Lade Inhalt...

Scheidungskinder als pädagogische Herausforderung

Bachelorarbeit 2012 56 Seiten

Pädagogik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

A. Einleitung

B. Pädagogik und Scheidung
1. Zielformulierung der Pädagogik
2. Was ist Persönlichkeit und wie entwickelt sie sich?
3. Wechselwirkungen zwischen Persönlichkeit und Umwelt
4. Persönlichkeitsmodell (Fünf-Faktoren-Modell)

C. Scheidung als Phänomen
5. Was ist Scheidung?
5.1 Statistische Daten zu Scheidungssituation und Relevanz
der Problematik
6. Kindliches Erleben der Scheidung
6.1.Scheidungszyklus
6.1.1 Vorscheidungsphase
6.1.2 Scheidungsphase
6.1.3 Nachscheidungsphase
6.2 Faktoren, die das Scheidungserleben beeinflussen
6.2.1 Mutter-Kind-Beziehung
6.2.2 Beziehung zum Vater
6.2.3 Stieffamilie
6.2.4 Geschwisterbeziehung
6.2.5 Großeltern und Verwandte
7. Reaktionen und Auswirkungen der Scheidung
7.1. Altersspezifisch
7.1.1. Säuglinge und Kleinkinder
7.1.2. Vorschulkinder
7.1.3. Schulkinder
7.2. Geschlechtsspezifisch
7.3. Auswirkungen auf Schule und Lernen
8. Folgen der Scheidung für das Kind
8.1. Aggressionsprobleme
8.2. Selbstwertprobleme..
8.3. Geschlechtsidentitätsprobleme
8.4. Positive Folgen der Scheidung

D. Praxis und pädagogische Schlussfolgerungen
9. Soziale Unterstützung der Scheidungskinder in Tageseinrichtungen
9.1. Verhaltensänderungen bei den Kindern wahrnehmen
9.2. Das Konzept der sozialen Unterstützung
9.3. Erzieherin-Kind-Beziehung.
9.4. Peerkontakte
10. Handlungsmöglichkeiten der Pädagogik
10.1 Pädagogische Unterstützung und Hilfe
10.2 Ausdrucksmöglichkeiten von Gefühlen durch
Malen und Gestalten
10.3 Beratung von Eltern für den Umgang mit den Kindern.
11. Schlussbetrachtung
12. Literaturverzeichnis

A.Einleitung:

Trennung und Scheidung stellen einen drastischen Schnitt im Leben von Paaren, Eltern und deren Kinder dar. Obwohl es heutzutage nicht mehr ungewöhnlich ist, sich von seinem Lebenspartner scheiden zu lassen, löst eine solche Trennung immer noch eine hohe emotionale Betroffenheit aus, insbesondere dann, wenn Kinder mit im Spiel sind. Diese werden dann auch immer die Last einer Entwicklung tragen, an der sie am wenigsten Schuld haben. Für eine gesunde Entwicklung braucht das Kind eine funktionierende Familie, die ihm Liebe, Wärme und ein soziales Umfeld der Geborgenheit schenkt. Mit der Scheidung der Eltern zerbricht diese Struktur und das Kind verliert Ordnung und Halt in seiner Welt. (vgl. Bünger 2008, S. 20) Genau aus diesem Grunde ist Scheidung auch ein vieldiskutiertes und bleibend aktuelles Thema. Die Entwicklung der Scheidungszahlen steigt nach wie vor in die Höhe und somit natürlich auch die Zahl betroffener Kinder. Diese werden meist unfreiwillig, völlig unvorbereitet mit der Scheidung konfrontiert und in den elterlichen Konflikt mit einbezogen. Aufgrund ihres Entwicklungsstandes besitzen sie nur bedingt kognitive Verarbeitungsmöglichkeiten und sehen die veränderte Lebenslage aus ihrem kindeseigenen Blickwinkel, welcher sich naturgemäß von dem der Erwachsenen deutlich unterscheidet. Zahlreiche Studien, welche die Langzeitfolgen betroffener Kinder untersuchten, wurden mit den unterschiedlichsten Methoden und Zielsetzungen an verschiedenen Bevölkerungsgruppen durchgeführt. Diese zeigten dann deutlich, dass es Scheidungskinder später im Leben schwerer haben, als Kinder aus einem intakten familiären Umfeld. Die Selbstsicherheit, das Sozialverhalten und auch die Lebensfreude werden infolge der elterlichen Trennung stark beeinträchtigt. (vgl. Beal/Hochmann 1992, S.11)

