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Das Lohnverhältnis nach der Krise

Postfordistische Entwicklungswege aus der Perspektive der Regulationstheorie

Bachelorarbeit 2013 30 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Globalisierung, pol. Ökonomie

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung
1.1 Thesen und Fragestellung
1.2 Methode

2. Regulationstheorie
2.1 Akkumulationsregime und Regulationsweise
2.2 Institutionelle Formen

3. Akkumulationsregimes
3.1 Fordismus
3.1.1 Akkumulation und Regulation
3.1.2 Das fordistische Lohnverhältnis
3.1.3 Krise des Fordismus
3.2 Post-Fordismus
3.2.1 Markt statt Monopol
3.2.2 Das postfordistische Lohnverhältnis
3.2.2.1 Partizipierende Arbeitsformen
3.2.2.2 Einbindungen von Arbeitskräften
3.3 Finanzmarkt-Kapitalismus
3.3.1 Shareholder Value
3.3.1.1 Corporate Governance
3.3.1.2 Unternehmenssteuerung im Shareholder Value
3.3.2 Die Bedeutsamkeit von Finanzmärkten
3.3.2.1 Krise des Finanzmarkts
3.3.2.2 Folgen für die Realwirtschaft

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

„Mit Kapital ist die Möglichkeit gegeben, sich die kollektiv produzierten und akkumulierten Mittel zur realen Überwindung der anthropologischen Schranken anzueignen.“

Pierre Bourdieu

1. Einleitung

Regulation findet in unserem Sprachgebrauch mehrere Bedeutungen: Einstellen, Normierung, Nachstellen und viele mehr. Die Verwendungen für den Begriff sind vieldeutig und bezeichnen Regulation als Schnitt- und Schaltzentrale bestehender Verhältnisse, die aufgrund von unterschiedlichen Kräfteverhältnissen einer ständigen Transformation unterzogen sind. Lassen wir uns dies anhand eines einfachen Beispiels erklären:

In einem Spiel treten zwei Mannschaften gegeneinander an. Beide Mannschaften sind an Regeln gebunden, damit das Spiel nicht durch beliebige Entscheidungen der jeweiligen Mannschaft in ein ungleiches Verhältnis treten kann. Ein Schiedsrichter hat die Aufgabe sicherzustellen, dass beide Mannschaften diese Regeln befolgen und kann unrechtmäßiges Verhalten sanktionieren. Mittels seiner Entscheidungen trägt ein Schiedsrichter zu einem nahezu reibungslosen Ablauf des Spiels bei. Unterschiedliche Kräfteverhältnisse kann ein Schiedsrichter nicht beeinflussen, aber zugunsten beider Mannschaften beurteilen und durch Entscheidungen nachstellen, einstellen und normieren. Dabei treten im Laufe eines Spiels beide Mannschaften in ein Abhängigkeitsverhältnis, das durch einen Schiedsrichter beobachtet und notfalls, bedingt durch äußere Einflüsse, abgebrochen wird. Institutionen tragen dazu bei, dass solche Spiele ausgetragen werden und beteiligen sich in Form von Eingliederung in höhere Bündnisse daran, dass der Transfer- und Wissensaustausch eines jeweiligen Bündnisses zu einer weltweiten Angleichung von Normen und Werten (und nicht zu vergessen den Austragungsorten) zum Beispiel durch Wettkämpfe beiträgt und Mannschaften das gewonnene Kapital als Innovationsmotor nutzen.

In diesem Sinne ist Regulation ein Prozess, der sich durch verschiedene Stadien einer ständigen Transformation unterzieht und durch die Beteiligung unterschiedlicher Akteursinteressen zur Bildung von Normen und Werten führt, die die Akkumulation von Kapital sicherstellen. Normen und Werte fließen als Ausdruck der gesellschaftlichen Verhältnisse in Institutionen ein, wo sie mittels einer bestimmten Art und Weise der Regulation (der sogenannten Regulationsweise) die Akkumulation von Kapital durch die Reproduktion produktiver Kräfte sicherstellen.[1] Die Krise der Reproduktion bedeutet nicht das Ende eines Akkumulationsregimes, sondern bedingt stattdessen die Transformation von Institutionen, die ökonomische wie nicht-ökonomische Determinanten im wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis zueinander koordinieren und als Ausdruck dessen die Akkumulation zur Sicherstellung des gesellschaftlichen Wohlstands garantieren.

