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Die Sprache der Dichter und Denker 2.0: Ursachen und Auswirkungen der Chatsprache auf die Jugendsprache

Sprachwandel oder Sprachverfall? Eine empirische Untersuchung

Facharbeit (Schule) 2012 56 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1Einleitung

2Klassifikation Kommunikationsform Chat
2.1 Instant Messenger
2.2 Webchats
2.3 Soziale Plattformen
2.4 Geschäftlich/Privat

3Merkmale der Chatsprache
3.1 Netzjargon.
Graphische Ebene
Stilistische Ebene
Umgangssprache
3.2 Zwischenfazit

4Auswirkungen auf Verbalisierung/Verschriftlichung
4.1 Definition Sprachverfall
4.2 Definition Sprachwandel
4.3 Pro
4.4 Contra

5Fazit/Zukunftsausblick

6Quellenverzeichnis
6.1 Literaturverzeichnis
6.2 Internetquellen

7Anhang
7.1 Umfrageergebnisse
1. Bereich : Statistik zur Nutzung Chat und Medien.
2. Bereich: Auswirkung und Merkmale des Chat
3. Bereich: Meinung über Sprachwandel/Verfall
7.2 Exemplarischer Chatverlauf:
7.3 Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

„Unser Schreibwerkzeug arbeitet mit an unseren Gedanken!“

(Nietzsche 1882)

„Siehst du das L und das O?“, fragte Charley Kline. Von der anderen Seite des Hörers kam ein begeistertes: „Ja, es ist angekommen!“. Obwohl das vollständige Wort „login“ nicht ankam, war durch dieses erfolgreiche Projekt von Studenten der „UCLA[1] “, der Grundstein für computervermittelte Nachrichten über das Internet gelegt[2]. Nach etwa 40 Jahren brechen die Chatter zwar nicht in Freude aus, wenn der leise Ton das Ankommen einer Nachricht auf Facebook ankündigt, dennoch scheint der Chat mittlerweile ein wichtiger Bestandteil der jugendlichen Kommunikation zu sein. Vergleicht man den Sprachgebrauch beim Chatten mit der einer Klausur, fallen signifikante Unterschiede auf. Auch im mündlichen Gebrauch vermehren sich Ausdrucksweisen, die sonst nur auf dem Bildschirm zu sehen sind. Als Schüler eines Deutsch Leistungskurs sollten da doch die Alarmglocken schrillen, angesichts der falschen Satzkonstruktionen, Rechtsschreibfehler und der ganzen anderen Fehler. Wie kann die Chatsprache charakterisiert werden und woher stammt sie überhaupt? In Anbetracht Nietzsches Aussage sollte das populäre Jugendphänomen die Gedanken verändern. Hat dieser Wandel der Sprache positive oder negative Konsequenzen auf das Sprachverhalten der Jugendlichen?

Im der Rahmen der Arbeit habe ich eine empirische Erhebung geplant, durchgeführt und ausgewertet, anhand von nicht repräsentativen Umfrageergebnissen mit etwa 100 bis 150 Teilnehmer (abhängig von der Frage) um Statistiken auf den Realitätsbezug in meinem Freundeskreis zu untersuchen und anhand der Betrachtung einer miterlebte Chat-Konversation. Die Befragten sind größtenteils Jugendliche im Alter von 15 bis 20 Jahren[3] und eine Gruppe im sozialen Netzwerk „Facebook“ diente als Umfragemedium. Die Ergebnisse von dieser Forschungsarbeit und einer ausgiebigen Recherche in Fachliteratur und Internet werden im Folgenden aspektorientiert präsentiert.

2 Klassifikation Kommunikationsform Chat

Durch das neue und beliebte[4] Medium Internet ist eine neue Kommunikationsform entstanden: der Chat[5]. Heutzutage wird zwischen drei verschiedenen Methoden unterschieden, die eine virtuelle Kommunikation ermöglichen. Diese laufen alle synchron ab[6], was bedeutet, dass die Nachrichten in Echtzeit übermittelt werden. Somit entsteht eine künstliche Konversation zwischen den Chat-Partnern.

