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Zum Modell der funktionalen Stadt nach Le Corbusier

Essay 2011 8 Seiten

Soziologie - Wohnen, Stadtsoziologie

Leseprobe

Essay

Die funktionale Stadt von Jennifer Jablonski Frankfurt am Main, 6.12.2011 Chandigarh, eine indische Großstadt am Fuße des Himalayas mit ungefähr einer Million Einwohnern, ist ein Mekka für Architekturbegeisterte. Viele Gebäude -darunter der Regierungssitz- sind „monumentale, expressive Gebilde aus rohem Sichtbeton mit wuchtigen Formen und plastisch modellierten Fassaden“1, die den Stil ihrer Entstehungszeit Mitte des 20. Jahrhunderts widerspiegeln. Besonders spannend ist aus soziologischer Sicht aber der Aufbau und die Struktur der gesamten Stadt: Sie ist nicht historisch gewachsen, sondern wurde nach der Unabhängigkeit Indiens in den 1950er Jahren als Symbol für einen Aufbruch in die Freiheit geplant.

Dabei unterscheidet sie sich deutlich von anderen (Plan-)Städten, nicht nur in Indien. Sie ist weitläufig gestaltet und in Sektoren aufgeteilt, in denen es jeweils unterschiedliche städtische Funktionen gibt. In einem Sektor wird gewohnt, in einem nächsten gearbeitet, in einem weiteren Handel betrieben. Der Regierungssitz gilt als Kernstadt, ist jedoch ebenso wie der große Bahnhof kilometerweit von den Wohn- und Geschäftssektoren entfernt. Gut ausgebaute Straßen verbinden die einzelnen Stadtbereiche, so dass tägliches Verkehrschaos im Gegensatz zu vielen anderen indischen Städten trotz der Bevölkerungszahl und der vielen Autos ein Fremdwort ist.2

Chandigarh ist die einzige Stadt auf der Welt, in welcher der schweizerisch- französische Architekt, Städteplaner und Künstler Le Corbusier3 (1887-1965) seine ansonsten theoretischen Architektur- und Stadtplanungsideen und die Lehrsätze der „Charta von Athen“ für ein Modell der funktionalen Stadt umsetzen konnte.4 Welche Ziele verfolgte Le Corbusier, was ist die Charta von Athen und wie ist ein Modell der funktionalen Stadt aus heutiger soziologischer Sicht zu bewerten? In den 1920er Jahren, in denen Le Corbusier seine funktionalen Stadt- und Wohnpläne entwickelte, gab es gravierende städtische Probleme. Die Industrialisierung hatte ihre Spuren mit großen Fabriken und deren gesundheitsschädigenden Abgasen in den Städten hinterlassen. Die Arbeiter lebten gettoisiert fabriknah unter unwürdigen Bedingungen in räumlicher Enge und mit nicht aufhörendem Industrielärm. In den Großstädten wie Paris verstopften innerhalb weniger Jahre immer mehr Autos die Straßen, die historisch bedingt überhaupt nicht auf diese Art von Verkehr ausgerichtet waren. Strukturierte und zentral verwaltete Stadtplanung war so gut wie gar nicht vorhanden, Städte vergrößerten einfach ihr Gebiet durch den Zuzug von immer mehr Menschen mit dem Problem des Entstehens sozialer Brennpunkte. In den Stadtkernen verschärften ImmobilienSpekulationen die kritische Wohnlage zusätzlich.5

Die Lösung für alle diese Probleme war laut Le Corbusier einfach: Geometrie.

„Die modernen Künste und das moderne Denken suchen nach einem Jahrhundert der Analyse ihr Heil jenseits der zufälligen Tatsachen, und die Geometrie führt sie zu einer mathematischen Ordnung, zu einer mehr und mehr verallgemeinerten Haltung“.6 Mit Hilfe des rechten Winkels als Geometriemaß könne Raum und Stadt eindeutig, ordentlich und erfolgversprechend bestimmt werden. Ausgehend von den einzelnen Wohnungen der Stadtbürger (der funktional optimierten „Wohnzelle“7 ) sollte eine ebenso funktional strukturierte Stadtplanung zur besseren Lebensqualität für die Bewohner führen.

Der Architekt war der Überzeugung, sich in einem Zeitalter des Aufbruchs zu befinden, in dem die Menschen als Kollektiv - sozusagen mit den Architekten als Fürsprechern- die städtischen Probleme beseitigen konnten und sich von historischen, romantisch verklärten Wohnwurzeln lösen wollten. Und mit dieser Auffassung war er nicht allein.

