Lade Inhalt...

Der Mythos Vlad Ţepeș unter Nicolae Ceaușescu

Facharbeit (Schule) 2011 20 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Der Umgang mit Bram Stokers „Dracula“ vor

2 Vlad III. Țepeș Drăculea vor
2.1 Biographie
2.1.1 Vlad II. und Drăculeas Kindheit
2.1.2 Vlad III. Drăculea, Woiwode der Walachei
2.1.3 Vlads letzten Jahre
2.2 Der ursprüngliche Mythos und dessen Veränderung bis

3 Der Mythos Vlad Țepeș unter Ceaușescu
3.1 Machtwechsel und Einfluss auf die Geschichtsschreibung
3.2 Darstellung und Manipulation des Mythos
3.2.1 Narrative Variation
3.2.2 Ikonische Verdichtung
3.2.3 Rituelle Inszenierung
3.3 Vermutliche Gründe der Verehrung von Vlad Țepeș
3.3.1 Stärkung des Gemeinschaftsgefühls
3.3.2 Legitimierung politischer Ziele

4 Volles Potenzial des Vlad Țepeș-Mythos unter Ceaușescu

5 Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur
5.3 Internetadressen
5.4 Filme

1 Der Umgang mit Bram Stokers „Dracula“ vor 1989

Der Vampirgraf Dracula ist eine der bekanntesten Figuren des Horrorgenres. Nach Bram Stokers 1897 erschienenem Roman „Dracula“ lebt er in einem Schloss in Transsilvanien und hält dort den Engländer Jonathan Harker gefangen. Stokers Vorlage für seine Hauptfigur ist der mittelalterliche rumänische Woiwode (=Fürst) Vlad III. Drăculea Țepeș, der sich in Rumänien eher des Status eines Helden als eines Blutsaugers erfreut. Bis 1989 ist die Geschichte des Vampirgrafen in Rumänien nahezu unbekannt, da die Übersetzung des Vampirromans unter die Zensur der regierenden Partidul Comunist Român (rumänisch Kommunistische Rumänische Partei) fällt. Eine erste unzensierte rumänische Version von Stokers Bestseller wurde zwar in den 1970er Jahren zu Zeiten der Westöffnung Rumäniens erstellt, erschien aber erst 1990. In dem Vorwort von Barbu Cioculescu, das 1990 angehängt wurde wird klargestellt dass dieses Buch in Amerika fast 100 Jahren vorher, nämlich 1897 erschienen war. Dr. Duncan Light erklärt diese Zensur in seinem Werk „When was Dracula first translated into Romanian?“ (englisch „Wann wurde Dracula das erste Mal ins Rumänische übersetzt?“) so: „Da Dracula von Vampiren und Übernatürlichem handelt, wurde der Roman als offenbar ungeeignet für einen auf den materialistischen und wissenschaftlichen Prinzipien des Marxismus beruhende Staat betrachtet.“[1] Allgemein war die PCR unter Ceaușescu sehr darauf aus, den Woiwoden ins rechte Licht zu rücken und ihm einen positiven Charakter zuzuschreiben.

In der folgenden Seminararbeit wird der Mythos Vlads Țepeș unter Ceaușescus Regierung im Vergleich zu Vlads Biographie und der Veränderung der Sage vor Ceaușescus Diktatur 1967 betrachtet. Außerdem werden die Gründe der Glorifizierung Vlads von Seiten der Kommunisten ab 1967 erörtert und dargelegt, dass die Vlad Țepeș-Legende zu dieser Zeit ein für die optimale Darstellung eines Mythos benötigtes, volles Potential ausschöpft.

Während der erste Teil der Arbeit die Biographie Vlads III. Țepeș Drăculea und die Entwicklung des daraus hervorgehenden Mythos hauptsächlich aus Informationen der sekundärer Literatur entnimmt, bestehen die Quellen der Mythosentwicklung unter Ceaușescu v.a. aus Primärliteratur, so etwa ein Film und ein Schulbuch aus dieser Zeit. Im Verlauf der Seminararbeit werden größtenteils englisch- und rumänischsprachige Quellen zitiert, aber für einen besseren Lesekomfort vom Autor der Seminararbeit im Fließtext deutsch wiedergegeben und in der Fußzeile im Original festgehalten.