2.1 Instant Messenger

Der sogenannte „Instant-Messenger“ (kurz IM) ist eine Kommunikationsmethode, zwischen meist zwei Kommunikationspartner (one-to-one)[7], die sich, mithilfe einer Software[8] auf dem Handy oder dem Computer, per Kurznachrichten, unterhalten.[9] Die gängigsten IMs sind „ICQ“[10] und „Windows Live Messenger“[11], jedoch haben diese mittlerweile an Bedeutung verloren[12]. Des Weiteren sind Programme auf dem Handy wie „Whats App[13] “ zu einer ernst zu nehmenden Konkurrenz für die herkömmliche „SMS“ herangewachsen.

2.2 Webchats

Zum anderen nutzen viele „Internetuser“[14] die integrierte Chat-Funktion einer Internetplattform oder eines Forums. Von klassischem „Text-Chat“ bis hin zur 3D-Animation mit virtuellen Charakteren, dem Webchat sind fast keine Grenzen gesetzt[15]. In den meisten Fällen chatten mehrere Menschen simultan (Many-to-Many)[16], die sich fremd sind und mit ausgefallenen Pseudonymen im Netz kommunizieren[17]. Die Anonymität und optional wählbare Themengebiete (On-Topic)[18], sind die Vorteile des Webchats. Jedoch ist der Webchat nicht so attraktiv oder die restlichen Nutzer wollen weiterhin anonym bleiben, da nur eine befragte Person diese Chatform nutzt[19].

2.3 Soziale Plattformen

Zuletzt beinhalten die beliebten sozialen Netzwerke wie „Facebook“ oder „SchülerVZ“, eine Chat Funktion, wobei die Besitzer eines Profils, mit ihren „Freunden“ plaudern können[20]. Die zunehmend populäre Methode der Kommunikation begeistert hauptsächlich die jüngere Generation. Rund fast 18 Millionen deutsche Facebook-Nutzer sind 14 bis 29 Jährige machen einen 96 prozentigen Anteil der „Online-Community“[21] aus.[22]

2.4 Geschäftlich/Privat

Mittlerweile gewinnt die Internetnutzung, sowohl für Privatpersonen, als auch für Unternehmen, an Bedeutung und Akzeptanz. Die rund 46 Millionen deutschen Internetnutzer verbringen etwa 60 Prozent der Zeit zur Online-Kommunikation[23]. Auffällig ist vor allem, dass „[b]esonders junge Menschen im Alter von 16 bis 24 Jahren [...] Chats und Foren (72,1 Prozent)“[24] zum Austausch von Informationen nutzen. Ähnliche Beobachtungen ließen sich an den Befragten meiner Umfrage machen: 66 Prozent gaben an, dass sie das Internet vorwiegend für die Kommunikation nutzen[25] in einer Durchschnittsnutzungsdauer von circa zwei Stunden und 40 Minuten am Tag[26]. Das Medium Internet kann folglich als eine „unentbehrliche Komponente“[27] der modernen Kommunikation angesehen werden[28] und so wie in einer verbalen Konversation wird der Partner bequem „angesprochen“. Während die kommerziellen Nutzer das Internet vorwiegend für das Geschäft nutzen und sich auch entsprechend ausdrücken, nämlich mit formaler Sprache, sind die Privatpersonen an keinerlei Verpflichtungen oder Regelungen, im Hinblick auf die Sprachrichtigkeit, gebunden. Die klassische E-Mail, steht dem freien Chatten gegenüber, das anhand kreativer und vielfältiger „Chatsprache“ zu erkennen ist.[29]

Im Folgenden wird auf die Thematik des privaten Chatten der Jugendlichen eingegangen, das laut Einschätzung der Befragten einen hohen Stellenwert in der Kommunikation einnimmt[30].

