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Heinrich Heines 'Harzreise'. Die Verwendung romantischer Motive

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Romantik und ihre literarischen Motive

3 Heines Harzreise

4 Schluss

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

ÄBey Gelegenheit der Liebe könnte ich wieder alle großen Männer citiren, die keinen Tabak geraucht haben, z.B. Cicero, Justinian, Goethe, Hugo, Ich“1 - Dies sind Wor- te, die der junge Heinrich Heine in seinem in den 1920er Jahren verfassten Werk Ideen. Das Buch Le Grand gebrauchte - Worte, die zeigen, welche Meinung der jun- ge Heine von seinem Können hatte. Auch schrieb Heine noch im gleichen Jahrzehnt die Verse: ÄIch bin ein deutscher Dichter, / Bekannt im deutschen Land; / Nennt man die besten Namen, / So wird auch der meine genannt.“2 Arrogant und vermessen mö- gen diese Worte auf einen Zeitgenossen geklungen haben von einem Dichter, der noch nicht das dreißigste Lebensjahr erreicht hatte. Jedoch konnte Heine als Schrift- steller schon früh auf sich aufmerksam machen und auch wenn heute noch sein lite- rarisches Schaffen oft kontrovers diskutiert wird und die Meinungen zu seiner Person weit auseinandergehen, findet man seinen Namen stets, wenn die wichtigsten Litera- ten der letzten Jahrhunderte aufgezählt werden.

Erstmals veröffentlicht wurde die Harzreise Anfang 1826 in der Zeitschrift Gesell- schafter.3 Aufgrund enormer Streichungen, die Heine selbst sehr erzürnten, erschien sie kurze Zeit später in Buchform im ersten Teil der Reisebilder. Dieser umfasst in seiner im Mai 1826 veröffentlichten Erstauflage neben der Harzreise die Texte Die Heimkehr und Die Nordsee.4 Den Skandal, den die Veröffentlichung des Buches mit sich brachte und Heine zu großer Bekanntheit als Schriftsteller verhalf, ist jedoch auf den Text der Harzreise zurückzuführen. Wegen zeitgenössischer Rezensionen, diver- sen Zensuren, Reaktionen sowie einer neuen Buchart und einer Vielzahl von Diffe- renzen zwischen Heine und einem Verleger, gab es eine Vielzahl von Problemen mit der Veröffentlichung der Reisebilder; so wurde der erste Teil noch zu Lebzeiten Hei- nes in insgesamt fünf Auflagen gedruckt.5 Heine prägte zwar mit den Reisebildern den Gattungsbegriff des Reiseberichts, doch ist dem Leser ersichtlich, dass Heine nicht nur seine Reise dokumentieren wollte, sondern die Gattung der Reiseberichte als Mittel nutzte, seiner politisch-sozialen Polemik Ausdruck zu verleihen.6

Grundlage für das Schreiben der Harzreise war eine von Heine selbst durchgeführte Fußwanderung, die er als 26-jähriger Student in den Semesterferien unternahm und ihn von Göttingen, über Osterode, Clausthal-Zellerfeld, Goslar, dem Brocken, Ilsen- burg, Halle, Jena, Weimar, Erfurt, die Wartburg, Kassel bis nach Göttingen zurück führte.7 Da der Erzähler8 der Harzreise eine autodiegetische Position mit fester inter- ner Fokalisierung einnimmt, dieselbe Route einschlägt wie es Heine selbst tat und der Text in der ersten Person verfasst ist, sind die autobiographischen Züge nicht zu leugnen. Inwiefern jedoch die Geschehnisse und Figuren der Wirklichkeit entspre- chen, ist unklar; da die Figuren jedoch konsequent stereotyp humoristisch- klischeehaft gehalten sind, ist ihre reale Existenz unwahrscheinlich. Im Gegensatz zu Heines wochenlanger Reise, bricht die Erzählung schon in Ilsenburg nach sechs Ta- gen abrupt ab. Somit wird etwa auch der Ort Weimar ausgespart, in dem Heine ein für beide Seiten sehr enttäuschendes Treffen mit Johann Wolfgang von Goethe, das als wirklicher Grund für die Reise gilt, erlebte.9 Trotz der Ernüchterung seiner Reise konnte sich Heine mit der Harzreise zu einer Äliterarischen Berühmtheit“10 machen.

