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Islamischer Religionsunterricht (IRU) in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Niedersachsen

Darstellung und Beurteilung der Bedeutung für die Konfessionalität des RU

Examensarbeit 2013 54 Seiten

Theologie - Religion als Schulfach

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Muslimisches Leben in Deutschland
2.1.Historischer Überblick
2.2.Islamische Organisationen

3. Probleme bei der Einführung von Islamischem Religionsunterricht
3.1.Religionskunde oder Religionsunterricht?
3.2.Rechtliche Schwierigkeiten
3.3.Adressatenfrage und Ausbildung von Lehrkräften
3.4.Teilweise Unvereinbarkeit von Islamischen Glaubensinhalten mit dem Grundgesetz

4. Lehrmaterialien

5. Islamischer Religionsunterricht in den Bundesländern
5.1.Nordrhein-Westfalen
5.2.Hessen
5.3.Niedersachsen
5.4.Vergleich der Bundesländer

6. Konsequenzen für dem evangelischen Religionsunterricht

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit mit dem Titel “Islamischer Religionsunterricht (IRU) in Nordrhein-Westfalen, Hessen, Niedersachsen: Darstellung und Beurteilung der Bedeutung für die Konfessionalität des RU“ hat es sich zum Ziel gesetzt, die Entwicklung und Einführung eines ordentlichen Islamischen Religionsunterrichts nach Artikel 7 III des Grundgesetzes (GG)[1] in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Hessen und Niedersachsen näher zu erläutern und zu beurteilen.

Dabei soll der Schwerpunkt darauf liegen, wie sich die konfessionelle Gestalt der Unterrichtsprojekte und -versuche durch die Einführung eines bekenntnisorientierten Islamischen Religionsunterrichts in den Bundesländern wandelt und welche Bedeutung für die Muslime und die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland hat.

Der Grund für das Thema dieser Arbeit ist unter anderem seine Aktualität aber auch seine Bedeutung für den Schulalltag und die evangelische Religionspädagogik. Im letzten Jahrzehnt wurden verstärkt Anstrengungen unternommen, einen, dem Katholischen und Evangelischen Religionsunterricht gleichgestellten, Islamischen Religionsunterricht flächendeckend einzuführen. Zu den Bemühungen zählen unter anderem die umfassenden Unterrichtsversuche, die langfristig die Einführung eines regulären Islamischen Religionsunterrichts zum Ziel haben, die Bemühungen der Muslime sich in einer Form zu organisieren, in der sie als Ansprechpartner für den Staat fungieren können oder auch die Einrichtung von Studiengängen für die Ausbildung muslimischer Religionslehrerinnen und Religionslehrer. Diese Punkte werden im Verlaufe der Arbeit eingehender behandelt.

Zuerst sollen nun die historischen Entwicklungslinien nachgezeichnet werden, die den Islamischen Religionsunterricht zu einem Thema in der Bundesrepublik Deutschland werden ließen. In diesem Zusammenhang sollen auch die Islamischen Organisationen erläutert werden, die sich im Laufe dieser Entwicklung gebildet haben.

Daran anschließend werden die Schwierigkeiten, die sich bei dem Versuch der Einführung eines Islamischen Religionsunterrichts ergeben, näher erläutert.

Der vierte Punkt der Arbeit befasst sich mit Lehrmaterialien, die für die Unterrichtsprojekte und Islamischen Religionsunterricht entwickelt wurden.

Nach umfassenden theoretischen Vorbetrachtungen erfolgt eine vergleichende Betrachtung der Bundesländer. Der Umfang an Informationen zu den einzelnen Bundesländern variiert dabei sehr stark. Das umfassendste Material steht für Nordrhein-Westfalen zur Verfügung, während sich die Informationen für Hessen begrenzt ausnehmen. Es wurden Anfragen an die Kultusministerien der jeweiligen Bundesländer gestellt und die Ansprechpartner zeigten sich kooperativ.[2] Zusätzliches Material wurde zur Verfügung gestellt und hilfreiche Hinweise haben die Materialauswahl, insbesondere für das Bundesland Hessen, erweitert.

Die Bedeutung eines konfessionellen Islamischen Religionsunterrichts für den Schulalltag und die evangelische Religionspädagogik wird im sechsten Punkt dargestellt.

Abschließend werden die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst und die Frage nach der Bedeutung der Einführung von Islamischem Religionsunterricht in den drei Bundesländern für die Konfessionalität dieses Unterrichts wird beantwortet.

