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Revolutionspoetik: Zur literarischen Seite des Kommunistischen Manifestes

Masterarbeit 2013 62 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Neuere Geschichte

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Philosophische Grundlagen

3. Rezeptionsgeschichte

4. Gesellschaftspolitische Bedeutung

5. Forschungsstand

6. Gattung und Struktur

7. Sprache

8. Performanz

9. Intertextualität

10. Internationalität

11. Ergebnis

12. Literatur

1. Einführung

„In Europa entsteht zurzeit eine kommunistische Bewegung.“ - Ein solcher Satz wäre bestimmt nicht in die Weltgeschichte eingegangen.

„Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.“ - Dieser Satz dagegen wurde weltberühmt. Er gehört zu einem der wirkungsmächtigsten Texte aller Zeiten: Zum Kommunistischen Manifest.

Mit diesem wird Marx denn auch stets in Verbindung gebracht, doch so gut wie nie mit literarischer Sensibilität, Theatralität und sprachlicher Ausdruckskraft. Grund genug, dieses Thema näher zu beleuchten.

Obwohl Karl Marx den größten Teil seines Lebens studierte, recherchierte und neben seinem Hauptwerk „Das Kapital“ eine Menge berühmter Texte schrieb, wird er bis heute von den meisten Menschen stets mit dem Kommunistischen Manifest in Verbindung gebracht. Wer „Marx“ hört, denkt an Kommunismus, Revolution, und natürlich an den Aufruf zur internationalen Arbeitersolidarität.

Geht es jedoch um Ästhetik und Ausdruckskraft, kaum jemand käme auf die Idee, den Namen Karl Marx damit zu verbinden – obwohl das Manifest mit seiner Popularität genau so vielen Menschen bekannt sein dürfte, wie etwa die Bibel, und man davon ausgehen müsste, dass die Rezipienten ihre Faszination an der Schrift auch in ihrer sprachlichen Qualität hätten suchen müssen.

Das ist in den vergangenen 165 Jahren jedoch kaum der Fall gewesen. Im Verhältnis zu ihren politischen, philosophischen, ökonomischen, sozialgeschichtlichen, historischen und kulturellen Interpretationen ist die Zahl der Untersuchungen ihrer literarischen Seite sehr gering. Und so ist dem Kommunistischen Manifest etwas Janusköpfiges immanent. Es gehört zwar zur Weltliteratur, aber es ist kaum literaturanalytisch behandelt worden.

Das mag daran liegen, dass die politische Funktion des Textes angesichts der weltpolitischen Lage(n) stets im Vordergrund stand. Weshalb, und das mag die andere Ursache sein, die Schrift so omnipotent wurde, dass kaum jemand naiv genug war, sie schlicht als literarischen Text zu denken, der eine Gattungsgeschichte hat, rhetorische Elemente enthält und eine gewisse stilistische Qualität an den Tag legt.

Die Analyse des Komplexen erfordert das Schlichte: Man könnte geradezu den Eindruck haben, dass sich Marx‘ dialektische These vom Fortschritt durch Widerspruch 130 Jahre nach dem Tod ihres Schöpfers noch einmal von einer neuen Seite zeigt.

Wie diese Arbeit zeigen wird, gibt es seit den 1980er Jahren Ansätze zur Untersuchung der literarischen Seite des Kommunistischen Manifestes, wobei jedoch übergeordnete Aspekte im Vordergrund stehen: Kontext, Bedeutung, Marx‘ Lebenswerk. Erst in jüngster Forschung wird auf die Notwendigkeit einer literarischen Analyse hingewiesen. An dieses Interesse möchte diese Arbeit anknüpfen und eine Möglichkeit versuchen, diese Lücke zu schließen.

Zu diesem Zweck wurde im Vorfeld der Arbeit eine Recherche im Hinblick auf Hinweise zur literarischen Seite des Kommunistischen Manifestes in der Sekundärliteratur und in den Quellen durchgeführt. Aus dieser Recherche haben sich nicht nur die Perspektiven und Inhalte der Arbeit ergeben, sondern auch die Gliederung. Sie ist der Versuch, die vielfältigen Verbindungslinien und Facetten des Themas in möglichst ‚offenen‘ und ‚sprechenden‘ Überschriften zusammenzufassen. Die methodische Trennschärfe wird also zugunsten der Vollständigkeit eines so breit angelegten Themas mit einiger Großzügigkeit behandelt werden.

