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Zur Bedeutung Offener Jugendarbeit für die gesellschaftliche Orientierung von Jugendlichen

Bachelorarbeit 2010 50 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Die Offene Kinder und Jugendarbeit
1.1 Geschichte der Offenen Jugendarbeit
1.2 Prinzipien der Offenen Arbeit
1.3 Aufgabenbereiche und Ziele in der Offenen Arbeit
1.4 Bildung in der Offenen Arbeit
1.5 Besucherstrukturen in Jugendzentren
1.6 Erfolg und Qualität der Offenen Jugendarbeit

2 Jugendliche in ihrer Entwicklung - Die Jugendphase
2.1 Entwicklungsaufgaben im Jugendalter
2.2 Heranwachsende und Pubertät
2.3 Jugendphase und die Ablösung vom Elternhaus
2.4 Identitätsentwicklung
2.4.1 Was ist Identität
2.4.2 Identität in Adoleszenz
2.4.3 Suche nach eigener Identität
2.4.4 Identität als besonderes Problem von Jugendlichen mit Migrationshintergrund
2.5 Übergangskonzepte
2.6 Die Sozialisationstheorie der Persönlichkeitsentwicklung im Jugendalter

3 Herausforderung „gefährdete Jugendliche“
3.1 Definition von Gewalt
3.2 Faktoren von Gewaltbereitschaft
3.3 Gewalt und Gewaltverhalten
3.4 Begünstigungsfaktoren von Gewalt

4 Soziale Arbeit mit Jugendlichen
4.1 Prävention in der Offenen Arbeit

Fazit

Quellenverzeichnis

Einleitung

Im Forschungsbericht „Jugendgewalt und Jugenddelinquenz in Hannover, aktuel- le Befunde und Entwicklungen seit 1988“ (Pfeiffer/Rabold/Bair 2008) hat Direktor Christian Pfeiffer1 nachgewiesen, dass ein Aufsuchen verschiedener Freizeitorte das Gewaltverhalten von Jugendlichen beeinflusst. Er hat eine provokante These aufgestellt: „ Freizeitheime/Jugendzentren wirken sich unter den heutigen Rah- menbedingungen als eigenständige Verstärkungsfaktoren der Jugendgewalt aus “ (ebd., S. 1). Eine Befragung von 3661 Neuntklässler in hannoverschen Schulen, diente als Grundlage.

Ich möchte mich im Rahmen dieser Arbeit mit den Fragen beschäftigen, ob Jugendzentren eigenständige Verstärkungsfaktoren von Gewalt sein können? Warum werden Jugendliche überhaupt gewalttätig und wie ist es dem entgegenzuwirken? Welche Rolle spielt die Offene Arbeit in der Entwicklung eines jungen Menschen und seiner Platzfindung in der Gesellschaft?

In der Veröffentlichung von Pfeiffer, Rabold und Baier heißt es: „ Mit unserer Stu- die soll keinesfalls das Engagement der in den Freizeitzentren tätigen Sozialpä- dagogen in Frage gestellt werden “ (Pfeiffer/Rabold/Bair 2008, S. 1). Dazu wurden auch keinerlei Daten erhoben und es lässt sich schwer feststellen, ob seine The- sen für die Bewertung der Jugendarbeit relevant sind. Die Art und Weise, wie mit Jugendlichen in Jugendhäusern gearbeitet wird, wird als zweifelhaft betitelt, ohne deren Herangehensweisen zu kennen oder gar aufzuzeigen. In einer Diskussi- onsrunde am 24.11.2008 in Hannover2 sagte Christian Pfeiffer über die heutigen Jugendzentren sogar, sie seien für ihn eine „Blackbox“, da er die Arbeit vor Ort seit den letzten 10 Jahren nicht mehr kennen würde (vgl. ebd.). Man kann fast davon ausgehen, dass seine Feststellungen, welche die Arbeit mit Jugendlichen in Jugendzentren in Frage stellt, keiner weiteren Überprüfung unterzogen wur- den. In seinen Studien werden die Anschuldigungen dieser Jugendarbeit jedoch angeblich wissenschaftlich belegt. Es sind also nichts weiter als Behauptungen,die einseitig durch Zahlen, die in Schulen erhoben wurden, unterlegt werden.