3 Merkmale der Chatsprache

3.1 Netzjargon

Was Eltern als virtuellen Kauderwelsch beschreiben, ist für die meisten Jugendlichen eine längst habituierte Sprache. Von graphischen Zeichen, Nummern, Anglizismen bis hin Kürzeln, im „Netzjargon“ stößt man auf die innovativsten Neologismen, die für den Chat-Laien meist fremd sind. Im Folgenden werden die „Geheimnisse“ der Chat-Sprache aufgelöst indem die Ursachen, Wirkungen und mögliche Fehler untersucht werden.

Graphische Ebene

Emoticons

Die „Emoticons“ sind bildhafte, kleine Piktogramme[31], die sich aus den verschiedensten Satzzeichen zusammensetzen. Das neologistische Wort besteht aus „Emotion“[32] und „Icons“[33]. Somit ist auch die Funktion geklärt, denn durch die bildhaften „Smileys“ wird der Gemütszustand einer Person oder ein ironischer Unterton beschrieben und dadurch die fehlende Mimik oder Gestik kompensiert. Folglich ersetzen sie die nonverbale Kommunikation (Face-to-Face)[34], die im Chat nicht möglich ist und minimieren die Anzahl an Missverständnissen, da die Einschätzung fremder Emotionen im Chat, als schwer empfunden wird.

Anders ist es bei den herkömmlichen Medien wie Briefe, Telefonate oder das verbale Gespräch, wo die Kommunikationsqualität höher ist[35]. Neben den funktionalen Smileys, wie :-) oder :D[36], die allgemein ein hohen Wiedererkennungswert haben[37] gibt es expressive[38] und ironische Smileys[39].

Das einstimmige Ergebnis der Umfrage verdeutlicht zudem, dass zwar alle diese Smileys nutzen[40], jedoch hängt es von dem Chatpartner ab, ob er Ironie oder Gefühlslage richtig einschätzen kann[41].

Leetspeak

Etwas banaler erscheint der „Leetspeak“, bei dem Buchstaben durch ähnliche Sonderzeichen oder Zahlen ersetzt werden.[42] Mittlerweile ist daraus ein ganzes Alphabet[43] entstanden. Dabei wird L durch 1 ersetzt wird, die 3 ist ein umgekehrtes E und das T stellt mit etwas Fantasie eine 7 dar. In dieser Weise entsteht das Wort 1337-5P34K (Leetspeak). Das „Leet“ stammt aus dem Englischen und steht für „Elite“, während „Speek“, „sprechen“ bedeutet. Folglich dient diese Sprache primär der Ästhetik, der künstlerischen Entfaltung, einer gemeinsamen Identifikation und Individualisierung durch „geheime Codes“. Kurios ist zudem auch die Spracheinstellung „Leetspeak“, auf Facebook, die anscheinend eine eher kleinere Fangemeinde besitzt[44].

Stilistische Ebene

Akronyme

Familiärer sollten „LOL“[45] (laughing out loud[46] ), „CU“[47] (see you[48] ) oder „kP“[49] (kein Plan) sein. Sie werden als Akronyme bezeichnet und haben sich bei einigen sogar im verbalen Vokabular verankert[50]. Im Allgemeinen sind sie geraffte Wörter, wobei das „Kunstwort“ aus den Anfangsbuchstaben der zusammengefassten Wörter besteht, quasi wie bei den Abkürzungen ADAC oder BMW.[51] Dabei können sie einen ganzen Satz zusammenfassen, wie bei „hdgdl“ (Hab dich ganz doll lieb), oder zur Verschriftlichung der Emotionen dienen: „Lol“ stellt beispielsweise das virtuelle Lachen dar. Ursprünglich hatten die Akronyme einen ökonomischen Gedanken, denn zu Beginn waren zeitliche Nutzung des Internet und die Größe einer SMS stark begrenzt, sodass sich die Chatter, durch möglichst effiziente und zeitsparende Ausdrücke geholfen hat.[52] Aufgrund der Internat-Flat[53] oder den Smartphones, ist diese Einschränkung nicht mehr gegeben und die Akronyme werden primär aufgrund der Gewohnheit und des Komfort genutzt und immerhin 60 Prozent der Befragten machen Gebrauch von den Abkürzungen[54].

