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Der Auszug aus dem Elternhaus. Deutschland und Finnland im Vergleich

von Laura Schiemann (Autor)

Bachelorarbeit 2013 57 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

I. Einleitung: Relevanz und Vorgehensweise

II. Theoretischer Rahmen: Mikro- und Makroebene
2.1.1 Rational Choice Theory und Seu-Modell
2.1.2 Theory of reasoned action/ theory of planned behavior
Exkurs: Altersnormen und sozialer Druck
2.1.3 Wohlfahrtsstaaten nach Gøsta Esping-Andersen

III. Hauptteil: Der Auszug aus dem Elternhaus im deutsch-finnischen vergleich
3.1 Alter und Geschlecht
3.2 Gründe für bzw. gegen einen Auszug
3.3 Bedingungsfaktoren des Auszugs aus dem Elternhaus - Deutschland und Finnland im vergleic
3.3.1 Wohlfahrtsstaat - Sozialleistungen der Staaten
3.3.2 Ausbildungssysteme
3.3.3 Arbeitsmarkt
3.3.4 Familie
3.3.5 Wohnungsmarkt

IV. Schlussteil: Wovon ist der Auszug aus dem Elternhaus jeweils abhängig?

V. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Grundmodell der Theory of Reasoned Action (TRA)

Abbildung 2: Modell der Theory of Planned Behavior (TPB)

Abbildung 3: Medianes Auszugsalter aus dem Elternhaus nach Geschlecht und Land 2007

Abbildung 4: altersspanne in der Frauen das Elternhaus verlassen haben, 2007

Abbildung 5: Erwartete Konsequenzen des Auszugs aus dem Elternhaus nach Baanders

Abbildung 6: Hauptgründe warum junge Erwachsene länger im Elternhaus verbleiben in %

Abbildung 7: Überblick Transferzahlungen bei Arbeitslosigkeit in Finnland

Abbildung 8: Das Bildungssystem in Finnland

Abbildung 9: Das Bildungssystem in Deutschland

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Grad der Dekommodifizierung - Index gemäß Esping-Andersen (1990)

Tabelle 2: Höhe staatlich garantierter Studiendarlehen pro Monat in Finnland

Tabelle 3: Überblick über Die Schularten der sekundarstufe I in Deutschland

Tabelle 4: Anteil der Bevölkerung nach Wohnart 2011 in %

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

I. Einleitung: Relevanz und Vorgehensweise

Der Übergang in das Erwachsenenalter ist eine wichtige Statuspassage im Leben jedes Menschen. In dieser Phase werden von den Heranwachsenden entscheidende Schritte zur Erlangung ökonomischer und sozialer Unabhängigkeit vom Elternhaus geplant und auch realisiert. Dazu sind verschiedene Schlüsselereignisse nötig. Ein zentrales Ereignis ist der Auszug aus dem Elternhaus (Huinink/ Konietzka, 2003). Dieser Schritt zeichnet sich nicht allein durch den hohen symbolischen Wert aus, der ihm beigemessen wird, sondern auch durch eine Reihe struktureller Veränderungen, die er mit sich bringt (Berger, 2009).

Ein bedeutsamer Trend beim Übergang in das Erwachsensein in europäischen Ländern ist, dass die jungen Menschen heutzutage längere Ausbildungszeiten haben, später auf den Arbeitsmarkt strömen, später heiraten, Eltern werden und teilweise später von zu Hause ausziehen (Chiuri/ Del Boca, 2010). Werden die bedeutsamen Lebensereignisse erst spät vollzogen, so kann sich dies beispielsweise in niedrigen Fertilitätsraten eines Landes
niederschlagen. Die Entscheidung, das Elternhaus zu verlassen, hängt von verschiedensten
Faktoren ab, die sich von Staat zu Staat unterscheiden. Damit einhergehend divergiert das Auszugsalter innerhalb Europas. Ein bekanntes Beispiel dafür sind die südeuropäischen Staaten, in denen mit knapp 30 Jahren ausgezogen wird. Auf der anderen Seite tun sich die skandinavischen Staaten mit einem sehr jungen Auszugsalter, aber auch positiven Ergebnissen ihrer Bildungssysteme in den letzten Jahren sehr hervor. Deutschland wiederum liegt im europäischen Vergleich des Auszugsalters ebenfalls im oberen Drittel.