Für das Ziel der Arbeit ist dieser Umstand jedoch von nachgeordneter Bedeutung: Ziel ist, den Beitrag der Form zur Wirkungsmacht des Kommunistischen Manifestes zu beleuchten.

Im ersten Schritt der Arbeit werden die philosophischen Grundlagen, die Rezeptionsgeschichte des Textes und seine gesellschaftspolitische Bedeutung dargestellt. Sie dienen als Spiegel der inhaltlichen Wirkungsmacht des Kommunistischen Manifestes und als Folie, vor der im nächsten Schritt der Forschungsstand zur Literarizität der Schrift beleuchtet werden kann.

Die Fäden all dieser Ansätze der ersten vier Kapitel versucht die Arbeit dann über verschiedene literaturwissenschaftliche und historische Perspektiven direkt am Quellentext in ein Geflecht zu überführen, an dem die inhaltliche und formale Positionierung des Textes deutlich wird.

Dazu gehören zunächst die Form und ihre gattungsstiftende Position für viele politische und auch für die späteren avantgardistischen Texte. Außerdem wird sich zeigen, dass die Schrift die zentralen Merkmale moderner Texte aufweist.

Die große Ausdruckskraft der Marxschen Sprache wurde in der Forschung bereits vor 100 Jahren von Franz Mehring gewürdigt. Im Anschluss daran soll in einem weiteren Schritt der Text hinsichtlich seiner rhetorischen, stilistischen, erzähltechnischen und strukturellen Besonderheiten analysiert werden, um anschließend Merkmale, Bedingungen und Konsequenzen seines stark performativen Charakters herauszuarbeiten.

Eng aufeinander bezogen sind schließlich zwei weitere Untersuchungsschritte, die die internationalen Bezüge und Wechselwirkungen in Bezug auf Inhalte und Formen der Weltliteratur an der Schrift selbst und begleitend auch mit den Lebenskontexten der beiden Autoren Marx und Engels sowie ihrer ganz speziellen Vorstellung einer „Weltliteratur“ entfalten.

Innerhalb dieser Kategorien reift die Betrachtung der Schrift zu einem komplexen Ganzen, denn hier scheinen immer wieder die Zusammenhänge zwischen Form, Inhalt und ihren äußeren Bezügen auf: Gattung und Form können nicht ohne den ‚Aufbruch‘ in die Moderne und die Literatur und politische Dichtung des Vormärz betrachtet werden, die Sprache nicht ohne den Aufruf zur Tat, in der Performanz des Textes schließlich tritt die Vielgestaltigkeit und Mannigfaltigkeit seiner Bezüge durch und seine politische und gesellschaftliche Relevanz in dem Transfer des Wortes in die Wirklichkeit, die wiederum nicht ohne Sprache gedacht werden kann.

So wird der Untersuchungsgang zwangsläufig interdisziplinär sein, wobei sowohl literatur- als auch geschichtswissenschaftliche Methoden, oft auch verschränkt, zur Anwendung kommen.

Und so wird zu zeigen sein, das kann vorweg genommen werden, dass nicht nur die Inhalte des Manifestes an Brisanz bis heute ungebrochen sind - Zwangsarbeit nimmt in Europa zu, Politik und Wirtschaft sind eng miteinander verflochten, das Streben nach Profit ist längst mit beinahe jeder Art von Kriminalität verschmolzen – sondern dass auch seine literarische Form seinen Platz im Kanon der Weltliteratur rechtfertigt.

Doch zunächst zu den Grundlagen.

2. Philosophische Grundlagen

Bereits als junger Mann beschäftigte sich Karl Marx mit dem Sinn des Mensch-seins. Sein Schulaufsatz „Betrachtung eines Jünglings bei der Wahl seines Berufes“ war eigentlich eine Stilübung. Der Siebzehnjährige nutzte sie aber dazu, seine Begründung zum Verhältnis von Individuum und Gesellschaft zu formulieren, in der bereits seine sozialistische Grundauffassung durchscheint: „Die Geschichte nennt diejenigen als die größten Männer, die, indem sie für das Allgemeine wirkten, sich selbst veredelten […]“ (zit. n. Blumenberg: 18).

