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Die Verehrung der Heiligen Anna im Spätmittelalter

Hausarbeit 2010 18 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0. Einleitung

2.0. Hauptteil: Die Verehrung der Heilige Anna im Spätmittelalter
2.1. Entstehung der Annenlegende
2.2. Religiöse Rahmenbedingungen der Annenverehrung im 14. und 15. Jahrhundert
2.3. Annenbruderschaften
2.4. Patrozinien der heiligen Anna
2.5. Humanisten als Protagonisten der Annenverehrung
2.6. Annenvita von Jan van Denemarken als Beispiel für ein glückliches Familienleben
2.7. Familie und Verwandtschaft im Spätmittelalter
2.8. Frömmigkeit um 1500 im Spiegel der Annenverehrung

3.0. Schluss

4.0. Quellen- und Literaturverzeichnis

1.0. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, warum ausgerechnet die Verehrung der heiligen Anna um 1500 eine so starke Blüte erlebte. Unter diesem Leitaspekt werden weitere Fragen zu beantworten sein. Wer waren die sozialen Trägergruppen der Annenverehrung und was versprachen sich die Verehrer von der heiligen Großmutter? Warum fand ausgerechnet eine dreimal verheiratete Ehefrau und Mutter zu solcher Verehrung? Von der mittelalterlichen Kirche war die verheiratete Frau bis dahin kaum als religiöses Subjekt wahrgenommen worden und ihr Lebensraum wurde von Zeitgenossen in vielen Bereichen mit der Sünde in Verbindung gebracht.[1]

Der Aufbau der Arbeit ist ein deduktiver. Die Vorgehensweise vom Besonderen zum Allgemeinen soll am Beispiel der Annenverehrung strukturelle Merkmale und Veränderungen der Heiligenverehrung in dieser Zeit herausarbeiten und diese wiederum mit Rückgriff auf die vorhandene Forschungsliteratur diskutieren. In Kapitel 2.1. wird auf die Entstehung der Annenlegende eingegangen. Dann werden religiöse Rahmenbedingungen der Annenverehrung im 14. und 15. Jahrhundert darstellt (Kapitel 2.2.). Schwerpunkt wird hier der Streit um die unbefleckte Empfängnis Marias sein. Die folgenden zwei Kapiteln setzen sich mit Annenbruderschaften (Kapitel 2.3.) und Patrozinien (Kapitel 2.4.) der Heiligen auseinander, um so Rückschlüsse auf die soziale Trägerschaft der Annenverehrung und deren Bedürfnissen zu ziehen. Humanisten als Protagonisten der Annenverehrung werden in Kapitel 2.5. behandelt. In Kapitel 2.6. wird gezeigt, wie die Annenvita als Beispiel für ein glückliches Familienleben eine pädagogische Funktion einnimmt. In Kapitel 2.7. wird bezogen auf die Fragestellung auf das Thema Familie und Verwandtschaft im Spätmittelalter eingegangen. Im Kapitel 2.8. sollen die Merkmale und Veränderungen der Frömmigkeit um 1500 im Spiegel der Annenverehrung dargestellt werden. Zu diesem Zweck wird die vorliegende Forschungsliteratur genutzt, die sich in ihren Aussagen teilweise uneinheitlich präsentiert. Die verschiedenen Forschungsmeinungen werden darstellen und gegeneinander abgewogen. Im Schlussteil werden die Ergebnisse zusammengefasst und ein Fazit in Bezug auf die Forschungsfragen gestellt.

Die Arbeit konzentriert sich zeitlich auf das Spätmittelalter und beschränkt sich räumlich auf das Heilige Römische Reich Deutscher Nationen. Regionale Unterschiede in diesem Bereich werden kurz angesprochen und erläutert. Eine nach diesem Gesichtspunkt differenzierte Analyse würde den Rahmen dieser Arbeit jedoch sprengen.

