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Die Rezeption der Armenischen Frage in Deutschland von 1894-1921

Masterarbeit 2012 93 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Deutsche Weltmachtpolitik und die Armenische Frage
2.1 Das Aufkommen der Armenischen Frage im 19. Jahrhundert
2.2 Erster verhaltener Protest: Reaktionen auf die hamidischen Massaker
2.3 Die Orientreise Kaiser Wilhelms II. 1898

3 Von Reformen, Revolutionen und Kriegen. Der Weg zur deutsch-türkischen Waffenbrüderschaft
3.1 Jungtürkische Revolution 1908/1909
3.2 Deutsch-türkische Beziehungen im Vorfeld des Ersten Weltkriegs
3.3 Die Sicht auf die Armenische Frage in unmittelbarer Vorkriegszeit
3.4 Der armenische Reformplan 1913/1914 und deutsch-türkische Waffenbrüderschaft

4 Der Völkermord an den Armeniern 1915 bis 1917 und die Rolle des Deutschen Reiches
4.1 Historischer Abriss zum Hergang des Völkermordes
4.2 Die Rolle des Militärs
4.3 Der Einfluss der deutschen Zivilbevölkerung auf die Politik
4.4 Die Botschaft in Konstantinopel
4.5 Die Haltung der politischen Führung in Berlin
4.6 Zwischenfazit

5 „Die Zeit zu reden ist gekommen.“ Nachkriegsdebatten um die Armenische Frage
5.1 Erste Friedensabkommen, Ende der Waffenbrüderschaft und erneute Vernichtungsgefahr
5.2 Die Dokumentation Lepsius‘ als Wegbegleiter der Armenischen Frage vom Kriegsende bis zum Vertrag von Sèvres
5.3 Die Kriegsverbrecherprozesse in Istanbul, politisches Asyl für gestürzte Machthaber und der Vertrag v Sèvres
5.4 Der ‚Prozess Talaat Pascha‘ als letzter Höhepunkt der Rezeption der Armenischen Frage
5.4.1 Reaktionen der Befürworter des Freispruchs
5.4.2 Reaktionen der Kritiker des Freispruchs

6 Schlussbetrachtung

7 Quellenverzeichnis

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der französische Senat hat Mitte Januar 2012 ein Gesetz verabschiedet, welches die Leugnung des Völkermords an den Armeniern[1] im Ersten Weltkrieg unter Strafe stellt. Der darauf folgende Protest des türkischen Premiers Erdogan und der Abzug des türkischen Botschafters aus Paris zeigt, dass die Leugnung beziehungsweise die Verwendung des politischen Begriffs ‚Genozid‘ hinsichtlich der ‚armenischen Tragödie‘[2] die Gemüter stark erhitzt und auf internationaler Bühne zumindest für Irritationen, wenn nicht gar zu diplomatischen Krisen führt. Kurz darauf wurde das Gesetz zur Bestrafung von Völkermordleugnung vom französischen Verfassungsrat wegen Bedenken bezüglich der Meinungsfreiheit für ungültig erklärt.[3] Demgegenüber scheint in Deutschland solch eine Diskussion um den Völkermord an den Armeniern nicht in Gang zu kommen. Die deutsche Bundesregierung wehrt sich bis zum heutigen Tage erfolgreich, die Politik des jungtürkischen Regimes gegenüber dem armenischen Volk im Ersten Weltkrieg angemessen zu benennen und zu beurteilen. Die eingangs beschriebenen Vorgänge in Frankreich lassen daher stark vermuten, dass die derzeitige Regierungskoalition ihre Worte in den diplomatischen Beziehungen mit der Türkei zukünftig noch vorsichtiger wählen wird. Es zeigt sich auch deutlich, dass der Streit um die Begrifflichkeit ‚Genozid‘ eine sachliche Behandlung dieses Themas enorm erschwert.

Gleichwohl gelangt die sogenannte ‚Armenische Frage‘[4] immer häufiger in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses. Während sich die wissenschaftlichen Kreise in Europa und der USA weitgehend darüber einig sind, dass es sich bei den Ereignissen im Ersten Weltkrieg bezüglich der armenischen Bevölkerung um ‚Genozid‘ handelte, zweifelt dies die türkische Regierung bis heute an. Diese spricht eher von bürgerkriegsähnlichen Zuständen, während denen sich die Opferzahlen auf muslimisch-türkischer und armenischer Seite etwa die Waage hielten. Von einem Versuch, die armenische Bevölkerung zu vernichten, distanziert sie sich vehement. Darin dürfte auch ein wichtiger Grund für die deutsche Diplomatie liegen, weshalb sie sich nicht dazu durchringen kann, die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Fakten anzuerkennen und die ‚armenische Tragödie‘ als Genozid zu beziffern.

Die Diskussion um eine Klassifizierung als Völkermord existiert in Deutschland schon seit Jahren. In jüngster Vergangenheit häuften sich im Deutschen Bundestag Diskussionsanträge um eine klare Positionierung hinsichtlich der offiziellen deutschen Wortwahl. Seit 2005 wurden schon mehrere Anfragen an den Bundestag gestellt, wie sich Deutschland als ehemaliger Verbündeter des jungtürkischen Regimes im Ersten Weltkrieg zu den damaligen Vorgängen stellen solle. Darin wurde immer wieder darauf verwiesen, welch großes Leid über die armenische Bevölkerung gekommen sei und dass sich Deutschland seiner historischen Verantwortung nicht entziehen wolle. Daher werde erstrebt, Historikerkommissionen zu bilden, in denen armenische, türkische, deutsche und internationale Wissenschaftler daran arbeiten sollten, die Geschichte der armenischen Verfolgungen und Deportationen aufzuarbeiten. Zu diesem Zweck existiert seit dem Frühjahr 2011 ein Forschungszentrum in Potsdam, das sich explizit mit der Armenischen Frage beschäftigt und einen Beitrag leisten soll „zur Verbesserung der Beziehungen zwischen dem armenischen, dem deutschen und dem türkischen Volk.“[5] . Das Forschungszentrum befindet sich im ehemaligen Wohnhaus des bekanntesten Philarmeniers seiner Zeit, dem evangelischen Theologe und Missionar Johannes Lepsius (1858-1926), der sich unentwegt für eine umfassende Solidarisierung mit den Armeniern politisch wie gesellschaftlich einsetzte.[6]

Die Armenische Frage war stellte sich seit Mitte des 19. Jahrhundert immer dringlicher und betraf im Deutschen Reich nicht nur missionarische Kreise, die in den armenisch bewohnten Gebieten seit der Mitte des vorvergangenen Jahrhunderts in Anatolien engagiert waren. Neben wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Engagements ist hier vor allem das Militär zu nennen, das ihre Aktivitäten bis zum Ersten Weltkrieg kontinuierlich erweiterte und während des Weltkrieges eine bedeutende Stellung innerhalb des türkischen Militärs innehatte. Aus diesen vielfältigen Engagements resultierte folgerichtig ein weit ausgebreitetes diplomatisches Netz, das sich über ganz Anatolien erstreckte. Somit war Deutschland wie kein anderer Staat über die inneren Vorgänge im osmanischen Reich zeitnah informiert. Daher verwundet es auch nicht, dass sich im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes die wohl bedeutendsten Quellen zur Armenischen Frage befinden. Die Wichtigkeit dieser Quellen ergibt sich weiterhin daraus, dass die Anführer der jungtürkischen Bewegung zentrale und äußerst belastende Dokumente am Ende des Ersten Weltkriegs mit auf die Flucht nahmen und vernichteten. Hinzu kommt noch, dass die in türkischen Archiven lagernden Quellen von der türkischen Regierung in nur sehr begrenztem, ausgewähltem Umfang frei gegeben werden. Dies behindert einerseits die Aufarbeitung der historischen Ereignisse und andererseits auch das Eintreten in einen auf Versöhnung bedachten Dialog zwischen der Türkei und Armenien.[7]

