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Erich Kästners 'Fabian' als Roman der Neuen Sachlichkeit

Wissenschaftlicher Aufsatz 2013 16 Seiten

Deutsch - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Erich Kästners "Fabian"als Roman der Neuen Sachlichkeit

Einführung

In zwei Aufsätzen mit den bezeichnenden Titeln "Lyriker ohne Gefühl" (1927) und "Indirekte Lyrik" (1928) grenzte Erich Kästner sich gegen den gefühlsüberladenen, pathetischen Stil von Dichtern wie Rainer Maria Rilke und Stefan George und gegen eine Lyrik ab, die er "expressionistisch" nannte und als überholt betrachtete. Er sah eine neue lyrische Bewegung im Kommen, die die "in Krieg und Revolution notwendige Gefühlsentblößung" der unmittelbaren Vergangenheit hinter sich gelassen hatte und deren Vertreter sich einer "sachlichen Generation" zugehörig fühlten. ("Lyriker ohne Gefühl"; in: Becker 2, S. 243) Gleichzeitig distanzierte er sich vom Terminus der "Neuen Sachlichkeit". Er erblickte darin ein für sein Anliegen unpassendes "Schlagwort" ("Indirekte Lyrik"; in: Becker 2, S. 245) und forderte mit ironischer, d. h. nicht ernst gemeinter Übertreibung, "wer die Dummheit beging, diesen Stil die 'Neue Sachlichkeit' zu nennen, den möge der Schlag treffen!" ("Lyriker ohne Gefühl"; in: Becker 2, S. 244)

Es ist offensichtlich, dass Kästner sich nicht gegen eine sachliche Schreibweise (das, was er den "Stil" dieser Bewegung nannte) aussprechen wollte. Er machte aber kein Hehl daraus, dass ihm die Bezeichnung "Neue Sachlichkeit" nicht sonderlich gefiel. Was den Roman "Fabian" (1931) betrifft, ist unübersehbar, dass er dieses Buch als "Satire" geschrieben hat und dass es ihm nicht darum ging, seinen Lesern ein "Poesie- und Fotografiealbum" ("Vorwort des Verfassers", Mai 1950; in: Werke, Band III, S. 440) mit hübschen Versen und glänzen.ern vom großstädtischen Leben am Ende der Weimarer Republik vorzulegen. Er wollte nichts beschönigen und verniedlichen, aber er hatte auch nicht die Absicht, ein dokumentarisches Abbild der Verhältnisse zu erzeugen. Vielmehr nahm er sich als "Moralist" die künstlerische Freiheit zu übertreiben und "seiner Epoche keinen Spiegel, sondern einen Zerrspiegel vorzuhalten". (ebd.) Dies tat er nicht aus purem Vergnügen, sondern weil er damit ein bestimmtes Ziel verfolgte: "Er wollte warnen. Er wollte vor dem Abgrund warnen, dem sich Deutschland und damit Europa näherten!" (ebd.) Mit diesem Bekenntnis erweist sich Kästner jedoch nicht als Gegner eines neusachlichen Schreibstils.

Der neusachliche Autor nimmt zu den aktuellen Ereignissen seiner Zeit und zur erlebten Alltagswirklichkeit die Position eines Beobachters ein, der diese Ereignisse aus einer Außenperspektive registriert, auf sich einwirken lässt und darüber berichtet, ähnlich einem Journalisten, der eine Reportage über ein aktuelles Thema schreibt. Er bemüht sich um Authentizität und Objektivität. Zu diesem Zweck verwendet er Dokumente wie Zeitungsberichte und sonstige Informationsquellen und nähert sich einer dokumentarischen Schreibweise [1] an, die frei ist von Sentimentalität und nur über das berichtet, was mit dem

nüchternen Blick von außen erfasst werden kann. Folglich verzichtet er darauf, darüber zu fabulieren, was sich im Innenleben der Figuren abspielen könnte. Er betont - wie Erich Kästner in seinem Essay "Prosaische Zwischenbemerkung" (1929) - den Gebrauchswert und den funktionalen Charakter bzw. den "Zweck" (ebd., in: Becker 2, S. 217) von Literatur und unterstreicht damit die "Zugehörigkeit der neusachlichen Bewegung zur literarischen Moderne". (Becker 1, S. 359) Die bevorzugte Gattung der Neuen Sachlichkeit ist daher der Roman. Da er in der Gegenwart seiner Zeit verankert ist und das aktuelle Geschehen zum Gegenstand hat, kann er auch als Zeitroman bezeichnet werden.

