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Die kleinbürgerliche Welt in Fontanes "Irrungen, Wirrungen" und Raabes "Stopfkuchen"

Hausarbeit 2009 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

2. Analyse des 1. Kapitels des Romans ‚Irrungen, Wirrungen’ vor dem Hintergrund der Darstellung der „kleinen Leute“

3. Analyse des Romans „Stopfkuchen“ hinsichtlich der kleinbürgerlichen Welt

4. Vergleich und Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich, im Rahmen eines Proseminars für Neuere deutsche Literaturwissenschaft, mit der kleinbürgerlichen Welt in den Romanen „Irrungen, Wirrungen“ (Textgrundlage ist das 1. Kapitel) von Theodor Fontane und „Stopfkuchen“ von Wilhelm Raabe. Im ersten Schritt soll das erste Kapitel des Romans „Irrungen, Wirrungen“ in einer Textanalyse auf die Darstellung der „kleinen Leute“ und deren Umfeld untersucht werden. Im zweiten Schritt wird sich die Arbeit auf die kleinbürgerliche Welt im Roman Stopfkuchen konzentrieren. Ziel ist es, am Ende beide Darstellungsformen miteinander zu vergleichen und etwaige Positionierungen der Autoren hinsichtlich der Thematik aufzuzeichnen.

2. Analyse des 1. Kapitels des Romans ‚Irrungen, Wirrungen’ vor dem Hintergrund der Darstellung der „kleinen Leute“

Im Folgenden soll das 1. Kapitel des Romans „Irrungen, Wirrungen“ von Theodor Fontane analysiert werden, wobei das Augenmerk der Untersuchung insbesondere auf die Darstellung der „kleinen Leute“ gerichtet ist. Dies impliziert sowohl die Herausarbeitung der Charakteristika auftretender Personen, als auch das direkte Umfeld, also des Lokals, in welches die Figuren „eingebettet“ sind. Gerade hinsichtlich unserer Fragestellung spielt das „Wie, Wo und Wann“ eine äußerst tragende Rolle, da das eine das andere ergänzt, wenn nicht gar bedingt.

Theodor Fontane schrieb am 18. August 1880 in einem Brief an den Schriftsteller und Literaturhistoriker Gustav Karpeles: „Das erste Kapitel ist immer die Hauptsache und in dem ersten Kapitel die erste Seite, beinah die erste Zeile“.[1] Diese Aussage des Autors führt mit aller Deutlichkeit vor Augen, welch hoher Stellenwert dem Anfang dieses Romans beigemessen werden muss; ja er fordert geradezu auf, den offenbar schnell zu überlesenden Beginn mit „anderen Augen“, das heißt mit einer differenzierteren Wahrnehmung zu sehen.

Im Weiteren soll nun ein kurzer Überblick des 1. Kapitels zur Orientierung gegeben werden, um darauf folgend eine literarische Interpretation des Textes vorzunehmen.

Der Roman handelt im Berlin der Siebzigerjahre des 19. Jahrhunderts und beschreibt zu Anfangs eine nahe dem Zoologischen Garten gelegene Gärtnerei, welche jedoch für den Betrachter auf Grund des davor befindlichen, kleinen Wohnhauses nicht sichtbar ist. Durch das hinter dem Wohnhaus befindliche Holztürmchen, eine ab und zu aufsteigende Taubenschar und nicht zuletzt einem gelegentlichen Hundegebell lässt sich jedoch erahnen, dass sich mehr hinter der „Kulisse“ befindet.

