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Vergleich der politischen Utopien von Smith, Rousseau und Marx und ihre Bewertung im Rahmen der heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse

basierend auf dem Seminartext "Markt und Republik" aus "Wovon lebt der Mensch" von Michael Ignatieff

Hausarbeit 2013 24 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Historischer Hintergrund

3 Politische Utopien

3.1 Rousseau
3.2 Smith
3.3 Marx

4 Bewertung der politischen Utopien im Rahmen der heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse
4.1 Rousseau
4.2 Smith
4.3 Marx

5 Fazit

6 Quellen
6.1 Literatur
6.2 Internet

1. Einleitung

„Politische Utopien sind eine Form von Nostalgie für eine idealisierte Vergangenheit, die als Wunsch in die Zukunft projiziert wird. (…) Utopien müssen sich niemals vor der Geschichte rechtfertigten; wie alle Träume sind sie zeitlos immun gegen die Enttäuschungen des realen Lebens (…)“,

schreibt Michael Ignatieff zu Beginn des IV. Kapitels Markt und Republik aus seinem Werk Wovon lebt der Mensch. Was es heißt, auf menschliche Weise in Gesellschaft zu leben (1984)[1]. Tatsächlich haben politische Utopien in den Köpfen und Herzen der Menschen Träume und Wünsche von einer besseren Zukunft geweckt, die nicht nur ideengeschichtlich sondern auch real die menschliche Gesellschaft der letzten zwei Jahrhunderte maßgeblich geprägt haben. Doch was ist übrig geblieben von diesen Wünschen und Träumen, wenn Menschen versuchten, sie in die Tat umzusetzen? Dieser Frage widmet sich meine Hausarbeit. Sie behandelt die drei wohl bedeutsamsten politischen Utopien des 19. und 20. Jahrhunderts:

Der demokratische Republikanismus von Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1787), einem der wichtigsten Staatstheoretiker und Wegbereiter der Französischen Revolution, der Liberalismus von Adam Smith (1723 – 1790), einem schottischen Philosophen und Ökonomen, der als Begründer der klassischen Nationalökonomie angesehen wird und dessen Hauptwerk Der Wohlstand der Nationen (1776) als theoretisches Fundament der Wirtschaftswissenschaften bezeichnet werden kann und der wissenschaftliche Sozialismus/Kommunismus von Karl Marx (1818 – 1883), einem deutschen Gesellschaftstheoretiker, dessen Hauptwerk Das Kapital (1867) die Geschichte des 20. Jahrhunderts weitreichend beeinflusste.

Nach einem kurzen Einstieg in den historischen Hintergrund, werde ich die politischen Utopien in Form einer Gegenüberstellung miteinander vergleichen. Daraus soll ersichtlich werden, welche zentralen Elemente die Theoretiker trennen und welche sie verbinden. Im Anschluss findet eine Bewertung der Utopien im Rahmen der heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse statt. Die Ergebnisse werden am Ende in einem Fazit knapp zusammengefasst. Grundlage dieser Hausarbeit ist der bereits zitierte Seminartext Markt und Republik aus dem Werk Wovon lebt der Mensch. Was es heißt, auf menschliche Weise in Gesellschaft zu leben, von Michael Ignatieff.[2]

2. Historischer Hintergrund

Die politischen Utopien, denen sich Ignatieff widmet, entstanden vor dem Hintergrund eines sich immer stärken abzeichnenden grundlegenden gesamtgesellschaftlichen Wandels: Der industriellen Revolution und der Entstehung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft.