2.0. Hauptteil: Die Verehrung der Heilige Anna im Spätmittelalter

2.1. Entstehung der Annenlegende

Die heilige Anna ist die Mutter der heiligen Jungfrau Maria und somit die Großmutter Jesu. Von 150 n. Chr. bis in das 15. Jahrhundert war sie nur als Mutter Marias und als Stammmutter der heiligen Sippe bekannt. Die Ausführungen zu den Eltern Marias, die dreimalige Heirat der Heiligen und Angaben zu Annas Mutter Emerentia sind die Überlieferungskreise aus denen sich in einem komplizierten Prozess die Annenvita ausgebildet hat.[2]

Die Namen der Eltern Marias tauchen zum erstenmal im 2. Jahrhundert im „Protoevangelium Jacobi" auf. In der Nachbildung der alttestamentarischen Geschichte der unfruchtbaren Hanna, der Mutter Samuels, erzählt das Apokryph von wunderbaren Ereignissen, die die Geburt Marias begleiten. Einleitend kommt der Verfasser auf ihre Eltern zu sprechen, die tugendhaft und fromm gewesen seien, aber sehr unter ihrer Kinderlosigkeit gelitten hätten. Nach Verkündigung durch einen Engel empfängt Anna im Greisenalter Maria. Die Motive "das greise Elternpaar", "die unfruchtbare Mutter", "Verkündigung eines Trägers göttlicher Verheißung" verweisen auf die heilsgeschichtliche Bedeutung des Kindes.[3] Historisch sind diese Angaben nicht zu belegen. Von ihrem dritten bis zu ihrem zwölften Lebensjahr soll Maria im Tempel gedient haben. Der Tempeldienst von Jungfrauen widerspricht aber dem jüdischen Tempelkult. Die Legende von der Eltern und der Kindheit Marias gehörte bald zum festen Wissensgut der Westkirche. Der Dominikaner Vincenz von Beauvais (gest. 1264) nahm sie in sein Speculum historiale und Jakob von Varazze, Erzbischof von Genua (gest. 1298) in die Goldene Legende, das am weitesten verbreitete Buch des Spätmittelalters auf.[4]

Der zweite Motivkreis erzählt von dem Trinubium der heiligen Anna. Die komplizierten Verwandtschnaftsverhältnisse der von der Ahnfrau Anna begründeten "Heiligen Sippe" beschreibt Haimo von Halberstadt (gest. 853) so: "Maria, die Mutter des Herren, und Maria, die Mutter des Jakobus, des Bruders Christi, und die andere Maria ... waren Schwestern, welche von verschiedenen Brüdern gezeugt, aber von derselben Mutter, nämlich Anna, geboren waren. Anna heiratete nämlich zuerst den Joachim und gebar ihm Maria, die Mutter des Herrn. Nach dem Tod Joachims heiratete sie Kleophas und schenkte einer zweiten Maria das Leben, welche im Evangelium Maria Kleophä genannt wird. Kleophas hatte einen Bruder Joseph, dem er seine Stieftochter, die heilige Jungfrau Maria, vermählte, seine eigene Tochter aber gab er dem Alphäus zur Gattin, welche die Mutter des Jakobus Minor und eines zweiten Joseph wurde. Nach dem Tod des Kleophas heiratete Anna einen dritten Mann, nämlich Salome, und gebar eine dritte Maria, die dem Zebedäus vermählt wurde; ihre Söhne waren Jakobus der Ältere und Johannes der Evangelist."[5] Haimo von Halberstadt soll als erster die neutestamentarische Tradition mit der nur in den apokryphen Schriften genannten Anna verknüpft haben. Entstanden ist die These vom Trinubium durch einen Diskussionsprozess zwischen Schriftauslegern. Im neuen Testament ist von Geschwistern Jesu die Rede.[6] Im späten 2. und frühen 3. Jahrhundert wird noch unbefangen angenommen, dass diese Kinder von Maria und Joseph seien. Doch für diejenigen, die aufgrund ihrer Hochschätzung der asketischen Lebensweise vermuteten, dass Maria auch nach der Geburt Jesu jungfräulich lebte, wurde dies zum Problem. Um zwischen unterstellter Jungfräulichkeit und dem biblischen Text zu vermitteln bildeten die Exegeten genealogische Spekulationen aus. So entstand die "Stiefbrüderhypothese", die "Vetternhypothese" und andere.[7] Mehrere Jahrhunderte wurde über die Thesen zur Verwandtschaft Jesu diskutiert. Im 12. und 13. Jahrhundert hatte sich noch keine der Hypothesen durchgesetzt, doch gewann die Trinubiumshypothese an Bedeutung. Das Trinubium erregte aber im ganzen Mittelalter moralisch begründeten Widerspruch und blieb eine umstrittene Angelegenheit.