Der wissensdurstige und intelligente Marx studierte die Hegelsche Philosophie und trat während seines Studiums in Berlin dem „Doktorklub“ der Junghegelianer bei (Mehring: 32), wo sich seine Kenntnisse über den deutschen Idealismus vertieften. So befasste er sich mit einer dialektischen Begründung des Weltgeschehens, mit der durch die Vernunft determinierte Bewegung von These, Antithese und Synthese und mit dem Versuch, die Introjektion der Idee im Sein nachzuvollziehen.

Dies allerdings nicht, um mit Hegel zu argumentieren, sondern, um die genaue Umkehrung zum grundlegenden Prinzip seiner Arbeit zu machen, die sein ganzes Leben bestimmen wird. So erklären Marx und Engels 1845/46 in „Die deutsche Ideologie“:

„Ganz im Gegensatz zur deutschen Philosophie, welche vom Himmel auf die Erde herabsteigt, wird hier von der Erde zum Himmel gestiegen. D. h., es wird nicht ausgegangen von dem, was die Menschen sagen, sich einbilden, sich vorstellen[…], um davon aus bei den leibhaftigen Menschen anzukommen; es wird von den wirklich tätigen Menschen ausgegangen und aus ihrem wirklichen Lebensprozeß auch die Entwicklung der ideologischen Reflexe und Echos dieses Lebensprozesses dargestellt. Auch die Nebelbildungen im Gehirn der Menschen sind notwendige Sublimate ihres materiellen, empirisch konstatierbaren und an materielle Voraussetzungen geknüpften Lebensprozesses. Die Moral, Religion, Metaphysik und sonstige Ideologie und die ihnen entsprechenden Bewußtseinsformen behalten hier mit nicht länger den Schein der Selbständigkeit. Sie haben keine Geschichte, sie haben keine Entwicklung, sondern die ihre materielle Produktion und ihren materiellen Verkehr entwickelnden Menschen ändern mit dieser ihrer Wirklichkeit auch ihr Denken und die Produkte ihres Denkens. Nicht das Bewußtsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewußtsein.“ (MEW3: 26f.)

Die Beziehung zwischen Idee und Materie findet ihre sozialphilosophische Entsprechung also in der Dichotomie von „Bewusstsein“ und „Sein“ bzw. „Idee“ und „Wirklichkeit“. Und so entsteht durch das Leben der Menschen nicht nur die Idee einer Gesellschaftsordnung, sondern durch das Handeln der Menschen innerhalb dieser Ordnung die Idee der Veränderung, daraus die Veränderung und so fort. Damit definieren Marx und Engels den Menschen als ein geschichtliches, politisches und soziales Wesen.

Dieser Zusammenhang ist wichtig für die Betrachtung des Manifestes, weil er das Argument dafür liefert, dass das Proletariat wirklich in der Lage ist, die Gesellschaftsordnung zu verändern. Durch ihr tätiges Handeln schaffen die Menschen eine neue Ordnung, eine klassenlose nämlich, die das Ziel des Kommunismus ist.

Doch nicht nur Hegel, sondern auch andere Philosophen und Theoretiker liefern entscheidende ‚Zutaten‘ für die Grundlagen des Marxschen Gedankengutes – den Beitrag Engels‘ natürlich immer mitgedacht. Zu ihnen gehört zum Beispiel Ludwig Feuerbach (1804-1872), dessen theoretische Begründung der Wirklichkeit in der stofflichen Welt den Anstoß lieferte, die Hegelsche Dialektik umzukehren und mit dem Materialismus zu verbinden: Der dialektische Materialismus entsteht.

Fortan schuf für Marx die Materie den Geist, und nicht mehr der Geist die Materie (Hofmann: 76), die Grundlage der materialistischen Geschichtsauffassung, die den theoretischen Rahmen der Schriften von Marx und Engels liefern (Fleischer: 55).

