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Grey Digital Divide

Betrachtung der Internetnutzung der Generation 60plus

Seminararbeit 2013 25 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Digital Divide
2.1 Definition
2.2 Theoretischer Rahmen: Van Dijks Model of Access

3. Grey Digital Divide
3.1 Statistische Betrachtung: Situation und aktuelle Entwicklung
3.2 Gesellschaftliche Betrachtung: Digital Natives und Digital Immigrants

4. Nichtnutzung des Internets
4.1 Motivational Access
4.1.1 Einfluss des Umfelds
4.1.2 Einfluss der beruflichen Situation
4.1.3 Einfluss der formalen Bildung
4.1.4 Einfluss des Geschlechts
4.1.5 Individuelle Einflussfaktoren
4.2 Material Access
4.3 Zwischenresümee

5. Nutzung des Internets
5.1 Skill Access
5.1.1 Einteilung der Nutzerfähigkeiten
5.1.2 Altersbedingte Nutzerschwierigkeiten
5.2 Usage Access
5.2.1 Nutzungshäufigkeit/-dauer
5.2.2 Variation der Anwendungen
5.2.3 Art des Internetanschlusses

6. Exkurs: Förderung der Internetnutzung
6.1 Nutzungsebene
6.2 Angebotsebene
6.3 Steuerungsebene

7. Fazit und Ausblick

Literatur

1. Einleitung

In der westlichen Welt findet eine zunehmende Überalterung der Bevölkerung statt. Dieser Trend zeigt sich beispielsweise in Deutschland an einer durchschnittlichen Lebenserwartung bei Frauen von mittlerweile 81 Jahren, oder auch daran, dass der Bevölkerungsanteil der über 60-Jährigen gegenwärtig mehr als ein Viertel der deutschen Gesamtbevölkerung ausmacht. Da sich die Geburtenraten allgemein verringern, ist davon auszugehen, dass sich der Vorgang der Überalterung fortsetzen, wenn nicht sogar verstärken wird (vgl. Destatis 2012: o. S.).

Neben dieser Tendenz ist eine weitere weltweite Entwicklung beobachtbar: das Internet nimmt mit seinen vielseitigen Anwendungsmöglichkeiten eine zunehmend bedeutende Position ein, sowohl für das Individuum, als auch in der Gesellschaft. In deutschsprachigen Ländern sind inzwischen etwa 75% der Bevölkerung ab 14 Jahren online und nutzen das Internet zumindest gelegentlich (vgl. ARD/ZDF Onlinestudie 2012a: o. S.).

Für das Individuum bietet das Netz häufig eine Vereinfachung des Alltags. Für die Gesellschaft bedeutet die zunehmende Allgegenwärtigkeit des Internets fundamentale Veränderungen. Vor allem Prozesse der zwischenmenschlichen Kommunikation und der Informationsübermittlung basieren vermehrt auf Internettechnologien und stehen so nur Onlinern zur Verfügung (vgl. Lamsfuß 2012: 17). Damit können für Offliner, die immerhin 25% der deutschsprachigen Bevölkerung über 14 Jahren ausmachen, bestimmte Nachteile entstehen. In einer funktionierenden Gesellschaft ist es wichtig, dass alle Mitglieder in solche Wandlungsprozesse miteinbezogen werden, ansonsten kann es zu einer gesellschaftlichen Abgrenzung von Personen kommen, die in diesem Fall nicht nur digital ist, sondern auch real wird (ebd.: 14).

Betrachtet man diese 25% der deutschsprachigen NichtnutzerInnen genauer, ist sofort sichtbar, welche Bevölkerungsgruppe den größten Anteil davon ausmacht: EinwohnerInnen, die über 60 Jahre alt sind. Nur 39% dieser Altersgruppe sind online (vgl. ARD/ZDF Onlinestudie 2012a: o. S.). Diese Ergebnisse erweisen sich als problematisch, denn wie oben bereits erwähnt, wächst die Bevölkerungsgruppe der älteren MitbürgerInnen stetig. Es wäre also wichtig herauszufinden, warum so viele SeniorInnen NichtnutzerInnen sind und vor allem auch, ob die Onliner unter ihnen das Internet überhaupt effektiv und vorteilsbringend einsetzen, um sich aus der gesellschaftlichen Nachteilsposition des Offliners herauszubewegen.

