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Der Weg zur Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl

Deutsch-Französische Versöhnung und der Beginn der europäischen Integration

Seminararbeit 2011 42 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Anfänge der europäischen Integration

3. Die Nachkriegszeit
3.1. Zahlen und Fakten der Zerstörung
3.2. Der Neuanfang
3.3. Erste Nachkriegs-Organisationen für ein vereintes Europa

4. Deutschland - Frankreich
4.1. Nationalistische Sicherheitspolitik
4.2. Veränderte Weltordnung
4.3. Umdenken

5. Jean Monnet

6. Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl

7. Gründe für den Zusammenschluss

8. Literaturverzeichnis

Der Weg zur Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl

Deutsch-Französische Versöhnung und der Beginn der europäischen Integration

„Der Weg zur Einigung der Völker Europas ist lang und schwer. Das Ziel kann nur dann erreicht werden, wenn die Völker selbst den Willen zur Zusammenarbeit und zur Überwindung des nationalen Egoismus haben. Am Schuman-Plan wird sich das zeigen.”

Walter Hallstein im Mai 1951[1]

„Es ist in der Tat […], ein Werk von einer unerhörten Kühnheit, das wir in Angriff genommen haben, revolutionär mit dem einzigen Unterschied gegenüber der üblichen Verwendung dieses Terminus, daß [sic] es sich um eine Revolution mit friedlichen Mitteln handelt.“

Auszug aus einer Rede von Walter Hallstein am 28. April 1951 in der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main.[2]

„The key to progress towards integration is in French hands. In my opinion France needs, in the interest of her own future, to take the initiative promptly an decisively if the character of Western Germany is to be one permitting healthy development in Western Europe. Even with the closest possible relationship of the US and the UK to the continent, France and France alone can take the decisive leadership in integrating Western Germany into Western Europe…”

US-Außenminister Acheson in einem Brief an den französischen Außenminister Schuman am 30. Oktober 1949.[3]

1. Einleitung

Es war ein historischer Akt als der damalige französische Außenminister Robert Schuman im Mai 1950 der Bundesrepublik Deutschland und auch anderen europäischen Ländern vorschlug, eine Gemeinschaft friedlicher Interessen zu gründen. Dieser Vorschlag erhielt sehr schnell den Namen des Schuman-Plans und mündete schlussendlich in der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS). Dabei ging es aber nicht nur um die Überwindung des Hasses der nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges noch existierte. Vielmehr hat Robert Schuman mit seinem Schritt, einen völlig neuen Prozess in den internationalen Beziehungen eingeleitet.[4]

Ohne Zweifel ist die Einigung Europas – an der spätestens seit dem Tag der Vorstellung des Schuman-Planes gearbeitet wird - eines der herausragendsten Vorhaben in der langen Geschichte Europas. Im Jahr 1952 nahm die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl ihre Arbeit auf und ein Mann namens Jean Monnet wurde ihr erster Präsident. Eine Gruppe von Männern, die später als die Gründerväter der EGKS, der Europäischen Gemeinschaft oder heute der Europäischen Union bezeichnet werden hat sich hier zusammengetan und beschlossen, dass Unternehmen bis zur wirklichen Vereinigung Europas voranzutreiben. Zu diesen Männern zählten u.a. der Franzose Robert Schuman, der Deutsche Konrad Adenauer, der Belgier Paul-Henri Spaak, der Italiener Alcide De Gasperi sowie der eben genannte Jean Monnet.[5] Die vorliegende Seminararbeit widmet sich dem Beginn der Europäischen Integration am Beispiel der EGKS und möchte vor allem die Fragen untersuchen, wie und aus welchen Beweggründen der europäische Einigungsprozess nach dem Zweiten Weltkrieg in die Wege geleitet wurde.

