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Kunst in der Klemme

Auswirkungen von Individualisierungstendenzen und Massenproduktion auf Strukturdynamiken des Teilsystems Kunst in soziologischer Perspektive

Seminararbeit 2012 23 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das gesellschaftliche Teilsystem Kunst
2.1. Eigenschaften und Charakteristik des Systems
2.2. Die Organisationen des Kunstbetriebes

3. Strukturdynamiken im Kunstsystem
3.1. Einfluss von Individualisierungstendenzen auf ein individualisiertes Berufsfeld
3.2. Handlungsstrategien von Künstlern und ihren Verbänden
3.3. Seitenblick: die kreative Klasse und ihre Wirtschaft
3.4. Der Künstlerberuf: prekär oder zukunftsträchtig?

4. Konkurrenz für die Sinne: Kunstproduktion im Wandel
4.1. Massenproduktion von Unikaten
4.2. Visuelle Konkurrenz im Stadtraum
4.3. „Lifestyle-Dienstleistung“ für einen übersättigen Markt?

5. Zusammenfassung und Schlussfolgerung

1. Einleitung

Für den Künstlerberuf gilt als notwendige Eigenschaft eine individualisierte Lebensführung. Die Umstände, unter denen ein Künstler produziert, sind in sehr geringem Maße mit der institutionalisierten und organisierten Arbeitswelt anderer Berufsgruppen vergleichbar. In den letzten Jahren wurden mehr und mehr Menschen in neuen kreativen Berufen professionell ausgebildet (Webdesigner, Grafiker), aber auch zunehmend aus der organisierten Arbeit freigesetzt. Die Statistik der Künstlersozialkasse zeigt, dass die Zahl derer, die ihren Lebensunterhalt durch einen kreativen Beruf bestreiten, von 1991 bis 2011 von 47.713 auf 173.284 (Künstlersozialkasse, 2012) gestiegen ist. In Bezug auf die soziale Lage gibt es bei den verschiedenen Berufsgruppen (Musiker, darstellende Künstler) erhebliche Unterschiede. So können von den bildenden Künstlern nur 2,7 % von den Einkünften aus ihrer Arbeit leben.

Wie erklärt sich also die Tatsache, dass die Einkommenslage der Künstler sehr schlecht und ungewiss ist, aber immer mehr Absolventen künstlerischer Fach- und Hochschulen um die schlecht bezahlten, aber begehrten Arbeitsplätze in der Kunst- und Kulturbranche kämpfen? In dieser Arbeit wird versucht, die Auswirkungen von Individualisierungstendenzen in der modernen Gesellschaft und die der Massenproduktion von Konsumgütern auf die Strukturdynamiken im Teilsystem Kunst zu untersuchen. Dabei stehen folgende Schwerpunkte im Vordergrund: zuerst soll das Kunstsystem als Teilsystem der Gesellschaft mit seinen Elementen und Organisationen dargelegt werden.

Zur Diagnose von Strukturdynamiken im Kunstsystem wird das Berufsfeld des Künstlers untersucht. Hierbei steht im Vordergrund, unter welchen Bedingungen Künstler heute arbeiten und welche Handlungsstrategien sie entwickeln, um ihre unsichere Einkommenslage zu kompensieren. Dabei spielt auch das Modell der Mehrfachbeschäftigung (Haak, C., & Schmid, G., 2001), wie es für den Künstler typisch ist, eine Rolle und ob dieses für neue Arbeitsverhältnisse in der Gesellschaft Vorbild sein kann.

Der Seitenblick auf die sogenannte „Kreativwirtschaft“, die seit einiger Zeit mit überraschenden Umsätzen von sich reden macht, soll die Einflüsse der Wirtschaft auf das Kunstsystem aufgreifen. Der Paradigmenwandel in der Arbeitswelt der Künstler, die Ästhetisierung der Ökonomie, soll erklärt werden. Die Ausbildung des so genannten Kreativitätsdispositivs nach Reckwitz (2012) soll dazu herangezogen werden, mit dem auch der Zustrom von Arbeitskräften im Kunst- und Kulturbereich erklärt wird.