Wenn Kästner seinen "Fabian" als Satire bezeichnete und mit dem Mittel der Übertreibung bewusst ein verzerrtes Bild seiner Gegenwart erzeugte, so verwandte er gleichwohl eine ganze Anzahl von Themen oder Motiven, die diesen Roman auch als neusachlichen Roman ausweisen. Dazu gehören vor allem Bereiche wie Journalismus, Reklame, Technik und Sport, aber auch das Thema Liebe, wenn es zum Beispiel unter dem Aspekt seines "Warencharakters" (Cornelia Battenberg in: Fabian, S. 79) behandelt wird. Es fällt auf, dass Kästner sich in seinen Romanen und Gedichten (besonders auch im "Fabian") als nüchterner Skeptiker erweist, der wenig Hoffnung in die Erziehbarkeit des Menschen setzt. Seine Essays werden dagegen stärker von Idealismus und Optimismus geprägt. Dies zeigt sich beispielsweise in seinem Artikel "Reklame und Weltrevolution" (1930), wo er der Propaganda mit ihrer aufklärerischen Funktion in einer zivilisierten Gesellschaft einen wichtigen Stellenwert einräumt, während im "Fabian" viel stärker die Funktion der Manipulation und Verführbarkeit des Menschen betont wird. (Vgl. hierzu Werke, Band III, S. 411)

Natürlich gehört auch das Großstadtleben zu den bevorzugten Themen von Autoren der Neuen Sachlichkeit. (Vgl. beispielsweise Irmgard Keuns Romane "Gilgi - eine von uns" und "Das kunstseidene Mädchen" oder Hans Falladas Roman "Kleiner Mann - was nun?") In diesem Zusammenhang ist interessant, dass die Großstadt Berlin gleich zu Beginn des Romans mit einem "Rummelplatz" (1. Kapitel, S. 10) verglichen wird, womit die hässlichen Seiten der großstädtischen Vergnügungs- und Unterhaltungsindustrie, aber auch private Klubs sowie anrüchige Etablissements oder Jahrmärkte gemeint sind, von denen im Roman immer wieder die Rede ist. In dieser Hinsicht konnte Erich Kästner auf seine journalistischen Arbeiten zurückgreifen, beispielsweise als Berichterstatter für die "Neue Leipziger Zeitung", und sie als Material für seine Romanepisoden verwenden, die sich mit den ausufernden Erscheinungsformen der damaligen Berliner Subkultur beschäftigen. In Analogie zu der bunten Vielfalt und Hektik des Großstadtlebens verwendete Kästner einen rasanten Erzählstil, um die vielfältigen Facetten und die ständig wechselnden Eindrücke dieser Kulisse einzufangen. Er erwies sich als dem Stil der Neuen Sachlichkeit verpflichteter Autor, indem er filmische Erzählmuster (schnelle Schnitte, Montage, Wechsel von Nahaufnahme und Totale usw.) in die Beschreibung einbaute.

Im Verlauf des Romans wird die Großstadtthematik weitergeführt und erfährt noch eine erhebliche Zuspitzung. Episode reiht sich an Episode, Figur an Figur, Szene an Szene: Es ist ein beständiges Kommen und Gehen, Auftauchen und Verschwinden, Fallenlassen , Wiederaufnehmen und Weiterspinnen von Themen und Motiven. Alles ist im Fluss und in unruhiger Bewegung. Nichts unterliegt den strengen Gesetzen der Chronologie bzw. der Kausalität oder reiht sich in überschaubare Ordnungsmuster ein. Berlin erweist sich als

