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Beiträge zur Entwicklung der Lerneinstellung im Rahmen des Praxislernens als besondere Organisationsform des Dualen Lernens

Durchführung als Sozialpraktikum

Examensarbeit 2012 49 Seiten

Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffserklärung – Duales Lernen
2.1. Die besonderen Organisationsformen des Dualen Lernens
2.2. Bezug zum Rahmenlehrplan
2.3. Ziele des Dualen Lernens
2.4. Rechtliche Grundlagen
2.4.1. Auftrag der Schule – Das Schulgesetz
2.4.2. Bestimmungen zum Schutz des Schülers

3. Voraussetzung
3.1. Institutionelle Voraussetzungen
3.2. Die Lerngruppe

4. Theoretische Gedanken zur Entwicklung von Lerneinstellung
4.1. Warum ausgerechnet ein Sozialpraktikum?
4.2. Lerneinstellung
4.2.1. Abgrenzung zur Motivation
4.2.2. Was ist Lerneinstellung?
4.3. Wie können sich die Fähigkeiten, die der Schüler während des Sozialpraktikums erwirbt, positiv auf die Lerneinstellung auswirken?
4.4. Auswertung der Zielerfüllung

5. Durchführung des Sozialpraktikums
5.1. Didaktisch-methodische Vorüberlegungen
5.2. Vorbereitungen
5.3. Praktische Umsetzung
5.4. Ausgewählte Ergebnisse
5.4.1. Auszüge aus dem Praktikumshefter
5.4.2. Beobachtungsbögen
5.5. Auswertung

6. Gesamtreflexion und Ausblick

Quellenverzeichnis

Erklärung

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Theoretisches Modell zu Erfahrungen und Veränderungen

Abbildung 2: Inhalte des Leitfadens

Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir. [1]

1. Einleitung

Begründung der Themenwahl auf der Grundlage eines praxisbezogenen Problems unter Beachtung der Forderung des Rahmenlehrplans.

Unterricht in der 9e: 14 Schüler[2] zwischen fünfzehn und sechszehn Jahren. Pubertätsgetrieben, ein heftiger Hieb in die Seite des Sitznachbarn. Ein lauter Aufschrei. Hormongesteuertes Gebaren. Unterrichtseifer – Fehleinschätzung. Ein Zwischenruf – ein Beitrag? Abwertende Kommentare, lautes Gelächter. Respektlosigkeit. Ein Schluck aus der Flasche – jetzt drückt die Blase. Gang zum Mülleimer, „körperliche Entlastung“, zerknüllte Arbeitsbögen danebenliegend. Leseschwäche? Rechtschreibschwäche in jedem Fall. Mündliche Mitarbeit: Privatgespräche. Gähnen und Strecken, Räkeln und Ermatten. Kopf entspannt auf dem Tisch, Basecap verhängt das Gesicht. Desinteresse und Lustlosigkeit bis hin zur Arbeitsverweigerung. Mangelndes Konzentrationsvermögen oder Disziplinprobleme? Anspruchsniveau zu hoch? Anspruchsniveau zu niedrig? Oder fehlende Lerneinstellung?

Ist es da nicht verständlich, dass ich diese Lerngruppe nach dem ersten Halbjahr gerne abgegeben hätte?

Ich vermisse Interesse am Neuen und Unbekannten, in Bereichen, die für meine Schüler schon in naher Zukunft eine bedeutende Rolle spielen würden, bezüglich Problemen und Fragestellungen, mit denen sie, wenn sie aus der Schule entlassen werden, konfrontiert werden. Mir war klar, dass ich mit einer Zunahme an Lehrerdominanz keine Veränderung ihres Lernverhaltens herbeiführen würde. Es war an der Zeit, die Trennung von Schule und Leben aufzuheben und der fehlenden Sinnhaftigkeit der Lerninhalte entgegenzutreten. In der Praxis kommen Wissen und Handeln zusammen. Dabei soll das Wissen nicht nur das Tun anleiten, sondern das Handeln auch auf das Denken zurückwirken.[3] Mein Ziel war es, sie an die Übernahme von Verantwortung für ihr eigenes Handeln, nicht zuletzt für das eigene Lernen, heranzuführen, neben dem äußeren auch einen inneren Reifungsprozess in Gang zu setzen, dem ganzheitlichen Lernen ein Stück näherzukommen, sie am Leben teilhaben zu lassen. Noch bevor ich mich mit der Themenwahl meiner Examensarbeit auseinandersetzte und erkannte, wie interessant die Vertiefung dieses Themas für eine Arbeit wie die vorliegende sein kann, entschied ich mich, vier Schüler dieser Lerngruppe in ein Sozialpraktikum zu schicken.

