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Gentechnik in Deutschland und den USA

Im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit

Hausarbeit 2013 29 Seiten

Soziologie - Wirtschaft und Industrie

Leseprobe

INHALTSVERZEICHMS

1. Einleitung

2. Gentechnik, eine neue Technologie
2.1. Chancen
2.2. Risiken

3. Gentechnik ini offentlichen Diskurs
3.1. Bundesrepublik Deutschland
3.2. Vereinigte Staaten von Amerika

4. Offentliche Meinungen zur Anwendung von Gentechnik und ihre Hintergriind..S.10
4.1. Vertrauen in wissenschaftliche Experten S. 13
4.2. Einschatzung von Risiken [
4.3. Bedeutung von Wissen
4.4. Rolle von Medien

5. Schluss

QUELLENVERZEICHNIS

l. Einleitung

,,'Agro-Gentechnik ist die Antwort'. Was war die Frage?'“ (Greenpeace). Diesen Spruch konnte man in diesem Jahr auf einem Protestbanner in Hannover lesen. Hier setzten sich offentlich Burger zur Wehr gegen ein vom Land Niedersachsen gefordertes wissenschaftliches Projekt HannoverGEN, das das Ziel verfolgt Schulkindern Experimentiermoglichkeiten in speziell erbauten Gentechnik-Laboren zu geben (ebd.).

Die Gentechnik gehort gegenwartig zweifellos zu den umstrittensten wissenschaftlichen Entdeckungen: Diese ist seit ihrer Entdeckung in den 70er Jahren bis zum heutigen Tage Gegenstand von sich zuspitzenden offentlichen Kontoversen, die sich insbesondere in Risikowahrnehmungen niederschlagen. Fur die Wissenschaft, die unter Gesichtspunkten des Erkenntnisgewinns vor allem die Chancen dieser Technologie sieht, bedeutet der gesellschaftliche Widerstand, durch den die Ausschopfung des wissenschaftlichen Potentials der Gentechnik verhindert wird, eine Krise.

Im Rahmen dieser Ausarbeitung soll das schwierige Verhaltnis zwischen Wissenschaft und Offentlichkeit in Bezug auf die Gentechnik vergleichend in Deutschland und den USA thematisiert werden. Da diese beiden Lander demokratisch organisiert sind, interessieren dabei insbesondere die unterschiedlichen offentlichen Meinungen sowie der Einfluss der Bevolkerung auf die Gestaltungsraume der Gentechnik im jeweiligen nationalen Kontext. Im Zentrum stehen dabei also die folgenden Fragen: Inwiefern besteht eine Begrenzung der Gentechnik in den beiden Landern und worauf lasst sich diese zuruckfuhren? Des Weiteren ist auch die Wahrnehmung der Gentechnik aus der Perspektive der Wissenschaft und insbesondere der jeweiligen Offentlichkeit von Interesse. Aus forschungspragmatischen Grunden soll die Darstellung vor allem an der Gentechnik im pflanzlich-landwirtschaftlichen sowie im medizinisch-pharmazeutischen Bereich orientiert werden, wobei diese Technologie auch im Ganzen betrachtet werden muss, da sich die damit zusammenhangende Debatte immer wieder auf andere Themenschwerpunkte verlagern.

Bevor auf die oben stehenden Fragestellungen eingegangen wird, soll zunachst im ersten Teil der Ausarbeitung die Methodik der Gentechnik erklart und zur Problematik dieser hingefuhrt werden, die sich hauptsachlich in den mit ihr verbundenen Chancen (Kap. 2.1.) und Risiken (Kap.2.2.) zeigt. Im darauffolgenden Teil werden der Verlauf der Diskurse zur Gentechnik in der Bundesrepublik Deutschland (Kap. 3.1) und den Vereinigten Staaten von Amerika (Kap. 3.2. ) dargestellt und gezeigt, wie die Gentechnik auf gesellschaftlicher, wissenschaftlichen sowie gesetzliche Ebene in den beiden Landern aufgenommen wurde. AnschlieBend werden die offentlichen Meinungen zur Anwendung von Gentechnik abgebildet und ihre Hintergrunde, unter Betrachtung des Vertrauens in wissenschaftliche Experten, der Einschatzung von Risiken, der Bedeutung von Wissen und der Rolle der Medien, diskutiert. AbschlieBend sollen die wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit zusammengefasst und dabei der Versuch unternommen werden, Antwort auf die gestellten Fragen zu finden (Kap.5).