Die vorliegende Seminararbeit wurde im Rahmen des - an der Universität Salzburg im Sommersemester 2011 abgehaltenen - Seminars Zeitgeschichte (Europäische Zeitgeschichte) am Fachbereich Geschichte verfasst. Ziel der Arbeit ist es, dem Beginn des europäischen Integrationsprozesses nach Ende des Zweiten Weltkrieges auf den Grund zu gehen und die Bedeutung der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl für den weiteren Verlauf der europäischen Geschichte zu unterstreichen. Weiters soll untersucht werden, was genau die Gründe bzw. Ursachen für die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl waren. Was den zeitlichen Rahmen dieser Arbeit betrifft, so soll sich dieser zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 und dem Tätigkeitsbeginn der EGKS (Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl) im Jahr 1952 und somit in der ersten Phase der europäischen Integration bewegen. Das Hauptaugenmerk dieser Seminararbeit soll auf die beiden bei der Entstehung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl maßgeblich bedeutenden Länder, nämlich auf Deutschland und Frankreich, gelegt werden. Die Forschungsfrage, welche im Laufe dieser Arbeit beantwortet werden soll, lautet daher:

Warum kam es nur einige Jahre nach dem Krieg zur Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich und zur Gründung einer supranationalen Organisation unter ihrer Führung?

Aufbauend auf diese Forschungsfrage möchte der Autor im Laufe der Seminararbeit die Probleme während und nach dem Zweiten Weltkrieg für die beiden „Erbfeinde“ Deutschland und Frankreich erörtern, auf die Idee und die Anfänge der europäischen Integration eingehen, die bedeutendsten Männer welche für die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl verantwortlich waren ins Licht rücken, die wegweisende Richtungsänderung im europäischen Integrationsprozess welche mit der Entstehung dieser supranationalen Organisation (mit Entstehung der EGKS) eingeleitet wurden darstellen sowie die wesentlichsten Beweggründe für den Beginn einer europäischen Einigung (aus französischer, deutscher, amerikanischer und britischer Sicht) erörtern.

Was den Inhalt und den Aufbau dieser Seminararbeit betrifft, so wird zunächst im zweiten Kapitel der Arbeit ein Blick auf die Geschichte bzw. die Anfänge der europäischen Integration geworfen. Dieses Kapitel widmet sich knapp jenen Menschen und Organisationen, welche bereits vor Beginn des Zweiten Weltkrieges die Idee eines vereinten und friedlichen Europas verlautbart haben. Kapitel drei der Arbeit beschäftigt sich mit der Nachkriegszeit in Europa bzw. ganz besonders mit der Zeit nach 1945 in Frankreich und Deutschland. In diesem Kapitel werden zu Beginn die Zahlen und Fakten der Zerstörung genannt, um danach das Licht auf die Entstehung eines neuen Bewusstseins zu werfen und zum Schluss die Ideengeber einer europäischen Integration in der unmittelbaren Nachkriegszeit vorzustellen.

Das vierte Kapitel der Seminararbeit beschäftigt sich intensiv mit der „besonderen“ Beziehung Deutschlands zu Frankreich. Mit etwas mehr Betonung auf den französischen Blickwinkel wird zu Beginn des Kapitels versucht darzulegen wie die Gefühle der französischen Bevölkerung und der politischen Führung gegenüber dem Feind des Zweiten Weltkrieges bzw. dem großen östlichen Nachbarn gestaltet waren. Weiters befasst sich dieses Kapitel mit der Entstehung einer neuen Weltordnung nach dem Zweiten Weltkrieg und erläutert, wie sich die neue Entwicklung eines Ost-West Antagonismus auch auf die deutsch-französische Beziehung ausgewirkt hat. Beendet wird Kapitel vier der vorliegenden Seminararbeit mit der Darstellung des französischen Umdenkens bezüglich der Deutschlandfrage gegen Ende der 1940er Jahre.

Kapitel fünf ist voll und ganz dem sogenannten „Vater der Europäischen Integration“ Jean Monnet gewidmet wonach sich Kapitel sechs der Seminararbeit mit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl selbst beschäftigt. In diesem Kapitel wird die Entstehung dieser Organisation zu Ende gedacht. Darüber hinaus werden auch die genauen Ausführungen sowie die Bedeutung der „Montanunion“ dargestellt. Das siebte und letzte Kapitel der Seminararbeit soll versuchen die oben formulierte Forschungsfrage zu beantworten. Das letzte Kapitel möchte also, die Gründe für die Entstehung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl aufzeigen.