Als Entsprechung auf gesellschaftlicher Ebene binden Marx und Engels die Soziale Frage in die Geschichtsphilosophie ein (Hofmann: 92) und machen „aus dem Willen zur Veränderung […] eine unausweichliche historische Notwendigkeit“ (Wehler: 439). Damit schaffen sie eine konkrete Verbindung zwischen gesellschaftlicher Lage und dialektischem Prinzip: Im Anschluss an den empirisch determinierten Historismus des 19. Jahrhunderts entwickeln sie ihre Theorie über die Triebkräfte der Menschheitsgeschichte, den Widerspruch als Ursache menschlichen Handelns (Hofmann: 97). Ihre konkrete Form finden diese Widersprüche „auf der Grundlage von Klassenverhältnissen“ (Hofmann: 97) im Klassenkampf. Die Triebkräfte der Gesellschaft beruhen also auf dem dialektischen Prinzip des Widerspruchs, bei Marx namentlich dem zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen.

Auch Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) beeinflusste Marx und Engels. Er lieferte die Idee des Privateigentums als Ursache sozialer Ungerechtigkeit (Hobsbawm: 33) und Adam Smith, der für Marx ein Klassiker war, bildete mit seiner Wirtschaftstheorie die Grundlage für Marx‘ Erkenntnisse über die ökonomischen Vorgänge innerhalb der Gesellschaft (Friedenthal: 427).

Unter den Intellektuellen der Zeit entwickelten sich im Kontext der Begriffe ‚Sozialismus‘ und ‚Kommunismus‘ verschiedene Lehren[1], die die Gleichheit und Freiheit aller gesellschaftlichen Individuen (Fuchs/Raab: 756) zum Ziel hatten. Marx steht dieser Entwicklung jedoch kritisch gegenüber und behandelt Termini wie „Gerechtigkeit“, „Gleichheit“, „Brüderlichkeit“ eher spöttisch – ihm ging es um eine „ wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“ (Marx, zit. n. Friedenthal: 288). Und so formuliert Marx 1845 in seiner berühmten elften These über Feuerbach seine Auffassung von der Lösung der gesellschaftlichen Probleme: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt aber darauf an, sie zu verändern.“ (MEW3: 7) Die Zeit ist also reif für Taten.

Diese allerdings müssen gerechtfertigt sein. Und das gilt für den Kommunismus nach Ansicht von Marx nur dann, wenn er sich aus einer verstandesmäßigen, logischen Folge und Weiterentwicklung der Philosophie ergebe (Blumenberg: 51f.). Das ist nachvollziehbar, weil es ja „der Sinn philosophischer Arbeit ist […], Erfahrenes und Empfundenes in die Form theoretischer Begriffe zu bringen“ (Fleischer: 35).

Wissenschaftliche Forschung und Empirie – Erfahrung – sind für ihn deshalb unumgänglich. Seine Erkenntnistheorie findet Marx im dialektischen Materialismus bzw. der „materialistischen Dialektik“. Als Erkenntnistheorie des wissenschaftlichen Sozialismus sieht Marx fortan in ihr die Methode, die materiellen Gegebenheiten zu analysieren und zu beschreiben (Hofmann: 95).

Da es für Marx jedoch bei der Theorie nicht bleiben soll, schreibt er ein Manifest, in dem er nicht nur die Grundlagen des Kommunismus darlegt, sondern zu konkreten Taten aufruft. Er subsummiert und verdichtet theoretisches Gedankengut zu der Vision von einer neuen gesellschaftlichen Ordnung. Der Weg führt aus der Empirie (Erfahrung) über die Philosophie (Theorie) durch die Materie (konkretes Handeln) hin zu einer neuen Idee, die durch die neue Ordnung jedoch mit der ‚Materie‘ verschmilzt. In einen Zustand also, indem Vision und Realität deckungsgleich sind.

Die Einflüsse anderer Denker waren vielfältig, wie oben bereits angedeutet. Deshalb kann man sich durchaus die Frage stellen, inwiefern Marx etwas Neues geschaffen hat, beziehungsweise wie stark der Einfluss anderer Theorien war, ein Umstand, auf den in der Literatur immer wieder hingewiesen wird (Blumenberg: 75, Hobsbawm: 35, McLellan: 195 u.a.).