Bereits im Verlauf meines Studiums habe ich mich in dem Seminar „Heterogenität in der Kindheit“ mit dem Thema Scheidungskinder beschäftigen können. Mein Interesse für dieses Thema war schon immer ein primäres, da auch mir näherstehende Personen aus meinem Freundes - und Bekanntenkreis schon früh von Scheidung betroffen waren. So kam es immer wieder zu interessanten Gesprächen, in welchen sie mir von ihren Erfahrungen erzählten.

Die Frage, wie Kinder mit solch einem einschneidenten Ereignis umgehen und welche Folgen sich daraus für sie ergeben, hat in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung und weiter an Aktualität gewonnen. Wie erleben Kinder eine Scheidung? Welche Faktoren haben Einfluss auf die Verarbeitung und den Umgang mit der elterlichen Trennung? Reagieren Jungen etwa anders als Mädchen? Welche Handlungsmöglichkeiten hat hier die Pädagogik und wo kann sie wie ansetzten? . Um eine Antwort auf diese Fragen zu finden, muss man zunächst einmal die Komplexität dieses Trennung- und Scheidungsprozesses erkennen. Ich habe in meiner Arbeit versucht, einen kleinen Einblick in dieses vielschichtige Thema zu geben und dabei die wichtigsten Aspekte herauszuarbeiten. Mein besonderes Augenmerk lege ich hierbei, wie der Titel meiner Arbeit schon auch aussagt, auf die pädagogische Praxis und die Frage, wie wir als Pädagogen den betroffenen Kindern Hilfe und Unterstützung in dieser für sie außergewöhnlich schwierigen Situation geben können. Ich möchte in meiner Arbeit die Möglichkeiten von unterstützenden und präventiven Maßnahmen, zur möglichst konfliktfreien Bewältigung bei Trennung der Eltern aufzeigen. Denn nur so ist es möglich, den aus der Scheidung resultierenden Problemen, welche sich auf die weitere Entwicklung des Kindes auswirken, entgegen zu steuern.

Bezüglich meiner Arbeit möchte ich darauf hinweisen, dass ich den Vater als den ausgezogenen Elternteil gewählt habe, da die Kinder in den meisten Fällen bei der Mutter verbleiben. Desweiteren habe ich keine Differenzierung zwischen Scheidung und Trennung vorgenommen, da das Erleben und die Folgen für das Kind sich nicht grundlegend unterscheiden.

Aufbau der Arbeit:

Meine Arbeit gliedert sich in drei Teile. Der erste Teil beschäftigt sich mit dem Thema „Persönlichkeit“. Diese stellt eine wichtige Grundlage für die Problematik „Scheidungskinder“ dar, welche letztlich den Einfluss darauf nimmt, wie ein Kind die Welt um sich herum wahrnimmt, diese interpretiert und bestimmte Ereignisse verarbeitet. Die menschliche Persönlichkeit ist sehr komplex und der Einzelfall ist nur zu verstehen, wenn man weiß, was das Individuum ausmacht. Zunächst einmal möchte ich den Begriff „Persönlichkeit“ definieren und darstellen, wie sich diese entwickelt und welche Faktoren hierfür ausschlaggebend sind. Anschließend werde ich anhand eines von mir ausgewählten Modelles die fünf wichtigsten Komponenten einer solchen Persönlichkeit vorstellen, um am Schluss darauf zu sprechen zu kommen, was das Ziel der Pädagogik in diesem Zusammenhang ist. Der zweite Teil meiner Arbeit beginnt mit einem kurzen Überblick über die statistischen Daten zur Scheidungssituation in Deutschland und betont aufgrund dieser erschreckenden Zahlen die Relevanz dieser Problematik. Auch werde ich auf das kindliche Erleben einer Scheidung zu sprechen kommen. Dieser Punkt beinhaltet neben den verschiedenen Scheidungsphasen auch die unterschiedlichen Faktoren, die Einfluss auf das Scheidungserleben des Kindes haben, da jedes Kind natürlich unterschiedlich auf die elterliche Trennung reagiert. Hier möchte ich dann schließlich der Frage nachgehen, welche Faktoren dafür verantwortlich sind, wie ein Kind das Scheidungserlebnis wahrnimmt und verarbeitet. Anschließend möchte ich die verschiedenen Reaktionen und Auswirkungen des Kindes auf die elterliche Trennung beschreiben, welche ich nach Alter und Geschlecht differenziert habe. Tatsächlich ergeben sich hier deutliche Unterschiede. Auch werde ich darauf eingehen, welche Auswirkungen die Scheidung auf das Sozialverhalten und das Lernen hat. Diesen Teil dann abschließend ,möchte ich darauf zu sprechen kommen, welche möglichen Folgen sich für das Kind ergeben können, insbesondere in den ersten beiden Jahre nach der Scheidung. Untersuchungen haben in dieser Zeit die meisten Verhaltensänderungen bei betroffenen Kindern festgestellt. Im dritten und letzten Teil meiner Arbeit geht es um die pädagogische Praxis, also wie man das theoretisch erlangte Wissen im pädagogischen Alltag anwenden kann. Hierzu werde ich zunächst einmal beschreiben, wie die soziale Unterstützung in den Tageseinrichtungen aussehen sollte. Voraussetzung für die Hilfestellung durch eine pädagogische Fachkraft ist es zunächst einmal zu erkennen, dass sich das Kind in einer derartig schwierigen Lebenslage befindet, weswegen ich die Signale, die auf eine elterliche Trennung schließen lassen, kurz beschreiben möchte. Desweiteren werde ich erläutern, ob und wie sich die Erzieherin-Kind-Bindung in dieser Situation verändert bzw. welche Hilfestellung eine Erzieherin dem Kind zukommen lassen kann. Im dann letzten Kapitel möchte ich darzustellen, welche Handlungsmöglichkeiten die Pädagogik in Bezug auf Scheidungskinder hat. Hierzu werde ich auf den symbolischen Ausdruck, nämlich wie Kinder ihre Gefühle durch Malen und Gestalten offen legen können, zu sprechen kommen. Darüber hinaus habe ich mich mit den Eltern von Scheidungskindern beschäftigt und erläutere bzw. zeige auf, wie die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Erzieherin aussehen und welche Ratschläge man den Betroffenen in einer solchen Situation mit auf den Weg geben kann. Dieses Thema werde ich allerdings nur noch kurz anreißen, da dieses so umfassend ist, dass man allein hierfür eine eigene Arbeit schreiben müsste. In der Schlussbetrachtung werde ich abschließend die entscheidenden Punkte nochmals hervorheben und einen kurzen Ausblick in das Thema präventive Gruppenprogramme geben.

B. Pädagogik und Scheidung

1. Zielformulierung der Pädagogik:

Das Ziel und die Aufgabe der Pädagogik ist die Förderung der Entwicklung eines Kindes zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftfähigen Persönlichkeit. Hierbei spielt die Vermittlung von Werten und Regeln eine wichtige Rolle. Auch soll das Kind in seiner Entwicklung Ich-, Sozial- und Sachkompetenz erwerben. Hierzu gehört die Förderung der sozialen, emotionalen, körperlichen und geistigen Entwicklung, die sich nach Alter, Entwicklungsstand und den Fähigkeiten des Kindes richten muss. Auch die Lebenssituation, sowie die Interessen und Bedürfnisse des Kindes müssen berücksichtigt werden. (Sozialgesetzbuch 2012, S. 45) Die Pädagogik stellt das Kind mit seinen individuellen Kompetenzen in den Mittelpunkt und lässt es seine Umwelt aktiv mitgestalten. Das Kind entwickelt im Laufe seiner Entwicklung mehrere Beziehungen zu Personen außerhalb der Familie, beispielsweise zu der pädagogischen Fachkraft. Hier ist das Ziel der Pädagogin, das Kind mit seinen individuellen Entwicklungsvoraussetzungen zu fördern und ihm Sicherheit und Anerkennung zukommen zu lassen. Der Erwerb sozialer Kompetenzen, Entwicklung von Emotionalität und die Gestaltung sozialer Beziehungen stehen in einem engen Zusammenhang miteinander. Lernen Kinder ihre eigenen Gefühle zu deuten und das emotionale Erleben von anderen Personen nachzuvollziehen, gehen sie besser mit sich und anderen Menschen um. Mit dieser Sicherheit und dem Vertrauen in andere, entwickelt sich das Kind zu einer selbstbewussten und autonomen Person, welche belastenden Konflikten konstruktiv bewältigen und mit ihnen umgehen kann. Das kulturelle und familiäre Umfeld beeinflusst die Entwicklung dieser sozialen und emotionalen Kompetenz im hohen Maße. Das in der Familie vorgelebte Verhalten ist dafür verantwortlich wie das Kind seine Gefühle wahrnimmt und wie es mit schwierigen Situationen umgeht. (vgl. Hessisches Kultusministerium auf www.bep.hessen.de)