Im Sinne der Regulationstheorie werden fünf institutionelle Formen aufgestellt, die die Akkumulation von Kapital sicherstellen. Das Lohnverhältnis als institutionelle Form bildet dabei das Kernelement zur Bestimmung eines Akkumulationsregimes in einem ständigen Wechselverhältnis zwischen Kapital und Arbeit, und die kapitalistische Produktion stellt in Verbindung mit Konsum/Nachfrage die Hauptdeterminante dieses Akkumulationsregimes dar:

Abbildung 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.1 Thesen und Fragestellung

Das Lohnverhältnis bedingt sich wiederum aus dem Wechselverhältnis zwischen Produktion und Nachfrage und entwickelt seit Beginn des fordistischen Zeitalters (grob ab Ende des zweiten Weltkrieges) seine charakteristischen Merkmale wie eine hohe Produktivität in Verbindung mit einem hohen Lohn, der die ständige Nachfrage an Massengütern bedingt. Die charakteristischen Merkmale des fordistischen Zeitalters nehmen aber im Zuge gesättigter Markte rasch ab und werden im postfordistischen Zeitalter durch Flexibilisierungen im Bereich der Produktion bis hin zum Beschäftigungssektor kompensiert. Mit der zunehmenden Globalisierung werden Standorte je nach Produktionskriterien (Massenanfertigung von Standartgütern oder Herstellung qualitativ hochwertiger Produkte) zu einem wichtigen Kriterium, die wiederum das Lohnverhältnis in den betreffenden Ländern verändern (Einführung eines Niedriglohn-Sektors, Aufspaltung zwischen hochqualifizierten und Arbeitskräften ohne/geringer Qualifizierung). Mit zunehmendem Anteil der Dienstleistungsberufe im Beschäftigungssektor werden Arbeitskräfte innerhalb der Produktion weniger gebraucht als zu fordistischen Phasen.

Mit der Globalisierung wird zunehmend der Rückgriff auf externe Finanzierungsquellen sichtbar, die nicht nur dem produktiven Sektor eine stetig schrumpfende Bedeutung beimessen, sondern den Finanzmarkt als zentrale Steuerungseinheit eines sich weltweit umspannenden Netzwerks globaler Unternehmensaktivitäten nutzen, die den Finanzmarkt zur Transaktion von gewonnenem Kapital und Kapital als Innovationsgelder um den Globus senden. Mit zunehmendem Anteil von Aktien- und Wertpapierdepots entwickelt sich der Finanzmarkt-Kapitalismus auch für private Haushalte zu einer Einnahmequelle (mit der Absicht den Konsum zu steigern) und bekommt eine Eigendynamik, die mit der zunehmenden Entkopplung von der Realwirtschaft durch riskante Spekulationen am Aktienmarkt und der Herausbildung von sogenannten Blasen für Unternehmen und Staat eine Gefahr darstellt und damit für den produktiven Sektor durch die Ausrichtung am Finanzmarkt inklusive externer Finanzierungsmöglichkeiten die starke Korrelation zwischen Finanzmarkt und Realwirtschaft deutlich macht. Somit kann und wird sich der Finanzmarkt-Kapitalismus nicht als neues Akkumulationsregime herausbilden, sondern in Ergänzung zu den Flexibilisierungsmaßnahmen des Post-Fordismus als regulative Instanz eines weiterhin produktiven Sektors beitragen, der sich durch fordistische Züge auszeichnet.