Marx selbst äußert sich dazu folgendermaßen[2]:

„Was mich betrifft, so gebührt mir nicht das Verdienst, weder die Existenz der Klassen der modernen Gesellschaft noch ihren Kampf untereinander entdeckt zu haben. Bürgerliche Geschichtsschreiber hatten längst vor mir die historische Entwicklung dieses Kampfes der Klassen und bürgerliche Ökonomen die ökonomische Anatomie der Klassen dargestellt. Was ich neu tat, war, nachzuweisen: 1. daß die Existenz der Klassen bloß an bestimmte, historische Entwicklungskämpfe der Produktion gebunden sei, 2. daß der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führe, 3. daß diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zu einer klassenlosen Gesellschaft bilde.“ (zit. n. Blumenberg:75, s.a. MEW8: 675)

Dass Engels in der Textilfabrik seines Vaters in Manchester sein Geld verdient und die Folgen des Kapitalismus täglich vor Augen geführt bekommt, bot den beiden ein breites empirisches Forschungsfeld. Sie nahmen die Arbeiterklasse der britischen Industrie bereits als Massenphänomen wahr (Hobsbawm: 35) und konnten so ihre Gesellschaftsanalyse mit der ‚Ausbeute‘ der Erkenntnisse der kommunistischen Autoren der 1830er und -40er Jahre ergänzen. Quintessenz daraus war vermutlich die Konkretisierung der Parteien des Klassenkampfes als „Auseinandersetzung zwischen „Proletariern“ und ihren Ausbeutern.“ (Hobsbawm: 34)

An der Notwendigkeit des Einsatzes von Gewalt lassen Marx und Engels keinen Zweifel. Auf den ersten Seiten der „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ erfolgt die Rechtfertigung nach dem streng wissenschaftlich-dialektischen Prinzip: „[…] die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt […].“ (MEW1: 385)

Subjekt dieser Handlung kann am Ende nur das Proletariat sein, weil an jenem „das Unrecht schlechthin“ verübt wurde (MEW1: 390), die Entfremdung des Arbeiters von dem Produkt seiner Arbeit und in der Folge von der menschlichen Natur schlechthin. (Hofmann: 152f.) Die Revolution ist für Marx unumgänglich.

Doch bis es so weit ist, wird ein zyklisches Geschehen immer wieder zu Überproduktion und in die wirtschaftliche Krise führen (Hobsbawm: 18): Der Kapitalismus. Als dialektisches Geschehen des immer wiederkehrenden Umschlags der Verhältnisse (Hofmann: 98ff.) wird er so lange währen, bis es qua Abschaffung des Privateigentums zum Zwecke der Ausbeutung (MEW4: 477) keine Klassen mehr geben wird, die einen solchen Prozess abbilden können. Im Umkehrschluss bedeutet das: Der materielle „Unterbau“ – alles, was zur materiellen Daseinserhaltung der Menschheit gehört – steht dann nicht mehr in einem Spannungsverhältnis zum geistigen „Überbau“ – den Vorstellungen der Gesellschaft (Hofmann: 99). Vereinfachend könnte man auch hier sagen: Geist und Materie sind deckungsgleich.

Es wird zu zeigen sein, dass all diese Elemente im Kommunistischen Manifest nicht nur inhaltlich objektiviert, sondern auch über den Text selbst ausgedrückt werden. Und wenngleich der Text zu seiner Entstehungszeit nur eine geringe Wirkung hatte, gilt er heute als „die einflussreichste politische Einzelschrift seit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der Französischen Revolution (Hobsbawm: 109).

Die wichtigsten Wegmarken dorthin beschreibt das nächste Kapitel.

3. Rezeptionsgeschichte

Die Rezeptionsgeschichte des „Manifestes der Kommunistischen Partei“ war immer eng mit seiner jeweiligen politischen Umgebung verbunden (Jones: 36) und eher der kurzfristigen Umsetzung politischer Ziele geschuldet als der langfristigen Erreichung einer kommunistischen Gesellschaftsordnung (Jones: 23).