Die folgenden Leitfragen führen durch die Betrachtung dieses sogenannten Pilotprojekts[4], das einen Beitrag zur Veränderung der Lerneinstellung leisten soll: Werden durch das Sozial-praktikum Voraussetzungen geschaffen, die sich positiv auf die Lerneinstellung auswirken? Verändert sich das Selbstbild der Schüler im Rahmen des Sozialpraktikums derart, dass es sie in ihrer Lerneinstellung positiv beeinflusst? Zusammenfassend: Kann die Durchführung eines Sozialpraktikums einen Beitrag zur Entwicklung von Lerneinstellung leisten?

In der Arbeit liegt der Schwerpunkt bei der Durchführung eines Sozialpraktikums. Aufgrund dessen ergibt es sich nicht, einzelne Unterrichtsstunden zu beschreiben und zu reflektieren. Stattdessen werden die Arbeitsaufträge dargestellt, entsprechende Schülerergebnisse dokumentiert, Beobachtungen ausgeführt und anschließend ausgewertet.

Im ersten Teil der Arbeit werden der Ansatz des Dualen Lernens und die besonderen Organisationsformen theoretisch abgehandelt/werden die Begriffe näher erläutert. …

2. Begriffserklärung – Duales Lernen

„Eine der Aufgaben der integrierten Sekundarschule ist es, […] Schüler intensiv auf die Arbeits- und Berufswelt vorzubereiten […]. Deshalb ist das besondere Ziel der integrierten Sekundarschule, neben der Vermittlung der Allgemeinbildung auch auf die Fortsetzung des individuellen Bildungsgangs hinsichtlich einer Berufsausbildung […] vorzubereiten und die dafür notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten praxisorientiert zu vermitteln. Eine Lernform in der Integrierten Sekundarschule ist deshalb das Duale Lernen, bei dem schulisches Lernen praxisorientiert mit Inhalten aus dem Wirtschafts- und Arbeitsleben verknüpft wird. […] Es umfasst Aktivitäten zur Berufs- und Studienorientierung sowie Praxisplätze an geeigneten Lernorten.“[5] Siegfried Arnz, Referatsleiter Integrierte Sekundarschule und Gemeinschafts-schule der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung, betont, dass gerade das Duale Lernen neben der frühen Berufsorientierung auch einen besseren und motivierenden Zugang zum Lernen bietet. Das gilt insbesondere für Schüler mit Lernschwierigkeiten.[6] Dr. Thomas Nix, Vertreter des Dualen Lernens von der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung, hebt ebenfalls hervor, dass Erkenntnisprozesse, die durch die Herstellung des Lebensbezugs des schulischen Lernens gewonnen werden, oftmals dazu beitragen, dass Zugänge „für das schulische Lernen gefunden und erhöhte Anstrengungsbereitschaft entwickelt“[7] werden.

Im Dualen Lernen (Praxislernen) wurden bisher an mindestens einem, höchstens drei Tagen in der Woche „praxisbezogene Unterrichtsprojekte durch Lernen in der Praxis an geeigneten Lernorten durchgeführt, die durch anwendungsbezogene Lernbereiche und Unterrichtsfächer im Pflichtbereich ergänzt“[8] wurden. „Das Duale Lernen steht grundsätzlich allen […] Schülern für alle angestrebten Schulabschlüsse offen. Jede Schule entscheidet eigenverantwortlich, welche Angebote des Dualen Lernens durchgeführt werden, und legt die Angebote und deren Umfang im Schulprogramm fest.“[9] Zu den geeigneten Lernorten des Praxislernens zählen insbesondere „eigene schulische Werkstätten, Schülerfirmen, berufliche Schulen und öffentliche Verwaltungen, betriebliche Werkstätten, Betriebe und überbetriebliche und außerbetriebliche Bildungsstätten“[10].

Ab dem Schuljahr 2012/13 wird das Duale Lernen (Praxislernen) um die besonderen Organisationsformen erweitert.