2 Vlad III. Țepeș Drăculea vor 1964

2.1 Biographie

2.1.1 Vlad II. und Drăculeas Kindheit

Vlad Țepeș wird, wie Heiko Haumann, der Autor von „Dracula. Leben und Legende“, es beschreibt, in die „unruhige Zeit“[2] des 15. Jahrhunderts hineingeboren. Etliche Kriege beeinflussen den Alltag der Bevölkerung in Europa. Neben dem seit 1337 zwischen Frankreich und England herrschenden „Hundertjährigen Krieg“ und unzähligen anderen Schlachten prägt der Konflikt des expandierenden Osmanischen Reiches und europäische Vertreter des christlichen Glaubens vor allem das Leben in Südosteuropa.[3]

1431 hält „Sigismund von Luxemburg (1368-1437), König des Heiligen Römischen Reiches, Ungarns und Böhmen“[4] einen Reichstag in Nürnberg ab, um Maßnahmen gegen das Vordringen der Osmanen unter Sultan Murad I. zu besprechen. Aus diesem Grund wird auch Vlad II. „aus dem Hause Basarab“[5] in die Reichsstadt beordert, um dort vom König zum Woiwoden der Walachei ernannt zu werden. Außerdem schlägt Sigismund Vlad zum Ritter des Drachenordens, den er selbst zum Kampf gegen „Heiden und Schismatiker“[6] gegründet hatte. Dieser Ritterschlag verschafft Vlad II. den Beinamen „Dracul“ (altrumänisch „Drache“), von dem der von Bram Stoker berühmt gemachte Name „Dracula“ stammt. Sein kurz zuvor geborener Sohn Vlad III. erhält gleichzeitig den Beinamen „Drăculea“ (altrumänisch „Sohn des Drachen“).

Der Geburtsort und das Geburtsjahr Vlads III. Drăculea sind nicht eindeutig überliefert. Viele Historiker legen die transsilvanische Stadt Sighișoara (Schäßburg) im Jahre 1431 fest, allerdings gilt Nürnberg ebenfalls als möglich, da sich sein Vater zu dieser Zeit dort aufhält.

Er lebt bis ca. 1440 in Târgoviște (Tergowisch), der Hauptstadt der Walachei. 1438 muss Vlad II., um nicht vom osmanischen Heer überrollt zu werden, auf Seiten des Sultans wechseln. Daraufhin werden Vlad III. Drăculea und sein Bruder Radu als Geißeln an den Hof des Sultans geschickt, um dort die Treue des Vaters gegenüber dem Sultan zu garantieren. Im November 1447 wird Dracul besiegt und Vladislav II. von Hunyadi, dem ungarischen Woiwoden Transsilvaniens, zum neuen Woiwoden ernannt. „Wie viel der junge Vlad von all diesen Vorgängen erfuhr, wissen wir nicht. Wir kennen nicht einmal seinen genauen Aufenthaltsort. 1446 hatte die osmanische Gesandtschaft seinen Vater von seinem guten Gesundheitszustand unterrichtet.“[7]

2.1.2 Vlad III. Drăculea, Woiwode der Walachei

Drăculea wird, nachdem der Tod Vlad Draculs dem Sultan Anfang 1448 mitgeteilt wurde, augenblicklich zum Nachfolger seines Vaters erklärt. In diesem Jahr versammelt Hunyadi ein Heer, das er als groß genug empfand, um gegen Sultan Murad II. ins Feld zu ziehen. Vladislav beteiligt sich daran und „stellte […] [Hunyadi] weitere 8.000 [Mann] und nahm persönlich am Feldzug teil.“[8] Drăculea besteigt während Vladislavs Abwesenheit den Thron in Târgoviște. Allerdings ist es für Vladislav II. kein Problem, ihn zu vertreiben und seinen Platz als Woiwoden einzunehmen. Daraufhin reist Vlad über Umwege nach Transsilvanien.