1.2 Methode

Zu Anfang der vorliegenden Arbeit wird zunächst die Regulationstheorie anhand ihrer charakteristischen Merkmale beschrieben (Kapitel 2); Die Akkumulation, die institutionellen Formen sowie die Regulationsweise sollen hierbei die theoretische Basis zur Beschreibung des Akkumulationsregimes dienen (Kapitel 3), die das Lohnverhältnis in seinen groben Zügen anhand historischer wie empirischer Daten aufzeigen soll. Als Akkumulationsregimes werden zunächst der Fordismus (bis Mitte der 1970er-Jahre), im Anschluss der Post-Fordismus (bis Mitte der 1980er-Jahre) und als aktuelles Regime der Finanzmarkt-Kapitalismus oder auch das Shareholder Value-Regime (bis 2007 und darüber hinaus) dargestellt. In der Zusammenfassung (Kapitel 4) wird auf die in Kapitel 1.1 vorgestellten Thesen eingegangen und die zukünftige Entwicklung der Regulationstheorie nach Ende Finanzkrise vorgestellt. Diese Arbeit erhebt den Anspruch, eine historische, auf empirischen Daten und Interpretationen basierende Aufarbeitung der Akkumulationsregimes und dem darin liegenden Verhältnis von Kapital und Arbeit darzulegen.

2. Regulationstheorie

Michel Aglietta, ein führender Vertreter der französischen Regulationstheorie, eröffnete Mitte der 1970er-Jahre mit seinem Werk „Theory of Capitalist Regulation“ erstmals die Debatte um eine neue Kapitalismus-Theorie, deren Fokus auf die Formen kapitalistischer Produktion gerichtet ist. Die Aufgabe der Regulationstheorie besteht darin, „die Ursachen und Verlaufsformen (sozio-) ökonomischer Umbrüche und Krisenprozesse sowie deren Bearbeitung durch spezifische-politisch-institutionelle Modi der Regulation“ herauszuarbeiten und nachzuvollziehen.

Um die Akkumulation von Kapital zwischen zwei strukturellen Krisen zu deuten, benennen Aglietta und andere wissenschaftliche Vertreter soziale und ökonomische Determinanten, die zur Regulation kapitalistischer Produktion beitragen.[2] Die Regulationstheorie wird hierbei als ein „ empirisch-theoretisch unabgeschlossenes Forschungsprogramm(…).“[3] betrachtet , dessen Regulation von ökonomischen wie nicht-ökonomischen bzw. gesellschaftlichen Strukturen bestimmt wird. Aglietta erhebt dabei nicht den Anspruch einer allgemeinen Kapitalismus-Theorie, sondern stellt in Anlehnung an Marx die Erzeugung des Mehrwerts durch produktive Kräfte in den Vordergrund. In Form von gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen werden diese als soziale Determinante in den kapitalistischen Produktionsprozesses miteinbezogen. Aglietta definiert die gesellschaftlichen Kräfte als „[s]ocial relations as it creates new forms that are both economic and non-economic, that are organized in structures and themselves reproduce a determinant structure, the mode of production”.[4] Als „Social Labours“ beeinflussen sie die institutionellen Gebilde, die fünf institutionellen Formen den Akkumulationsprozess steuern und zu seiner Stabilität beitragen. Das Kapital nimmt dabei die Rolle eines bestimmenden Elements ein, das die Produktionsmittel, die Arbeitskräfte und das Produkt (zur Realisierung des Mehrwerts) als bestimmende Determinanten im Regulationsprozess umfasst. Die gesellschaftlichen Kräfte stehen als „Triebkräfte“ im Vordergrund einer kapitalistischen Regulation, die ökonomische wie nicht-ökonomische Strukturen erzeugen können, um „ökonomische Kernprozesse“[5] im ständigen Wechselverhältnis zwischen Kapital und Arbeit zu stabilisieren.

2.1 Akkumulationsregime und Regulationsweise

Regulationstheoretiker beschreiben Akkumulationsregimes als Phasen kapitalistischer Produktion, die in einen institutionellen Rahmen eingebettet Mehrwert durch die Reproduktion produktiver Kräfte erzeugen:

„Surplus-value, which expresses the relations by which particular labour performed in different sites where productive forces are define precisely how capital depends on a more general concept that of value, which expresses the relations by which particular labour performed in different sites where productive forces are gathered together becomes social labour.”[6]

Nach Kohlmorgen definiert sich ein Akkumulationsregime durch die Form der Produktion sowie der Verteilung des gesellschaftlichen Wertes,[7] bestimmt durch die Elemente des Lohnverhältnisses, die die Zusammensetzung der produktiven Kräfte umfasst (s. Kapitel 2.2)

Normen, Institutionen, organisatorische Formen, soziale Netzwerke und daraus erzeugte Leitbilder regulieren das Akkumulationsregime:

„A Mode of regulation establishes a set of procedures and individual and collective behaviour patterns which must simultaneously reproduce social relations through the conjunctions of institutional forms which are historically determined and supported by the current accumulation regime.”[8]

Von Zeit zu Zeit transformieren sich Akkumulationsregimes durch ökonomische wie nicht-ökonomische Determinanten.