2.1. Die besonderen Organisationsformen des Dualen Lernens

Begonnen hat alles mit einem Reformvorhaben der Akademie für Bildungsreform und der Robert Bosch Stiftung, das sich Mitte der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts dem „Praktischen Lernen“ gewidmet/zugewendet/hingegeben hat[11], um „ein anderes Lernen, ein Lernen mit Bezug zur Lebenswirklichkeit der Schüler zu fordern“[12]. Seit der Ausschreibung des Förderpreises für Praktisches Lernen konnten viele entstandene Projekte ausgezeichnet werden.[13] „Seit dem Schuljahr 2010/11 wird nun verbindlich für die öffentlichen Integrierten Sekundarschulen vorgeschrieben, Duales Lernen zu ermöglichen, d. h. schulisches Lernen mit Lernen an einem Praxisort zu verknüpfen, […].“[14] Jede Integrierte Sekundarschule muss somit ein Konzept für die besondere Organisationsform des Dualen Lernens entwickelt haben.[15]

An den besonderen Organisationsformen des Dualen Lernens sollen insbesondere Schüler des 9. Jahrgangs teilnehmen, „bei denen berechtigte Sorge da ist, dass aufgrund der Lern- und Leistungsentwicklung ein Schulabschluss gefährdet erscheint“[16]. Wenn anzunehmen ist, dass sie eher durch einen verstärkten Praxisbezug gefördert werden können als durch andere Fördermaßnahmen, und sie eine Bereitschaft zur Teilnahme an der jeweils vorgesehenen Form des Praxislernens erkennen lassen, so dass ein erfolgreicher Verlauf erwartet werden kann, wird in einer Klassenkonferenz oder durch den Jahrgangsausschuss über die Teilnahme sowie über deren Umfang und Dauer entschieden.[17]

Zu den besonderen Organisationsformen des Dualen Lernens gehören Produktives Lernen, Praxislerngruppen, Praxistag(e), Schülerfirmen und weitere Organisationsformen, die im Folgenden in Form von ausgewählten Zitaten kurz vorgestellt werden.

„Das Produktive Lernen bietet einen verstärkten Praxisbezug durch Lernen an außerschulischen Lernorten an drei Tagen pro Woche.“[18] „Produktives Lernen bietet jedem Schüler […] ein individuelles, an seinen […] Interessen, Voraussetzungen und Tätigkeitserfahrungen sowie den Standards für den mittleren Schulabschluss orientiertes Curriculum […] mit dem Ziel, alle Schulabschlüsse im Bereich der Sekundarstufe I zu erreichen.“[19]

Praxislerngruppen bieten einen verstärkten Praxisbezug durch Lernen in Werkstätten von außerbetrieblichen Ausbildungsstätten an bis zu drei Tagen pro Woche.“[20] „Die praktische Tätigkeit in den Werkstätten soll die […] Schüler motivieren, den Schulunterricht stärker als bisher abschlussorientiert zu betrachten und Leistungsbereitschaft für das Erreichen eines Schulabschlusses als Voraussetzung für einen gelingenden Übergang in eine duale Ausbildung zu zeigen.“[21] „Durch die individuelle Berufsorientierung in der Praxislerngruppe erhalten die Jugendlichen die Möglichkeit, eine bewusste und reflektierte Berufswahl zu treffen, eine konkrete berufliche Anschlussperspektive anzubahnen und für das Berufsleben wichtige Schlüsselqualifikationen auszubilden, die zur Ausbildungsreife führen.“[22]

Praxistage als Form des Praxislernens bieten einen verstärkten Praxisbezug durch Lernen an außerschulischen Lernorten an bis zu drei Tagen in der Woche.“[23] Dies kann beispielsweise, wie hier durchgeführt, in Form eines Sozialpraktikums an einem Tag in der Woche erlebt werden. „Die Lerninhalte orientieren sich an den Rahmenlehrplänen der Berliner Schule und sind dem Pflicht- und Wahlpflichtfach Wirtschaft, Arbeit, Technik sowie im Rahmen der festgelegten Inhalte weiteren Unterrichtsfächern zugeordnet, die auch fachübergreifend und fächerverbindend, insbesondere in Form von Projekten organisiert werden können.“[24]

Schülerfirmen als Form des Praxislernens bieten einen verstärkten Praxisbezug durch Lernen im Rahmen eines in schulischer Verantwortung organisierten modellhaften Unternehmens.“[25]

Damit dem Praxislernen keine Grenzen gesetzt werden, ist man weiteren Organisationsformen gegenüber aufgeschlossen. Diese bedürfen jedoch der Genehmigung durch die Schul-aufsichtsbehörde.[26]

2.2. Bezug zum Rahmenlehrplan

Das Unterrichtsfach „Arbeitslehre“ ist das Hauptfach des Dualen Lernens. Seit dem Schuljahr 2010/11 wird „Wirtschaft Arbeit Technik“ (WAT) in der integrierten Sekundarschule unterrichtet, orientiert sich aber an den Inhalten und Erfahrungen des bisherigen Faches Arbeitslehre.[27] Da ich dieses Projekt mit einem 9. Jahrgang durchgeführt habe, für den noch immer der Rahmenlehrplan „Arbeitslehre“ Gültigkeit besitzt, beziehe ich mich auch im Folgenden auf diesen.