Es gehört zum Selbstverständnis des Pädagogen, dass es die Persönlichkeit des Kindes „im ganzen Blick“ hat. Er muss erkennen, wie das Kind ist und wie es einmal werden soll. Anhand dieses Wissens versucht er, den Erziehungs- und Bildungsprozess zu lenken. Hierzu ist es erforderlich, dem Kind eine entsprechende Umwelt zu bieten, in der es sich positiv entwickeln kann. Dazu gehört auch, die schlechten Einflüsse von ihm fernzuhalten. Der Pädagoge unterstützt das Kind, sich zu einer mündigen und selbstständigen Persönlichkeit entwickeln. (vgl. Giesecke auf www.hermann-giesecke.de) Für die pädagogische Arbeit mit Scheidungskindern bedeutet das, dass zum einen Defizite, die in der Erziehung der Eltern durch die Scheidung entstanden sind, kompensiert werden. Zum anderen sollen die Pädagogen das Kind in der Krisensituation durch gezieltes Vorgehen unterstützen. Dies bedeutet, dass die Ziele der Pädagogik in Hinblick auf Scheidungskindern in zwei Teilbereiche gegliedert werden können. Pädagogen helfen dem Kind zum einen bei der Verarbeitung der Scheidung und zum anderen erziehen sie es zur Lebenstüchtigkeit und stellen eine Familienergänzung dar bzw. versuchen die familiären Defizite auszugleichen. (vgl. Demmler 1999, S. 108-109)

2. Was ist Persönlichkeit und wie entwickelt sie sich?

Viele Wissenschaftler und Philosophen beschäftigen sich schon seit der Antike mit dem Thema Persönlichkeit. Die Frage, die sie sich stellen, ist, was die menschliche Persönlichkeit, also den Charakter und das Wesen eines Individuums, ausmacht und wie man diese Persönlichkeit beschreiben kann. Der Arzt Hippokrates beispielsweise teilte die Menschen in vier Kategorien ein: melancholisch, cholerisch, sanguinisch und phlegmatisch. Allerdings wandte sich mittlerweile die Wissenschaft von solchen verallgemeinernden Einordnungen ab, da diese Kategorien zu vereinfacht dargestellt sind. Im deutschen Wörterbuch wird Persönlichkeit wie folgt definiert:

„1.Gesamtheit aller Wesenszüge, Verhaltensweisen, Äußerungen eines Menschen; Gesamtheit der bes. Eigenarten eines Menschen; der Mensch als Person, als Einzelwesen, in seiner Eigenart“

„2. bedeutender Mensch, Mensch eigener, besonderer Prägung durch Stellung, Rang sich aus den Übrigen heraushebender Mensch. „

