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Unterrichtsstunde zu Büchners "Woyzeck"

Inhaltliche Erarbeitung der Bedeutung und der Funktion des Märchens im Drama Woyzeck unter besonderer Berücksichtigung der kooperativen Lernformen

Unterrichtsentwurf 2012 11 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Sachanalytische und didaktische Überlegungen

Die Stunde beginnt mit dem Märchen „Die Bienenkönigin“ der Brüder Grimm. Ich habe mich für dieses Märchen entschieden, da es ein Volksmärchen ist, das viele Märchenmerkmale enthält, wie zum Beispiel die Königssöhne, die magische Zahl 3, die kostbaren Dinge (hier: Perlen) etc.. Dadurch soll es den deutlichen Kontrast zum Kunstmärchen, hier dargestellt durch das Märchen der Großmutter im „Woyzeck“, hervorheben.

Das Märchen der Großmutter nimmt innerhalb der 27 Szenen nur einen quantitativ geringen Stellenwert ein; dennoch ist es von großer Bedeutung, da es eine wichtige Funktion innerhalb des Dramas hat. Primär spiegelt es Woyzecks Leben wider, indem das Kind aus dem Märchen der Figur Woyzeck entspricht. So wird Woyzeck ebenso wie das Kind aufgrund einer Not zum Aufbruch gedrängt und zum unermüdlichen Schaffen gezwungen, damit er seiner Familie etwas bieten kann. Obwohl er immer wieder Enttäuschungen und Herabsetzungen durch gewisse Personen, wie beispielsweise den Hauptmann beim Rasieren oder die Erbsenkur des Doktors, erfährt, lässt er sich nicht entmutigen und setzt seine Arbeit fort. Wie auch das Kind im Märchen erfährt er letztlich, dass ihn sein unkritischer Glaube an die Gerechtigkeit der Welt trügt und sein Leben einen katastrophalen Verlauf nimmt. Hinter dieser textimmanenten Aussage, die das Märchen als Spiegel der Abbildung von Woyzecks Lebenswelt darstellt, steckt eine noch viel tiefere Bedeutung. Durch das Vorwissen aus der Auseinandersetzung mit dem „Hessischen Landboten“ kennen die SuS bereits Büchners kritische Haltung zur Gesellschaftsordnung des 19. Jahrhunderts und der Ausbeutung des dritten Standes. Diese Thematik will Georg Büchner dem einfachen Bürgertum vermitteln. Er wählt dazu die literarische Form des Märchens, da diese Textsorte durch das mündliche Tradieren neben dem unterhaltenden Wert auch eine pädagogische und erzieherische Aussage beinhaltet, die alle Bürger verstehen. Mittels des Märchens soll auch den SuS der kritische Kommentar Büchners, den das Märchen beinhaltet, noch einmal bewusst gemacht werden. Die Hausaufgabe bietet hierfür den Transfer, da die SuS die doppelte Funktion des Märchens wiedergeben sollen und diese mit der ihnen bereits bekannten, überfachlichen Thematik begründen können.

Methodische Überlegungen

- Stundenablauf

Der Einstieg in die Stunde erfolgt durch einen auditiven Impuls der Lehrperson. Das Vorlesen des Märchens „Die Bienenkönigin“ soll die SuS in bereits erlebte Situationen zurückversetzen, als ihnen selbst Märchen vorgelesen wurden. Im Anschluss daran beschreiben die SuS das Gefühl, das sie beim Vorlesen hatten und erläutern, in welchem Zusammenhang sie Märchen kennengelernt haben. Dies soll vor allem den leistungsschwächeren SuS helfen, sich auch ohne weiteres Vorwissen in den Unterricht miteinbringen zu können.

Eine Alternative zu dem auditiven Impuls wäre ein Bild gewesen, das eine Mutter mit Kind(ern) beim Vorlesen von Märchen zeigt. Die SuS hätten Erfahrungen aus ihrer eigenen Lebenswelt einbringen können. Die Möglichkeit habe ich allerdings verworfen, weil Märchen mündlich überliefert wurden und die Authentizität durch das Vorlesen höher ist.

Nach dem Erfahrungsaustausch erfolgt die Reproduktionsphase in Form eines Unterrichtsgesprächs, in der die SuS die Merkmale eines typischen Volksmärchens wiedergeben. Diese Phase ist besonders für die leistungsschwächeren SuS gedacht, die dadurch mögliche Wissenslücken schließen und somit dem Unterrichtsverlauf folgen können. Die Form des Unterrichtsgesprächs habe ich gewählt, da die SuS – vor allem vor oder nach einer Gruppenarbeitsphase - diese Form immer wieder einfordern, diskussionsfreudig daran teilnehmen und diese Form das Unterrichtsgeschehen maßgeblich vorantreibt.