Das Fach Arbeitslehre hat es sich zum Grundsatz gemacht, mit Menschen in Kooperation zu treten. Dabei nehmen die Schüler im Dialog zwischen den Generationen eine aktive Rolle ein. „Sie setzen sich mit […] sozialen […] Entwicklungen auseinander, nutzen deren Möglichkeiten und schätzen Handlungsspielräume, Perspektiven und Folgen zunehmend sachgerecht ein.“[28] Der Arbeitslehreunterricht dient dazu, Veränderungen von Arbeits- und Sozialsystemen wahrzunehmen, die „durch die Ungleichgewichte der demographischen Entwicklung“[29] bestimmt werden. Die Schüler lernen, „Einfühlungsvermögen und Engagement für notwendige soziale Arbeit im privaten und gesellschaftlichen/ehrenamtlichen Bereich aufzubringen“[30]. „Aufgabe des Faches ist es, […] Schüler darauf vorzubereiten, sich in der komplexen und sich wandelnden Wirtschafts- und Arbeitswelt zu orientieren, daran teilzuhaben, sie zu bewerten und mitzugestalten.“ Schließlich begegnen sie Situationen zunehmend bewusst und sind dadurch in der Lage, ihre Erfahrungen entsprechend zu reflektieren und einzuordnen.[31]

Kernbereiche dieses Faches sind die Ausbildungs- und Bildungswegorientierung. Das Thema Arbeit nimmt in diesem Fach demnach eine zentrale Stellung ein. Es schließt neben der Erwerbstätigkeit und Hausarbeit auch die ehrenamtliche Tätigkeit ein. Obwohl die Schüler auch innerhalb der Schule (technische Werkstätten, Lehrküchen, Computerräume) auf die Arbeit im Erwerbsleben und im Haushalt vorbereitet werden, ersetzt dieser Unterricht keineswegs die vielfältigen Bereiche, die es außerhalb der Schule, wie beispielsweise in einem Betriebs- bzw. Sozialpraktikum, zu erkunden gibt.[32]

Der Rahmenplan sieht sogar explizit Hospitationstage in einer sozialen Einrichtung vor. „Bei der praktischen Arbeit, die stets in Verbindung mit Theorie stattfindet, erwerben die Lernenden vielfältige Kompetenzen. Sie lernen Handlungsfelder und das Ausmaß sozialer Arbeit kennen, „schätzen die Bedeutsamkeit sozialer Arbeit in unserer Gesellschaft angemessen ein, stellen sich auf betreuungs- und hilfsbedürftige Personen ein und übernehmen einfache Verrichtungen in deren Umfeld, übernehmen in Absprache mit dem Pflegepersonal Betreuungsaufgaben [und] beziehen ihre Kenntnisse und Erfahrungen in die Berufsentscheidung mit ein“[33]. Arbeit, insbesondere die in einer sozialen Einrichtung, hat gleichzeitig persönlichkeitsbildenden Wert.[34] „Die […] Schüler erfahren die Ganzheitlichkeit von Arbeit […], üben sich in Sorgfalt, Genauigkeit, Ausdauer und Zusammenarbeit, übernehmen Verantwortung [für sich und ihre Mitmenschen[35] ] und stärken durch das sichtbare Arbeitsergebnis ihr Selbstwertgefühl.“[36]

2.4. Rechtliche Grundlagen

Die nachstehend aufgeführten rechtlichen Grundlagen stellen im ersten Punkt die Pflicht und den Auftrag der Schule heraus. Der zweite Punkt hebt die Bestimmungen zum Schutze des Schülers während der Planung und Ausführung des Sozialpraktikums hervor.