In der Psychologie gibt es verschiedene Definitionen, die sich je nach Forschungsrichtung unterscheiden. Gordon W. Allport, beschäftige sich schon in den 30er Jahren mit dem Thema „Persönlichkeit“ und beschrieb diese als „die dynamische Organisation derjenigen Systeme im Individuum, die sein charakteristisches Verhalten und Denken determinieren.“ Dies bedeutet, dass Persönlichkeit verschiedene Aspekte beinhaltet und kein einheitliches Konstrukt ist. Unsere Wahrnehmung und Interpretation von der Welt und unser Handeln in bestimmten Situationen, lässt erkennen, wer wir sind. Diese betrachten wir in unserer alltäglichen Umwelt allerdings nicht getrennt voneinander, sondern wir kombinieren die Aspekte, die ein Mensch zeigt und fassen diese als Persönlichkeitseigenschaften zusammen. Beispielsweise sagt man in der Regel nicht, um den Charakter einer Person zu beschreiben, dass sie sich unter Menschen sehr wohl fühlt, viel redet und gerne im Mittelpunkt steht. Vielmehr beschreiben wir diese als offen oder kontaktfreudig. Diese Persönlichkeit, die sich mit den Jahren entwickelt und sich verinnerlicht hat, hat Einfluss darauf, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen und interpretieren. (vgl. Backhaus auf www.psyreon.de)

Die Persönlichkeitsentwicklung vollzieht sich das ganze Leben lang. Früher wurde davon ausgegangen, beeinflusst von der Psychoanalyse, dass die Persönlichkeitsentwicklung schon nach dem dritten Lebensjahr abgeschlossen ist. Heute weiß man jedoch, dass selbst im Erwachsenenalter noch Veränderungen in der Persönlichkeit aufkommen können. Desweiteren haben Wissenschaftler herausgefunden, dass Individuen, die in ihrer Kindheit in ungünstigen Familienverhältnissen auswuchsen, sich trotzdessen zu psychisch gesunden Erwachsenen entwickelten. Dies ist abhängig von vielerlei Faktoren, die sich in „innere“ und „äußere“ unterscheiden lassen. Zu den inneren Faktoren zählen unter anderem das Erbgut, das Temperament und physiologische Prozessen. Hinzu kommen die Ergebnisse der bisherigen Persönlichkeitsentwicklung: „Eigenschaften, Einstellungen, Vorurteile, Werte, Motive, Interessen, Ängste, Erwartungen, Geschlechtsidentität, Selbstkonzept etc.“ Die äußeren Faktoren hingegen befinden sich in der Umwelt, wie Familie, Peer-Groups, Gesellschaft, Kultur und Institutionen. Hierbei gilt: „Innere und äußere Variablen beeinflussen zumeist nur dann die Persönlichkeitsentwicklung, wenn sie wahrgenommen und innerlich – bewusst oder unbewusst – verarbeitet wurden. . Zwischen dem sechsten und zwölften Lebensjahr bildet sich bei Kindern nach und nach ihre individuelle Persönlichkeit heraus. Sie lernen Sozialverhalten, entdecken ihre besonderen Fähigkeiten, lernen mit Ängsten umzugehen und lernen unterschiedliche Wertesysteme kennen. (vgl. Textor auf www.kindergartenpaedagogik.de)

3. Wechselwirkungen zwischen Persönlichkeit und Umwelt:

Laut einem aktuellen Ansatz zur Persönlichkeit, ist bekannt, dass die Persönlichkeitseigenschaften eines Menschen weitgehend durch die Gene bestimmt sind, mit denen er geboren wird. Jedoch sind bei der Formung der Persönlichkeit eines Menschen nicht nur genetische, sondern auch umweltbedingte Einflüsse bedeutsam. Diese sind von Geburt an eng miteinander verbunden. Um die Effekte spezifischer Gene in Gang zu bringen, müssen bestimmte Umweltbedingungen gegeben sein. Desweiteren geben die Eltern ihren Kinder sowohl ihre Gene, als auch ihre häuslichen Umgebung weiter und „beides sind wiederum Funktionen der eigenen Gene der Eltern.“ Daraus folgt, dass die Persönlichkeit eine systematische Wechselbeziehung zwischen ererbten Eigenschaften des Kindes und der Umwelt ist, in der es aufwächst. Es gibt drei verschiedene Formen der Interaktion, durch welche die Umwelt zu einer Funktion der Persönlichkeit des Kindes wird:

Reaktive Interaktion: Verschiedene Kinder, die in derselben Umwelt aufwachsen, interpretieren diese anders und reagieren unterschiedlich. Ein ängstliches und empfindliches Kind, wird auf die Scheidung der Eltern anders reagieren als ein starkes und extravertiertes. Anders ausgedrückt: „extrahiert die Persönlichkeit eines jeden Kindes aus der objektiven Umgebung eine subjektive psychische Umwelt.“ Genau diese subjektive Umwelt ist es, welche die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes formt. Das heißt, selbst wenn die Eltern genau die gleichen Bedingungen für alle Kinder erzielen würden, wäre dies nicht für alle psychisch gleichwertig.

