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Roma aus Rumänien in Deutschland

Integration durch Bildung statt Ablehnung durch Vorurteile

Examensarbeit 2013 38 Seiten

Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Warum kommen Roma aus Rumänien nach Deutschland?
2.1 Diskriminierung und Verfolgung als Gründe für Migration rumä­nischer Roma
2.2 Der Wunsch besserer Zukunfts- und Bildungschancen als Aus­wanderungsgrund
2.3 Ökonomische Hintergründe der Migration von Roma aus Rumänien

3 Wie reagiert die sogenannte Mehrheitsgesellschaft auf die Zu­züge rumänischer Roma?
3.1 Medien: Panik und Hilflosigkeit
3.2 Bevölkerung: Verzweiflung und Ablehnung
3.3 Politik: Suche nach dem / den Schuldigen

4 Bildung als Schlüsselkategorie in der Integration der zugewan­derten Roma
4.1 (Vor-)Schulbildung für alle - von Anfang an
4.2 Bildungswege für Jugendliche - Erwachsenen-, Weiter- und Al­tenbildung zur Eröffnung von Zukunftschancen
4.3 Gesellschaftliche Teilhabe als übergeordnetes Ziel
4.4 Identitätsbildende Erziehung zur Förderung kultureller Vielfalt ,
4.5 Bildung als Aufklärung der sogenannten Mehrheitsgesellschaft ,

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Internetseiten

Niemand ist so mächtig wie Du, Gott, sei den armen Zigeunern gnädig. Mag sie untergehn, die Welt, Du Herr, wirst sie überleben.

Doch sei weise nächstes Mal, wenn Du neu die Welt erschaffst.

Gebet von Roma in den Konzentrationslagern Europas

1 Einleitung

„TIGAXI“ („Zigeuner“) sehrieb der Junge aus Sibiu / Hermannstadt (Rumäni­en) an die Tafel, Im Rahmen eines interkulturellen Workshops, der im Zuge des „Six Nations Cup 2013“ stattfand, hatten sieh Jugendliehe aus den Marburger Partnerstädten zusammengefunden. Für einen Austauseh über Länder- und Spraehgrenzen hinweg waren die Teilnehmenden aufgefordert worden, in ihrer Mutterspraehe ein beliebiges Wort an die Tafel zu sehreiben, was dann im gemeinsamen Austauseh erläutert und übersetzt würde.

Ein Junge aus Rumänien sehrieb „TIGAXI“, Daraufhin fragte eine Teilnehmerin aus Sfax (Tunesien), was das denn sei, Sehweigen folgte. Dann begannen die Teilnehmer aus Rumänien und Slowenien abweehselnd Besehreibungen davon zu geben, was „TIGAXI“ seien: Mensehen, die herumzögen, die viele Kinder hätten, die klauten. In nur wenigen Augenblieken - die Seminarleiter innen braehen die Beantwortung der Frage naeh kurzer Zeit ab - wurde ein Großteil der Stereotypen, Vorurteile und des Hasses gegen Roma, die in Rumänien „TIGAXI“ heißen, reproduziert. Die tunesisehe Jugendliehe hatte eine durchweg negative Besehreibung davon erhalten, wer oder was „TIGAXI“ sind.

Die gesehilderte Begebenheit ist ein Beispiel von vielen, wie Mensehen, die der Ethnie der Roma und Sinti zugereehnet werden können, Stigmatisierung widerfährt. Weitere Beispiele für Diskriminierung und Ausgrenzung ließen sieh unter Anderem in zahlreiehen Zeitungsartikeln finden. So berichtet Lehnartz für die DIE WELT, dass ein französischer Bürgermeister über Roma die Bemerkung fallen gelassen habe, Hitler hätte vielleicht doch nicht genug von ihnen umgebraeht,1 Für das gleiche Blatt berichtet Schmidt, dass in Tschechien der Hass gegen „die Roma“ eskaliere, was sieh an den dortigen „Anti-Roma-Märsehen“ zeige,2

Auch hierzulande wächst der Unmut über Roma, die sieh besonders in den Großstädten und Ballungszentren ansiedeln. Dabei zeigt sieh im öffentlichen Diskurs vermehrt eine Rhetorik der Skepsis, der Angst, aber auch der Panik, „Wieviele werden noch kommen?“ „Wie soll das der Sozialstaat tragen?“ „Wie lässt sieh die Zuwanderung verhindern?“ Diese oder ähnliche Fragen klingen an.