2. Anfänge der europäischen Integration

Das zweite Kapitel dieser Arbeit soll einen kurzen Überblick über die Anfänge der europäischen Integration liefern. Hier sollen die kreativen Ideengeber und Visionäre, welche bereits (lange) vor dem Zweiten Weltkrieg die Idee eines friedlich vereinten Europas aufwarfen, genannt werden. In diesem Kapitel soll nun knapp eine Übersicht über die bedeutendsten Integrationsideen und –vorschläge bis 1945 gegeben werden.

In der langen europäischen Geschichte hat es schon früh Menschen gegeben, die über die Einheit Europas nachgedacht haben, ohne dabei an Eroberungen oder die Ausweitung der Herrschaft eines Volkes und Staates über andere Völker und Staaten zu denken. Seit dem 14. Jahrhundert entwarfen Gelehrte, Schriftsteller, Philosophen, Juristen und Staatsmänner Pläne für einen Zusammenschluss der europäischen Staaten.[6] Beispiele hierfür sind der französische Publizist Pière Dubois (er lebte zur Zeit Philipps des Schönen um 1300), der italienische Dichter und Philosoph Dante oder auch Herzog Maximilien von Sully – ein Minister Heinrichs IV. von Frankreich – welcher den Plan einer Föderation der christlichen Staatenwelt entwickelte. Auch Immanuel Kants Werk „Zum ewigen Frieden“, das 1795 unter dem Eindruck der französischen Revolution und der sie begleitenden Kriege entstanden ist, in dem er die Idee einer friedlichen Gemeinschaft der Völker aus Vernunft proklamierte, ist in dieser Auflistung zu nennen. Victor Hugo, der 1849 in Paris die Vereinigten Staaten von Europa als politisches Zukunftsziel forderte sowie in Deutschland Friedrich List, der besonders aus wirtschaftlichen Gründen für ein friedlich zusammenwachsendes Europa eintrat, waren ebenso Vorreiter des „europäischen Gedankens“ im 19. Jahrhundert.[7]

Trotz der genannten Namen blieben die Entwürfe für eine Einigung Europas bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts theoretische Konstrukte Einzelner, die keine größere politische Bedeutung erlangten.[8] Bereits nach dem ersten Weltkrieg setzten sich aber viele Menschen für ein geeinigtes Europa ein. Graf Coudenhove-Kalergi mit seiner 1924 gegründeten Pan-Europa-Bewegung ist hier zu nennen. Auch einzelne Staatsmänner versuchten, die nationale Enge des politischen Denkens zu überwinden. Der französische Außenminister Briand legte beispielsweise dem Völkerbund in Genf 1929 einen Plan zur Schaffung der Europäischen Föderalen Union vor. Auch einzelne Parteien waren von der „Europaidee“ überzeugt. So forderte zum Beispiel die SPD in ihrem Heidelberger Programm bereits 1925 ausdrücklich die Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa.[9]

Nach Ende des Ersten Weltkrieges entstanden in den 1920er Jahren zahlreiche Organisationen, die sich die wirtschaftliche und/oder politische Einigung Europas auf die Fahnen schrieben. Ein Grund dafür waren die erbitterten militärischen Auseinandersetzungen des Ersten Weltkrieges. Die enormen Zerstörungen und die gewaltige Anzahl an Kriegsopfern hatten wesentlichen Anteil daran, dass die 1920er Jahre zu einem Jahrzehnt lebhafter Europadebatten wurden. Gerade als sich zu Beginn der 1920er Jahre abzeichnete, dass der auf den Ersten Weltkrieg folgende Versailler Friedensvertrag erhebliches Konflikt- und Revisionspotenzial beinhaltete, nahmen die Debatten über das Projekt der Vereinigten Staaten von Europa zu.[10]

