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Deeskalationsstrategien. Beschreibung und Diskussion der Anwendung im Streitschlichtungsprogramm an Schulen.

Hausarbeit 2013 26 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Streitgespräch

3. Deeskalationsstrategien
3.1. Die paraverbale Ebene
3.2. Die Ebene der Wortwahl und der Themenwechsel
3.3. Die Ebene der Sprechakte
3.4. Metakommunikation über Äußerungen
3.5. Änderung der Geltungsweise
3.6. Einbezug Dritter

4. Das Prinzip der Streitschlichtung an Schulen

5. Strategien der Deeskalation im Programm der Streitschlichtung

6. Diskussion

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Obwohl Streitgespräche einen vielmehr unangenehmen Aspekt der Kommunikation darstellen, da sich die Beteiligten häufig der Herausforderung stellen müssen, ihr eigenes Image zu wahren sowie die Beziehung zum Gesprächspartner aufrecht zu halten, prägen diese den Menschen in zahlreichen Situationen und Lebensbereichen. Häufig sind sie in ein Geflecht aus sowohl sprachlichen als auch nicht-sprachlichen Einflussfaktoren eingebettet, sodass eine Untersuchung dieses Gesprächstyps zahlreiche Ansatzpunkte bietet.

Infolge dessen ist es nicht nur die Sprachwissenschaft, die sich diesen Gesprächstyp zum Gegenstand zahlreicher Untersuchungen gemacht hat, sondern es existieren einige wissenschaftliche Disziplinen wie die Soziologie, die Pädagogik oder die Psychologie, die sich mit diesem Aspekt der Kommunikation beschäftigen. Jedoch legt jede dieser Wissenschaften verschiedene Schwerpunkte und beleuchtet unterschiedliche Aspekte des Untersuchungsgegenstandes, sodass es nicht selten vorkommt, dass die Disziplinen aufeinander Bezug nehmen sowie die Ergebnisse anderer für die eigene Arbeit nutzen.

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll dieses Phänomen genauer in den Blick genommen werden, während eine Eingrenzung dieser Untersuchungen dahingehen vorgenommen wird, dass lediglich auf das Verhältnis der Sprachwissenschaft und der Pädagogik eingegangen wird. In diesem Sinne gilt es herauszustellen, inwieweit jene Erkenntnisse der wissenschaftlichen Forschung für die Konfliktbewältigung in der Schule gegenwärtig verwendet werden und zukünftig genutzt werden könnten. Überdies erfolgt eine weitere Einschränkung, wonach das Untersuchungsfeld auf das Konzept der Streitschlichtung an Schulen begrenzt wird, welche wiederum eine besonders beliebte Methode der Konfliktlösung darstellt.

Ziel dieser Arbeit ist es letztendlich, herauszustellen inwieweit die im Rahmen sprachwissen- schaftlicher Untersuchungen erfassten Deeskalationsstrategien Anwendung in der Lösung von Konflikten innerhalb schulischer Kontexte finden. Darüber hinaus sollen Erklärungen für die Anwendung und die Vernachlässigung bestimmter Strategien geliefert, sowie abschließend eine Beurteilung hinsichtlich der Umsetzung des schulischen Konzepts „ Streitschlich- tung “ vorgenommen werden.

Zu Beginn wird eine terminologische Klärung des Begriffs Streitgespräch vorgenommen und entsprechende Charakteristika herausgestellt (Kapitel 1), der sich die Darlegung von mögli- chen Deeskalationsstrategien in einem Streitgespräch anschließt (Kapitel 2). Letztere wird hauptsächlich in Anlehnung an die Arbeit von Schwitalla vorgenommen, der anhand von öf- fentlichen sowie privaten Streitsequenzen eine Zusammenfassung sprachlicher Mittel zur Konfliktreduktion aufstellt. Eine vergleichbare Übersicht vonseiten anderer Autoren liegt nicht vor, stattdessen können ausschließlich Analysen einzelner konfliktreduzierender Strate- gien verzeichnet werden, sodass dementsprechend lediglich im Einzelnen auf weitere Autoren Bezug genommen wird.