Auch seine Entstehung ist zunächst einem politischen Zweck geschuldet: Vom Bund der Kommunisten beauftragt und auf Basis der von Engels bereits im November 1847 formulierten „Grundsätze des Kommunismus“ (MEW4: 361ff.), bereiten Marx und Engels Anfang 1848 einen Text vor, mit dem „die Kommunisten ihre Anschauungsweise, ihre Zwecke, ihre Tendenzen vor der ganzen Welt offen darlegen und dem Märchen vom Gespenst des Kommunismus ein Manifest der Partei selbst entgegenstellen.“ (MEW4: 461)

Seine Inhalte hatten Marx und Engels verschiedentlich bereits an anderer Stelle formuliert (Mehring: 155) oder sie waren von anderen, hauptsächlich sozialistischen Autoren bereits formuliert (McLellan: 195). Die Schrift war also zunächst eine Zusammenfassung und Grundlegung der kommunistischen Weltanschauung.[3]

Sie wurde veröffentlicht, kurz bevor die Märzrevolutionen in Europa losbrachen. Eigentlich hätte ihr Erscheinen eine kolossale Wirkung gehabt haben müssen. Auch Marx hatte sich diese erhofft. Das Gegenteil war jedoch der Fall.

Das Manifest wurde als 23-seitige Flugschrift in einer nach heutigen Erkenntnissen geschätzten Auflage von allerhöchstens 10.000 (Erbentraut/Lütjen: 84, andere Schätzungen gehen von weniger aus, McLellan: 203) in London veröffentlicht von einem Verein, der gerade mal rund 1000 Mitglieder hatte (Friedenthal: 327). Die Sprache der Erstveröffentlichung war das Deutsche, das also nicht alle Mitglieder der internationalen „Arbeiterklasse“ lesen konnten (die englische Übersetzung erscheint erst 1852, Puchner: 62).

Sogar in England, wo Marx auf die stärkste Wirkung hoffte, ging der Text nach dem Scheitern der Revolutionen zunächst unter (Hobsbawm: 109). Bis 1869 war es in London, New York, Wien und einigen deutschen Städten in deutscher Sprache erschienen, in Englisch hatte es zwei, im Russischen und Schwedischen jeweils eine Ausgabe gegeben (Puchner: 64). Doch auf dem freien Markt war bereits 1865 „praktisch keine einzige der von Marx veröffentlichten Schriften mehr erhältlich.“ (Hobsbawm: 110)

Und so lässt sich mit Kocka konstatieren, dass das Manifest zum Zeitpunkt seiner Erscheinung „intellektuell und politisch ein Minderheitsphänomen“ (27) war. Die theoretischen Erkenntnisse gingen „über den geistigen Horizont und das politische Bewusstsein der meisten Zeitgenossen“ hinaus (Erbentraut/Lütjen: 73), und möglicherweise gehören bis heute die nicht politisch motivierten Leser des Manifestes zu jener Gruppe mit einem „besonderen Interesse an der Theorie“ der gesellschaftlichen Bewegungsgesetze (Hobsbawm: 112), also eher zur Gruppe der Wissenschaftler.

Mit der Ersten Internationalen (1864-1872) und der Entstehung der ersten bedeutenden Arbeiterparteien stieg das Interesse an der Schrift (Hobsbawm: 110), und so ist es durchaus plausibel, den Beginn der eigentlichen Rezeption des Manifestes auf die 60er Jahre des 19. Jahrhunderts zu datieren.[4] Zu diesem Zeitpunkt hatte es zwar noch keine bedeutende Wirkung, aber immerhin galt es als Wegweiser des „wissenschaftlichen Sozialismus“ (Jones: 31) innerhalb der sozialistischen Strömungen. Ab 1871 wurde der Text in weitere Sprachen übersetzt und erschien in weiteren Städten in Europa, Russland und den USA (Puchner: 65).[5]

Auch in Preußen gab es eine Neuauflage, allerdings nur, um als Vorlage für das Verfahren gegen August Bebel und Wilhelm Liebknecht zu dienen, die als Führungsfiguren der deutschen Sozialdemokratie des Landesverrats bezichtigt wurden. Bis zur Oktoberrevolution 1917 war er dann in rund 30 Sprachen herausgegeben worden, darunter auch drei japanische (Hobsbawm: 111).