Nach dem Ersten Weltkrieg fand das deutsch-türkische Bündnis in gewisser Weise eine Fortsetzung. Mit deutscher Unterstützung gelangten unter anderem das jungtürkische Triumvirat – Talaat, Enver und Djemal Pascha – außer Landes. Talaat und Enver Pascha fanden in Deutschland politisches Asyl aufgrund ihrer angeblichen Verdienste als Verbündeter des Deutschen Reiches[8] . Talaat, der mutmaßliche Hauptverantwortliche für die Vernichtung der Armenier, wohnte nach seiner Flucht mit seiner Frau in Berlin und versuchte von dort aus, weiter an den jungtürkischen Visionen eines großtürkischen Reiches zu arbeiten. Zunächst unterstütze er den aus dem Zentrum Anatoliens operierenden späteren Gründer der Türkei Mustafa Kemal (dieser bezeichnete sich selbst als Atatürk, ‚Vater aller Türken‘) in der Ansicht, weiter der Anführer der Bewegung „Ittihad ve Terraki“ (Komitee für Einheit und Fortschritt) zu sein.[9] Jedoch erlebte Talaat die militärischen Erfolge Mustafa Kemals nicht mehr, da er am 15.3.1921 von dem Armenier Soghomon Teilirian auf offener Straße erschossen wurde. Damit gelangte für eine breite Öffentlichkeit die nach dem Krieg fast in Vergessenheit geratene Armenische Frage und insbesondere der Völkermord zurück auf die Tagesordnung. Dabei war die Rolle des Deutschen Reiches als Hauptverbündeter der Türkei von besonderem Interesse, da von 1915 an seitens der Entente-Mächte sowie der Türkei selbst Vorwürfe einer deutschen Mit- oder Hauptschuld erhoben wurden, denen begegnet werden musste. Politische Zeitschriften wie der ‚Vorwärts‘ der SPD, religiös-missionarische Zeitungen wie ‚Der Orient‘ und Zeitungen aus ganz Deutschland berichteten in dieser Zeit umfangreich und durchaus konträr über die Vorgänge. Während rechts-konservative bzw. völkisch-nationalistische Kreise ein hartes Durchgreifen gegen den Täter forderten und nach seinem Freispruch Anfang Juni die Revision des Urteils forderten, stellten missionarische Zeitschriften und der ‚Vorwärts‘ den Freispruch als einen Akt der Gerechtigkeit dar. Der deutsche pazifistische Schriftsteller Armin T. Wegner umschrieb den Mord an Talaat Pascha wie folgt: "Ich neige zu der Ansicht, dass, wenn es eine höhere Macht unter den Völkern gibt, wir glauben müssen, dass es der Wille der Geschichte selbst war, die Talaat getötet hat, als sie durch eines seiner Opfer diese Hinrichtung an ihm vollzog."[10]

Aus diesen hinführenden Bemerkungen ergeben sich wichtige Forschungsfragen, die die Rezeption der Armenischen Frage in Deutschland betreffen: Welche Sichtweisen auf die Armenische Frage existierten im Vorfeld des Völkermordes und wie fügte sich diese Wahrnehmung in das zunehmend imperiale, nach Weltmacht strebende Deutsche Reich politisch und publizistisch ein? Wie ist die Rolle des Deutschen Reiches während des Völkermordes zu beschreiben und zu bewerten? Des Weiteren ist es wichtig zu untersuchen, wie sich die Behandlung der Frage nach einer deutschen Mit- oder Hauptverantwortung während und nach dem Krieg gestaltete. Und wie stellte sich die Rezeption des Ausgangs des ‚Prozesses Talaat Pascha‘ hinsichtlich der Armenischen Frage in Deutschland dar? Welche Bezüge wurden zu aktuellen Entwicklungen in Ostanatolien und zu den Vorgängen, die sich während des Ersten Weltkriegs ereigneten, hergestellt? Mit diesen Fragen ergibt sich der Rahmen dieser Abschlussarbeit, wobei sich der Untersuchungszeitraum hauptsächlich auf die Hochphase der Rezeption der Armenischen Frage in Deutschland beschränkt.

Die wissenschaftliche Forschung konzentriert sich wie diese Arbeit vornehmlich auf das armenische Volk und deren Vernichtung im Ersten Weltkrieg, wobei in der Zeit des Völkermordes an den Armeniern weitere christliche Völker der Vernichtungspolitik der Jungtürken zum Opfer fielen.[11] Den letzten Forschungsbericht zum Völkermord an den Armeniern veröffentlichte Richard Albrecht 2006 unter dem Titel ‚Armenozid‘.[12] Dabei erfolgte der Forschungsbericht im Rahmen der Beschreibung der damals aktuellen Genoziddebatte, die hier allerdings nicht umfassend dargestellt werden kann und für die Fragestellung lediglich hinsichtlich der Quellenbestände von Interesse ist. Auffallend innerhalb der Genziddebatte bis 2005 ist deren politische Aufgeladenheit, die vornehmlich durch den Kampf um Anerkennung des Tatbestandes ‚Völkermord‘ geprägt war.[13] Laut Albrecht könne mittlerweile auf einen Forschungsstand zugegriffen werden, der „gesicherte (sozial-) wissenschaftliche Erkenntnisse zum Genozid und zur Völkermordpraxis genozidaler Absichten, Handlungen und Konsequenzen“[14] bietet. Die wichtigste Quellengrundlage zur Erforschung des Völkermordes an den Armeniern bietet die 2005 von Wolfgang Gust herausgegebene Dokumentensammlung aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes.[15] Sie ist gleichzeitig das zentrale Werk für die hier gestellte Fragestellung der Rolle des Deutschen Reiches während des ersten Weltkriegs.[16] Daneben ist mit den Dokumenten zu den Istanbuler Prozessen 1919 der wichtigste türkisch-sprachige Quellenband von Akcam Taner ebenfalls 2005 in zweiter Auflage veröffentlicht worden. Dieser Band erlangt seine große Bedeutung dadurch, dass die heute nur noch von Spezialisten lesbare osmanisch-türkische Schrift ins Lateinische transkribiert wurde.[17]

Die Rolle des Deutschen Reiches bezüglich des Völkermordes an den Armeniern wird in der Forschung als weitgehend eigenständiger Bereich behandelt, wobei diesbezüglich kein eigener Forschungsbericht existiert. Die wichtigsten deutschen Beiträge hierzu lieferten bisher Wolfgang Gust[18] , Tessa Hofmann[19] , Rolf Hosfeld[20] , Hans-Lukas Kieser[21] , Annette Schaefgen[22] und Dominik Schaller[23] . Dabei konzentrieren diese Untersuchungen vornehmlich auf die unmittelbare Zeit des Völkermordes und beschreiben mit verschiedenen Gewichtungen das deutsche Militär sowie die politische Führung in Berlin, Tätigkeiten der Zivilbevölkerung und die Rolle der Botschaft in Konstantinopel. Während sich Gust, Hosfeld und Kieser vornehmlich mit den politischen Dimensionen der Rolle des Deutschen Reiches beschäftigen und der Frage nachgehen, in wie weit das Deutsche Reich Möglichkeiten besaß, den Völkermord zu verhindern, beschäftigen sich Hofmann, Schaefgen und Schaller vornehmlich mit rezeptionsgeschichtlichen Fragestellungen, die sich – wie sich noch zeigen wird – als überaus ergiebig erweisen. Im englischsprachigen Raum sind Margaret L. Anderson[24] , Donald Bloxham[25] , Vahakn Dadrian[26] und Daniel M. Segesser[27] zu nennen, wobei innerhalb der internationalen Forschungsdebatten die Frage nach einer deutschen Mitverantwortung zentrale Bedeutung einnimmt, insbesondere hinsichtlich des deutschen Militärs. Innerhalb dieser Frage ist sich die Forschung national wie international bis heute nicht einig. Während Dadrian oder Gust von einer erheblichen Beteiligung und Mitverantwortung des deutschen Militärs an der Planung und Durchführung des Völkermordes ausgehen, betonen die restlichen Autoren eher die Kriegssituation, das Fehlen direkter Anweisungen aus dem politischen Zentrum und verweisen daher darauf, dass zahlreiche Militärs allein durch die türkische Propaganda zu Informationen gelangen konnten und daher von der Rechtmäßigkeit und militärischen Notwendigkeit der sogenannten ‚Maßregeln‘ ausgingen.[28]

Das Aufkommen der Armenischen Frage und deren Rezeption im Deutschen Reich im Vorfeld des Ersten Weltkriegs wurde in der Forschung stets mit der Untersuchung der deutsch-osmanischen Beziehungen seit Mitte des 19. Jahrhunderts verbunden. Zentrale Arbeiten hierfür verfassten Mustafa Gencer[29] und Norbert Saupp[30] , die sich in Rekurs auf deutsch-osmanische Beziehungen hauptsächlich mit der Armenischen Frage beschäftigten. Uwe Feigel[31] und Axel Meißners[32] Abhandlungen zur Armenischen Frage im Kontext der evangelischen Kirche beschreiben die Sichtweisen und Wahrnehmungen der Armenischen Frage im Deutschen Reich vornehmlich aus christlicher Perspektive.