Inflektive

Das Inflektiv ist die Reduktion auf die unflektierte Form, also der Stamm, eines Verbs[55], das durch Auslassen von Infinitivendungen wie –en oder –n entsteht. So entstehen Wörter wie „*grins*[56] beziehungsweise *gg*[57], *ma rüber wink*[58], *hust*[59] “, die zum einen die Gefühlslage, eine Tätigkeit, oder beides (*baseballschlägerzück*[60] ) beschreiben.[61] Angekündigt werden diese häufig durch die Sternchen, da sie der Betonung dienen und eine Signalfunktion einnehmen. Ursprung der Inflekitve liegt einer historische Entwicklung zugrunde: Durch die ersten Comics kamen Lautwörter (Onomatopoetica) in Mode, um den „Stummfilm“ mit Geräuschen und akustischen Phänomenen auszustatten[62]. So dient auch dieses sprachliche Mittel zur Verdeutlichung der Intentionen auf emotionaler und der Handlungsebene und die textgebundene Äußerung wird bewertet und kommentiert. Außerdem bringt diese Ausdrucksmöglichkeit Schwung in eine Konversation, sodass sie nicht immer nach demselben Muster verlaufen und langweilig werden[63]. Dennoch nutzen nur neun Prozent der Befragten diese Form von der Chatsprache.[64] Ein möglicher Grund ist Umständlichkeit, sodass Emoticons effizientere und schnellere Alternativen sind.

Lautdehnungen/Interjektion

Ähnliche Funktionen haben die Stilmittel der Lautdehnung und Interjektion.[65] Durch Repetition des selben Vokals wird ein Wort auf unterschiedliche Art betont, zum Beispiel auf Ironie, Überlegen, Hyperbel oder Freude („büüddeeee“[66], „selbaaa“[67],„öööööhm“)[68].

Die Lautdehnungen können mit Interjektionen variiert werden, sodass sie den melodischen Naturlaut eines Ausrufs nachahmen[69]. („AAAARRRRRRGH!!!!!!“[70], „Hahahah!“[71] ). Dementsprechend haben diese Wortgattungen, wie das stilistische Mittel der Lautmalerei, die Funktion, die paraverbale, also die Art und Weise des Sprechens (Tonfall Sprechverhalten, Artikulation, Lautstärke, Sprechtempo usw.) und verbale Kommunikation zu ersetzen[72]. Anhand des eindeutigen Ergebnisses von 97 prozentiger Bejahung der Befragten ist diese Annahme gerechtfertigt.

Umgangssprache

Laut einer Studie[73] unterhalten sich die Jugendliche lieber über das Chatten, als sich zu verabreden. Dementsprechend ist das Netzjargon, neben den stilistischen Mittel, durch die jugendliche Umgangssprache, Anglizismen[74], Fehler in der Grammatik und Rechtsschreibung, umgangssprachliche Begriffe und fehlende Satzzeichen geprägt.

Einfluss von der Jugendsprache

Der Chat wird bei allen Befragten durch den umgangssprachlichen und mündlichen Duktus beeinflusst[75] und so wie in der Jugendsprache, lassen sich im Chat immer wieder Begriffe identifizieren, die modifiziert, kombiniert und verkürzt sind. Bereits, werden vorhandene Wörter werden zu „tschau“ oder „hartzen“ (Jugendwort 2009) umgeschrieben und andere Jugendwörter, wie „knuddeln, ey[76], swag, Fresse“[77], sind Bestandteil Chat-Vokabulars.