Die Ursache dafür, dass sich die Arbeit auf drei Bundesländer beschränkt, ist, dass in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Niedersachsen bisher die umfangreichsten Bemühungen unternommen wurden, einen Islamischen Religionsunterricht nach Artikel 7 III GG einzuführen beziehungsweise in naher Zukunft die Umsetzung dieses Vorhabens am wahrscheinlichsten ist oder sich bereits abzeichnet.

Die Forschungsliteratur zum Thema Islamischer Religionsunterricht ist umfassend. Sie reicht von Überblickswerken bis zu speziellen Monographien, die sich mit besonderen Aspekten des Themas beschäftigen. Auch der Stand der Literatur ist dabei zu beachten. Es ist festzustellen, dass eine umfangreichere Beschäftigung Anfang der 1990er Jahre einsetzt, aber erst mit Beginn der 2000er Jahre rückt das Thema stärker in das Blickfeld der Öffentlichkeit und der Forschung.[3]

2. Muslimisches Leben in Deutschland

2.1. Historischer Überblick

Laut aktueller Erhebungen leben derzeit circa 4 Millionen Muslime in Deutschland. Davon sind ungefähr 700 000 Schülerinnen und Schüler.[4] Damit ist der Islam[5], nach den beiden christlichen Konfessionen, die zweitgrößte Religionsgemeinschaft in der Bundesrepublik.

Die Existenz muslimischen Lebens auf dem Gebiet des heutigen Deutschland reicht dabei weit in die Vergangenheit zurück. 1741 wurden bosnische und tatarische Muslime auf Geheiß Friedrichs II. in ein Ulanen-Regiment eingegliedert. 1763 richtete das Osmanische Reich in Berlin eine Gesandtschaft ein. Im Jahre 1866 wurde für die verstorbenen osmanischen Diplomaten ein Friedhof am Columbiadamm eingerichtet. Dieser besteht bis heute und war der erste muslimische Friedhof auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands.[6]

Die erste Moschee auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik entstand 1915 in Wünsdorf. Dort befand sich das sogenannte "Halbmondlager", ein Kriegsgefangenenlager für die Muslime, die auf Seiten der Engländer und Franzosen aus den Kolonien an die Front geschickt wurden. Die Moschee, ein hölzerner Kuppelbau, ist nicht mehr erhalten, da sie, aufgrund von Einsturzgefahr, 1930 abgerissen werden musste. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts gründeten muslimische Exilanten und Studenten die ersten Vereine, um das Gemeindeleben zu organisieren. Im Jahr 1922 wurde die Islamische Gemeinde Berlin gegründet, die sich an Muslime unterschiedlicher Nationalität wandte. Das bis heute existierende Zentralinstitut Islam-Archiv-Deutschland wurde 1927 geschaffen. Die Gemeinschaft der Ahmadiyya[7] war in dieser Zeit die stärkste muslimische Gruppe.[8]

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges existierten keine muslimischen Vereine mehr. Lediglich in der Wilmersdorfer Moschee gab es noch ein bescheidenes Gemeindeleben.[9]

Die vorigen Darstellungen zeigen, dass das muslimische Leben in Deutschland, beziehungsweise auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands, weiter zurückreicht, als oft angenommen wird. Vorwiegend wird mit dem Beginn der Gastarbeiteranwerbung in den 1960er Jahren vom Anfang des muslimischen Lebens in Deutschland[10] gesprochen.[11]

Dem Arbeitskräftemangel im Nachkriegsdeutschland sollte begegnet werden, indem Anwerbeverträge mit verschiedenen Ländern unterzeichnet wurden.[12] Anwerbeabkommen starteten bereits in den 50er Jahren, doch erst Anfang der 60er Jahre wurden Verträge mit Ländern abgeschlossen, deren Bevölkerung hauptsächlich muslimischen Glaubens ist. 1961 wurde ein Vertrag mit der Türkei abgeschlossen. Diesem Vertrag folgten Abkommen mit Marokko 1963, Tunesien 1965 und Jugoslawien 1968.[13]