Die Rezeption der Armenischen Frage nach 1918 erweist sich mit Ausnahme des ‚Prozesses Talaat Pascha‘ nach dessen Ermordung im März 1921 noch als weitgehend unerforscht und stellt daher einen wichtigen Teil dieser Arbeit dar. Einzelne Untersuchungen, die etwa Hosfeld, Schaefgen, Schaller und Hofmann bieten, zeichnen lediglich stark verkürzte Darstellungen über die Sichtweisen auf die Armenische Frage nach 1918.[33]

Die für diese Arbeit benutzten Quellen ergeben sich aus umfangreichen Recherche-Arbeiten im Johannes-Lepsius-Archiv in Potsdam und Dokumentensammlungen aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes. Dabei erwies sich das Lepsius-Archiv vornehmlich für die Vorkriegs- und Nachkriegszeit als durchaus ergiebig, während für die Zeit des Ersten Weltkriegs die Dokumentensammlungen als zentrale Quellengrundlage fungierten. Ergänzt wird die schon genannte Dokumentensammlung Gusts durch eine Quellensammlung von Wardges Mikaeljan aus dem Jahr 2004[34] , die eine etwas andere Auswahl diplomatischer Aktenstücke des Politischen Archivs des deutschen Auswärtigen Amtes beinhaltet. Zur Angabe der benutzten Quellen werden die Zitationen der jeweiligen Quellenbände beziehungsweise des Lepsius-Archives übernommen. Da sich die Zitationen unterscheiden, ergeben sich daraus für diese Arbeit ebenfalls unterschiedliche Zitationsweisen.[35]

Die zu verfassende Arbeit ist aufgeteilt in drei Phasen, während denen die Armenische Frage am umfassendsten rezipiert wurde: die unmittelbare Vorkriegszeit, die Phase der Vernichtung der Armenier 1915 bis 1917 und die Nachkriegsschauplätze der Armenischen Frage bis zur Ermordung Talaat Paschas 1921 in Berlin. Der rezeptionsgeschichtliche Ansatz bietet dabei die Möglichkeit, die zeitgenössischen Sichtweisen und damit letztlich Handlungen gesellschaftlich, geistig und politisch umfassend verorten zu können. Aus diesem Grund muss einleitend zur Kontextualisierung das Aufkommen der Armenischen Frage zur Mitte des 19. Jahrhunderts betrachtet werden, um über die hamidischen Massaker[36] Ende des 19. Jahrhunderts hin zum Ersten Weltkrieg zu gelangen. Dabei gilt es zunächst, ein allgemeines, im Deutschen Reich vorherrschendes Armenierbild vor dem Völkermord nachzuzeichnen.

Nachdem die stetig enger werdende Verzahnung von osmanischer Politik, Wirtschaft und Militär dargestellt wurde, nimmt die unmittelbare Vorkriegszeit einen wichtigen Teil dieser Arbeit ein: kurz vor Kriegsausbruch wurde 1913/1914 ein Reformplan von Russland und Deutschland aufgestellt, der mit Ausnahme des Osmanischen Reiches für alle Beteiligten große Hoffnungen für eine Lösung der Armenischen Frage mit sich brachte. Der für diese Arbeit bedeutendste Zeitraum zur Darstellung der Rezeption des Völkermordes liegt in den Jahren 1915 bis 1917, da in dieser Zeit die entscheidenden Momente deutscher Handlungen und Haltungen offenbart wurden. Dabei war die Frage nach einer möglichen Mittäterschaft des Deutschen Reiches das wahrscheinlich wichtigste Thema für die deutsche Führung, das auch die Nachkriegsschauplätze der Armenischen Frage weitgehend dominierte.

Die Nachkriegszeit muss immer vor dem Hintergrund der Frage nach der Schuld am Ausbruch des Weltkriegs und den Bestimmungen der Versailler Verträge betrachtet werden. Da die Bestimmungen der Pariser Vorortverträge in der deutschen Tagespolitik die alles dominierende Thematik war, sind bezüglich der Armenischen Frage relativ wenige Quellen vorhanden. Eine Ausnahme stellt hier die Tätigkeit von Johannes Lepsius dar, der nach dem Krieg eine der wenigen Persönlichkeiten war, die sich um eine Öffentlichkeit bezüglich der Armenischen Frage bemühte, vor allem durch seine eigens herausgegebenen Zeitschriften und der Veröffentlichung deutscher diplomatischer Aktenstücke zwischen 1914 und 1918 im Jahr 1919. Diese Sammlung wurde im Auftrag der deutschen Regierung zusammengestellt und erlangte eine nicht unerhebliche Breitenwirkung. Nachdem die Armenische Frage aufgrund der Diskussionen um die potentielle deutsche Kriegsschuld und den Versailler Verträgen weit in den Hintergrund gerückt zu sein schien, flammte mit dem Mord an Talaat Pascha die Armenische Frage wieder auf und erlangte kurzfristig große Aufmerksamkeit in der deutschen Publizistik. Mit einer detaillierten Untersuchung der Reaktionen auf den Freispruch des Täters endet die Untersuchung dieser Arbeit, da damit der vorgegebene Umfang der Arbeit erreicht ist. In der Schlussbetrachtung soll nach zusammenfassenden Ausführungen und weiterführenden Bemerkungen zur Behandlung der Armenischen Frage in den 20er-Jahren ein Ausblick auf neu aufgeworfene Forschungsfragen vollzogen werden, um dann in Rekurs auf die eingangs beschriebenen tageaktuelle Problematiken und Diskussionen zum Abschluss zu kommen.

2 Deutsche Weltmachtpolitik und die Armenische Frage

Wie bereits beschrieben, dient der erste Teil dieser Arbeit dazu, das Aufkommen der Armenischen Frage und deren Behandlung bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges sowohl auf internationaler Ebene als auch bezüglich innenpolitischer Wahrnehmungen im Deutschen Reich darzustellen. Zunächst ist es wichtig, die mit der Armenischen direkt verbundene Orientalische Frage kurz zu erörtern, um klarzustellen, in welchem Kontext die seit Mitte des 19. Jahrhunderts immer evidenter werdende Armenische Frage stand. Mit der Orientalischen Frage war die weit verbreitete Annahme verknüpft, dass der sogenannte ‚Kranke Mann am Bosporus‘ über kurz oder lang dem Untergang geweiht war. Somit verband sich die Armenische Frage zwangsläufig mit der Frage, in welcher Form eine Neuordnung des Nahen Ostens zu bewerkstelligen sei.[37] Mit dem zunehmenden Aufstieg des Deutschen Reiches zur Weltmacht und den damit verbundenen imperialen Zielen – besonders hinsichtlich des Nahen Ostens – gelangte die Armenische Frage zum Ausgang des 19. Jahrhunderts ins Bewusstsein verschiedener Akteure im Deutschen Reich. Die hamidischen Massaker – benannt nach dem damaligen Sultan Abdul Hamid II – 1894 bis 1896 bedeuteten für etwa 200.000 Armenier den Tod, da der Sultan in brutalster Art und Weise angebliche Umsturzversuche von Armeniern mit aller Härte vergelten ließ.[38] Die Armenische Frage wurde seither zu einem nicht mehr wegzudenkenden Bestandteil der Orientalischen Frage bis zum Ersten Weltkrieg.

2.1 Das Aufkommen der Armenischen Frage im 19. Jahrhundert

Armenier lebten zu Beginn des 19. Jahrhunderts im osmanischen Reich weitgehend autonom und wurden im Vergleich zur modernen Türkei als Minderheit in das bestehende Millet- System integriert.[39] Als Christen galten die Armenier allerdings immer als minderwertig, was Diskriminierungen besonders hinsichtlich der Vergabe von hohen Posten in der Verwaltung oder in steuerrechtlichen Fragen nach sich zog.[40] Der größte Teil der Armenier im Osmanischen Reich war auf dem Land angesiedelt und betrieb vornehmlich Landwirtschaft oder Handwerk. Daneben gab es kleinere Gruppen, die in den Bergen als Nomaden lebten.[41] Eine kleine Elite lebte in Städten – vornehmlich in Konstantinopel und Smyrna – und erlangte im Verlauf der Zeit bedeutenden Einfluss im Osmanischen Reich. Diese Geschäfts- und Berufselite war säkular und westlich orientiert, oft wohlhabend und suchte vermehrt den Kontakt zu europäischen Großmächten, um ihre Ziele durch eine Schutzmacht erreichen zu können.[42]

Dabei suchten viele den Kontakt zu den im 19. Jahrhundert vermeintlich mächtigsten Staaten Europas Großbritannien und Russland.[43] Nach dem Krim-Krieg von 1853-1856 schrieben die europäischen Großmächte den Schutz christlicher Bevölkerungsteile im Osmanischen Reich vertraglich fest. In Artikel 9 des Pariser Vertrages von 1856 sicherte der Sultan seinen christlichen Untertanen zwar dieselben Rechte zu wie den muslimischen Bevölkerungsteilen, jedoch lehnte die Pforte jegliche Kontrolle der vereinbarten Reformen durch ausländische Mächte ab.[44] Mit diesem Vertrag von Paris wurde somit erstmals zwar nicht in expliziter Form, aber dennoch ein Bezug zu den christlich-armenisch bewohnten Gebieten hergestellt, der etwa 20 Jahre später sehr viel konkretere Formen annahm.

Die ‚Bulgarian Horrors‘ Mitte der 1870er Jahre, benannt nach einem Buchtitel des damaligen britischen Außenministers William Gladstone[45] , gaben den Anlass für den russisch-türkischen Krieg von 1877/1878. Aufständen seitens bulgarischer Bevölkerungsteile im April 1876 begegnete die osmanische Regierung mit Massakern an der Zivilbevölkerung durch paramilitärische Gruppen.[46] Das russische Militär intervenierte daraufhin unter Verweis auf den Pariser Vertrag zum Schutz der christlichen Bevölkerung.[47] Nachdem das siegreiche Russland 1878 im Vertrag von San Stefano bereits ein direktes Interventionsrecht zugunsten christlicher Minderheiten im Osmanischen Reich festschreiben ließ, wurde dieser Vertrag auf dem Berliner Kongress durch das dort abgeschlossene Vertragswerk modifiziert, beziehungsweise ersetzt. In der noch recht jungen Hauptstadt des Deutschen Reiches wurden zahlreiche Themen besprochen und vereinbart; der Schutz der christlichen Bevölkerung innerhalb des osmanischen Reiches war dabei ein wichtiger Punkt. Erstmalig in einem internationalen Vertragswerk wurde die armenische Frage explizit angesprochen. Artikel 61 des geschlossenen Vertrages lautet:

„Die Hohe Pforte verpflichtet sich, ohne weiteren Zeitverlust die Verbesserungen und Reformen ins Leben zu rufen, welche die örtlichen Bedürfnisse in den von Armeniern bewohnten Provinzen erfordern, und für die Sicherheit derselben gegen die Tscherkessen und Kurden einzustehen. Sie wird in bestimmten Zeiträumen von den zu diesem Zweck getroffenen Maßregeln den Mächten, welche die Ausführung derselben überwachen werden, Kenntnis geben.“[48]

Dieser Artikel verpflichtete die osmanische Regierung zum ersten Mal direkt zur Verbesserung der Sicherheitslage der armenischen Bevölkerung respektive der christlichen Untertanen durch einen international geschlossenen Vertrag. Hingegen existierten wie bereits 1956 keinerlei Vereinbarungen zu möglichen Sanktionen im Falle einer Missachtung der zu implementierenden Reformen.[49]

Für das junge Deutsche Reich, das unter Federführung von Bismarck sieben Jahre nach dessen Gründung den Berliner Kongress abhielt, war dieses Treffen ein wichtiger Schritt hin zu einer aktiven Position des Reichs innerhalb der internationalen Politik. Die Armenische Frage, die humanitäre oder christliche Argumentationsmuster erfordert hätte, spielte für das Deutsche Reich eine sehr untergeordnete Rolle. Vielmehr zielte die Politik Bismarcks darauf ab, das Mächtegleichgewicht im Orient zu bewahren und weder England noch Russland zu

einem allzu großen Machtzuwachs zu verhelfen.[50] Dazu benötigte Bismarck ein stabiles und starkes Osmanisches Reich, weshalb er darauf bedacht war, freundschaftliche Beziehungen mit der Hohen Pforte herzustellen, um erhöhte Einflussmöglichkeiten im Orient geltend machen zu können. Territoriale Ansprüche, die von den anderen europäischen Großmächten oft erhoben worden waren, vermied Bismarck in der Durchführung seiner Strategie dabei bewusst.[51]

Neben dieser politischen Annäherung kam es in den 1880er-Jahren zu einer immer engeren wirtschaftlichen und militärischen Zusammenarbeit. Ein eindrückliches Beispiel hierfür ist etwa die Gründung des Deutschen Handelsvereins 1880, der sich explizit auf Tätigkeiten im Osmanischen Reich fokussierte, Importzölle für deutsche Produkte herabsetzte und so für eine Belebung des deutschen Orienthandels sorgte. Zahlreiche Versuche, das Transportwesen nach Istanbul zu verbessern sowie die erstmalige Entsendung einer Militärmission 1883 zeugen darüber hinaus vom gestiegenen Engagement des Deutschen Reiches im Osmanischen Reich. Die beginnende militärische Zusammenarbeit bewirkte in relativ kurzer Zeit ein enormes Anwachsen deutscher Rüstungsexporte nach Anatolien sowie die Übernahme zahlreicher Elemente der deutschen Militärdoktrin im Reich des Sultans.[52]

Gegen Ende der 1880er-Jahre kristallisierte sich mit dem Beginn der Planungen des Baus der Bagdadbahn ein groß angelegtes polit-ökonomisches Projekt des Deutschen Reichs im Orient heraus. Von dem von der Deutschen Bank finanzierten Bau der Eisenbahnroute nach Bagdad versprach sich das kaiserliche Deutschland einen enormen Anstieg seiner weltpolitischen Bedeutung, ohne zu direkten kolonialen beziehungsweise imperialen Maßnahmen greifen zu müssen.[53] Dennoch konnte das als ‚wirtschaftliche Erschließung Kleinasiens‘ propagierte Bagdadbahnprojekt kaum darüber hinwegtäuschen, dass dadurch die Entsendung militärischer Truppen bis weit in den Nahen Osten hinein möglich wurde und damit als strategisch wichtiger Teil deutscher Weltmachtpolitik anzusehen war.[54]

Aus diesen Konstellationen ergab sich eine Haltung Deutschlands gegenüber dem Osmanischen Reich, die sich vor allem auf eine erfolgreiche wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit konzentrierte. Vorgänge oder Ereignisse, die die stets wachsende Verzahnung dieser beiden Staaten stören oder behindern konnten, wurden soweit es ging vernachlässigt. Dazu gehörte im Besonderen die Armenische Frage. Daher verwundert es auch kaum, dass sich die deutsche Diplomatie nicht für die Implementierung der armenischen Reformen einsetzte, die nach Ansicht der deutschen Führung eine Schwächung des osmanischen Staates hätte bedeuten können. Damit ist die Politik der Nicht-Einmischung des Deutschen Reiches als Versuch der Stabilisierung des Osmanischen Reiches zu betrachten.[55] Ob und inwieweit sich diese Haltung der deutschen Reichsführung mit dem Bekanntwerden der hamidischen Massaker Mitte der 1890er Jahre veränderte oder wandelte, soll im nächsten Kapitel erörtert werden.

2.2 Erster verhaltener Protest: Reaktionen auf die hamidischen Massaker

Im Sommer 1894 begann Sultan Abdul Hamid eine Hetzkampagne gegen die armenische Bevölkerung. Dies hatte in den Jahren 1894 bis 1896 Massaker und Pogrome zur Folge, welche insgesamt etwa 200.000 Menschen das Leben kosteten. Mit diesen Verfolgungen und Massakern verfolgte der Sultan den Zweck, den Armeniern wieder ihren ‚angestammten Platz’ zuzuweisen; sie dienten als Strafe für angeblich revolutionäres Verhalten, um die eigene Herrschaft und Kontrolle vornehmlich im ostanatolischen Gebiet aufrechtzuerhalten und durch brutalste Bestrafung von Ungehorsam weiteren Aufständen oder Autonomiebestrebungen vorzubeugen.[56] Die hamidischen Massaker sorgten für Empörung in ganz Europa, jedoch vermochten die Großmächte nicht, entschieden oder geschlossen für eine Verbesserung der Lebenssituation der armenischen Bevölkerung einzutreten.[57]

Berichte und Nachrichten über die Massaker gelangten zeitnah über türkische oder englische Wege ins Deutsche Reich. Die zur Verfügung stehenden Informationen enthielten die sich diametral gegenüberstehenden Positionen der türkischen bzw. der englischen Seite, wodurch sich – wie sich noch zeigen soll – auf deutschem Gebiet entweder eine pro-armenische oder eine anti-armenische Sichtweise ergab. Nach der Gründung der deutschen Orientmission 1895 gelangten zunehmend deutsche Christen in die von Armeniern bewohnten Gebiete im Osmanischen Reich und berichteten in der Folgezeit über die Vorgänge in Anatolien. Neben der Frankfurter Zeitung[58] berichteten vornehmlich christliche Zeitungen und Zeitschriften über die blutigen Ereignisse im Osmanischen Reich. Neben Johannes Lepsius, auf den im Lauf dieser Arbeit noch häufiger eingegangen wird, erfuhren die armenischen Christen in der von Martin Rade herausgegebenen Zeitschrift ‚Christliche Welt‘ eine vorbehaltlose Solidarisierung. Diese zeichnete sich dadurch aus, dass Rade zunächst versuchen musste, eine Öffentlichkeit herzustellen, die auch Druck auf die Politik ausüben konnte und sollte:

"Vielleicht kann man den Armeniern keinen größeren Dienst erweisen, als wenn man den Bann des Verschweigens und Vertuschens, an dem fast unsre ganze deutsche Tagespresse sich mit schuldig macht, brechen hilft. Art, Dauer, Umfang der von den Türken begangenen Scheußlichkeiten muß endlich erst einmal bekannt werden: wie soll sich sonst eine lebendige öffentliche Meinung bilden, mit der auch die Regierungen rechnen?"[59]

Damit sprach Rade zunächst das insgesamt geringe Presseecho zu den Übergriffen an den Armeniern an. Weiterhin wurden durch seine Stellungnahme erste Versuche deutlich, auf die deutsche Politik Einfluss zu nehmen.[60]

Johannes Lepsius, Gründer der deutschen Orientmission 1895 und national wie international bekanntester deutscher Verfechter der pro-armenischen Seite, veröffentlichte 1896 eine Anklageschrift unter dem Titel ‚Armenien und Europa‘[61] , in der er hart mit den europäischen Mächten aufgrund deren Untätigkeit ins Gericht ging. Die Reaktionen auf dieses Werk zeigen sehr deutlich die verschiedenen Standpunkte hinsichtlich der Armenischen Frage und deren Beurteilung im Deutschen Reich. Innerhalb dieser Diskussion ging es vornehmlich um die Fragen, ob und inwiefern die Übergriffe an den Armeniern selbst verschuldet waren und ob die deutschen Hilfsanstrengungen für die Armenier nicht ein zweischneidiges Schwert seien. Denn durch eine deutsche Unterstützung der Armenier werde die innere Stabilität der Hohe Pforte weiter geschwächt oder gar dem sicheren Untergang preisgegeben. Dies wiederum könne nicht im Sinne deutscher, imperialer Weltpolitik sein und brächte Russland beziehungsweise England entscheidende Vorteile im östlichen Mittelmeergebiet.[62] Da sich die Lage in den armenisch bewohnten Gebieten Anatoliens gegen Ende 1896 allmählich wieder beruhigte, verstummte die ohnehin nie Massen bewegende Diskussion um die Anklageschrift Lepsius‘ und damit auch die Auseinandersetzung mit der Armenischen Frage vorübergehend.[63]

2.3 Die Orientreise Kaiser Wilhelms II. 1898

Als Kaiser Wilhelm II im Jahr 1898 seine zweite Orientreise antrat[64] und sich zum Beschützer der gesamten muslimischen Welt stilisierte, geriet die Armenische Frage wieder vermehrt in den Blickpunkt der Publizistik. Bezüglich der Armenischen Frage zeichnete sich der Kaiser selbst durch widersprüchliches Verhalten aus: in direkter Reaktion auf die hamidischen Massaker bezeichnete er den Sultan als ‚ekelhaften Menschen‘, der entmachtet werden solle.[65] Zwei Jahre später war die Begegnung mit ebendiesem geprägt von Sympathiebekundungen Wilhelms gegenüber Sultan Abdul Hamid II. Diese waren nicht zuletzt darin begründet, dass das Osmanische Reich im ausgehenden 19. Jahrhundert wie beschrieben zu einem zunehmend zentralen Faktor deutscher Weltpolitik geworden war. Damit erklärt sich auch, dass gelegentliche Androhungen von Maßnahmen gegen die türkische Regierung aufgrund der Nichteinhaltung der vereinbarten Reformen ausgesprochen wurden. Letztlich stand die Armenische Frage aber stets hinter deutschen Interessen, seien sie wirtschaftlicher, politischer oder strategischer Art, zurück.[66]

Durch die Reise des Kaisers, die zu einem „Medienereignis der Superlative“[67] wurde, häuften sich mitunter sehr konträre Beschreibungen über das armenische Volk, die sich unter anderem auch in direkter Kritik am Verhalten des deutschen Kaisers äußerten: „Warum aber macht der Kaiser Freundschaft mit einem solchen Blutmenschen wie de[m] jetzige[n] türkische[n] Sultan? Einzig darum, weil der Türke von seinem durch Morden und Brennen Geraubten seinem Helfer und Beschützer einen Teil gibt.“[68] Jedoch vermochten die vornehmlich von christlichen, zahlenmäßig überschaubaren Kreisen ausgesprochenen Bedenken an der Orientreise 1898 nicht zu einer breiteren Wirkung zu gelangen, geschweige denn ernsthafte Überlegungen der Reichsführung zu einer Änderung der Orientpolitik anzustoßen.[69] Vielmehr berichtete beispielsweise die Kreuzzeitung von den vorausschauenden und weisen Handlungen des Kaisers, da die Übergriffe an den Armeniern keine christlichen Hintergründe gehabt hätten und daher weniger respektive nicht verwerflich gewesen seien: „Der Türke hat keine Christenhetze, sondern eine Armenierhetze inszeniert. Er wollte lediglich dem verhaßten Armeniervolke einen Schlag versetzen, von dem es sich nicht sobald erholen sollte.“[70] Aus diesem Grund habe der Kaiser den deutschen Handelsinteressen im Orient einen wichtigen Dienst erwiesen, der sich in Zukunft noch als sehr nützlich erweisen werde. Es erstaunt aus diesem Grund auch wenig, dass gerade in Wirtschaftskreisen die Orientreise des Kaisers als sehr nützlich und klug empfunden wurde.[71]

Obgleich sich die Kritik an der kaiserlichen Politik in sehr engen Grenzen bewegte, kann konstatiert werden, dass die Orientreise des Kaisers wie ein Katalysator für die Rezeption der Armenischen Frage im Deutschen Reich wirkte. Dies zeigt sich deutlich bei der Betrachtung der im Vergleich sehr geringen Breitenwirkung, die die Berichterstattung über die unmittelbar stattfindenden hamidischen Massaker zwei Jahre zuvor erzielte.[72] Die Auseinandersetzung mit dem ‚ältesten Christenvolk der Welt‘ erreichte somit um die Jahrhundertwende einen ersten Höhepunkt. Dabei muss beachtet werden, dass diese Fragen immer im Rahmen deutscher Orientpolitik erörtert wurden und direkt mit verschiedenen imperialen Vorstellungen verknüpft waren, in denen Armenier künftig eine größere oder kleinere Rolle spielen sollten. Aus Platzgründen kann im Folgenden nur verkürzt und abrissartig auf die zentralen und wichtigsten Personen und Kreise eingegangen werden, um einen Eindruck über die Wahrnehmungen bezüglich des Armeniers ‚an sich‘[73] zu vermitteln.

Die Sichtweisen auf das armenische Volk lassen sich in pro-armenische und anti-armenische Kennzeichnungen unterscheiden. Stellvertretend für anti-armenische Sichtweisen soll hier Karl May’s Roman ‚Auf fremden Pfaden‘ aus dem Jahr 1897 stehen, der angeblich typische Merkmale eines Armeniers wie folgt beschreibt:

„Er war ein langer, hagerer, aber starkknochiger Mann, der sich wie lauschend vorübergebeugt hielt. Er trug als Kopfbedeckung nur einen Fez, welcher soweit zurückgeschoben war, dass man die schmale, sehr niedrige Stirn vollständig sehen konnte. Ein sehr dünner, fast ruppiger Bart hing über seine blutleeren Lippen herab; darüber ragte eine starkgebogene, breitflügelige Habichtsnase, zu deren beiden Seiten zwei kleine, listige Augen unter den weit und vorsichtig herabfallenden Lidern nur halb zu sehen waren. Die stark entwickelten Kauwerkzeuge und das breit vortretende Kinn ließen auf Egoismus, Rücksichtslosigkeit und überwiegend tierische Affekte schließen, während die obere Hälfte des Gesichts eine bedeutende, absichtlich verborgene Verschlagenheit verriet. Wenn dieser Mann nicht ein Armenier war, so gab es überhaupt keine Armenier! Ein Jude überlistet zehn Christen; ein Yankee betrügt fünfzig Juden; ein Armenier aber ist hundert Yankees über: so sagt man, und ich habe gefunden, dass dies zwar übertrieben ausgedrückt ist, aber doch auf Wahrheit beruht. Man bereise den Orient mit offenen Augen, so wird man mir recht geben. Wo irgend eine Heimtücke, eine Verräterei geplant wird, da ist sicher die Habichtsnase eines Armeniers im Spiele. Wenn selbst der gewissenlose Grieche sich weigert, eine Schurkerei auszuführen, es findet sich ohne allen Zweifel ein Armenier, welcher bereit ist, den Sündenlohn zu verdienen. Sind die sogenannten Levantiner überhaupt und im allgemeinen berüchtigt, so ist unter ihnen der Armenier derjenige, der sie alle übertrifft.“[74]

Daraus wird die zeitgenössische Denkweise deutlich, in der von bestimmten Ausformungen des Schädels oder anderen spezifischen anatomischen Merkmalen direkte Schlussfolgerungen auf angebliche Charaktereigenschaften vollzogen wurden. Karl May – zu seiner Zeit bereits ein berühmter Schriftsteller – dürfte damit wohl maßgeblich an der Herausbildung der Stereotypen über den Armenier ‚an sich‘ beteiligt gewesen sein.[75]

Die positiven Sichtweisen auf das armenische Volk waren zunächst mit der Überzeugung verbunden, zum Schutz des christlichen, armenischen Volks verpflichtet zu sein. Besonders bei Johannes Lepsius lassen sich christliche Argumentationsmuster erkennen, aus welchen heraus ein Protest gegen die Übergriffe am ältesten Christenvolk der Welt zur Pflicht für

jeden Christen werden würde.[76] In Anlehnung an die christliche Argumentation entstand im 19. Jahrhundert zweitens eine Ausweitung der Bezugnahme auf den Menschen ‚an sich‘. Eduard Bernstein entwickelte in einer Rede 1902 erstmals menschenrechtliche Argumentationen bezüglich des Umgangs mit Armeniern, die aufgrund ihrer bloßen Existenz als Menschen geschützt werden müssten.[77]

Eine weitere Unterteilung kann vorgenommen werden, indem kurz auf verschiedene Ausformungen des Imperialismusgedankens in Deutschland eingegangen wird. Während sich liberale Politiker wie Friedrich Naumann sehr zurückhaltend bezüglich einer Intervention zu Gunsten der Armenier aussprachen und stets die Wichtigkeit der Partnerschaft mit dem Osmanischen Reich betonten, versuchte Paul Rohrbach als Vertreter seines ‚ethischen Imperialismus‘[78] deutsche, osmanische und armenische Interessen zu vereinen. Rohrbach war sehr lange davon überzeugt, alle Anliegen ohne Gewaltanwendung in Einklang bringen zu können, weshalb er auch stets jegliche gewalttätigen Übergriffe an Armeniern scharf verurteilte. Gleichzeitig betonte er immer wieder vorhandene Ansatzpunkte, die zu einem partnerschaftlichen Verhältnis zwischen Armeniern und Osmanen hätte führen können. Darauf fußend ergäben sich positive Auswirkungen auch auf die deutschen Interessen.[79]

Der als ‚Türken-Jäckh‘ bekannt gewordene Ernst Jäckh war der wohl bedeutendste türkophile Intellektuelle des ausgehenden 19. Jahrhunderts und beginnenden 20. Jahrhunderts. Seine türkeifreundlichen Neigungen zeigten sich deutlich in seinem erstmals 1911 erschienenen Werk ‚Der Aufstieg des Halbmondes‘, das bis 1916 fünf Auflagen verzeichnen konnte und das Türkeibild nachhaltig prägte. Dies bedeutete im Umkehrschluss aber nicht, dass Jäckh anti-armenisch eingestellt war. Vielmehr ist in seinem Werk zu erkennen, dass er dem armenischen Volk durchaus wichtige Aufgaben innerhalb der aufsteigenden (jung)türkischen Nation zuwies. Dem Wesen nach seien Armenier „fleißig, tüchtig, einfach, willig und wirtschaftlich vorantreibend“ und zeichneten sich durch „raschen Geburtenüberschuss“[80] aus. Das alte Regime um Sultan Abdul Hamid II habe im Armenier ‚an sich‘ eine große Gefahr gesehen und daher wiederholt Massaker verordnet, zuletzt auch in Adana 1909, als 15 bis 20 Tausend Armenier umkamen. Jäckh konnte nicht wissen, was wenige Jahre später mit dem armenischen Volk geschehen sollte und war sich wohl der tatsächlichen Bedeutung seiner Worte noch nicht bewusst, als er zu Beginn des Krieges meinte: „Die Türkei will türkisch werden – unabhängig von außen und einheitlich im Innern.“[81]

[…]


[1] In dieser Arbeit wird der Begriff ‚Völkermord‘ beziehungsweise ‚Genozid‘ verwendet. Der hochpolitische und mehrdeutige Begriff bedarf daher einer kurzen Erläuterung, um deutlich machen zu können, in welchem Sinne die beiden Begriffe verwendet werden sollen. Es ist sinnvoll, in dieser Arbeit von einem weichen Genozidbegriff auszugehen, der sich darauf beschränkt zu betonen, „dass die Konsequenzen dergestalt sind, dass die Gesamtexistenz der Gruppe auf dem Spiel steht und die Täter dennoch an ihren Handlungen festhalten.“ (Smith, Roger W.: Pluralismus und Humanismus in der Genozidforschung. In: Dabag, Mihran / Platt, Kritsin (Hg.): Genozid und Moderne. Strukturen kollektiver Gewalt im 20. Jahrhundert. Opladen 1998, S. 309-319, S. 310.) Im Bestreben einer entpolitisierten Diskussion um die ‚armenische Tragödie‘ (s. Fußnote 3) werden Begriffe wie ‚Vertreibung, Vernichtung, Austreibung oder Deportation‘ unpolitisch verwendet. Sie dienen der Beschreibung der Ereignisse, nicht um politische Aussagen zu tätigen, wie es beispielsweise der Fall wäre, wenn der Begriff Völkermord oder Genozid der UNO-Konvention von 1948 benutzt würde.

[2] Die Bezeichnung ‚armenische Tragödie‘ stammt ursprünglich von Armeniern, die damit die Vernichtung des armenischen Volkes im Ersten Weltkrieg bezeichnen. In dieser Arbeit wird der Begriff in diesem Sinne verwendet.

[3] http://www.aga-online.org/news/detail.php?locale=de&newsId=491. Zuletzt eingesehen am 27.5.2012.

[4] Der Begriff ‚Armenische Frage‘ entstand im Rahmen der im 19. Jahrhundert zunehmenden innerosmanischen Konflikte und war zeitgenössisch ein weit verbreiteter Begriff. Somit wird der Terminus in dieser Arbeit als feststehender Begriff verwendet wird.

[5] Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Katrin Werner, Jan van Aken, Christine Buchholz, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE. Drucksache 17/687. Umsetzung des Bundestagsantrags 15/5689 „Erinnerung und Gedenken an die Vertreibungen und Massaker an den Armeniern 1915 – Deutschland muss zur Versöhnung zwischen Türken und Armeniern beitragen“, S. 6. http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/008/1700824.pdf. Zuletzt eingesehen am 27.5.2012.

[6] Vgl. Lepsius, Marius Rainer: Johannes Lepsius. Biographische Skizze. In: Lepsius, Johannes (Hg.): Deutschland und Armenien 1914-1918. Sammlung diplomatischer Aktenstücke. Potsdam 1919 (Reprint 1986), S. 345.

[7] Vgl. Akcam, Taner: Die türkische Leugnung des Völkermordes an den Armeniern im europäischen Kontext. In: Voss, Huberta von (Hg.): Porträt einer Hoffnung. Lebensbilder aus aller Welt. Mit einem Gleitwort von Yehuda Bauer. Berlin 2005, S. 67-78, S. 78.

[8] Vgl. Dadrian, Vahakn: German Responsibility in the Armenian Genocide. A Review oft he Historical Evidence of German Complicity. Watertown/Mass. 1996, S. 217.

[9] Vgl. Hosfeld, Rolf: Operation Nemesis. Die Türkei, Deutschland und der Völkermord an den Armeniern. Köln 2009, S. 18.

[10] Zit. nach: Schaller, Dominik J.: Die Rezeption des Völkermordes an den Armeniern in Deutschland, 1915-1945. In: Kieser, Hans-Lukas / Schaller, Dominik J. (Hg.): Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah. Zürich 2003, S. 517-557, S. 532.

[11] Zeitgenössisch war die Armenische Frage die alles dominierende Frage bezüglich christlicher Bevölkerungsteile im Osmanischen Reich. Zu den ebenfalls verfolgten und der Vernichtung preisgegeben christlichen Völkern gehörten Assyrer, Nestorianer (ostsyrische Christen) und Syro-Aramäer, die wenn überhaupt in der zeitgenössischen Betrachtung innerhalb der Armenischen Frage subsummiert wurden.. Vgl. hierzu: Tamcke, Martin: Der Genozid an den Assyrern/Nestorianern (Ostsyrische Christen). In: Hofmann, Tessa (Hg.): Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Christen im Osmanischen Reich 1912-1922. Münster 2004, S. 95-111. Gorgis, Amill: Der Völkermord an den Syro-Aramäern. In: Hofmann, Tessa (Hg.): Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Christen im Osmanischen Reich 1912-1922. Münster 2004, S. 111-123. Hinzu kommen die (unter anderem gegenseitigen) Vertreibungen von Griechen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

[12] Albrecht, Richard: Armenozid. Genozidpolitik im 20. Jahrhundert. Aachen 2006.

[13] Vgl. Albrecht: Armenozid, S. 42 f. Stellvertretend hierfür: Hofmann, Tessa: Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Christen im Osmanischen Reich. 1912-1922. Münster 2004. Baum, Wilhelm: Die Türkei und ihre christlichen Minderheiten. Geschichte, Völkermord, Gegenwart. Klagenfurt 2005.

[14] Albrecht: Armenozid, S. 48.

[15] Gust, Wolfgang (Hg.): Der Völkermord an den Armeniern 1915/1916. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes. Springe 2005.

[16] Vgl. Albrecht, Richard: Völkermorden. Genozidpolitik im 20. Jahrhundert. Aachen 2006, S. 115 f.

[17] Vgl. Albrecht: Völkermorden, S. 113 f. Taner, Akcam: Armenien und der Völkermord. Die Istanbuler Prozesse und die türkische Nationalbewegung. Hamburg 2004.

[18] Gust: Der Völkermord an den Armeniern 1915/16.

[19] Hofmann, Tessa: Armenier in Berlin – Berlin und Armenien. Berlin 2005.

[20] Hosfeld: Operation Nemesis.

[21] Kieser, Hans-Lukas: Germany and the Armenian Genocide of 1915-1917. In: Friedmann, Jonathan (Hg.): The Routledge history of the Holocaust. London u.a. 2011, S. 30-44.

[22] Schaefgen, Annette: Schwieriges Erinnern. Der Völkermord an den Armeniern. Berlin 2006.

[23] Schaller: Die Rezeption des Völkermordes an den Armeniern in Deutschland.

[24] Anderson, Margaret L.: Who still talked about the extermination of the Armenians? German talk and German silences. In: Suny, Ronald G. / Göcek, Fatma M. / Naimark, Norman M.: A question of genocide. Armenians and Turks at the end of the Ottoman Empire. Oxford 2011, S. 199-217.

[25] Bloxham, Donald: Power Politics, Prejudice, Protest and Propaganda: a Reassessment of the German Role in the Armenian GEnocide of WWI. In: Kieser, Hans-Lukas / Schaller, Dominik J. (Hg.): Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah. Zürich 2003, S. 213–245.

[26] Dadrian: German Responsibility in the Armenian Genocide.

[27] Segesser, Daniel M.: Dissolve or punish? The international debate amongst jurists and publicists on the consequences of the Armenian genocide for the Ottoman Empire, 1915-1923. In: Schaller, Dominik J. / Zimmerer, Jürgen (Hg.): Late Ottoman Genocides. The dissolution of the Ottoman Empire and Young Turkish population and extermination policies. London (u.a) 2009, S. 86–102.

[28] Vgl. etwa: Bloxham: Power Politics, Prejudice, Protest and Propaganda, S. 236.

[29] Gencer, Mustafa: Die Armenische Frage im Kontext der deutsch-osmanischen Beziehungen (1878-1915). In: Fikret, Adanir / Bonwetsch, Bernd (Hg.): Osmanismus, Nationalismus und der Kaukasus. Muslime und Christen, Türken und Armenier im 19. Und 20. Jahrhundert. Wiesbaden 2005 (=Kaukasienstudien, Bd. 9), S. 183-202.

[30] Saupp, Norbert: Das Deutsche Reich und die armenische Frage 1878-1914. Köln 1990.

[31] Feigel, Uwe: Das evangelische Deutschland und Armenien. Die Armenierhilfe deutscher evangelischer Christen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts im Kontext der deutsch-türkischen Beziehungen. Göttingen 1998.

[32] Meißner, Axel: Martin Rades ‚Christliche Welt‘ und Armenien. Bausteine für eine internationale Ethik des Protestantismus. Berlin 2010 (=Studien zur Orientalischen Kirchengeschichte, Bd. 22).

[33] So begnügen sich die genannte Autoren damit, vorausblickend auf die Ermordung Talaat Paschas oder rückblickend auf das deutsche Verhalten während des Weltkrieges zu argumentieren. Eine Eigenständigkeit dieser Zeit, wie sich in Kapitel 5 vorgenommen wird, ist lediglich in Ansätzen zu erkennen.

[34] Mikaeljan, Wardges (Hg.): Die armenische Frage und der Genozid an den Armeniern in der Türkei (1913-1919). Dokumente des politischen Archivs des Auswärtigen Amts Deutschlands. Jerewan 2004.

[35] Bei Gust erfolgt die Zitation chronologisch nach Datum; bei Mikaeljan sind die Dokumente zwar auch chronologisch geordnet, werden jedoch mit den Aktenzeichen des Archivs angegeben. Einige wenige Zitate erfolgen auch nach der Zitation Tessa Hofmanns, da die entsprechenden Quellen nur bei ihr zu finden waren. Beispielhaft Gust: 1915-03-30-DE-001. In: Gust: Der Völkermord an den Armeniern, S. 127.

Beispielhaft Mikaeljan: R 14081, Ab. 16298. In: Mikaeljan: Die armenische Frage und der Genozid an den Armeniern, S. 95 f.

Beispielhaft Hofmann: PA-AA, Akte Türkei 183, Armenien Bd. 44. Zit. nach: Hofmann: Armenier in Berlin, S. 43.

Beispielhaft Lepsius-Archiv: Rede des SPD-Abgeordneten Georg Ledebour. Protokoll der 143. Sitzung des Deutschen Reichstages vom 19. März 1918. In: Lepsius-Archiv, D 13809, S. 2.

[36] Die hamidischen Massaker fanden von 1894 bis 1896 statt und wurden nach dem damaligen Sultan Abdul Hamid II benannt. Mehr dazu in Kapitel 2.2.

[37] Adanir, Fikret: Die Armenische Frage und der Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich. Betroffenheit im Reflex nationalistischer Geschichtsschreibung. In: Loewy, Hanno / Moltmann, Bernhard (Hg.): Erlebnis-Gedächtnis-Sinn. Authentische und konstruierte Erinnerung. Frankfurt / New York 1996, S. 237-264, S. 240.

[38] Dazu ausführlicheres in Kap. 2.2.

[39] Das Millet-System war für das Osmanische Reich die zentrale Ordnungsvorstellung, indem beispielsweise religiöse oder geschichtliche Aspekte Volksgruppenzugehörigkeit definierten. Damit verbunden waren direkte rechtliche und gesellschaftliche Machtverhältnisse zwischen den einzelnen Gruppen. Eine wichtige Unterscheidung dabei war sicherlich die Religionszugehörigkeit, aber auch geschichtliche Komponenten. Vgl. hierzu: Dabag, Mihran: Jungtürkische Visionen und der Völkermord an den Armeniern. In: Ders. / Platt, Kristin (Hg.): Genozid und Moderne. Strukturen kollektiver Gewalt im 20. Jahrhundert. Opladen 1998 , S. 152-205, S. 183.

[40] Vgl. Naimark, Norman: Flammender Hass. Ethnische Säuberung im 20. Jahrhundert. München 2004, S. 31.

[41] Vgl. Walker, Christoph J.: Armenia and Karabagh. The struggle for unity. London 1991, S. 17.

[42] Vgl. Naimark: Flammender Hass, S. 34.

[43] Zur Dominanz Russlands und Großbritanniens auf internationaler Ebene siehe ausführlich: Bass, Gary J.: Freedom’s Battle. The Origins of Humanitarian Intervention. New York 2008.

[44] Vgl. Meißner, Axel: Martin Rades ‚Christliche Welt’ und Armenien. Bausteine für eine internationale Ethik des Protestantismus. Berlin 2010 (=Studien zur Orientalischen Kirchengeschichte, Bd. 22), S. 20.

[45] Gladstone, William: Bulgarian Horrors and the Question of the East. London 1876.

[46] Vgl. Bass: Freedom’s Battle, S. 255 f.

[47] Finnemore, Martha: Constructing Norms of Humanitarian Intervention. In: Katzenstein, Peter J. (Hg.): The Culture of National Security. Norms and Identity in World Politics. New York 1996, S. 153–185, S. 175 f.

[48] Zit nach: Hofmann, Tessa: Armenier in Berlin, Berlin und Armenien. Berlin 2005, S. 34.

[49] Vgl. Ebd.

[50] Gleichzeitig gelangte England durch die Zypern-Konvention – abgeschlossen mit dem Osmanischen Reich 1878 – in den Besitz Zyperns. Die darin beinhaltete Schutzgarantie für den Bestand des Osmanischen Reichs richtete sich vornehmlich gegen Russland, dessen Besetzung Bulgariens sowie türkisch-armenischer Provinzen als äußerst bedrohlich empfunden wurde. Der Sultan sicherte im Gegenzug England ein weiteres Mal den Schutz der Christen im osmanischen Herrschaftsgebiet zu. Vgl.: Walker, Christopher: Armenia. The Survival of a Nation. London 1980, S. 111 f.

[51] Vgl. Böer, Ingeborg / Haerkötter, Ruth / Kappert, Petra: Türken in Berlin 1871-1945. Eine Metropole in den Erinnerungen osmanischer und türkischer Zeitungen. Berlin / New York 2002, S. 7.

[52] Vgl. Kieser, Hans-Lukas: Germany and the Armenian Genocide of 1915-1917. In: Friedmann, Jonathan (Hg.): the Routledge history of the Holocaust. London u.a. 2011, S. 31.

[53] Vgl. Ebd.

[54] Vgl. Böer: Türken in Berlin, S. 9.

[55] Vgl. Gencer, Mustafa: Die Armenische Frage im Kontext der deutsch-osmanischen Beziehungen (1878-1915). In: Fikret, Adanir / Bonwetsch, Bernd (Hg.): Osmanismus, Nationalismus und der Kaukasus. Muslime und Christen, Türken und Armenier im 19. und 20. Jahrhundert. Wiesbaden 2005 (=Kaukasusstudien, Bd. 9), S. 183-202, S. 185 f.

[56] Vgl. Naimark: Flammender Hass, S. 35 f.

[57] Vgl. Ebd., S. 36.

[58] N.N.: Das Gebiet der Metzeleien in Anatolien. In: Frankfurter Zeitung, 27.11.1895, Zweites Morgenblatt, S. 1.

[59] Rade, Martin: Christliche Welt. 10 (1896), Sp. 690. Zit. nach: Meißner: Rades ‚Christliche Welt‘, S. 104.

[60] Was nicht gleichbedeutend damit ist, dass die Orientfrage insgesamt einen sehr bedeutenden Anteil in der Publizistik und der Politik einnahm. Vgl hierzu: Meißner: Rades ‚Christliche Welt‘, S. 103 f.

[61] Lepsius, Johannes: Armenien und Europa. Eine Anklageschrift wider die christlichen Großmächte und ein Aufruf an das christliche Deutschland. Berlin 1896.

[62] Vgl. Meißner: Rades ‚Christliche Welt‘, S. 118.

[63] Vgl. Ebd., S. 126.

[64] Mit der ersten Orientreise des Kaisers 1889 zeichnete sich bereits ein Jahr nach dessen Krönung die enger werdenden Beziehungen zwischen dem Deutschen und dem Osmanischen Reich ab. Vgl. Böer: Türken in Berlin, S. 8.

[65] “Das ist ja ganz haarsträubend! Kann nichts geschehen? Kann Saurma [damaliger Botschafter in Konstantinopel. Anm. d. Verf.] nicht bei Gelegenheit mit seiner vollsten Verachtung dem blöden Hund von Sultan drohen, wenn dieser Zustand nicht gleich aufhört?“. Zit. nach: Meißner: Rades ‚Christliche Welt‘, S. 94.

[66] Vgl. Meißner: Rades ‚Christliche Welt‘, S. 101.

[67] Ebd., S. 140.

[68] Rade, Martin. In: Chronik der Christlichen Welt. 8 (1898), Sp. 551. Zit. nach: Meißner: Rades ‚Christliche Welt‘, S. 148.

[69] Vgl. Meißner: Rades ‚Christliche Welt‘, S. 124.

[70] Zit. nach: Ebd., S. 149.

[71] Vgl. Ebd.

[72] Vgl. Ebd., S. 140.

[73] Mit der Bezeichnung ‚an sich‘ gibt der Autor in dieser Arbeit zeitgenössische Sichtweisen über die Zuschreibung bestimmter Eigenschaften an das armenische Volk wider.

[74] May, Karl: Auf fremden Pfaden. Bamberg 1952, S. 395 f. (Erstausgabe 1897).

[75] Hier kann lediglich noch auf drei weitere Namen verwiesen werden, die sich in ähnlich abfälliger Weise über den Armenier ‚an sich‘ äußerten: Barth, Hans: Türke, wehre Dich! Leipzig 1898. Friedrich Naumann und seine Reiseberichte nach seiner Rückkehr als Gesandter der Orientreise des Kaisers. Vgl. bspw. Naumann, Friedrich: Hinter Konstantinopel. In: Die Hilfe. 4 (1898), S. 5-7. Naumann, Friedrich: Zur Armenierfrage. In: Die Christliche Welt. 12 (1898), Spalte 1185-1188. Zur Person Naumann ausführlich: Schmuhl, Hans-Walter: Friedrich Naumann und die Armenische Frage. Die deutsche Öffentlichkeit und die Verfolgung der Armenier vor 1915. In: Kieser, Hans-Lukas / Schaller, Dominik J. (Hg.): Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah. Zürich 2003, S. 503-516. Hinzu kommt noch der Botschafter Konstantinopels Bieberstein, der mit antisemitischen Stereotypen die Armenier als ‚Juden des Orients‘ bezeichnete. Vgl. Marschall von Bieberstein in einem Schreiben vom 17.11.1900 an Bülow. Zitiert nach Saupp, Norbert: Das Deutsche Reich und die armenische Frage 1878-1914. Köln 1990, S. 165.

[76] Erkennbar werden diese Muster etwa bei: Lepsius, Johannes: Koreferat. In: Die Verhandlungen des Elften Evangelisch-Sozialen Kongresses. Abgehalten zu Karlsruhe am 7. und 8. Juni 1900. Göttingen 1900, S. 147-158. Vgl. auch: Schmuhl, Hans-Walter: Friedrich Naumann und die Armenische Frage. Die deutsche Öffentlichkeit und die Verfolgung der Armenier vor 1915. In: Kieser, Hans-Lukas / Schaller, Dominik J. (Hg.): Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah. Zürich 2003, S. 503-516, S. 508 ff.

[77] Dabei ging Bernstein anders als im heutigen Verständnis von dem Menschen als Kulturmenschen aus, nicht vom Menschen als Individuum. Vgl. Bernstein, Eduard: Die Leiden des armenischen Volkes und die Pflichten Europas. Rede, gehalten in einer Berliner Volksversammlung. (26. Juni 1902). Berlin 1902, S. 39-40.

[78] Der Begriff geht auf Rohrbach zurück und wurde wie ersichtlich, in der Armenischen Frage angewandt.

[79] Vgl. etwa Rohrbach, Paul: Ein dringendes Wort für die Armenier. In: Die Christliche Welt. 50 (1898), Sp. 1188-1192.

Ders.: Weiteres zur Armenierfrage. Die deutsche Politik und die Thatsachen. In: Die Christliche Welt. 52 (1898), Sp. 1237-1239.

Ders.: Armenische Gewalttaten. In: Der Christliche Orient. 3 (1899), S. 92-93.

Ders.: Deutschland unter den Armeniern. In: Preußische Jahrbücher. 96 (1899), S. 308-328.

[80] Vgl. Jäckh, Ernst: Der aufsteigende Halbmond. Auf dem Weg zum deutsch-türkischen Bündnis. Stuttgart / Berlin 1916, S. 137.

[81] Zit. nach: Schaller, Dominik J.: Die Rezeption des Völkermordes an den Armeniern, 1915-1945. In: Kieser, Hans-Lukas / Schaller, Dominik J. (Hg.): Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah. Zürich 2003, S. 503-516, S. 528.

Details

Seiten
93
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656528418
ISBN (Buch)
9783656537571
Dateigröße
803 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263844
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,0
Schlagworte
rezeption deutschland Völkermord Armenien Deutschland und Armenien Deutsches Reich und Armenien Armenische Frage Genozid Armenien

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Titel: Die Rezeption der Armenischen Frage in Deutschland von 1894-1921