Eine Überprüfung vor Ort, z. B. im Jugendzentrum, kann man nicht feststellen.

Pfeiffer behauptet, dass die Offene Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in Ganz- tagsschulen nicht nur integriert werden soll, sondern auch daran gearbeitet wer- den muss, diese besser zu gestalten. Auch in dieser Aussage ist zu erkennen, dass Pfeiffer die bisher geleistete Arbeit als überholungswürdig einstuft und die bereits entstandenen Erfolge nicht wahrnimmt (vgl. Pfeiffer/Rabold/Bair 2008, S.4).

In der Studie werden Aktivitäten beschrieben, welche die Kriminalität von Ju- gendlichen begünstigen. Darunter wird z.B. auch das „Herumlungern auf Stra- ßen“ genannt (vgl. ebd.). Pfeiffer verkennt in seiner Studie und mit seinen Aussa- gen völlig, dass dieser Faktor dazu beigetragen hat, überhaupt Jugendhäuser bzw. Freizeitzentren entstehen zu lassen. Nämlich um Raum zu schaffen, den Jugendliche sinnvoll nutzen können und nutzen dürfen. Immer wieder wird die Unbeaufsichtigung der Jugendlichen als ein auslösendes Kriterium genannt, Ge- walt zu fördern. Dabei wird jedoch nicht erkannt, dass genau dieses in Jugend- häusern aufgefangen wird.

Im ersten Kapitel beschäftige ich mich zunächst mit der Offenen Jugendarbeit. Ich möchte das Grundgerüst, die gesetzlichen Grundlagen und das Aufgabenfeld aufzeigen. Es ist wichtig, den Bildungsaspekt in der Arbeit, der leider in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird, in Augenschein zu nehmen. Dabei ist das Lernen, welches durch vielerlei Hinsicht vom schulischen Lernen abgegrenzt wird, bei Jugendlichen oft effektiver und erfolgreicher. Des Weiteren möchte ich einen Überblick liefern, welche Jugendlichen das Jugendzentrum besuchen und Erklärungssätze darstellen, warum sie das tun.

Im Kapitel Zwei werde ich auf die Entwicklung von Jugendlichen auf dem Weg zum Erwachsenen eingehen. Hierbei soll herausgearbeitet werden, auf welcher Weise sie diese Aufgaben bewältigen. Darauf aufbauend wird eine Sozialisati- onstheorie der Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen aufgezeigt. Wie „ti- cken“ Jugendliche, warum entscheiden sich einige von ihnen für abweichendes Verhalten und warum gehen sie mit den gesellschaftlichen Normen nicht immer konform um, wird im dritten Kapitel erläutert. Hauptsächlich geht es hier um Ju- gendgewalt.

Das vierte Kapitel „Soziale Arbeit mit Jugendlichen“ soll die Arbeit der Pädago-gen verdeutlichen. Das pädagogische Handeln ruft Nachdenkprozesse hervor und bestimmt das Verhalten von Jugendlichen. Die Arbeit in Jugendzentren fängt z.B. nicht nur mit Gewaltprävention an, sondern sie arbeitet gezielt auf eine positive Entwicklung des so genannten „gefährdeten Jugendlichen“ hin.

Im Rahmen meines Studiums habe ich ein dreimonatiges Praktikum bei dem Diakonischen Werk Walsrode gemacht. Zu meinen Aufgaben gehörte intensive Arbeit mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund. In dieser Zeit konnte ich mir einen Einblick in die Entwicklungsschwierigkeiten des jungen Menschen verschaffen. Ich habe sowohl Jungen als auch Mädchen betreut und sie bei der Bewältigung ihres Alltags begleitet.

Die herausgearbeiteten Erkenntnisse werden zusammengefasst und im Fazit erläutert.