Ursachen und Inspiration hat die Jugendsprache in den Bereichen der Musik, Internet und dem sozialem und ethnischem Hintergrund. Diese Szene-Wörter erzeugen eine Sinnveränderung oder Neukreation und dienen den Jugendlichen zur Identifizierung, Abgrenzung, emotionaler Expression oder auch als Spaßfaktor[78]. Während des Chatten wird also der Sprachhabitus der Jugendlichen angewandt.

Rechtschreibung

Zum klassischen Fehlerrepertoire gehört die Großschreibung[79], auf die weitgehend verzichtet wird[80]. Während Journalisten, bei denen die Sprachrichtigkeit eine Selbstverständlichkeit ist, sich vollkommen auf das Schreiben konzentrieren, tippen „Chatter“ unter anderen Verhältnissen. Neben anderen Aktivitäten, wechseln „Chatter“ etwa 13 Mal zwischen Lesen und Schreiben[81]. Wenn nun mehrere Konversationen geführt werden, multipliziert sich diese Zahl und es entsteht eine Stresssituation, sodass sich der Flüchtigkeit und Druck auf die Sorgfalt der Nachricht bemerkbar macht. Da sich der Text auch ohne die Klassifizierung zwischen Groß- und Kleinschreibung „flüssig“ lesen lässt, ist sie vielen Internetnutzern „schnuppe“[82].

Häufig wird das Ende eines Wortes ausgelassen oder auf ein Minimum reduziert, ähnlich wie bei den Akronymen, sodass beispielsweise aus „aber“, „aba[83] “, „mal“,„ma“, aus „bisschen“,„bissl[84] “ und aus „haben“,„habn“[85] wird. Auffallend ist hierbei auch, dass der phonetische Klang eines Wortes, direkt verschriftlicht wird.[86] Erfreulich ist die Angabe von etwa der Hälfte der Befragten, die Rechtsschreibung auch im Chat einzuhalten versuchen[87].

Grammatik

Bei vielen Chat-Konversationen fallen zudem auch die elliptischen Sätze[88] auf, die durch Auslassung von Verben, Artikeln und Präpositionen hervorgerufen werden. Doch der Gebrauch des missgebildeten Syntax kann leicht zu Missverständnissen und Irritation zwischen den „Chat-Partner“ führen. Anstatt „Sorry, ich bin eben nicht da, ich gehe in die Küche um Kaffee machen“, lautet es: „Sorry bin ebend nicht da, geh Küche um Kaffee zu machen[89] “. Die Vernachlässigung von Personalpronomina, Präposition und dem finalen Konjunktiv führt nicht zu einer besseren Verständigung, sondern bewirkt das Negative. So könnte der Satz, als ein Imperativ aufgenommen werden und hätte somit die Aufforderung impliziert, dass die Angesprochenen in die Küche gehen sollen um Kaffee zu machen. Diese Annahme wird durch das Ergebnis der Umfrage bestätigt: 83 Prozent der Befragten sehen in ihrer Chatsprache ein primitiveren Sprachgebrauch[90].

Ähnlich wie bei der Großschreibung, wird die Interpunktion[91] häufig ausgelassen. Aus denselben Gründen verschwinden die Kommas, Punkte und andere Satzzeichen von dem Display und mit der ansteigenden „Sterberate“ der Interpunktion, steigt entsprechend die Gefahr von Missverständnissen, die letztendlich sogar „tödlich“ enden kann, wenn behauptet wird: „Wir essen jetzt Opa“.

Tatsächlich gibt es noch eine ganze Reihe weiterer sprachlicher Fehler, wie falsche Deklination, Unterscheidung von „dass“ und „das“[92], „seit“ und „seid“[93], oder der Verzicht vom Bindestrich[94] [95]. Dennoch sind die Ursachen der Fehler nicht den Chatten anzuheften, sondern der mangelnder Sprachkenntnisse oder dem fehlerhaften deutschen Bildungssystem. Jeder „dritte [Germanistikstudent in Bayern] schloss den Grammatik-Test mit "mangelhaft" oder "ungenügend" ab.“[96], was zu der Annahme führt, dass viele Deutsche die Grammatik, als nicht so wichtig erachten, was sich jedoch mit dem Alter verflüchtigen soll, da die Sprachregeln ab dem 20. Lebensjahr angeblich besser eingehalten werden[97].