Seine praktisch-politische Bedeutung erlangt der Text erst mit dem, was man als ‚Höhepunkt seiner Rezeption‘ bezeichnen könnte: Die Gründung der Dritten Internationale 1919 durch Lenin, die Oktoberrevolution und die Gründung diverser Parteien zu deren Unterstützung, die sich kommunistische Parteien nannten und das Manifest zu einem Text machten, „dessen Theoreme jeder Kommunist lernen, verstehen und akzeptieren sollte.“ (Jones: 35)

Heute gilt der Text als „allgemein akzeptierte[r] Klassiker des politischen Denkens“ und der Weltliteratur, der sich über den gesamten Erdball verteilt in Millionenauflagen verkaufte und noch verkauft und in der Forschung in einem Zug mit der Auflagenzahl der Bibel und des Korans genannt wird (Erbentraut/Lütjen: 73).

Der liberale amerikanische Philosoph Richard Rorty vergleicht 1998 in seinem Essay zum 150. Jahrestag das Kommunistische Manifest gar mit dem Neuen Testament im Hinblick auf Relevanz und Irrtum der darin enthaltenen Prophetien (7), im Hinblick auf die Möglichkeit, heutigen Generationen Hoffnung auf soziale Gerechtigkeit zu verleihen, eine „moralische Haltung“ zu fördern (13) und das Bedürfnis nach Menschlichkeit.

Ein interessanter Aspekt in diesem Zusammenhang ist überdies die Tatsache, dass das Kommunistische Manifest der einzige der drei genannten Texte ist, der in einer Gesellschaft tradiert wurde, die von Beginn an literalisiert war, während Bibel und Koran auf einer oralen Tradition fußen (Erbentraut/Lütjen: 97). Diesen Gedanken weiterzudenken bleibt jedoch einer anderen Arbeit vorbehalten.

Die Wirkung jedenfalls ist enorm für ein Pamphlet von wenigen Seiten. Zunächst deshalb ein Blick auf seine gesellschaftspolitische Bedeutung.

4. Gesellschaftspolitische Bedeutung

Das Kommunistische Manifest entsteht zu Beginn einer Zeit, in der sich die Gesellschaft in praktisch allen Kategorien aus sich selbst heraus theoretisch neu definieren und praktisch neu erfahren muss.

Das Gedankengut des Kommunismus wurde von der intellektuellen Elite aus Frankreich importiert (Beamish: 220), wo es in Form einer sozialistischen Tradition[6] bereits bestand (McLellan: 195), und Marx erkannte früh, dass die Gesellschaft den „überwuchernde[n] Pöbel“, die aus der stark wachsenden, durch keine ständische Ordnung mehr in ihrer Fortpflanzung beschränkte Unterschicht, nicht mehr erhalten konnte.

Diese Unterschicht wurde vom Bürgertum als unmoralisch und sittenlos diskriminiert. Infolge der wirtschaftlichen Krisen und der zunehmenden sozialen Spannungen, die in den 1840er Jahren ihren Höhepunkt erreichten, ging die Furcht um vor einem Aufbegehren der Masse. Aus diesem „roten Gespenst“ (Wehler: 290) macht Marx eine Klasse mit gesellschaftlichen Rechten (Conze: 115) - und den Erlöser der Sozialen Frage: Das Proletariat (Wehler: 439).

Die Wahl des Titels ist genau diesem Umstand geschuldet. Es geht nicht darum, die sozialistischen Schriften der Intellektuellen zu fördern, sondern es geht um die künftige Arbeiterbewegung, was Engels später im Vorwort der 1888er Ausgabe deutlich macht:

„Der Sozialismus war, auf dem Kontinent wenigstens, „salonfähig“; der Kommunismus war das gerade Gegenteil. Und da wir von allem Anfang an der Meinung waren, daß „die Emanzipation der Arbeiterklasse das Werk der Arbeiterklasse selbst sein muß“, so konnte kein Zweifel darüber bestehen, welchen der beiden Namen wir wählen mußten. Ja noch mehr, auch seitdem ist es uns nie in den Sinn gekommen, uns von ihm loszusagen.“ (MEW4: 580f.)