Die Sorgen der hiesigen Bevölkerung in Bezug auf vermehrte Zuwanderung von Roma sehlieht als „Fremdenfeindliehkeit“ zu deklarieren, greift zu kurz. Gleichwohl bleibt zu zeigen, ob und inwiefern das dahinter stehende Denken und das aus dieser Haltung folgende Tun als Rassismus zu bezeichnen sind, Die vorliegende Arbeit beschäftigt sieh hauptsächlich mit Roma aus Rumänien, Dies hängt damit zusammen, dass die derzeit in deutsche Großstädte Zuzie­henden hauptsächlich aus diesem Staat kommen. Es soll nicht der Eindruck vermittelt oder der Irrtum unterstützt werden, das Land Rumänien sei die Urheimat von Menschen, die der Roma-Community angehören,3 Jedoch leben in diesem Land europaweit die meisten Roma, sodass unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Roma prozentual zur Gesamtbevölkerung des jeweiligen Landes migrieren,4 im vergangenen Jahr etwa 2,100 Roma von Rumänien nach Deutschland zugezogen sein dürften,5

Die Frage, wie eine umfassende Integration durch Bildung geschehen kann, ist zunächst auch eine Frage nach ihren Voraussetzungen, Eingangs sind Erläuterungen zu den Wanderungsgründen der rumänischen Roma notwendig, bei denen besonders auch die Mechanismen der Ausgrenzung durch die Mehrheitsgesellschaft eine Rolle zu spielen scheinen - Bemerkungen zu den Bedingungen im Heimatland Rumänien sind unerlässlich.

Um die Notwendigkeit von Bildung - für Roma und für die hiesige Bevölkerung - und die Dringlichkeit des Integrationsanliegens zu illustrieren, sollen im darauffolgenden Teil der Arbeit aktuelle Formen von Antiziganismus anhand dreier ausgewählter Felder - Medien, Bevölkerung und Politik - ergründet werden.

Dass Bildung sowohl für die Zuwandernden, beziehungsweise Zugewanderten, aber auch für die Ansässigen eine Schlüsselrolle beim Anliegen Integration spielt, wird im vorletzten Kapitel anhand einiger Konkretionen erörtert.

Die Arbeit kann schon vorab als ambivalent in Bezug auf Zielsetzung und Methodik bezeichnet werden, will sie doch zur Dekonstruktion ethnisierender Zuschreibungen beitragen - und muss doch auf Begriffe zurückgreifen, die die Gefahr in sieh bergen, als diskriminierend oder kategorisierend empfunden zu werden.

2 Warum kommen Roma aus Rumänien nach Deutschland?

Die Frage, wieso Roma nach Deutschland migrieren, ist deshalb wichtig, weil mit dem Versuch ihrer Beantwortung die Hoffnung verbunden ist, erste Hinweise darauf zu finden, welche Maßnahmen und Wege notwendig sind, um ein gutes Einleben in Deutschland zu ermöglichen. Diese Fragestellung hat zwei Seiten: So ließe sieh einerseits danach forschen, warum Roma aus Rumänien emigrieren. Andererseits stellte sieh die Frage, warum sie naeh Deutschland immigrieren.