Mit der Entwicklung unserer Gesellschaft zur „Erlebnisgesellschaft“ (Schulze, 2005) wurde der Konsum ein Merkmal der modernen Lebensführung. Konsumprodukte sind Attribute des Lebensstils und Bestandteil des „Erlebnismarktes“ geworden, der in weiten Teilen den Kunstmarkt miteinbezieht. Es sollen Überlegungen herangezogen werden, ob daraus eine Gefahr für das Kunstsystem entstehen kann. Ein weiteres Feld der künstlerischen Produktion ist die Kunst im Stadtraum, deren Ausübung den Künstlern gesetzlich zugesichert ist. Hier wird die Frage behandelt, welche Einflüsse die Stadtraumgestaltung auf die Kunst hat.

2. Das gesellschaftliche Teilsystem Kunst

2.1. Eigenschaften und Charakteristik des Systems

Nach Luhmann ist das System der Kunst ein gesellschaftliches Teilsystem, das sich nach der Loslösung der höfischen Künstler aus der Abhängigkeit der Adligen nach und nach ausdifferenziert hat (Luhmann, 1995). Gegenüber den Teilsystemen Wirtschaft, Politik, Recht, Militär, Religion, Wissenschaft, Massenmedien, Gesundheit, Sport, Bildung und Intimbeziehungen wird es in den Gegenwartsdiagnosen nicht gesondert angesprochen. Die Strukturdynamiken in diesem Bereich sind allerdings immer dann auch Gegenstand soziologischer Betrachtungen, wenn sich durch strukturelle Kopplung zu anderen Teilsystemen wie der Wirtschaft oder den Massenmedien Befunde ergeben (Volkmann & Schimank, 2010). Die Fragestellung dieser Arbeit zielt auf zwei Bereiche des Systems: auf die Leistungsrolle und Leistungsproduktion des Künstlers und den Einfluss des Wirtschaftssystems, das sich in einigen Bereichen zunehmend an die Maßstäbe der Kunstproduktion anlehnt. Reckwitz beschreibt diesen Prozess als „Ästhetisierung des Ökonomischen“ unter Verwendung des so genannten „Kreativitätsdispositivs“ (Reckwitz, 2012, S. 140).

Nach der Luhmannschen Systemtheorie kann kein Funktionssystem die Operationen eines anderen Systems übernehmen, ist aber seinen fremdrefentiellen Einflüssen durchaus ausgesetzt. Somit kann durch die strukturelle Kopplung von Kunstsystem und Wirtschaftssystem eine Strukturdynamik entstehen, die sich auch auf den künstlerischen Produktionsprozess auswirkt und umgekehrt. Elemente des Kunstsystems sind das Entstehen des Kunstwerkes und seine Eigenschaften, der Künstler selbst als Schöpfer dieses Werkes, der mit bestimmten Eigenschaften ausgestattet ist. Er verfügt über besondere Fähigkeiten, „das knappe Gut der Einzigartigkeit“, das er „durch Perfektionierung des Handwerks“ sichern kann (Schulze, 2005, S. 506). Der Berufsethos des Künstlers ist nicht mit anderen Berufen vergleichbar, vielmehr weist die Gesellschaft ihm eine besondere Rolle zu (Müller-Jentsch, 2012). Das dritte Element, auf dem das Kunstsystem aufbaut, ist das Publikum. Die „Künstler und ihre Werke“ stehen „mit dem kunstrezipierenden Publikum in einem rekursiven kommunikativen Prozess“ (ebenda, S. 14). Dieser Prozess führt dazu, dass ein Kunstwerk auch gesellschaftliche Verhältnisse wiederspiegeln kann.

Eine besondere Definition des Elementes Kunstwerk wird unter Punkt 4 an ausgewählten Beispielen erfolgen. Eine wesentliche Eigenschaft ist aber, dass es völlig zweckfrei entsteht.

Um die Frage nach Strukturdynamiken im Kunstfeld zu beantworten, dient zusätzlich zur systemtheoretischen Betrachtung Luhmanns, die Arbeit von Andreas Reckwitz (2012) als theoretischer Bezug. Dieser beschreibt die Kunst als soziales Feld, in dem durch Grenzüberschreitungen zu anderen sozialen Feldern (Wirtschaft, Massenmedien) Techniken aus diesen Bereichen einfließen. Die aktuellen Befunde zur Kunst in der Gesellschaft hat Walther Müller-Jentsch (2012) zusammengeführt, dessen Aussagen zu den Organisationen des Kunstsystems im nächsten Abschnitt Beachtung finden.