Eine Neuheit war, dass die Europapläne der Zwischenkriegszeit von den unterschiedlichsten gesellschaftlichen und politischen Gruppen getragen wurden und nicht mehr nur – wie früher - von einzelnen politischen Denkern.[11] Die bereits erwähnte – von Richard Nikolaus Graf von Coudenhove-Kalergi gegründete - Pan-Europa-Bewegung erreichte zu dieser Zeit den größten Bekanntheitsgrad. Hier entstand eine überparteiliche Massenbewegung, die zu einer eindrucksvollen Organisation mit nationalen Sektionen in allen kontinentaleuropäischen Hauptstädten wuchs. So gab es im Jahr 1927 bereits in 13 europäischen Städten nationale Gruppen der Paneuropa-Union und an dem ersten – in Wien stattfindenden – Paneuropa-Kongress im Jahr 1926 nahmen über 2.000 europäische Politiker teil.[12] Man könnte Coudenhove-Kalergi großen Weitblick unterstellen, da er bereits in den 1920er Jahren der Überzeugung war, dass zwischen der „Skylla der russischen Militärdiktatur“ und der „Charybdis der amerikanischen Finanzdiktatur“ keine eigenständige Nationalpolitik einzelner europäischer Mächte mehr möglich sei. Bereits 1923 bezweifelte er erstmals, dass ein wirtschaftlich und politisch zersplittertes Europa seinen Frieden und seine Unabhängigkeit gegenüber den wachsenden außereuropäischen Weltmächten wahren könne.[13]

Weitere nennenswerte Organisationen, die sich dem „Europagedanken“ verschrieben haben, waren die „Europa-Union“, die „New Commonwealth Society“ und die „Federal Union“. Die 1934 aus dem Zusammenschluss einer Baseler Europagruppe mit der schweizerischen Sektion der „Paneuropa-Union“ entstandene „Europa-Union“ konnte aufgrund ihres Sitzes ihre Tätigkeit auch während des Zweiten Weltkrieges mit großer Energie fortsetzen. So erarbeitete diese Union im Winter 1939/40 Leitsätze für eine Neuordnung Europas. Die „New Commonwealth Society“ und die „Federal Union“ waren private Organisationen, welche sich im Verlaufe der 1930er Jahre in Großbritannien gebildet hatten und einen Zusammenschluss europäischer Staaten forderten. Verfolgte die „New Commonwealth Society“ – die bis zum Ende der 1930er Jahre Zweiggruppen in allen englischsprachigen und westeuropäischen Ländern errichtete – den Plan der Errichtung eines Staatenbundes, so setzte sich die „Federal Union“ für eine wesentliche Beschränkung der nationalstaatlichen Souveränität ein. Obwohl diesen Organisationen anfangs großer Zuspruch zuteil wurde, verblasste im Laufe des Zweiten Weltkrieges in Großbritannien der europäische Einigungsgedanke.[14]

Nichtsdestotrotz führten die nationalistische und chauvinistische Haltung der Völker und ihrer Führungsschichten, verstärkt durch die Demütigung, welche die Friedensverträge den Besiegten des Ersten Weltkrieges zugefügt hatten, Europa in den 1920er und 1930er Jahren weit weg von dem Ziel seiner Einheit. So wurden in den 1930er Jahren mehr als die Hälfte aller europäischen Staaten faschistisch, nationalistisch oder autoritär regiert.[15]

3. Die Nachkriegszeit

„Europa hatte aufgehört, eine führende Rolle in der Welt zu spielen und zwar nicht nur das besiegte Deutschland, sondern auch das zu den Siegern gehörende Großbritannien und auch Frankreich, das man 1945 eingeladen hatte, mit am Tisch der Sieger zu sitzen.“ [16]

Um die Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg zu verstehen und zu begreifen, aus welchen Gründen es zur Entstehung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl gekommen ist, muss man sich zuerst mit dem Zweiten Weltkrieg selbst und vor allem mit seinen Folgen auseinandersetzen. Erst das Verständnis für die damalige Lage der Menschen und die Situation, in der sich die einzelnen europäischen Staaten befanden, machen es möglich, den Beginn der europäischen Integration zu verstehen.

3.1. Zahlen und Fakten der Zerstörung

Im Jahr 1945 – nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – fanden sich fast überall in Europa Nationen, die entweder bis 1945 von einem brutalen faschistischen Diktator beherrscht wurden, von einer ausländischen Armee besetzt waren oder sogar beides. Das direkte Resultat des Krieges und seiner Nachwehen war der Tod von dutzenden Millionen Europäern und die Tatsache, dass die europäische Wirtschaft ruiniert war.[17]

