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Die Licht- und Schattenseiten virtueller Existenz.

Von der Erhellung der »Existenz« in Karl Jaspers Philosophie bis zu ihrer Verdunklung durch die Verschiebung des Lebensmittelpunktes in die virtuelle Welt als gängige »Identitätskonstruktion«.

Essay 2012 16 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Jeder ist der, dem er nicht entrinnen kann.

Eine Sache in der Welt ist unausweichlich, ich kann mich noch so sehr dagegen sträuben, ich zu sein, aber als dieses Ich komme ich auf die Welt und als dieses Ich verlasse ich sie auch wieder – die Zeit dazwischen, in der ich mich verzweifelt darum bemühe, weniger ich oder ein anderes ich zu sein, bin ich nicht weniger ich, auch wenn in mir der Irrglaube wächst, ich könnte an meinem Ich etwas ändern.[1]

Die Philosophie beschäftigt sich seit jeher mit den Begriffen »Existenz«, »Identität« und »Ich«, aber in Zeiten des Internets, in denen wir ein virtuelles Ich erzeugen, das danach strebt, die Grenzen des eigenen Ichs zu sprengen und auszubrechen aus unserer Existenz, in der Bestrebung auch losgelöst von unserem Körper im virtuellen Raum zu überleben, ohne jegliche Koppelung an unsere Existenz, da bedarf es zweifelsohne einer neuen Art von philosophischer Betrachtung, die sich von der Tradition solcher Begriffe wie »Existenz«, »Identität« und »Ich« innerhalb der Philosophie zunächst einmal abkoppeln muss, um Platz für neue Betrachtungsweisen zu schaffen, die u.U. ein neues Licht auf unsere Existenz und unsere Identität werfen, durch die wir unser Ich und unsere Welt konstituieren.

Die Wahrnehmung bezüglich der eigenen Existenz bzw. Identität hat sich durch die Erfindung des Internets und den virtuellen Raum als Parallelwelt zur Realität im 21.Jahrhundert so sehr gewandelt, dass manche Menschen eine virtuelle Existenz der eigenen Existenz vorziehen. Wir scheinen also in einer Zeit zu leben, in der die eigene Existenz und Identität nicht mehr als ausreichend empfunden wird bzw. wir uns so unzureichend finden, dass wir eine virtuelle Existenz (bzw. Identität) von uns kreieren, die nichts mehr mit unserer eigentlichen Identität gemein hat. Wir verschieben unser Ich von einem Ich-Zustand in einen Ideal-Ich-Zustand, da wir glauben, wir könnten unser Ich von uns abkoppeln und identitätslos im virtuellen Raum surfen, bis wir uns dort eine virtuelle Existenz aufgebaut haben, die unserer Vorstellung von einem Ideal-Ich entspricht oder zumindest dieser Auffassung eines So-sein-zu-müssen so nahekommt, dass unser Ich-Zustand in der realen Welt im Offline dadurch erträglicher wird.

Karl Jaspers Philosophie fungiert in diesem essayistischen Versuch einer Gegenüberstellung als Referenzpunkt des 20.Jahrhunderts und als Beispiel einer traditionellen Existenzphilosophie, während auf der anderen Seite die Verschiebung des Lebensmittelpunktes in die virtuelle Welt als gängige »Identitätskonstruktion« im Internet die Position des 21.Jahrhunderts widerspiegeln soll.

Jaspers, der in seinem zweiten Band der Philosophie sich laut Titel mit der Existenzerhellung beschäftigt hat, erhellt in gewisser Weise durch seine Erörterung des Begriffes »Existenz« unser Verständnis von »Existenz«, »Identität« und »Ich« innerhalb der traditionellen Philosophie, während das Internet zur Verdunkelung dieser Philosophie beiträgt, indem es die Menschen glauben lässt, sie könnten sich mit Hilfe der virtuellen Welt und durch eine neue Identität im Online von ihrer Identität im Offline abkoppeln bzw. dieses Offline -Ich durch die Konstruktion eines Online -Ichs aufwerten und/oder sogar vollständig ersetzen.