In meiner Seminararbeit möchte ich deshalb primär folgender Frage nachgehen:

"Inwiefern und warum unterscheidet sich die Internetnutzung von SeniorInnen über sechzig Jahren gegenüber anderen Altersgruppen?"

Im ersten Abschnitt, bestehend aus Kapitel 2, möchte ich zunächst auf den Begriff „Digital Divide“ eingehen und damit das Problem der digitalen Spaltung definieren, um einen Rahmen für meine Arbeit zu schaffen. Dazu werde ich als theoretisches Konzept das „Model of Access“ des Kommunikationsforschers van Djik vorstellen. Der zweite Abschnitt, bestehend aus Kapitel 3, 4 und 5, soll näher auf den „Grey Digital Divide“ eingehen. In diesem Teil werde ich die Nichtnutzung bzw. Nutzung des Internets von SeniorInnen betrachten. Dabei möchte ich herausfinden, warum allgemein so wenige SeniorInnen das Internet verwenden und welche Besonderheiten bei den älteren Onlinern, auch SilversurfernInnen genannt, bezüglich des Nutzerverhaltens bestehen. Das letzte Kapitel handelt von der Förderung der Internetnutzung. Dabei möchte ich untersuchen, wie man eine Nutzung dieser Altersgruppe effektiv unterstützen kann und zusätzlich ein erfolgreiches Förderungsbeispiel vorstellen.

2. Digital Divide

Seit dem Ende der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts und der zunehmenden Verbreitung von Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT), beschäftigen sich ForscherInnen aus den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften mit dem Thema Digital Divide (vgl. van Dijk 2006: 221). Als Grundlage meiner Seminararbeit möchte ich in den folgenden zwei Abschnitten das Problem erklären und ein Modell vorstellen, das meine folgende Untersuchung zur Internetnutzung der SeniorInnen unterstützen soll.

2.1 Definition

Der ARD-Forschungsdienst (2004: 233) definiert den Digital Divide als „eine Kluft, die sich aus den unterschiedlichen Zugangschancen von Bevo¨lkerungssegmenten zu den neuen Medien [...] ergibt.“ .

Norris (2001) differenziert zwischen drei Ausprägungen des Digital Divide: den Global Divide, der als weltweites Entwicklungsproblem den Unterschied zwischen entwickelten und weniger entwickelten Ländern betont (4); den Social Divide, als Bezeichnung für den Digital Divide innerhalb einer Gesellschaft (10) und den Democratic Divide, als Problem der Machtverteilung und Unterschied zwischen den Menschen, die ICT als Mittel zur politischen Partizipation nutzen können und BürgerInnen, denen dies versagt ist (12).

Der Digital Divide wird überwiegend als Folge von fehlenden technischen Ressourcen gesehen. Dieser sogenannte first-level Divide betrachtet damit den Unterschied zwischen den Menschen, die einen Zugang zu ICT haben und denen, die keinen besitzen (vgl. Millward 2003: o. S.). Neben dem first-level Divide rückt zunehmend, vor allem in einzelstaatlichen Social Divide Betrachtungen, der second-level Divide in den Vordergrund (vgl. Hargittai 2002: o. S.). Dabei werden die Unterschiede zwischen Medienkompetenzen betont, die dazu führen, dass manche NutzerInnen ICT individuell gewinnbringend einsetzen können und andere wiederrum nicht.

Als Prädiktoren für die Verbreitung von ICT und damit auch in Verbindung mit dem Digital Divide, werden folgende fünf Faktoren gesehen: demographische und sozioökonomische Merkmale (z.B. Alter, Geschlecht, Bildung), körperliche und mentale Behinderungen, kulturelle und sprachliche Barrieren (v.a. durch Migrationshintergrund) und auch der geographische Standort (v.a. Probleme der Netzverbreitung, s. Global Divide) (vgl. Räckers et al. 2009: 12f.).

2.2 Theoretischer Rahmen: Van Dijks Model of Access

Hilbert (2011: 715) betont die Vielschichtigkeit des Begriffs Digital Divide und erklärt damit den Unterschied zwischen verschiedenen Untersuchungen im Zusammenhang mit der Problematik. Die Analysen sind vor allem vom Verständnis des Begriffs ICT, den Untersuchungsobjekten und der Definition des Begriffs Zugang und damit der möglichen Unterscheidung zwischen verschiedenen „levels of adoption“ der ICT, abhängig (ebd.).