Die leitenden Fragestellungen dieser Bachelorarbeit lauten demnach: Von welchen internen und externen Faktoren hängt die Entscheidung für oder gegen einen Auszug ab? Welche Determinanten üben in den europäischen Staaten Finnland und Deutschland jeweils Einfluss auf den Auszug aus dem Elternhaus aus?

Die Auswahl der untersuchten Determinanten stützt sich auf Erkenntnisse und Resultate von Chiuri und Del Boca, 2008 und 2010 sowie Iacovou, 2010. Sie haben mit Hilfe des European Community Household Panels[1] (ECHP) bestimmte Einflussfaktoren auf den Auszug aus dem Elternhaus (wie z. B. Arbeitslosigkeit, Bildung etc.) statistisch für verschiedene europäische Ländergruppen[2], sowohl allgemein als auch selektiert nach Geschlechtern, nachgewiesen. So zeigen diese Studien nicht nur statistisch nachweisbare Effekte für ein Land auf, sondern in länderübergreifender Sichtweise. Jedoch wird der Fokus dieser Arbeit nicht auf den geschlechtsspezifischen Unterschieden im Auszugsverhalten liegen, sondern auf der Erläuterung der Einflussfaktoren und deren Kontext. Des Weiteren wird in diesem Ansatz lediglich vom Erstauszug aus dem Elternhaus ausgegangen. Eine eventuelle Rückkehr ins Elternhaus und die damit verbundenen Problematiken werden vernachlässigt.

Zunächst wird der theoretische Hintergrund beleuchtet werden. Die Entscheidung, das elterliche Heim zu verlassen, ist in den meisten Fällen wohldurchdacht. Wie es zu dieser Entscheidung kommen kann, wird zunächst auf der Mikro-Ebene anhand der Rational Choice Theorie und auch der Theory of Reasoned Action bzw. Theory of Planned Behavior erklärt werden. Auch die Problematik des sozialen Drucks durch Altersnormen kommt hier in einem Exkurs zum Tragen. Bevor die Determinanten der Makro-Ebene konkret analysiert werden, ist es notwendig, in einem vorherigen Schritt die theoretischen Grundlagen der wohlfahrtsstaatlichen Systeme nach der Theorie von Gøsta Esping-Andersen zu erläutern, an welche auch die Einteilung der Länder bei Chiuri und Del Boca sowie Iacovou angelehnt sind.

Im Anschluss wird im Hauptteil anhand statistischer Daten deskriptiv Information darüber gegeben, wann in welchem Land ausgezogen wird. Hierbei wird auch eine kurze Erläuterung zu geschlechtsspezifischen Unterschieden im Auszugsverhalten gegeben. Im nachfolgenden Unterkapitel werden verschiedene Gründe für bzw. gegen einen Auszug aus dem Elternhaus dargelegt werden. Die konkreten Bedingungsfaktoren für einen Auszug aus dem Elternhaus in den jeweiligen Ländern werden anhand verschiedener Studien, statistischer Daten und theoretischer Hintergründe in den darauf folgenden Kapiteln erläutert werden. Im Einzelnen werden hierbei die Institution des Bildungssystems, die sozialstaatlichen Leistungen, der Arbeitsmarkt sowie familiäre Aspekte und Wohnungsmarktproblematiken umrissen werden.

Letztlich wird in einer Schlussbetrachtung resümiert, welche Faktoren in den jeweiligen Ländern Einfluss haben und welche Gemeinsamkeiten beziehungsweise Unterschiede aufgedeckt werden konnten. Außerdem werden Anknüpfungspunkte an diese Arbeit aufgezeigt.