2.4.1. Auftrag der Schule – Das Schulgesetz

Allen Lehrkräften sollte § 1 des Schulgesetzes das oberste Gebot sein: „Auftrag der Schule ist es, alle wertvollen Anlagen der […] Schüler zur vollen Entfaltung zu bringen […].“

§ 4 Absatz 2 des Schulgesetzes führt dazu konkreter aus: „Jede Schule trägt die Verantwortung dafür, dass die […] Schüler, unabhängig von ihren Lernausgangslagen, an ihrer Schule zu ihrem bestmöglichen Schulabschluss geführt werden. Die Schule ist so zu gestalten, dass […] Benachteiligungen ausgeglichen und Chancengleichheit hergestellt werden. […] Der Unterricht ist nach Inhalt und Organisation so zu differenzieren, dass alle […] Schüler Lern- und Leistungsfortschritte machen können.“ Absatz 7 ergänzt: „Die allgemein bildende Schule führt in die Arbeits- und Berufswelt ein und trägt in Zusammenarbeit mit den anderen Stellen zur Vorbereitung der […] Schüler auf Berufswahl und Berufsausübung sowie auf die Arbeit in der Familie und in anderen sozialen Zusammenhängen bei.“

Das Sozialpraktikum erfüllt neben den oben genannten Zielen speziell die in § 3 Absatz 2 des Schulgesetzes genannten Bildungs- und Erziehungsziele. Nennenswert sind sowohl der erste als auch der letzte Punkt der Aufzählung: „Die […] Schüler sollen insbesondere lernen, 1. für sich […] zu lernen und Leistungen zu erbringen sowie ein aktives soziales Handeln zu entwickeln, […], 8. ihr zukünftiges privates, berufliches und öffentliches Leben in Verantwortung für die eigene Gesundheit und die ihrer Mitmenschen auszugestalten, Freude […] am Lernen zu entwickeln sowie die Freizeit sinnvoll zu nutzen.“ Im Rahmen dieses angestrebten Auftrags sollen sich die Schulen nach § 5 Absatz 1 und 2 des Schulgesetzes ihrem Umfeld öffnen und mit außerschulischen Einrichtungen und Personen zusammenarbeiten, „deren Tätigkeit sich auf die Lebenssituation der […] Schüler auswirkt. […] Sie nutzen [hierzu] Kooperationsmöglichkeiten mit der Wirtschaft, den Sozialpartnern und anderen Einrichtungen“.

2.4.2. Bestimmungen zum Schutz des Schülers

Obwohl sich die Schüler während der Zeit der Praktikumstage nicht auf dem Schulgelände aufhalten und aus dem üblichen Schulalltag ausgegliedert sind, befinden sie sich noch immer unter unserer Aufsichtspflicht. Darauf weist die Ausführungsvorschrift Duales Lernen unter Punkt 12 und 17 ausdrücklich hin. Selbstverständlich gelten während des Sozialpraktikums die gesetzlichen Vorschriften des Jugendarbeitsschutzgesetzes, insbesondere unter Beachtung der Schutzbestimmungen für Jugendliche unter 16 Jahren. Die Bestimmungen des Schul-gesetzes finden ebenfalls Anwendung.

3. Voraussetzungen

Im Folgenden möchte ich kurz die Schule skizzieren, die sich mit Begeisterung Veränderungen zuwendet. Anschließend stelle ich die Lerngruppe im Ganzen vor, um im Anschluss daran vier Schüler näher zu beschreiben.

3.1. Institutionelle Voraussetzungen

Die Gutenberg-Schule befindet sich im Berliner Bezirk-Lichtenberg in der Sandinostraße 10. Das Einzugsgebiet umfasst den Stadtteil Lichtenberg sowie die angrenzenden Stadtteile Hohenschönhausen, Weißensee, Friedrichshain und Marzahn.

Die Schule ist seit dem Schuljahr 2010/11 eine Integrierte Sekundarschule mit gymnasialer Oberstufe. Zuvor war sie für fast zwei Jahrzehnte eine Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe. Damit „blieben die seit Jahren bereits erfolgreich erprobten Organisationsstrukturen erhalten, da die neue integrierte Sekundarschule die meisten Elemente der Gesamtschule aufgreift“[37]. Die Schülerschaft weist dadurch ein heterogenes Leistungsniveau auf.

Insgesamt besuchten im Schuljahr 2011/12 816 Schüler die Gutenberg-Schule – 595 Schüler die Sekundarstufe I und 221 die Oberstufe. In den Klasse 7-10 laufen jeweils sechs Klassenzüge parallel. Die Anzahl der Schüler nicht deutscher Herkunft beläuft sich in diesen Klassen auf circa 100 Schüler und ist für den Raum Berlin äußerst gering.