Großstadtdschungel und als Schauplatz von Elend, Arbeitslosigkeit, Aufruhr, sexuellen Ausschweifungen und politischen Krawallen, wo linke und rechte Fanatiker gnadenlos aufeinander losschlagen und sich die von Kästner befürchtete und vorausgesehene Radikalisierung und Bündelung nationalistischer Kräfte im Nationalsozialismus bereits abzeichnet. Es kommt nicht von ungefähr, dass Kästner ursprünglich an "Sodom und Gomorrha" als Romantitel dachte und Fabian auch diese Formulierung wählt, als er mit Cornelia Battenberg durch das nächtliche Berlin streift. (Vgl. Fabian, 10. Kapitel, S. 84) Für Fabian gleicht Berlin "längst einem Irrenhaus. Im Osten residiert das Verbrechen, im Zentrum die Gaunerei, im Norden das Elend, im Westen die Unzucht, und in allen Himmelsrichtungen wohnt der Untergang." (ebd. S. 85) Es ist eine hochexplosive Mischung. Die Menschen leben wie im Rausch und zelebrieren einen Tanz auf dem Vulkan. Fabian verhält sich in diesem chaotischen Getriebe wie ein Flaneur, der keine Möglichkeit sieht, in das rotierende Räderwerk einzugreifen und sich auf die Rolle des passiven, pessimistisch oder melancholisch gestimmten Beobachters zurückzieht: "Ich sehe zu und warte." (ebd.) Aber er erweist sich auch als Moralist, jedoch wie einer, der nicht mehr an den Sieg des Guten glaubt und daher von der Zukunft nur rein hypothetisch und im Konjunktiv spricht: "Ich warte auf den Sieg der Anständigkeit, dann könnte ich mich zur Verfügung stellen. Aber ich warte darauf wie ein Ungläubiger auf Wunder." (ebd.) Auch für den Autor und Moralisten Erich Kästner bleibt nur wenig Hoffnung: "Sein angestammter Platz ist und bleibt der verlorene Posten." ("Vorwort des Verfassers", in: Werke, Band III; S. 441) Immerhin ist sein Wahlspruch ein trotziges : "Dennoch!" (ebd.)

Als Beobachter, der das Geschehen um ihn herum zwar aufmerksam registriert, aber keine Möglichkeit des Eingreifens erkennt und sich daher passiv verhält, offenbart Fabian Züge eines neusachlichen Anti-Helden, dessen mangelndes politisches Engagement und schulterzuckendes Sich-Abfinden mit den Gegebenheiten von manchen Kritikern als indirekte Bestätigung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse gesehen wurde. Für den Autor selbst ist bezeichnend, dass er sich in die innere Emigration zurückzog, nachdem er am 10. Mai 1933 Zeuge der von den Nazis angezettelten Bücherverbrennung geworden war und erlebt hatte, wie seine Bücher ins Feuer geworfen wurden. Marxistisch orientierte Kritiker wie Walter Benjamin und Georg Lukács warfen Kästner und anderen neusachlichen Autoren einen Mangel an politischem Bewusstsein und einen selbstmitleidigen Rückzug in die private Innerlichkeit vor. Benjamin kritisierte Kästners Lyrik beispielsweise als Ausdruck "linker Melancholie"- (Vgl. Benjamins Aufsatz "Linke Melancholie. Zu Erich Kästners neuem Gedichtbuch", 1931, in: Becker 2, S. 327 - 329) Nach Kästners eigenem Selbstverständnis als Schriftsteller ist dieser Vorwurf jedoch nicht stichhaltig. Er hat betrachtete sich nicht als politisch engagierter Kritker der gesellschaftlichen Wirklichkeit mit dem Ziel, diese Wirklichkeit zu verändern, sondern als Moralist mit erhobenem Zeigefinger, der vom Erfolg seiner Bemühungen keineswegs überzeugt ist, aber sie dennoch auf sich nimmt. (Vgl. das von ihm trotzig geäußerte "Dennoch!")

Zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte

Kästner schrieb seinen "Fabian" zwischen Oktober 1930 und Juli 1931 in Berlin, d. h. an dem Ort und zu der Zeit, die auch für den Roman gelten. Damit entspricht er der Gattung eines Zeitromans, der ein Bild der zeitgenössischen Wirklichkeit vermitteln will. Am 27. Juli 1931


[...]

[1] Für den Roman "Fabian" gilt dies in besonderem Maße. Mehrfach hat Erich Kästner hier von ihm selbst verfasste Zeitungsartikel in den Text montiert bzw. zu Romankapiteln umgearbeitet, um seinen Schilderungen Authentizität zu verleihen. Das ist zum Beispiel der Fall im 17. Kapitel, wo der Autor über Fabians Besuch auf dem Weddinger Rummelplatz "Onkel Pelles Nordpark" (140 - 144) schreibt. Diese Episode stimmt in weiten Teilen mit Kästners am 05.12.1928 in der "Neuen Leipziger Zeitung" unter dem Titel "Hauptgewinn 5 Pfund prima Weizenmehl!" veröffentlichten Artikel überein. Hier erweist Kästner sich nicht so sehr als der Moralist, der er eigentlich sein wollte, sondern vor allem als ein Autor, der gewohnt war, journalistische Texte zu schreiben.

Details

Seiten
16
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656522058
ISBN (Buch)
9783656531098
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263430
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Philosophische Fakultät
Note
"-"
Schlagworte
erich kästners fabian roman neuen sachlichkeit

Autor

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Titel: Erich Kästners 'Fabian' als Roman der Neuen Sachlichkeit