2.2 Institutionelle Formen

Zur Stabilisierung eines Akkumulationsregimes stellt die Regulationstheorie fünf institutionelle Formen auf, die die Akkumulation von Kapital sicherstellen: das Geldverhältnis, das Konkurrenzverhältnis, die Form des internationalen Regimes,[9] den Staat[10] sowie das Lohnverhältnis. Dabei unterscheidet man zwischen einem extensiven und einem intensiven Akkumulationsregime:

- Das extensive Akkumulationsregime wird durch die Transformierung der Produktionsprozesse (technische Neuerungen) und Veränderungen in der Arbeitsorganisation bestimmt.[11]
- Das intensive Akkumulationsregime wird durch das Beschäftigungsverhältnisbestimmt, gekoppelt an einen neuen Lebensstil der Arbeiter.[12] [13]

Die institutionelle Form des Lohnverhältnisses wird zur Bestimmung von Akkumulationsregimes herangezogen. Zusammen ergeben sie eine strukturelle Form, die die Stabilität der Regulationsweise garantiert.[14] Das Lohnverhältnis als institutionelle Form spiegelt dabei den Widerspruch zwischen Kapitalgebern bzw. Produzenten und Kapitalnehmern bzw. Arbeitskräften (nicht-ökonomische vs. ökonomische Determinanten) wider.

Folgende Elemente kennzeichnen das Lohnverhältnis:

(a) Typus von Produktionsmitteln
(b) Form der technischen und gesellschaftlichen Arbeitsteilung
(c) Organisation des Produktionsprozesses und jeweilige Mobilität der Beschäftigten innerhalb und zwischen den Unternehmern
(d) Bestimmungsfaktoren der direkten und indirekten Lohnbestandteile
(e) über die Verwendung der Revenuen entschlüsselbare Lebensweise der Lohnabhängigen und Grad der Warenförmigkeit der Reproduktion der Arbeitskraft,[15]

die sich wiederum in drei Formen unterteilen lassen:

1. Eine kompetitive Form, die sich durch eine schwache Einbindung der Arbeitskräfte in den Produktionsprozess auszeichnet, wie auch durch die direkte Kopplung der Löhne an die Produktivität
2. Eine tayloristische Form, die die Organisation des Produktionsprozesses festlegt
3. Eine fordistische Form, deren Kopplung der Löhne an die Produktivität durch den Massenkonsum ermöglicht wird.[16]

[...]


[1] Hirsch 1990: 35

[2] Boyer / Saillard 2002: 38

[3] Ebd.

[4] Aglietta 1979: 16

[5] Esser 2008: 45

[6] Aglietta 1979: 37

[7] Kohlmorgen 2004: 22

[8] Boyer / Saillard 2002: 40

[9] Schmitz 1999: 53, nach Hübner 1988: 69

[10] Ebd., nach Boyer 1990: 37 ff.

[11] Wird in der Literatur als „äußere Landnahme“ bezeichnet: der Zugriff auf externe Transformationselemente, z.B. Ressourcen in Form von Rohstoffen, technischen Neuerungen, Standortverlagerungen

[12] Esser 2008: 47

[13] Wird in der Literatur als „innere Landnahme “ bezeichnet: der Zugriff auf interne Ressourcen z.B. Arbeitsorganisation, Produktionsmittel, Flexibilisierungsmaßnahmen innerhalb des Produktionsprozesses und Beschäftigung

[14] Ebd.: 53

[15] Hübner 1989: 146, in Kohlmorgen: 60

[16] Hübner 1989: 147

Details

Seiten
30
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656541820
ISBN (Buch)
9783656542773
Dateigröße
697 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v264616
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto-Suhr-Institut
Note
3,0
Schlagworte
Fordismus Lohnverhältnis Regulation Regulationstheorie Entwicklung Politische Ökonomie Postfordismus

Autor

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Titel: Das Lohnverhältnis nach der Krise