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Liebe in Gottfried Kellers "Romeo und Julia auf dem Dorfe"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 15 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Konzept der Liebe im Realismus

3. Analyse des Liebesbegriffs

3.1 Entdeckung der Liebe

3.2 Entwicklungen einer Beziehung gegen alle Normen

3.3 Sexualität vs. Liebe

3.4 Liebestod

4. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Dorf Altsellershausen, bei Leipzig, liebten sich ein Jüngling von 19 Jahren und ein Mädchen von 17 Jahren, beide Kinder armer Leute, die aber in einer tödlichen Feindschaft lebten und nicht in eine Vereinigung des Paares willigen wollten. Am 15. August begaben sich die Verliebten in eine Wirtschaft, wo sich arme Leute vergnügen, tanzten daselbst bis nachts 1 Uhr und entfernten sich hierauf. Am Morgen fand man die Leichen beider Liebenden auf dem Feld liegen; sie hatten sich durch den Kopf geschossen.[1]

Dieser Artikel in der Züricher Freitagszeitung diente Gottfried Keller als Inspiration für seine Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe“[2]. Schon von Beginn an erweckt sie beim Leser die Annahme einer tragischen Geschichte. Besonders ist das auf den Titel zurückzuführen, der eine starke Anspielung auf Shakespeares Drama „Romeo und Julia“ darstellt. Diese Erwartung wird auch erfüllt: Die beiden Protagonisten Sali und Vrenchen verlieben sich unsterblich ineinander und sind am Ende bereit, lieber zu sterben als jemals wieder von dem anderen getrennt zu sein. Es handelt sich um eine tragische Liebesgeschichte, die mit dem Tod von Sali und Vrenchen endet.

Die nachfolgende Arbeit setzt sich mit dem Thema der Liebe in Gottfried Kellers „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ auseinander. Zuerst soll dabei ein allgemeiner Überblick zum Thema der Liebe im Realismus gegeben werden. Dabei wird besonders auf die Veränderung des Liebeskonzepts und den Begriff der Sozialität eingegangen, der ebenfalls eine wichtige Rolle für die Literatur spielte. Danach folgt eine Analyse des Liebesbegriffs in der Novelle selbst. Hierbei werden wichtige Abschnitte in der Beziehung von Sali und Vrenchen beleuchtet. Das erste Unterkapitel thematisiert das Entdecken der Liebe der beiden füreinander und die Gründe dafür, dass diese Liebe schon immer ein Teil von beiden war. Im Anschluss daran sollen die Beziehung und die gesellschaftlichen Normen und Werte, die das Leben der beiden bestimmen, in den Vordergrund rücken. Es soll gezeigt werden, was Sali und Vrenchen unter Glück verstehen und wie ihr Denken von den Wertvorstellungen der Gesellschaft geprägt ist. Der dritte Abschnitt widmet sich der Bedeutung von Liebe und Sexualität in Salis und Vrenchens Beziehung. Im letzten Kapitel soll der Liebestod im Zentrum der Betrachtung stehen. Ist der Tod die einzige Lösung für die Probleme der beiden oder werden mögliche Alternativen nicht ernsthaft in Betracht gezogen?

2. Das Konzept der Liebe im Realismus

In diesem Abschnitt soll die Liebe und ihre Wirkung in der Epoche des Realismus beleuchtet werden.

Mit dem Begriff „Realismus“ verbinden sich im 19. Jahrhundert die Orientierung an der Wirklichkeit und die Abwendung von der idealistischen Weltsicht. Die Realisten spalteten sich von der Idee des romantischen Ideals ab und lehnten sich gegen die romantischen Fantasien.[3] Das 19. Jahrhundert stand sozusagen im „Bann“ der Liebe.[4] Das Liebeskonzept veränderte sich in dieser Zeit stark, zwei Individuen erkannten sich an und die Beziehung beruhte auf Liebe und Sexualität.[5] Für die Theoretiker des 18. Jahrhunderts galt die Vollkommenheit der Geliebten als Liebe, diese Einstellung wurde durch moderne Ansichten ersetzt.[6] Das Schaffen einer neuwertigen gemeinsamen Welt durch gemeinschaftliche Erlebnisse rückte immer mehr in den Vordergrund und vermischte sich mit den Charaktereigenschaften der Liebenden. Der Charakter wurde ein wichtiger Bestandteil des neuen Liebesdiskurses.[7] Nicht mehr die Reproduktion stand im Vordergrund, wie dies bei der „Bürgerlichen Ehe“ der Fall sein sollte, sondern vielmehr das Erleben der Liebe und der Sexualität.[8] So wurde die Ehe und deren Länge von der Liebe bestimmt. Im Gegensatz dazu entschied im 18. Jahrhundert die Ehe selbst, wie lange die Liebe andauerte. Das neue Liebeskonzept der „romantischen“ Liebe versuchte eine Verbindung zwischen dem Körperlich-Leidenschaftlichen und der geistigen Zuneigung hervorzubringen.[9] Dies kann in der heutigen Zeit als eine „Integration der (erfüllenden) Sexualität“[10] gesehen werden.[11] Der Begriff der Individualität rückte immer mehr in den Vordergrund und war eine wichtige Komponente, die die Liebenden zusammenführte.[12] Die Liebe wurde als etwas Einzigartiges erfahren, aber auch die eigene Persönlichkeit wurde neu erlebt.[13] Intimität und das neuentdeckte gemeinsame Leben, in dem eine erfüllende leidenschaftliche, erotische Vorstellung vorherrschte, wurde als Ideal der Liebe angesehen.[14] So kann gesagt werden, dass der Hauptaspekt des neuen Liebeskonzeptes die Geschlechtsliebe wurde[15]. Doch hielt dies nicht lange an: Zwar war die Geschlechtlichkeit an die Liebe gebunden, wurde aber im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer mehr von der Sexualität verdrängt.[16]

