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Personale Identität in der Zeit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 22 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Identität in der Philosophie und die wegweisende Theorie John Lockes
2.1. Der Identitätsbegriff unter philosophischer
Betrachtung allgemein
2.2. Die Theorie John Lockes
2.3. Das Bewusstsein als entscheidendes Kriterium
2.4. Die Unterscheidung zwischen Person und Mensch
2.5. Personen besitzen den Status von Rechtssubjekten

3. Persistenz, Diachronie und Identitätsfragen im Alltag

4. Die Frage der personalen Identität im juristischen Sinne
4.1. Die Patientenverfügung – Inwieweit sollte man
dem im Vorfeld formulierten Wunsch eines Menschen
nachgeben, wenn dieser nun möglicherweise „ein
anderer Mensch“ ist?
4.2. Die retrograde Amnesie – Kann ein Täter ohne
Erinnerung als schuldfähig eingestuft werden?

5. Schlussbetrachtung

Quellen

1.Einleitung

„Blutiger Mord in Fußgängerzone!“ titelt die örtliche Tageszeitung. „Identität des Täters unbekannt.“. Doch woher wissen die Verbrechen aufklärenden Behörden, dass es sich bei einem Verdächtigen um ein und dieselbe Person handelt? Nach welchen Kriterien versuchen die Gerichtsmediziner die Identität des bei der Tat verstümmelten Opfers festzustellen? Sie, die Polizei, das Gericht haben diverse Verfahren und Testmöglichkeiten zur Identifikation und Feststellung der Identität von Menschen. Außerdem werden Personen anhand von äußeren Kennzeichen wie der Ähnlichkeit mit Phantombildern, dem Klang ihrer Stimme, ihren Zähnen, ihrer Blutgruppe, besonderen Merkmalen wie Narben, Hauteigenheiten oder schlichtweg mit Hilfe von Dokumenten wie Führerschein, Pass oder Personalausweis identifiziert. Einige dieser Methoden können zwar Anhaltspunkte für die Identität einer Person liefern, sind aber auch kaum verlässlich. Stimmen oder urkundliche Dokumente bspw. lassen sich in der heutigen Zeit vergleichsweise einfach fälschen. Desweiteren können äußere Ähnlichkeiten auch zu Personenverwechslungen führen. Sogenannte Doppelgänger oder Zwillinge besitzen zwar qualitative Identität, jedoch keine numerische. Sie sind also keineswegs ein und dieselbe Person. In unserer täglichen Kommunikation, einer intensionalen Sprache, macht man sich darüber keine oder wenig Gedanken. Die Grenzen, ob etwas gleich bleibt, sich verändert oder sogar etwas Neues entsteht, sind fließend. Wir bezeichnen Dinge oftmals als identisch, wenn sie sich nur sehr ähnlich sind. Wenn Peter und Bob beide einen gelben VW Käfer fahren, geht einem Beobachter schnell ein „Hey, Bob hat ja dasselbe Auto wie Peter!“ über die Lippen, wobei es sich bei dem gerade vorbeifahrenden Fahrzeug natürlich nicht um denselben Käfer handelt wie Peters, sondern um ein Modell gleicher Baureihe, Farbe, Klang etc.. Bei Identifikationsverfahren im Alltag, also bei der Polizei, vor Gericht u.Ä. spielt also das epistemologische Kriterium körperlicher oder äußerlicher Identität sicherlich die Hauptrolle. Personen werden anhand ihrer externen Merkmale (Haar-, Haut-, Augenfarbe, Statur, Narben, Geschlecht u.v.m.) identifiziert. Die Frage ist, ob sich personale Identität allein auf körperliche Identität gründet und eine Person damit ein bloßes Subjekt ist. Bei genauerer Betrachtung der Identitätsfrage, sprich: in der Philosophie, stellt man fest, dass diese Frage keineswegs simpel, sondern ein schwer zu umreißender Begriff ist, der über Jahrhunderte hindurch die Philosophen beschäftigt hat. Philosophisch gesehen sind Dinge nur identisch, wenn sie ein Ding bezeichnen. In der Philosophie ist es nicht so einfach Personen nur auf ihren Körper zu reduzieren, wenn die körperliche Identität als ontologisch konstitutive Bedingung von personaler Identität gesehen wird. Zwei Fragen zur numerischen Identität müssen also geklärt werden.