Ursprünglich war ein Rotationsprinzip für die angeworbenen Arbeitskräfte vorgesehen. Diese sollten für eine gewisse Zeit in Deutschland arbeiten und dann wieder in ihre Heimatländer zurückkehren, damit neue Arbeitskräfte aus diesen Ländern nachrücken konnten. Es ist festzuhalten, dass sowohl von der Seite der angeworbenen Arbeitskräfte, als auch von Seiten der deutschen Regierung davon ausgegangen wurde, dass der Aufenthalt nur vorübergehend sei. Ein dauerhaftes Bleiben war nicht vorgesehen. Aufgrund der zum Teil schlechten wirtschaftlichen Lage in ihren Heimatländern entschieden sich viele Menschen, in der Bundesrepublik zu arbeiten, bis sich die Lage in ihren Heimatländern verbessern würde. Eine einsetzende Wirtschaftskrise in Deutschland und die zunehmende Automatisierung der Produktion führten im Jahr 1973 zu einem Anwerbestopp. In dieser Zeit entschieden sich viele Migranten dafür, ihre Familien nachzuholen, denn in ihren Heimatländern hatte sich die wirtschaftliche Lage zumeist nicht verbessert.[14]

Mit der veränderten Lebenssituation änderten sich auch die Erwartungen und Vorstellungen der Migranten. In der Aussicht auf eine zeitnahe Rückkehr in das jeweilige Heimatland waren die religiösen Bedürfnisse einfach zu erfüllen. Gebetsteppiche, Möglichkeiten für die rituelle Waschung und die Gebetsrichtung nach Mekka waren leicht zu organisieren. Somit trat der Islam in der Öffentlichkeit nur begrenzt in Erscheinung.[15]

Nachdem die Familien nachgeholt wurden, entstand auch das Bedürfnis, eine umfangreichere Gestaltung des islamischen Glaubens wahrnehmen zu können. Dazu zählte unter anderem auch die Unterweisung der Kinder in der eigenen Religion. Das umfangreicher werdende Gemeindeleben sollte ebenfalls organisiert werden. Diese Bedürfnisse wurden lange Zeit von der Politik ignoriert, so dass von einer gezielten Integrationspolitik[16] keine Rede sein kann.[17]

Ende der siebziger Jahre wuchs die Zahl der Bürgerkriegsflüchtlinge, die ebenfalls aus Ländern mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung stammten. Diese Situation stellte die Gesellschaft in vielen Lebensbereichen, wie zum Beispiel dem Bildungsbereich, vor umfassende Probleme. So zum Beispiel der Bildungsbereich. Die Kindergärten und Schulen sahen sich mit vielen Kindern konfrontiert, deren Sprachkenntnisse nicht ausreichten, um dem Unterrichtsgeschehen in angemessener Weise folgen zu können. Auch waren die Pädagogen nicht auf den Umgang mit solch einer Situation vorbereitet.[18]

Lange wurde nicht erkannt, dass Deutschland sich zu einem Einwanderungsland entwickelt hat und es sich dabei nicht bloß um ein Randphänomen handelt. Derzeit leben circa 4 Millionen Muslime in Deutschland. Davon sind circa 75% türkischer Herkunft. Weitere große muslimische Gruppen stammen aus Marokko, Serbien, Montenegro, Iran, Irak, Afghanistan, Libanon und Pakistan.[19] Ungefähr 90% der Muslime in Deutschland sind Sunniten. Die restlichen zehn Prozent verteilen sich auf Schiiten, Aleviten und Ahmadiyya.[20]

Obwohl keine gezielte Integrationspolitik verfolgt wurde, begann dennoch der Prozess der Integration voranzuschreiten. Die ehemaligen Gastarbeiter bauten sich mit ihren Familien ein Leben auf. Die Kinder besuchten die Schulen und erlangten ihre Abschlüsse. Diese Generation verband weniger mit ihrem ehemaligen Heimatland, als dies für ihre Eltern der Fall war. Dennoch brachte die veränderte Lebenssituation Konfliktpotential mit sich. Eine geplante Integrationspolitik, um diesen Problemen und Konflikten zu begegnen, rückte jedoch erst in den 1990er Jahren in das Blickfeld der Politik und Öffentlichkeit. Unter anderem kam und kommt es zu rechtlichen, organisatorischen und sozialen Konflikten in Bezug auf die Religionsausübung. Dabei geht es um die Frage nach islamischen Friedhöfen, den Bau von Moscheen, die Betreuung von muslimischen Soldaten in der Bundeswehr und Häftlingen, die Anerkennung muslimischer Feiertage, das Tragen religiöser Symbole wie des Kopftuches und die Unterweisung der Kinder in der islamischen Glaubenslehre. Viele dieser Probleme sind nach wie vor nicht gelöst.[21]

2.2. Islamische Organisationen in Deutschland

Mit der oben beschriebenen Änderung der Lebenssituation für den Großteil der muslimischen Migranten begann ein Prozess der Organisation. Um sich koordinieren zu können, das Gemeindeleben auszugestalten und um im politischen Prozess die eigenen Interessen artikulieren und durchsetzen zu können, wurden Verbände gegründet, die diese Aufgaben erfüllen sollten. Im Laufe der Zeit hat sich eine Vielzahl[22] an heterogenen Verbänden und Organisationen gegründet.[23]