In dem sich anschießenden Kapitel 4 gilt es, auf Grundlage des Bensberger MediationsModells das Konzept der Streitschlichtung aufzuarbeiten, wobei im Besonderen die Strategien zur Deeskalation lokalisiert sowie herausgestellt werden. Weiterhin sollen Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen dem schulischen Modell und den Deeskalationsstrategien dargelegt und mögliche Erklärungen diskutiert werden.

Abschließend gilt es eine Beurteilung der schulischen Vorgehensweise vorzunehmen, die einerseits die Erfassung von Defiziten und andererseits des Potenzials des schulischen Konzepts beinhaltet (Kap. 5).

2. Das Streitgespräch

Für eine genauere Untersuchung der Deeskalationsstrategien ist es erforderlich, deren Einsatz in Verlauf eines Streitgesprächs zu situieren, sowie den Begriff des Streitgesprächs in seiner Bedeutung aufzuarbeiten und einzugrenzen. Die Komplexität dieses Gesprächstyps sowie die differierende Betrachtung dessen innerhalb diverser wissenschaftlicher Disziplinen lassen erahnen, dass eine allgemein gültige Definition nur schwer möglich ist. Bereits eine sprachwissenschaftliche Untersuchung des Begriffs auf etymologischer Ebene führt zu einer sehr offen gehaltenen, infiniten Beschreibung dessen, was unter dem Begriff Streitgespräch verstanden werden kann. Dem Grimm‘schen Wörterbuch zufolge handelt es sich dabei um eine „Auseinandersetzung in der Wechselrede, Debatte, Disputation.“1 Gleich- zeitig belegt Apeltauer anhand dieser Darlegung, dass Überschneidungen hinsichtlich der Be- deutung von Konflikt und Streitgespräch bestehen2 und grenzt daraufhin diese Begriffe von- einander ab, indem er Letzteren als eine spezifische Konfliktform beschreibt. Er führt die De- finition auf, es handle sich um „eine verbale Konfliktform, die sich durch hohe emotionale Beteiligung beider Partner auszeichnet und primär auf der Beziehungsebene abläuft.“3 Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt im Rahmen seiner Untersuchungen Schwitalla, der je- doch darüber hinaus ein weiteres Kriterium zur Charakterisierung eines Streitgesprächs hinzu- fügt. Demnach zeichnet sich dieser Gesprächstyp durch „eine bestimmte negative, verletzende Behandlung des Selbstwertgefühls des anderen, des Image“4 aus. Zur näheren Klassifikation verschiedener Typen des Streitgesprächs zieht er die umstrittenen Gesprächsgegenstände her- an und stellt anhand derer drei Kategorien auf, zu denen der Beziehungskonflikt, die kon- fliktäre Verhandlungen, sowie der Disput zählen.5

Aufgrund der verschiedenen situativen Kontexte, in die ein Streitgespräch eingebettet ist so- wie der differierenden Motivationen und Ziele, welche die Akteure in einem Streitgespräch verfolgen, können wesentliche Unterschiede in den jeweiligen Verläufen verzeichnet werden. Betrachtet man das Streitgespräch als eine Sequenz von Sprechhandlungen, können trotz die- ser Differenzen Interaktionsmuster erfasst werden, die diesen Gesprächstyp prägen. Hierbei ist es jedoch von Bedeutung, diese nicht als feste Strukturen zu verstehen, sondern als dyna- mische Einheiten, die sich im Verlauf des Gesprächs wiederholen bzw. auf unterschiedliche Weise abwechseln können. Apeltauer weist dem Streitgespräch entsprechend folgende Struk- tureinheiten zu: Einleitungsphase, Eskalationsphase, Verzögerungsphase, Höhepunktsphase und Schlussphase. Während in der Einleitungsphase zunächst eine konfliktträchtige Situation geschaffen wird, aus der infolge bestimmter Reaktions- und Fortsetzungshandlungen die Es- kalation des Gesprächs hervorgeht, erfolgt in der Eskalationsphase eine „Änderung des Inter- aktions- und Kommunikationsmodus.“6 Dies erfolgt in einem spezifischen Maße, sodass eine „Steigerung oder Intensivierung der Auseinandersetzung“7 erfolgt und in Form eines Stufen- models fortgeführt wird. Höhepunktsphasen schließen sich den Eskalationsphasen an und sind zum einen davon gekennzeichnet, dass die Emotionen der Beteiligten einen besonders hohen Stärkegrad erreichen. Obwohl Apeltauer dies nicht derart explizit beschreibt, kann dieses Cha- rakteristikum aus den dargelegten Beispielen erschlossen werden. Entsprechend zeigen die angeführten Beispiele eine Steigerung der Emotionen, die durch Provokation und Drohung ausgelöst wird. Abschlussphasen lassen sich an ihrer Position in der Gesprächssequenz fest- machen, da sie in der Regel dem Höhepunkt eines Streitgesprächs folgen und entweder die Beendigung oder den schrittweisen Abbau der Auseinandersetzung darstellen. Ist Letzteres der Fall so spricht man von Deeskalationsphasen.8