2. Gentechnik, eine neue Technologie

Im Jahre 1972 stellte ein Forschungsteam unter der Leitung von Paul Berg an der Universitat Stanford Kalifornien die erste rekombinante DNA1 her. Diese Entdeckung wurde daraufhin durch Stanley Cohen und Herbert Boyen derartig weiterentwickelt, dass diese Technologe unter vereinfachten Bedingungen breite anwendbar wurde. Im Verlauf der folgenden Jahre findet die rekombinanten DNA weites Interesse unter verschiedenen Forschern und es entsteht ein neuer Teilbereich innerhalb der Biotechnologie: Die Gentechnik . Diese befasst sich mit der gezielten Umprogrammierung genetischen Informationen von Organismen zur Integration neuer Eigenschaften bzw. Funktionen (Kurath, S.103f; Schmidt, S. 47).

Wie auch auf anderen Forschungsgebieten der Biotechnologie, wird im Rahmen der Gentechnik das Ziel verfolgt neue oder effizientere Produkte, Verfahren und Dienstleistungen zu entwickeln. Jedoch unterscheidet sich die Gentechnik maBgeblich von den herkommlichen Methoden der Biotechnologie, indem sie uber die 'naturlichen' bzw. konventionellen Grenzen hinausgeht. Durch die Anwendung von technischen Methoden wird bei der Gentechnik auf das Erbgut zugegriffen, dieses wird aus dem DNS-Strang isoliert, analysiert und auf andere Organismen ubertragen. Somit umfasst der Begriff der Gentechnik die Methodik zur Herauslosung und Charakterisierung von genetischem Material sowie zur kunstlichen Neuzusammensetzung, Vermehrung und Einbringen des neu kombinierten Erbmaterials in einen anderen Organismus. (ebd., S.218ff; Graw, S.2f)

Diese Technologie unterteilt sich in drei groBe Anwendungsbereiche: Die Grune, die Rote sowie die WeiBe Gentechnik. Fur die Thematik dieser Ausarbeitung ist, wie bereits erwahnt, vornehmlich die Grune Gentechnik von Interesse. Diese wird auch als Agro- sowie Umweltgentechnik bezeichnet und umfasst sowohl gentechnischen Verfahren in der Pflanzenzucht als auch die Nutzung von genetisch veranderten Organismen in Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie. Hingegen findet die Roten Gentechnik bzw. Humangentechnik Anwendung beim Menschen und die WeiBe Gentechnik bei Mikroorganismen. (ebd. S .Iff; Gebhardt, S.31f)

Da die Gentechnik es ermoglicht Organismen mit erstrebenswerten Eigenschaften zu generiert und sie auch zunehmend zum Bestandteil unserer Realitat wird, scheint sie einerseits unzahlige Chancen zu eroffnen, zugleich weist sie aber auch ein groBes Risikopotenzial auf.

2.1. Chancen

Die zahlreichen Moglichkeiten, die durch die Gentechnik geboten werden, konnen an dieser Stelle nur angedeutet werden.