„Um die Schüler mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten und Neigungen zu fördern, werden vielfältige Unterrichtsformen angeboten.“[38] Neben dem Klassenunterricht und dem leistungsdifferenzierten Unterricht bietet die Schule auch Wahlpflichtunterricht an. Ab Klasse 7 soll den Schülern in erster Linie die Möglichkeit geboten werden, eine zweite Fremdsprache zu erlernen. Schüler, die eher eine Neigung zum Künstlerisch-Kreativen haben, können sich alternativ dem Fach Kunst zuwenden. Wer künstlerisch nicht so interessiert ist, aber gerne praktisch lernt und sich in den Werkstätten ausprobieren möchte, wählt das Fach Arbeitslehre. Ab Klasse 9 haben alle Schüler, mit Ausnahme derjenigen, die Arbeitslehre schon als erstes Wahlpflichtfach haben, dieses Fach als zweites Wahlpflichtfach zu belegen.

Die 9. Klassen erhalten während eines dreiwöchigen Betriebspraktikums am Ende des Schuljahres die Möglichkeit, Erfahrungen im Arbeitsleben zu sammeln. In der 8. Klasse gewannen die Schüler im Rahmen eines Praxistages bereits einen ersten Eindruck.

Im Sinne einer Ganztagsschule steht für die unterschiedlichen Interessen und Neigungen der Schüler ein breit gefächertes Angebot von Arbeitsgemeinschaften zur Auswahl.

3.2. Die Lerngruppe

Die Lerngruppe des 9. Jahrgangs wird seit Beginn des Schuljahres 2011/12 von mir selbstständig unterrichtet. Sie besteht aus insgesamt 14 Schülern – fünf Mädchen und neun Jungen. In den drei Stunden Wahlpflichtfachunterricht kommen wir einmal in der Woche in einer Doppelstunde zusammen.

Im ersten Halbjahr lag der zu unterrichtende Schwerpunkt gemäß des Fachcurriculums auf dem Thema „Umgang mit Geld“ und im zweiten Halbjahr auf dem Themenbereich „Soziale Arbeit in Haushalt und Beruf“. Da weder der eine noch der andere Unterrichtsgegenstand den Begriff „Werkstatt“ beinhaltete, war die ablehnende Haltung der Schüler bereits vorprogrammiert. Es war für die Lehrkraft eine stets wiederkehrende Herausforderung, jeden Einzelnen zu motivieren und die Schüler aus ihrer abwehrenden Haltung gegenüber dem doch überwiegend theoretischen Stoff zu lösen. Viele der Schüler legen zudem ein stark pubertäres Verhalten an den Tag, welches sich ebenfalls als störend erweist. Unterrichtsaufgaben werden häufig erst nach mehrmaliger Aufforderung mit unzureichenden Ergebnissen angefertigt. Dies könnte dem Umstand geschuldet sein, dass die meisten Schüler im schriftlichen Bereich starke Defizite aufweisen. Außerdem fällt es denen, die lernen wollen, aufgrund der soeben beschriebenen Unterrichtssituation schwer, dem Unterrichtsgeschehen über einen längeren Zeitraum konzentriert zu folgen. Das Leistungsniveau dieser Lerngruppe befindet sich im Bereich von befriedigend bis mangelhaft.

Für folgende Schüler wird ein Sozialpraktikum als sinnvoll erachtet:

Christine strebt den Besuch der Oberstufe an. Leider lässt sie sich oft von persönlichen und zwischenmenschlichen Dingen ablenken. Ihre Lernbereitschaft ist starken Schwankungen ausgesetzt. Mal zeigt sie über einen längeren Zeitraum Ehrgeiz, ist strebsam und erfüllt ihre Aufgaben bewundernswert engagiert und selbstständig, ein anderes Mal wieder provoziert und stört sie, wo sie nur eine Gelegenheit dazu sieht und liefert ihre Arbeiten nicht oder in nur unzureichendem Maße ab. In wiederkehrenden Gesprächen unter vier Augen gelobt sie dann stets Besserung, vergisst aber ihre guten Vorsätze und Ziele in regelmäßigen Abständen.