3. Deeskalationsstrategien

Mit Deeskalationsstrategien werden Vorgehensweisen beschrieben, die Sprecher im Rahmen eines Streitgesprächs mit der Absicht einschlagen, eine bevorstehende Eskalation abzuwenden oder „die auf dem Höhepunkt erreichte Intensität der Auseinandersetzung wieder abzubau- en.“9 Die Erfassung sowie Klassifikation von Strategien, die zur Deeskalation angewendet werden, erweist sich nicht als so einfach, da diese nicht auf „ein und derselben Ebene einer Merkmalsdimension“10 vorzufinden sind. Infolge dessen ist es erforderlich, diese Ebenen schrittweise zu betrachten und innerhalb derer eine Klassifikation von Realisierungsformen vorzunehmen. Schwitalla stellt vier Ebenen auf, innerhalb derer konfliktreduzierende Mittel erarbeitet werden können. Er betrachtet diese Mittel im Hinblick darauf wie der Sprecher et- was sagt, was dieser sagt, welche Handlung er beim Sprechen vornimmt und wie der Spre- cher das Gesagte meint, sodass sich die Darlegung und Kategorisierung bestehender Deeska- lationsstrategien leichter und nachvollziehbarer gestalten. Diesbezüglich darf jedoch nicht angenommen werden, die im Folgenden aufgeführten sprachlichen Mittel besäßen an für sich das Merkmal konfliktreduzierend zu wirken. Lediglich in einem spezifischen Kontext sowie durch die Absicht des Sprechers entfalten diese eine deeskalierende Wirkung. Aufgrund des- sen erfolgt bei Schwitalla die Festlegung eines Streitmoments als konfliktreduzierend nicht anhand von Bestimmungskriterien, sondern beruht auf dem persönlichen Einschätzungsver- mögens.11

3.1. Die paraverbale Ebene

Ein auf den ersten Blick nicht direkt als Strategie erkennbares Mittel zur Konfliktreduzierung stellt das leise und besonnene Sprechen dar. In diesem Sinne erläutert Schwitalla, eine Ände- rung der Intonation zur entsprechenden Tonlage könne die starken negativen Emotionen ab- schwächen und eine Beruhigung des Gesprächspartners bewirken. Müller weist im Rahmen ihrer Untersuchungen zur persuasiven Funktion und Wirkung der Prosodie der Stimme eben- falls eine wichtige Bedeutung zu und teilt Schwitallas Annahme, indem sie umgekehrt erläu- tert, „je lauter die Kommunikation [sei], desto unaufrichtiger [wirke] der Sender, bzw. desto zweifelhafter [wirke] die Botschaft.“12 Müller bezieht sich hierbei auf die Studien von Page und Balloun, wonach eine erhöhte Lautstärke in attribuierter Aggressivität resultiert und um- gekehrt Letztere durch eine verringerte Lautstärke verringert werden kann.13

Darüber hinaus schreibt Schwitalla der kindlichen Sprechweise einen konfliktreduzierenden Charakter zu, dessen Entfaltung (im Rahmen des analysierten Korpus) an einen bestimmten Gesprächskontext gebunden ist - das lockere Gespräch unter Jugendlichen. Es handelt sich nach Schwitalla um eine „gruppenspezifische Bedeutung von intonatorisch markierten Sprechweisen für die Konfliktreduzierung.“14 Demnach bietet diese Sprechweise den Jugend- lichen die Möglichkeit sich hinsichtlich eines Themas zu äußern, ohne mögliche Aggressio- nen des Gesprächspartners herbeizuführen oder zu verstärken, da der kindlich gestalteten Äu- ßerung eine spezifische Bedeutung bzw. ein spezifisches Attribut genommen wird: die Ernst- haftigkeit.15

