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Essen als gesellschaftliches Ereignis in Pompeji

Gegenüberstellung des Thermopolium IX 11.2 und I 8.8.9 sowie der Caupona VI 10 1.19 abgegeben am:

von Louise Dober (Autor)

Seminararbeit 2013 38 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Pompeji - seine Geschichte und Ausgrabungshistorie

3. Lebensmittelversorgungspunkte: Kaufen und Verkaufen
3.1.Die Wege der Lebensmittelversorgung
3.2.Märkte
3.3.Tabernae
3.3.1. Thermopolium
3.3.2. Caupona und Hospitum
3.3.3. Hospitia und Stabula
3.3.4. Imbissstuben

4. Analyse
4.1.Thermopolium
4.2.Thermopolium
4.3.Caupona

5.Schlussbetrachtung
Verteilung der Lebensmittelversorgungspunkte in Pompeji und deren Bedeutung
Mary Beard’s Überlegung
Verteilung nach Eschenbach und Ellis
Bedeutung der Wandgestaltung
Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

7. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit befasst sich mit der Lebensmittelversorgung in Pompeji mit besonderem Augenmerk auf die Märkte, die Geschäfte und deren Untergruppen. Dabei werden eine kurze Definition und Beschreibung der großen und kleinen Gastwirtschaften, der Schenken und Restaurants gegeben. Einen besonderen Blick soll diese Arbeit auf die Unterscheidung zwischen einem großen Thermopolium, das als Restaurant definiert werden kann, und dem kleinen Thermopolium, der sogenannten Garküche bzw. dem Imbissstand, legen. Die Unterscheidung dieser beiden Garküchen wird anhand ihrer Baupläne und Beschreibung ihrer Raumgestaltung deutlich. Weiter soll dann im Gegensatz zu den Lokalen, die Speisen anboten, die Schankwirtschaft betrachtet werden; auch hier wird auf die Wand- und Raumgestaltung eingegangen.

Diese Analyse soll dann die Leitfrage beantworten, ob das Essen in Pompeji ein gesellschaftliches Ereignis war und ob eine Unterscheidung der Gesellschaftsschichten anhand der Lokalitäten erkennbar ist, wie es zum Beispiel die detaillierte und pompöse Gestaltung der Räume samt Böden und Fassaden im Thermopolium IX 10,11.2 vermuten lässt.1 Den Armen und Sklaven war es sicher nicht möglich, in diesem Etablissement zu speisen, sondern eher im Thermopolium I 8.8,9, welches vielmehr als Imbissstand mit einem Speiseraum zu bezeichnen wäre. Die Caupona IV 10,1.19 war eine Weinschenke, deren Fresken dies seinem antiken Besucher auch deutlich machten: Hier sollte er seinen Wein und seinen Garum samt Brot nicht in gediegener Atmosphäre zu sich nehmen, sondern die vulgären Sexszenen und die amüsanten Bilder sollten ihn zum Feiern, Genießen und zum starken Genuss von Wein und der weiblichen Gesellschaft anregen.

Die Arbeit ist so gegliedert, dass zuerst ein kurzer Abriss der Geschichte Pompejis gegeben wird. Diesem folgt dann eine schrittweise Erarbeitung der Bedeutung der wichtigsten Begriffe in dieser Arbeit. Die Lebensmittelversorgung begann immer mit einem Markt; hier sollte es das Macellum sein. Nach der Bestimmung der Lebensmittelversorgungspunkte werden alle Geschäfte, die im Zusammenhang mit schon gegarten und zubereiteten Lebensmitteln stehen (außer Bäckereien), kurz beschrieben. Nach dieser Betrachtung folgt eine Analyse der oben genannten tabernae, die mit einigen aussagekräftigen Bildern sowie Diagrammen untermauert wird. Die Reihenfolge der Abbildungen richtet sich nach der Reihenfolge im Text.