Die das Häuschen „mietweise“ bewohnende, alte Frau Nimptsch wird am Ende eines langen Tages (es ist die Woche nach Pfingsten) vom Erzähler, als vor dem Herd sitzend und in Gedanken versunken, in Szene gesetzt. Die nächste Person, die in Erscheinung tritt, ist die Vermieterin und zugleich Gärtnerin der zuvor beschriebenen Anlage hinter dem Haus. Nach einer vorerst beiläufig anmutenden Konversation zwischen Frau Nimptsch und der als Frau Dörr bezeichneten Freundin wendet sich das Thema der beiden Frauen Nimptschs’ Pflegetochter Lene und ihrem Verhältnis zu deren Geliebtem zu. Vor diesem Hintergrund erzählt Frau Dörr von einer Liaison mit einem Grafen, welche jedoch schon mehrere Jahrzehnte zurückzuliegen scheint. Da sich sofort der Vergleich zwischen Erzähltem und parallel Geschehendem aufdrängt, wundert es nicht, dass ein bestehender Standesunterschied zwischen den Liebenden existent wird. Die Frauen gehen davon aus, dass das Verhältnis auf Grund der Erwartungshaltung Lenes gegenüber ihrem Geliebten einen schlechten Ausgang nehmen könnte. Am Ende des 1. Kapitels beobachtet Frau Dörr kommentierend das Liebespaar beim Abschied und Lene betritt das Haus.

Die folgende Analyse des Textes legt das Augenmerk, wie Anfangs bereits angedeutet, auf die Darstellung der „kleinen Leute“, wobei die genaue Betrachtung des Lokals ein wichtiger Bestandteil dessen ist. Man muss sich bewusst sein, dass das Umfeld und der engere Lebensraum eines Menschen diesen selbst bedingen bzw. der Mensch sein jeweiliges Lokal gestaltet. Hinsichtlich der oben zitierten Feststellung des Autors in seinem Brief an Gustav Karpeles soll nun der ersten Seite des Romans „Irrungen, Wirrungen“ besondere Beachtung geschenkt werden und das von Horst Schmidt-Brümmer als „ungewöhnlich konkret“ bezeichnete Lokal und die „über die Faktizität hinaus“ bedeutenden Einzelheiten analysiert werden.[2] Zwar treten auf der ersten Seite keine Personen auf, der Lebensraum der später auftretenden Figuren wird aber aufs Genaueste beschrieben und lässt somit Rückschlüsse auf folgende Charaktere zu.

Eingeführt wird der Roman von einem sich erinnernden, in der Außenperspektive stehenden Erzähler, welcher den ortskundigen Leser vom Bild der großen Stadt, hin zum Ort des Geschehens führt. Der Bezugs- und Orientierungspunkt ist am „Schnittpunkte von Kurfürstendamm und Kurfürstenstraße“ gegenüber dem „Zoologischen“[3] , von wo „der Blick“ des Rezipienten auf ein gegenüber gelegenes „kleines, dreifenstriges, in einem Vorgärtchen […] zurückgelegenes Wohnhaus“ (S. 3, Z.6f) geführt wird, hinter welchem die Gärtnerei liegt. Festzustellen ist, dass die jedem Ortskundigen bekannten Schauplätze, welche sehr gut zur Orientierung dienen, Plätze des Öffentlichen Lebens sind und waren[4] , und so erkennt man die Polarität sehr schnell, wenn man beachtet, mit welchem Nachdruck die „Kleinheit und Zurückgezogenheit“ (S. 3, Z. 8) des Wohnhauses postuliert wird. Es wird also äußerst großen Wert darauf gelegt, dass die gegensätzlichen Dimensionen zum Tragen kommen und somit die Grundposition eine äußere, öffentliche und eine innere, private Welt ist: die große öffentliche Welt auf der einen Seite, die kleine, zurückgezogene auf der anderen, wobei das in einem Vorgärtchen gelegene Haus trotzdem „sehr wohl erkannt werden konnte“ (S. 3, Z. 9). Im nächsten Absatz wird jedoch deutlich gemacht, das sich „die eigentliche Hauptsache“, die Gärtnerei (S. 3, Z. 11), für den Betrachter im Verborgenen hält „und durch ebendies kleine Wohnhaus“ (S. 3, Z. 12) wie durch eine „Kulisse“ (S. 3, Z. 13) versteckt wird. Die an dieser Stelle verwendete Bühnenmetapher „Kulisse“ bestätigt und „verrät“ zudem „den künstlerischen Entwurf [des dargebotenen] realistischen Bildes“.[5] So wird der Leser geradezu motiviert, tiefer hinter den Sinngehalt des „rot und grün“ gestrichenen Holztürmchens „mit einem halb weggebrochenen Zifferblatt unter der Turmspitze“ (S.3, Z.14f) zu blicken. Die ab und zu aufsteigende und „das Türmchen umschwärmende Taubenschar, sowie das „gelegentliche Hundegeblaff“ (S.3, Z.19ff), verstärken zudem die Neugierde des Betrachters. Bevor jedoch hier darauf eingegangen wird, soll noch einmal darauf hingewiesen werden, dass durch das Problem der Sichtbarkeit ebenfalls wieder die „Grundspannung von Sichtbarem und Verborgenem, Öffentlichem und Privatem“[6] zum Tragen kommt.