Einer der ersten Vereine, die sich Anfang der 1970er Jahre bildeten, wurde von der Gemeinschaft Milli Görüş 1972 in Braunschweig ins Leben gerufen. Die Entwicklungsgeschichte dieser Gemeinschaft in Deutschland gestaltet sich komplex. Die 1976 in Köln gegründete Türkische Union Europa e.V., die 1982 in Islamische Union Europa e.V. umbenannt wurde, zerbrach an internen Streitereien im Jahr 1983, da keine Einigung über die politische Ausrichtung der Vereinigung erzielt werden konnte und ein Teil von radikalen Islamisten spaltete sich ab. 1985 wurde der Name der Gemeinschaft in Vereinigung der neuen Weltsicht in Europa e.V. geändert. Nach Veränderungen in der Organisationsstruktur wurde die Gemeinschaft im Januar 1995 in Islamische Gemeinschaft Milli Görüş[24] e.V. (IGMG) umbenannt.[25] Mit der Selbstbezeichnung Milli Görüş bezieht sich die Gemeinschaft auf das politische Konzept des türkischen Islamistenführers Necmettin Erbakan, der in seinem Konzept die Wiedereinführung einer islamischen Staats- und Gesellschaftsordnung anstrebt und bringt somit ihre Verbindung zu dieser Bewegung und damit auch zu ihren Vorstellungen zum Ausdruck. Dennoch versuchen die Mitglieder der Gemeinschaft Milli Görüş e.V. ihre Verbindung zu der politischen Bewegung zu relativieren oder gar zu verschleiern. Dennoch sind Verbindungen zwischen dem Dachverband und der politischen Partei zu erkennen. In den Ortsvereinen und Moscheen der IGMG finden sich Videos mit Ansprachen von Necmettin Erbakan und die Zeitung Milli Gazete, die der politischen Bewegung nahesteht, wird ebenfalls angeboten. Auch ist Necmettin Erbakan als Gastredner bei einigen Veranstaltungen der IGMG aufgetreten. Es ist festzuhalten, dass es sich bei dem Dachverband allem Anschein nach um eine Auslandsorganisation der Bewegung handelt. Auch ist zu erwähnen, dass die IGMG unter Beobachtung durch den Verfassungsschutz steht.[26]

Die IGMG, mit ihrem heutigen Sitz in Kerpen, ist die zweitgrößte Dachverbandsorganisation, wodurch sie zu einem Faktor wird, der bei Überlegungen zur Planung eines konfessionellen Islamischen Religionsunterrichts bedacht werden muss. Angaben zu der Mitgliederanzahl variieren je nach Quelle. Der Verfassungsschutz geht von circa 26500 Mitgliedern aus. Die IGMG selbst gibt eine Zahl von circa 87000 an. Ihre Aufgabe sieht die IGMG darin, die Grundrechte von Muslimen zu stärken und zu schützen und in der Lehre und Verkündigung des islamischen Glaubensbekenntnisses. In diesem Zusammenhang setzt sich die IGMG für die Einführung eines ordentlichen Islamischen Religionsunterrichts ein. Der Vorwurf des Islamismus trifft nicht mehr in dem Maße zu, wie dies 2002 der Fall war. So wird der Forschungsstand von Thomas Lemmen durch die Aktualität der Arbeit von Kinan Darwisch ergänzt. Denn im Jahr 2002 kam es zu einem Führungswechsel der IGMG, wodurch die liberaleren Kräfte innerhalb der IGMG an Einfluss gewinnen konnten. Jedoch ist noch nicht abzuschätzen, wie diese Entwicklung weitergehen wird.[27]

Der Mitgliederstärkste Dachverband ist die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DİTİB). Der in Köln ansässige Verband wurde 1984 gegründet und umfasst circa 900 Ortsvereine. Die vornehmliche Aufgabe der DİTİB besteht in der Einrichtung und Verwaltung von Moscheen und der Bestellung und Besoldung von Imamen[28]. Darüber hinaus ist es die Aufgabe des Verbandes, die Mitglieder der türkischen Gemeinschaft in Angelegenheiten der islamischen Religion zu betreuen und zur Förderung des interreligiösen Dialogs, Kultur-, Sozial-, Jugend- und Frauenarbeit beizutragen.[29]