Des Weiteren entsteht aus zwei Begriffen ein neuer Ausdruck, aus „so ein“ entsteht „son“[98], aus „eine“ wird „ne“[99]. Der indefinierte Artikel wird also aus Zeitgründen verkürzt.[100] Dennoch soll auch die Schattenseite erwähnt werden: Eine Verschriftlichung von Fehlern und ständige Repetition könnte das Risiko bestehen, dass diese Fehler dauerhaft aneignet werden.

Tippfehler

Tippfehler, wobei Buchstaben in falscher Reihenfolge stehen, sind nicht Produkte mangelnder Übung in der Orthographie, sondern lediglich Missbildungen, die dem Zeitdruck zu verschulden sind.[101] Da die Tasten des „Keyboards“[102] recht nah aneinander liegen, die Tippfrequenz beim Chatten generell hoch ist und der „Chatter“ nebenbei noch andere Aktivitäten verrichtet, wird die Aufmerksamkeit des „Chatters“ beeinträchtigt, sodass Flüchtigkeitsfehler entstehen. Da jedoch der Informationsgehalt, einer Konversation, die übergeordnete Rolle einnimmt, sind diese Fehler nicht weiter von Bedeutung[103] und jeder kann sich vorstellen was mit dem rätselhaften Wörtern „zuürck[104] und strekct[105] “ zu gemeint ist.

3.2 Zwischenfazit

Als Gesamtergebnis kann also festgehalten werden, dass die lockere und „flapsige“[106] Chatsprache durch verschiedene Faktoren entstanden ist. Zum einen fließt die Umgangssprache mit ein und zum anderen entstehen durch die fehlenden zwischenmenschlichen Kommunikationsmittel, Zeitdruck, Synchronität und Einflüsse aus anderen Ländern eine pragmatische, lexikalisierte[107], gruppenspezifische und habituirte Sondersprache, die das Spektrum der textgebundenen Informationsübermittlung erweitert.

Diese Sondersprache ist ganz individuelle Sprache, bedient sich verschiedenster stilistischer Mittel und sprachlicher Merkmale und wird unterschiedlich stark genutzt. Der gemeinsame Nenner der Chatter ist dennoch die hohe Priorität der inhaltlichen Verständlichkeit, die über der Einhaltung orthographischen Normen steht.[108] Die „Würze liegt also in der Kürze“ und ein Chatter, der sich an alle Regeln der Sprache hält und sich elaboriert formuliert, passt nicht in die Chatgemeinschaft.

An dieser Stelle soll wieder an die Fragestellung referiert werde, denn Jugendwörter wie „lol“[109] und „chillen“[110] wurden mittlerweile im Duden aufgenommen und die Präsenz der Umgangssprache ist nicht zu ignorieren. Manche Experten sprechen sogar vom „Tod“ der deutschen Sprache und somit eines Kulturguts und diese Entwicklung sei äußerst kritisch[111]. Verstärkt die herabgestufte Formalität in der Chatsprache den Sprachverfall, oder stimuliert sie möglicherweise den Sprachgebrauch? Sind die Jugendlichen noch fähig zwischen dem Chatregister und Fachregister, beispielsweise in der Schule, ohne Probleme zu wechseln?[112]. Im zweiten Teil der Facharbeit werden diese Fragestellungen erörtert.