Dabei ist zu beachten, dass die Liebe in zwei Kategorien eingeteilt werden konnte: die Liebe in einer erotischen Art und die Liebe als Gefühl.[17] Nicht jede Liebe umfasste den leidenschaftlichen Akt, vielmehr gab es die Liebe, die die Leidenschaft besaß, aber nie in den geschlechtlichen Kontakt kam. Daneben gab es die Liebe, die nach diesem Akt strebte und ihn auch erreichte.[18] Doch musste die Liebe in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit starken Schwierigkeiten kämpfen. Hierbei war nicht die Individualität und die Erotik das Problem, sondern vielmehr die Sozialität.[19] Der Begriff der Sozialität soll in diesem Kontext die Einheit von sozialen Beziehungen kennzeichnen.[20] Die Ehe wurde in diesem Prozess der Sozialisierung ein zentrales Symbol der Liebe. Sie wurde nicht nur zur Institution erhoben, sondern war ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der einzige Lebensbereich, in dem der geschlechtliche Kontakt erlaubt und legitimiert war.[21] Erst wenn die Liebe schon existierte, konnte sie in die Ehe übertragen werden.[22] Aus dem Gefühl einer geschlechtlichen Anziehung entwickelte sich somit die Ehe, in ihr wurde die leidenschaftliche Liebe beruhigt und ein Raum erzeugt, in dem Familie entstehen konnte.[23] Der Liebesdiskurs des 19. Jahrhunderts lässt sich zweiteilig interpretieren. So stand sich einmal das Liebespaar als abgeschlossene Einheit, durch die Liebe zusammengeführt, dem Liebespaar gegenüber, welches durch eine funktionierende Sozialität eine Form von Liebe erzeugte.[24] Aber nicht nur durch Leidenschaft, sondern auch durch gemeinschaftliche Unterstützung und sogar Mitleid entstanden Formen der Liebe. Diese waren besonders prägend für den Realismus und für die Sozialität in der Liebe in dieser Zeit.[25] Selbst in der Literatur entschied die Sozialität darüber, ob eine Liebesgeschichte glücklich oder unglücklich endete. Wenn in den Texten des Realismus über die Liebe gesprochen wurde, entschied mehr denn je die Verschiedenheit der Sozialität über das Schicksal der Liebenden und darüber ob ein Leben in der Beziehung dauerhaft möglich war. Besonders die Liebe, die mit einer erotischen Komponente versehen war, misslang wegen der Inkompatibilität gegenüber den sozialen Strukturen und Normen. Immer wieder führte die Literatur vor, wie Beziehungen bei dem Versuch der Figuren scheiteren, sich aus den festgefahrenen Normen zu lösen, ihre eigene Individualität zu entdecken und ihren Leidenschaften zu folgen.[26] Obwohl das Zeitalter des Realismus die „bürgerliche Ehe“ langsam ablöste und die Sexualität immer größeren Zuspruch erlangte, war es nicht möglich, sich völlig von den Normen und Werten der Zeit zu lösen.

[...]


[1] Vgl. Metz, Klaus-Dieter: Gottfried Keller. Romeo und Julia auf dem Dorfe. Stuttgart: Reclam 2003, S.1.

[2] Keller, Gottfried: Romeo und Julia auf dem Dorfe. Stuttgart: Reclam 1953/2011.

[3] Vgl. Götze, Karl Heinz, Haag Ingrid, Neumann Gerhard, Sautermeister Gert: Zur Literaturgeschichte der Liebe. Würzburg: Könighausen & Neumann 2009, S. 5.

[4] Susteck, Sebastian: Kinderlieben. Studium zum Wissen des 19. Jahrhunderts und zum Deutschsprachigen Realismus von Stifter, Keller, Storm und Anderen. Berlin/New York: de Gruyter 2010, S. 64.

[5] Vgl. Spörk, Ingrid: Liebe und Verfall. Familiengeschichten und Liebesdiskurse in Realismus und Spätrealismus. Würzburg: Könighausen & Neumann 2000, S. 46.

[6] Vgl. ebd.

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. ebd.

[10] Susteck, S.: Kinderliebe, S. 33.

[11] Vgl. Susteck, S.: Kinderlieben, S. 33.

[12] Vgl. ebd.

[13] Vgl. Spörk, I.: Liebe und Verfall. S. 47.

[14] Vgl. Susteck, S.: Kinderlieben, S. 36.

[15] Vgl. ebd., S. 85.

[16] Vgl. ebd., S. 64.

[17] Vgl. ebd., S. 86.

[18] Vgl. ebd., S. 90.

[19] Vgl. ebd., S. 34.

[20] Vgl. ebd.

[21] Vgl. ebd., S. 36.

[22] Vgl. ebd.

[23] Vgl. ebd., S. 90.

[24] Vgl. ebd., S. 95.

[25] Vgl. ebd.

[26] Vgl. ebd., S. 34.

Details

Seiten
15
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656527862
ISBN (Buch)
9783656530374
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263765
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Philosophisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
liebe gottfried kellers romeo julia dorfe

Autor

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