Der Dachverband steht in direkter Verbindung mit dem Diyanet İşleri Başkanlığı (DİB), dem Präsidium für Religionsangelegenheiten. Dabei handelt es sich um eine Behörde, die 1924 gegründet wurde und sich um die Ausübung des Islam in der Türkei kümmert. Zu ihren Aufgabenbereichen zählen der Bau und Erhalt von Moscheen, die Bestellung und Besoldung des Personals und die Klärung theologischer Fragen.[30] Die DİTİB ist darum bemüht, ihre Verbindungen zum DİB in der Öffentlichkeit als unbedeutend darzustellen und auf ihre Eigenständigkeit zu verweisen. Dies ist jedoch kaum möglich, wie sich bereits an der Satzung der DİTİB zeigt. So ist der Präsident des DİB gleichzeitig Ehrenvorsitzender und Beiratsvorsitzender der DİTİB. In diesen Funktionen ist es ihm möglich, an Mitgliedsversammlungen und Vorstandssitzungen teilzunehmen und auf den Dachverband einzuwirken.[31]

Weitere Verbindungen zeigen sich, wenn Imame aus der Türkei der DİTİB durch das DİB bereitgestellt werden. Für einen Zeitraum von fünf bis sechs Jahren werden diese in der Türkei ausgebildeten Vorbeter nach Deutschland gesandt, um die religiöse Betreuung von türkischen Muslimen zu gewährleisten. Die Imame sind Beamte oder Angestellte des türkischen Staates und werden durch die türkischen Konsulate den Gemeinden zugewiesen und bezahlt. Aus integrationspolitischer Sicht ergeben sich daraus Probleme, da die Imame mehrheitlich wenig oder gar kein Deutsch sprechen und auch nicht mit der Lebenswelt der in Deutschland lebendenden Türken vertraut sind. Auch die zeitliche Befristung von fünf bis sechs Jahren verbessert die Situation nicht. Denn in dieser kurzen Zeit ist es schwierig, eine funktionierende Zusammenarbeit zwischen den Vorbetern und örtlichen Behörden aufzubauen. Auch ist der Anreiz für die Imame, in Anbetracht ihrer zeitnahen Rückkehr in die Türkei, sprachliche Kenntnisse zu erwerben oder die Lebenssituation der zu betreuenden Gemeinden näher kennenzulernen, eher gering.[32]

Der Grund dafür, dass die DİTİB der mitgliederstärkste Verband ist, liegt zum einen daran, dass der Großteil der Muslime in Deutschland türkischer Herkunft ist und zum anderen daran, dass die Vorbeter des Verbandes, anders als bei anderen Verbänden, eine entsprechende Ausbildung durchlaufen haben.[33]

Die DİTİB ist aufgrund ihrer Mitgliederzahl und der starken Anbindung an den türkischen Staat mit einem Alleinvertretungsanspruch für die in Deutschland lebenden Muslime aufgetreten und bisher keinem der Spitzenverbände wie dem Zentralrat der Muslime in Deutschland oder dem Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland beigetreten.[34] Jedoch ist die DİTİB ein Mitglied im Koordinationsrat der Muslime in Deutschland, was den Willen zur Zusammenarbeit mit anderen Verbänden zeigt.[35] Die DİTİB befürwortet die Einführung Islamischen Religionsunterrichts. Dies wird in der Stellungnahme des Koordinationsrates der Muslime, in welchem die DİTİB der dominierende Verband ist, deutlich, da in dieser Stellungnahme der Beschluss zur Einführung eines konfessionellen islamischen Religionsunterrichts in Nordrhein-Westfalen begrüßt wird.[36]

Der drittgrößte Dachverband ist der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ). 1973 ins Leben gerufen, umfasst der Verband circa 300 Moscheegemeinden in Deutschland. Viele der Aufgaben, welche sich der VIKZ gesetzt hat, stimmen mit denen anderer Verbände überein. Einen Schwerpunkt setzt der Dachverband jedoch in seinen Bemühungen, die religiöse Ausbildung muslimischer Jugendlicher zu ermöglichen. Eine Vielzahl von Koran-Schulen, Bildungskursen und einige Internate werden vom VIKZ unterhalten.[37]

