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Johann Hinrich Wichern und sein pädagogisches Wirken am Beispiel des Rauhen Hauses

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 26 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wicherns Leben und Werke
2.1 Jugend und Ausbildung
2.2 Privatleben
2.3 Weitere historische Angaben zu Wichern und dessen Werke

3. Das Rauhe Haus
3.1 Gründungsjahre des Rauhen Hauses und Wicherns praktische Arbeit dabei
3.2 Die pädagogische Arbeit

4. Schlussbemerkung

1. Einleitung

Johann Hinrich Wichern prägte die Kirchengeschichte wie die Erziehungswissenschaft gleichsam. Als der „große Koordinator der evangelischen sozialen Aktivitäten“ (Greschat M. 1997, S. 232), oder besser bekannt als der Kirchenvater der Diakonie (vgl. Sattler D. 1998, S. 41), ist Wichern in vielen Darstellungen zu finden. „Eine der größten Gestalten des deutschen Protestantismus“ (Hauschild W.-D. 2001, S. 791) ist eine weitere Superlative wie er in nahezu jeder Verschriftlichung zu seinem Leben und Werk hervorgehoben wird.

Gelegentlich fragt man sich als Betrachter, wie lang der Tag Wicherns gewesen sein muss. Die Liste von Wicherns Aktivitäten, die ich kurz in seinem Werken ansprechen werde, ist lang. So gerät man nicht ohne Grund ins Schwärmen, denn Wichern war tatkräftig und sein Christsein, das die Verantwortung für den Nächsten annimmt, nötigt dem Betrachter Bewunderung ab.

In meiner Jahreshausarbeit versuche ich den historischen Ereignissen nachzuspüren, um ein möglichst klares Bild über sein Leben, seine Werke, und sein Wirken aufzuzeigen. Ich bediene mich dabei der historischen Anthropologie. Dabei gehe ich besonders auf Wicherns eigene Entwürfe und Ideen im Hinblick auf dessen pädagogische Arbeit und Umsetzung ein und zeige an Beispielen auf, in wie weit sich das eine oder andere Konzept bis heute durchgesetzt hat. Expliziert werde ich das Rauhe Haus in seinen Gründerjahren deskriptiv vorstellen, da es meines Erachtens, ein gutes Beispiel dafür liefert, wie Wichern pädagogisch tätig war.

2. Wicherns Leben und Werke

2.1 Jugend und Ausbildung

Johann Hinrich Wichern wurde am 21. April 1808 in Hamburg geboren (vgl. Herrmann V. 2003, S. 733). Sein Vater hieß ebenfalls Johann Hinrich Wichern und hatte sich „ als Sohn eines (…) Arbeiters und Krügers vom Küperlehrling und Kutscher bis zum Notar und Kompagnon eines angesehen Notars und Schriftregistrators (…) hochgearbeitet“ (Gerhardt M. 2002, S.5). Seine Mutter Caroline stammte ebenfalls aus einfachen Verhältnissen. Wie es für die damalige Zeit für gute Christen gehörte, waren beide Eltern als fromm und fleißig beschrieben (Gerhard M. 2002, S.5). Johann Hinrich Wichern war der älteste Sohn. „Die Geburt des Knaben fiel in die trübe Zeit, in der Hamburg unter französischer Gewaltherrschaft seufzte“ (Oldenburg F. 1884, S. 3). 1814 musste die Familie für einige Monate die Stadt verlassen, da die Befreiungskriege auch Hamburg in Mitleidenschaft zogen. Diese Wirren der Zeit überstehen sie unbeschadet. Die Zeit des Exils verbringt die Familie auf dem Land. Diese Zeit behält der junge Johann Hinrich in guten Erinnerungen (vgl. Oldenburg F. 1884, S. 17/18).