II. Theoretischer Rahmen: Mikro- und Makroebene

Das menschliche Verhalten und die Entscheidungen, die Individuen treffen, unterliegen vielfältigen Einflussfaktoren und Prozessen, die sowohl auf der Mikro-Ebene als auch auf der Makro-Ebene der Gesellschaft zu finden sind. Im Folgenden werden zwei fundamentale

mikro-theoretische Ansätze des menschlichen Entscheidungsprozesses erläutert sowie ein grundlegendes Verständnis für die Wohlfahrtsstaaten nach Gøsta Esping-Andersen gegeben, welche bedeutende Faktoren der Makro-Ebene repräsentieren.

2.1.1 Rational Choice Theory und Seu-Modell

Die Entscheidung, das Elternhaus zu verlassen, ist eine Entscheidung, welche junge Leute in der Regel sorgfältig überdenken. Es werden Vor- und Nachteile, die ein Auszug mit sich bringt, gegeneinander abgewogen. Der Mechanismus, bei dem das Individuum die Konsequenzen jeder Handlungsoption gegen die der Alternativen abwägt und sich für die vorteilhafteste Option entscheidet, ist als die Grundidee der Rational Choice Theorie bekannt (Savage, 1954).

Die Rational Choice Theory (RTC) oder auch „Theorie der rationalen Wahl“ besagt „[…] erstens, dass individuelle Handlungen auf rationalen oder vernünftigen Handlungsentscheidungen basieren und zweitens, dass gesellschaftliche Phänomene durch individuelle Handlungen erklärt werden können.“ (Diefenbach, 2009, S. 239). Um diese zu verstehen, ist es notwendig, das Menschenbild darzulegen, auf welchem die RTC basiert. Schon der schottische Philosoph David Hume attestierte, dass das menschliche Handeln zweckgerichtet ist, d.h. die Handlungen sind auf das eigene Wohlergehen ausgerichtet (Hume, 1978; Original: 1739). Die RTC geht davon aus, dass der Mensch rational und vernünftig handelt. Dies heißt konkret: „[…] dass Menschen auf Grund von Absichten oder Zwecken handeln, die kurz-, mittel- oder langfristig ihren eigenen Zielen, Wünschen oder Bedürfnissen dienen.“ (Diefenbach, 2009, S. 242).

Gibt es nun aber verschiedene Handlungsmöglichkeiten, so wird der Prozess der Wahl einer Möglichkeit in drei Schritten vollzogen. Die Personen nehmen zunächst ihre Handlungssituation als solche wahr und vergleichen sie mit ihrem Wissen und ihren Vorerfahrungen. Ist die Situation gleich bereits erlebten Situationen, so kann möglicherweise auf Routinen zurückgegriffen werden. Andernfalls muss eine bewusste Handlungsentscheidung getroffen werden. Es stehen verschiedene Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung, diese sind jedoch nicht unendlich, sondern begrenzt. Daher wird von Restriktionen gesprochen (ebd.). Die Handlungsalternativen, die übrig bleiben, haben jeweils sowohl positive Nutzenwerte (Nutzen) als auch negative (Kosten). Die Erwartungen darüber, welche Konsequenzen tatsächlich eintreten, sind entscheidend. Sie werden als Eintrittswahrscheinlichkeiten bezeichnet. Im letzten Schritt wird die Wahl getroffen. Diese erfolgt nach der Maximierungs- bzw. Optimierungsregel, d. h., dass diejenige Handlungsalternative gewählt wird, die den größtmöglichen Gesamtnutzen verspricht. Diese drei Schritte zusammen ergeben das sogenannte SEU-Modell („subjective expected utility“) oder auch die „Werterwartungstheorie“, welche den handlungstheoretischen Kern[3] der Rational Choice Theorie bildet (Diefenbach, 2009).