Der Dachverband wird der Süleymancılı-Bewegung zugeordnet. Diese geht auf den islamischen Theologen Süleyman Hilmi Tunahan zurück. Dieser bemühte sich um die religiöse Bildung von Kindern und Jugendlichen. Dies geschah vor dem Hintergrund eines starken Laizismus in der Türkei der 1920er und 1930er Jahre. Durch die Verstaatlichung der Schulen, die Abschaffung des Religionsunterrichts und die Ersetzung der arabisch-osmanischen Schrift durch die lateinische sah Süleyman Hilmi Tunahan die religiöse Identität der nachfolgenden Generationen gefährdet. Aus diesem Grund richtete die Bewegung muslimische Bildungsstätten ein. Dies führte zu Konflikten mit der laizistischen Regierung, was erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Einführung des Mehrparteiensystems in der Türkei endete. Die Bewegung bezeichnet sich als Föderation der Vereine zur Förderung von Schülern und Studenten und betreibt mehrere tausend Einrichtungen in der Türkei. Über die VIKZ ist sie unter anderem in Deutschland tätig.[38]

[...]


[1] Der Artikel 7 des Grundgesetzes befasst sich mit dem Schulwesen in der Bundesrepublik Deutschland. Unter anderem wird die Erteilung von Religionsunterricht in Schulen geregelt. Eine Besonderheit des Religionsunterrichts ist, dass er als einziger Unterricht im Grundgesetz verankert ist. Im dritten Teil der Arbeit wird diese rechtliche Regelung eingehender betrachtet.

Vgl. Jarass, Hans; Pieroth, Bodo: Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Kommentar. 10. Auflage. München 2009. S. 255-256.

[2] Hinweise auf aktuelle Literatur, Verweise auf Internetseiten der Kultusministerien und die Bereitstellung von Material wurden auf Anfrage zur Verfügung gestellt. Die Ansprechpartner der Kultusministerien waren Frau Christel Schröder aus dem Niedersächsischen, Frau Nurgül Altuntas aus dem Hessischen und Herrn Ahmet Ünalan aus dem Nordrhein-Westfälischen Kultusministerium.

[3] Im Besonderen ist hier die Arbeit von Kinan Darwisch hervorzuheben, da diese einen aktuellen Überblick über die Entwicklung der Unterrichtsprojekte in den Bundesländern gibt.

[4] Vgl. Darwisch, Kinan: Islamischer Religionsunterricht in Deutschland. Darstellung und Analyse der islamischen Unterrichtsprojekte (Religion aktuell, Band 11). Marburg 2013, S. 21-23.

[5] Der Islam ist eine der drei abrahamitischen Religionen. Aus dem arabischen übersetzt bedeutet der Begriff „sich Gott ergeben“. Grundlage des Islam sind die sogenannten fünf Säulen: das Glaubensbekenntnis (Schahada), die Almosensteuer (Zakat), das Fasten (Saum), das rituelle Gebet (Salat) und die Pilgerfahrt (Haddsch). Die Schahada enthält das elementare Bekenntnis des Islam zu Allah als dem alleinigen Gott und Mohammed als seinem Gesandten.

Vgl. Radtke, Bernd, Art. Islam, in: Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. 4. Auflage. Band 4, Tübingen 2001. S. 258f.

Wenn vom Islam gesprochen wird, sollte dabei bedacht werden, dass es sich, wie beim Christentum, nicht um eine homogene Religionsgemeinschaft handelt. Im Laufe der Geschichte des Islam kam es zur Teilung der muslimischen Gemeinschaft (Umma). Die Urgemeinde der Muslime trennte sich früh nach Mohammeds Tod (632 n.Chr.) in Sunniten und Schiiten auf. Diese Trennung ist nicht auf eine theologische Auseinandersetzung zurückzuführen. Mohammed hatte vor seinem Tod keine Vorkehrungen getroffen, um einen Nachfolger für die weltliche und religiöse Führung zu bestimmen. Die Muslime spalteten sich in zwei Lager. Die Mehrheit wollte den aus ihrer Sicht am geeignetsten wählen. Eine kleinere Gruppe war der Meinung, der Nachfolger sollte aus der Familie Mohammeds stammen. Die Nachfolger Mohammeds, die auch als Kalifen bezeichnet werden, versuchten die Gemeinde zusammenzuhalten. Doch bereits der vierte Kalif, Ali ibn Abi Talib, sah sich mit einer starken Opposition konfrontiert. Diese sammelte sich unter Muʿāwiya (Begründer der Umayyaden Dynastie), der vom verstorbenen dritten Kalifen zum Statthalter von Syrien ernannt worden war. Nach dem Tod des vierten Kalifen wurde Muʿāwiya von den meisten Muslimen als fünfter Kalif anerkannt. Auf diese Gruppe geht die Gemeinde der Sunniten zurück. Die Nachfahren des vierten Kalifen verzichteten zuerst auf den weiteren Führungsanspruch. Doch im Laufe der Zeit brach der Konflikt erneut aus. In der Schlacht von Kerbala (680 n.Chr.) unterlagen die Schiiten den Sunniten, wodurch die Spaltung zwischen den beiden Gruppen endgültig vollzogen wurde.