4 Auswirkungen auf Verbalisierung/Verschriftlichung

4.1 Definition Sprachverfall

Der Topos des Sprachverfalls stammt aus der Sprachkritik und beschreibt die Befürchtung von „Sprachpfleger“, dass die deutsche Sprache, durch verschiedene Faktoren, im Laufe der Zeit, einen Verlust ihrer ursprünglichen, normgerechten und erhaltenswertem Eigenschaften erleidet, das sich beispielsweise durch Lehnwörter, Primitivität der Orthografie, Grammatik und Satzbau, Verlust in der Wörtervielfalt und sonstige Regelabweichungen bemerkbar macht[113]. Dabei sind sich die Kritiker uneinig welche Ursachen und inwiefern sie den Sprachverfall begünstigen, jedoch werden oft die neuen Medien[114] und mangelnde Leidenschaft[115] für die deutsche Sprache angeprangert. In einem Punkt sind sich die „Sprachpessimisten“ schon über fast 2000 Jahre einig[116] : Die zeitgenössische Sprache hat das Optimum und Maximum an Korrektheit und Schönheit erreicht und jede Veränderung wird als eine Gefahr für das Kulturgut empfunden[117].

[...]


[1] University of California, Los Angeles

[2] Vgl. Points Stuttgart, „Geschichte des Internet“

[3] 1.Bereich, 4.Diagramm

[4] 1.Bereich, 11. Diagramm

[5] engl. „(to) chat“ – „plaudern“

[6] Vgl. Thaler (2003), S.79f.

[7] Hess-Lüttich (2003), S.164f.

[8] engl. „Software“ – „ausführbares Computerprogramm“

[9] Vgl. Strätz (2011), S.57

[10] phonetisch engl. „I seek you“ – „Ich suche dich“

[11] Vgl. „Instant Messenger Vergleich“

[12] 1.Bereich, Diagramm 2

[13] SMS-Versand durch Internetverbindung

[14] engl. „user” – „Nutzer“

[15] Vgl. Webchat

[16] Hess-Lüttich (2003), S.164

[17] Vgl. Ziegler (2004), S.109-123

[18] Bahl (2005), S.6

[19] 1.Bereich, 2.Diagramm

[20] Vgl. „Soziale Netzwerke, Chaträume und Instant Messenger“

[21] engl. „Online-Community” – „Netzgemeinschaft“

[22] Vgl. Socha (2010) „Social Media: Statistiken & Daten zu Nutzerzahlen [+ Infografiken]“

[23] Vgl. Rager; Sehl (2008)„Chats, Videos und Communities“

[24] Braekling (¹2007), S.4

[25] 1.Bereich, 7.Diagramm

[26] 1.Bereich, 10.Diagramm

[27] „Immer mehr Onlinezeit im sozialen Netzwerk“

[28] Vgl. „Soziale Plattformen, SchülerVZ, MySpace, Wer kennt wen, sind für Jugendliche Treffpunkte“

[29] Marterer (¹2006), S.264-267

[30] 2.Bereich, 4.Diagramm

[31] Vgl. Antosch (2008), S.10-12

[32] engl. „emotions“ – „Gefühle“

[33] engl. „icon“ – „Symbol “

[34] Materer (¹2006), S.12-1 26 Vgl. Hartig (1999), S.4f.

[36] Chat-log, Z.1;9;20;27;119;138;167;181

[37] Vgl. Fritsch (2007), S.10f.

[38] Chat-log, Z. 81

[39] Chat-log, Z. 84;133;197

[40] 1.Bereich, 13.Diagramm

[41] 1.Bereich, 9.Diagramm

[42] Vgl. Strätz (2011), S.148

[43] Vgl. „l33t speak - Leetspeak, das Elite-Alphabet“

[44] 1.Bereich, 12.Diagramm

[45] Chat-log, Z. 221;227

[46] engl. „laughin out loud“ – „laut auflachen“

[47] Chat-log, Z. 232

[48] engl. „see you“ – „man sieht sich“

[49] Chat-log, Z. 33

[50] 2.Bereich, 2.Diagramm 3 Vgl. Fix (2001), S.58

[52] Vgl. Hensel (2008) „Merkmale der Sprache in den neuen Medien und Veränderung der Sprache durch die neuen Medien“