Tatsachlich findet die Gentechnik bereits auf vielen Gebieten Anwendung: Seit den 80er Jahren wird sie vor allem im pharmazeutisch-medizinischen Bereich und in der Enzymproduktion erfolgreich eingesetzt (Hampel/ Renn, S.9). In den USA ist gentechnisch erzeugtes Humaninsulin bereits 1982 auf dem Markt erschienen. Im Jahre 2006 wurden 115 gentechnische Medikamente in Deutschland zugelassen. Des Weiteren sollen gentechnische Verfahren dazu beitragen - so die Hoffnung - neue Medikamente, wie etwa Wachstumshormonen und Krebsheilmitteln, zu erzeugt (Bericht der Enquete-Kommission, S. 50ff.; Gareis, S.36f). Die Gentechnik bietet hier bedeutende Vorteile gegenuber den herkommlichen Methoden: So soll die Herstellung der Arzneimittel nicht nur wesentlich einfacher und kostengunstiger sein, druber hinaus konnen Medikamente in nahezu beliebiger Menge produziert werden und das Risiko einer Verunreinigung, wie z.B. durch Hl-Viren oder Hepatitis, kann grundsatzlich ausgeschlossen werden. Ebenso kann die Gentechnik zur ErschlieBung neuer Therapiemoglichkeiten und diagnostischer Verfahren beitragen. (Graw,34ff., Schmidt, S.12)

Die Gentechnik gewinnt auch in der Pflanzen- und Tierzucht zunehmend an Bedeutung (Gareis, S.27,31f). Sie ermoglicht sowohl die Fertigung von neuen Nahrungs- und Futtermitteln als auch eine qualitative und quantitative Verbesserung gegenuber konventionellen Produkten. Zudem kann dadurch eine hohere Ertragssicherheit bei der Pflanzen- und Tierzucht in der Landwirtschaft erzielt werden, indem die Resistenz gegen bestimmte Krankheiten oder Schadlinge der jeweiligen Pflanzen oder Tiere gentechnisch verbessert wird (ebd., 4Iff). Erwartungen knupfen vor allem an die Sicherung der Welternahrung und an die Verbesserung der Okobilanz (Hampel/ Renn, S.10).

Auch besitzt die Gentechnik eine weitreichende Bedeutung fur den Umweltschutz. Es existieren bereits gentechnisch veranderte Mikroorganismen, die zur Reinigung von Abwassern beitragen konnen (Freudenberg et al., S.64ff).

Gentechnikverfechter sehen in ihr die okonomische Basisinnovation unserer Zeit. Es wird sogar vom zukunftigen 'Biotech-Zeitalter' gesprochen. Fur die Naturwissenschaft gilt sie weitgehend als Schlussel fur medizinische, landwirtschaftliche und okologische Fortschritte. Trotz allem halt sich die Bedeutung von Gentechnik in der heutigen empirischen Welt noch in Grenzen. Die Chancen der Gentechnik sind viel eher Ausdruck verschieden Hoffnungen als des tatsachlichen Erfolgs (Hampel/ Renn, S.16ff).

2.2. Risiken

Den mit der Gentechnik verbundenen positiven Erwartungen stehen Risiken und Gefahren gegenuber, die sich in unterschiedlichen Befurchtungen uber die Nebenfolgen dieser niederschlagen ( Brocks/ Pohlmann/ Senf, S. 11f).

Die erste Risikobeurteilung erfolgte kurz nach der Entdeckung der rekombinant DNA im Rahmen der Wissenschaft in den Vereinigten Staaten. Nach anfanglichen Bedenken, wurden dabei nach wenigen Jahren gentechnisch veranderte Produkte als weder gefahrlich, noch grundlegend anders als konventionell Erzeugnisse einschatzt. Es wurde die Meinung vertreten, dass Gentechnik eine Weiterentwicklung der herkommlichen Zucht darstelle, die kontrollierbarer sowie effektiver sei und kein Risiken mit sich bringe (Gottweis, S.235).

In der Offentlichkeit wird hingegen haufig an die Vorhersehbarkeit der Risiken der Gentechnik nicht geglaubt und es werden Angste geauBert. Diese beziehen sich hauptsachlich auf okologische und soziale Veranderungen (Hampel/ Renn, S. 10): Zum einem werden Beeintrachtigungen der naturlichen Artenvielfalt sowie vermehrte Auslaugung der Boden befurchtet, die durch Bevorzugung einiger weniger, besonders ergiebiger Arten entstehen konnten. Andererseits konnte der Einsatz von Gentechnik die soziale Struktur der Landwirtschaft wesentlich beeintrachtigen (Bericht der Enquete-Kommission, S.71ff, 93ff). Nach Ulrich Beck stellt die Gentechnik nicht nur im Fall des technischen Versagens eine Gefahr dar, sondern auch im Fall des Erfolgs. Er befurchtet, dass aus den durch die Gentechnik eroffnete Moglichkeit der Diagnose sowie Korrektur von Erbgut eine sozialer

Zwang zur Perfektion erwachst und dies letztlich zur Zerruttung der gesellschaftliche Solidaritat fuhrt (Beck, S.54f).