Zu erwähnen ist dennoch, dass das SEU-Modell lediglich beschreibt, wie ein Mensch bei der Entscheidungsfindung vorgehen sollte, um die optimale Handlungsmöglichkeit zu finden - nicht unbedingt, wie dies tatsächlich abläuft (Savage, 1954). Die RTC ist also subjektiv. Sie gibt keine Auskunft über die konkreten Bedürfnisse oder Ziele, auf die das jeweilige Individuum abzielt. Ob es vernünftiger ist, zu Hause wohnen zu bleiben, in eine Wohngemeinschaft zu ziehen, mit dem/der Partner/in zusammen zu ziehen oder aber eine eigene Wohnung zu nehmen, hängt von der jeweiligen Person und ihren Präferenzen ab (ebd.). Diese sind verschieden und situationsabhängig. Was demzufolge hier in Deutschland beispielsweise für einen jungen Erwachsenen als optimale Handlungsalternative angesehen werden könnte, trifft nicht unbedingt gleichermaßen für einen jungen Erwachsenen aus Finnland zu. Die Bedingungsfaktoren für diese unterschiedlichen Handlungsalternativen sind nicht nur auf der Mikro-Ebene, sondern vor allem auf der Makro-Ebene einer Gesellschaft zu finden. Diese finden ihre Anwendung in den Überlegungen zu den Vor- und Nachteilen eines Auszugs sowie in der Analyse der landesspezifischen Einflussfaktoren.

2.1.2 Theory of reasoned action/ theory of planned behavior

Warum ist es manchen Menschen besonders wichtig, unabhängig vom Elternhaus zu leben und warum ziehen manche Menschen ein harmonisches Zusammenleben mit ihren Eltern vor? In solchen Fragen des Verständnisses menschlichen Handelns oder auch der Vorhersage dessen kommt das Modell der Theory of Reasoned Action (Ajzen/ Fishbein, 1980) zur Anwendung. Das Modell basiert auf den menschlichen Kognitionen, wobei zwei besonders in den Vordergrund rücken: zum einen die Einstellung zum eigenen individuellen Verhalten und zum anderen der subjektiv wahrgenommene soziale Druck, auch subjektive Norm genannt, sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten (ebd.). Im Umkehrschluss bedeutet das, dass ein junger Erwachsener umso wahrscheinlicher die Idee auszuziehen (Verhaltensintention) tatsächlich in die Tat umsetzen wird (Verhalten), wenn er dies als positiv bewertet (Einstellung zum in Frage stehenden Verhalten) und den Eindruck hat, dass sein soziales Umfeld, wie z. B. Freunde, diesen Schritt ebenfalls als positiv wahrnehmen werden (subjektive Norm). Die vier Komponenten - Einstellung, subjektive Norm, Verhaltensintention und Verhalten - ergeben zusammen das Grundmodell der TRA, welches in Abbildung 1 dargestellt ist.

Abbildung 1: Grundmodell der Theory of Reasoned Action (TRA)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eigene Darstellung basierend auf Ajzen/ Madden, 1986

Der Terminus Verhalten muss jedoch auf vier Komponenten eingegrenzt werden: (1) Handlung, (2) Ziel, (3) Kontext und (4) Zeit. Die Handlung kann enger oder auch weiter gefasst definiert werden (Rossmann, 2011). Man kann den Auszug aus dem elterlichen Heim als eine allgemeine Handlung ansehen oder aber als eine Summe von Einzelhandlungen (wie z. B. Wohnungssuche, Umzugskartons packen, Wände streichen…). Bei dem Ziel geht es darum, hinsichtlich welchen Zieles eine Handlung ausgeführt wird. Möchte der junge Erwachsene von zu Hause ausziehen, um in eine andere Stadt zu ziehen, da nur dort ein bestimmter Studiengang angeboten wird? Oder besteht der Wunsch mit einem Partner/ einer Partnerin zusammen zu leben? Der Kontext betrachtet verschiedene Ebenen des Umfeldes, z. B. berufliche (Job in einer anderen Stadt) oder private (Wunsch der Gründung einer Wohngemeinschaft mit dem besten Freund). Die letzte Komponente ist die Zeit. Sie hinterfragt, zu welchem Zeitpunkt das Verhalten ausgeführt wird, z. B. wird nächstes Jahr ausgezogen oder nach dem Schulabschluss oder aber erst nach Beendigung einer beruflichen Ausbildung. Diese vier Komponenten des Verhaltens können jeweils sehr spezifisch oder auch in einem weiteren Sinne definiert werden. Um die Zusammenhänge zwischen Verhalten und Verhaltensintention zu prognostizieren, müssen die Bausteine der TRA in Handlung, Ziel, Kontext und Zeit übereinstimmen. Dieses Prinzip wird auch als das Kompatibilitätsprinzip bezeichnet (Ajzen, 2005). Ebenso kompatibel sollten diese Komponenten mit der Verhaltensintention sein. Die Intention jedoch sollte für eine korrekte Anwendbarkeit auch das Kriterium der Stabilität erfüllen, denn Verhaltensintentionen können sich im Laufe der Zeit verändern (Rossmann, 2011).