Thema dieser Hausarbeit ist die Verwendung von romantischen Motiven in der Harzreise. Dabei wird zunächst ein grober Umriss um die Epoche der Romantik, mögliche Einteilungen dieser in Epochenabschnitte sowie typische Stilmittel und Vertreter gemacht, um anschließend den Fokus auf die Analyse der Harzreise zu legen. Hierbei bietet sich eine weitestgehend chronologische Vorgehensweise an, da das zentrale, romantische Motiv der Harzreise - die Natur - vom Erzähler zu Beginn der Harzreise als Ziel seiner Reise gesetzt und im Verlauf der Handlung mehr und mehr erreicht wird. Im Rahmen dieser Hausarbeit wird eine entsprechend systemati- sche Betrachtung der von Heine benutzten romantischen Bilder und dem häufigen stattfindenden Bruch mit diesen angestrebt, um zu zeigen, inwiefern die Harzreise exemplarisch für das Schaffen des jungen Heine ist, diesen als ÄVollender und Zer- störer der Romantik“11 bezeichnen zu können. Dabei bildet der direkte Vergleich der lyrischen Passagen mit dem prosaischen Teil einen elementaren Gegenstand, da die in den Gedichten aufgebaute romantische Stimmung oft einen großen Kontrast bildet zu den nüchternen, auf simple, alltägliche Gegenstände fokussierte Erzählabschnitten, die auf die Gedichte folgen.

2 Die Romantik und ihre literarischen Motive

Die Romantik als literatur-, kunst- und musikgeschichtliche Epoche reicht insgesamt vom 18. bis ins 20. Jahrhundert. Für die Romantik als Literaturepoche ist jedoch der Zeitraum von 1790 bis 1850 einzugrenzen.12 Damit knüpft die Romantik an die Epo- chen Aufklärung, Empfindsamkeit und Sturm und Drang an, liegt zeitweise parallel zur Weimarer Klassik und überschneidet sich mit dem Aufkommen des Vormärzes sowie des Biedermeiers. Als bedeutsame Vertreter der Romantik als Literaturepoche gelten neben Heinrich Heine auch Jean Paul, Friedrich Hölderlin, Rahel Varnhagen von Ense, Karoline von Günderode, Novalis, Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, Heinrich von Kleist, Bettina von Arnim, Joseph Freiherr von Eichendorff und die Gebrüder Grimm.13 Unterteilt wird die Romantik in eine für Epochenaufteilungen populäre, wertfreie Dreiteilung in die Früh-, Hoch- und Spätromantik.14 Das dreitei- lige Modell bietet sich an, um den jeweiligen, lokalen Zentrumswechsel der Roman- tik zu berücksichtigen. So spricht man auch von der Jenaer Frühromantik, der Rom- antik in Berlin und Heidelberg und der Spätromantik in München und Wien.15 Eine andere Bezeichnung liegt mit den Begriffen Blütezeit, Ausbreitung und Verfall der Romantik vor und wurde um das Jahr 1900 von der deutschen Historikerin Ricarda Huch geprägt. Will man Heine und seine Werke trotz der ambivalenten Beziehung zur Romantik in das dreigliedrige Schema einordnen, so ist sein Werk im Rahmen der Spätromantik zu verstehen.

Um die Zahl und Varietät der romantischen Motive zu umreißen, werden im Folgen- den anhand ausgewählter Zitate von Künstlern der Romantik die zentralen Motive der romantischen Dichtung herausgefiltert. So sagt der Komponist Richard Wagner: ÄWo der gelehrte Arzt kein Mittel mehr weiß, da wenden wir uns endlich verzwei- felnd wieder an - die Natur. Die Natur, und nur die Natur kann auch die Entwirrung des großen Weltgeschickes allein vollbringen.“16 Es zeigt sich die Natur als wichti- ges Motiv; die Natur steht nach Wagner über dem Menschen und ist die einzige Kraft, die schwerwiegende Probleme der Welt zu lösen vermag. Die Natur kommt in der Romantik in vielen verschiedenen Formen vor: etwa in Form von Bäumen und Wäldern, Nachtigallen und anderen Vögeln sowie Flüssen und Seen. Joseph von Ei- chendorff sagt: Es lebe die Freiheit! - Ich meine jene uralte lebendige Freiheit, die uns in großen Wäldern wie mit wehmütigen Erinnerungen anweht, oder bei alten Burgen sich wie ein Geist auf die zerfallene Zinne stellt, jener reine kühle Lebensatem, den die Gebirgsvölker auf ihren Alpen einsaugen, dass sie nicht anders leben können, als wie es der Ehre geziemt.17