Die Überlieferungskreise zu den Eltern Marias und zum Trinubium standen zum ersten mal in der "legenda aurea" des Dominikaners Jacobus de Voragine nebeneinander. Sie dienten zur Lesung für den Tag der Geburt Marias, wurden aber noch nicht erzählerisch verknüpft. Von einer Annenlegende kann noch nicht gesprochen werden. Erst nachdem diese zwei Motivkreise mit einer Überlieferung zu Eltern und Geburt Annas verbunden wurden, entstand die Annenvita. Emeretia, die Mutter Annas war nach Ps. Cyrill geistliche Freundin der Vorläufer der Karmeliter. Sie sei tugendhaft gewesen und habe vor Gott Jungfräulichkeit gelobt. Ihre Eltern wollten sie verheiraten und so wandte sich Emeretia an die Propheten des Berges zu Kamel. In einer Vision offenbarte ihr der Herr sie solle sich verehelichen, da sie die Mutter Gottes gebären würde. Sie erwählte den frommen Stollanus zum Ehemann.[8]

Erst nach der Mitte des 15. Jahrhundert dürfte die Annenvita entstanden sein. In weniger als fünf Jahren erschienen drei inhaltlich stark verschiedene Annenlegenden: Eine von Zeelhemer Kartäuser Petrus Dorlandus, eine kürzere um 1489 und eine, im Gegensatz zu den anderen beiden lateinischen, in frühniederländischer Sprache abgefasste [9] Diese Viten, die an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert zahlreich im Druck erschienen, wurden darüber hinaus von Annenmirakeln ergänzt. Diese haben keine längere oder besonders interessante Entstehungsgeschichte. Sie entstanden aus verbreiteten Motiven der Mirakelliteratur des Spätmittelalters, an denen sich Hagiographen wie an einem Baukasten bedienten. Dabei folgten sie vielmehr dem "Zwang des Typus" als ihrer persönlicher Willkür.[10] "Die Mutter Anna stand nun plötzlich nicht mehr im Schatten ihrer heiligen Tochter Maria; ihre Lebensgeschichte bot nicht mehr das "Präludium" zu der ihrer Tochter. Die Mutter Marias wurde als Großmutter Christi einer eigenen Legende gewürdigt. Von ihrer erst geborenen Tochter Maria war hier nur noch am Rande die Rede. "Beata avia Christi", "mater matris Deiparae" lauteten die Ehrentitel der Heiligen."[11] Die Kunst begann Anna entsprechend betont hervorzuheben. Vor allem sind hier die Annaselbdritt-Darstellungen zu erwähnen.[12] Die "Heilige Sippe" wurde trotz des umstrittenen Trinubiums zu einem beliebten Motiv von Malern und Bildhauern.[13] Viele Annakapellen, tausende von Altären und Statuen wurden zu ihren Ehren errichtet. Auch Martin Luther soll sie angerufen haben: "Hilf du, S. Anna, ich will ein monch werden." Kleinschmidt bezeichnet sie als Modeheilige: "Nur wenige weibliche Heilige dürfte es geben ... auf welche der Name "Modeheilige" eine so passende Anwendung finden dürfte als auf die Mutter Marias. Nicht als ob der Kult der hl. Anna nur vorübergehend gewesen wäre, aber es hat eine Zeit gegeben, wo sie fast alle Heiligen in den Schatten zu stellen schien."[14]