Anstatt des Unterrichtsgesprächs hätte ich die Märchenmerkmale in Partnerarbeit erarbeiten lassen können. Auf diese Weise hätten leistungsschwächere SuS ebenso die Möglichkeit gehabt, sich mit ihrem Partner auszutauschen, bzw. von ihm zu lernen. Die Ergebnissicherung hätte im anschließenden Plenumsgespräch stattfinden können. Eine Alternative zum Plenumsgespräch wäre die Moderationskarten-Methode gewesen: Die SuS hätten ihre in Partnerarbeit erarbeiteten Ergebnisse auf Karten geschrieben. Ein Schüler hätte die Funktion des Moderators übernommen, die Karten eingesammelt, vorgelesen und entsprechend ihrer Thematik unter Zuhilfenahme der anderen SuS an die Tafel geklebt. Der Einsatz dieser Methode hätte allerdings den Rahmen einer Einzelstunde gesprengt.

Da die SuS das Märchen der Großmutter in Szene 19 des Dramas kennen, erfolgt die Überleitung zur Erarbeitungsphase. In der folgenden arbeitsteiligen Gruppenarbeit arbeiten die SuS in sechs Gruppen die Themenblöcke „Volksmärchen“, „Kunstmärchen“ und „Inhaltliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Sterntaler-Märchen und dem Märchen der Großmutter“ heraus, um die Frage zu klären, welchem Typus das Märchen im „Woyzeck“ angehört. Dabei werden die SuS von mir leistungsheterogen zusammengesetzt. In der Vergangenheit zeigte sich, dass die Interaktion von leistungsstärkeren mit leistungsschwächeren SuS keine Probleme bereitete und gemäß dem Prinzip „Lernen durch Lehren“ sinnvoll genutzt wurde. Eine zusätzliche Binnendifferenzierung erfolgt in der sich anschließenden Sicherungsphase: Hierbei wird die jeweils tendenziell leistungsschwächere Arbeitsgruppe mit der Präsentation beginnen und die themengleich leistungsstärkere Arbeitsgruppe bildet die Kontrollgruppe, die lediglich ergänzen wird. Dieses Prinzip ermöglicht allen SuS, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten in den Unterricht einbringen zu können. Gleichzeitig hat die Kontrollgruppe die Möglichkeit, Ergänzendes beizusteuern und übergeordnete geistesgeschichtliche und literatursoziologische1 Impulse zu setzen.

Die Gegenüberstellung von Volks- und Kunstmärchen bildet innerhalb der Reflexionsphase eine weitere Möglichkeit, um allen SuS gattungsspezifische Kenntnisse zu vermitteln. Sie haben hier die Gelegenheit, in einer kurzen Zusammenfassung noch einmal die wesentlichen Funktionen beider Märchentypen zu reflektieren. Anschließend bestimmen die SuS innerhalb der Transferphase den Märchentyp des Märchens im Woyzeck.

Die sich anschließende Hausaufgabe beschäftigt sich mit der Funktion des Märchens im Woyzeck. Dies stellt wiederum einen weiteren Transfer dar, da die SuS die Ergebnisse aus der Gruppenarbeit mit dem Wissen aus der vorangegangenen Auseinandersetzung mit dem „Hessischen Landboten“ verknüpfen müssen.

Hausaufgabe: Erläutern Sie, welche Funktion das Märchen der Großmutter im „Woyzeck“ einnimmt.

- Nachfolgende Stunde

Die Besprechung der Hausaufgabe wird im Austausch der Arbeit mit dem Sitznachbarn erfolgen. Die SuS kennen diese Methode und wenden sie gerne an. Dabei lesen sie kritisch den jeweils anderen Text und verfassen eine eigene Stellungnahme, was bei der Bearbeitung der Hausaufgabe besonders gut gelungen ist und worin noch Verbesserungsbedarf besteht. Diese Arbeitsform wurde bereits mehrfach geübt, die SuS wissen, auf was sie achten müssen und arbeiten sehr gewissenhaft. Der Vorteil dieser Methode besteht darin, ein Bewusstsein für die Kriterien eines gut formulierten und kohärenten Text zu schaffen und eigene Fehlerquellen in der Zukunft zu vermeiden. Zudem werden jedes Mal drei Hefte eingesammelt und die Arbeit des Schülers sowie die des Korrektors bewertet, sodass auch eine Rückkopplungsfunktion für den Korrektor besteht. Zusätzlich werden zwei bis drei Texte, bzw. einzelne Sequenzen aus Texten vorgelesen, die der Lehrperson beim Durchgehen während der Korrekturphase aufgefallen sind. Dies können Texte sein, die nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich herausragend sind, sowie Aufsätze, die bestimmte fachübergreifende Themen ansprechen und Impulse für weitergehende Unterrichtsgespräche sein können.

Anschließend wird die Bedeutung der Volkslieder im „Woyzeck“ näher beleuchtet, um nachfolgend auf die Verfremdungseffekte im epischen Theater überzuleiten.

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1 Hessisches Kultusministerium (2010): Lehrplan Deutsch, S. 10

Details

Seiten
11
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656521532
ISBN (Buch)
9783656529385
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263363
Note
12 Punkte
Schlagworte
Büchner Woyzeck Unterrichtsentwurf Woyzeck Funktion Märchen;
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