Da Pompeji bereits schon im 18. Jh. wiederentdeckt wurde, ist der Forschungsstand2 sehr gefestigt und die Ausgrabungen3 sind - betrachtet man die Karte von Pompeji - weit fortgeschritten. In vielen Dingen und Erkenntnissen sind sich die Archäologen einig, nur in der Frage zu den Definitionen der Thermopolia und Cauponae gehen die Meinungen in zwei verschiedene Richtungen. Einerseits folgen viele Wissenschaftler den Definitionen Hans Eschenbachs4 und andere wiederum denen von Tönnes Kleberg5. Viele wissenschaftliche Beiträge in allen Formen wurden zu Pompeji veröffentlicht, aber nicht nur hier wird das Thema Pompeji bearbeitet, sondern auch im Film6 und in einer großen Anzahl hochwertig gedruckter Bildbände7 und gut strukturierter Reiseführer8. Diese Arbeit geht nicht nur auf die Definitionen von Kleberg oder Eschenbach ein, sondern auf eine Verbindung aus beiden Definitionen, dem eigenen Verständnis, der Begutachtung der Baupläne und der Gestaltung der Räume.

2. Pompeji - seine Geschichte und Ausgrabungshistorie

Die Hafen- und Weinstadt Pompeji wurde von den Oskern gegründet. Die Bevölkerung der Stadt bestand laut Strabon9 aus Oskern, Etruskern, Pelasgern und Samniten. Die Pompejaner standen zunächst unter griechischem Einfluss. Im Jahre 525 v. Chr. dehnten die Etrusker ihren Machtbereich bis nach Pompeji aus. Sie übernahmen unter anderem den in Pompeji gepflegten Apollon-Kult. Nach der Niederlage der Etrusker gegen die Flotten von Cumae und Syrakus in der Schlacht von Cumae im Jahr 474 v. Chr. hatten erneut die Griechen die Hegemonie über Kampanien inne. Seit dem späten 5. Jhd. v. Chr. stand Pompeji unter samnitischer Herrschaft. Im Jahre 310 v. Chr. konnte die Stadt einen Plünderungszug römischer Flottensoldaten noch abwehren, die die Nachbarstadt Nuceria Alfaterna einnehmen sollten. 290 v. Chr. musste sich Pompeji, wie auch alle anderen samnitischen Städte, dem römischen Bündnissystem anschließen. Aus dem 2. Jhd. v. Chr. wurden mehrere oskische Inschriften gefunden, aus denen ersichtlich wird, dass es der kampanischen Stadt nach und vor allem während des 2. Jhd. v. Chr. wirtschaftlich sehr gut ging. Es konnten viele öffentliche Projekte wie Markthallen- oder Tempelbauten realisiert werden.10 Sowohl während der Samnitenkriege11 als auch während des Bundesgenossenkrieges12 stand Pompeji auf Seiten der Gegner Roms. Sulla13 belagerte die Stadt 89 v. Chr.; Spuren der Artillerie sind noch heute zu sehen. Es wurden auch Inschriften in oskischer Sprache an den Häuserwänden gefunden, die den ortsunkundigen Verteidigern den Weg weisen sollten. Pompeji unterlag schließlich den Römern und wurde 80 v. Chr. von Sulla in eine römische Kolonie umgewandelt. Aus dieser Zeit stammen lateinische Inschriften, die auf eine Romanisierung hinweisen. In Anlehnung an das römische Kaiserhaus wurde der von Augustus14 vorgesehene Nachfolger, sein Neffe Marcellus, zum Schutzpatron der Stadt auserkoren und wie Augustus in der Stadt kultisch verehrt. Ebenfalls in augusteischer Zeit scheint sich die mondän anmutende Kleinstadt zu einem Treffpunkt der römischen Oberklasse entwickelt zu haben.15