Evokative Interaktion: Die Persönlichkeit eines Kindes bewirkt unterschiedliche Reaktionen bei den Eltern. Beispielsweise rufen aggressive Kinder einen vermehrt kontrollierenden Erziehungsstil hervor als gutmütige, ruhige Kinder. Dies bedeutet, dass die Persönlichkeit des Kindes den Erziehungsstil der Eltern beeinflusst, der wiederum die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes formt.

Proaktive Interaktion: Werden die Kinder älter, können sie sich aus der von den Eltern bereitgestellten Umwelt entfernen und sich selbst ihre Umgebungen auswählen. Diese Umgebungen wirken wiederum auf die Ausbildung ihrer Persönlichkeit zurück. Das Kind wird hierbei zu einem aktiv Handelnden bei der Entwicklung seines eigenen Ichs.

Im Laufe der Entwicklung eines Kindes verschiebt sich die Bedeutung dieser drei Arten der Interaktion. Wenn das Kind noch klein ist und zuhause lebt, ist die systematische Korrelation zwischen dem Genotyp eines Kindes und seiner Umwelt am stärksten. Wenn das Kind älter wird und beginnt seine eigene Umwelt auszuwählen, gewinnt die proaktive Interaktion mehr an Bedeutung. Die reaktiven und evokative Interaktionen bleiben das ganze Leben lang aktuell. (vgl. Smith/ Nolen-Hoeksema/ Fredrickson/ Loftus 2007, S.631-636)

4. Persönlichkeitsmodell: Fünf-Faktoren-Modell

Mit den Jahren wurden in der psychologischen Forschung eine Reihe von unterschiedlichen Persönlichkeitstheorien- und Modellen entwickelt. Um die Persönlichkeit eines Menschen zu beschreiben, erwies sich jedoch die sogenannten „Big Five“ als das meist umfassende Modell, denn die fünf Faktoren stellen die zentralen Dimensionen der Persönlichkeit eines Individuums dar. Dieses Persönlichkeitsmodell ist derzeit das einflussreichste und viele Persönlichkeitspsychologen halten die Entdeckung der Big Five als einer der wichtigsten Durchbrüche in der Persönlichkeitspsychologie. Schon im Jahre 1936 nahmen sich Allport und Odbert Wörterbücher zur Hand und erstellten eine umfangreiche Liste mit Eigenschaften, mit denen man die Persönlichkeit eines Individuums beschreiben kann. Doch diese Liste sollte auf die zentralen Eigenschaften reduziert werden und so stellte Cattell 16 grundlegende Eigenschaften zusammen. Kurze Zeit später versuche Fiske diese zu überarbeiten und fand hierbei, genauso wie auch andere Forscher, die fünf zentralen Eigenschaften: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und negative Emotionalität. Jeder dieser Faktoren beinhaltet außerdem eine Vielzahl von Unteraspekten. Diese Facetten dienen zu Spezifizierung der verschiedenen inhaltlichen Aspekte eines Faktors. (vgl. Backhaus auf www.psyreon.de) Im Folgenden möchte ich die unterschiedlichen Faktoren des Persönlichkeitsmodelles kurz darstellen:

Die Dimension „Extraversion“

Unter Extraversion versteht man eine nach außen gewandte Haltung. Extravertierte Charaktere empfinden den Austausch in sozialen Gruppen als äußerst anregend, sie sind kontaktfreudig, reden viel und gehen aus sich heraus. (vgl. Fehr auf www.bmd-gmbh.de) Beim Spiel beschäftigen sie sich meist mit den unterschiedlichsten Dingen. Extravertierte Kinder blühen unter Menschen auf und tanken so ihre Energie. Introversion ist der

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gegenpol zu Extraversion. Diese Menschen verhalten sich in sozialen Gruppen zurückhaltend, beobachten lieber, verhalten sich eher scheu und meiden Kontakt zu anderen Menschen. Introvertierte Kinder ziehen sich gerne zurück, um ihre Energie aufzuladen. Beim Spiel beschäftigen sie sich stundenlang mit einer Sache. (vgl. Daniels auf www.kernverlag.de)