Heutzutage umfassen die Sunniten den größten Teil (circa 88%) der Muslime, gefolgt von den Schiiten (circa 10%).

Vgl. Darwisch, Kinan: Islamischer Religionsunterricht in Deutschland. S. 27-31.

Diese beiden großen Glaubensgemeinschaften teilen sich selbst in unterschiedliche Rechtsschulen, die sich in ihrer Auslegung des islamischen Rechts unterscheiden. Die Sunniten unterteilen sich in die Hanafiten, Malikiten, Schafiiten und Hanbaliten. Die Schiiten trennen sich in Dschafariten und Zaiditen.

Vgl. Müller, Christian, Art. Rechtsschulen, in: Elger, Ralf (Hrsg.): Kleines Islam-Lexikon. 5., aktualisierte und erweiterte Auflage. München 2008. S. 274f.

[6] Vgl. Kiefer, Michael: Islamkunde in deutscher Sprache in Nordrhein-Westfalen. Kontext, Geschichte, Verlauf und Akzeptanz eines Schulversuchs (Islam in der Lebenswelt Europa, Band 2). Münster 2005. S. 35.

[7] Neben den Sunniten und Schiiten gibt es weitere islamische Religionsgemeinschaften. Abgesehen von den beiden oben genannten gibt es noch größere Gruppen von Aleviten und Ahmadiyya in Deutschland. Dies ist insofern von Bedeutung, da auch diese Gruppen einen Anspruch auf Islamischen Religionsunterricht haben und dies zum Teil auch anstreben, wie später noch zu zeigen ist.

Bei der Gemeinschaft der Ahmadiyya handelt es sich um eine innerislamische Bewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts in der indischen Provinz Panğāb entstand. Der Begründer war Mirza Ghulam Ahmad. Dieser betrachtete sich als Erneuerer des Islam, weshalb die Hauptaufgabe der Bewegung sei, den Islam in seiner ursprünglichen Form zu lehren. Innerhalb des Islam war und ist diese Bewegung stark umstritten und wird von vielen Muslimen nicht als zum Islam gehörend anerkannt. Auf die Ahmadiyya Gemeinde in Deutschland wird im Zusammenhang mit der Einführung eines Islamischen Religionsunterrichts in Hessen noch zurückzukommen sein.

Vgl. Friedmann, Yohanan, Art. Ahmadīya, in: Religion in Geschichte und Gegenwart, Band 4. S. 223.

Die Aleviten sind eine islamische Glaubensgemeinschaft, die im 14./15. Jahrhundert in Ostanatolien entstanden ist. Ihren Ursprung hat sie in der mystischen Bruderschaft der Ṣafawîya. Anders als die Ahmadiyya, die als eigenständige Glaubensrichtung neben den Sunniten und Schiiten betrachtet wird, werden die Aleviten oft den Schiiten zugerechnet, da sie mehrere Glaubensinhalte der Schiiten teilen. Im Laufe der Geschichte waren die Aleviten zahlreichen Verfolgungen ausgesetzt und sie kämpfen um eine offizielle Anerkennung vom türkischen Staat als soziale, ethnische und religiöse Gruppe.

Vgl. Bartsch, Patrick, Art. Aleviten, in: Elger, Ralf (Hrsg.): Kleines Islam-Lexikon. S.33f.

[8] Vgl. Kiefer, Michael: Islamkunde in deutscher Sprache in Nordrhein-Westfalen. S. 36.

[9] Vgl. ebd. S. 37.

[10] Hier und im Folgenden ist, wenn von Deutschland gesprochen wird, zu beachten, dass aufgrund der Teilung in der Nachkriegszeit die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik unterschieden werden müssen. In diesem Historischen Abriss ist immer die Bundesrepublik Deutschland gemeint. In späteren Kapiteln wird auch auf die besondere Lage der neuen Bundesländer hingewiesen.

[11] Vgl. Darwisch, Kinan: Islamischer Religionsunterricht in Deutschland. S. 33.

[12] Vgl. Ahrens, Rebecca: Islamischer Religionsunterricht an öffentlichen Schulen als multi-faktorielle Problematik und Chance (Wissenschaftliche Schriften der WWU Münster, Reihe XXV Impulse zur evangelischen Religionspädagogik, Band 5). Münster 2012. S.8.