Im Juli 1456 wird der neue Sultan Mehmed von einem Heer unter Hunyadi bei Belgrad geschlagen. Er erteilt Vlad während seiner Abwesenheit die „Schutzwacht Siebenbürgens“[9]. Drăculea erkennt seine Chance, zieht mit einer transsilvanischen Einheit in die Walachei ein, schlägt Vladislav und lässt ihn an dem Platz in Târgoviște hinrichten. Somit besteigt er mit 25 Jahren den walachischen Thron als Vlad III. Drăculea. Diesmal kann er sein Fürstentum, dank „acht Jahren intensiver politischer Exiltätigkeit“[10], konsequenter regieren. Haumann nennt seine ersten Amtshandlungen: Zunächst beginnt er mit der Stärkung der Wirtschaft als Grundlage seiner Macht. Weiterhin schafft er Voraussetzungen für ein stehendes Heer und beschränkt den Einfluss der Bojaren (adlige Großgrundbesitzer, denen der häufige Machtwechsel am Târgovișter Fürstenhof viel Macht einbrachte). Dies festigt nicht nur seine Zentralgewalt, sondern sichert auch eine innere Ordnung in seinem Land.[11] Im selben Jahr kümmert er sich um die außenpolitischen Beziehungen zwischen den beiden Großmächten. Er leistet dem ungarischen König den Treueid und erklärt sich danach zum türkischen Vasall. Kurze Zeit später bilden sich die ersten Konflikte. Ein Aufstand der mit ihm verbündeten Siebenbürger Städte wird von ihm unterdrückt. So „marschierte er 1457 nach Siebenbürgen, verwüstete die Gegend um Kronstadt und wütete unter der Zivilbevölkerung.“[12] Weiterhin wird jeder Bewohner der Siebenbürger Städte, der ein von ihm ernanntes Gesetz missachtet, umgehend und „erbarmungslos zum Tode verurteilt.“[13] Folgende Aufstände und Verschwörungen gegen ihn, schlägt er brutal nieder. Ralf-Peter Märtin nennt in seinem Buch „Dracula. Das Leben des Fürsten Vlad Țepeș“ Beispiele für die erbarmungslose Bekämpfung innerer Feinde. So beschreibt er, wie der „Pfahlwoiwode“[14], wie Märtin Vlad in seinem Vorwort nennt, den aufsässigen Bojaren Albu cel Mare und seine ganze Familie hinrichten lässt.[15] Diese von ihm bevorzugte Art der Hinrichtung bringt Vlad III. Drăculea seinen zweiten Beinamen Țepeș (rumänisch „der Pfähler“) ein. Zusammenfassend definiert Märtin Drăculeas politisches Credo, das „auf eine Durchsetzung von Ruhe und Ordnung im Innern als Voraussetzung einer unabhängigen Regierung nach außen“[16] beruht. Diese Unabhängigkeit stellt Țepeș 1460 auf die Probe, indem er die jährlichen Tributzahlungen an den osmanischen Sultan verweigert. Im Winter 1461/62 attackiert er sie jenseits der Donau und zieht weit ins von den Türken unterworfene bulgarische Gebiet ein. Daraufhin stellt Sultan Mehmed ein Heer mit 100.000 Mann zusammen, mit dem er persönlich in Richtung Walachei zieht. Vlads Halbbruder Radu begleitet ihn, um seinen Bruder als Woiwode zu ersetzen. Țepeș vermeidet die offene Schlacht und überwältigt das osmanische Lager bei Nacht. Den Rest seines Heeres lässt der Sultan nach Târgoviște ziehen. Da der moldauische Woiwode Ştefan cel Mare in den Wirren des Krieges die Gelegenheit nutzen will, um die Hafenstadt Chilia zu erobern, muss Țepeș seine Armee teilen und kann so dem Kampf gegen den Sultan nicht Stand halten. Radu wird zum neuen Woiwoden der Walachei erhoben und Vlad muss erneut nach Transsilvanien fliehen.

2.1.3 Vlads letzten Jahre

Der ungarische König Matthias Corvinus lässt Drăculea im Dezember 1462 festnehmen, nachdem die Städte der Siebenbürger und die Bojaren dies gefordert hatten. In einer russischen Quelle wird überliefert, dass Vlad III. in dieser Zeit „lernte […], Bücher einzubinden, und [er] bestritt damit seinen Lebensunterhalt.“[17] Nach seiner Freilassung 1475 führt er ungarische Truppen gegen die Türken an, bei dem er sogar, wie es heißt, gefangene Türken eigenhändig hinrichtet und ihre Überreste auf Pfählen verteilten lässt, bis er am 26. November 1476 zum dritten Mal der Woiwode der Walachei wird. Doch diese letzte Regentschaft hält sich nicht lange. Zur Jahreswende 1476/77 fallen die Türken erneut ein, doch diesmal kann Vlad III. diesem Ansturm nicht standhalten und stirbt. Die genaue Todesursache ist dabei nicht klar, vermutet wird der Tod in der Schlacht oder durch einen Mordanschlag. Er wird im Kloster Snagov bestattet, sein Kopf soll aber in Honig konserviert Mehmed II. geschickt worden sein.

[...]


[1] Light, D., When was Dracula first translated into Romanian, o.O. 2009. S. 1.

Im Original: „Dracula, with its emphasis on vampires and the supernatural, was apparently regarded as an unsuitable or inappropriate novel in a state founded on the materialist and “scientific” principles of Marxism.”

[2] Haumann, H., Dracula. Leben und Legende, München 2011, S. 13.

[3] Vgl. Ebd., S. 8-13.

[4] Märtin, R., Dracula. Das Leben des Fürsten Vlad Țepeș, Berlin 1980, S. 8.

[5] Zach, K., Vlad III. Țepeș, in: Deutscher Taschenbuch Verlag (Hg.), Lexikon des Mittelalters, Band VIII., München 2002, S. 1790.

[6] Haumann, Dracula, S. 9.

[7] Ebd., S. 22.

[8] Märtin, Dracula, S. 75.

[9] Ebd., S. 94.

[10] Ebd., S. 94.

[11] Vgl. Haumann, Dracula, S. 27.

[12] Ebd., S. 28.

[13] Ebd., S. 29.

[14] Märtin, Dracula, S. 10.

[15] Vgl. Märtin, Dracula, S. 106.

[16] Ebd., S. 108.

[17] Ebd., S. 153. Zitiert nach: Florescu, R./McNally, In Search of Dracula, Greenwich 1972.

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656540618
ISBN (Buch)
9783656541097
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v264596
Note
1,0
Schlagworte
Mythos Nicolae Ceaușescu Vlad Ţepeș Kommunismus Diktator Dracula

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Der Mythos Vlad Ţepeș unter Nicolae Ceaușescu