Ein großes Erdbeben, von dem sich Pompeji zum Zeitpunkt seines Unterganges noch nicht wieder ganz erholt hatte, erschütterte am 05.02.62 die Region um den Vesuv und richtete in Pompeji große Schäden an. Die Bevölkerung Pompejis wird auf 8.000 bis 10.000 Einwohner zur Zeit des Untergangs geschätzt. Bereits einige Tage vor dem Ausbruch hatte es Vorzeichen für eine Aktivität des Vesuvs gegeben, weshalb ein Teil der Einwohner die Stadt vorsichtshalber schon verlassen hatte. Der Vulkan spuckte Unmengen von Asche, Lava und Gasen in die Atmosphäre. Diese Wolke wurde vom Wind über das Land in Richtung Pompeji getragen. Kurz nach Beginn des Ausbruchs begann es Bimsstein zu regnen. Unter dem Bimssteinstaub befanden sich größere Stücke, die mit hoher Geschwindigkeit auf die Erde prallten.16 Als sich der Vesuv nach seinem achtzehnstündigen Ausbruch wieder beruhigt hatte, waren die meisten Menschen in Pompeji bereits erstickt oder von herabfallendem Gestein erschlagen worden. Dennoch hatten einige die Katastrophe bis zu diesem Zeitpunkt überstanden. Die wenigen, die noch lebten, fielen aber nur kurze Zeit später Glutlawinen zum Opfer. Bereits ein paar Tage nach dem Ausbruch versuchten einige Aufräumtrupps, die wichtigsten Dinge aus der Asche zu bergen. Da dies aber sehr riskant war, wurden diese Arbeiten bald eingestellt, und Pompeji geriet in Vergessenheit. Erst im Jahre 1754 stieß man zufällig auf Gebäude, aber erst 9 Jahre später erkannte man, dass es sich um Pompeji handelte. Man fand die Inschrift respublica Pompeianorum. Seitdem dauern die Ausgrabungen bis heute an.

Anfangs ging es bei diesen Ausgrabungen natürlich noch sehr unkontrolliert zu: Viele Archäologen waren nur auf Geld aus, und sobald sie ein Gebäude freigelegt hatten, wurde es ausgeplündert und danach wieder zugeschüttet. Außerdem wurde ohne jegliches System an verschiedenen Stellen gegraben. Erst knapp 100 Jahre später kam System in die Ausgrabungen. Der Leiter war Guiseppe Fiorelli17. Er grub nach einem vernünftigen System und nummerierte die Ausgrabungen; diese Nummerierung gilt bis heute noch. Er dokumentierte als erster seine Ausgrabungen und entwickelte die sogenannte Ausgussmethode: Die Hohlräume der Körper, die sich gebildet hatten, nachdem der Körper zerfallen war, wurden mit Gips aufgefüllt. So kann man heute die genaue, letzte Körperstellung der Pompejaner erkennen wie im Garten der Fliehenden. Heute sind etwa 3/5 von Pompeji ausgegraben und erforscht (Abb. 1).18

3. Lebensmittelversorgungspunkte: Kaufen und Verkaufen

3.1.Die Wege der Lebensmittelversorgung

In Pompeji gab es, mit einer Ausnahme, keine Sackgassen; dies ist die Folge der kaiserzeitlichen Umund Neubauten. Die Straßen und Gassen wurden als Durchgangswege genutzt und ermöglichten eine zielgerichtete Bewegung. Die Seitengassen dienten als Zugänge zu der Mauer. Diese waren hoch frequentiert und hatten eine große Bedeutung für die Menschen und vor allem für die Händler. Es gibt in Pompeji eine innerstädtische Ringstraße, welche eine ungehinderte Zirkulation ermöglicht, wodurch Um- und Rückwege vermieden werden können. Dickmann differenziert hier zwei Typen: zum einen den Bürgersteig, der nur zum Spazieren gedacht war und zum anderen die gepflasterten Straßen, die den Lasttieren und -trägern sowie den Wägen als Verkehrsweg vorbehalten waren. In der ‚ Tabulae Heracleensis ’ 19 wurde der private Lastenverkehr des Nachts untersagt und es durften nur einzelne Wagen als Zulieferer öffentlicher Bauvorhaben verkehren.20

Um also Lebensmittel zu transportieren, war ein gut ausgebautes Verkehrs- und Straßennetz unabdingbar. Die vielen Stadttore (Abb. 18) ermöglichten nicht nur einen umfassenden Zugang in die Stadt, sondern verteilten die Anlieferungspunkte der Waren aus Kampanien an mehrere Stationen. Das Straßennetz in Pompeji war somit optimal ausgelegt, um alle Waren von den Portas verteilen zu können.