Kritiker sehen die groBte Gefahr in unkontrollierbaren, nicht ganzlich absehbaren und irreversiblen Konsequenzen des gentechnisch erzeugten Materials - und insbesondere seiner Nachkommen - fur Mensch und Umwelt. So konnte z.B. durch Kombination von ursprunglich nicht pathogenen Organismen Krankheitserreger entstehen. Des Weiteren konnten gentechnisch erzeugte Resistenzen gegen Antibiotika unbeabsichtigt auf Bakterien ubertragen werden (Kollek,S.29ff). Das Eintreten solcher Szenarien wurde nicht nur das okologische Gleichgewicht storen, sondern auch eine groBe Bedrohung fur das menschlichen Lebens bedeuten. Zwar sind die von der Gentechnik ausgehenden Gefahren nur hypothetischer Art - es sind bisher keine Unfalle bekannt, die nachweislich im direkten Zusammenhang mit genetisch veranderten Organismen stehen -, jedoch konnen die Risiken nicht mit letzte Sicherheit abgeschatzt werden, nicht einmal von Seiten der Wissenschaft (Schmidt, S.48ff). Aus diesen Grund fordern Gentechnikgegner, dass die Anwendung von gentechnischen Verfahren eingeschrankt oder sogar verboten werden (Hampel/ Renn, S.11f). An dieser Stelle bleibt noch anzumerken, dass die Vorstellung von Sicherheit grundsatzlich als utopisch angesehen werden kann und nicht nur die Gentechnisch ein Risiko mit sich bringt, sondern auch konventionelle Methoden ein solches aufweisen. Dies beweist das im vorletzten Jahr grassierende EHEC-Virus, zumindest fur die Anwendung in der Landwirtschaft.

3. Gentechnik im offentlichen Diskurs

3.1. Bundesrepublik Deutschland

In Deutschland, dem angeblichen Zentrum der Gentechnikkritik (Hampel/ Renn, S.8), wurde die erste Welle der Etablierung von gentechnischen Verfahren weitgehend ignoriert: Die offentliche Auseinandersetzung mit dem Thema begann in der Bundesrepublik erst in den 80er Jahren, unmittelbar nach dem Abklingen der 'Anti-Atom-Bewegung'. So wurde Gentechnik in der Reproduktionsmedizin und der pranatalen Diagnostik nahezu unbemerkt etabliert (Haker, S.55). Unmittelbar nach der Entdeckung dieser Technologie gab es zwar Widerstande und Zweifel in des Bundesrepublik, jedoch spielten sich diese hauptsachlich unter den Wissenschaftlern selbst ab (Gill, S. 617). Dabei wurden vornehmlich Fragen zur[1]

Labor sicherheit und zur Anwendung in medizinischen Bereich kritisch thematisiert. Seither hat sich nicht nur die Thematik der Debatte verschoben, auch ist diese zunehmend in der Offentlichkeit verortet (Hampel/ Renn, S.8f):

Seit dem die Gentechnik breite Marktreife erlangt hat und damit in die Alltagspraxis der deutschen Bevolkerung gedrungen ist, wird der offentliche Diskurs von der 'Querschnitttechnologie' in einem AusmaB beherrschte, wie es zuvor kaum vorstellbar ware (Haker, S.55f). Wahrend sich offentliche Proteste, Diskussionen und Kritik noch vor einem Jahrzehnt insbesondere in Akademien, in Hochschulen, in den Medien, an der Borse, in Parlamenten und im Einkaufsverhalten der Supermarktketten zeigten (Gill, S.614), stehen inzwischen soziale Bewegungen in Form von Demonstration und offentliche Boykotten der fast an Tagesordnung. Kritisiert wird dabei von heterogenen Bevolkerungsgruppen[2] zum einen die sog. Anwendungsforschung, zum anderen wird auch die Gentechnik als Methode und Konzept im Allgemeinen, teilweise losgelost von ihren Anwendungen, hinterfragt (Haker, S.55). Offentliche Kontoversen lassen sich heutzutage insbesondere zur Anwendung von Gentechnik im Bereich der Lebensmittelproduktion und in der Landwirtschaft beobachten (Hampel/ Renn, S.9).