In meiner Seminararbeit werde ich den Digital Divide im Zusammenhang mit der Internetnutzung bzw. Nichtnutzung von SeniorInnen betrachten. Um in den folgenden Kapiteln meine Analyse zu strukturieren, werde ich mich am Model of Access des Kommunikationsforschers Jan van Dijk orientieren. Dieses stufenweise aufgebaute Modell kann als allgemeines Konzept auf die Thematik des Digital Divide bezogen werden und die Notwendigkeiten für eine zufriedenstellende Internetnutzung aufzeigen. Zu diesen gehören die Motivation das Internet zu Nutzen (Motivational Access), die Geräte, die für eine Nutzung erforderlich sind (Material Access), spezielle Fähigkeiten für die Nutzung (Skill Access) und letztlich die Stufe der individuellen und vorteilhaften Nutzung des Internets zu verschiedenen Zwecken, wie Kommunikation, Information und Unterhaltung (Usage Access) (vgl. van Dijk 2005: 21, 95, u. Abb. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Grey Digital Divide

Als Grey Digital Divide bezeichnet Millward (2003: o. S.) den Digital Divide, der primär durch die gegensätzlichen Internetnutzerzahlen und auch durch das unterschiedliche Nutzerverhalten von jüngeren und älteren Menschen beschrieben wird. Dabei handelt es sich nach Norris’ Klassifikation um einen Social Divide, einen Digital Divide innerhalb einer Gesellschaft. In der vorliegenden Ausarbeitung konzentriert sich die wissenschaftliche Arbeit, vor allem auf den Unterschied zwischen jüngeren NutzerInnen und der Generation 60plus. Diese Altersgrenze setzen unter anderem auch Doh (2006: 46) und Jaeger (2004: 9), um den untersuchten Personenkreis auf größtenteils pensionierte SeniorInnen zu reduzieren.

3.1 Statistische Betrachtung: Situation und aktuelle Entwicklung

Die aktuellen Daten zur Internetnutzung der ARD/ZDF Onlinestudie (2012a: o. S.) machen den enormen Einfluss des demographischen Faktors Alter deutlich: 2012 waren mit rund 39% nicht einmal die Hälfte der deutschsprachigen SeniorInnen über 60 Jahren online. Im Vergleich dazu weisen die 14- bis 39-Jährigen mit Anteilen von 97% bis 100% eine Internet-Vollabdeckung auf.

Ähnliche Zahlen lassen sich auch in der Europäischen Union finden. In einer Erhebung der Eurostat waren in den EU27-Staaten ebenfalls nur 40% der SeniorInnen online, wobei an dieser Stelle sogar die Generation 55plus miteinbezogen wurde (vgl. Seybert 2011: 3). Die folgende Abbildung zu dieser Untersuchung zeigt den indirekten Einfluss der demographischen Faktoren Geschlecht, Alter und Bildung, auf die auf die durchschnittliche Internetnutzung innerhalb der EU27-Staaten. Dabei lässt sich deutlich erkennen, dass das höheres Alter, auch neben den anderen Risikofaktoren, die stärkste Korrelation mit einer Internetnutzung aufweist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Internetnutzung EU27-Staaten (Quelle: Seybert 2011: 3)

Betrachtet man die Entwicklung der Nutzerzahlen der letzten Jahre, lässt sich ein positiver Trend erkennen. Während 2010 nur 28% der deutschsprachigen über 60-Jährigen online waren, sind es zwei Jahre später 11% mehr (vgl. ARD/ZDF Onlinestudie 2012a: o. S.). Dieser extreme Anstieg der Nutzerzahlen, lässt sich laut der Studie „Seniorwatch2“ zum Teil durch gestiegenes Interesse erklären, aber vor allem auch durch das Altern der jüngeren Generationen (vgl. Empirica 2008: 3). Betrachtet man die Altersgruppe 60plus differenzierter, bestätigt sich dieser Verdacht: die sogenannten Best Ager zwischen 60 und 69 Jahren sind verstärkt online (60%). 70plus dagegen ist nur zu 28% vertreten (vgl. Initiative D21 2012: 5). Allgemein folgert die „Seniorwatch2“, dass sich die Verhältnisse des „(‚first-order’) age divide“ kaum verändert haben, da auch die jüngeren Altersgruppen zunehmend bis zu 100% im Internet vertreten sind (vgl. Empirica 2008: 3).