„Die geographische Lage begünstigte Pompejis Funktion als Handelsplatz. Strabo erklärt, Pompeji sei ein Umschlagsplatz, ein emporium, und diene als Ausgangspunkt für drei Zentren im Landesinneren, Nola, Acerrae und Nocere, wobei der Fluss Sarno die Rolle einer Import- und Exportstraße spiele. Landwirtschaftliche Produkte wurden ausgeführt, die überseeischen Waren kamen zum Sarnus Pompeianus21. Der Überseehandel hatte in Pompeji eine lange Tradition. Das Vorbild des griechischen und etruskischen Überseehandels wurde von den Oskern aus der Ebene, ja selbst von den samnitischen Eroberern rasch übernommen. Wie in Karthago und in vielen Städten Siziliens setzte sich die Kaufmanns-Aristokratie aus Großgrundbesitzern zusammen, die die Produkte ihrer Güter exportierten und Gewerbe betrieben, die mit ihren sonstigen Beschäftigungen in Zusammenhang standen. Der Wein, die wesentlichste Quelle ihres Reichtums, war das bedeutendste Handelsgut.“22

Da natürlich nicht alle Lebensmittel über die Schifffahrt nach Pompeji eingeführt wurden, mussten die Waren aus dem Umland über die Land- bzw. Hauptstraßen nach Pompeji kommen. Mögliche Straßen, die genutzt worden sind, sind die zulaufenden Straßen Herculaneum, Stabina, Nuceria und Nola. Pompeji war gut an andere Städte angebunden und ein reibungsloser Transport aller Waren und vor allem der Lebensmittel war gewährleistet. In Pompeji gab es zwar keine großen landwirtschaftlichen Gärten, die die Versorgung mit Gemüse (Karotten, Zucchini, Tomaten, usw.) und Obst ermöglichten, doch bauten einzelne Hausbesitzer in ihren kleinen Gärten allerlei Obst und vor allem Gemüse an, um diese dann entweder selbst zu verzehren oder im und um das Macellum zu verkaufen. Etienne schreibt zum Thema Landarbeit und Gemüse, dass die reichhaltige Gemüsezucht die Sache der kleinen Grundbesitzer und freien Familien war, die ihren fruchtbaren Boden selbst bewirtschafteten und ihre Gemüse zum Markt brachten. Die horti Pompeiani waren berühmt wie ihre Produkte: Kohl, Zwiebeln, Mangold, Bohnen, und Kichererbsen. Im ganzen Viertel in der Umgebung der Porta di Nola waren die Gemüsegärten von Mauern umschlossen und lieferten – wie in heutiger Zeit die Umgebung der Städte - Kohl, Linsen und Salat.23 Weiter schreibt Etienne über den Obstanbau und die Früchte in den pomaria, die von pomarii gepflegt wurden. Hohes Interesse habe vor allem den kampanischen Feigen gegolten. In den Obstgärten würden allerlei Nüsse und Kernobst geerntet.24 Um Pompeji herum bestand die Landwirtschaft hauptsächlich aus dem Weinanbau. Die landwirtschaftlichen Geräte, die in der Antike zur Ernte von Weintrauben nötig waren, fanden die Archäologen im Haus des Menander (I, 10,4).25 Da Wein und dessen Verkauf sehr erträglich war und noch heute ist, waren die meisten Weinhändler im Besitz einer Villa, da sie durch ihren Weinexport an Reichtum gelangt waren.

Zwei weitere Landwirtschaftszweige waren der Getreideanbau und die Viehzucht:

„Dank der Ackerbaugeräte, die man in den Villen gefunden hat, kann man sich ein gutes Bild vom Pflügen, Säen, von Ernte, Dreschen und Lagern des Getreides machen. Räderlose Pflüge, Sicheln, Hippen und Dreschflegel standen den zahlreichen Arbeitern zu Verfügung, die - wenn man Strabo glauben darf - jährlich zwei bis drei Ernten zu bewältigen hatten. Auf großen Gütern gab es noch eine vierte, die Gemüseernte.“26

Zum Thema Viehzucht schreibt Etienne, dass für die großen Schafsherden viele Hirten vonnöten waren. Dies traf auch auf die Geflügel-, Rinder- und Schweinezucht zu. Die Tiere wurden zum Teil lebendig ins Macellum geführt und dort geschlachtet. Näheres dazu steht im folgenden Abschnitt.“