Damit beschreibt Eichendorff eine Vielzahl für den Geist der Romantik typischen Gedanken und Motive. So schreibt er von Freiheit und der Sehnsucht nach dieser. Die erstrebenswerte Freiheit verortet er einerseits in großen Wäldern als Teil der Natur, andererseits auf alten Burgen als Teil des Mittelalters. Sämtliche Themen - Sehnsucht, Freiheit, Wälder, Natur, Burgen, Mittelalter - sind Motive der romanti- schen Literatur und erscheinen in ihr vermehrt. Ein weiteres Zitat, das die Wünsche der Menschen darstellt, stammt vom Schriftsteller Wilhelm Heinrich Wackenroder: ÄIch möchte all diese Kultur im Stich lassen, und mich zu dem simplen Schweizer- hirten ins Gebirge hinflüchten, und seine Alpenlieder, wonach er überall das Heim- weh bekommt, mit ihm spielen.“18 Auch am Beispiel von Wackenroders Worten zeigt sich die Sehnsucht der Menschen nach der freien, unabhängigen Natur. Wa- ckenroder schreibt von einer Flucht aus der Kultur und sehnt sich nach den Stillen Gebirgen fernab der Zivilisation. Das letzte, hier seine Verwendung findende Zitat ist von Novalis: ÄTrägt nicht alles, was uns begeistert, die Farbe der Nacht?“19 Die Be- geisterung für die Nacht ist in der Tat weit verbreitet zur Zeit der Romantik. Das schließt das Mystische, Unbekannte und Geheimnisvolle der Nacht sowie die oft gebrauchten Motive ÄSterne“, ÄMond“ und ÄNachtigallen“ mit ein.

3 Heines Harzreise

Für den jungen Heine keineswegs unüblich ist die Harzreise teils in Prosa und teils in Lyrik verfasst.20 Ein solcher Einschub von Gedichten in Erzähltexte ist auch von vielen anderen, romantischen Schriftstellern geläufig, um eine wechselnde Darstel- lungsart der Dinge zu erreichen.21 Obwohl die Handlung eine klare Unterteilung von Tag und Nacht hat und der Erzähler eine nachvollziehbare Reiseroute mit unter- schiedlichen Ortsangaben bestreitet, existieren keine Kapiteleinteilungen, die dem Leser eine Gliederung der Harzreise erleichtern. Dafür sind die insgesamt sechs Ge- dichte in der ganzen Erzählung bewusst verteilt und erfüllen bestimmte Funktionen. So bildet etwa das Gedicht Schwarze Röcke, seid’ne Strümpfe den Anfang des Werks, während Ich bin die Prinzessin Ilse den Epilog einleitet. Zusammen formen die beiden Gedichte einen inhaltlichen und formalen Rahmen um den Handlungsver- lauf.

Dem Gedicht Schwarze Röcke, seid’ne Strümpfe sind die beiden zentralen Motive zu entnehmen, die den gesamten Text der Harzreise konsequent färben und von Heine stets antithetisch gegenübergestellt werden: die Stadt und die Natur. Das Gedicht weist insgesamt fünf Strophen auf. Jede Strophe besteht aus jeweils vier Versen, von denen sich der zweite und der dritte Vers stets reimen. Diese formale Regelmäßigkeit liegt in allen sechs Gedichten der Harzreise vor und lässt die Gedichte durch ihre lyrische Form zwar aus dem Prosatext hervorstechen, gleichzeitig werden sie aber durch ihre lesefreundliche und für Balladen übliche regelmäßige Gestalt eingeglie- dert. Das in der Stadt befindliche Lyrische Ich äußert deutlich seinen Unmut über die städtische Gesellschaft in Göttingen und formuliert den Wunsch, dieser den Rücken zu kehren, um sich der bergischen Natur zu nähern. Heine verwendet dafür eine die dritte und vierte Strophe übergreifende Anapher: ÄAuf die Berge will ich steigen.“22

[...]