Mitte des 18. Jahrhunderts kam es ausgehend von Großbritannien im Zuge einiger wichtiger Erfindungen wie der Dampfmaschine zu technischen Veränderungen im vorher nicht bekannten Ausmaß. Sie führten zu einer enormen Entfaltung der Produktivkräfte, der Technik, der Wissenschaften und zu neuen Produktionsmechanismen. Dieser Prozess, der als industrielle Revolution bezeichnet wird, läutete eine epochale Umwälzung ein, nämlich den Übergang von der Agrargesellschaft hin zur kapitalistischen Industriegesellschaft (Sochorik 2009: 3). Diese Umwälzung hatte grundlegende ökonomische und soziale Veränderungen zur Folge: Neue Produktionsverfahren, die sich durch Spezialisierung und Arbeitsteilung auszeichneten, führten zu einem starken Anwachsen des Industriesektors und der Intensivierung des internationalen Handels. Die daraus resultierende Produktivkraftentwicklung brachte auch grundlegende soziale Veränderungen mit sich. Große Teile der ländlichen Bevölkerung zogen aufgrund existenzieller Nöte in die Städte, um dort – in Hoffnung auf verbesserte Lebensbedingungen - in den neu entstandenen Fabriken zu arbeiten. Aus diesem als Urbanisierung bezeichneten Prozess entstand die moderne Arbeiterschaft als neue gesellschaftliche Klasse und mit ihr das Prinzip der Lohnabhängigkeit[3]. Der wachsenden Zahl der Lohnabhängigen stand jedoch keine ausreichende Anzahl von Arbeitsplätzen zur Verfügung[4], folglich wurde der Pauperismus[5] zum zentralen sozialen Problem (Koops 2002: 1f.). Unter dem Begriff der Sozialen Frage werden die mit Pauperismus zusammenhängenden sozialen Missstände – wie z.B. schonungslose Kinderarbeit - verstanden.

Die im folgenden Kapitel beschriebenen politischen Utopien vom Rousseau, Smith und Marx sind vor dem Hintergrund der sozialen Frage entstanden und versuchen aus unterschiedlichen Perspektiven, Lösungen für die sozialen Konflikte innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft zu finden.

3. Politische Utopien

3.1 Jean-Jaques Rousseau

Für Rousseau ist die Entwicklung zur kapitalistischen Gesellschaft eine Tragödie der Entfremdung, eine negative Bedürfnisspirale (Ignatieff 1993: 118). Seiner Auffassung nach lebte der Mensch einst in einer Art Paradies, einem Naturzustand, in dem der Mensch in der Lage gewesen sei, seine ursprünglichen Bedürfnisse zu befriedigen. In diesem Naturzustand [6] habe es keine soziale Ungleichheit und keinen materiellen Überschuss gegeben. Da es keine Arbeitsteilung gab, lebte jeder von dem, was er aus eigener Kraft erwirtschaftete. In einer Gesellschaft ohne Überschuss konnte es keine Ungleichheit geben, weil sich niemand mehr aneignen konnte als ein anderer. Folglich sei das Begehren nach materiellem Reichtum durch die ursprünglichen Bedürfnisse begrenzt worden. Der Mensch habe in Freiheit gelebt, weil er befähigt war, seine Bedürfnisse durch seine eigene Arbeit zu stillen, ohne von der Arbeit anderer abhängig zu sein (Ignatieff 1993: 118).

Mit dem Übergang von der Jäger- und Sammlergesellschaft zur sesshaften Agrargesellschaft habe sich dieser Zustand jedoch aufgelöst. Die Gleichheit der Menschen wurde durch die Aufteilung in Besitzende und Feldarbeiter aufgehoben. Den Grund hierfür sieht Rousseau in der Arbeitsteilung und im Privateigentum: „Aber seit dem Augenblick, da der Mensch die Hilfe des anderes nötig hatte, seit man bemerkte, daß es einem Einzelnen nützlich war, Vorräte für zwei zu haben, verschwand die Gleichheit. Das Eigentum war eingeführt, die Arbeit wurde nötig und die weiten Wälder verwandelten sich in lachende Felder, die mit dem Schweiß der Menschen begossen werden mussten. Die Sklaverei und das Elend entsprossen bald auf ihnen und wuchsen mit den Ernten.“[7] (Ignatieff 1993: 119).