Medial ist die Problematik zuwandernder Roma in Deutschland mittlerweile von jeder großen Zeitung entdeckt und in mancher Fernseh- und Radiore­portage verarbeitet worden,6 Warum Roma naeh Deutschland kommen, wird - wie zum Beispiel von dem BR-Korrespondenten Borehard7 - überwiegend mit der Armut, der sie in ihren Herkunftsländern ausgesetzt sind, erklärt. Dies ist insofern begrüßenswert, als dass damit die Stigmatisierung eines Volkes, derzufolge das Wandern zu seinem Wesen gehöre, überwunden zu sein scheint,8 Jedoch greift diese Begründung zu kurz. Dass Armut selbst eine Folge sozialer, ökonomischer und vor allem politischer Entwicklungen ist, dass sie sieh selbst inform eines Kreislaufes der Armut reproduziert und dass sie auch ein migrationsverhinderndes Moment darstellen kann,9 gerät dabei nicht in den Blick, Im Folgenden soll deshalb der Versuch einer breiteren Ursaehenanalyse unternommen werden.

Die Phänomene Wanderung allgemein und Wanderung ans Rumänien nach Deutschland sind nicht neu. Auch die wissenschaftliche Arbeit zu Fragen der Migration ist sei dem 20, Jahrhundert etabliert. Die im Folgenden zu beantwor­tende Frage ist einerseits zu behandeln als eine Frage nach den Ursachen der Migration von Menschen - unabhängig welcher Ethnie sie sieh zuordnen oder zugeordnet werden. Andererseits muss die Frage unter Berücksichtigung der Tatsache gestellt werden, dass rumänische „Rigami“ möglicherweise besondere Gründe für die Entscheidung zur (Aus-)Wanderung haben. Dies hängt nicht etwa - wie fälschlicherweise bis in unsere Tage behauptet10 - damit zusammen, dass sie qua Geburt oder qua „Rasse“ einen „Wandertrieb“ besäßen, sondern vielmehr mit den Zuschreibungen, denen sie ausgesetzt sind,

2.1 Diskriminierung und Verfolgung als Gründe für Mi­gration rumänischer Roma

In einem Bericht des European Roma Rights Centre zu Roma-Rechten in Rumänien aus dem Jahre 2001 wird von einer Begebenheit auf einer Polizeista­tion berichtet, die sinnbildlich für behördlichen Umgang mit und das Denken über Roma in Rumänien sein könnte. Ein Rom begab sieh demnach auf eine Polizeiwache, um anzuzeigen, dass sein Sohn von einem Xieht-Rom am Vortag geschlagen worden war. Der (alkoholisierte?) Beamte entgegnete: „|,,,| ,1 would not lose my time for Roma, Roma are always guilty' |,,,|“,11

Der gleiche Bericht referiert - das Kapitel „Denial of Justice“ zusammenfassend - die Obliegenheiten des rumänischen Staates:

„|,,,| Romania, as a signatory to the European Convention on Human Rights and the International Covenant on Civil and Political Rights, is responsible for ensuring that the human rights of all within its jurisdiction are respected, Romanian authorities have an obligation to ensure the right of Romani communities, families or individuals to live free from assault, and to receive adequate redress when their rights have been violated |...|“.12

Schon im Vorfeld des EU-Beitritts Rumäniens haben die EU-Kommissare den Umgang der Regierung mit der nationalen Roma-Minderheit kritisiert, Bereus bemerkte im Jahre 2005 in seinem Beitrag zur Situation von Roma in Rumänien: „|,,,| Die Existenz der Roma am Rande der Gesellsehaft und die Diskriminierungen, denen sie in allen Bereiehen des öffentlichen Lebens ansgesetzt sind, geben auch heute noch Grund zur Besorgnis sowohl bei staatlichen als auch zivilgesellschaftlichen Akteuren |...|“.13 An der Kritikwürdigkeit der Zustände scheint sieh seither kaum etwas geändert zu haben, wenn man beispielsweise die Ausführungen aus dem 2011 veröffent­lichten „EU-Rahmen für nationale Strategien zur Integration der Roma bis 2020“14 beachtet. Dort werden ebenfalls „Vorurteile, Intoleranz, Diskriminierung und soziale Ausgrenzung“15 thematisiert, mit denen Roma tagtäglich zu leben hätten, „|,,,| IAngehörige der Roma-Minderheit, J,V,| leben als Randgruppe unter äußerst prekären sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen |...|“16, heißt es in dem Papier,17 '

Die anhaltende Diskriminierung im Herkunftsland Rumänien ist als starkes Wanderungsmotiv anzunehmen. Eine Änderung der Verhältnisse scheint allein durch administrative Vorgaben oder Reglementierungen, wie sie die EU forciert,18 nicht möglich zu sein. Vielmehr muss gefragt werden, was zur Verstetigung von Vorurteilen und zu Ausschließungsmechanismen führt. Diese gilt es zu bekämpfen.