1 Heine, Heinrich: Ideen. Das Buch Le Grand. In: ders.: Historisch-kritische Gesamtausgabe der Wer- ke, hg. von Manfred Windfuhr. Band 6: Briefe aus Berlin. Über Polen. Reisebilder I/II (Prosa), bear- beitet von Jost Hermand. Hamburg: Hoffmann und Campe 1973, S. 169-224, hier: S. 203-204.

2 Heine, Heinrich: Wenn ich an deinem Hause. In: ders.: Sämtliche Gedichte. Kommentierte Ausgabe, hg. von Bernd Kortländer. Stuttgart: Reclam 2006 (= RUB 18394), S. 123-124, hier S. 124.

3 Vgl. Höhn, Gerhard: Heine-Handbuch. Zeit, Person, Werk. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart: J. B. Metzler 2004, S. 191. Im Folgenden zitiert als ‚Höhn: Heine-Handbuch‘ mit entsprechender Seitenangabe.

4 Vgl. Höhn: Heine-Handbuch, S. 182.

5 Vgl. ebd., S. 181.

6 Vgl. Schuster, Jörg: Reisebericht. In: Schweikle, Günther; Schweikle, Irmgard (Hg.): Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. 3., völlig neu bearbeitete Auflage. Stuttgart, Weimar: Metzler 2007, S. 640-641, hier S. 641.

7 Vgl. Höhn: Heine-Handbuch, S. 191.

8 Zur Übersichtlichkeit und um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen, wird angenommen, dass das Lyrische Ich der Gedichte mit dem Erzähler des Prosatextes gleichzusetzen ist. Differenziert wird in dieser Hausarbeit lediglich aus formalen Gründen, da es zwei verschiedene Textgattungen sind.

9 Vgl. Höhn: Heine-Handbuch, S. 191.

10 Ebd., S. 200.

11 Waldmann, Peter: Der verborgene Winkel der sterbenden Götter. Temporalisierung als ästhetischer Ausdruck im Werk von Heinrich Heine. Würzburg: Königshausen & Neumann 2003, S. 244.

12 Vgl. Matuschek, Stefan: Romantik. In: Schweikle, Günther; Schweikle, Irmgard (Hg.): Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. 3., völlig neu bearbeitete Auflage. Stuttgart, Weimar: Metzler 2007, S. 664-666, hier S. 664. Im Folgenden zitiert als ‚Matuschek: Romantik‘ mit entspre- chender Seitenangabe.

13 Vgl. Biermann, Heinrich/ Fingerhut, Karlheinz (Hrsg.): Texte, Themen und Strukturen. Deutschbuch für die Oberstufe. Berlin: Cornelsen 1999, S. 255. Im Folgenden zitiert als ‚Biermann: Texte, Themen und Strukturen‘ mit entsprechender Seitenangabe.

14 Vgl. Matuschek: Romantik, S. 664.

15 Vgl. ebd., S. 665.

16 Biermann: Texte, Themen und Strukturen, S. 252.

17 Ebd., S. 253.

18 Ebd., S. 252.

19 Ebd., S. 253.

20 Vgl. Höhn: Heine-Handbuch, S. 181.

21 Vgl. Berkowski, N. J.: Die Romantik in Deutschland. Leipzig: Koehler & Amelang 1979, S. 26.

22 Heine, Heinrich: Die Harzreise. In: ders.: Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke, hg. von Manfred Windfuhr. Band 6: Briefe aus Berlin. Über Polen. Reisebilder I/II (Prosa), bearbeitet von Jost Hermand. Hamburg: Hoffmann und Campe 1973, S. 81-138, hier S. 83. Im Folgenden zitiert als ‚Heine: Harzreise‘ mit entsprechender Seitenangabe.

Details

Seiten
17
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656540670
ISBN (Buch)
9783656542957
Dateigröße
616 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v264838
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Schlagworte
Heinrich Heine Harzreise Romantik romantische Motive literarisch Literatur

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Titel: Heinrich Heines 'Harzreise'. Die Verwendung romantischer Motive