1 Die Offene Kinder- und Jugendarbeit

Die Leitprinzipien der Offenen Kinder- und Jugendarbeit sind vor allem Offenheit und Zugänglichkeit für Kinder und Jugendliche. In diesem Kapitel werden die speziellen Aufgabenbereiche umfasst, erläutert und dargestellt. Auf Angebote in Jugendhäusern, die von BesucherInnen angenommen werden, wird eingegangen. Ziel dieses Abschnittes ist es ein Basisverständnis für die soziale Arbeit von Offener Kinder- und Jugendarbeit zu vermitteln.

1.1 Geschichte der Offenen Jugendarbeit

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert sind die sozialpädagogischen Instituti- onen entstanden. Ein Grund dafür war das neue Denken in der Sozialen Arbeit mit Jugendlichen. Es wurden eine ganze Reihe von Organisationen, Apparaten, Einrichtungen, Verfahren und Regeln von den Organen der staatlichen und öf- fentlichen Ordnung im Umgang mit der damaligen Jugend geschaffen.

Die Notwendigkeit der Jugendhilfe, damals noch Jugendfürsorge und Jugend- pflege genannt, entstand durch gewisse Verhaltensweisen der Jugendlichen. Die Jugend hatte sich als städtisch - bürgerliche Lebensphase längst etabliert, als schulentlassene männliche, in der Großstadt beheimatete proletarische Jugendli- che, die ihre Zeit ungeregelt auf der Straße verbrachten. Da diese Jugendlichen zu verwahrlosen drohten und nicht den durchschnittlichen Normen der Gesell- schaft angepasst waren, sich der bürgerlichen Kontrolle entziehen konnten und vermehrt abweichendes Verhalten und Kriminalität an den Tag legten, entstand aus dem obrigkeitsstaatlichen Misstrauen die Jugendhilfe heraus. Der Erzie- hungsgedanke spielte dabei noch keine Rolle, weil Polizei und Justiz sich um diese Jugendlichen kümmerten. Ihre Aufgaben waren sie zu disziplinieren und für ihr Fehlverhalten zu sanktionieren. Die jungen Bürger bekamen ihre eigene Le- bensphase zugesprochen, um ihnen einen Schonraum zum Lernen und zur Vor- bereitung auf ihre zukünftige Stellung in der Gesellschaft zu geben. Im Laufe der Zeit hat sich herausgestellt, dass die Arbeit von Rechtssystemen nicht ausrei- chend ist und eine andere Institution sich mit der Entwicklung und Erziehung der Jugend befassen sollte (vgl. Böhnisch 1993, S. 19). „ Es genügt nicht mehr, wenn die früheren Generationen ihre Erfahrungen weitergeben, es müssen eigene ge- sellschaftliche Räume geschaffen werden, in denen die Menschen schon als jun- ge Menschen diese Weiterentwicklung an sich nachvollziehen und in ihre Biogra- phie umsetzen können “ (Böhnisch 1993, S. 21). Hierbei entsteht der Generatio- nenkonflikt zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit, da die Jugendli- chen einerseits sich gegenüber den älteren Generationen weiter entwickeln und ihnen damit kritisch gegenüberstehen sollen, aber anderseits von ihnen abhängig sind, weil sie von ihnen versorgt werden ( vgl. Böhnisch 1993, S. 19).

Mit fortschreitender Industrialisierung und Urbanisierung stieg die Anzahl der Jugendlichen, die in der Statistik der Fürsorgeerziehung auftauchten. Die Ju- gendlichen, pädagogisch - ideologisch zunächst immer als Randphänomen zur Jugend betrachtet, wurden Anfang des 20. Jahrhunderts bald zur Alltagserschei- nung. Mit der Weimarer Republik von 1919 - 1933 kam es auch zur Institutionali- sierung und Professionalisierung der sozialpädagogischen Jugendhilfe in Deutschland. 1923 wurde mit dem Reichsjugendwohlfahrtsgesetz ein hierfür be- deutendes Gesetz geschaffen. In diesem wurde die Fürsorgeerziehung gesetz- lich geregelt und die Organisation des Jugendamtes mit einem Katalog von Auf- gaben und Leistungen in den Mittelpunkt des sozialpädagogischen Feldes ge- stellt. Somit war das sozialpädagogische Feld konstituiert und abweichendes Verhalten konnte durch eine Vernetzung sozialer Hilfe und sozialer Kontrolle an- gegangen werden. Zudem waren nun pädagogische Staatsinterventionen ge- setzlich normiert und der Weg für die Professionalisierung der sozialpädagogi- schen Arbeit geebnet. Die sozialpädagogischen Angebote waren somit öffentlich und allgemein geworden (vgl. ebd.).