Ferner ist anzumerken, dass zwei Grundvoraussetzungen gegeben sein müssen, damit die TRA Gültigkeit erhält. Zum einen geht die TRA von rational denkenden Individuen aus, die alle Möglichkeiten und Konsequenzen bewusst abwägen, bevor sie die Entscheidung treffen eine Handlung auszuführen oder nicht (Rossmann, 2011). Diese Voraussetzung erinnert sehr stark an das SEU-Modell, welches in Kapitel 2.1 erklärt wurde. Das liegt daran, dass sich die TRA in ihren Grundgedanken der Nutzentheorie zuordnen lässt, welche wiederum eine Variante der Handlungstheorie und der RTC ist. Das Verhalten, welches durch die TRA erklärt werden soll, unterliegt der willentlichen Kontrolle, d. h., dass das Individuum, wenn es sich entschließt ein bestimmtes Verhalten auszuführen, ohne Probleme in der Lage sein muss, dieses umzusetzen (ebd.). Wendet man nun die TRA auf die Entscheidung aus dem Elternhaus auszuziehen an, so besitzt sie nur dann Gültigkeit, wenn der junge Erwachsene emotional, physisch, psychisch und finanziell dazu in der Lage ist, eine eigene Wohnung zu führen. Das hieße unter anderem, dass derjenige ökonomisch unabhängig von seinen Eltern sein muss. Denn ist der Adoleszent finanziell abhängig von seinen Eltern, so hängt die Entscheidung, ihrem Sprössling eine eigene Wohnung zu finanzieren, von ihnen ab. Der Nachkomme wäre nicht ohne weiteres in der Lage, seine Handlungsintention in eine tatsächliche Handlung umzusetzen. Dort stieße die TRA auf ihre Grenzen.

Das Hauptaugenmerk liegt jedoch darauf, die Auslöser und Determinanten des Verhaltens zu analysieren. Diese sind - wie bereits erklärt - die Einstellung und die subjektive Norm. Die Einstellung ist wiederum abhängig von den Vorstellungen, die eine Person mit dem Verhalten verbindet (behavioral beliefs) (Ajzen/ Fishbein, 1980). Das bedeutet, es ist mit einer negativen Einstellung zum Auszug aus dem Elternhaus zu rechnen, wenn derjenige glaubt, dass mit überwiegend negativen Konsequenzen zu rechnen ist (z. B. weniger Geld, mehr Haushaltspflichten).

Nun ist davon auszugehen, dass ein Individuum nicht ausschließlich positive oder negative Vorstellungen von besagtem Verhalten hat, sondern beides. Die jeweilige Bedeutung der Vorstellungen für die Einstellung wird von zwei Aspekten bedingt: zum einen von dem Bewertungsgrad der wahrgenommenen Konsequenz und zum anderen von der Stärke der einzelnen Vorstellungen (belief strength) (Ajzen/ Fishbein, 1980). Der Bewertungsgrad impliziert, dass z. B. die eigenständige Erfüllung häuslicher Pflichten (wie den Wocheneinkauf erledigen) als Konsequenz der Gründung eines eigenen Haushalts als beispielsweise sehr negativ (mehr Aufwand, den im Elternhaus die Eltern übernahmen) oder eher positiv (Adoleszent kann die Produkte konsumieren, die er möchte) wahrgenommen werden kann. Die Stärke der Vorstellungen wird aus der vom Individuum wahrgenommenen Wahrscheinlichkeit des Eintritts einer Konsequenz abgeleitet. Diese Aspekte bewirken, dass trotz ähnlich wahrgenommener Konsequenzen von Individuen die Einstellung eine ganz andere sein kann.