2.2. Religiöse Rahmenbedingungen der Annenverehrung im 14. und 15. Jahrhundert

Bedeutsam für die Annenverehrung soll der Einfluss der Franziskaner gewesen sein, insbesondere der von Papst Sixtus IV., der vor seiner Wahl im Jahre 1471 General des Franziskanerordens gewesen ist. Matthias Zender bemerkt dazu: "Theologische Grundlage der Verehrung im Abendland wurde die vor allem von den Franziskanern gegen die Dominikaner vertretene Lehre von der Unbefleckten Empfängnis Mariens, die also schon im Mutterleib Annas von der Erbsünde frei gewesen sei. Damit wurde die Großmutter Jesu direkt in das Heilsgeschehen einbezogen. Mittelalterlichem theologischem Verständnis war es durchaus einsichtig, daß eine Frau, die solcher Gnade teilhaftig wird, auch selbst geheiligt ist. Daher sind die Franziskaner mit den anderen Anhängern dieser Lehre die eifrigsten Propagatoren des Annakultes."[15] Es sprechen jedoch einige Beobachtungen dagegen, dass ein Massenphänomen wie die Annenverehrung abhängig gemacht werden kann von feinen Abgrenzungen der Theologen. Alle an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert entstandene Texte sehen die besondere Auszeichnung der Großmutter hinsichtlich der vorgeburtlichen Heiligung, vertreten aber nicht einhellig die Lehre der immaculata conceptio, die erst 1854 als Dogma fixiert wurde.[16] Es wurde zwar allgemein die Meinung vertreten, dass Maria schon vor ihrer Geburt von der Erbsünde gereinigt war, allerdings war der Zeitpunkt dieser Heiligung strittig. Es kursierten auch zum Beginn des 16. Jahrhunderts noch seltsame Vorstellungen, wie die, dass Anna durch den Kuss, den ihr Joachim an der Goldenen Pforte gegeben habe, schwanger geworden sei. Die innige Umarmung der Eltern sollte die jungfräuliche Empfängnis Marias belegen. Ein Konsens bestand in dieser Frage nicht. Jungfräuliche Extremisten bestanden auf Kussschwängerung. Die Mehrheit vertrat die Auffassung einer natürlichen Zeugung.[17] Wie etwa der Münsterprediger von Straßburg, Johannes Geiler von Kaysersberg (1445-1510). In einer seiner "Vier schönen Predigten von Unser Lieben Frauen" heißt es: "Also ist unser lieber frau auch menschlich empfangen. Nit von dem kuss, als thorechte menschen davon reden, sund in beiwesen mann und frauen als ich und du. Diese empfenckniss eret man nitt. Sie hat weder sünd noch verdienst."[18] Die Frage der Empfängnis Marias war also besonders in den Jahrzehnten umstritten in denen die Annenverehrung ihren Höhepunkt erlebte. Angelika Dörfler-Dierken kommt in ihrer Untersuchung zu dem Schluss, dass Anna zu einem Zeitpunkt allgemeiner Akzeptanz für die Diskussion um die unbefleckte Empfängnis Marias funktionalisiert wurde.[19] Der Sponheimer Abt Johannes Trithemius (1462-1516) forderte in seinem Panegyricus "De laudibus sanctissime matris Anne" erstmals, alle Annenverehrer sollten auch an die unbefleckte Empfängnis Marias glauben, Was in Deutschland schärfsten Widerspruch hervorrief. Der Frankfurter Dominikaner Wigand Wirt beschwor eine literarische Kontroverse herauf, in die sich dann wiederum humanistische Freunde Trithemius einmischten.[20] Es fanden auch mehrere Disputationen zwischen "Immakulisten" und "Makulisten"statt.[21] Der Hinweis auf den Streit, kann aber nicht belegen, dass die Annenverehrung historische Folge des Glaubens an die unbefleckte Empfängnis Marias war. Denn Makulisten, wie Wirt forderten keinen Verzicht auf die Verehrung der heiligen Großmutter und einige Immakualisten kritisierten die Annenverehrung. In den folgenden Jahren wurde die Diskussionen auch wieder getrennt voneinander geführt. "Im Gegenteil: gerade der Versuch, den aufstrebenden Kult Annas für diese partikulare theologische Lehrmeinung zu funktionalisieren, rief schärfsten Widerspruch hervor. Allerdings war auch festzustellen, daß die Überzeugung, die Gottesgebärerin Maria sei hinsichtlich ihrer eigenen Zeugung irgendwie privilegiert gewesen, weit verbreitet war. Deshalb nutzten einige Annologen die Gelegenheit, im Rahmen der Annenlegende allzu mirakulöse Vorstellungen von der concepttio Mariae zu ironisieren."[22]