Die aufkommende kapitalistische Gesellschaft würde diesen Zustand noch verschärfen. Tatsächlich basiert auch der Kapitalismus auf Privateigentum und sozialer Ungleichheit. Laut Rousseau ist soziale Ungleichheit sowohl Ursache als auch Folge des durch die Produktivkraftentfaltung entstanden materiellen Reichtums. Ursache deshalb, weil erst durch soziale Ungleichheit das Begehren nach materiellem Reichtum entfesselt wird und Folge, weil sich materieller Reichtum durch Ungleichheit reproduziert. Der Mensch habe sich zwar aus der Sklaverei der natürlichen Knappheit durch die Beherrschung der Natur befreit, würde sich jedoch im Gegenzug einem neuen sozialen Mangel unterwerfen, der in einem ausufernden Wettbewerb münde. Der Kampf gegen die Natur sei ersetzt durch den Kampf gegen seine Mitmenschen (Ignatieff 1993: 123). Dieses Dilemma, welches den Verlust der Freiheit und der Unabhängigkeit des Menschen zur Folge habe, bezeichnet Rousseau als Theorie des falschen Bewusstseins und bringt damit die stoische Darstellung der Verderblichkeit in Verbindung mit den wirtschaftlichen Verhältnissen im Kapitalismus (Ignatieff 1993: 133). Nun wird auch deutlich, was genau mit der Tragödie der Entfremdung als eine negative Bedürfnisspirale gemeint ist. Die Bedürfnisspirale versinnbildlicht die permanent wachsende Zahl der Wünsche und Bedürfnisse in einer Gesellschaft, die immer mehr Überschuss und Warenvielfalt bietet. Das falsche Bewusstsein bzw. die Tragödie der Entfremdung kommt dadurch zustande, dass der Mensch glaubt, sich dieser Bedürfnisspirale unterwerfen zu müssen, weil er glaubt, sein persönliches Glück hänge mit seinem materiellen Wohlstand zusammen. Daraus entsteht das permanente Bedürfnis, sich immer mehr Reichtum anzueignen, woraus letztlich Arbeitsteilung und Überschuss aber auch Ungleichheit und Besitzneid resultiere. Mithilfe folgender Graphik möchte ich versuchen, Rousseaus Theorie des falschen Bewusstseins zu veranschaulichen.

Schaubild 1: Negative Bedürfnisspirale im Kapitalismus nach Rousseau

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Selbsterstelltes Schaubild

Doch Rousseau war nun kein erbitterter Feind der Überflussgesellschaft, der die Rückkehr zum Naturzustand propagierte. Er war sich durchaus bewusst, dass der Motor der Geschichte das Zusammenspiel von Privateigentum, Arbeitsteilung, Überschuss, Bedürfnissen und sozialer Ungleichheit ist. Seiner Meinung nach könne eine Überflussgesellschaft ihre Mitglieder niemals untereinander versöhnen, solange der Überfluss nicht gleich verteilt sei (Ignatieff 1993: 123).