Im Folgenden soll nun die offensichtliche Farbsymbolik genauer untersucht werden. Eugène Faucher geht davon aus, dass die rote und grüne Farbe des Türmchens hinter dem soeben beschriebenen Häuschen nicht „als zufällig hinzunehmen“ ist und „programmatische Bedeutung“ besitzt.[7] Wirft man einen Blick auf Goethes Farbenlehre, so erinnert „das gleichzeitige Erscheinen der Komplementärfarben […] [wiederum] an das Gesetz der Polarität“.[8] So stehen sich die Farben nicht nur im Farbenkreis gegenüber, sondern auch die Inhalte ihrer Interpretation. Laut Faucher symbolisiert das Grün die „Immanenz“ das ruhige in seinen Grenzen Verharrende sowie die gefestigte „Wirklichkeit“.[9] Das märchenhafte Rot hingegen ist Bildnis für die „Transzendenz“, die Grenzen überschreitende Idee des „Aufschwungs“.[10] Man könnte auch an ein an die „Erde“ gebundenes Grün und ein dem „Himmel“ zugewandtes Rot denken.[11] Dieser transparente Antagonismus des beschriebenen Raumes, in welchem sich die später auftretenden Figuren wieder finden, soll offenbar hervorgehoben werden.

[...]


[1] Fontane an G. Karpeles am 18. 8. 1880. In: Theodor Fontane. Werke, Schriften und Briefe, hrsg. Wissenschaftl. Buchgesellschaft., 1. Aufl., Bd. III., Darmstadt 1980, S. 101.

[2] Vgl. Horst Schmidt-Brümmer: Formen des perspektivischen Erzählens. Fontanes „Irrungen Wirrungen“. 1.Aufl. München 1971. S. 33.

[3] Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen, Hrsg. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2007. S. 3, Z. 1f. Anm. Im Weiteren wird unter Angabe der Seiten –und Zeilenzahlen, in Klammern im Fließtext zitiert.

[4] Frederick Betz: Erläuterungen und Dokumente, Theodor Fontane, Irrungen, Wirrungen. Stuttgart 1979. S. 8.

[5] Ebd. Erläuterung und Dokumente, 1979, S. 8.

[6] Vgl. Horst Schmidt-Brümmer: Formen des perspektivischen Erzählens. Fontanes „Irrungen Wirrungen“. 1.Aufl. München 1971. S. 34f.

[7] Vgl. Eugène Faucher: Farbsymbolik in Fontanes „Irrungen Wirrungen“, in: Zeitschrift für deutsche Philologie, Bd. 92 Sonderheft: Fontane (1973), S. 59.

[8] Ebd. Farbsymbolik in Fontanes „Irrungen Wirrungen“, 1973, S. 65.

[9] Vgl. Ebd. Farbsymbolik in Fontanes „Irrungen Wirrungen“, 1973, S. 63.

[10] Vgl. Ebd. Farbsymbolik in Fontanes „Irrungen Wirrungen“, 1973, S. 63.

[11] Vgl. Ebd. Farbsymbolik in Fontanes „Irrungen Wirrungen“, 1973, S. 63.

Details

Seiten
15
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656518891
ISBN (Buch)
9783656518709
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263089
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,0
Schlagworte
welt fontanes irrungen wirrungen raabes stopfkuchen

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