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Le Corbusier und das Radiant City-Konzept

Eine Idee des urbanen Idealismus

Hausarbeit 2013 14 Seiten

Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundprinzipien des Städtebaus

3. Theorien des Städtebaus
3.1. „Ville Contemporaire“
3.2 „Ville Radieuse“

4. Fazit

5. Abbildungsverzeichnis

6. Bibliographie
6.1 Monographien
6.2 Internet-Quellen

1. Einleitung

Charles-Edouard Jeanneret-Gris lebte vom 6. Oktober 1887 bis zum 27. August 1965. Er gilt als einer der bedeutendsten Architekten des vergangen Jahrhunderts; gleichsam aber auch als umstrittenster Künstler und Theoretiker seiner Zeit. Aufgrund seiner Auffassung von der Architektur als komplexe Baukunst beschäftigte er sich neben der Architekturtheorie auch mit Stadtplanung, Bildhauerei und Möbeldesign.[1] Zudem wurde er auch malerisch und zeichnerisch kreativ. In dem seit 1920 veröffentlichten Magazin „L'Esprit Nouveau“ begann er das Pseudonym Le Corbusier zu verwenden.[2] Bezüglich der Architektur sind Le Corbusiers „Fünf Punkte zu einer neuen Architektur“ von zentraler Bedeutung.[3] Hierin thematisiert er eine radikale Änderung der Architektur, um auf den sich beschleunigenden Progress der Technisierung und den daraus resultierenden gesellschaftlichen Wandel reagieren zu können. Um seine komplexe Theorie der Stadtplanung konsequent umsetzen zu können, beschäftige sich der Architekt insbesondere mit dem Wohnungsbau.[4] Beispielhaft steht hierfür das Doppelhaus in der Weißenhofsiedlung in Stuttgart von Le Corbusier und Pierre Jeanneret.[5] Um seine Theorien und Visionen eine geeignete wissenschaftliche Plattform zu geben, pflegte Le Corbusier unter anderem die Mitgliedschaft im „Congres Internationaux d'Architecture Moderne“ (CIAM)[6], dessen Mitbegründer er war.

Bis in die Mitte der 1920er Jahre war Le Corbusier gesellschaftlicher und künstlerischer Anhänger des kapitalistischen Systems. Dies äußerte sich unter anderem in der 1922 veröffentlichten Konzeption der „Ville Contemporaire“.[7] Im Zuge der beginnenden Weltwirtschaftskrise (1929) wandte er sich vom Kapitalismus ab und wurde glühender Anhänger des französischen Syndikalismus.[8]

2. Grundprinzipien des Städtebaus

1925 beschrieb Le Corbusier in seiner Abhandlung „Urbanisme“[9] die Probleme des traditionellen Städtebaus, die der Architekt im Folgenden kulminiert: „Der Mensch, der Gerade zieht, beweist, dass er sich selbst begriffen hat und eintritt in die Ordnung.“[10] Als Resultat dieser Überlegung entwickelte Le Corbusier die Idee der idealen Stadt. Hierin definiert der Vordenker seine vier Grundprinzipien der Stadtplanung, deren Entwurf aus einer rationalen Analyse existierender Städte entsteht, vorrangig europäischer Großstädte.[11] Diese Grundprinzipien der Stadtplanung ergeben sich laut Le Corbusier aufgrund der Problematik des architektonischen, demographischen und technisierten Wandels als Resultat der Industrialisierung und der Motorisierung. Diese sind a) die Entlastung der Stadtzentren, b) die Erhöhung der Bevölkerungsdichte, c) die Vermehrung der Verkehrsmittel und d) der Ausbau der bepflanzten Flächen - den „Pilotis“.[12] Le Corbusier dramatisiert die Notwendigkeit der Umsetzung der Grundprinzipien: „Eine Stadt, die stillsteht, bedeutet ein Land, das stillsteht.“[13] Daraus schließt er: „Die moderne Straße ist ein neuer Organismus, eine Art Fabrik (...).“[14]

Mit seiner Idee der an die Zeit angepassten Städte vom Reißbrett plant Le Corbusier, Ordnung in das urbane Chaos zu bringen. Basis dieser Ordnung sind die Stereotypen der Industrialisierung und innovativen Motorisierung, um die tradierten Städtebauideen zu modernisieren.