Nach dem 1. Weltkrieg beschäftigte man sich auch empirisch mit den Jugendli- chen und ihren Lebensbedingungen. Die Jugendkundler beschäftigten sich vor- wiegend mit dem Spannungsverhältnis Sozialintegration/Lebensbewältigung, das bis heute das Grundmuster von Theorie und Praxis der Sozialpädagogik des Ju- gendalters darstellt. Diese Pädagogische Jugendkunde kann man als den Vor- läufer unserer modernen empirischen Sozialpädagogik sehen. Sie richtete ihren Blick, genau wie die Sozialpädagogik, auf den Alltag der Jugendlichen und zwar besonders auf berufstätige Jugendliche. Es galt, die Jugendlichen positiv von ihren Fähigkeiten her für eine eigene Lebensführung zum Beruf hin zu definieren. Letztendlich konnte die Jugendkunde die Spannung Sozialintegrati- on/Lebensbewältigung jedoch nicht konzeptionell ausdrücken (vgl. ebd.). Die Teilnehmer der Jugendbewegung, welche nach dem 1. Weltkrieg abebbte, fan- den nun Zugang zu den entstehenden sozialpädagogischen Berufen und Einrich-tungen. Mit ihren Ideen des Jugendraums und der Interessenvertretung von Ju-gendlichen nahmen die Teilnehmer der Jugendbewegung, Einfluss auf die Ent- wicklung der Offenen Arbeit, sodass sowohl im Bereich der Jugendfürsorge als auch der Jugendpflege nun eine Reformpädagogik entstand, „ ...innerhalb derer erzieherische Programme entwickelt wurden, die vor allem an den Eigenarten und Eigengesetzlichkeiten des Jugendlebens selbst ansetzen wollen “ (Böhnisch 1993, S. 67). Außerdem wurden die ersten konzeptionellen Grundlagen innerhalb der Jugendheimpädagogik geschaffen (vgl. Münchmeier 1998, S. 13).

Bis Ende der 50er Jahre übertrug die Gesellschaft den JugendarbeiterInnen das Mandat, die soziale - kulturelle Integration der jeweiligen heranwachsenden Ge- neration über soziale Disziplinierung zu fördern und zu steuern (vgl. Thole 1998,S. 54). Nach dem 2. Weltkrieg wollten die „German Youth Activities“ der Besat- zungsmächte die Nachkriegsjugend „weg von der Straße“ holen und ihnen eine „überdachte Straßenecke“ bieten. Erst Ende der sechziger Jahre begann die Ge- schichte der Offenen Arbeit in Deutschland so richtig mit den Schüler - und Stu- dentInnen. „ Offene Jugendarbeit war damals ein Kampfwort gegen die Gruppen- pädagogik des Jugendverbände, Ausdruck eines eher antipädagogischen Eman- zipationsanspruchs und Aneignungsforderungen anderseits “ (Münchmeier 1998,S. 13).