Florian ist mit einer Gymnasialempfehlung an die Gutenberg-Schule gekommen, mit dem Ziel, die Schule mit dem Abitur zu verlassen. Sein auffälliges Verhalten im Unterricht und der Umgang mit dem von mir zur Verfügung gestellten Arbeitsmaterial ließ dieses Ziel nicht erahnen. Seine Eltern hielten dagegen, dass er zu Hause nicht derart auftrete. Ein Besuch der Lehrerin in den Wohnräumen der Familie bestätigte die Aussage der Eltern. Stets war er einsichtig, wenn die Lehrende mit ihm sprach. Im Gespräch mit den Eltern gelobte er regelmäßig Besserung, mehr Fleiß und Durchhaltevermögen. Er werde konzentrierter mitarbeiten. Während des Unterrichts unterlag er dann doch wieder dem kollektiven Sog, provozierte seine Mitschüler, signalisierte deutliches Desinteresse am Unterrichtsgeschehen, lief, wie es ihm gefiel, durch den Klassenraum. Arbeitsblätter landeten häufig unbearbeitet und zerknüllt neben dem Mülleimer. Ihm fällt es auch sichtbar schwer, sich längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren. Fraglich erscheint, ob er im Beisein der anderen Schüler zu schnell abgelenkt wird und sich in einer anderen Atmosphäre konzentrierter auf das Arbeiten und Lernen einlassen würde.

Florians bester Freund ist Pascal. Sein aufsässiges und respektloses Auftreten veranlasste mich schon kurz nach Schuljahresbeginn, ein Gespräch mit den Eltern zu suchen. Alleinerziehend und berufstätig fühlt sich die Mutter zunehmend machtlos und bedauert zutiefst das Verhalten ihres Sohnes. Die regelmäßigen Vorstellungen bei den unterschiedlichsten Lehrern sind ihr mittlerweile peinlich. Allen Wünsche und Ermahnungen der Mutter zum Trotz hat er sich während der Unterrichtszeit kaum unter Kontrolle. Private Unterhaltungen, das Kommentieren der Aussagen seiner Mitschüler, lautes Gelächter, nachlässige Heftführung und das Herumschubsen anderer Schüler sind seine Unterrichts-beiträge. Er lümmelt in einer Haltung an seinem Platz, die eher auf wenig „Sitzfleisch“ schließen lässt. Hiermit bekundet er deutlich sein Desinteresse am Unterrichtsgeschehen. In der Regel sieht man häufiger seinen Hinterkopf als sein Gesicht. Auch bei praktischen Tätigkeiten überlässt er das Arbeiten lieber anderen Mitschülern.

Damian ist ein eher ruhiger und zurückhaltender Schüler, der entweder seinen Kopf unter seinen auf dem Tisch verschränkten Armen versenkt oder sich stuhlkippelnd durch seinen Sitznachbarn zu Gesprächen privater Themen hinreißen lässt. Auch die Mutter konnte bestätigen, dass er nach der Schule regelmäßig in seinem Zimmer verschwindet und dort leise seinen Computerspielen nachgeht, wenn er nicht gerade im Fitnesscenter an der Herausbildung seiner Muskeln arbeitet. Die Scheidungssituation der Eltern und die kleine Schwester, die sehr viel Aufmerksamkeit der Mutter für sich in Anspruch nimmt, veranlassen Damian häufig, sich möglichst unsichtbar zu machen. Bei Hospitationen konnte man beobachten, dass er gelegentlich dem Unterrichtsthema folgt und ab und zu einen guten Beitrag auf der Zunge hat. Ihm widerstrebt es jedoch, sich zu melden, den Gedanken in die Diskussion einzubringen und damit den Unterricht zu bereichern. Das Vor-sich-hin-Gemurmelte geht im allgemeinen Lärmpegel unter und in der nächsten Minute wendet er sich wieder dem privaten Gespräch mit seinem Nachbarn zu. Durch entsprechende Antworten auf Ermahnungen gibt er deutlich seine Egal-Haltung zu erkennen. Noten sind ihm völlig gleichgültig. Obwohl er seinen geistigen Fähigkeiten nach mehr leisten könnte, ist ihm deutlich anzumerken, dass er schulmüde ist. Gerne würde er endlich im Fitnesscenter seine Ausbildung beginnen. Bei Gesprächen unter vier Augen ist er der Lehrperson gegenüber stets höflich und hat einen freundlichen Umgangston.

Bei keinem der Schüler liegt ein Förderstatus vor.