3.2. Die Ebene der Wortwahl und der Themenwechsel

Kritik, die an den Gesprächspartner gerichtet wird sowie Beleidigungen oder auch Zweifel am Wahrheitsgehalt des Gesagten stellen eine Bedrohung des Image dar und können bei dem Ge- genüber eine abwehrende oder gar aggressive Haltung hervorrufen. Werden jedoch konnotati- ve Synonyme zur Kritikäußerung herangezogen, wird diese dadurch abgeschwächt und ein möglicher Konflikt verhindert oder eine bestehende Konfliktsituation „ entschärft “. Weiterhin deutet Schwitalla den Stilwechsel innerhalb eines Streitgesprächs als strategisches Mittel der Deeskalation und verdeutlicht dies anhand einer Gesprächssequenz mit dem Mieter und Ver- mieter als Kommunikationspartner. Entsprechend wird in einer „offiziellen Verhandlung zwi- schen Geschäftspartnern“16 auf einer „unteren Stilebene der Alltagssprache kommuniziert“,17 um konfliktreduzierend zu agieren.18

Diese Darlegung teilt ebenso Selting, die dem Stilwechsel die Wirkung zuweist, die Distanz zu den Gesprächspartnern zu reduzieren und diesen weiterhin als „Mittel zu Sicherung der […] Kooperationsbereitschaft der Hörer“19 deutet. Selting erklärt, die Verwendung der Umgangs- sprache in formelleren Kontexten, wie dem Vermieter-Mieter-Gespräch verweise „aufgrund des Wissens der Gesellschaftsmitglieder über seine Angemessenheit […] in informellen Kon- texten auf eine mögliche intendierte Situationsdefinition: die öffentliche Situation wird als eher informell definiert.“20 Es erfolgt der Versuch die Beziehung auf eine private und somit auch vertraute Ebene zu heben, dem die Absicht das Verhältnis zum Gesprächspartner zu ver- bessern zugrunde liegt.21

Neben der Wahl entsprechender konnotativer Synonyme oder eines bestimmten konfliktredu- zierenden Sprechstils kann über die gezielte Wahl der Gesprächsthematik respektive den Wechsel der Thematik auf die weitere Entwicklung der Konfliktsituation Einfluss genommen werden. Durch das Auslassen eines konfliktträchtigen Gesprächsgegenstandes sowie der da- mit einhergehende Verlagerung der Aufmerksamkeit auf weniger konfliktgeladene Aspekte kann das Gespräch in eine gewünschte Richtung gelenkt und somit eine Eskalation umgangen werden.22

3.3. Die Ebene der Sprechakte

Bei der Erfassung möglicher Deeskalationsstrategien ist es weiterhin von Bedeutung den Teil des Sprechaktes näher zu betrachten, der die Intention des Sprechers beinhaltet, da auf dieser Ebene eine enorme Vielfalt von Strategien verzeichnet werden können, die zur Konfliktredu- zierung eingesetzt werden. In diesem Zusammenhang verweist Schwitalla auf folgende Sprechakte:23

Streitgespräche beinhalten häufig Gesprächssequenzen, die aus Vorwürfen und Abstreitungen bestehen, deren stete Wiederholung zur Eskalation führen kann. In diesem Kontext können Eingeständnisse deeskalierend wirken oder sogar das Streitgespräch zum Abschluss bringen. Hierbei handelt es sich um Sprechakte, mit denen der Sprecher die Vorwürfe in einem gewissen Rahmen als gerechtfertigt annimmt, jedoch gleichzeitig die eigenen Vorwürfe gegen den anderen aufrecht hält. Ähnlich verhält es sich mit Entschuldigungen, die sich häufig einem Eingeständnis des Sprechers anschließen. Dabei beabsichtigt der Sprecher zwar den Vorwurf als berechtigt anzuerkennen, übernimmt jedoch nicht vollständig die Verantwortung, indem er Gründe für sein fehlerhaftes Verhalten aufführt.24