In klösterlichen Kalendarien des 13. und 14. Jahrhunderts finden sich zwar schon einzelne Nennungen einer liturgischen Feier des Annentages, von einer breiten oder allgemeinen Feier des Annentages kann man nicht sprechen."[23] Erst 1481 ließ Papst Sixtus IV. den Gedenktag der Anna in den römischen Kalender aufnehmen. 1584 bestimmte Papst Gregor XIII. ihren Festtag, den Annentag, auf den 26. Juli.

2.3. Annenbruderschaften

Eine große Zahl von Bruderschaften stand unter dem Patronat der Heiligen.[24] Die meisten Annenbruderschaften bestanden in den Städten des Habsburgischen Kaisers Maximilian I.[25] zwischen 1480 und 1565.[26] Nach dieser Blütezeit nahm die Annenverehrung im Deutschen Reich wieder stark ab und erlebte in der zweiten Hälfte des 16 Jahrhunderts und später ihren Höhepunkt in den romanischen Ländern.[27] Die Annenbruderschaften unterschieden sich nicht von anderen Heiligenbruderschaften. Einige Auffälligkeiten gibt es jedoch: "Die bruderschaftliche Verehrung der Großmutter des Erlösers war ein plötzlich aufbrechendes Phänomen. Nicht viel mehr als eine Generation von Gläubigen vermochte die Heilige vor der Reformation zu begeistern und unter ihrem Patronat zu sammeln."[28] Die Annenbruderschaft im Karmeliterkloster zu Frankfurt am Main förderte die Verehrung der Heiligen maßgeblich. Sie hatte 4000 Mitglieder und war besonders reich. Unter anderem erwarb sie 1494 eine Annenreliquie. Allgemein kann man feststellen, dass die Annenbruderschaften überdurchschnittlich wohlhabend waren und ihren Besitz schnell vermehrten[29]. Bei der Übergabe der Annenreliquie war auch der Humanist und Drucker Jodocus Badius Ascensius anwesend. Er beauftragte Trithemius "De laudibus sanctissime matris Anne" zu verfassen.[30] Die vielen Bruderschaften im Spätmittelalter sind ein Indikator dafür, dass es im Mittelalter viele Laien gab, die ein christliches Leben realisieren wollten. Auffällig ist aber, dass die Organisationsform ruderschaft sich nicht nur an älteren Religionsgemeinschaften orientierte, sondern auf Modelle gemeinschaftlichen Handelns zurückgriff, die sich in der Stadtgesellschaft herausgebildet hatten.[31] Im Fall der Annenbruderschaften ist festzuhalten, dass sie sich größtenteils nicht den Klöstern anschlossen, obwohl dies die Ablassgewinnung der Gläubigen einschränkte. Hier könnte der Wunsch zum Ausdruck kommen so viel Mitspracherecht wie möglich für sich zu behalten.[32] Dass das Volk nicht nur am religiös-kirchlichen Lebens teilnehmen wollte, sondern dieses mitgestaltete ist charakteristisch für das Spätmittelalter. Die Gründe dafür sind laut Moeller soziologische Verschiebungen, der Aufstieg des Städtewesens und die erschütternden kollektiven Erlebnisse der Pestepidemien.[33] In den Annenbruderschaften sammelte sich aber nicht "das Volk" allgemein wie Kleinschmidt behauptet,[34] sondern Laien aus Ober- und Mittelschicht. Also derjenige Teil der städtischen Bürger, die es sich leisten konnten.