Der väterliche Unterricht wurde, als sie wieder in Hamburg zurückkamen, durch eine Privatschule ersetzt. 1818 folgte der Wechsel auf das berühmte Johanneum. Es wäre zu spekulieren, ob zu dieser Zeit vielleicht schon der Wunsch in den jungen Wichern loderte, Theologie zu studieren. Mit einem Schicksalsschlag wird die Kindheit jäh abgebrochen. „Es war der 14. August 1823, Morgens 6 Uhr. Diese Stunde, die erschütternste, die der Knabe erlebt, wurde ein Wendepunkt seines Lebens“ (Oldenburg F. 1884, S. 45). Doch was war geschehen, dass den Jungen bis aufs Mark erschütterte? Johann Hinrichs Vater war gestorben. Er litt an einem „Lungenleiden, das er sich als junger Mensch zugezogen hatte, [welches] sich im Laufe des Jahres 1823 immer mehr verschlimmerte“ (Gerhardt M. 1927, S.26). Dieser Schicksalsverlust bedeutet für die Familie nicht nur einen menschlichen, was schon schlimm genug wäre, sondern auch eine finanzielle Katastrophe denn der Vater hinterließ keine Ersparnisse. Johann Hinrich hatte des Weiteren noch zwei Brüder und vier Schwestern. Wie so oft in der Zeit, musste er als ältester und nun eben auch als Versorger, Privatunterricht geben, um zusammen mit seiner Mutter für den Unterhalt zu sorgen (vgl. Hermann V. 2003, S. 733). Als erstes gab er Klavierstunden und nach seiner Konfirmation dann auch Schulunterricht (vgl. Oldenburg F. 1884, S. 51). Durch den privaten Zeitaufwand, lässt es sich nicht vermeiden, dass seine schulischen Leistungen im Johanneum darunter litten, was sein Lehrer Gurlitt in seinem Abschlusszeugnis vermerkte (vgl. Oldenburg F. S. 24/25). Trotz größter Anstrengung und Arbeit bei Tag und Nacht, musste er die Schule vor seinen Abgang verlassen, um Erziehungsgehilfe am Institut Johannes Pluns zu werden. Er konnte jedoch zum Akademischen Gymnasium, dem „Mittelglied zwischen dem Johanneum und der Universität“ (Greschat M. 1985, S. 45) überwechseln, um seine Hochschulreife hier zu erlangen. Zu dieser Zeit zeigte sich wohl erstmalig „eine Plage, die wie ein Schatten ihn begleiten und, ob auch zeitweise zurücktretend, ihn durch sein Leben verfolgen sollte: ein drückender Kopfschmerz“ (Oldenberg F. 1884, S. 52), welchen wir wohl heute als ernstzunehmende Migräne bezeichnen würden. Die Belastungen durch den Unterricht am Institut, weitere Privatstunden, sowie die eigenen Studien, müssen enorm gewesen sein.

Die Tätigkeit als Hauslehrer brachte neben aller Anstrengung auch Vorteile mit sich.

„Im Zusammenhang mit der Erziehungsarbeit und dem Erteilen von Nachhilfestunden kommt Wichern mit angesehenen Bürgern Hamburgs in Berührung, unter anderem mit Amalie Sieveking (…). Sie sichert dem angehenden Studenten (…) ein jährliches Stipendium zu. Weitere Förderer sind u.a. der hamburgische Senator Martin H. Hudtwalcker (…) und Johann Wilhelm Rautenberg, seit 1820 Pastor an St. Georg, ein führender Mann in der Hamburger Erwecksungsbewegung (…)“ (Wehr G. 1983, S. 15/16).

Es lässt sich wohl behaupten, dass Wichern ohne die Hilfe solcher Persönlichkeiten kaum das Studium hätte aufnehmen können.

Die Erweckungsbewegung der 20er und 30er Jahre des 19. Jahrhunderts befand sich überall im Protestantismus. Heute bekannte neue Kirchen gingen aus dieser Zeit hervor. Zu nennen wären da die Methodisten und die Baptisten. Das Zentrum dieser Strömung lag in Württemberg, wo sie sich bereits im letzten Vierteil des 18. Jahrhunderts mit dem älteren Pietismus verbindet (vgl. Benrath G.A. 1982, S. 210). Zur Veranschaulichung, was denn mit der Erweckungsbewegung gemeint sei, eine kurze Erklärung nachfolgend. Die Erweckten betonen die persönliche Beziehung zum Glauben und zu Gott, das religiöse Gefühl und die Erwartung des Heils (vgl. Hauschild W.-D. 1999, S. 765), sowie die daraus entstehende Tat. Es bestehen auch geistige Verbindungen zur Romantik. Des Weiteren ist zu erwähnen, dass sie die rationalistische Theologie als kalt, lieblos und zu wissensbetont empfinden. Dem Bezug zu Wichern mit dieser Bewegung lässt sich finden, da Wichern über seinen Konfirmandenlehrer Wörner, sowie seinen Arbeitgeber Pluns und Pastor Rautenberg in Berührung mit Ideen und Schriften der Erweckungsbewegung kommt.

