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Die Subjektivität der Wahrnehmung in Hugo von Hofmannthals 'Das Märchen der 672. Nacht'

Ausarbeitung 2011 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die selektive Wahrnehmung des Kaufmannssohnes
2.1. Erster Teil – Die Diener und das Ich des Kaufmannssohnes
2.2. Zweiter Teil – Die Stadt und die Menschen darin

3. Die vermeintliche Beobachtung des Kaufmannssohnes durch andere Menschen

4. Die Augen als Mittel zur Darstellung von visuellen Reizen

5. Die Innen- und Außenwelt des Kaufmannssohnes

6. Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Einleitung

Sehen und Gesehenwerden bedienen sich immer zweier Elemente: eines Subjekts und eines Objekts. Ein Sehender betrachtet einen Gegenstand oder eine Person und wird damit zum Subjekt des Wahrnehmungsvorgangs. Wird er aber selbst von jemand Anderem beobachtet, kann der Sehende auch zum Objekt werden. Wie das Subjekt das Objekt wahrnimmt, wird dabei immer subjektiv durch die Perspektive des Subjekts beeinflusst. Wird jemand zum Objekt, sieht er sich selbst aus der Perspektive des Beobachteten und nimmt dadurch möglicherweise eine objektivere Haltung zu sich selbst ein. Diese Wahrnehmungsvorgänge bildet Hugo von Hofmannsthal in vielen seiner Werke wie zum Beispiel „Der Sandmann“ oder „Die Frau im Fenster“ ab. Die „Augen“ als Quelle des Sehens spielen dabei eine wichtige Rolle. In dieser Arbeit sollen die beschriebenen Wahrnehmungsvorgänge anhand der Erzählung „Das Märchen der 672. Nacht“ untersucht werden. Der Protagonist der Erzählung, ein 25- Jähriger Kaufmannssohn, der zurückgezogen lebt, ist darin Subjekt und Objekt zugleich.

Im ersten Gliederungspunkt wird die Erzählung auf den Sehvorgang überprüft. Dazu soll die selektive Wahrnehmung des Kaufmannssohnes im ersten und im zweiten Teil des „Märchens“ besprochen werden, um am Ende eine mögliche Veränderung seiner Wahrnehmung innerhalb der Geschichte zu erkennen. Im ersten Teil wird dazu die Sichtweise des Kaufmannssohnes auf seine Diener und sein eigenes Ich, das er im Spiegel betrachtet, diskutiert. Welche Eigenschaften ordnet er ihnen zu und welches Aussehen haben sie in seinen Augen? Im zweiten Teil der Erzählung werden die Stadt und die Menschen, auf die der Kaufmannssohn trifft, näher aus seiner Perspektive beschrieben.

Im nächsten Gliederungspunkt soll das „Gesehenwerden“ des Kaufmannssohnes innerhalb der Geschichte erörtert werden. Wie wird er von seinen Dienern und anderen Menschen, mit denen er in Kontakt tritt, gesehen? Wie sieht er sich dadurch selbst und welche Auswirkungen hat das Gefühl, beobachtet zu werden, auf ihn?

Der vierte Punkt behandelt den Einsatz von „Augen“- Wörtern, die ein unabdingbares Mittel zum visuellen Ausdruck von Seheindrücken sind. Welche Wortgruppen verwendet Hofmannsthal? Wie variiert er die Darstellung von Augen blicken und wie zieht sich das Optische durch den ganzen Text?

Im letzten inhaltlichen Punkt sollen die Innenwelt sowie die Außenwelt des Kaufmannssohnes ausgearbeitet werden. Darin werden das Subjekt- und Objektsein des Kaufmannssohnes verbunden. Wie wirkt sich seine selektive Wahrnehmung auf seine Realität aus beziehungsweise wie realisiert der Kaufmannssohn die Subjektivität seiner Wahrnehmung? In dieser Arbeit soll versucht werden, für diese Fragen eine mögliche Antwort zu finden.

2. Die selektive Wahrnehmung des Kaufmannssohnes

2.1. Erster Teil – Die Diener und das Ich des Kaufmannssohnes

Was der Kaufmannssohn sieht, ist von seiner subjektiven Wahrnehmungsperspektive verschleiert. Er konzentriert sich anfangs auf die Schönheit der Dinge, die ihn umgeben und nimmt deren ästhetische Gestaltung intensiv und bewusst wahr. Im Text heißt es: „Allmählich wurde er sehend dafür, wie alle Formen und Farben der Welt in seinen Geräten lebten.“[1] Das bedeutet, dem Kaufmannssohn wird diese Schönheit der Dinge erst klar, als er vor dem Leben aus der Gesellschaft flüchtet. Er zieht sich in ein einsames Leben zurück, weil dieses „anscheinend seiner Gemütsart am meisten entsprach“[2]. Diese Einsamkeit öffnet ihm die Augen für seine unmittelbare Umwelt, mit der er sich nun nachhaltiger beschäftigt. Der Kaufmannssohn hat auch keine andere Betätigung und ist „[…] nicht nur darauf erpicht, die Objektwelt im Rausche der Subjektivität zu erleben, vielmehr will er diesen Zustand auch erhalten.“[3] Die eigentliche Flucht besteht nicht darin, sich vor der Gesellschaft in die Einsamkeit zurückzuziehen, sondern sich einen ästhetisierenden Blick anzunehmen, der den Kaufmannssohn vor der Einsamkeit schützt. „Seine Fähigkeit, die Mit- und Umwelt in der subjektivierten Wahrnehmung zu bannen, macht auch die Kehrseite seines Verhaltens evident, nämlich seine Unfähigkeit, in eine Beziehung zur Wirklichkeit zu treten.“ Er gibt sich damit zufrieden, Dinge nur aus der Ferne zu betrachten und sie nicht zu nah an sich herankommen zu lassen. Da er auch nicht menschenscheu ist, sondern gerne in der Öffentlichkeit spazieren geht, kann die Einsamkeit nicht die Erfüllung sein, die der Kaufmannssohn wirklich sucht. Aber auch in der Öffentlichkeit ist es nur das Betrachten der Gesichter der Menschen, das ihn erfreut.