Seit den 90er Jahren leiste die deutsche Bevolkerung groBen offentlichen Widerstand gegen die Grune Gentechnik. In diesem Zusammenhang ist insbesondere das 1990 erlassene Gentechnik-Gesetz (GenTG) relevant. In diesem werden u.a. der wissenschaftliche Umgang mit genetisch veranderten Organismen, die Freisetzung dieser sowie die Kennzeichnung gentechnisch erzeugter Produkte geregelt und die Veroffentlichung der Anbauflachen in einem Standortregister (Standortregister)[3]. Auf Basis dieser Rechtslage wurden 1991 erstmals transgene Pflanzen auf dem Gebiet der Bundesrepublik freigesetzt. Sowohl die darauf folgenden offentlichen Boykottirrungen von Freilandversuchen mit genetisch modifizierten Pflanzen und die Zerstorungen vom derartigen Anbaufelder (Gebhardt, S.150; Hampel/ Pfenning, S.96) als auch die damit einhergehende problematische Situation der Wissenschaft und Landwirtschaft fuhrten zu zahlreichen Novellierungen des Gentechnik-Gesetzes6.

Da der Erprobungsanbau vor allem im Bundesland Sachsen-Anhalt praktiziert wurde und die begleitende Forschung an der Universitat Halle stationiert war, konzentrierten sich die Proteste in den Jahren 2003 und 2004 in diesem Gebiet. Die offentliche Debatte wurde dabei durch Greenpeace e.V., verschieden Umweltorganisationen sowie Verbande der konventionellen Landwirtschaft unterstutzt (Moos, S.23f). Zudem soll die mediale Begleitung in einem hohen AusmaB stattgefunden haben.

Trotz aller Widerstande waren es 2008 bereits 3.200 ha Land - das entspricht 0,15 Prozent der gesamten deutschen Ackerflache - auf dem Grune Gentechnik eingesetzt wurde. Zudem wurden einige Aktivisten angezeigt und in spateren Strafprozessen zu Geld- und Haftstrafen verurteilt (Die Tageszeitung). Aufgrund dieser fur die Gentechnikgegner unbefriedigenden Situation versuchten viel auf einem anderen Weg etwas zu bewirken: Unzahlige Klagen gegen den Anbau genetisch modifizierter Pflanzen wurden eingereicht, wovon einige vor Gericht Erfolg hatten (Moser, S.25). Weiter wurde erzielt, dass sich viele Regionen dazu verpflichteten nur gentechnikfreie Produkte anzubauen. Ende 2012 mac hen die 118 gentechnikfreie Regionen 826.490 ha aus (Gentechnikfreie-Regionen). Es ist erkennbar, dass der scharfe Gentechnikkonflikt deutliche Konsequenzen fur die Wissenschaft und die Landwirtschaft im deutschen Raum hat: Einrichtungen fur gentechnische Forschung haben drauf reagiert und zum Teil sogar resigniert (Moos, S.26). In Bezug auf die Landwirtschaft lasst sich aus den Daten des Standortregisters erkenne, dass die Zahl der Flachen fur genetisch verandert Pflanzen seit 2008 stetige zuruckgegangen sind. Gab es damals 239 derartige Standorte in der Bundesrepublik, so wurden im Jahre 2010 noch 27 und 2013 nur 3 Anbauraume gemeldet (Standortregister). Wahrend der gesellschaftliche und auch politische Konflikt in Deutschland gleichwohl kontrovers gefuhrt wird (Siehe Kap.1), hat sich die offentliche Auseinandersetzung mit der Gentechnik in den USA vollig anders entwickelt.