Die subjektive Norm ist ebenfalls auf den Vorstellungen der jeweiligen Person gegründet. Hierbei ist es von Bedeutung, ob wichtige Bezugspersonen ein bestimmtes Verhalten gutheißen bzw. es selbst ausüben oder dies eben nicht tun (normative beliefs) (Ajzen, 2005). Sind also viele Personen des Freundeskreises eines jungen Erwachsenen bereits ausgezogen und deklarieren dies als positive Erfahrung, so wird der junge Erwachsene ein gewisses Maß an sozialem Druck verspüren, ebenfalls aus dem Elternhaus auszuziehen. Jedoch ist die Stärke des sozialen Drucks davon abhängig, inwiefern der junge Erwachsene motiviert ist, sich an der subjektiven Norm zu orientieren.

Wie bereits angedeutet wird die TRA durch vier Voraussetzungen determiniert: Rationalität der Verhaltensentscheidung, das Kompatibilitätsprinzip, die Stabilität der Verhaltensintention und der Grad der willentlichen Kontrolle. Die ersten drei dieser Voraussetzungen sind ebenfalls für die Theory of Planned Behavior (TPB) zutreffend. Diese modifiziert die TRA und unterscheidet sich durch die Erweiterung einer Komponente von der TRA. Diese neue Komponente ist die wahrgenommene Verhaltenskontrolle (perceived behavioral control). Der Grund für diese Erweiterung ist, dass das Verhalten oft nicht willentlich kontrollierbar ist, wobei die TRA an ihre Grenzen stößt. Die TPB bezieht das Faktum, dass Verhalten abhängig von verschiedenen internen und externen Faktoren ist, mit in das Konstrukt ein (Ajzen, 2005).

Die sogenannte wahrgenommene Verhaltenskontrolle beschreibt die unterschiedliche Wahrnehmung, bis zu welchem Grad Menschen ihr Verhalten beeinflussen können. Diese rezipierte Verhaltenskontrolle ist ebenfalls den Einflüssen der Vorstellungen einer Person ausgesetzt (siehe Abbildung 2). Es stellt sich nun die Frage, welche Faktoren die Ausführung des Verhaltens wie stark beeinflussen. Die Quellen dieser Einschätzungen sind in der Regel eigene Erfahrungen, die Erfahrungen anderer, aber auch andere diverse externe und interne Faktoren (Ajzen, 2005). Zusammen genommen lassen diese Vorstellungen die Wahrnehmung darüber, ob ein bestimmtes Verhalten ausgeführt werden kann oder nicht, entstehen. Diese stellt die wahrgenommene Verhaltenskontrolle dar (ebd.).

Abbildung 2: Modell der Theory of Planned Behavior (TPB)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eigene Darstellung basierend auf Ajzen/ Fishbein, 1980 und Ajzen, 2005

Diese wiederum kann das Verhalten indirekt oder auch direkt beeinflussen. Eine indirekte Einflussnahme geschieht über die motivationale Komponente (Ajzen, 2005). Wenn die Überzeugung, dass ein junger Erwachsener nicht dazu in der Lage ist, eine eigene Wohnung unterhalten zu können, groß ist, so wird die Verhaltensintention ausziehen zu wollen niedriger sein, obwohl die Einstellung und subjektive Norm einen Auszug begünstigen würden. Ein direkter Einfluss entsteht dann, wenn keine willentliche Kontrolle über das Verhalten möglich ist. Zum Beispiel ist kein Wohnraum in einem bestimmten Ort mehr verfügbar, so hat der junge Erwachsene keinen Einfluss darauf, jedoch wird sein direktes Verhalten, dass er nun nicht aus dem Elternhaus ausziehen kann, bis Wohnraum verfügbar oder erschlossen wird, beeinflusst.

Eine weitere mögliche Rolle als Einflussfaktor spielen Hintergrundfaktoren, beispielsweise soziodemografische Fakten, Wertvorstellungen, Ethnie etc.. Diese können bestimmte Vorstellungen begünstigen oder benachteiligen. Dieser Einfluss ist lediglich eine Kann-Bestimmung. Diese Hintergrundfaktoren müssen also nicht zwangsweise Vorstellungen, Einstellungen, Verhaltensintention und Verhalten determinieren (Ajzen, 2005).