3.2.Märkte

Der naheliegende Hafen und die umliegenden Straßen dienten dazu, allerlei Waren zu transportieren. Diese wurden von den Portae aus verteilt. Es brauchte nun einen optimalen Verkaufsplatz, um die Fülle an Waren zu verkaufen. Neben dem Macellum und dem Forum Holitorium boten sich auch die fahrenden Händler, die ‚Pop-Up-Läden’ und auch (und das nur kurzfristig) die Außenfassade des Amphitheaters an. Auf die Nutzung der Außenfassade wird später noch eingegangen. Der zentrale Standort des Macellum und des Forum Holitorium begünstigte sicherlich den hohen Absatz, da das Forum das politische und wirtschaftliche Zentrum Pompejis war27. Das Macellum28 (Abb. 3) befindet sich in der Nordostecke des Forums (Abb. 2). Bei der Entdeckung hielten es die Archäologen, wegen der zwölf Sockel in der Mitte, zunächst für eine Art Pantheon29, ein mehreren Göttern geweihtes Gebäude. Bei späteren Grabungen fand man an der Nordseite Getreide und Früchte, sowie in der Mitte des Hofes Fischgräten und Fischschuppen. Dies war dann der Indikator für einen Marktplatz.

Das Macellum hatte drei Zugänge: zwei Haupteingänge und einen Nebeneingang. Der erste Haupteingang befand sich in der Mitte der Westseite, am Forum. Der zweite Haupteingang war in der Mitte der Nordseite, an der Via degli Augustali. Ein Nebeneingang befand sich im Südosten. Er war nur über eine kleine Treppe zu erreichen. Die Orientierung des Macellums weicht von der des Forums ab. Sie wird durch den Verlauf der Via degli Augustali und des Vico del Balcone Pensile im Süden bestimmt. Um diese Abweichung zu kompensieren, nimmt die Größe der Läden, die an der Westseite zum Forum hin liegen, von Norden nach Süden ab.30

Das Macellum wurde in samnitischer Zeit errichtet und fand sich ursprünglich weiter nach Westen gerichtet. Es hat einen Hof, der von allen vier Seiten von Portiken und Tuffsäulen umgeben ist. Entlang der Südseite findet sich eine Reihe von einräumigen Geschäften. Das Macellum wurde zur Kaiserzeit umgebaut; während dieser Arbeiten wurde die Umfassungsmauer im Westen weiter zurückgedrängt und ein Ehrenbogen neben dem Iuppitertempel errichtet. Zu beiden Seiten des Macellum wurden sieben tabernae argentariae, die sogenannten Wechselstuben, errichtet.

Die baugeschichtliche Erforschung des Macellum geht auf Amedeo Maiuri zurück. Archäologen datieren es auf 130-120 v. Chr. Das vorherige Macellum hatte keinen Rundbau in der Mitte. Auf der Nord- und Südseite entsprach der Verlauf des ursprünglichen Portikus dem des späteren; auf der Ost- sowie der Westseite hingegen war er geräumiger. An der Südseite befanden sich eine Reihe von tabernae, die weniger tief und anders eingeteilt waren. An der Ostseite lagen einige Räume mit einer schönen Wanddekoration des ersten Stils (Abb.4) und mit einer zweiten Säulenreihe an der Vorderseite.31

Betrachtet man den Bauplan (Abb. 5) des Forum Holitorium, ist zu erkennen, dass dieser Teil des Marktes eine ganz andere Funktion als das Macellum erfüllen sollte. Das Holitorium, der Gemüsemarkt bei dem Gebäude der Maße und Gewichte, war im Jahre 79 ebenfalls noch in Arbeit; es hatte noch kein Dach. Diesem Gemüsemarkt, wo man die lupinarii (Lupinen- und Hülsenfruchthändler) und caeparii (Zwiebelhändler) antraf, entsprach der porticus pomarorum für das Obst, die Domäne der pomarii (Obsthändler).32 Die kleinen Händler verfügten über feste Verkaufsplätze und zahlten der Kolonie dafür eine Standmiete. Diese Steuer zahlte der Bankier L. Caecilius Iucundus direkt an die lokalen Behörden im Namen des M. Fabius Agathimus, der bis zum Erdbeben Einnehmer der Steuer war.33 Neben dem Verkauf von Gemüse und Obst trafen sich die Händler und Kontrolleure am Eichtisch (Abb.6), um dort die Preise an die Mengeneinheiten des Eichtisches anzupassen:

„Die mensa ponderia (Eichtisch) hat eine Fläche von etwa 225 x 55 cm, fünf unterschiedlich große und an der Mittellinie des Tisches ausgerichtete sowie vier kleinere, in den Tischecken eingelassene Aushöhlungen. Sie dienten als Hohlmaße zum Messen bzw. Nachmessen von flüssigen und trockenen Produkten (z.B. Öl, Getreide). Die Aushöhlungen waren durch an ihrem Boden befindliche Öffnungen zu entleeren. Der Tisch weist zwei Inschriften auf, eine auf der Oberfläche des Tisches neben den fünf größeren Öffnungen in kaum noch lesbaren oskischen Buchstaben, die andere in lateinischer Sprache an der Vorderseite der Tischplatte. Die oskischen Buchstaben legen die Errichtung des Tisches in samnitischer Zeit und die Verwendung von ursprünglich griechisch-samnitischen Hohlmaßen nahe.

[...]


1 1882 teilte August Mau die Wandmalerei von Pompeji in vier Stile ein: 1. Stil: Mauerwerk- oder Inkrustationsstil, ca. 200 bis 80 v. Chr.; 2. Stil: Architektur- oder Illusionsstil, ca. 100 bis 15 v. Chr.; 3. Stil:ornamentaler Stil, ca. 15 v. Chr. bis 50 n. Chr.; 4. Stil: Phantasiestil, 50 bis 79 n. Chr. Die Übergänge zwischen den einzelnen Stilen sind fließend. Die einzelnen Stile lassen sich in Pompeji, aber auch an anderen Orten nachweisen.

2 M. Beard, Pompeji, Das Leben in einer Römischen Stadt, Stuttgart 2011. J.J. Dobbins, P.W. Fass (Hg.), The World of Pompeii, New York & London 2007. S.J.R. Ellis, The distribution of bars at Pompeii. Archaeological, spatial and viewshed analyses, in: JRA 17 (2004), S. 371-384. J. Hartnett, Si quis hic sederit, Streetside benches and urban society in Pompeii, in: AJA 11 (2008), S. 91-119. S.C. Nappo, House of Regions I and II, in: The World of Pompeji, (hg.) Dobbins, Fass, New York & London 2007, S. 347-372. S. Ritter, Das Wirtshaus als Lebensraum, ‘Kneipenszenen’ aus Pompeji, in: JRA 126 (2011), S. 155-220. V.M. Strocka, Domestic Decoration, Painting and the “Four Styles”, in: The World of Pompeji, (hg.) Dobbins, Fass, New York & London 2007, S. 302-322.

3 F. Coarelli (Hg.), Pompeji, München 2002. F. Duhn, L. Jacobi, Der griechische Tempel in Pompeji, nebst einem Anhang über Schornsteinanlagen und eine Badeeinrichtung im Frauenbad der Stabianer Thermen in Pompeji, Heidelberg 1890. S. Aurigemma, , in: Vittorio Spinazzola, Pompei alla Luce degli Scavi nuovi di Via dell’Abbondanza (1910-1923), Rom 1953, S. IX-XIV. A. Maiuri, Pompei, Visioni italiche, Mailand 1928. uvm.

4 H. Eschenbach, Die städtebauliche Entwicklung des antiken Pompeji, Heidelberg 1970.

5 T. Kleberg, In den Wirtshäusern und Weinstuben des antiken Rom, Aus d. Schwed. übertr. von Wilhelm Braun, Berlin 1963.

6 Pompeji, Der Untergang, Regie: Giulio Base, 2007, Spieldauer 186 Minuten. Die letzten Stunden von Pompeji, Regie: Gianfranco Parolini, 1962, Spieldauer 88 Minuten.

7 U. Pappalardo, Pompeji, Leben am Vulkan, Mainz 2010. M.R. Panette, Pompeji, Geschichte, Kunst und Leben in der versunkenen Stadt, Stuttgart 2013. E. Lessing, A. Varche, Pompeji, Frechen 2001. F. Coarelli, Pompeji, München 2002.