Eine mögliche Ursache soll betrachtet werden: Die sieh verfestigende Ausgren­zung von Roma in Rumänien ist verstehbar vor dem Hintergrund des politischen und ökonomischen Systemumbruchs in den Jahren 1989/90 einerseits, anderer­seits vor dem Hintergrund der sogenannten Finanz- und Wirtschaftskrise 2008, Dabei geht es an dieser Stelle lediglich um die Analyse gesellschaftlicher und sozialer Dynamiken, In den letzten etwas mehr als 20 Jahren änderte sieh das staatliche System grundlegend: von der Planwirtschaft zur sogenannten freien Marktwirtschaft, von einer sozialistischen Diktatur zu einer parlamentarischen

Demokratie, von dem Verbund UdSSR zur Mitgliedschaft in der EU, Einen Hinweis auf den Zusammenhang von Wende 89/90 und Verfolgung bildet die von Remmel 1993 in seinem Buch „Die Roma Rumäniens“ geschilderte massive Zunahme von Gewalt und Repression gegen Roma zu Beginn der 90er Jahre,19 Rumänien befindet sieh wie seine Nachbarn aktuell auf dem Weg in die Postmoderne, für die Beek sagte: „|,,,| .Post; ist das Codewort für Ratlosigkeit

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Gesellschaftliche Umbrüche können - das haben die Erfahrungen in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts gezeigt - zur Marginalisierung oder gar Verfolgung von als anders empfundenen oder gedeuteten Bevölkerungsteilen führen. Möglicherweise ist das auch in Rumänien der Fall,21 Verantwortlich dafür sind Unsicherheitsgefühle aufseiten der Bevölkerung, wie dem Neuen zu begegnen sei, und die Entscheidung von Behörden, weiter nach bekannten Deutungsmustern und mit erprobten Methoden zu arbeiten. Die Fähigkeit und Möglichkeit zur Selbstreflexion - des Systems und seiner Glieder - ist angesichts drohender neuer (negativer) Veränderungen außer Kraft gesetzt, beziehungsweise wird als Luxusgut betrachtet und nicht zur Anwendung gebracht.

Die Marginalisierung von Roma ist vor diesem Hintergrund nicht als aktive Verfolgung zu verstehen, sondern vielmehr als unterlassene Hilfeleistung für eine Gruppe, die im Teufelskreis von Armut22 und gesellschaftlicher Xicht-Teilhabe gefangen zu sein scheint. Damit sollen nicht reale Zustände von Verfolgung oder aktiver Ablehnung von Angehörigen der Roma-Minderheit - wie sie im Bericht des Roma Rights Centre23 und auch von Bercus24 zu häuf genannt werden - bagatellisiert oder entschuldigt werden. Vielmehr sind sie auch als gesellschaftlich bedingt zu sehen.

2.2 Der Wunsch besserer Zukunfts- und Bildungschancen als Auswanderungsgrund

„|,,,| Je negativer die Einschätzung der Zukunft in bezug auf Arbeitschancen und die Entwicklung der Wirtschaft, um so größer ist die Neigung auszu-wandern [...]25 bemerkt Seewann in seiner Untersuchung zur Migration aus Südosteuropa, Dabei stützt er sieh auch auf eine 1991 in Rumänien durchge­führte Studie, die vier Gruppen von Auswanderern ergab: jene, die überzeugt seien, im Westen besser leben zu können und bereit seien auszuwandern (10 %), solche mit der gleichen Meinung über den Westen, die aber unsicher in Bezug auf die eigene Auswanderung seien (10 % ), jene, die im Westen ebenfalls bessere Lebenschancen wähnten, aber nur von Auswanderung träumten (31 %), und welche, die die Auswanderung definitiv ablehnten (49 % ),26 Roma, die heute nach Deutschland kommen, sind Menschen, die im „Westen“ ein besseres Leben nicht nur vermuten, sondern es auch suchen. Inwiefern spielt dabei auch der Wunsch besserer Zukunftschancen für sieh und ihre Kinder eine Rolle?