Exkurs: Altersnormen und sozialer Druck

Wie aus der TRA und TPB bereits hervorgeht, darf neben der individualistischen Perspektive auf die Auszugsentscheidung die Wirkung sozialer Einflüsse während der Phase des jungen Erwachsenenalters nicht unterschätzt werden. Die Grundidee ist, dass soziale Normen über den „richtigen“ oder „angemessenen“ Zeitpunkt oder das Alter für wichtige Lebensereignisse wie den Auszug aus dem Elternhaus, die Eheschließung oder Familiengründung existieren. Dabei führt der Vergleich mit Gleichaltrigen zur jeweiligen Schlussfolgerung, ob der/ die junge Erwachsene in entsprechenden Lebensereignissen mit der Zeit gehen oder nicht (Liefbroer / Billari, 2007).

Die erläuterten normativen Vorstellungen werden unter anderem über soziale Netzwerke und bedeutsame Bezugspersonen der jungen Erwachsenen vermittelt. Diese sind vor allem Eltern und Freunde, wobei es unterschiedliche Stärken des jeweiligen Einflusses je nach Auszugsmotiv gibt. Die normativen Wertungen spielen nach Goldscheider eine untergeordnete Rolle, wenn auf Grund äußerer Einflüsse, z. B. Beginn eines Studiums, ausgezogen wird (Goldscheider/ Goldscheider, 1989). Ist die Intention jedoch Unabhängigkeit und Individualismus erlangen zu wollen, so liegt der Gedanke nahe, dass diese Werte eher über die Peer Group, also Gleichaltrige und Freunde, vermittelt werden. Da allerdings viele junge Erwachsene auf die finanzielle Unterstützung ihrer Eltern angewiesen sind, um eine eigene Wohnung zu finanzieren, haben die Einstellungen der Eltern ebenfalls einen starken Einfluss. Ihrem Einfluss kommt eine besondere Rolle zu bei dem Auszugsmotiv des Zusammenzuges mit dem/ der Partner/ in. Denn in diesem Fall liegt kein direkter zwingender externer Auszugsgrund vor, sodass es auf die Rolle der Eltern ankommt, ob sie das Paar in ihrem Vorhaben unterstützen möchten (Goldscheider/ Da Vanzo, 1989). So kann bei Liefbroer und Billari (2007) ein signifikanter Zusammenhang zwischen der Einstellung zum Auszug aus dem Elternhaus der Eltern und dem tatsächlichen Auszugsalter konstatiert werden - besonders wenn mit einem/r Partner/ in eine Lebensgemeinschaft eingegangen werden sollte. Es gab jedoch keine signifikanten Zusammenhänge zwischen normativen Vorstellungen und dem Auszug, um allein zu leben (Liefbroer/ Billari, 2007).

Die Umsetzung eines Auszugsvorhabens ist trotz sozialer Einflüsse abhängig von externen Faktoren. Bevor diese in Kapitel 4 konkret erläutert werden, wird zunächst das Grundgerüst des Verständnisses der Wohlfahrtsstaaten nach Esping-Andersen erläutert werden.

2.1.3 Wohlfahrtsstaaten nach Gøsta Esping-Andersen

Der Terminus „Wohlfahrtsstaat“ (welfare state) charakterisiert eine bestimmte Art der Tätigkeit des Staates. Dieser spielt hierbei in entsprechenden Ländern eine aktive Rolle in der Steuerung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Prozesse. Des Weiteren widmet der Staat einen großen Teil seiner Ressourcen, auf Grund des Wunsches nach Gleichheit der Lebenschancen in den Dimensionen der Einkommenssicherung, Gesundheit, des Wohnens und der Bildung, sozialpolitischen Zwecken (Nohlen, 2001).