Ab Oktober 1928 studierte Wichern in Göttingen. Zu einen seiner Lehrer zählte der durch Schleiermacher beeinflusste Friedrich Lücke, welche Theorie sich später bei Wicherns Erziehungskonzept im Rauhen Haus wiederfindet (vgl. Lindmeier B. 1998, S. 15). Er wechselte später nach Berlin und machte Bekanntschaft mit Baron Ernst Kottwitz, der in Berlin ein führender Kopf der Erweckungsbewegung ist und welcher für Wichern lange Zeit ein väterlicher Freund und Vorbild sein sollte (vgl. Maser P. 1990, S. 84). Wichtig wird für ihn auch die Bekanntschaft mit dem Arzt Nikolaus Heinrich Julius, der sich für eine Reform des Strafvollzuges einsetzte. Das Buch des Mediziners „Vorlesungen über die Gefängsniskunde“ (Hervorhebung durch d.V.), das unter anderem auf Studienreisen nach England beruhte, hat Wichern wohl beeinflusst (vgl. Lindmeier B. 1998, S. 78).

1831 kehrte Wichern für das erste theologische Examen nach Hamburg zurück. Nach erfolgreichem Abschluss seiner Prüfungen, konnte er sich seit dem 6. April 1832 Kandidat der Theologie nennen (vgl. Gerhardt M. I 1927-1931, S. 106). Des Öfteren ist von den Biographen zu lesen, dass „die systematische Theologie nicht das eigentliche Gebiet war, das seiner Begabung lag“ (Gerhardt M. I 1927, S. 79). Wichern drängte es seinen Glauben in die Tat umzusetzen. Seine „Gebrauchstheologie“ (Albert J. 1997, S. 205) diente quasi als Fundament für seine Arbeit. Pointiert gesagt: „Wichern hatte keine Zeit ein großer Theologe zu werden, da es ihn eilte ein guter Christ zu werden“ (Lehmann D. 1981, S. 100).

2.2 Privatleben

Am 3. März 1833 hatte Wichern bei der Versammlung im Schneideramtshaus zu Mithilfe in der Sonntagsschule gerufen (vgl. Gerhardt M. 1927, S. 157) Amanda Böhme folgte dem Aufruf. Das Elternhaus der Böhmes kann als streng, sittlich und still charakterisiert werden (vgl. Gerhardt M. 1927, S. 158f). Es folgte darauf die gemeinsame Arbeit. Nach zeitgenössiger Art, fing Wichern an Briefe zu schrieben, welche er jedoch anfangs nicht abschickte. Am 7. Mai verlobten sich die Beiden heimlich (vgl. Gerhardt M. 1927, S. 158) und holten später im Herbst die Zustimmung der Familien ein (vgl. Gerhardt M. 1927, S. 165f). Nach der Veröffentlichung der Verlobung, folgte am 29. Oktober 1835 die Hochzeit (vgl. Gerhardt M. 1927, S. 168).

Dass Amanda Böhme von Anfang an wichtig für seine Arbeit ist, lässt sich daraus erkennen, dass er sich „ von der bis dahin Unbekannten inspiriert“ (Wehr G. 1983, S. 30) lassen hat. Auch sie arbeitete mit Begeisterung für die Anstalt (vgl. Wehr G. 1983, S. 31) und galt als guter Geist des Hauses.

Zwischen 1836 und 1845 werden den Wicherns drei Jungen und vier Mädchen geboren. Die Ehe Wicherns mit Amanda ist wohl auch in späteren Jahren sehr glücklich gewesen. So berichtet Oldenberg, wie Wichern ihn im Mai 1851 einlud mit zu einer Gärtnerei zu kommen. „Dort ließ Wichern einen Kranz winden, einen wunderschönen, und neun Rosen in ihn hineinflechten, acht rothe und eine weiße. Es war sein Verlobungstag und den Kranz brachte er seiner Amanda: die rothen seinen blühenden Kinder, die weiße seiner Maria, die in den himmlichen Garten verplanzt war“ (Oldenberg F. 1884, S. 586).

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Details

Seiten
26
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656536901
ISBN (Buch)
9783656539117
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v264316
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
2
Schlagworte
johann hinrich wichern wirken beispiel rauhen hauses

Autor

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