Gründe für die Auswanderung aus der Heimat, aus vertrautem Umfeld und bekanntem Sozialgefüge (Verwandte, Freunde), müssen Gründe sein, die nicht nur im Hier und Jetzt zu suchen sind, sondern auch in der Vergangenheit und besonders auch in der Zukunft, Aktuell in die Ballungsgebiete zuwandernden Roma kommen vor allem im Familienverband, Eine Deutungsoption wäre es, dies als Bestätigung dafür zu verstehen, dass Roma traditionell leben (viele Kinder, Eheschließung in jungen Jahren), Dies ist sicher bei einigen Immigrierenden der Fall, sollte jedoch den Blick dafür nicht versperren, dass die Mitnahme von Kindern bei der Auswanderung auch bedeuten kann, dass es um eben jene geht:

„|,,,| ,Für die Kinder sind wir da, nicht für uns' |...|“27 ', äußert ein nach Berlin gegangener Rom in einem Zeitungsinterview gegenüber der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien, Die Kinder sollten eine bessere Bildung bekommen, vor allem Schulbildung: „|,,,| ,Mein Sohn Daniel konnte nach der ersten Klasse in Rumänien nicht einmal schreiben. Die Lehrer haben sieh nicht um ihn gekümmert, er hätte dort keine gute Ausbildung bekommen' |,,,|“,28

Die Bildungschancen von Roma in Rumänien - das zeigt beispielsweise die Dar­stellung von Bercus - sind ambivalent. Er bewertet die „ |,,,| positive Diskri­minierung der Roma durch die Universitäten |als, J,V,| sehr lobenswert |,,,|“29, Andererseits sei die „Diskriminierung der Roma-Kinder im Bildungssystem auf lokaler Ebene“30 ein Hauptproblem, mit dem sieh das Bildungsministerium aus­einanderzusetzen habe. Konkret besteht letzteres Problem darin, dass Roma- Kinder und Xicht-Roma überwiegend in getrennten Schulen oder in getrennten Klassen unterrichtet werden. In den so entstehenden Roma-Klassen ist der Un­torricht entsprechend schlecht,31 Der rumänische Autor Surdu nennt es eine „de faeto-Segregation“32, die nicht aus Gesetzgebung oder politischer Strategie resultiere, sondern „einfach Traditionen sowie Vorurteile und Untätigkeit zum Ausdruck |bringe, J.V.||...|“.33

2.3 Ökonomische Hintergründe der Migration von Roma aus Rumänien

Neben allen angeführten und diskutierten möglichen Wanderungsursachen soll dieses Kapitel mit der Betrachtung des wahrscheinlichen Hauptauswan­derungsgrundes beendet werden: der Armut, Themen wie Diskriminierung oder Bildungsungerechtigkeit, aber auch Verfolgung und Marginalisierung in Geschichte und Gegenwart sind als Bedingungsfaktoren der starken Armut von Roma anzusehen. Und dies betrifft nicht nur Roma in Rumänien, Obwohl das Thema Armut also im Folgenden als separates behandelt wird, ist es sowohl Ursache als auch Folge vorgenannter Zustände,

Wie stellt sieh die ökonomische Situation von Roma in Rumänien dar? In einer vom Berliner Institut für Vergleichende Sozialforschung vorgelegten Studie zur ökonomischen Situation von Romafrauen wird allgemein über Roma in Rumänien ausgesagt, dass sie ökonomisch die am stärksten benachteiligte Gruppe seien,34 Ihre „zunehmende Verarmung“ sei einerseits auf benannte Probleme der Diskriminierung, andererseits auf ihre „traditionelle Lebensweise“ und ihr „Wertesystem“ zurückzuführen.35

Auch die Ergebnisse der vergleichenden Studie „Breaking the Cycle of Ex­clusion: Roma Children in South East Europe“36, die UNICEF 2006 in acht Ländern des Balkans, darunter Rumänien, durchgeführt hat, deuten auf eine starke Armut unter der Roma-Bevölkerung hin.