Im Gegensatz zu den Entschuldigungen erkennt der Sprecher durch das Anführen von Selbst- vorwürfen die volle Verantwortung für seine Fehlleistung an und kann darüber die eine Dees- kalation der Konfliktsituation bewirken. Holly führt diesen Gedanken detaillierter fort indem er erläutert, dass in Situationen, in denen eine Imageverletzung des Gesprächspartners ver- schuldet wird, die „Demontage des eigenen Images“25 mit Selbstvorwürfen bewirkt, dass der Gegenüber sein eigenes Image darüber wieder herrichten kann. Dieser Sprechhandlung weist Holly als auch in Anlehnung an der dessen Ausführungen ebenfalls Schwitalla deeskalierende Wirkung zu.26

Weiterhin merkt Schwitalla an, dass die Erinnerung an alte konfliktfreie Zeiten - im Besonde- ren charakteristisch für Beziehungskonflikte - ebenfalls konfliktreduzierendes Potential be- sitzt. Dieser Vorgehensweise liegt die Absicht zugrunde, auf Basis der früheren Beziehung die bestehenden Beziehungsstrukturen zu überarbeiten und eine neue Beziehung aufzubauen.27 Wie bereits angemerkt stellt die gegenüber dem Gesprächspartner geäußerte Kritik eine Be- drohung dessen Images dar, woraufhin eine versteckte Äußerung ihren bedrohlichen Charak- ter verliert und dementsprechend deeskalierend wirken dürfte. Realisieren lässt sich diese konfliktreduzierende Sprechhandlung durch die „ Entfernung “ des eigentlichen Adressaten aus der Formulierung indem die Kritik an einen Pseudoadressaten gerichtet oder einem anderen zugewiesen wird.28

Des Weiteren wirkt an den Gesprächspartner gerichtetes Lob, sowie die Anerkennen des Partners deeskalierend, da in Folge dessen die negativen und kritisierenden Sprechakte sozusagen von den positiven Sprechakten ausgeglichen werden.

Ähnlich verhält es sich mit Konsensäußerungen. Mit Hilfe dieser Sprechakte wird ebenfalls ein Ausgleich der negativen Sprechakte vorgenommen, der hingegen durch die Einigung der Gesprächspartner über bestimmte Sachverhalte realisiert wird. Eine weitere positive sowie gleichzeitig auch besonders relevante Wirkung ist, dass auf diese Weise Standpunkte geklärt und die Gesprächspartner darüber unterwiesen werden, wie der Gegenüber bestimmte Sach- verhalte versteht und deutet.29

Eine besonders für konfliktäre Verhandlungen charakteristische Deeskalationsstrategie ist die Äußerung von Kompromissangeboten, die wiederum eine gegenseitige, auf freiwilliger Basis beruhende Übereinkunft beschreiben, bei der ein beiderseitiger Verzicht auf einzelne Aspekte der gestellten Forderungen erfolgt. Unter gemeinsam festgelegten Bedingungen findet ein Ausgleich der Interessen oder Erwartungen statt - „Angebote haben [demnach] handlungslo- gisch eine konditionale Struktur.“30 Eine Untersuchung dieser Strategie bedarf nach Schwital- la jedoch die genauere Betrachtung sowie Unterscheidung der Formulierungsweisen. Denn ein Kompromissangebot, das mit dem Adverb >meinetwegen< eingeleitet wird, drückt gleich- zeitig eine nachgebende sowie erlaubende Haltung des Sprechers aus. Andererseits werden Kompromisse häufig unter der Verwendung von Modalverben wie müssen, können, sollen etc. geäußert, wodurch eine metakommunikative Qualifizierung der Art der Konfliktlösung erfolgt. Je nach Modalverb differiert auch die Wirkung beim Gesprächspartner. So weist das Wort >müssen< einen verpflichtenden Charakter auf, der bei dem Wort >sollen< nicht derma- ßen stark ausgeprägt ist.31

Ein weiteres sprachliches Mittel der Konfliktreduzierung, welches auf der Ebene der Sprechakte betrachtete werden soll, stellt die Relevanzabstufung dar. Dabei wird die Bedeutung des konfliktauslösenden Problems der Bedeutung der Beziehung untergeordnet. Man einigt sich darauf, dass die Beziehung der Gesprächspartner wichtiger sei als die Auseinandersetzung, sodass Letztere es nicht „wert“ sei fortgeführt zu werden.