Die wohlfahrtsstaatlichen Voraussetzungen können je nach Nation verschieden sein. Deutschland und Finnland repräsentieren zwei der bedeutendsten Wohlfahrtsstaatsmodelle in Europa. Die Unterscheidung in die drei idealtypischen wohlfahrtstaatlichen Modelle ist auf den Dänen Gøsta Esping-Andersen zurückzuführen. Er unterscheidet in: liberale Wohlfahrtsstaaten, korporatistische bzw. konservative Wohlfahrtsstaaten und sozialdemokratische Wohlfahrtsstaaten (Esping-Andersen, 1990.). Diese Unterscheidungen basieren u. a. auf den drei grundlegenden Wohlfahrtsproduzenten Staat, Markt und Familie.

Zentrale Aspekte für diese Typologie sind der Stratifizierungsgrad und der De-kommodifizierungsgrad (ebd.) Die Stratifizierung bezeichnet die Strukturierung der sozialen Differenzen einer Gesellschaft. Sie stellt heraus, ob eine Schichtung der Gesellschaft durch den Sozialstaat gefördert wird, beispielsweise ob es eine Beschränkung der fördernden Sozialleistungen auf bestimmte Gruppen gibt, oder ob alle Bürger in vergleichbarer Weise von den Leistungen profitieren können (Dommermuth, 2008).

Die Dekommodifizierung misst die Entkoppelung des Lebensunterhaltes eines Individuums vom Arbeitsmarkt bzw. misst Höhe und rechtliche Verankerung der Sozialleistungen (ebd.). Esping-Andersen wendet sich somit von dem Grundgedanken ab, das Wohlfahrtsniveau eines Staates allein aus der Höhe der jeweiligen Sozialausgaben abzuleiten. Sein Konzept richtet den Fokus auf die qualitative Wertigkeit der wohlfahrtsstaatlichen Leistungen (Esping-Andersen, 1990). Besonderes Augenmerk liegt auf den drei größten Risiken, bei denen der Wohlfahrtsstaat Schutz gebieten soll: Arbeitslosigkeit, Krankheit und Alter. Esping-Andersen berechnete Indizes, die in diesen Bereichen den Grad der Dekommodifizierung messen sollen. In Tabelle 1 ist eine Auswahl dieser Indizes ersichtlich. Grundsätzlich gilt: Je höher der Wert des Gesamtindexes ist, desto höher ist der Grad der Dekommodifizierung in diesem Land (Esping-Andersen, 1990).

[...]


[1] Die Datengrundlage des ECHP ist eine repräsentative Langzeitstudie, welche von 1994-2002 in 14 Ländern mit Personen über 16 Jahren durchgeführt wurden. Für die Betrachtung bei Chiuri/ Del Boca 2008/ 2010 wurden jedoch nur Personen von 18 - 34 Jahren ausgewählt, die mindestens in einer Erhebungswelle noch mit den Eltern zusammenlebten (Chiuri/ Del Boca, 2008, 2010). Bei Iacovou wurden Personen von 18 bis 35 Jahren ausgewählt (Iacovou, 2010).

[2] Bei Chiuri/ Del Boca, 2008 & 2010 werden die Ländern in 4 Gruppen geteilt: Nördliche nicht-kontinentale Länder (z.B. Irland), Nördliche kontinentale Länder (Finnland, Dänemark), Zentral westliche Länder (z.B. Deutschland) und Mediterrane Länder (z.B. Italien). Iacovou, 2010 unterscheidet nach drei Clustern: Nordische Länder (z.B. Finnland), Nördliche Länder (z.B. Deutschland, Frankreich) und Südliche Länder (z.B. Griechenland, Italien).

[3] Der Theoretiker John le Savage hat diese Theorie von Neumann/ Morgenstern (1944) aufgegriffen und in seinem Werk „The Foundations of Statistics“ so formuliert, wie sie heute in der RTC bekannt ist (Diefenbach, 2009).

Details

Seiten
57
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656568421
ISBN (Buch)
9783656568377
Dateigröße
2.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263101
Institution / Hochschule
Universität Rostock
Note
1,3
Schlagworte
auszug elternhaus deutschland finnland vergleich

Autor

  • Laura Schiemann (Autor)

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Titel: Der Auszug aus dem Elternhaus. Deutschland und Finnland im Vergleich