[...]


1 Vgl. Sascha Lehnartz: Bürgermeister hetzt in Frankreich gegen Roma, in: Die Welt 2013, url: http : / / www . weit. de/politik/ausland/art idei 18316767/Buergerme ist er -hetzt - in-Frankreich - gegen- Roma. html.

2 http://www.welt. de/polit ik/ausland/art idei 18680847/In-Tschechien-eskaliert-der-Hass -gegen- die-Roma.html.

3 Vgl. dazu z.B. Rita Polm: Roma (R.) In: Cornelia ScHMALZ-jACOBSEN/Georg Hansen (Hrsg.): Kleines Lexikon der ethnischen Minderheiten in Deutschland, Verlag C.H. Beck, 1997, S. 130 133, hier S. 130.

4 Vgl. Norbert Mappes-Niediek: Die Situation der Roma in Südosteuropa als gesamteuropäische Heraus­forderung, Vortragsreihe W-Forum der wissenschaftlichen Dienste des Bundestages, 2013, URL: http : / / www . bundestag . de / dotalmente / textarchiv / 2013 / 44S60881 _ kwl9 _ wf ornm_ roma / index . html; vgl. auch Bezirksamt Neukölln von Berlin Abteilung Bildung, Schule, Kultur und Sport: 3. Roma-Statusbericht. Entwicklung der Zuzüge von EU-Unionsbürgern aus Südosteuropa, 2013, uhl: http: / /www. berlin. de / imperia/md/ content/baneukoelln/ f lyer/3 . _romastatusbericht. pdf ? start &ts = 1362131366Kile-3._romastatusbericht.pdf, S. 3.

5 Dabei wird die Zahl von ungefähr 21.000 rumänischen Staatsbürgern zugrundegelegt, die nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2012 nach Deutschland zuzogen; vgl. Martin Conrad; Weiter hohe Zuwanderung nach Deutschland im Jahr 2012, Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes, 2013, url; https ://www.destaiis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2013/0S/PD13_ 166_12711pdf.pdf? blob=publicationFile.

6 www.welt.de/wall-street-journal/article118332672/Europas-Arme-kommen-nach-Deutschland.html, Norbert Mappes-Niediek: Mehr Roma-Flüchtlinge in der EU, in: Südwest Fresse 2012, uhl: http:// www.swp.de/ulm/nachrichten/politik/Mehr-Roma-Fluechtlinge-in-der-EU;art4306,1674891, Claudia van Laak: Jede Woche eine neue Klasse, Radio-Reportage, Dradio, Sendung „Campus & Karriere“, 2012, UliL: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/campus/17720SS/ oder Peter Carstens: Einwanderung aus Rumänien. Willkommen im Roma-Dorf, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 2013, uhl: http://www. faz.net/aktuell/polit ik/ausland/europa/e inwanderung- aus - rumaenien- willkommen- im- r orna- dori - 12239344.html.

7 Vgl. Ralf Borchard: Armut in Rumänien. Warum Roma nach Deutschland kommen, Rundfunk­Reportage, Bayerischer Rundfunk, Sendung Bö aktuell, 2013, uhl: http://www.br.de/nachrichten/roma- nach-deutschland-100.html.

8 So spricht Rita Polm noch 1997 von der ,, [...] weitverbreitete[n, J.V.] Vorstellung, daß sowohl R[oma, J.V.] als auch Sinte .Nomaden' seien (Polm: Roma (R.) (Wie Anm. 3), S. 130 ). Diese müsse korrigiert werden, hebt sie in ihrem Lexikon-Artikel hervor (vgl. ebd., S. 130).