3.4. Metakommunikation über Äußerungen

Streitende besitzen innerhalb des Streitgesprächs die Möglichkeit, bereits vergangene Sprech- akte zu entschärfen indem sie der eigenen Äußerung nachträglich eine weniger konfliktträch- tige Definition zuweisen. Dementsprechend kann die Interpretation eines Sprechaktes als Vorwurf zurückgewiesen und auf metakommunikativer Ebene als bloße Erklärung abge- schwächt werden. Jedoch lässt sich nicht nur der Sprechakt selbst hinsichtlich dessen Deutung nachträglich zu Gunsten der Deeskalation metakommunikativ verändern, sondern auch die Geltungsweise des entsprechenden Sprechaktes. Durch die Erklärung vergangener Sprech- handlungen als Scherze oder ironische Bemerkungen wird diesen der Charakter zuverlässiger Sprechakte genommen, welches entsprechende Konsequenzen für die Reaktion und den Um- gang mit dieser Äußerung mit sich zieht. Ein nachträglich als Scherz erklärter Vorwurf kann vonseiten des Beschuldigten nicht mit derselben Betroffenheit und demselben Ärger aufge- fasst werden - seine Reaktion muss dementsprechend an die veränderte Geltungsweise des Sprechaktes angepasst werden.32

Goffman greift in seinen Untersuchungen zu den Techniken der Imagepflege diesen Kommu- nikationsaspekt auf und deutet die Änderung der Definition vergangener Sprechakte als Sprachhandlung, mit der ein Ausgleich einer anerkannten Bedrohung des Images erzielt und letztendlich eine Deeskalation des Streitsituation bewirkt werden kann. Entsprechend erklärt dieser, eine Variante der entsprechenden Ausgleichshandlungen sei es, „zu beweisen [zu] su- chen, dass das, was zugegebenermaßen als bedrohliche Äußerung erschien, in Wirklichkeit ein bedeutungsloses Ereignis, eine unbeabsichtigte Handlung, ein Scherz [ist], der nicht ernst gemeint war.“33

3.5. Änderung der Geltungsweise

Eine überwiegend in Beziehungskonflikte anzutreffende Strategie zur Deeskalation von Streitsituationen ist der Stil- und Moduswechsel, wie etwa die Änderung „einer ernsten Re- deweise [zur] spaßigen oder witzigen, […] ironischen, übertriebenen oder sonstigen“34 Sprechweise. Diese Änderung zu einer ironischen Äußerung, so Schwitalla, hat zur Folge, dass sich in gewisser Weise der Kontext, in dem das Gespräch eingebettet ist ändert, sodass auch weitere Reaktionen des Gesprächspartners diesen veränderten Bedingungen angepasst werden müssen - eine ernste Reaktion fällt häufig weg, da die Regeln der alltäglichen Ver- lässlichkeit aufgehoben werden; hingegen kann gemeinsames Lachen deeskalierend wirken.35 Im Rahmen seiner Untersuchungen zu ironischen Äußerungen in privaten Scherzkommunika- tionen kommt Hartung zu einem vergleichbaren Ergebnis und schlussfolgert, „der Ausdruck von Bewertungen auf indirekte und oft scherzhafte Weise mach[e] Ironie auch zum Mittel für soziale Aushandlungsprozesse innerhalb einer Gruppe.“ Für die Bearbeitung von Spannungen „biet[e] [die] Scherzkommunikation mit ihrer Herabsetzung der Ernsthaftigkeit und ihrem Effekt der Erheiterung eine Möglichkeit.“36 Weiterhin erläutert Hartung, dass ein Gespräch auf ironischer Ebene den Gesprächspartnern durch seine Doppelbödigkeit die Möglichkeit bietet „die Äußerung als "so nicht gemeint" zurückzuziehen oder - begünstigt durch die Ein- bettung in einen spielerischen Ko-Text - als nicht ernst gemeint zu entschärfen.“37 Auf diese Weise bewahren beide Beteiligt ihr Gesicht, konnten jedoch die divergierenden Standpunkte indirekt vorbringen. Des Weiteren kann eine ironische Bemerkung nicht mit dergleichen Ernsthaftigkeit aufgefasst werden, wie derselbe Kommentar ohne den ironischen Charakter. „Schließlich kann die humoristische Wirkung von Ironie die kontroverse Situation entspannen und die Emotionen von Verärgerung und Aggression hin zu Erheiterung lenken.“38