Die Kluft zwischen dem Naturzustand und der kapitalistischen Gesellschaft versucht Rousseau durch den (demokratischen) Republikanismus zu schließen. Die zügellose Bedürfnisspirale soll eingedämmt werden durch eine demokratische und kollektive Einschränkung der sozialen Ungleichheit. Die Abschaffung des Privateigentums war für Rousseau keine geeignete Maßnahme[8], ebenso wenig wie eine Veränderung des Erbrechts, sondern eine gezielte Umverteilungspolitik in Form einer Kopfsteuer auf Einkommen und Besitz sowie eine Steuer auf Luxusgüter. Nur dann könne der Mensch vom Sklaven seiner Wünsche zum Herren seiner Bedürfnisse werden. Diese Aufgabe, Gleichheit herzustellen und zu sichern, teilt Rousseau der Politik bzw. der Regierung zu (Ignatieff 1993: 123). Rousseaus Steuerpolitik sollte sowohl eine moralische als auch eine politische Funktion haben: Die Bekämpfung der Armut und die Unterbrechung der Reproduktion von sozialer Ungleichheit. Die Umverteilungspolitik sei eine notwendige ökonomische Voraussetzung der Demokratie an sich, weil ohne Umverteilung die Aufhebung von Gleichheit und Gerechtigkeit durch die Veränderung von Recht und Politik drohe. Zur Umsetzung dieser politischen Utopie müssten zwei Voraussetzungen erfüllt werden: Einen sehr kleines Staatsgebilde, in dem das gesamte Volk leicht einzuberufen ist und die Trennung der öffentlichen und privaten Sphäre verhindert wird und die Einfachheit der Sitten. Luxus und Reichtum solle auf ein Minimum begrenzt werden, da dieser sowohl die reichen als auch die armen Gesellschaftsmitglieder verderbe und staatsmännische Tugenden begrabe (Ignatieff 1993: 124-125). Daher müssten Steuern auf importierte und exportierte Industrieprodukte erhoben werden – eine Maßnahme, die stark an protektionistische Politiken erinnert – und Entwicklungen wie die Urbanisierung, das Anwachsen des Industriesektors zu Ungunsten des Agrarsektors oder der internationale Handel gebremst werden.

Rousseau war sich jedoch im Klaren, dass selbst die direkte Demokratie kein Garant für den Schutz der Demokratie (im Sinne der Gleichheit und Gerechtigkeit) sei, wenn die Mehrheit der Bürger in Aussicht auf Reichtum und Luxus eine uneingeschränkte kapitalistische Wirtschaft befürworten würde. Daher müsse sogar die Entscheidung über die Freiheit eines jeden dem Gesetzgeber anvertraut werden. Rousseau sah die Republik nicht nur von außen durch die Einflüsse der internationalen Handels bedroht. Von innen sah er sie durch die Übertragung staatsbürgerlicher Funktionen an bezahlte Beamte (z.B. Polizei und Armeen) gefährdet. Der moderne Staat, der die Pflichten seiner Bürger übernimmt, sei letztlich – so Rousseau – eine Folge von Luxus und Ungleichheit und gleichzeitig der beste Schutz zur Reproduktion von beidem. Die Entwicklung des modernen Staates gehört demnach zur menschlichen Entfremdungsgeschichte (Ignatieff 1993: 126-127).

[...]


[1] Der Englische Titel dieses Werkes lautet The Needs of Strangers. Die Übersetzung ins Deutsche erfolgte 1993.

[2] Michael Grant Ignatieff (* 12. Mai 1947) ist ein kanadischer Historiker, Philosoph, Autor und Politiker der Liberalen Partei Kanadas (Canada online, 05.09.2011).

[3] Dieses Prinzip bedeutet, dass ein Arbeiternehmer gezwungen ist, seine Arbeitskraft gegen Lohn zu veräußern.

[4] Lediglich rund 80 Prozent der Arbeitswilligen konnten in den 1830er Jahren in Deutschland beschäftigt werden (Koops 2002: 1).

[5] Pauperismus (lat. pauper – arm) bezeichnet das Phänomen der Massenarmut zu Beginn der Industrialisierung (Wörterbuch der Sozialpolitik).

[6] Rousseaus Naturzustand entspricht der Jäger- und Sammlergesellschaft (Ignatieff 1993: 118).

[7] Dieses Zitat von Rousseau stammt aus Schriften zur Kulturkritik S. 213.

[8] Laut Rousseau habe „(…) der Souverän nicht das Recht, das Eigentum eines oder einiger Individuen anzutasten.“ Auch die Freiheiten der Reichen sollten nicht eingeschränkt werden (Ignatieff 1993: 124, aus Emil oder Über die Erziehung ).

Details

Seiten
24
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656522898
ISBN (Buch)
9783656524854
Dateigröße
791 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263296
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,7
Schlagworte
vergleich utopien smith rousseau marx bewertung rahmen verhältnisse seminartext markt republik wovon mensch michael ignatieff

Autor

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