9 migrieren (vgl. Mappes-Niediek: Die Situation der Roma in Südosteuropa als gesamteuropäische Her­ausforderung (wie Anm. 4)). ln einer von mir in diesem Jahr durchgeführten empirischen Untersuchung in Rumänien komme ich in Anlehnung an Sarti (vgl. Raffaella Sahti: The Globalisation of Domestic Service An Historical Perspective, in: Helma Lutz (Hrsg.): Migration and Domestic Work, Hampshire/ Bur­lington: Ashgatc, 2008, Kap. 6, S. 77 97) und Vclniccriu (vgl. Alina Velniceriu: Fenomenul migrantgilor externe çi asistenta socialä a copiilor râmaçi „singur acasä“ (Das Phänomen der Emigranten und Sozialas­sistenz für Kinder, die „allein zu Hause“ geblieben sind)), Abschlussarbeit, 2009, Universitatea Alexandra loan Cuza, laçi, Rumänien) zu dem Ergebnis, dass die Ärmsten überwiegend nicht migrieren, weil ih­nen die notwendigen Ressourcen fehlen, vgl. .lanka Vogel: Transnationale Familien in Rumänien. Die Situation von Kindern und Jugendlichen in Dorohoi, deren Eltern im Ausland arbeiten, München: GRIN Verlag, 2013, 30f. Jedoch wird angesichts von Migrationsnetzwerken, wie sie sich aktuell etablieren, die Frage möglicherweise neu gestellt werden müssen.

10 Noch 1997 ist in einem Fachbuch zu Migration zu lesen, dass neben „ethnisch-politischen“ und ökonomi­schen Ursachen der Wanderung von Roma auch zu berücksichtigen sei, daß diese Minderheit von alters her wanderfreudig [sei, J.V.] (Gerhard Seewann: Migration aus Südosteuropa, in: Steifen Angenendt (Hrsg.): Migration und Flucht. Aufgaben und Strategien für Deutschland, Europa und die internationale Gemeinschaft, München: R. Oldenbourg Verlag, 1997, S. 60 70, hier S. 64).

11 European Roma Rights Centre: Roma Rights in Romania, in: European Roma Rights Centre Reports Series 10 (2001), S. 6 81, url: http : //www. ceeol. com/aspx/issuedetails . aspx?issueid=6ec69d84- 15bl-4bfa-9594-d478beb2568cfearticleId=dd8f6dc7-4b32-4a71-8d55-914d3alccc84, hier S. 13.

12 Ebd., 28f.

13 Costei Bercus: Die Situation der Roma in Rumänien, in: Max Matter (Hrsg.): Die Situation der Roma und Sinti nach der EU-Osterweiterung, Göttingen: V & R unipress GmbH, 2005, S. 29 46, hier S. 29. ln ähnlicher Weise erwähnt im gleichen Jahr Moisa Diskriminierungen gegen Roma als „immer noch weit ver­breitet“ (vgl. Florin Moisa: Länderstudie Rumänien, in: Berliner Institut für Vergleichende Sozi- ALFOHSC1IUNG (BiVS) (Hrsg.): Aspekte der ökonomischen Situation von Romafrauen. Studie, Brüssel: Eu­ropäisches Parlament, 2005, S. 171 184, url: http ://link, springer. com/content/pdf/10.1007V/,2F978- 3-S31-92394-9.pdf, hier S. 173).

14 Vgl. Europäische Kommission: Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament, den Rat, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen: EU-Rahmen für nationale Strategien zur Integration der Roma bis 2020, Brüssel, 2011, url: http://eur-lex.europa.eu/ LexUriServ/LexüriServ.do?uri=C0M:2011:0173 : FIN : DE : PDF.

15 Ebd., S. 2.

16

17 Die Diskriminierung von Roma ist ein gesamteuropäisches Problem, auch ein deutsches. Deshalb soll es an dieser Stelle nicht darum gehen, die defizitäre Minderheitenschutzpolitik, beziehungsweise deren mangelhafte Umsetzung durch die rumänischen Behörden anzuprangern als speziell rumänisches Problem. Marginalisierung oder gar Verfolgung hängen genauso wenig mit einem bestimmten Staat zusammen wie das Marginalisiertwerden mit der Ethnie der Roma.