[53] unlimitierter Zugriff auf das Internet

[54] 1.Bereich, 8.Diagramm

[55] Vgl. Duden <http://www.duden.de/suchen/sprachwissen/Inflektive>

[56] Chat-log, Z.149

[57] Chat-log, Z. 154;162

[58] Chat-log, Z.138

[59] Chat-log, Z.166

[60] Chat-log, Z.177

[61] Vgl. Teplan (2003), S.53-59

[62] Vgl. Siever (2002) „Der Ursprung von Inflektiven“

[63] Chat-log, Z.171-179

[64] 1.Bereich, 6.Diagramm 3 Vgl. Strätz (2011), S.132-134

[66] Chat-log, Z.7

[67] Chat-log, Z.83

[68] Vgl. Fritsch (2007), S.15

[69] Vgl. Bader (2002), S.81

[70] Chat-log, Z.184

[71] Chat-log, Z.185

[72] Vgl. Fritsch (2007), S.17

[73] Vgl. (2009) „Jugendliche chatten lieber, als sich zu treffen“

[74] Vgl. Bader (2002), S.83-85

[75] 2.Bereich, 6.Diagramm

[76] Chat-log, Z.39

[77] Hehl (2006) „Das Megakrasse Lexikon“

[78] Vgl. (2011) <http://www.detlev-mahnert.de/Jugendsprache.html>

[79] Vgl. Bommes (2002), S.12

[80] 2.Bereich, 9.Diagramm

[81] Vgl. Leszczynski (2009) „Chat-Sprache im Visier der Wissenschaft“

[82] (2010) „Groß- und Kleinschreibung im Internet“

[83] Chat-log, Z.208;213

[84] Chat-log, Z.150

[85] Chat-log, Z.13

[86] Vgl. Burri (2003) „Spontanschreibung im Chat

[87] 2.Bereich, 8.Diagramm

[88] Chat-log, Z.37;157;137;13

[89] Chat-log, Z.82f.

[90] 2.Bereich, 7.Diagramm

[91] Vgl. Renkert (2008), S.10

[92] Chat-log, Z.216;223

[93] Chat-log, Z.202

[94] Vgl. Bölsche (2002) „Der Mutter Zunge“

[95] Vgl. Stapelberg (2008) „Häufige Rechtschreibfehler“

[96] (2007) „Das Studium ist dem Genitiv sein Tod“

[97] 2. Bereich, 3.Diagramm

[98] Chat-log, Z.224

[99] Chat-log, Z.73

[100] Vgl. Burri (2003) „Spontanschreibung im Chat“

[101] Vgl. Beißwenger (2000), S. 71-76

[102] engl. „Keyboard” – „Tastatur“

[103] Vgl. Storrer (2000), S.14

[104] Chat-log, Z.95

[105] Chat-log, Z.176

[106] Mähner (2012), „Cyberslang und Kauder-Websch - Wie neue Medien die Sprache verändern - IQ - Wissenschaft und Forschung - Bayern 2“

[107] computerspezifische Fachbegriffe

[108] Storrer (2010), S. 2

[109] Vgl. Duden <http://www.duden.de/suchen/dudenonline/lol>

[110] Vgl. Duden <http://www.duden.de/suchen/dudenonline/chillen>

[111] Vgl. Schreiber (2006) „Deutsch for sale“

[112] Vgl. Twiehaus (2012) „Lass ma' lesen, yallah!“

[113] Vgl. Keller (1999), S.4

[114] Vgl. Weigel (1974), S.1ff.

[115] Vgl. Wustmann (1891), S. 30f.

[116] Vgl. Keller (1999), S,3

[117] Vgl. Matthias Heine (2009) „Unsere Sprache wächst, blüht und gedeiht“

Details

Seiten
56
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656532583
ISBN (Buch)
9783656533399
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263976
Note
1.0
Schlagworte
sprache dichter denker ursachen auswirkungen chatsprache jugendsprache sprachwandel sprachverfall eine untersuchung

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