1) Welche Kriterien setzen wir für die personale Identität fest? Erkenntnistheoretisch ist also zu klären, wie wir wissen können, dass die Person A heute genau dieselbe Person ist, die sie in der Vergangenheit war bzw. die sie in der Zukunft sein wird.
2) Die konstitutiven Bedingungen, oder ontologisch gefragt: Was ist dafür verantwortlich, dass die Person A heute genau dieselbe Person ist, die sie in der Vergangenheit war bzw. die sie in der Zukunft sein wird. Bei der Debatte um die personale Identität gilt also zu bestimmen, ob und wann überhaupt es sich bei zwei Personen, die wir betrachten, um dieselben Personen handelt. Ich möchte in dieser Arbeit die sogenannte diachrone Identität etwas näher beleuchten, d.h. die Frage, ob eine Person zum Zeitpunkt t1mit einer Person zu einem späteren Zeitpunkt t2identisch ist. Es wird also beleuchtet, ob Marcus mit fünf Jahren mit dem gerade in Rente gegangenen Marcus identisch ist, oder ob der Verbrecher von damals noch mit dem heutigen Menschen gleichgesetzt werden kann. Zunächst werde ich kurz allgemein darauf eingehen, was wir in der Philosophie unter Identität verstehen. Dann möchte ich die Gedanken des englischen Philosophen John Locke darlegen, der sich als einer der wegweisenden Denker mit diesem Thema intensiv beschäftigt hat. Mithilfe einiger Gedankenexperimente möchte ich dann – auch etwas aus strafrechtlicher Sicht – versuchen herauszufinden, ob es bindende und maßgebende Kriterien zur Feststellung bzw. Definition personaler Identität gibt und letzten Endes aufzeigen, dass diese Diskussion, wie bereits angesprochen, in einer Aporie endet. Den strafrechtlichen Aspekt möchte ich deshalb betrachten, weil man beim Begriff der personalen Identität aus praktischer Sicht auf ähnliche Probleme stößt, wie wenn man ihm sich aus theoretischer Sichtweise nähert.

2.Identität in der Philosophie und die wegweisende Theorie John Lockes

2.1. Der Identitätsbegriff unter philosophischer Betrachtung allgemein

Nach philosophischer Betrachtungsweise ist der Sachverhalt also etwas komplexer als bei der Frage nach Peters oder Bobs Käfer. Philosophisch gesehen sind zwei Dinge nämlich nur dann als identisch zu bezeichnen, wenn sie ein und dasselbe Ding kennzeichnen. Die Identität gehorcht zunächst der Regel der Reflexivität, d.h. ein Gegenstand ist mit sich selbst identisch, sodass sie nur zwischen einem Ding und diesem selbst existieren kann. Weiterhin unterliegt die Identität der Substitutivität, was aussagt, dass, wenn eine Aussage A über x gilt und x und y identisch sind, die Aussage A ebenfalls für y gilt. Identität ist ein spezieller Fall der Gleichheit und es wird auch von totaler oder absoluter Gleichheit gesprochen. Aus den Prinzipien von Reflexivität und Substitutivität folgen Symmetrie (ist x mit y identisch, ist auch y mit x identisch) und Transitivität (ist x identisch mit y und y identisch mit z, dann folgt daraus, dass auch x und z identisch sind). Der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), der ein Zeitgenosse Lockes war, hat das nach ihm benannte Leibnizsche Gesetz formuliert, welches besagt, dass zwei Dinge nur identisch sein können, wenn all ihre Eigenschaften übereinstimmen. Die intensionalen Ausdrücke unserer Umgangssprache setzen das Identitätsprinzip, wie oben bereits angedeutet, häufig außer Kraft. Ich möchte die menschliche Persistenz, also unser Existieren über die Zeit hinweg, etwas näher beleuchten, womit man zwangsläufig zum Stichwort der personalen Identität kommt. Bei dieser wird – im Gegensatz zur logischen und ontologischen Betrachtungsweise – keine vollständige Übereinstimmung von Eigenschaften und Dingen gefordert, sondern eine gewisse Eigenreferenz. Es geht also um die Frage, was eine Person ist, was man darunter versteht, wodurch eine Person definiert wird und ob eine Person über die Zeit hinweg dieselbe bleibt oder nicht. Hierbei dürfen sich allerdings durchaus viele der Eigenschaften ändern. Früher wurden beim Thema der personalen Identität häufig Termini wie das Ich, die Person, das Selbstbewusstsein oder das Subjekt verwendet, die in aktuellen Diskussionen durch den Begriff der personalen Identität ersetzt wurden. [1] Es stellen sich also Fragen. Ist Identität absolut oder relativ? – Kann ein Mensch derselbe sein wie vor zehn oder dreißig Jahren, aber in einer anderen Hülle stecken? Ist Identität vorübergehend? – Kann ein Mensch zum Zeitpunkt t1mit einer Materie identisch sein, zum Zeitpunkt t2aber mit einer anderen Masse? Kann Identität bei zeitlich getrennten Dingen existieren? – Bin ich derselbe Mensch, der vor zehn Jahren sein Abitur abgelegt hat?