Im ersten Kapitel des „Urbanisme“ erläutert Le Corbusier das Grundproblem der bestehenden Städte.[15] Bei einer fortschreitenden Urbanisierung sei der Ausbau der „alten Wege“ kein Prozess der Fortentwicklung, da keine „Schlagadern“ für das sich beschleunigende Leben entstünden. Resultat sei der Stillstand und der Tod der traditionellen Städte.[16] Die Lösung des Problems: rechte Winkel und klare Geometrie würden eine moderne Stadt lebensfähig machen. Mit der Definition rechter Winkel und gerader Linien als Achsen des Stadtbildes und als Ausdruck des freien menschlichen Schaffens beruft sich der Architekt auf sein früheres Werk „Verse une Architecture“.[17]

Die Idee der klaren Geometrie erläutert der Vordenker im zweiten Kapitel „Leid und Lust“.[18] Die Ruhe und das Wohlbefinden der Menschen sind von der geometrischen Form beeinflusst und drücken sich in klaren, ungebrochenen Linien aus.[19] Auf diese Weise ergibt sich seine Forderung nach dem Zusammenhalt der einzelnen Formen, die in der folgenden These gipfelt: Städtebau sei mehr als eine bloße Berechnung, sondern ebenso Baukunst.[20] Das geometrische Konzept seiner Theorie sollte sich in hervorgehobenen Plätzen und einem ausgewogenen Stadtbild äußern, die der Gleichförmigkeit im Einzelnen entspringen sollte. Diese Idee sollte durch die Industrialisierung des Baugewerbes einerseits sowie infolge der Rückbesinnung auf das menschliche Maß andererseits unterstützt werden - der „Modulor“.[21]

3. Theorien des Städtebaus

Le Corbusier bietet mit seinen städtebaulichen Entwürfen Lösungen für die Bevölkerungsexplosion in den Stadtzentren, die zunehmende Motorisierung und die steigende Geschwindigkeit der Fortbewegungsmittel an - folglich die Entwicklung eines Grundprinzips für moderne Städte; de facto ein Standard für den Städtebau.

3.1. „Ville Contemporaire“

Die „Ville Contemporaire“ beschreibt das Konzept für die Entwicklung einer Stadt für drei Millionen Einwohner. Es sieht zunächst die Klassifizierung der Stadtbevölkerung nach „Städtern“ (Arbeit und Wohnung in der „City“), „Vorstädtern“ (Arbeit in der „Fabrikzone“, Wohnung in der „Gartenstadt“) und „Halbstädtern“ (Arbeit in der „City“, Wohnung in der „Gartenstadt“) vor.[22] Auf Basis dieser Einteilung definiert Le Corbusier die Funktionen der verschiedenen Stadtteile nach „Stadtgebiet“, „Industrieviertel“ und „Gartenstadt“. Die Übergänge der Stadtteile bezeichnet der Architekt als „Unfreie Zone“, die als ausgedehnte Grünfläche für Bepflanzungsmaßnahmen und als Ausdehnungsfläche bei einer etwaigen Vergrößerung der Stadtfläche genutzt werden kann.

Nach Le Corbusiers städtebaulichen Visionen beherrschen Ordnung und strikte Zentralisierung das Stadtbild. Bilateral symmetrisch verlaufende Zentralachsen und das bestimmende Maß - als Raster 400 Meter - strukturieren das Stadtgebiet der Ville Contemporaire und führen zu einer Ordnung der Stadt und Ihrer Bewohner.[23]

3.2 „Ville Radieuse“

Das Konzept der „Ville Radieuse“ korreliert insbesondere mit Le Corbusier's Wohnungsbautheorien. Der Architekt betrachtete die Wohnung als Zelle, die multifunktional und flexibel nutzbar sein sollte. In dieser Idee verarbeitete Le Corbusier erneut die biologische Einheit des Menschen.[24] Die Entwürfe seiner Zellen basierten auf den Vorschlag des CIAM von 1930 in Brüssel, als ein moderner Sozialwohnungsbau postuliert wurde. Gemeinsam mit Charlotte Perriand entwarf Le Corbusier einen 14-Quadratmeter-Standard für den Wohnungsbau, in denen die Architekten große, offene Flächen mit kleinen, konzentrierten Raumkonzepten kombinierten.[25] Auf diese Weise variierten die Wohnungsgrößen von Wohnflächen für Junggesellen bis zu Wohneinheiten für Großfamilien.

In der „Ville Radieuse“ vereint Le Corbusier die Elemente des Wohnungsbaus mit den Visionen des modernen Städtebaus. Dabei bearbeitet der Visionär nicht nur das architektonische und urbane Konstrukt, sondern entwickelt auch das soziale Abbild der Stadt. „If the city were to become a human city, it would be a city without classes.”[26] Dieser These folgend entwickelt Le Corbusier eine Pyramide der natürlichen Hierarchien, die sich aus den Prinzipien des Syndikalismus orientiert. Über die Pyramide werden die Struktur und die Organisation eines Stadtplanes vorgegeben.[27] Die perfekte Zusammenarbeit aller Teile der Hierarchie erschafft schließlich die Schönheit einer Stadt, deren Ort der Freiheit der Wohnbereich - der „residential district“ - ist.