2.4. Patrozinien der heiligen Anna

Kleinschmidt postuliert Anna sei die Patronin einer Vielzahl von Ständen und Zünften gewesen.[35] Die meisten davon werden auch noch in den heutigen Heiligenlexika genannt.[36] Die wenigen Nennungen von Standesbruderschaften unter dem Patronat der heiligen Anna lassen im Untersuchungszeitraum laut Angelika-Dörfler-Dierken keinen Bezug zwischen bestimmten Berufsgruppen und der Heiligen erkennen.[37] Im Gegenteil wird häufig betont, dass ihr Schutz für alle Menschen nützlich sei. Auch bei den Patronaten der Heiligen lässt sich nur feststellen, dass vor allem die Laien der Ober- und Mittelschicht die Heilige zu ihrer Patronin machten.[38] Das Patrozinienwesen wurde im Spätmittelalter vollendet.[39] Gründe waren die Heilssehnsucht bei gleichzeitiger Heilsunsicherheit. Die kollektiven Erfahrungen der Pestepidemien haben starke Unsicherheiten hinterlassen, die sich in Heilssehnsucht äußerten. Die Heilsmittler sollten dingfest gemacht werden, man wollte die Garantie auf Heil erzwingen, da der Tod realistisch gedacht und angstvoll gefürchtet wurde.[40] Die Zuständigkeit bestimmter Heiliger für bestimmte Bevölkerungsgruppen und bestimmte Notfälle wurden endgültig fixiert. Auch wurden sie nach verschiedenen Kriterien in Gruppen zusammengestellt.[41] Einer der Gründe für die Beliebtheit der heiligen Anna und ihrer Sippschaft könnte mit der Tatsache zusammenhängen, dass es sich auch hier um eine Gruppe handelt. Wichtiger scheint aber zu sein, dass im Spätmittelalter ein grundsätzliches Interesse an genealogischen Konstruktionen bestand. Die Identität wurde in dieser Zeit durch den Hinweis auf verwandtschaftliche Zusammenhänge bestimmt.[42] Vor allem der Adel und die bürgerliche Oberschicht verwendeten viel Mühe darauf, ihre genealogische Herkunft erforschen und erfinden zu lassen.[43] Der "Boom" der Annenverehrung könnte damit zusammenhängen, dass in dieser Zeit, wie Moeller schreibt, der Heiligenhimmel der Gliederung der menschlichen Gesellschaft und Schicksale genau angepasst wurde.[44] Vielleicht suchte das nach den Pestepidemien erstarkte Bürgertum, dass seinen Familiensinn in dieser Zeit verstärkt haben soll, nach seiner Entsprechung im Jenseits. Die Annenlegende sollte als Anleitung für ein glückliches Familienleben dienen. Der Zusammenhang von Bürgertum, Familiensinn im Spätmittelalter und der Annenverehrung wird in Kapitel 2.6. und vor allem in Kapitel 2.7. behandelt.

[...]


[1] Dörfler-Dierken, Angelika, Die Verehrung der heiligen Anna im Spätmittelalter und früher Neuzeit, Göttingen 1992, S.211

[2] Dörfler-Dierken, heilige Anna, 1992, S.120-121

[3] Die Geburtslegenden von Heiligen konstruieren sich häufig aus diesen Motiven. Dörfler- Dierken, heilige Anna, 1992, S122, Anm. 5

[4] Schreiner, Klaus, Maria. Jungfrau, Herrscherin, München Wien 1994, S.25

[5] Zitiert nach Schreiner, Maria, 1994, S.25

[6] Die Bibel oder die ganze heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments, nach der Übersetzung Martin Luthers, Stuttgart 1964. U.a. Matthäus 13,55: "Ist er nicht eines Zimmermanns Sohn? Heißt nicht seine Mutter Maria und seine Brüder Jakobus und Joseph und Simon und Judas?"

[7] Dörfler-Dierken, heilige Anna, 1992, S.125

[8] Dörfler-Dierken, heilige Anna, 1992, S.149

[9] Dörfler-Dierken, heilige Anna, 1992, S.146

[10] Dörfler-Dierken, heilige Anna, 1992, S.154

[11] Dörfler-Dierken, heilige Anna, 1992, S.13-14

[12] "Selbdritt" bedeutet "zu dritt", die Darstellung zeigt Anna mit der Jungfrau Maria und dem Jesuskind.