Wie bereits zu Beginn angemerkt, zieht dieser Wechsel häufig ein gemeinsames Lachen der Streitenden nach sich, wodurch diesen gezeigt wird, dass über die konfliktäre Problematik hinaus eine positive Basis vorhanden ist.39

3.6. Einbezug Dritter

Zuletzt gilt es ein konfliktreduzierendes Mittel aufzuführen, dessen Relevanz, sowie Anwendungsgebiet in den vergangenen Jahren enorm gestiegen ist: Der Einbezug einer dritten Person zur Vermittlung innerhalb eines Streitgesprächs. Diese kann durch die Moderation des Gesprächs zur Entspannung der Situation führen und wird darüber hinaus häufig angewendet, um Streitende bei der Lösungsfindung zu unterstützen40

Konfliktbearbeitung in Schlichtungsgesprächen sowie dessen Hintergründe und mögliche Probleme werden ausführlich von Nothdurft untersucht und diskutiert,41 während im Rahmen dieser Ausarbeitung lediglich die schulische Interpretation und Umsetzung der Mediation dargelegt wird. Begründen lässt sich diese Entscheidung im Hinblick Fragestellung der vorliegenden Arbeit, die eine Untersuchung der schulischen Streitschlichtung hinsichtlich der ermittelten Deeskalationsstrategien beinhaltet.

[...]


1 http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid=GS51986 [02.01.2013].

2 Apeltauer folgert aus den Beiträgen des Grimm’schen Wörterbuchs, dass „sich die Bedeutungskomponenten von Streit und Konflikt“ überschneiden. (Apeltauer[1977], S. 23).

3 Apeltauer (1977), S. 36.

4 Schwitalla (1987), S. 107.

5 Vgl. Schwitalla (1987), S. 107 f.

6 Apeltauer (1977), S. 76.

7 Ebd.

8 Vgl. Apeltauer (1977), S. 76 ff., S. 320, S. 334.

9 Apeltauer (1977), S. 334.

10 Schwitalla (1987), S. 117.

11 Vgl. Schwitalla (1987), S. 117f.

12 Müller (1999), S. 56.

13 Vgl. Müller (1999), S.56 f.

14 Schwitalla (1987), S. 120.

15 Vgl. Schwitalla (1987), S. 120ff.

16 Schwitalla (1987), S. 223.

17 Ebd.

18 Vgl. Schwitalla (1987), S. 122 ff.

19 Selting (1983), S. 45.

20 Selting (1983), S. 30.

21 Vgl. Seltung (1987), S. 45, S. 30.

22 Vgl. Ebd., S. 142.

23 Vgl. Ebd., S. 126.

24 Vgl. Ebd., S. 126 - 132.

25 Holly (1979), S.130.

26 Vgl. Holly (1979), S. 130 f.

27 Vgl. Schwitalla (1987), S. 133f.

28 Vgl. Schwitalla (1987), S. 136f.

29 Vgl. Ebd., S. 136ff.

30 Schwitalle (1987), S. 141.

31 Vgl. Ebd., S. 140f.

32 Vgl. Schwitalla (1987), S. 145f.

33 Goffman (1986), S. 26.

34 Schwitalla (1987), S. 148.

35 Vgl. Schwitalla (1987), S. 148, S. 151.

36 Hartung (2006), S. 119.

37 Ebd., S. 119 f.

38 Vgl. Ebd., S. 120.

39 Vgl. Schwitalla (1987), S. 151.

40 Vgl. Schwitalla [1987), S. 151f.

41 Zu Schlichtungsgespräche siehe Nothdurft (1995): Streit schlichten., (1997): Konfliktstoff., (1997): Schlichtungsgespräche.

Details

Seiten
26
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656514350
ISBN (Buch)
9783656513971
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v262716
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,3
Schlagworte
deeskalationsstrategien beschreibung diskussion anwendung streitschlichtungsprogramm schulen

Autor

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