Auch sein Spiegelbild betrachtet er in seiner Zurückgezogenheit anders: „Denn oft schöpfte der Kaufmannssohn einen großen Stolz aus dem Spiegel […] und sah sich schön, wie ein auf der Jagd verirrter König […] einem wunderbaren Geschick entgegengehen.“[4] Was der Kaufmannssohn in seinem Spiegel „sieht“, entspringt nur seiner Fantasie. Er stellt sich eine Welt vor und verknüpft bekannte Dinge aus der Realität mit dieser. Als sein „wunderbares Geschick“, sein Schicksal, sieht der Kaufmannssohn den Tod. Er stellt sich den Tod personifiziert in einer Gestalt vor, die in das (fertige) Haus eintritt und das Leben, seine Beute, holt. Das einzige Ziel auf dem Weg zum Tod des Kaufmannssohnes ist demnach die Fertigstellung des Hauses. Deshalb sieht er sich auch als einen auf der Jagd verirrten König, denn er hat kein Lebensziel mehr vor Augen beziehungsweise hat er sein Ziel „aus den Augen verloren“.

Zu der Umwelt des Kaufmannssohnes gehören auch seine Diener, die einzigen menschlichen Lebewesen, mit denen er in seinem Haus kommuniziert. Den Kontakt zu seinen Freunden und anderen Menschen hat er abgebrochen. Seine Dienerschaft hat er nur auf vier Diener begrenzt. Da er den einzigen sozialen Kontakt nur zu diesen Dienern hat, beginnt er über sie nachzudenken und betrachtet sie ganz bewusst und sieht ihren Bewegungen zu. Da er nur diese vier Menschen sieht, vergleicht der Kaufmannssohn Dinge und andere Personen immer wieder mit den Dienern. „In die Außenwelt projiziert, werden [so] die einhergehenden Gedanken mit den Diener- Gestalten verknüpft.“[5]

Die erste Dienerin ist die Haushälterin. Sie wird mit „weißen Händen“ und einem „weißen Gesicht“, von dem die „Kühle des Alters“ ausgeht, beschrieben. Es ist an dieser Stelle aber nicht genau klar, ob der Kaufmannssohn die Dienerin so sieht oder ob nur die Erzählinstanz diese Beschreibung vornimmt.

Die 15- Jährige Verwandte der Haushälterin ist die zweite Dienerin des Kaufmannssohnes. Er betrachtet ihr Gesicht an ihrem Krankenbett, nachdem sie einen Suizidversuch durch einen Fenstersturz unternommen hatte:

Sie hielt die Augen geschlossen und er sah sie zum ersten Mal ruhig an und war erstaunt

über die seltsame und altkluge Anmut ihres Gesichtes. Nur ihre Lippen waren sehr dünn

und darin lag etwas Unschönes und Unheimliches. Plötzlich schlug sie die Augen auf, sah

ihn eisig und bös an und drehte sich mit zornig zusammengebissenen Lippen, den Schmerz

überwindend, gegen die Wand, so dass sie auf die verwundete Seite zu liegen kam. Im

Augenblick verfärbte sich ihr totenblasses Gesicht ins Grünweiße, sie wurde ohnmächtig

und fiel wie tot in ihre frühere Lage zurück.

Der Kaufmannssohn bemerkt diese Details, als sich aus seinem Blickwinkel eine neue Betrachtungsperspektive ergibt. Erst als er seine Dienerin aus der Nähe betrachtet, bemerkt er Gesichtszüge an ihr, die ihm vorher verborgen blieben. Allerdings besteht auch an dieser Stelle wieder die Frage, ob die Äußerlichkeiten des Mädchens wirklich unheimlich sind oder ob der Kaufmannssohn den „Augenblick des bissigen Blicks“[6] nur in seiner subjektiven Wahrnehmungsweise so auffasst.

[...]


[1] Hugo von Hofmannsthal, Das Märchen der 672. Nacht, Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, 1998, S. 1

[2] ebd., S. 1

[3] Gisa Briese- Neumann, Ästhet- Dilettant- Narziss: Untersuchungen zur Reflexion der Fin- de siècle- Phänomene im Frühwerk Hofmannsthals, Lang Verlag Frankfurt am Main, 1985, S. 172

[4] Hugo von Hofmannsthal, Das Märchen der 672. Nacht, S. 2

[5] Gisa Briese- Neumann, Ästhet- Dilettant- Narziss, S. 175

[6] Marlies Janz, Marmorbilder: Weiblichkeit und Tod bei Clemens Brentano und Hugo von Hofmannsthal. Athenäum Verlag Königstein, 1986, S. 134

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656534860
ISBN (Buch)
9783656536376
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v264182
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,3
Schlagworte
subjektivität wahrnehmung hugo hofmannthals märchen nacht

Autor

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Titel: Die Subjektivität der Wahrnehmung in Hugo von Hofmannthals 'Das Märchen der 672. Nacht'