2.2. Die Theorie John Lockes

Beschäftigt hat sich mit dem Problem der personalen Identität auch der englische Philosoph John Locke (1632-1704), einer der Hauptvertreter des Empirismus und einer der wichtigsten und einflussreichsten Vertreter der Aufklärung, der das Problemfeld der personalen Identität erstmals aufgeworfen hat. Wenn man sich mit diesem Thema auseinandersetzt, kommt man am Briten nicht vorbei. Bis heute hat sich größtenteils die Meinung durchgesetzt, dass die Sichtweise Lockes im Großen und Ganzen durchaus richtig sei. Laut Locke ist es unmöglich, dass zwei Dinge von derselben Art am selben Ort existieren können. Ein Ding kann sich zu einem Zeitpunkt nur allein an diesem Ort befinden, womit es zu dieser Zeit an diesem Ort identisch mit dem einzigen anderen Ding, das sich dort befindet, nämlich sich selbst, ist. Diesen Ort bekommt jedes Wesen durch seine Existenz selbst zugeschrieben. Vom Seelenbegriff, der in der metaphysischen Theorie eine zentrale Rolle spielt, distanziert sich Locke, weil man ihn seiner Ansicht nach mit dem menschlichen Verstand weder bejahen noch verneinen kann, weil die Gewissheiten über die Existenz einer Seele einfach fehlten. Aus diesem Fehlen von Gewissheit eine Existenz oder Nichtexistenz abzuleiten, ist für Locke schlichtweg nicht möglich. Eines der Merkmale, das die menschliche Subjektivität kennzeichnet, sei die Fähigkeit zur Reflexion der eigenen geistigen Zustände und Handlungen. Diese Fähigkeit zur Reflexion und Vernunft sieht er nicht in der Seele bedingt, sondern ob dem Bewusstsein eine materielle oder immaterielle Substanz zukommt, sei unwichtig. Der Besitz dieser Fähigkeit zur Reflexivität ist es auch, was per definitionem eine Person ausmacht, die „ein denkendes, verständiges Wesen, das Vernunft und Überlegung besitzt und sich selbst als sich selbst betrachten kann“[2] sei.

[...]


[1] siehe Mittelstraß, Jürgen (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Verlag J. B. Melzer, Stuttgart 2008.

[2] Locke, John: Über den menschlichen Verstand, Buch II, Kapitel 27 § 9, S. 419. Akademie-Verlag, Berlin 1968.

Details

Seiten
22
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656542018
ISBN (Buch)
9783656542988
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v264634
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Philosophie
Note
2,4
Schlagworte
Identität Theoretische Philosophie Jura Persistenz Philosophie Juristiktion Recht Rechtsphilosophie Philosophie des Rechts Perduranz

Autor

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Titel: Personale Identität in der Zeit