1.2 Prinzipien der Offenen Jugendarbeit

Die in den 70er Jahren entwickelte Konzeption der Offenen Jugendarbeit bein- haltet Leitprinzipien, wie das Prinzip der „Offenheit“, die Vorstellung von einer „einheitlichen jungen Generation“, die „Selbstorganisation“ und „Bedürfnisorien- tierung“ sowie das Primat der „politischen Bildung“. Diese Leitprinzipien sind bis heute als Orientierungsmarken zu beobachten. Außerdem müssen Konzeptionen ständig weiterentwickelt und den veränderten Gegebenheiten angepasst werden. Ihre traditionellen Elemente müssen geprüft, modifiziert und neu aktualisiert wer- den (vgl. ebd., S. 14). Inwiefern diese Prinzipien heute noch gelten, wird in den folgenden Abschnitten erläutert.

Das Prinzip der Offenheit versucht, das Jugendhaus möglichst allen jungen Men- schen zugänglich zu machen. Ein Unterschied zwischen verschiedenen Gruppie- rungen innerhalb der Jugend, zwischen Mädchen und Jungen, Arbeiterjugendli-chen und Gymnasiasten oder zwischen Angehörigen der verschiedenen subkul-turellen und Jugendstile wird nicht gemacht. Jugendzentren sind auch abends und am Wochenende geöffnet. Um möglichst jeden zu erreichen, versucht die Offene Jugendarbeit eine notwendige Programmvielfalt zu schaffen, die auf verschiedene Zielgruppen ausgerichtet ist.

In der Praxis sieht es jedoch etwas anders aus. In ihren Angeboten werden doch unterschiedliche Zielgruppen festgelegt (Schülerarbeit, Mädchenarbeit usw.). Man unterscheidet zwischen offener Arbeit und Gruppenarbeit (feste Gruppen mit festen Räumen), sogar Mitgliedschaften („Clubausweise“) sind möglich. Will man mit dieser jungen Generation jugendpädagogisch arbeiten, so braucht sie offen- bar doch eine Untergliederung und Feinstrukturierung (vgl. Münchmeier 1998, S. 15). Obwohl die Offene Arbeit offen in ihren Zielen, in ihren pädagogischen Ver- fahren und in ihren Angeboten ist, braucht sie ein Profil (vgl. Müller 1998, S. 65). Dies bedeutet, dass sie in ihren Angeboten eine Auswahl treffen muss, sie muss selektiv sein. Die Angebote sollten ihrer Attraktivität gegenüber den kommerziel- len Freizeitangeboten konkurrenzfähig sein, sich jedoch gleichzeitig von ihnen unterscheiden und daher auch aktiv gestaltet werden. Doch noch wichtiger für das Profil als Attraktivität ist, „ ...dass sie jungen Menschen etwas Relevantes, etwas für ihre Lebenssituation, für ihren Durchblick, für ihre Orientierung, für ih- ren Betätigungs- und Gestaltungdrang Relevantes anbietet “ (Münchmeier 1998,S. 21). Daher kann das Profil mit dem Prinzip der Offenen Jugendarbeit vereinbart werden, indem die Offene Arbeit sich für die alltäglichen Lebensbedingungen junger Menschen öffnet und offen ist dafür, was sich verändert und was als Zukunft bevorsteht (vgl. ebd.).

Mit diesem Prinzip der Offenheit geht aber auch die Vorstellung einer einheitli- chen jungen Generation einher. Die Offene Jugendarbeit verfolgt damit einen pädagogisch-politischen Traum, nachdem welcher es ermöglicht (vgl. Münchmeier 1998, S. 16). „... die junge Generationüber alle weltanschauungs- und wertbezogenen Grenzen,über Schicht-und klassenspezifische Spaltungen hinweg, jenseits aller parteipolitischen Aufsplitterungen zu einer einheitlichen Jugend zu verschmelzen, in der Gymnasiasten von Arbeiterjugendlichen (und umgekehrt) lernen, Jungen von Mädchen, dem linken Spektrum Zuneigende von denen, die weiter rechts stehen, [...] “ (Münchmeier 1998, S. 16). Doch der Ver- wirklichung dieses aus den 70er Jahren stammenden Prinzips sollte man skep- tisch gegenüberstehen. In heutiger Zeit hängt die Bewältigung von vorhandenen formellen und informellen Ressourcen der Jugendlichen oft von den bestehenden Benachteiligungen ab. Dadurch erscheint heute die Vorstellung einer einheitli- chen, politisch innovativen jungen Generation mehr denn je als ein Traum (vgl. ebd.).

