlossen werden, aber auch auf die mentale Auseinandersetzung mit einer solchen Risikosituation. Für den psychischen Abschluss bietet sich im pädagogischen Rahmen ein geleitetes Reflexionsgespräch an. (Neumann, 2011)

Ausgangspunkt des weit ausführlicheren Models von Göring sind die bereits erläuterten psychologischen, anthropologischen und soziologischen Theorien. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und deren Einflüsse auf den Risikosport bedingen die personalen und situativen Faktoren, die die Wahrnehmung der Situation grundlegend beeinflussen. (Göring 2006)

Der darauf folgende idealtypische Situationsverlauf gliedert sich in sechs Stufen, von denen vier die meist im Inneren ablaufende Vorbereitung auf die Realisierung einer sportlichen Risikohandlung beschreiben. Diese ersten vier Stufen beinhalten Teile dessen, was Neumann in seinem nur dreigliedrigen Modell mit „Aufsuchen“ betitelt. Göring differenziert hier zwischen

1. Der Wahrnehmung der Situation als Gefahr auf drei Ebenen, der physiologischen (z.B. Anstieg der Pulses, Schwitzen etc), der emotionalen (Angst oder Hochgefühle) und der kognitiven (Herstellung einer Verbindung und Übertragung von Erfahrungen und/oder Erkenntnissen aus ähnlichen bereits erlebten Situationen), (Göring, 2006)
2. Der Analyse der Situation durch einen „Abgleich der wahrgenommenen Gefahrindikatoren mit den persönlichen Vorstellungen, Wünschen und Bedingungen“ (Göring, 2006, 241), die durch diese subjektive Beurteilung von Gefahren zu Risiken werden. (ebd.)
3. Anhand der vorhergegangenen Schritte findet nun ein Abwägungsprozess statt, an dessen Ende eine Entscheidung für die Motivbefriedigung oder für die körperliche Unversehrtheit fällt. Letzteres drückt sich in der Wahl einer Handlungsalternative oder, z.B. dem Ausstieg aus der Situation aus. Im Falle der Durchführung oder der Entscheidung für eine Handlungsalternative folgt
4. ein Handlungsplan. Wobei berücksichtigt werden muss, dass situative Veränderungen während der Realisation der Handlung keine 100%ige Planung der Abläufe zulassen. (ebd.)
5. Erst jetzt erfolgt die tatsächliche Umsetzung unter Zuhilfenahme motorischer Fähigkeiten und Fertigkeiten, an deren Ende eine erfolgreiche Motivbefriedigung oder aber ein Misslingen in Form von Frustration, Verletzungen etc. festgestellt werden kann. (ebd.)

[...]


[1] Schülerinnen und Schüler

[2] von Kurt Hahn geprägter erlebnispädagogischer Ansatz, das sich mit (natur-)sportlichen und sozialen Herausforderungen positiv auf das gesellschaftliche Verhalten Jugendlicher auswirken soll. (Neumann, 1999a)

[3] erlebnispädagogische Methode mit ähnlicher Zielsetzung wie Outwardbound, jedoch von der Natur in den Lebensraum Stadt verlegt; vorwiegend nicht-sportlichen Inhalte (Neumann, 1999a)

[4] von Ziegenspeck in Anlehnung an Hahn entworfenes Konzept, das mit Hilfe des Segelsports gesellschaftliche soziale Defizite bei Kindern und Jugendlichen ausgleichen soll. (Neumann, 1999a)

[5] Der Begriff Ordal bezeichnet ein „Gottesurteil (im Mittelalterlichen Recht)“ (Duden, 1997, 575)

[6] Die Anthropologie ist die „Wissenschaft vom Menschen“ (Brockhaus, 2006, 653). Um den Menschen und sein Wesen zu erforschen nutzt die Anthropologie den Vergleich zu anderen Lebewesen. Wichtige Schlüsse werden beispielsweise aus der Gegenüberstellung von Mensch und Tier gezogen. (ebd., 2006)

[7] „Nowhere else I can feel as alive as I do when I reach my limits on the mountains I love“

[8] mit welchen Entwicklungsaufgaben sich Jugendliche konfrontiert sehen und welche Funktion das Risikoverhalten in diesem Zusammenhang hat, ist bei Raithel (2004) ab Seite 59 nachzulesen.

[9] Der Begriff Extremsport wird hier, nicht wie in Kapitel 2.2 vorgeschlagen, sondern synonym mit dem Begriff Risikosport verwendet.

Details

Seiten
160
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656844273
ISBN (Buch)
9783656844280
Dateigröße
3.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v264970
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Institut für Sportwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
risikosport welt eine studie umsetzung risikosituationen bildschirmspielen beispiel snowboarden

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Titel: Risikosport in der realen und virtuellen Welt?