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Waltzing Matilda. Die Gemeinsamkeiten von australischen Klängen, deutschen Schlitzohren und Erasmusstudenten

Eine Wanderschaft.

Essay 2010 5 Seiten

Medien / Kommunikation - Interkulturelle Kommunikation

Leseprobe

„Perfekte und verhandlungssichere Englischkenntnisse sowie Auslandserfahrung setzen wir voraus.“„Trotz Flugzeug, Auto und D-Zug ist heute die Jugend zur Seßhaftigkeit gezwungen.“

Sollte man diese beiden Aussagen einer gesellschaftlichen Epoche zuordnen, so erscheint die Antwort zunächst einfach. Das zweite Zitat lässt sich – nicht ohne ein gewisses Kopfschütteln aus heutiger Perspektive – zurück ins 20. Jahrhundert verbannen. Die erste Aussage entstammt wohl angesichts der zunehmenden Selbstverständlichkeit, den Lebenslauf mit Auslandsaufenthalten zu dekorieren, einem heute üblichen Jobprofil. So erwarten immer mehr Arbeitgeber von Studienabsolventen und potenziellen neuen Mitarbeitern Auslandserfahrungen, verbunden mit Flexibilität und Bereitschaft zur Mobilität. Ob als Au-pair in Frankreich, mit Erasmus in Rotterdam, in der High School in Boston oder als kiwipflückender Backpacker in Neuseeland: Den eigenen kulturellen Horizont nebst Sprachkenntnissen zu erweitern und dabei die ganze Persönlichkeit gleich mit, erscheint heute wichtiger denn je. Erleichterte Reisemöglichkeiten und die omnipräsenten Globalisierungsprozesse liegen als Gründe hierfür auf der Hand. Genau genommen garnieren die Stationen im Ausland einen CV nicht mehr nur, sondern scheinen Voraussetzung für nahezu jede erfolgreiche Karriere zu sein. In diesem Zuge sind Interkulturelle Kommunikation und Interkulturelles Management zu unvermeidlichen Schlag- und Modewörtern und nicht zuletzt zu Studienfächern geworden. Die Elterngeneration winkt ihren Söhnen und Töchtern halb neid-, halb sorgenvoll nach, wenn sie sie erstmals oder aufs Neue ins Flugzeug zur nächsten Auslandserfahrungssammelstation setzt. Die Entsandten selbst schwanken wohl nicht selten zwischen der Freude über das Potpourri an Möglichkeiten und dem Druck, diese bitte auch gewinnbringend zu nutzen.

Soweit die Skizze der Gegenwart. Aber sind heutige Reiselust und Reisemuss wirklich ein Phänomen unserer sogenannten globalisierten Zeit? Oder ist hier vielmehr eine zyklische gesellschaftliche Erscheinung umso offenkundiger wiedergekehrt, sind Neugier und Fernweh nicht seit jeher dem Menschen eigen? Sicher, weite Reisen sind heute weitaus erschwinglicher für die breite Bevölkerung und nicht zuletzt auch wesentlich komfortabler und schneller als noch vor zwanzig oder gar mehreren hundert Jahren. Aufenthaltsorte ohne Grenzen bieten inzwischen alle Kontinente, unsere Schulen und Universitäten unterhalten Partnerschaften in die ganze Welt. Netzwerke versehen wir heute gern mit den Attributen strategisch, sozial oder in Zeiten des Web 2.0 gar virtuell. Ein Blick ins späte Mittelalter zeigt uns jedoch, dass die Bedeutung des Business Networking im Grunde genommen ein alter Hut ist. Da sind zum einen die handwerklichen Zünfte, die untereinander Netzwerke für die gegenseitige Ausbildung ihrer Gesellen unterhielten. Zum anderen stoßen wir dort auf die „Hochschulen des Handwerks“. Als eine Art Hochschulstudium in der „freien Schule des Lebens“ wurden sie nämlich stolz bezeichnet: die Wanderjahre der Handwerksgesellen, auch als Walz oder Tippelei bekannt. Was hat es auf sich mit dieser Tradition, die bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht und sich wie ein roter Faden durch die Kultur von Jahrhunderten bis in unsere Gegenwart zieht?

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Details

Seiten
5
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656510468
ISBN (Buch)
9783656510772
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v262680
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Interkulturelle Wirtschaftskommunikation
Note
1,0
Schlagworte
Wanderschaft Gesellenwanderung Walz Interkulturalität interkulturell Reise Tippelei Wanderjahre Handwerk interkulturelle Kommunikation Kultur Horizonterweiterung Schlitzohr Schächte Zünfte Zunft

Autor

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Titel: Waltzing Matilda. Die Gemeinsamkeiten von australischen Klängen, deutschen Schlitzohren und Erasmusstudenten