Die Dimension Verträglichkeit“

Ist ein Mensch verträglich, kommt er gerne anderen Menschen entgegen, versucht Konfrontationen zu meiden und passt sich an. Er verzichtet darauf, persönliche Normen zu entwickeln und ordnet seine eigenen Bedürfnisse unter, da es ihm wichtiger ist, mit seinem Gegenüber Übereinstimmung zu erlangen. Auch ist er hilfsbereit, verhält sich kooperativ und nachgiebig. Das Verständnis für andere und das Wohlwollen ist ein wichtigstes Merkmal. Im Gegensatz dazu, ist der kompetitive Antagonist stärker darauf ausgerichtet, dass seine eignen Bedürfnisse befriedigt werden, er verfolgt seine eigenen Ziele und konkurriert gerne mit anderen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Dimension „Gewissenhaftigkeit“

Gewissenhafte Menschen handeln organisiert, verantwortlich, überlegt und zuverlässig. Sie sind ordentlich und zeichnen sich durch eine hohe Selbstdisziplin aus. Ein Mensch mit niedriger Gewissenhaftigkeit ist weniger auf seine Ziele ausgerichtet, lässt sich leicht ablenken und kann seine Impulse weniger kontrollieren. Sie handeln eher ungenau und erledigen Aufgaben oft nicht sorgfältig.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Dimension „Offenheit für Erfahrung“

Ein weiteres Persönlichkeitsmerkmal der Big Five ist die Offenheit gegenüber neuen Situation und somit Erfahrungen und Eindrücken. Sie richtet sich danach, wie kreativ und neugierig ein Mensch ist. Bei Personen mit hohen Offenheitswerten sind die Interessen weit gestreut, er mag die Abwechslung und Bewegung. Offene Menschen haben viel Fantasie, sind wissbegierig und experimentierfreudig. Menschen mit niedrigen Offenheitswerten haben eine eher konservative Einstellung. Sie ziehen bekannte Dinge vor und sind skeptisch gegenüber Neuen. Sie nehmen ihre emotionalen Reaktionen eher gedämpft wahr.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Dimension „Negative Emotionalität/ Neurotizismus

Dieser Dimension richtet sich auf individuelle Unterschiede im Erleben von negativen Emotionen. Die Spannbreite zieht sich von der emotionalen Labilität zur emotionalen Stabilität. Ist die emotionale Labilität hoch ausgeprägt, ist ein Mensch ängstlich und unsicher. Aber auch Anspannung und Nervosität zeichnen ihn aus. Diese Empfindungen werden leichter bei ihm ausgelöst und halten viel länger an. Er hat größere Schwierigkeiten auf Stresssituationen angemessen zu reagieren, ist sensibel und nimmt Gefühle stärker und deutlicher wahr als andere. Eine Person mit niedrigen Neurotizismus-Werten hat eine gute Ich-Stärke und ist zufrieden mit seinen Lebensumständen. Er ist sehr belastbar, wirkt jedoch oft unzugänglich und unbeeindruckt auf andere Menschen. Sie erleben seltener negativ Gefühle, fühlen sich sicher und stabil. (vgl. Fehr auf www.bmd-gmbh.de)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die in den letzten Jahrzenten durchgeführten Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass sich andere Persönlichkeitsmodelle in die Struktur der Big Five integrieren lassen. McCrae und John kamen zu dem Ergebnis, dass die Big Five ein umfassendes, effizientes und integratives Modell ist. Nicht nur in der Forschung ist die Beschreibung der Persönlichkeit anhand der Big Five von großer Bedeutung, sondern auch in der Praxis. Auch in der klinischen Psychologie beispielsweise, setzt man die Persönlichkeitsdiagnostik zum Verständnis von Persönlichkeitsstörungen ein. (vgl. Backhaus auf www.psyreon.de)

[...]

Details

Seiten
56
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656522256
ISBN (Buch)
9783656533979
Dateigröße
849 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263419
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,7
Schlagworte
scheidungskinder herausforderung

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Scheidungskinder als pädagogische Herausforderung