Jaspers Existenzphilosophie ist, wie auch die Existenzphilosophie von Kierkegaard und Heidegger, als Gegenströmung zum deutschen Idealismus zu verstehen, als Protest gegen eine in sich gültige Vernunft. Die Thematik des Todes tritt dabei immer mehr in den Vordergrund, durch die die Frage nach der Existenz des Menschen in fundamentaler Weise aufgeworfen wird, weil der eigene Tod in der Existenzphilosophie nicht als etwas Allgemeines gilt, das jedem Lebewesen droht, sondern das Persönlichste ist, was einem Menschen passieren kann. Aus dieser Bewusstwerdung der eigenen Endlichkeit wird das Ich und die eigene Identität in einer Weise zugänglich, so dass die Bestrebungen, eine Allgemeingültigkeit zu erreichen, die dem Menschen bisweilen unzugänglich geblieben ist, zugunsten individueller Erkenntnisse über die eigene Existenz und das eigene Sein zurückgestellt werden – denn rational gesehen ist die Existenz des Menschen nicht denkend zu begründen. Die Wendung vom allgemeinen zum Einzelmenschen ist ein wichtiger Schritt in der Existenzphilosophie, diese Unableitbarkeit des Menschen im Allgemeinen durch die Zugänglichkeit im eigenen Sein zu umgehen. Philosophieren wird zur realen Selbsterfahrung und innerhalb der Existenzphilosophie zu philosophieren, heißt existieren, denn als Einzelmensch trifft man unterschiedliche Entscheidungen und meist eine Wahl, die uns von anderen Menschen abgrenzt und eben zu jenem Einzelmenschen macht, der in der Existenzphilosophie im Mittelpunkt steht. Eine vernünftige oder für die Allgemeinheit gültige Lebensweise ist demnach Utopie, da die jeweilige Existenz mit der individuellen Aufgabe belastet ist, das Leben selbst zu gestalten, quasi als Lebensentwurf eine individuelle Daseinsberechtigung aus dem eigenen Selbst zu kreieren, die weder mit der Vorstellung des eigenen Ich in unserem Inneren noch mit der vorhandenen (Um-)Welt, in der das eigene Selbst verwurzelt ist, im Konflikt stehen darf. Eine vernünftige und allgemeingültige Lebensformel für eine Gesellschaft bzw. gar für alle Menschen wirft dagegen die Problematik auf, dass eben jene einzelnen Existenzen, die das Bedürfnis entwickelt haben, ihr Leben selbst zu gestalten, sich von einem allgemeingültigen und idealistischen Lebensplan für ihre eigene Existenz in ihrem Recht beschnitten sehen, ihr Selbst innerhalb der vom Menschen konstituierten Welt zu verwirklichen, ohne gleich von rationalen Idealisten in ein Utopia verfrachtet zu werden, weil diese glauben, die ganze Menschheit könne glücklich und zufrieden miteinander leben, ohne dass es individuelle Ausbruchsversuche gibt.

In der Existenzphilosophie steht die Frage nach dem Sein im Mittelpunkt, auch wenn das Sein als solches ein unlösbares Rätsel aufgibt, beschäftigt sich die Existenzphilosophie vor allem mit dem Sein, das sich an unserem eigenen Sein zeigt – aber selbst an der Untersuchung unseres eigenen Seins wird deutlich, dass es kein einheitliches Sein gibt und es vielmehr um den Zusammenhang zwischen der Frage nach dem Sein und der Bestimmung der Existenz geht. In seinem zweiten Band der Philosophie Existenzerhellung beginnt Jaspers deshalb mit einer Unterscheidung von (Da-)Sein und Existenz: „Nicht mein Dasein also ist Existenz, sondern der Mensch ist im Dasein mögliche Existenz“.[2]

Wir glauben also oft fälschlicherweise, unser Dasein sei gleichbedeutend mit Existenz, aber Jaspers stellt gleich zu Beginn seiner Ausführungen klar, dass der Mensch durch sein Dasein nur eine mögliche Existenz entwickeln kann. Unser „Dasein als Sein lebt und stirbt; Existenz weiß keinen Tod, sondern steht zu ihrem Sein im Aufschwung oder Abfall. Dasein ist empirisch da, Existenz nur als Freiheit“ (S. 2). Unser Leben erscheint uns als ein Dasein, diese Erscheinung steht dem gesamten Weltsein gegenüber. Mein Sein wird mir jedoch selbst nur als Existenz begreiflich, wenn ich mir nicht selbst Objekt werde und frei bleibe. Das eigene Ich ist zwar das Sein, das sich selbst erfasst, aber ich bin kein Objekt meines Selbst, das ich beliebig untersuchen kann. Mein Selbst oder das Bild, das ich von mir habe, setzt sich aus der Zeitspanne zwischen Geburt und Tod zusammen. Ich verstehe mich zugleich als meine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die zusammengefügt als Ganzes mein Selbst bzw. mein Ich konstituieren. Meine Vergangenheit beginnt mit meiner Geburt und meine Zukunft endet mit meinem Tod, die Zeitspanne dazwischen ist ein einzelner Tag, den ich als meine Gegenwart wahrnehme, der aber im Gestern zu meiner Vergangenheit und im Morgen zu meiner Zukunft wird. „Meine Vergangenheit wird [also] mein Spiegel; ich bin, was ich war“, aber „würde ich mich identifizieren mit dem Bilde, das ich von meiner Vergangenheit habe, so würde ich mich verlieren. Ich würde mir meine Vergangenheit konstruieren zu einem Schema, das ich sein will; ich setze Gegenwart und Zukunft unter meine Vergangenheit als Maßstab und entwerte sie damit. Ich bin nicht, was ich werde, sondern meine zu sein, wofür ich mich als vergangen halte, so daß ich Gegenwart und Zukunft schon denke, als ob sie Vergangenheit wären“ (S. 32).

[...]


[1] Hans Kudszu, Das Denken bei sich - Aphorismen, 4. Aufl., Köln: Matto Verlag Albrecht Pfundt, 2002, S. 48, ISBN: 3936392013.

[2] Karl Jaspers, Philosophie, Bd.2 : Existenzerhellung, 3.Aufl., Berlin [u.a.] : Springer, 1956, S. 2.

Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656510079
ISBN (Buch)
9783656510246
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v262655
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Philosophisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Internet Karl Jaspers Existenzphilosophie Internetkritik Existenz Online Offline Virtualität Ich Erhellung Verdunkelung Identität Identitätskonstruktion face to face font to font Kommunikation Medien

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