3.2. Vereinigte Staaten von Amerika

Die Debatte hat sich in der 'Heimat' der Gentechnologie bereits ein Jahrzehnt fruher als in Deutschland entzundet. Jedoch wurde diese weniger in der Offentlichkeit gefuhrt, sondern durch Akteure wissenschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Organisationen initiiert:[4]

Unmittelbar nach der Beendigung des 'Anti-Vietnam-Protestes' in den fruhen 70em fand in den Vereinigten Staaten der erste offentliche Widerstand gegen die Gentechnik statt, der durch verschieden wissenschaftliche Organisationen angeleitet wurde . Dabei wurden insbesondere die sozialen Konsequenzen von der Wissenschaft und die damit einhergehende Verantwortung betont. Den wissenschaftlichen Gruppen schlossen sich bereits nach kurzer Zeit andere Organisationen aus den Bereiche Burgerrecht, Umweltschutz und Wirtschaft, wie etwa die Foundation of Economic Trends, an. Zusammen forderten sie die wissenschaftliche Thematisierung potentieller Risiken dieser neuen Technologie und den angemessenen Umgang (Krimsky, S.18ff, S.106f, Gottweis, 231f).

Auch entstanden bereits kurz nach der Entdeckung der rekombinanten DNA Bedenken bei den daran arbeitenden Forschenden. Diese Diskussion drehte sich insbesondere um epidemische Gefahren und wurden im einem aufsehenerregenden Buch der Offentlichkeit mitgeteilt (Kurath, S. 103f). Des Weiteren fingen Wissenschaftler, denen eine fuhrende Stellung auf diesem Gebiet zugesprochen wurde, zunehmend an sich mit Sicherheitsfragen zu beschaftigen und diese in Tagungen zu erortern. Die wichtigsten Treffen, wie etwa die sog. Asilomar- und Gordon- Konferenzen, fand in den Jahren 1973 bis 1975. statt. Hier wurden mogliche Risiken in einer Expertenrunde diskutiert, die gemeinhin als Wegbereiter des offentlichen Diskurses gesehen wird. An den Gesprachen nahmen insgesamt Wissenschaftler aus 15 Staaten - u.a. auch Deutschland und USA - teil, die ihre Ergebnisse in den Magazinen Science und Nature sowie in anderen wichtigen Fachzeitschriften publizierten (Krimsky, S.71). Die Autoren schatzten die Gentechnik im Allgemeinen als eine risikoarme Technologie ein (Siehe Kap. 2.2.), schlugen aber auch zugleich vor, vorlaufig Experimente, die als besonders gefahrlich eingestuft wurden, zu unterlassen und die Forschung im Bereich der rekombinanter DNA auf weniger risikoreiche Organismen zu begrenzen. Eine weite Empfehlung war, dass derartige Experiment nur unter der Bedingung durchgefuhrt werden wollten, wenn dadurch Erkenntnisse hervorgebracht werden konnten, die durch konventionelle Methoden nicht erzielbar sind. Diese Risikobeurteilung wurde damals wissenschaftlich und politisch weit getragen und trug auch in Deutschland zur Risikoabschatzung und Regulierung der Gentechnik bei. In den USA erlieB die[5]

Gesundheitsbehorde, National Institute of Health, in Anlehnung an die wissenschaftlichen Vorschlagen die ersten Richtlinien fur den Umgang mit genetisch veranderten Organismen im Juni 1976. Diese Vorschriften hatten im Allgemeinen zunachst einen selbstverpflichtenden Charakter und waren nur fur derartige Forschungen verbindlich, die durch diese Behorde finanzierte wurde (Kurath, S. 104ff).