3.2 Gesellschaftliche Betrachtung: Digital Natives und Digital Immigrants

Durch die digitale Spaltung des Grey Digital Divide erhöht sich das Risiko einer altersabhängigen Teilung der Gesellschaft (vgl. Lamsfuß 2012: 14), die eine weitere Abgrenzung zwischen Digital Natives und Digital Immigrants zur Folge hat. Als Digital Natives werden Menschen bezeichnet, die nach 1980 geboren und mit der Allgegenwärtigkeit neuer Technik aufgewachsen sind (vgl. Palfrey/Gasser 2008: 1). Digital Immigrants, zu denen auch die SeniorInnen zählen, wurden demnach vor 1980, vor der massenhaften Verbreitung von neuen Technologien geboren. Der Unterschied zwischen beiden Stereotypen liegt primär bei den Interessen und Fähigkeiten im Umgang mit moderner Technik (vgl. Bennett/Maton/Kervin 2008: 777). Prensky (2001a: 2) beschreibt die Differenz der beiden Gruppen vor allem durch das Vorhandensein des „Digital Immigrant Accent“ auf Seiten der älteren Generationen: „ [...] they always retain, to some degree, their ‚accent’, that is, their foot in the past.“ (ebd.). In einem weiteren Bericht äußert Prensky (2001b), dass sich Denken, Aufmerksamkeit (3) und sogar Gehirnstrukturen (2) der Digital Natives, deutlich von denen der Digital Immigrants unterscheiden. Bayne und Ross (2007: 2) schreiben über stereotypisierende Dichotomien, wie „slow - fast“, „always connected - isolation“ und „past - future“, die in anderen Berichten den Unterschied zwischen den Generationen beschreiben sollen. Helsper und Eynon (2010: 517) verneinen in ihrer Studie eine derartig extreme Verallgemeinerung: „ [...] our analysis does not support the view that there are unbridgeable differences between those who can be classified as digital natives or digital immigrants based on when they were born.“. Eine gesellschaftliche und altersbedingte Spaltung, aufgrund der unterschiedlichen Internetnutzung, ist also durchaus umstritten.

4. Nichtnutzung des Internets

Nach der Betrachtung aktueller Zahlen, soll in Folgendem der Grey Digital Divide näher analysiert werden. Um die oben genannte Forschungsfrage zu behandeln, wird zunächst der größte Unterschied zwischen der Altersgruppe 60plus und jüngeren Menschen betrachtet: den oben beschriebenen first-level Divide zwischen Jung und Alt. Um meine Untersuchung zur verbreiteten Nichtnutzung der älteren Bevölkerung zu strukturieren, werde ich in Anlehnung an das oben vorgestellte Model of Access, demographische Merkmale und persönliche sowie positionelle Faktoren untersuchen, die positiv mit einer Nichtnutzung korrelieren. Zusätzlich werde ich dabei die Probleme der Älteren in Beziehung zur Situation von jüngeren SurferInnen setzen.

4.1 Motivational Access

Die Motivation steht nach van Dijks Modell am Anfang jeder Nutzung eines Mediums (s. Abb. 1). Diese Motivation wird besonders beim Gebrauch eines Computers bzw. des Internets benötigt, da für den richtigen Umgang bestimmte Fähigkeiten erforderlich sind, die sich vor allem die älteren UserInnen unter zeitlichem und geistigen Aufwand aneignen müssen. Van Dijk (2005: 27) nennt im Zusammenhang mit der Motivation den Unterschied zwischen „Have-Nots“, die keinen Zugang zum Internet haben können, und „Want-Nots“, die sich bewusst gegen eine Internetnutzung entschieden haben. In die Kategorie des Motivational Access lassen sich vor allem die „Want-Nots“ einordnen, da hier die Entscheidung „dafür“ oder „dagegen“ gefragt ist (ebd.).

[...]

Details

Seiten
25
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656518495
ISBN (Buch)
9783656517870
Dateigröße
737 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263029
Institution / Hochschule
Universität Salzburg
Note
1,0
Schlagworte
grey digital divide betrachtung internetnutzung generation

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Titel: Grey Digital Divide