Zu diesem Zeitpunkt trug die Schrift bereits den verkürzten Titel „Das Kommunistische Manifest“, der ab 1872 den ursprünglichen ersetzte.[7] Der Text selbst spricht nur ein einziges Mal von einer „Kommunistischen Partei“ (MEW4: 492), oft aber von den „Kommunisten“, den „Proletariern“ und ihren gemeinsamen „Interessen“ (MEW4: 474).

Und zum ersten Mal in der Geschichte überhaupt wird die Herrschaft einer Mehrheit über die Minderheit formuliert (Hofmann: 156). Und mehr noch: Diese Mehrheit erhält eine geschichtliche Mission: Sie soll die internationale Gesellschaft profund verändern, indem es die Selbstentfremdung überwindet und eine herrschaftslose Gesellschaft ohne Privatbesitz schafft (Hahn/Berding: 492), indem es die Staatsgewalt an sich bringt (Hofmann: 155). Das Gelingen dieser Mission steht außer Frage: „Ihr Untergang [der Bourgeoisie] und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich.“ (MEW4: 474) Damit ist die Basis für das Selbstbewusstsein der unteren Klassen schriftlich begründet, denen diese humanistische Idee bis dahin nicht nur fremd, sondern verwehrt gewesen war.

[...]


[1] Werner Hofmann bietet in seiner „Ideengeschichte der sozialen Bewegung“ einen umfassenden Überblick über diese einzelnen Lehren und ihren Zusammenhang mit dem wissenschaftlichen Sozialismus Marx‘. Auch Eric Hobsbawm liefert einen detaillierten Überblick. Sie können hier nicht im Einzelnen dargestellt werden.

[2] Brief an Weydemeyer vom 5. März 1852.

[3] Zum Unterschied zwischen Sozialismus und Kommunismus schreibt Engels in der Vorrede der Ausgabe des Manifestes von 1888: „So war denn 1847 Sozialismus eine Bewegung der Mittelklasse, Kommunismus eine Bewegung der Arbeiterklasse.“ (MEW4: 580) Kommunismus war in dieser Zeit also als System zu sehen, während der Sozialismus sich in den Schriften des Bürgertums und der Intellektuellen äußerte (s.a. MEW4: 585).

[4] Als Marx 1864 zum Sekretär der in London gegründeten Internationalen Arbeiterassoziation ernannt wurde, die „Erste Internationale“ – ein eher kleiner Zusammenschluss von englischen und französischen Gewerkschaftern (Jones: 27) -, versuchte er, von dort aus seine Idee der internationalen Arbeitersolidarität zu verwirklichen. Ab dem Ende der 1860er wurde die Internationale weltweit bekannt und von da an mit der Pariser Kommune, den ersten Massenarbeiterparteien Deutschlands und den großen Streiks in Verbindung gebracht (Jones: 28).

[5] Puchner hat mehrere Übersichten veröffentlicht, in der er die Sprachen und Erscheinungsorte von 1848 bis 1892 darstellt (64,65) sowie die Anzahl der Editionen zwischen 1848 und 1918. Die Zahl der fertiggestellten Editionen liegt bei 305 (Puchner: 39). Inklusive der deutschen Sprache ist das Manifest bis 1892 bereits in 15 Sprachen erschienen.

[6] Das Wort Kommunismus entstand erst zu Beginn der 1840er in Frankreich. (Jones: 39).

[7] Das gilt nur für die deutsche Sprache. Die Übersetzungen behielten fast alle den ursprünglichen Titel bei (Stammen/Classen: 13).

Details

Seiten
62
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656539186
ISBN (Buch)
9783656540274
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v264542
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Historisches Institut
Note
1,8
Schlagworte
revolutionspoetik Kommunistisches Manifest Marx

Autor

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Titel: Revolutionspoetik: Zur literarischen Seite des Kommunistischen Manifestes