Nur am Rande genannt werden sollen der Einfluss der Massenmedien, die Digitalisierung und der Einfluss der Globalisierung auf die Künste. Die Komplexität dieses Themas würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Der Einfluss der globalen Kommunikation auf den Handel mit Kunst wird allerdings von Jürgen Tabor (2010) als fundamental gedeutet, Artfacts, Artprice und andere Unternehmen, die als Rankingsysteme den Kunstmarkt für alle öffnen, haben den Handel mit Kunst in eine neue, globale Quantität gehoben. Allerdings merkt Tabor an: „Die Künstler-Rankings sind strukturkonservativ, da sie viel eher eine Situation, eine Stimmung wiedergeben, als dass sie neue Impulse in das System bringen. Indem die Rankings die im System vorherrschenden Strukturen abbilden – unter dem Vorzeichen der angewendeten Kriterien und der kommerziellen Zielsetzung –, bestätigen und verstärken sie den Status Quo“ (Tabor, 2010, 73).

2.2. Die Organisationen des Kunstbetriebes

Der Kunstbetrieb allgemein segmentiert sich nach den verschiedenen Kunstgattungen. Innerhalb dieser Kunstgattungen sind auch wieder eigene Strukturdynamiken festzustellen, die mit den unterschiedlichen Techniken der Kunstproduktion zusammenhängen. In dieser Arbeit soll sich auf die bildende Kunst bezogen werden. Müller-Jentsch ordnet die Organisationen des Kunstsystems wie folgt: Organisationen der Ausbildung und Sozialisation, der Kunstproduktion, der Distribution, der Vermittlung und die Organisierung des Publikums.

Die Organisationen der Ausbildung und der Sozialisation sind die Kunsthochschulen, in denen die bildenden Künstler noch aus Tradition der Renaissance nach dem Meister-Schüler-Prinzip ausgebildet werden. Kern der Ausbildung ist die klassische Malerei, die Bildhauerei und zunehmend fachübergreifend Grafik, Fotografie, Goldschmiedekunst, Keramik und Glas, Visuelle Gestaltung, Performance, Medienkunst. Die Studienzeit beläuft sich auf acht bis 10 Semester. Als Studienvoraussetzung muss eine künstlerische Eignung nachgewiesen werden. Anhand von Arbeiten, die der Bewerber erstellt hat, wird eine Auswahl getroffen. Die nächste Stufe ist eine Eignungsprüfung, bei der künstlerische Gestaltungsfähigkeit, manuelles Können und Reflexionsvermögen geprüft werden (Müller-Jentsch, 2012). Das Studium wird mit einer Abschlussprüfung beendet (Diplom).

Die Organisationen der Distribution sind die Galerien, die auch als „Gatekeeper“ für den Kunstmarkt“ (ebenda, S. 61) bezeichnet werden. Sie werden häufig von Einzelpersonen betrieben, die die Schlüsselstellung zwischen dem Künstler und der Vermarktung seiner Produkte einnehmen. Der Galerist ist mit üblichen 50 % des Honorars für ein Kunstwerk an dessen Verkauf beteiligt. Galeristen sind Autodidakten, dieser Beruf ist nicht durch eine spezielle Ausbildung professionalisiert.

Während die Galeristen den so genannten Primärmarkt bearbeiten, agieren die Auktionshäuser im traditionellen Sektor der Kunst. Sie sind dafür verantwortlich, dass Kunst seit den 1980er Jahren zum lohnenden Spekulationsobjekt geworden ist, mit dem sich schwindelerregenden Summen erzielen lassen. Der Kunstmarkt ist für die Ökonomen eine Herausforderung, weil die Preisbildung außerökonomischen Kriterien folgt“ (ebenda, S. 67):

„sie unterlegen dem Preis eine kognitive und symbolische Bedeutung, mit der sie dem potentiellen Käufer (Sammler) in einer Situation hoher Ungewissheit die Qualität des Kunstwerkes und die Reputation des Künstlers durch den Preis signalisieren“ (ebenda, S. 68).

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Details

Seiten
23
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656536062
ISBN (Buch)
9783656537670
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v264332
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Kunstsoziologie Soziale Lage der Künstler Kreativwirtschaft;

Autor

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