Alles in allem standen sich im Zweiten Weltkrieg 92 Millionen Soldaten gegenüber und je nach Schätzung starben 35 bzw. 60 Millionen Soldaten und Zivilisten, darunter ca. sechs Millionen Juden.[18] Auch wenn die Nachkriegszeit oft als Zeit der europäischen Umbrüche und der Neuentwicklungen bewertet wird, so stand sie doch sehr im Schatten des Krieges. Die Folgen von Millionen von Toten für die nachlebenden Familien, die riesigen Kriegszerstörungen, die psychischen Kriegstraumata sowie die physischen Kriegsinvaliditäten, die erzwungenen Migrationen und Vertreibungen, die Flüchtlingsschicksale und auch die Last der moralischen Schuld – die vor allem auf Deutschland lag – waren eine prägende Besonderheit dieser Zeit.[19]

Um einen verständlichen Vergleich für die jüngere Generation betreffend des Ausmaßes der Katastrophe namens Zweiter Weltkrieg zu finden, könnte man sich an den furchtbaren Terrorattacken auf das World Trade Center, welche am 11. September 2001 ausgeübt wurden, orientieren. Der Flug von zwei von Terroristen entführten Flugzeugen in die beiden größten Türme der Stadt New York gilt als ein Ereignis, welches die Wahrnehmung der Welt für viele Menschen und viele Regierungen für immer geändert hat. Die Terrorattacken des 11. September forderten ca. 3.000 Tote. Um die Zahl der Todesopfer, welche der Zweite Weltkrieg gefordert hat, zu erreichen, hätte es „zwei 9-11-Attacken“ an jedem Tag zwischen 1938 und 1945 geben müssen. Selbst diese Zahl inkludiert nicht die 20 Millionen Menschen, welche in der Sowjetunion in dieser Zeit ums Leben kamen.[20]

Auch der wirtschaftliche Zustand Europas erwies sich nach 1945 als wesentlich schlechter als angenommen. Die Zerstörung der Industriekapazität, die Knappheit von Rohmaterialien und Lebensmittel sowie die nicht mehr vorhandene Konvertibilität der europäischen Währungen verbunden mit dem Mangel an Dollarreserven führten zu enormen Problemen für den Wiederaufbau Europas. Die wirtschaftlichen Probleme Europas lassen sich auch sehr schnell dadurch erklären, dass die Europäer ihre Ressourcen weitgehend in den Kriegsanstrengungen verschlissen haben, während die USA in Abwesenheit der europäischen Länder ihr Produktionsvolumen um mehr als das Doppelte ausweitete.[21] Wie schlimm die Wirtschaft geschädigt war zeigen auch Schätzungen für Westeuropa, die offenbaren, dass der Krieg beispielsweise Deutschland und Italien ganze vier Jahrzehnte des Wachstums gekostet hat. Das österreichische und das französische Bruttoinlandsprodukt fielen nach dem Krieg überhaupt auf das Niveau des 19. Jahrhunderts zurück.[22] Am Vergleich der wirtschaftlichen Entwicklung während des Krieges in Frankreich und den Vereinigten Staaten von Amerika lässt sich der zunehmende Verlust an Konkurrenzfähigkeit der französischen Wirtschaft ebenfalls gut erkennen. Während die USA ihr Produktionsvolumen von 1938 auf 1946 um 210 Prozent steigern konnten und danach mehr als die Hälfte der Weltproduktion stellten, ging das Produktionsvolumen der französischen Industrie bis 1944 um mehr als die Hälfte zurück. Auch das Bruttosozialprodukt pro Kopf der französischen Bevölkerung – welches 1938 bei 290 Dollar stand – stand 1946 bei 260 Dollar, wohingegen das Bruttosozialprodukt pro Kopf in den USA bis 1946 bereits auf 1.260 Dollar gestiegen war und damit fast die fünffache Höhe Frankreichs erreichte.[23] Die Abhängigkeit von den amerikanischen Lebensmittel-, Treib- und Rohstofflieferungen stellte ein großes Problem dar. Genauer gesagt führte diese Abhängigkeit zu einer massiven Verschuldung. So belief sich im Jahr 1947 das Handelsbilanzdefizit Westeuropas auf 4,742 Milliarden US-Dollar.[24]

Die deutschen und französischen Gesellschaften unterlagen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg einer großen Gegenwartsskepsis. Die Gesellschaft, die diesen Völkern am besten erschien, lag bis in die 1950er Jahre häufig in der Vergangenheit und nur ganz selten in der Gegenwart. Sowohl die französische als auch die deutsche Gesellschaft war in starkem Maß vom Krieg gezeichnet, erschöpft und ohne Zukunftsglauben.[25] Stellvertretend für viele Europäer schrieb Klaus Mann 1949 über Europa: „Den Zusammenbruch der Zivilisation als möglich zu erwägen, ist etwas sehr anderes, als ihn sich wahrhaftig vollziehen zu sehen.“ [26]

[...]