Le Corbusier verlangte, seine neuen Städtebauideen in einem uneingeschränkten Gebiet umsetzen zu können. Hierfür sollten die historischen Städte abgerissen werden, um die traditionellen Strukturen zu entfernen.[28]

In der „Ville Radieuse“ wird die Idee von der Stadt als Körper (city-as-body) modifiziert.[29] Der Stadtplan hat nach wie vor einen klassischen Körper bestehend aus Kopf (business centre) und Herz (cultural centre). Allerdings sind die Zentralachsen nicht mehr bilateral symmetrisch angelegt. Die Offenheit der Anlage zeigt sich als eine Form der biologischen Entwicklung (biological development) - wie die Wurzeln eines Baumes. Die Stadt enthält nur noch eine Achse. Auf diese Weise wird der Stadtplan wesentlich flexibler und weniger künstlerisch.[30] Im Mittelpunkt des urbanen Lebens stehen die o.g. Wohnblocks, die nun für alle Bewohner - nicht nur für die Elite - zugänglich sind. Die Gleichheit der Bevölkerung wird auch durch die identische Anfahrtszeit der Anwohner in die City als auch in die Industrieviertel sichtbar.

[...]


[1] Vgl. Boesiger, Willy (19987): Le Corbusier. Basel: Birkhäuser.

[2] Vgl. Curtis, William (2006): Le Corbusier. Ideas and forms. Phaidon Press. S. Abb. I: Le Corbusier.

[3] S. Mallgrave, Harry Francis; Contandriopoulos, Christina (eds.) (2008): Architectural theory. An anthology from 1871 to 2005. Malden, Mass.: Blackwell, S. 218ff.

[4] Vgl. Benton, Tim (2007): The Villas of Le Corbusier and Pierre Jeanneret, 1920-1930. Basel: Birkhäuser.

[5] Vgl. Adlbert, Georg (Hrsg.) (2006): Le Corbusier, Pierre Jeanneret - Doppelhaus in der Weißenhofsiedlung Stuttgart. Die Geschichte einer Instandsetzung. Stuttgart: Krämer.

[6] Vgl. Mumford, Eric Paul (2002): The CIAM discourse on urbanism, 1928 - 1960. Cambridge, Mass.: The MIT Press.

[7] Vgl. Le Corbusier (1923) : Verse une architecture. Paris: Cres.

[8] S. Fishman, Robert (1977): Urban utopias in the twentieth century. Ebenezer Howard, Frank Lloyd Wright, and Le Corbusier. New York: Basic Books Publ., S. 226-234.

[9] Vgl. Le Corbusier (1925): Urbanisme. Paris: Cres. Vgl. auch Le Corbusier (1979): Städtebau. Übersetzt und herausgegeben von Hans Hildebrandt. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt. Im Original: Urbanisme. Paris: Cres 1925.

[10] Zit. Le Corbusier (1979), S. 33.

[11] Vgl. Cohen, Jean-Louis (20125): Le Corbusier. Herausgegeben von Peter Gössel. Hamburg : Taschen Verlag.

[12] Vgl. Le Corbusier (1923).

[13] Zit. Le Corbusier (1979), S. 82.

[14] Zit. Le Corbusier (1979), S. 136.

[15] Vgl. Le Corbusier (1925).

[16] Vgl. Le Corbusier (1979).

[17] Vgl. Le Corbusier (1923).

[18] Vgl. Le Corbusier (1925).

[19] S. Abb. II: Die Zentralachsen der “Ville Contemporaire”, um die bilateral Symmetrie der Stadtplanung zu verdeutlichen.

[20] Vgl. Gerosa, Pier Giorgio (1978): Le Corbusier, urbanisme et mobilite. Basel: Birkhäuser

[21] Vgl. Le Corbusier (1978; Facs.): Der Modulor. Darstellung eines in Architektur und Technik allgemein anwendbaren harmonischen Maßes im menschlichen Maßstab. Übersetzt von Richard Herre und Nora von Mühlendahl-Krehl. Mit einem Vorwort von Georges Candilis. München: Deutsche Verlags-Anstalt.

[22] Vgl. Le Corbusier (1979).

[23] Vgl. Le Corbusier (1923).

[24] S. Mumford (2002), S. 47f. S. auch Fishman (1977), S. 229f.

[25] Vgl. Janson, Alban; Krohn, Carsten (2007): Unite d’habitations. Marseille, Le Corbusier. Stuttgart : Menges.

[26] Zit. Fishman (1977), S. 230.

[27] S. Gerosa (1978), S. 64.

[28] S. Mallgrave (2008), S. 219.

[29] S. Mumford (2002), S. 79-81. S. auch Abb. IV: Schema representant le cartiers de la Ville Radieuse.

[30] S. Abb. III: Plan of Radiant City. The Central District is now residential; above it is the Business District and below are the industrial sites. From “La Ville Radieuse”, (1935). Die schwarzen Abschnitte der Abbildung deuten auf Parkanlagen und Grünflächen hin.

Details

Seiten
14
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656538646
ISBN (Buch)
9783656541721
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v264455
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Note
Schlagworte
corbusier radiant city-konzept eine idee idealismus

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Titel: Le Corbusier und das Radiant City-Konzept