Diese genannten vier Schüler stecken all ihre Kraft und Energie in die Boykottierung des Unterrichts. Für den Rest der Lerngruppe setzen sie die Signale und Weichen. Mit dem Fehlen dieser Schüler entsteht regelmäßig sofort ein anderes Lernklima. Dies bestätigten mir auch andere Lehrer, die diese Lerngruppe unterrichten. Diesen Schülern ist die Lust am Lernen verloren gegangen und es scheint, dass sie das Ziel längst aus den Augen verloren haben.

4. Theoretische Gedanken zur Entwicklung von Lerneinstellung

In diesem Kapitel werden die Vorzüge eines Sozialpraktikums näher erläutert und begründet. Anschließend findet eine Begriffserklärung und Abgrenzung statt. Dem folgt eine theoretische Abhandlung, inwiefern sich ein Sozialpraktikum positiv auf die Lerneinstellung der Schüler auswirken kann. Schließlich ist interessant zu erfahren, wie sich das Ergebnis nachweisen lässt.

[...]


[1] Seneca-Zitat als Forderung verkehrt.

[2] Die nachfolgend verwendete männliche Form bezieht selbstverständlich die weibliche Form mit ein. Auf die Verwendung beider Geschlechtsformen wird lediglich mit Blick auf die bessere Lesbarkeit des Textes verzichtet.

[3] vgl. Peterßen, Wilhelm H.: Kleines Methoden-Lexikon. S. 234

[4] Erst im Schuljahr 2012/13 muss jede ISS ein Konzept für die besondere Organisationsform des Dualen Lernens entwickelt haben. Mein Schulleiter Herr Bethke hat diesem Vorhaben explizit als Pilotprojekt zugestimmt.

[5] Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung Berlin (Hg.): Duales Lernen. Handreichungen für die Praxis. S. 7

[6] vgl. Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung Berlin (Hg.): Duales Lernen. Handreichungen für die Praxis. S. 4

[7] Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung Berlin (Hg.): Duales Lernen. Handreichungen für die Praxis. S. 6

[8] § 29 (4) Sek I-VO

[9] Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung Berlin (Hg.): Duales Lernen. Handreichungen für die Praxis. S. 7

[10] § 29 (4) Sek I-VO

[11] vgl. Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung Berlin (Hg.): Duales Lernen. Handreichungen für die Praxis. S. 6

[12] Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung Berlin (Hg.): Duales Lernen. Handreichungen für die Praxis. S. 6

[13] vgl. Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung Berlin (Hg.): Duales Lernen. Handreichungen für die Praxis. S. 6

[14] Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung Berlin (Hg.): Duales Lernen. Handreichungen für die Praxis. S.6

[15] vgl. Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung Berlin: Duales Lernen in der Integrierten Sekundarschule. S. 2

[16] Partner: Schule-Wirtschaft: Duales Lernen. S. 11

[17] vgl. AV Duales Lernen. S. 5

[18] AV Duales Lernen. S. 6

[19] AV Duales Lernen. Anlage 3, 1.1 (1)

[20] AV Duales Lernen. S. 6

[21] AV Duales Lernen. Anlage 4, 1. (2)

[22] AV Duales Lernen. Anlage 4, 1. (4)

[23] AV Duales Lernen. S. 6

[24] AV Duales Lernen. S. 6

[25] AV Duales Lernen. S. 6

[26] vgl. AV Duales Lernen. S. 7

[27] vgl. Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung Berlin (Hg.): Duales Lernen. Handreichungen für die Praxis. S. 7

[28] RLP Arbeitslehre. S. 5

[29] RLP Arbeitslehre. S. 9

[30] RLP Arbeitslehre. S. 12

[31] vgl. RLP Arbeitslehre. S. 5

[32] vgl. RLP Arbeitslehre. S. 10

[33] RLP Arbeitslehre. S. 33

[34] vgl. RLP S. 10

[35] vgl. RLP Arbeitslehre. S. 5

[36] RLP Arbeitslehre. S. 10

[37] Bezirksamt Lichtenberg von Berlin (Hg.): Weiterführende allgemein bildende Schulen Jahrgang 2012/13,

S. 16

[38] Bezirksamt Lichtenberg von Berlin (Hg.): Weiterführende allgemein bildende Schulen Jahrgang 2012/13,

S. 16.

Details

Seiten
49
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656582519
ISBN (Buch)
9783656581154
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v264148
Note
1,0
Schlagworte
beiträge entwicklung lerneinstellung rahmen praxislernens organisationsform dualen lernens sozialpraktikum

Autor

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