Der Grundsatz der Selbstorganisation basiert auf dem allgemeinen Grundsatz der Bedürfnisorientierung, der Jugendarbeit auszeichnet. Doch auch diese Leitli- nien aus den 70ern sind heute aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung noch schwerer zu realisieren. Danach soll die Jugendarbeit die Jugendlichen ansto- ßen, motivieren und befähigen, sich ihrer wahren Interessen und Bedürfnisse bewusst zu werden. Das Jugendhaus soll ein Übungs- und Erfahrungsfeld der Selbstorganisation und des Mündigwerdens bieten und so den Jugendlichen hel- fen, ihre Situation und ihren Alltag in die Hand zu nehmen und zu gestalten. Sie sollen lernen sich im Gemeinwesen zu artikulieren und durchzusetzen. Dafür müssen sich die Pädagogen zurückhalten. Hierarchische Erzieher - Zögling- Verhältnisse und eine Angebotspädagogik gilt es, zu vermeiden. Doch dies lässt bei den Jugendlichen die Frage aufkommen, wofür die Pädagogen eigentlich bezahlt werden (vgl. ebd., S. 17).

Das Prinzip der politischen Bildung soll den Jugendlichen die Möglichkeit bieten, über die Anliegen des Jugendzentrums kollektiv, demokratisch, partizipationsoffen und transparent zu entscheiden und ihnen die politische Praxis erfahrbar machen. Auch hier ist das Prinzip der Offenheit zu erkennen, da das Nichtausschließen von Gruppen, Meinungen, Standpunkten und Themen wichtig ist. Gleichzeitig verstehen sich Jugendzentren als Orte politisch-praktischen Lernens, an dem sich die Jugendlichen mit gesellschaftlichen Zukunftsfragen wie Arbeitslosigkeit, Armut, ökonomische Gerechtigkeit in der Welt oder Umwelt auseinander setzen können und sollen (vgl. ebd., S. 18).

1.3 Aufgabenbereiche und Ziele in der Offenen Arbeit

Die Freizeitangebote sollen einerseits die notwendige Erholung und Entspan- nung von den Anstrengungen des beruflichen oder schulischen Alltags bieten, anderseits jedoch Freiraum für spielerisch - lustvolle, ernsthafte und gesellschaft- lich wichtige Tätigkeiten geben. Die Angebote der Jugendzentren sollen dabei aber auch - um möglichst viele junge Menschen zu erreichen - von Jugendlichen als eine Art der Freizeitgestaltung empfunden werden. Daher sollten sie immer freiwillig sein und von den Jugendlichen nicht als fremdbestimmt und verpflichtend empfunden werden (vgl. Fromme 1998, S. 130).

Demnächst soll die Offene Jugendarbeit Raum für freie Aktivitäten geben, in de- nen die Jugendlichen sich unterhalten, essen, trinken, Musik hören und ähnliches tun können, denn außerhalb vereins- bzw. einrichtungsbezogener Aktivitäten sind Spiel, Bewegung und Geselligkeit die wesentlichen Freizeitaktivitäten (vgl. ebd.).

Zur Entwicklung von Persönlichkeit und Beziehungsfähigkeit hat die Offene Jugendarbeit personale, sozialräumliche und subjektorientierte Angebote einzuräumen. Die Aufgabe besteht darin, einen Lebensort zur Verfügung zu stellen, wo soziale Beziehungen zwischen jungen Menschen bzw. zwischen Generationen ermöglicht werden. Räume für Kommunikation müssen bereitgestellt sein, in denen Menschen inhaltlich bedeutsame, personalintensive Beziehungen pflegen können (vgl. Boristowski 1998, S. 140).