8 S.C. Nappo, C. Theis-Passaro, Pompeji, Die versunkene Stadt, Archäologischer Reiseführer, Köln 2004. D. Richter, Pompeji und Herculaneum, Ein Reisebegleiter, Berlin 2005. K.W. Weeber, Pompeii und die römische Goldküste, Ein Zeitreiseführer in das Jahr 78, Darmstadt 2011.

9 Strabon: S. Radt: Strabons Geographika. Bd. 2. Göttingen 2003. Url:http://penelope.uchicago.edu/Thayer/E/Roman/Texts/Strabo/5D*.html#4.8.2 (abgerufen am 27.08.2013).

10 Dickmann 2010, S. 7-15, 120. Etienne 1974, S. 9-77. Dobbins 2010, S. 150f. Beard 2011, S. 7-76. Sowie: M. Beard, Pompeii, Life and Death in a Roman Town, Direktor: Paul Elston, GBR 2010, In: BBC HD vom 22.06.2013 (ca. 59 min), URL: http://www.youtube.com/watch?v=mnIY6AE4m6E (abgerufen am 26.08.2013).

11 L. Grossmann, Roms Samnitenkriege, Historische und historiographische Untersuchungen zu den Jahren 327 bis 290 v. Chr., Düsseldorf 2009.

12 A. Kiene, Der Römische Bundesgenossenkrieg, Bremen 2011.

13 J. Fündling, Sulla, Gestalten der Antike, Darmstadt 2010.

14 K. Christ, Geschichte der römischen Kaiserzeit, Von Augustus bis zu Konstantin, München ⁴2002, S. 47ff.

15 Ebd. Dickmann 2010, S. 7-15, 120. Etienne 1974, S. 9-77. Dobbins 2010, S. 150f. Beard 2011, S. 7-76. Sowie:M. Beard, Pompeii, Life and Death in a Roman Town, Direktor: Paul Elston, GBR 2010, In: BBC HD vom 22.06.2013 (ca. 59 min), URL: http://www.youtube.com/watch?v=mnIY6AE4m6E (abgerufen am 26.08.2013).

16 Etienne 1974, S. 20-32.

17 Kurzbiographie: Orden pour le Mérite für Wissenschaft und Künste: http://www.orden-pourlemerite.de/ mitglieder/giuseppe-fiorelli?m=4&u=3 (abgerufen am 27.08.2013).

18 Vgl. M. Durst, POMPEJI, München 1999, S. 3.

19 The Roman Law Library: http://webu2.upmf-grenoble.fr/DroitRomain/Anglica/heracleensis_johnson.html (abgerufen am 22.08.2013).

20 Vgl. Dickmann 2010, S. 21-27.

21 Vgl. J.H. Mozley (Hg.), Statius (Works in 2 volumes), Loeb, Cambridge 1928 (Nachdruck 1969-1982, lateinisch und englisch), Online Bd. 1, 2.

22 Etienne 1974,S. 159-161.

23 Vgl. Etienne 1974, S. 198.

24 Vgl. ebd., S. 198f.

25 Vgl. ebd., S. 197f.

26 Ebd., S. 198-199.

27 Vgl. dazu Dickmann 2010, S. 33-43 sowie Etienne 1974, S. 119; dann Dobbins 2007, S. 150-183.

28 Vgl. dazu A. Mau 1882, S. 94. J.J. Dobbins, The Forum and its dependencies, in: The World of Pompeji, (hg.) Dobbins, Fass, New York & London 2007, S. 150-183.

29 H. Nissen, Pompeianische Studien, Leipzig 1877, S. 278-283.

30 Vgl. dazu E. La Rocca, M. de Vos Raajimakers, A. de Vos, Pompeji, Archäologischer Führer, Bergisch Gladbach 1993, 1999, S. 180-184.

31 Vgl. ebda, S. 180-185.

32 Etienne 1974, S. 201.

33 Vgl. ebd., S. 202.

Details

Seiten
38
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656523024
ISBN (Buch)
9783656539131
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263642
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Historsiches Institut Abt. Alte Geschichte
Note
1,7
Schlagworte
essen ereignis pompeji gegenüberstellung thermopolium caupona

Autor

  • Louise Dober (Autor)

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Titel: Essen als gesellschaftliches Ereignis in Pompeji