[13] Essner hat sich ausführlich dem Bildtypus "Heilige Sippe" gewidmet: Essner, Werner, Die heilige Sippe - Studien zu einem spätmittelalterlichen Bildthema in Deutschland und den Niederlanden, Bonn 1986

[14] Kleinschmidt, B., Die Heilige Anna, Forschung zur Volkskunde 1-3, 1930, S.138

[15] Zender, Matthias, Theol. Realenzyklopädie II, Sp. 735. Auch Kleinschmidt vertritt diese These der Annenkult sei notwendige Folge der Verehrung der Unbefleckten Empfängnis Marias gewesen: Kleinschmidt, heilige Anna, 1930, S.162

[16] Dörfler-Dierken, heilige Anna, 1992, S.46

[17] Schreiner, Maria, 1994, S.26

[18] Zitiert nach Schreiner, Maria, 1994, S.26

[19] Dörfler-Dierken, heilige Anna, 1992, S.66

[20] Siehe Kapitel 2.5.

[21] Dörfler-Dierken, 1992, S 64

[22] Dörfler-Dierken, 1992, S.66

[23] Dörfler-Dierken, 1992, S.74

[24] Bruderschaften sind ein Charakteristikum des spätmittelalterlichen Kirchenwesens. Betrachtet man die regionale Verteilung der Annenbruderschaften im Deutschen Reich stellt man fest, dass in Ostfriesland, Böhmen, Bayern, die deutschsprachige Schweiz und Österreich fast keine Annenbruderschaften zu belegen sind. Zentren bruderschaftlicher Annenverehrung sind an Rhein und Mosel, bis Trier und Straßburg, am Main stromaufwärts bis Würzburg, in Sachsen und Südwestdeutschland festzustellen.

[25] Maximilian I. ließ sich 1496 in die Annenbruderschaft zu Worms aufnehmen.

[26] Dörfler-Dierken, Angelika, Vorreformatorische Bruderschaften der heiligen Anna, Heidelberg 1992, Karte

[27] Bemerkenswert sind auch die Unterschiede zwischen der ostkirchlichen und abendländischen Tradition: Dort hat die Annenverehrung weder im Spätmittelalter noch danach einen solchen Aufschwung erlebt.

[28] Dörfler-Dierken, heilige Anna, 1992, S.82

[29] Dörfler-Dierken, heilige Anna, 1992, S.84

[30] Siehe Kapitel 2.2. und 2.5.

[31] Dörfler-Dierken, heilige Anna, 1992, S.78

[32] Dörfler-Dierken, heilige Anna, 1992, S.86

[33] Moeller, Bernd, Frömmigkeit in Deutschland um 1500, in: Arch. Reformationsgesch. 56, 1965, 5-30, S.11

[34] Kleinschmidt, Heilige Anna, 1930

[35] Kleinschmidt, Heilige Anna, 1930, S.415-423

[36] Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, www.bautz.de/bbkl/a/anna_h_m_m.shtml

[37] Dörfler-Dierken, heilige Anna, 1992, S.101

[38] Siehe Kapitel 2.3.

[39] Zu den neuen Funktionen der Heiligen im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Veränderungen vergl. Borst, Arno, Schutzheilige mittelalterlicher Gemeinschaften, in: DERS., Barbaren, Ketzer und Artisten. Welten des Mittelalters, München, Zürich 1990, S.289-311

[40] Moeller, Frömmigkeit um 1500, 1965, S.13

[41] So etwa die "Vierzehn Nothelfer" oder die "quatuor virgines capitales".

[42] vergl. Lutz, H., Erforschung des Mikrosmos: Geschichte der Familie. In: Ders.: Reformation und Gegenreformation. München, 1979, Oldenbourg Grundriß der Geschichte; 10, S. 173-175.

[43] Siehe Kapitel 2.6.

[44] Moeller, Frömmigkeit um 1500, 1965, S.13

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656520368
ISBN (Buch)
9783656521105
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263310
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Geschichte und Gegenwart Alteuropas
Note
1,0
Schlagworte
verehrung heiligen anna spätmittelalter

Autor

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Titel: Die Verehrung der Heiligen Anna im Spätmittelalter