[1] Walter Hallstein, Vorwort, in: Ulrich Sahm, Hg., Der Schuman-Plan. Vertrag über die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Textausgabe des Vertrages sowie des Abkommens über die Übergangsbestimmungen und der Zusatzprotokolle, Frankfurt am Main 1951, 5.

[2] Walter Hallstein, Der Schuman-Plan. Nachschrift des am 28. April 1951 in der Aula der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, Mertonstraße 17, gehaltenen Vortrages, Frankfurt am Main 1951, 7.

[3] Klaus Schwabe, Die Rolle der USA, in: Wilfried Loth, Hg., Die Anfänge der europäischen Integration 1945-1950, Bonn 1990, 171-187, hier 184.

[4] Vgl. Pascal Fontaine, Eine neue Ordnung für Europa. Vierzig Jahre Schuman-Plan (1950-1990), Luxemburg 1990, 5.

[5] Vgl. Christine Okrent, Wie Julius Caesar den Euro erfand. Die Geschichte der europäischen Einigung, Berlin 2002, 65.

[6] Vgl. Gabriele Clemens, Alexander Reinfeldt u. Gerhard Wille, Geschichte der europäischen Integration. Ein Lehrbuch, Paderborn 2008, 49.

[7] Vgl. Hans-Joachim Seeler, Die Europäische Einigung und das Gleichgewicht der Mächte. Der historische Weg der Europäischen Staaten zur Einheit, Baden-Baden 1992, 12.

[8] Vgl. Clemens, Reinfeldt u. Wille 2008, 49.

[9] Vgl. Seeler 1992, 12f.

[10] Vgl. Jürgen Mittag, Kleine Geschichte der Europäischen Union. Von der Europaidee bis zur Gegenwart, Münster 2008, 37.

[11] Vgl. ebd.

[12] Vgl. Clemens, Reinfeldt u. Wille 2008, 53f.

[13] Vgl. Mittag 2008, 42.

[14] Vgl. Clemens, Reinfeldt u. Wille 2008, 56f.

[15] Vgl. Seeler 1992, 13.

[16] Seeler 1992, 18.

[17] Vgl. Richard Baldwin u. Charles Wyplosz, The Economics of European Integration, 3. Auflage, London (u.a.) 2009, 4.

[18] Vgl. Ockrent 2002, 57.

[19] Vgl. Hartmut Kaelble, Die Nachkriegszeit in Frankreich und Deutschland (1945-1955/57), in: Ilja Mieck u. Pierre Guillen, Hg., Nachkriegsgesellschaften in Deutschland und Frankreich im 20. Jahrhundert, München 1998, 123-141, hier 126.

[20] Vgl. Baldwin u. Wyplosz 2009, 6.

[21] Vgl. Franz Kaltenböck, Grenzen der europäischen Integration, phil. Diplomarbeit, Universität Salzburg 1996, 12.

[22] Vgl. Baldwin u. Wyplosz 2009, 5f.

[23] Vgl. Wilfried Loth, Die Europa-Diskussion in Frankreich, in: Wilfried Loth, Hg., Die Anfänge der europäischen Integration 1945-1950, Bonn 1990b, 27-49, hier 29.

[24] Vgl. Johannes Polak u. Peter Slominski, Das politische System der EU, Wien 2006.

[25] Vgl. Kaelble 1998: 126.

[26] Kaelble 1998: 126.

Details

Seiten
42
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656539155
ISBN (Buch)
9783656543053
Dateigröße
995 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v264522
Institution / Hochschule
Universität Salzburg – Fachbereich Geschichte
Note
1
Schlagworte
europäischen gemeinschaft kohle stahl deutsch-französische versöhnung beginn integration

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Titel: Der Weg zur Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl