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Rousseaus erzieherische Prinzipien vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels der Moderne

Seminararbeit 2010 18 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmung
2.1. Moderne
2.2. Erziehung

3. Der gesellschaftliche Wandel der Moderne
3.1. DieAufklärung
3.2. Familie
3.3. Schule

4. Emile oder über die Erziehung

5. Rosseaus erzieherische Prinzipien nach Hentig

6. Die erzieherischen Prinzipien im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Wandel der Moderne

7. Zusammenfassung

1. Einleitung

Kaum ein anderes Ereignis der Neuzeit hat die kulturelle, soziale und literarische Welt Europas so stark geprägt wie die Aufklärung. Sie erfasste alle Lebensgebiete und wandelte diese um, auch wenn diese Entwicklung nicht allerorts parallel verlief. Die pädagogischen Vertreter der Aufklärung publizierten ihre Ideen, damit auch die Welt der Erziehung sich dem Trend der Aufklärung anpasste. Doch inwiefern beeinflussten die Ideen einzelner Aufklärer das Gedankengut vieler? Änderten sie wirklich etwas oder schrieben sie nur in ihrer eigenen Welt, fernab von der Realität? Diese Abhandlung soll die Fragen anhand des Beispiels von Jean-Jaques Rousseau und seinem Erziehungsroman ,Emile‘ beantworten. Hierbei gilt es zu klären, ob sich die Gesellschaft im Hinblick auf die Erziehung tatsächlich den Ideen und Vorschlägen des Aufklärers angepasst hat oder nicht.

Hierfür werden zu Beginn die Begriffe definiert, mit denen diese Abhandlung arbeitet, um ein einheitliches Verständnis herzustellen. Als nächstes wird der gesellschaftliche und soziale Wandel der Moderne dargestellt. Es wird besonders auf die Sozialisationsinstanzen Familie und Schule eingegangen. Zur Literatur ist zu sagen, dass die Forschung zu diesem Thema bislang kein vollständiges Bild zeichnet, jedoch qualifizierende Forschungen zur Geschichte von Haushalt und Familie bereits eingesetzt haben (vgl. Schlumbohn 1983, S. 23). Als nächstes wird eine kurze Einleitung in den ,Emile‘ gegeben, um im Anschluss die erzieherischen Prinzipien dieses Werkes darzustellen. Hartmut von Hentig hat in seinem Buch ,Rousseau oder Die wohlgeordnete Freiheit4 die Erziehungslehre des Emiles in sieben pädagogische Prinzipien zusammengefasst. Anschließend geht es darum, die zuvor erworbenen Informationen zu vergleichen. Spiegeln die Ideen der erzieherischen Prinzipien tatsächlich den sozialen Wandel der Moderne und der Aufklärung wider? Es wird also verglichen, ob die sogenannten aufklärerischen Ideen Rousseaus tatsächlich Anklang in der Bevölkerung fanden und damit den Zeitgeist der Vernunft wiedergaben oder ob sie nur abstrakte Gedankenkonstrukte waren, die keinerlei Verbindung zur pädagogischen Wahrheit besaßen. Im abschließenden Fazit werden die wichtigsten Erkenntnisse hervorgehoben, um die oben gestellten Fragen noch einmal kurz und prägnant zu beantworten.

2. Begriffsbestimmung

In diesem Kapitel werden der Begriff der ,Modeme‘ und der ,Erziehung‘ definiert, um ein einheitliches Verständnis herzustellen. Dies ist wichtig, weil gerade für diese beiden Begriffe keine einheitlichen Definitionen vorliegt, sondern diese immer vor ihrem thematischen Kontext zu sehen sind.

2.1. Moderne

Dem Begriff der Moderne wurden vom Mittelalter bis zur Gegenwart immer wieder neue Bedeutungen hinzugefügt. Im 15. und 16. Jahrhundert wurde der Modernitätsbegriff gebraucht, um die Gegenwart im zyklischen Geschichtsbild der Renaissance zu beschreiben. Auch der europäische Vormärz mit seinen liberalen und demokratischen Bestrebungen wird historisch oftmals als Moderne bezeichnet. Weiterhin wird vom Modernitätsbewusstsein des 20. Jahrhundert als Imperativ des Wandels gesprochen. Diese Definitionen von Moderne werden in dieser Ausarbeitung jedoch nicht thematisiert. Moderne bezeichnet in diesem Sinne „das Gegenwartsbewußtsein [!] der Aufklärer als erster Schritt zur Loslösung der Modernität vom Vorbild der Antike“ (Gumbrecht 1978 , S. 99). In diesem Zusammenhang kann auch von dem Begriff der ,Sattelzeit‘ gesprochen werden, der von Koselleck in Anlehnung an die Metapher eines Bergsattels gewählt wurde (1978, S. 15). Chronologisch lässt sich hier von der Zeit vor und nach der französischen Revolution sprechen, also dem Zeitraum von 1750 bis 1850. Es handelt sich hierbei um eine Epochenschwelle vom Zeitalter der frühen Neuzeit zum Zeitalter der Aufklärung. Vor allen Dingen soll in dieser Zeit der gesellschaftliche und soziale Wandel, den die Aufklärung mit sich brachte, eine besondere Betonung in dem hier definierten Modernitätsbegriff finden.

2.2. Erziehung

„Was Erziehung ist, muß [!] in jeder Zeit neu ermittelt werden, ihr ,Wesen‘ ist geschichtlich“ (Mollenhauer 1977, S. 248). Damit soll ausgedrückt werden, dass Erziehung ein sozio-kulturelles Konstrukt ist, was durch seinenjeweiligen Zeitgeist geprägt wird. Je exakter man den Erziehungsbegriff definieren will, desto größer und inhaltsloser muss man ihn fassen. Dies stellt das wahre Problem einer Definition dar. Mollenhauer umfasst hierbei alle Methoden und

Mittel, die den Menschen letztlich dazu bringen, dass er keinen Erzieher mehr braucht (1977, S. 248). Keller definiert Erziehung verallgemeinert als zielgerichteter Prozess eines Erziehers, der das Verhalten eines Kindes dauerhaft ändern will (2001, S. 117). Diese beiden Definitionen vereinigen prinzipiell die Merkmale, die für den Begriff der Erziehung in dieser Abhandlung relevant sind. Also ergibt sich in diesem Sinne folgende Definition: Erziehung ist ein zielgerichteter und beabsichtigter Prozess eines Erziehers gegenüber seines Zöglings, der abgeschlossen ist, sobald dieser fähig ist selbstständig zu denken, zu handeln und in der Gesellschaft zu bestehen. Wichtig ist hierbei zu erwähnen, dass Erziehung sich ausschließlich auf die Erziehung eines Kindes zum Erwachsenen bezieht. Die Erwachsenenerziehung wird hier nicht thematisiert.

3. Der gesellschaftliche Wandel der Moderne

Der gesellschaftliche Wandel, der im Folgenden beschrieben wird, soll zur Systematisierung in drei Aspekte aufgegliedert werden. Erstens soll ein allgemeines Verständnis von den Ideen und Gedanken, die die Aufklärung mit sich brachte, hergestellt werden. Zweitens wird der theoretische und praktische Wandel innerhalb der Familie betrachtet und als dritte Instanz wird die pädagogische Entwicklung der Schule betrachtet.

3. 1. DieAu/kiärung

Die Aufklärung beschreibt einen zeitlich langen, regional und thematisch vielseitigen Abschnitt der europäischen Geschichte bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert. Auch wenn sich diese Abhandlung auf die pädagogische und philosophische Wirkung der Aufklärung bezieht, so sei doch gesagt, dass sie generell nicht darauf reduzierbar ist, sondern vielmehr die eigentliche Grundlage der modernen europäischen Kultur und Geschichte ist (vgl. Tenorth 1992, S. 75). Zu den Hauptmerkmalen der Pädagogik der Aufklärung zählen

и. a. die Definition von Wissen unter dem Schwerpunkt der Erkenntnis und des Fortschritts zu stellen, das Bildungssystem zu säkularisieren und den Menschen als vernunftbegabtes Wesen ins Zentrum zu stellen. Sie betont in erzieherischer Hinsicht vor allen Dingen den Begriff der Natur und das neue Bild des Kindes. Gelebt wird Aufklärung durch den öffentlichen Gebrauch von Kritik gegenüber Vorurteilen, Dogmen und Aberglauben und damit durch die Kritik an bestehenden Machtverhältnissen und Gesellschaftsstrukturen. Die Erziehung ist hierbei von Nöten, damit sowohl der Einzelne als auch die Gesamtheit zu ihrer Bestimmung, nämlich der vernünftigen Natur komme. Es liegt auf der Hand, dass solch ein revolutionärer und historischer Wandel Probleme mit sich bringt, die bis in die Gegenwart spürbar sind. „Dazu gehört vor allem, daß [!] eindeutig-unkontroverse oder gar endgültige pädagogische Lösungen weder zu erwarten noch zu beobachten sind“ (Tenorth 1992, S. 73).

3.2. Familie

Die Familie stellt das erste direkte Lebens- und Erfahrungsfeld des Kindes dar. Während des o.g. Zeitalters wandelt sich die ländlich-agrarische Gesellschafts-, Wirtschafts- und Lebensform in eine städtisch-industrielle. In den Lebenskreisen, die dem bürgerlichen Leitbild folgen, wird das Alltagsleben vor allen Dingen an den Bedürfnissen und Notwendigkeiten des Lernens und Heranwachsens des Kindes orientiert (vgl. Herrmann 1987, S. 54). Diese veränderten Umstände des Aufwachsens lassen sich jedoch nicht generalisieren, denn das psycho-soziale Klima des Familienlebens „divergiert in seinen äußeren Voraussetzungen [...] entlang der Grenzlinie von reich und arm“ (Hermann 1983, S. 55). Hermann differenziert deswegen das Familienleben dieser Zeit in drei Lebensweisen, die hier zur Charakterisierung des Familiengeistes, übernommen werden sollen. Sie lauten das ,ganze Haus‘, die intimisierte ,Privat-Familie‘ und der Haushalt ohne ,Familienleben‘. Sie werden im Folgenden genauer beschrieben.

Für das ,ganze Haus‘ ist eine Durchmischung von allen Altersstufen wegen der Einheitlichkeit von Haushalt und Betrieb charakteristisch. Es besteht aus einer oder mehreren Kernfamilien und ledigen Personen, die eine Lebens­und Wirtschaftsgemeinschaft gegründet haben. In älterer Literatur auch als ,Großfamilie‘ bezeichnet, ist diese Familienform unter agrarischen Verhältnissen die vorherrschende (vgl. Herrmann 1987, S. 56). Dies umfasst sowohl bäuerliche Familien als auch das Handel und Gewerbe treibende Bürgertum und den Adel, der seine Güter selbst bewirtschaftet. Das ganze Haus ist streng patriarchalisch durchstrukturiert. Die sozialen Bindungen ergeben sich aus den Arbeitsverhältnissen und das Leben kennt meist keine privaten Rückzugsräume. Verhaltens- und Orientierungsmuster werden größtenteils durch Nachahmung der Vorbilder angeeignet.

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Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656528562
ISBN (Buch)
9783656530503
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263778
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg – Historische Bildungsforschung
Note
1,3
Schlagworte
rousseaus prinzipien hintergrund wandels moderne

Autor

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