Weiter begannen in den USA auch einzelne auBerwissenschaftliche Personen, wie Umweltschutzer und Ethiker, in Anlehnung an die veroffentlichten Ergebnisse der Experten sich mit der Gentechnik zu beschaftigen (Krimsky, S.80). Der innerwissenschaftliche Diskurs begann sich zunehmend in die Offentlichkeit zu verlagern: Medien fingen an Risiken der neuen Technologie zu thematisieren und auch in der Bevolkerung gewann diese an Aufmerksamkeit. Im Jahre 1975 wurde durch den Bau eines Labors zu Gentechnikzwecken an der Harvard Univerity der erste offentliche Protest ausgelost. Der Widerstand fuhrte zu einer dreimonatigen Bauverzogerung. Ihren Gipfel erreichte die offentliche Diskussion in den USA 1976 an der National Academy of Sciences, als der Erlass von allgemein verbindlichen Richtlinien zur rekombinanten DNA-Forschung erwirkt wurde (Kurath, S. 107).[6]

Die Sicherheitsrichtlinie zum Umgang mit Gentechnik fanden nicht nur in den USA Geltung, sondern wurden auch innerhalb anderer OECD-Staaten fur mehr oder weniger verbindlich erklart. Im Jahre 1978 wurde angezweifelt, ob die geltenden Richtlinien unter dem Gesichtspunkt der Anwendungsbreite der Gentechnik angemessen seien, und es entstanden Plane zur Verankerung von strengeren Bestimmungen im nationalen Gesetz. Aufgrund der entgegengesetzten Meinungen von einflussreichen Wissenschaftlern und Wirtschaftlern, wurden diese Plane aber schon nach kurzer Zeit verworfen. In Folge wurden die verbindlichen Richtlinien zur Gentechnik sogar zum GroBen Teil aufgehoben (ebd.). Spezialgesetzliche Regelungen auf nationaler Ebene zu dieser Technologie gibt es in Gegensatz zu Deutschland in der USA bis heute nicht, was zu einem breiten Anwendungsspielraum der Gesetzgebung in diesem Bereich fuhrt (Dederer, S.352f). Stattdessen wurden die Zulassungs- und Uberwachungskompetenzen je nach Anwendungsbereich verschiedenen Behorden zugeteilt (Gedhardt, S.75).[7]

[...]


[1] Einige wenige US-Burger gaben an auf dem Verzehr von gentechnisch veranderten Produkten allergisch reagiert zu haben. Ein Zusammenhang konnte jedoch nicht nachgewiesen werden.

[2] Nach Gill besteht in Deutschland eine Heterogenitat der Widerstande: Gentechnik wird nicht nur in links- alternativen Milieus kritisch betrachtet, sondern auch von wertkonservativen und anderen gestalteten Gruppen. Diese Ausdifferenzierung soll eng mit der Heterogenitat der gentechnischen Protestobjekte zusammenhangen (Gill, S.614ff).

[3] Im Standortregister sind genau Informationen zur Flachen, auf denen genetisch veranderte Pflanzen angebaut werden, zur Bezeichnung und dem spezifischen Erkennungsmarker des genetisch veranderten Organismus, seiner gentechnisch veranderten Eigenschaften sowie der Flachenkennziffer der der FlachengroBe enthalten und fur jeden offentlich zuganglich! (ebd., § 16a I S. 2 GenTG)

[4] Siehe hierzu genauer Gebhard, S. 75 bis 185.

[5] Dabei handelte es sich u.a. um die Council of Responsible Genetics, eine Forschungsgruppe um den Nobel- preistrager Georg Wald, die Fedaration of American Scientists, die Society for Social Resposibility in Scienc, das Scientists Institute for Public Information, das Medical Commitee for Human Rights , die Scientists and Engineer for Social and Political Action, American Association of Scientific Workers und die New University Conference (Krimsky, S. 17ff)

[6] Mitglied der Organisation for Economic Co-operation and Development ist u.a. auch Deutschland.

[7] Im einzelnen handelt es sich dabei um die Environment Protection Agency (EPA), den National Institutes of Health (NIH), dem Animal and Plant Health Inspection Service (APHIS) und dem US Department of Agriculture (USDA) (ebd.).

Details

Seiten
29
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656519560
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v262882
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Soziologie
Note
1,2
Schlagworte
Gentechnik Meinung grüne rote USA Medien Deutschland Öffentlichkeit Bevölkerung Streit Wissenschaft Chancen Risiken Gefahr

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Titel: Gentechnik in Deutschland und den USA