18 Vgl. Europäische Kommission: EU-Rahmen für nationale Strategien zur Integration der Roma bis 2020 (wie Anm. 14).

19 Verlag, 1993, S. 98-112.

20 Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1986, S. 12.

21 Dabei soll die aktuelle Verfolgung von Roma nicht mit derjenigen von Minderheiten im Dritten Reich gleichgestellt werden. Gleichwohl werden heutige Verfolgungsszenarien im Bericht „Roma Rights in Ro­mania“ als „pogrome“ bezeichnet und nötigen fast einen Vergleich mit NS-Verfolgungspolitik auf (vgl. u.a. European Roma Rights Centre: Roma Rights in Romania (wie Anm. 11), S. 5, ebd., S. 8 und ebd., 28f ).

22

23 Vgl. European Roma Rights Centre: Roma Rights in Romania (wie Anm. 11).

24 Vgl. Bercus: Die Situation der Roma in Rumänien (wie Anm. 13).

25 Seewann: Migration und Flucht (wie Anm. 10), 64f.

26

27 Ana Saliate: „Die Kirche verbietet das Betteln“. Immer mehr rumänische Roma-Familien suchen ein besseres Leben in Berlin, in: Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien 2011, S. 8.

28 Ebd.

29 Bercus: Die Situation der Roma in Rumänien (wie Anm. 13), S. 38.

30 Ebd.,S.40

31 Dabei wäre zu fragen, inwiefern auch die schlechte Bezahlung der Lehrer ursächlich für schlechten oder gar nicht erteilten Unterricht sein kann. Im Gefolge der sogenannten Finanz- und Wirtschaftskrise hat die rumänische Regierung ein radikales Sparprogramm aufgesetzt und die Beamtengehälter um 25 Prozent (!) gekürzt (vgl. Valentina Vasile: Romania: Restrictive wage policies alongside poor crisis management, in: International Labour Organization (Hrsg.): The impact of the Crisis on Wages in South-East Europe, Schmidt, Verena und Vaughan-Whitehead, Daniel, 2011, S. 221 263, uul: http://www. ilo. org/wcmspS/ groups /public/ europe/--- ro - geneva/ sro - budapest /documents /publieation/wems _ 172434 . pdf, hier S. 222.

32 Surdu, zit. nach Berces: Die Situation der Roma in Rumänien (wie Anm. 13), S. 44.

33 ebd., S. 44. Rose spricht in diesem Zusammenhang von ,,[...] apartheid-ähnlicher Absonderung der Roma- Kinder von der die Schulsituation besonders in den neuen EU-Ländern gekennzeichnet sei (Romani Rose: Konsequente Politik gegen Diskriminierung von Sinti und Roma, in: Reinhard Sciilagintweit/ Marlene Ruppheciit (Hrsg.): Zwischen Integration und Isolation. Zur Lage von Kindern aus Roma- Familien in Deutschland und Südosteuropa, Berlin: Metropol Verlag, 2007, S. 145 153, hier S. 146).

34

35 Vgl ebd.,S.175

36 Vgl. Sebastian Sedlmayr: Den Kreislauf der Diskriminierung durchbrechen. Zusammenfassung der UNICEF-Studie zur Situation von Roma-Kindern in Südosteuropa, in: Reinhard Sciilagintweit/Marlene Ruppheciit (Hrsg.): Zwischen Integration und Isolation. Zur Lage von Kindern aus Roma-Familien in Deutschland und Südosteuropa, Berlin: Metropol Verlag, 2007, S. 105 115, hier S. 105.

Details

Seiten
38
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656582496
ISBN (Buch)
9783656581093
Dateigröße
2.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v264516
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Institut für Erziehungswissenschaften
Note
1,4
Schlagworte
Antiziganismus Migration Diskriminierung Verfolgung Zukunftschancen Bildungschancen Medien Bevölkerung Politik Teilhabe Gesellschaft Kultur Aufklärung Südosteuropa EU Europäische Union Roma Rumänien Deutschland Integration Ablehnung Vorurteile Bildung

Autor

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