Da die Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung zunehmend familiäre Notlagen zu spüren bekommen, werden sozi- alpädagogische Maßnahmen, die Funktionen familiärer Sozialisation und Erzie- hung übernehmen, immer wichtiger. Kinder aus Problemfamilien benötigen Hilfe. Bei drohender Verwahrlosung, (sexueller) Gewalt, Missbrauch und emotionaler Vernachlässigung muss gesondert darauf eingegangen werden. Verlässliche und kontinuierliche Beziehungen sowie das Eingehen auf persönliche Probleme durch die Pädagogen können den Jugendlichen eine große Hilfe sein (vgl. ebd.,S. 139).

Zusammenfassend könnte man in der Offenen Arbeit nach Hubweber (1990) die folgenden fünf Hilfsfunktionen benennen, die im Rahmen der Personalisation, Sozialisation und Enkulturation zum Tragen kommen:

Förderung von Lebenskompetenzen und Unterstützung bei Umgang mit Konflikten;

Die Funktion der Lebenshilfe ist gedacht als Hilfestellung bei der Bewälti gung sozialer Probleme in der Familie, der Schule, dem Freundeskreis,der Freizeit und Organisation des Alltags.

Dieses sollte durch Einzelge spräche und Beratung gewährleistet werden;

Eine große Rolle spielt die Bildungsfunktion. Die Jugendlichen sollen bei der Entwicklung eigener kultureller, politischer, gesellschaftlicher und reli giöser Werte und Vorstellungen unterstützt werden;

Die Freizeit muss durchstrukturiert und organisiert werden. Förderung von sozialen, kognitiven, kreativen, handwerklichen und sportlichen u.a. Fä higkeiten ist das Ziel;

Die Identifikationsfunktion muss Kontakte, Zusammensein, Gemein schaftserlebnisse, Jugendkultur u. a. ermöglichen. Die Auseinanderset zung mit Werten und Idealen sollte entsprechend vermittelt und begleitet werden (vgl. Hubweber 1990, S. 9).

1.4 Bildung in der Offenen Jugendarbeit

Albert Scherr stellt ein Bildungsverständnis der Jugendarbeit dar, indem er eine Theorie des Verständnisses von Jugendarbeit als Subjekt - Bildung beschreibt. Bildung in seinem Verständnis ist „ ...die subjektive Aneignung, das aktive Sich- zu-eigen-Machen von verfügbaren Wissen, von Denkmöglichkeiten,ästhetischen Ausdrucksformen, Werten und Normen usw. “ (Scherr 2002, S. 316). Er meint, dass Bildungsprozesse nicht nur die gesammelte oder angelernte Wissen sind, eher sollen sie als eigenständige änderbare Prozesse verstanden werden. Sie entwickeln sich von alleine und müssen freiwillig und subjektiv geschehen. In der pädagogischen Begleitung können diese Prozesse wiederum zur Bildung der Identität führen (vgl. ebd.).

Junge Menschen bilden einen eigenen Lebensstil, der ihrer Meinung nachihren gesellschaftlichen und ästhetischen Vorstellungen entspricht. Sie setzen sich mit verschiedenen Lebensstilen und ihnen wichtigen Ausdruckformen auseinander. Die Jugendlichen entwickeln ihre individuelle Sichtweisen in dem sie sich mit bestimmten Musikrichtungen und Essgewohnheiten oder Denkkulturen konfrontieren (vgl. Scherr 2002, S. 316).

Im Laufe meines Praktikums konnte ich sehen, dass selbst einfache Tagesabläu- fe den Jugendlichen in Begleitung des Jugendzentrumspersonals viel Freude bereiten. Man darf allerdings die Vorbildfunktion dabei nicht vergessen.

[...]


1 Direktor des Kriminologischem Forschungsinstituts Niedersachsen

2 Diskussionsrunde an der Uni Hannover, am 24.11.2008 im Rahmen des November der Wissen- schaft

Details

Seiten
50
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656522577
Dateigröße
636 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263549
Note
Schlagworte
bedeutung offener jugendarbeit orientierung jugendlichen

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Titel: Zur Bedeutung Offener Jugendarbeit für die gesellschaftliche Orientierung von Jugendlichen