[13] Vgl. Kiefer, Michael: Islamkunde in deutscher Sprache in Nordrhein-Westfalen. S. 37.

[14] Vgl. Darwisch, Kinan: Islamischer Religionsunterricht in Deutschland. S. 33.

[15] Vgl. Ahrens, Rebecca: Islamischer Religionsunterricht an öffentlichen Schulen als multi-faktorielle Problematik und Chance. S. 8.

[16] Der politisch-soziologische Begriff der Integration taucht im Zusammenhang mit den Themen Zuwanderung, Islam und auch Islamischem Religionsunterricht immer wieder auf. Der Begriff selbst ist schwer zu fassen und kann unterschiedliche Theorien und Vorstellungen beinhalten. In dieser Arbeit wird Integration als Prozess der Eingliederung betrachtet, in dem Personen oder Personengruppen, die sich aufgrund von ethnischer Zugehörigkeit, Sprache, Religion etc. unterscheiden, in die Mehrheitsgesellschaft eingegliedert werden sollen.

Vgl. Schubert, Klaus; Klein, Martina: Das Politiklexikon. Bonn 1997. S. 139.

[17] Vgl. Ahrens, Rebecca: Islamischer Religionsunterricht an öffentlichen Schulen als multi-faktorielle Problematik und Chance. S. 9f.

[18] Vgl. Darwisch, Kinan: Islamischer Religionsunterricht. S. 34.

[19] Vgl. Ahrens, Rebecca: Islamischer Religionsunterricht an öffentlichen Schulen als multi-faktorielle Problematik und Chance. S. 9.

[20] Vgl. Darwisch, Kinan: Islamischer Religionsunterricht in Deutschland. S. 35.

[21] Vgl. ebd. S. 34-39.

[22] In diesem Abschnitt werden die wichtigsten Dach- und Spitzenverbände dargestellt. Es soll darauf hingewiesen werden, dass die Landschaft der muslimischen Organisationen weitaus umfangreicher und vielfältiger ist, als dies hier gezeigt werden kann.

[23] Vgl. Kiefer, Michael: Islamkunde in deutscher Sprache in Nordrhein-Westfalen. S. 43.

[24] Milli Görüş aus dem Türkischen übersetzt bedeutet “nationale religiöse Sicht“.

Vgl. ebd. S. 47.

[25] Vgl. ebd. S. 46.

[26] Vgl. Lemmen, Thomas: Islamische Vereine und Verbände in Deutschland. Bonn 2002. S. 40-47.

[27] Vgl. Darwisch, Kinan: Islamischer Religionsunterricht in Deutschland. S. 43-46.

[28] Der arabische Begriff Imam bedeutet “Vorsteher“ und bezeichnet in erster Linie den Vorbeter in der Moschee. Der Begriff kann aber auch für Personen verwendet werden, die politische und religiöse Macht vereinen. So wird zum Beispiel bei den Sunniten neben dem Begriff des Kalifen auch der Begriff Imam verwendet, um das Oberhaupt der islamischen Gemeinschaft (Umma) zu bezeichnen.

Vgl. Elger, Ralf, Art. Imam, in: Elger, Ralf (Hrsg.): Kleines Islam-Lexikon. S. 135.

[29] Vgl. Darwisch, Kinan: Islamischer Religionsunterricht in Deutschland. S. 43.

[30] Vgl. Kiefer, Michael: Islamkunde in deutscher Sprache in Nordrhein-Westfalen. S. 44.

[31] Vgl. Lemmen, Thomas: Islamische Vereine und Verbände in Deutschland. S. 37.

[32] Vgl. ebd. S. 36.

[33] Vgl. ebd. S. 36f.

[34] Vgl. ebd. S. 38-40.

[35] Vgl. Darwisch, Kinan: Islamischer Religionsunterricht in Deutschland. S. 54.

[36] http://koordinationsrat.de/detail2.php?id=16&lang=de (abgerufen am 14.08.2013).

[37] Vgl. Darwisch, Kinan: Islamischer Religionsunterricht in Deutschland. S. 46f.

[38] Vgl. Lemmen, Thomas: Islamische Vereine und Verbände in Deutschland. S. 51.

Details

Seiten
54
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656592792
ISBN (Buch)
9783656592761
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263998
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für evangelische Theologie
Note
1,1
Schlagworte
islamischer religionsunterricht nordrhein-westfalen hessen niedersachsen darstellung beurteilung bedeutung konfessionalität

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Titel: Islamischer Religionsunterricht (IRU) in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Niedersachsen