Ebenfalls in den 1920er Jahren begannen die Internationalen Kongresse Moderner Architektur (französisch: CIAM für Congrès Internationaux d’Architecture Moderne), bei denen sich bis weit in die Jahrhundertmitte hinein regelmäßig Architekten, Künstler, Soziologen und Stadtplaner trafen, um Bedingungen des modernen Bauens und Stadtlebens zu diskutieren. Architektur sollte sich wieder am Menschen und seinen Bedürfnissen sowie der sozialen und wirtschaftlichen Gesellschaftsstruktur orientieren. Le Corbusier war einer der Mitgründer der CIAM und schrieb 1933 die „Charta von Athen“ als Zusammenfassung der Ergebnisse dieser Architekturkongresse. In den darin enthaltenen „Lehrsätzen zum Städtebau“ werden die Kerngedanken eines Modells der funktionalen Stadt ersichtlich:

- Funktion der Stadt ist es demnach, „die Menschen zu schützen und sie gut zu schützen“8, Stadt wird deshalb als „funktionelle Einheit“9 definiert.
- Alle Stadtplanung muss „den Menschen zum Maßstab haben“10, dies haben
Architekten bei jeder Planung zu berücksichtigen.
- Es gibt vier Schlüsselfunktionen im Städtebau: „wohnen, arbeiten, sich erholen (in der Freizeit), sich bewegen“11, für jede dieser Funktion gibt es zugewiesene Viertel.
- „Städtebau ist eine dreidimensionale Wissenschaft“12, damit wird zum ersten
Mal bewusst das „Element der Höhe“13 in die europäische Architektur eingebunden.
- Architektonische Leitsätze zum Städtebau müssen mit Hilfe von politischen Stadtprogrammen und -gesetzen umgesetzt werden.14

In dem eingangs angeführten Beispiel solch einer funktionalen Stadt, dem indischen Chandigarh, werden die Kerngedanken Realität. Streng geometrisch angeordnet und einer Matrixstruktur folgend, gibt es dort verschiedene Viertel, in denen separat eine der Schlüsselfunktionen Wohnen, Arbeiten und Freizeit primär stattfindet, jeweils verbunden durch die vierte Funktion des Verkehrs15. Auch hat Le Corbusier bei der Planung dieser Großstadt den Menschen und seine Bedürfnisse, hier besonders die Sonneneinstrahlung und den Schutz vor selbiger, berücksichtigt. Großzügige Parkanlagen, die sich an Wohn- und Geschäftssektoren anschließen, ermöglichen den Bürgern Ruhe, Erholung und Bewegung und werden von den Naturgegebenheiten zweier Flüsse sowie der Berge flankiert.16

Allerdings werden in dieser Planstadt heute auch die Nachteile und damit die Kritiken der Soziologie an dem Modell „Funktionale Stadt“ deutlich.

Le Corbusier und seine Weggefährten hatten sich aus den bereits skizzierten Gründen gegen eine Fortentwicklung historischer Städte und Gegebenheiten entschieden und präferierten die vollständig neue Planung ohne Rücksicht auf historische Wurzeln. „Eine neue Stadt ersetzt eine alte Stadt“.17

[...]


1 Strasser (1999).

2 Vgl. o.V. (2011).

3 Bürgerlicher Name: Charles-Édouard Jeanneret-Gris.

4 Weitere Beispiele funktionaler Städte oder Siedlungen sind Brasilia, die Hauptstadt Brasiliens (geplant von Lúcio Costa und Oskar Niemeyer) oder die Weißenhofsiedlung bei Stuttgart (geplant von Ludwig Mies van der Rohe; Le Corbusier realisierte dort den Entwurf eines funktionalistischen Musterhauses).

5 Vgl. Löw u.a. (2007), S. 98.

6 Le Corbusier (1925), S. 85.

7 CIAM (1933), S. 137.

8 Ebd. S. 129.

9 Ebd. S. 134.

10 Ebd. S.131.

11 Ebd.

12 Ebd. S. 133.

13 Ebd. S. 136.

14 Vgl. ebd. S. 134.

15 Le Corbusier versteht unter „sich bewegen“ sowohl den Autoverkehr als auch das individuelle Bewegen von Personen, da Sport seiner Meinung nach in einer stark arbeitsteiligen Arbeitswelt immer wichtiger wird. Verkehr im Sinne von Fahrzeugen und -straßen darf nach ihm jedoch nur das Ziel der Unterstützung der drei zuvor genannten Funktionen haben - vgl. ebd. S.133.

16 Vgl. o.V. (2011).

17 Le Corbusier (1935), S. 135.

Details

Seiten
8
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656514206
ISBN (Buch)
9783656514473
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v262842
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Schlagworte
Chandighar Le Corbusier Charta von Athen Lehrsätze zum Städtebau

Autor

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